Beruf, Gesellschaft, Persönliches

Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus

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Kürzlich bat ich die Schüler einer meiner Kurse um ihr „Feedback“ zu meinem Unterricht. Wir arbeiten inzwischen seit knapp einem Jahr zusammen, begegnen uns zwei- bis dreimal pro Woche und ich habe jede und jeden von ihnen schon diverse Male bewertet – ich fand, es war an der Zeit, dass meine Schülerinnen und Schüler auch ein Urteil zur Qualität meines Unterrichts abgeben würden. 

Tja, und dann erhielt ich unter anderem diese Rückmeldung:

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WOW! Grund zur Freude? Ich ertappte mich tatsächlich bei folgenden Gedanken: Na, der scheint ja leicht zufriedenzustellen sein!… „Glücklich und zufrieden“? Bisschen übertrieben, oder? Sooo besonders ist mein Unterricht nun auch wieder nicht!… 

Ist denn das zu glauben?! 

Ich mache mich selbst schlecht, obwohl ich in diesem Kurs definitiv mit Engagement und gut vorbereitet – und oft auch mit echter Freude unterrichte. Die Themen, die wir behandeln, interessieren mich und die Diskussionen und Fragen, die sich daraus unter meinen (erwachsenen) Schülerinnen und Schülern ergeben, faszinieren mich tatsächlich häufig selbst. Ich versuche außerdem, so fair und gut einschätzbar wie möglich zu sein und habe zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit viel Energie und einiges an Zeit und Nerven investiert, um das Kursklima, das anfänglich desolat war (ich habe hier schon einmal darüber geschrieben) zu verbessern. Vermutlich mache ich also tatsächlich meinen Job gut und biete meinen Schülerinnen und Schülern objektiv „guten Unterricht“. 

Warum dann diese (inneren) Stimmen? Weil ich nie – natürlich nicht – jeden und jede mit meiner Begeisterung erreiche? Weil ich auch schon mal keine Lust habe, in diesen Kurs oder zur Arbeit überhaupt zu gehen? Weil mein Unterricht manchmal passabel ist, ok, ganz in Ordnung und eben nicht jeden Tag ein Feuerwerk?!

„Klappe zu, ihr Nörgler!“

Unglaublich, dass ich diese (selbst-) abwertenden Gedanken habe und wie abwertend eigentlich auch meinem Schüler gegenüber, der etwas kann, was mir, mir selbst gegenüber, offensichtlich schwerer fällt als gedacht, nämlich: loben. Herzlich, unverblümt, einfach so.

Also „Klappe zu!“, ihr inneren Nörgler, ihr Perfektionisten, (Selbst-) Zweifler und Grantler. 

Gut ist auch, was nicht perfekt ist! Gut ist gut genug.

Kennt ihr diese nörgeligen Stimmchen? Selbstkritisch, obwohl ihr euch eigentlich der Qualität dessen, was ihr leistet, bewusst seid? Ist das jetzt leichtfertig oder selbstbewusst, dass ich hier so offen darüber schreibe?!😉 

Was ist eure Meinung zum Thema Perfektionismus? Ich freue mich über eure Kommentare! 

Liebe Grüße, Sunnybee

alleinerziehend, Gesellschaft, Kunst, Persönliches

„Echt stark!“ Ein Resümee meiner ersten eigenen Blogparade

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Ich bin beeindruckt. Gerührt (das auch). Fasziniert und stolz: was für eine Resonanz auf meine erste selbstgestartete BLOGPARADE!

Was ist echte Stärke für dich?

Für meinen Aufruf zur Blogparade habe ich die bisher mit Abstand meisten Reaktionen und Kommentare auf meiner Seite erhalten. Und eigentlich jeder „Antwortartikel“, der mich erreicht hat, ist es wert, dass ich ihn an dieser Stelle noch einmal erwähne und damit vielleicht weitere Leser/innen auf ihn aufmerksam mache. Also los!

1) Tilmans Site

Als erster Beitrag erreichte mich nach wenigen Stunden eine, für Tilman typische, Mischung aus knappem Text und ausdrucksstarkem Bild. Sehr schön: seht selbst!

2) Lydias Welt

„Lydias Welt“ als Autorin mit arabischstämmigem Hintergrund, zweifache Mutter und engagierte Bloggerin, die in ihren Texten ihr Leben mit einer starken Seheinschränkung beschreibt, ist für mich selbst beeindruckend und faszinierend. Ihr Beitrag zum Thema „Stärke“ war es auch. Hier findet ihr ihn.

3) kommunikatz

Über Lydia fand Lea zu meiner Seite und beteiligte sich an der Blogparade. Ihr Beitrag berührte mich, da sie darin in sehr persönlicher Weise eigene Schwäche(n) darstellt – und gerade darin die Möglichkeit zu echter Stärke aufzeigt. Ihren Text findet ihr hier.

4) Getrenntmitkind

Christina kenne ich, anders als die drei bisher genannten Autor/innen, persönlich: wir haben vor etwa einem halben Jahr einen Stammtisch für Getrennt- und Alleinerziehende ins Leben gerufen, über den ich auch hier im Blog schon ein paar Mal geschrieben habe. Ihre klugen und ermutigenden Worte findet ihr hier.

5) Mein schönes Leben

Anna kannte ich noch nicht, aber mir fiel sofort die herzliche Art auf, mit der sie mich in ihrem Kommentar anschrieb. In ihrem Blog gibt sie ganz handfeste Tipps für mehr (innere und äußere) Sortiertheit im Leben – kann nie schaden, finde ich! Ihren inspirierenden Blogbeitrag findet ihr hier.

6) Dresden Mutti

Nadine, zweifache Mutter und kluge, reflektierte Bloggerin aus Dresden (die es davor jahrelang ins Rheinland verschlagen hatte) beleuchtet in ihrem Text noch einmal eine andere Seite „echter Stärke“, nämlich, dass sie meist gerade dann gefordert ist, wenn sich das Leben nicht von seiner „besten Seite“ zeigt. Lest hier!

7) Das tägliche Gruseln

Ina antwortete mir wie Tilmann schon bald nach Erscheinen meines Artikels und fand sich in meinen Worten wohl direkt wieder. Ihre eigenen – inspirierenden – Worte findet ihr hier.

8) Frau Sabienes

Sabienes Text könnte man in jedem Ratgeber abdrucken. Sie beschreibt echte Stärke als Resilienz, seelische Widerstandskraft, und nennt gleich mehrere „Mantras“, die helfen können, diese zu erreichen. Ebenfalls sehr lesenswert! Ihren Artikel findet ihr hier.

9) Charlottes Adoptionsblog

Charlotte schließlich antwortete mir kurz vor Ende meiner Blogparade, was mich sehr freute, da ich ihren Blog schon seit einiger Zeit verfolge und ihre Sicht auf die Welt oft inspirierend finde. Sie beschreibt in ihrem Artikel u.a. die Stärke ihrer beiden (adoptierten) Kinder. Ihren berührenden Beitrag findet ihr hier.

10) Schutzgarten

Auch Manja entschloss sich „kurz vor Schluss“ zu einem Beitrag. Ihr Text beschreibt sensibel und facettenreich verschiedene Formen von Stärke wie z.B. die Fähigkeit bewusst zuzuhören und dabei die eigenen Grenzen gut zu wahren oder als Elternteil mit hochsensibler Wahrnehmung gut für sich zu sorgen. Lest ihren Artikel hier!

Neben diesen zehn tollen Blogbeiträgen erreichten mich mehrere Kommentare, die in ihrem Umfang und Gehalt teilweise auch Beitragsqualität hatten. Danke an Wortmann, Nora, und Hannah: Eure Worte klingen noch in mir nach!

Der Austausch soll weitergehen!

Daher möchte ich an dieser Stelle meinen Wunsch äußern, dass diese Form des anregenden und bereichernden Austauschs auf meiner Seite keine einmalige Sache bleiben möge! Also, falls ihr mögt, abonniert meinem Blog (z.B. über den „Folgen“-Button auf der Startseite), so dass ihr über weitere Artikel in Zukunft per Mail informiert werdet, beteiligt euch über die Kommentarfunktion am Austausch über meine Texte und erzählt gern weiter, wo und wie meine Seite zu finden ist!

Schwarz als Mischung vieler Farben

Beenden möchte ich diesen Artikel mit den klugen Worten meiner Leserin Hannah. Sie schrieb in ihrem Kommentar:

“Stärke heißt für mich, im Schwarzen eine Mischung vieler Farben sehen zu können“.

Ursprünglich hatte ich meinen Blog begonnen, um einen Gegenpunkt zu der Entmutigung und auch Hilflosigkeit zu setzen, die ich als frisch getrennt lebende Mutter eines kleinen Sohnes zuweilen empfand. Daraus ist inzwischen ein Projekt voller Leben und ein Ausdruck meiner eigenen inneren Stärke geworden! Mehrere Türen, auch außerhalb der Bloggerwelt, haben sich für mich dadurch bereits geöffnet. Ich bin gespannt und voll freudiger Erwartung, in welche Richtung sich mein Leben und auch mutter-und-sohn.blog weiter entwickeln wird!

Herzliche Grüße, Sunnybee

PS. Zum Weiterlesen:

NEU: Flüsterpost – Mach mit! (bis 15.12.18)

Darf ich als Mutter (eigene) Ziele haben?

Bei Netto an der Kasse: Was ich heute beim Einkauf lernte

 

 

 

 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft, Persönliches

Mit dem Kopf durch die Wand? Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht ändern kann?

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Eine Freundin von mir ist eine echte Powerfrau: „Geht nicht gibt’s nicht“, könnte ihr Lebensmotto lauten. Von ihrem äußerlich eher ruhigen und zurückhaltendem Auftreten sollte man sich nicht irreführen lassen: was sie erreichen möchte, erreicht sie (meist) auch, mit Feingefühl, Diplomatie und Beharrlichkeit. Über die Jahre hat dieser Umstand ihr Selbstbild geprägt: „Wenn ich etwas nur wirklich will, dann gelingt es mir auch“, ist ihr, grundsätzlich ja durchaus hilfreicher und positiver, Glaubenssatz. 

Was nicht passt, wird passend gemacht?

Was aber, wenn meine Freundin mit Dingen konfrontiert wird, die sie nicht ändern kann? Ich habe das kürzlich erlebt, als sie sich verliebt hatte und ihre Gefühle nicht erwidert wurden. Zwar gab sie vor, die Situation zu akzeptieren, aber ich merkte ihr an, sie konnte innerlich nicht loslassen – und zwar nicht nur aufgrund ihrer Gefühle, sondern auch, weil ein Teil in ihr einfach nicht fassen konnte, dass da „nichts zu machen“ war. Natürlich verstand sie, dass sie ihren Gegenüber nicht zu Verliebtheitsgefühlen „zwingen“ konnte, aber es fiel ihr sehr schwer, ihre Machtlosigkeit an dieser Stelle zu akzeptieren. 

Ein anderes Mal erlebte ich sie im Streit mit einer ihr nahe stehenden Person. Auch hier fiel ihr sehr schwer, die andere so sein zu lassen, wie sie nun einmal war und sich mit ihrem Verhalten zu arrangieren. „Insgeheim denke ich auch jetzt noch, dass ihr Verhalten nicht richtig ist“, gestand sie mir, „dabei ist mir schon klar, dass es einfach anders ist, als ich es mir wünsche. Das kann ich zwar verstehen, aber wirklich fühlen kann ich es nicht.“

Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht ändern kann?

Die Gespräche führen mich zu der Frage: Wie gehe ich mit Dingen um, die ich wirklich nicht ändern kann? Wie positioniere ich mich gegenüber einer Einstellung oder einem Verhalten, das mir völlig gegen den Strich geht? Wie gehe ich mit einer Erkrankung oder körperlichen oder seelischen Beeinträchtigung um? Mit dem Verlust meines Arbeitsplatzes oder eines mir nahe stehenden Menschen? 

Nimm es an“, ist leicht gesagt. Denn es ist oft extrem schwer, danach zu handeln. Etwas in mir fühlt sich ja essentiell bedroht oder in Frage gestellt durch die Situation, in der ich mich befinde. Sehr drastisch gesagt: Was ich erlebe, ist „Sch…e“ für mich – und diese „Sch…e“ soll ich auch noch annehmen? Bleibe ich bei dem Bild, wird mir nur zu deutlich, warum sich etwas in mir sträubt, das Gegebene zu akzeptieren. Kein Mensch würde wohl mit Freude entgegennehmen, was so unappetitlich, schmerzhaft und kränkend daherkommt. 

Was helfen kann: Nimm es an – aber gib es auch wieder ab. 

Vermutlich muss ich also erst einmal die Gefühle wahrnehmen, die beim Entgegennehmen dieses „Pakets“ in mir aufkommen: Abwehr, Befremden, Furcht, Trauer, Wut – sie sind da, sie sind real. Also weine ich und fluche, schimpfe und klage bei Freunden (im Gebet oder in meinem Tagebuch), schwimme zwanzig Bahnen, um den Schmerz und die Verkrampfung in meinem Körper loszuwerden. Und dabei gelingen mir drei Dinge:

Ich nehme meine Gefühle wahr

Ich akzeptiere sie als gegeben

Ich lasse sie durch mich fließen und gebe sie wieder ab.

Erst dann kann ich auch loslassen, was Auslöser genau dieser Gefühle war. Ich kann – zurück im Bild – schauen, warum mir jemand Sch…e geschenkt hat, was das Leben mir damit zeigen wollte. 

Der Sinn des unwillkommenen „Geschenks“

Meine Freundin hat klar verinnerlicht, die Kontrolle über ihr Leben zu haben und letztlich fast alles, was ihr widerfährt beeinflussen zu können. Durch die Sch…e, die sie erhält, darf sie erfahren, dass sie nicht alles kontrollieren kann. Durchlebt sie die Situation in der Weise, dass sie ihre Gefühle wahrnimmt und durch sich fließen lässt, eröffnet sich ihr die Möglichkeit, den Sinn des unwillkommenen „Geschenks“ mit ruhigerem Gemüt zu erkennen. Und was ist ihre Antwort?

Eine Situation oder das Handeln eines anderen nicht beherrschen zu können fühlt sich bedrohlich, entmutigend, irritierend oder abstoßend an. Und genau das ist der Sinn des Ganzen: Ich lerne genau damit umzugehen. 

Der Blick auf die Sch…e konfrontiert mich mit all meinen Empfindungen dabei. Und so kann ich lernen, dass ich z.B. an mir zu zweifeln beginne, wenn mir jemand von außen keine Bestätigung gibt. Oder dass ich Angst habe, einen Menschen zu verlieren, wenn er sich nicht regelmäßig bei mir meldet, dass ich vielleicht nicht daran glaube, wirklich für mich einstehen zu dürfen und mich somit bedroht fühle, wenn ein anderer mir meinen Raum streitig macht. Ich kann auch lernen, dass ich Angst davor habe, mich selbst zu genau wahrzunehmen, oder dass ich andere beeinflussen möchte, um mir meinen Wert und meine Wirksamkeit zu glauben. 

All diese unangenehmen Wahrheiten will ich vielleicht gar nicht sehen und erkennen. Es ist somit fast einfacher, gegen die Sch…e außen zu kämpfen als mein Elend innen wahrzunehmen. Entwickle ich jedoch die Bereitschaft dazu, zeigt sich mir das wirkliche Geschenk: Ich kann nicht nur aufhören, gegen das äußere Elend anzukämpfen, sondern endlich auch beginnen, mich um das zu kümmern, was wirklich wichtig ist: mein inneres Unglück, dass mich mit solcher Empörung und Abwehr, mit solchem Schmerz und Befremden auf meine äußere Situation reagieren lässt. 

Sch…e wird nicht plötzlich zu Gold

Um ein letztes Mal zum Bild der Sch…e zurückzukehren: diese wird nicht plötzlich zu Gold, wenn ich begreife, was sie innerlich in mir „anrührt“. Das Verhalten anderer oder meine Lebenssituation kann objektiv belastend oder gar bedrohlich sein. Meine innere Reflexion soll mich auch nicht daran hindern, im Äußeren Dinge zu verändern, insofern mir das möglich ist.

Kann ich an einer Situation aber tatsächlich nichts ändern, ist sie wohl das „Geschenk“, das ich nie wollte und weist mir den Weg, mich besser zu verstehen und anzunehmen, bzw. die Verletzungen in mir, auf die sie mich hinweist, zu heilen. 

Und damit habe ich die Antwort: Wie gehe ich mit Dingen um, die ich nicht ändern kann?

Ich nehme sie als Geschenk. 

Was hältst du von dieser These? Hilfreich oder zu weit hergeholt? Wie immer freue ich mich, deine Meinung zu lesen!🙂

Herzlichen Gruß, Sunnybee

alleinerziehend, Familie

Familienwerte: Was „Familie sein“ nach einer Trennung bedeutet

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Ein-Eltern-Familie, Patchwork, getrennt erziehend mit Kind: eine Trennung bringt immer auch die Notwendigkeit mit sich, neue Formen des „Familie Seins“ zu definieren und zu leben. 

Mich interessiert, wie ich überhaupt zu dem (inneren) Konzept einer Familie komme; was also ist mein ganz persönliches Idealbild des Familienlebens und wovon muss ich mich nach einer Trennung gegebenenfalls verabschieden, beziehungsweise was muss ich überdenken und neu justieren?

Was ist „Familie“ für mich? 

Familie: Ist das für mich das „klassische“ Papa-Mama-zwei Kinder-Modell, möglicherweise mit dem Vater als berufstätigem Ernährer, während die Mutter die Fürsorge für die Kinder übernimmt? Oder war es bereits in meiner Kindheit das Erleben getrennt lebender Eltern, mit neuen Partnerinnen und Partnern, „zugeheirateten“ Geschwistern und zahlreichen Großelternpaaren, die mir näher oder ferner standen? Oder aber das Zusammenleben mit „Wahlverwandten“, mit Freunden, Patenonkeln oder -tanten, Erziehern oder Lehrern, die eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung spielten?

Erlebte ich Familie als Kind als etwas „Unumstößliches“, ein in sich geschlossenes, nicht zu hinterfragendes System – oder machte ich schon damals die Erfahrung, dass Beziehungen beginnen, aber auch enden können und dass dabei eine neue Ordnung – oder eben zusätzliches Chaos – entstehen kann?

Was mich geprägt hat präge ich

Das alles prägt, wie ich selbst Familie lebe, wonach ich mich sehne, was ich zu vermeiden, aber auch zu erhalten versuche. Möchte ich meinem Kind eine Trennung um jeden Preis ersparen, weil ich die Trennung meiner eigenen Eltern als so schmerzlich erlebt habe? Oder vollziehe ich umgekehrt den Schritt zur Trennung, weil ich mein Kind nicht zwischen sich bekriegenden Eltern aufwachsen lassen möchte? Eine sehr innige, symbiotische – oder auch abhängige – Beziehung meiner Eltern zueinander kann dazu führen, dass ich mir schwöre, mich gerade nicht von meinem Partner oder meiner Partnerin abhängig zu machen – oder dass ich andererseits die Symbiose suche und im Fall einer sich abzeichnenden Trennung in Panik gerate, da ich mir nicht vorstellen kann, wie ich ohne meinen Partner oder meine Partnerin leben soll…

Der Blick zurück bringt für die Gegenwart Klarheit 

Der Blick auf meine Herkunftsfamilie kann dabei sehr hilfreich sein. Oft leben ja gerade Geschwister die „Pole“ der Elternbeziehung nach: da führt der Bruder die langjährige enge Beziehung, gegen die sich die Schwester regelrecht zu wehren scheint. Da ist „Familie“ für die einen der Ort, der unantastbar bleiben soll, an dem z.B. die Beziehungen der Eltern nicht hinterfragt werden soll, oder aber sie ist der Ort der heftigsten Konflikte sowie, im positiven Sinn, der intensivsten Auseinandersetzung, mit sich selbst und den „Anderen“, die einem am nächsten stehen.

Bin ich streitlustig oder eher konfliktscheu, gehe ich bereitwillig auf Unbekanntes zu oder möchte ich eher das Bestehende bewahren – das alles hat oft seinen Ursprung in den Erfahrungen, die ich in meiner Herkunftsfamilie gemacht habe. Dementsprechend lohnen sich, sowohl während einer Trennung, als auch im Rahmen einer (noch) intakten Beziehung wohl die Fragen: 

Wie haben meine Eltern ihre Beziehung gelebt und was davon erscheint mir erstrebenswert, bzw. was versuche ich zu vermeiden?

• Wie sind meine Eltern mit mir als Kind umgegangen und was davon finde ich in meinem Umgang mit meinem/n eigenen Kind/ern wieder?

• Was haben meine Eltern an mir kritisiert und was kritisiere ich an meinen Kindern?

• Was an mir hat sie mit Stolz erfüllt und worauf bin ich bei meinen Kindern stolz?

• Waren getrennt lebende Familien und Familienkonstellationen außerhalb des Vater-Mutter-Kind-Schemas in meiner Kindheit präsent oder „gab es sowas nicht“?

• Wie wurde in meiner Kindheit darüber gesprochen, wenn jemand oder etwas scheiterte? Wie gehe ich selbst mit den Themen Verantwortung, Schuld und Scheitern um?

• Was war in den Augen meiner Eltern „schwach“ und wie reagierten sie darauf? Wie gehe ich mit eigener Schwäche und der Schwäche anderer um?

• Wofür möchte ich meinen Eltern danken? Worin waren – und sind – sie mir ein Vorbild? 

• Was sollen meine Kinder mit meiner Herkunftsfamilie erleben? Was sollen sie durch mich von ihr erfahren? 

Mit meiner Art, „Familie“ zu leben schreibe ich auch die Geschichte meiner Herkunftsfamilie weiter. Egal, ob ich mich von ihr abzugrenzen versuche oder Aspekte aus ihr übernehmen möchte – ich lebe, als Beziehungspartner oder -partnerin ebenso wie als Mutter oder Vater, nicht im „luftleeren Raum“: was mich geprägt hat, beeinflusst meinen Blick auf die Welt und mein Verhalten weiterhin, gerade auch, wenn ich mich stark davon abzugrenzen versuche. 

Mit meiner Herkunftsfamilie „den Frieden zu machen“ und die Prägung durch sie anzuerkennen kann mich gerade dann stärken, wenn ich Veränderungen in meiner eigenen, selbst gewählten, Familie hinnehmen muss. Egal ob bei einer Trennung, bei Konflikten innerhalb meiner noch bestehenden Partnerschaft oder mit meinen Kindern – der Blick zurück lohnt sich: für Klarheit, für eine genauere Wahrnehmen meiner selbst und anderer, für ein besseres Verständnis dessen, wer ich war, wer ich bin – und wer ich sein möchte. 

Herzlichen Gruß und alles Gute! Sunnybee

alleinerziehend, Beruf, Familie, Partnerschaft

NIE und IMMER: „Man kommt zu nix!“ Oder?

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Wie war das: „Man kommt zu nix“, alleinerziehend, berufstätig, mit kleinem Kind?

Stimmt: 

Ich komme NIE dazu, 

die (inzwischen sechs) Stapel Loseblattsammlung zu sortieren, aus der meine Unterrichtsmaterialien der letzten zwei Jahre bestehen. Dabei könnte ich die, nach Themen sortiert und in Ordner verstaut, sicher gut wiederverwenden… 

Ich komme NIE dazu, 

das Karnevalskostüm meines Sohnes von vor zwei Jahren zu entsorgen und/oder sinnvoll zu verstauen – es liegt oben auf dem Schrank und staubt in Würde ein…

Ich komme NIE dazu, 

das „Mein Baby-Erinnerungsbuch“ weiter als bis zum Ende des ersten Lebensjahrs zu führen. Da fing unser Sohn an zu laufen, ich stieg wieder in den Beruf ein – ab da kam mir die Muße abhanden…

Ich komme NIE dazu, 

meine Küchenschubladen aufzuräumen, Genauso wenig wie den Kinderzimmerschrank und den Keller. Und den Sperrmüll wollte ich auch schon seit etwa einem Jahr mal wieder abholen lassen. 

~ ~ ~

Ich komme IMMER dazu,

echte Freunde anzurufen, zu treffen, mit ihnen vier Stunden am Stück zu quatschen – ok, meist nur alle paar Wochen, aber letztlich klappt es immer.

Ich komme IMMER dazu, 

Tagebuch zu schreiben, Artikel für meinen Blog und dazu Bücher zu lesen, die mich wirklich interessieren (notfalls nachts ab 22.30 Uhr…)

Ich komme IMMER dazu, 

zuzuhören, alles stehen und liegen zu lassen, wenn mein Sohn sich das Knie aufgeschlagen hat/ aufs Klo muss und die Hose nicht allein runter zu den Knien bekommt/ zum ersten Mal ein Spinnennetz mit Tauperlen entdeckt hat. 

NIE – und IMMER. So was nennt man wohl Prioritäten setzen!… 🙂

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wozu kommst du NIE, was machst du IMMER? Ich freue mich über deinen Kommentar!

PPS. Ähnliches Thema: „Die Zeit ist Jetzt“. Von der Werbung für’s Leben lernen (Teil 2)