Was ist schon normal? Warum alle Menschen gleich und doch verschieden sind

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Magische Klopfrituale, um das Auto wieder in Gang zu bringen? Panik wegen verschwindender Penisse und eine Verabredung „wenn die Kühe auf die Weide gehen“? Was uns fremd, exotisch oder gar absurd erscheint, bestimmen längst nicht nur wir selbst, sondern zu einem bedeutenden Grad die Kultur, in der wir aufgewachsen sind und die wir, leben wir lange genug in ihr, als „ganz normal“ wahrnehmen. 

Vor kurzem habe ich in der Bibliothek, interessanterweise in der Kinderbuchabteilung, ein wahres Kleinod entdeckt: auf knapp 170 Seiten versammelt der Autor (zum Teil skurrile) Fakten aus Dutzenden Ländern der Welt. Sortiert nach Themenbereichen klärt uns das Bändchen über Essgewohnheiten, Initiationsriten, die Wahrnehmung von Krankheiten, Liebe, Geburt oder Tod und über kulturell bedingte Vorstellungen von Schönheit, Zeit oder Sinnlichkeit auf. Zwei Kapitel widmet der Autor der ethnologischen Forschung selbst und Auswüchsen wie den Menschenschauen in den Zoos Europas im 19. Jahrhunderts; und in einem Kapitel beschreibt er, wie Menschen aus aller Welt die Deutschen wahrnehmen. Geld dafür zu bekommen, dass man Kinder in die Welt setzt oder der Umstand, dass der Hund mit im Bett schlafen darf, die Oma aber im Heim von Fremden betreut wird, erscheint vielen Besuchern Deutschlands (vielleicht zu Recht) seltsam…

Kein reines Jugendbuch

Eigentlich ist das kein Kinder-, bzw. Jugendbuch im strikten Sinn, denke ich nach der Lektüre. Auch wenn die Texte relativ einfach und gut verständlich formuliert und mit Bildern illustriert sind, sind die Inhalte durchaus auch für Erwachsene von Interesse. Manchmal stellt sich mir beim Lesen natürlich auch die Frage, wie gut recherchiert die einzelnen Fakten sind. Die oben erwähnte „magische Klopfmassage“ für Autos in Indonesien oder schwarz gefärbte Zähne als Schönheitsideal in Teilen Chinas erscheinen uns als Westeuropäer womöglich absurd und könnten das Bild der „seltsamen Anderen“ unterstreichen. Außerdem haben natürlich auch immer einzelne Reisende diese Rituale und Bräuche erlebt, beschrieben und entsprechend ihres kulturellen Standpunkts gedeutet. Das macht das Buch angenehmerweise aber auch deutlich, erklärt z.B., woher die Verbindung „weiße Zähne = schön“, „schwarze Zähne = hässlich“ im westlichen Europa der Gegenwart kommt: was die sozial Angesehenen haben, gilt als schön. Interessanterweise war das auch in unseren Breitengraden vor einigen Jahrhunderten anders, die arme Landbevölkerung färbte sich zu besonderen Anlässen die Zähne schwarz. Da der Adel aufgrund von Naschwerk und mangelnder Mundhygiene schwärzlich verfärbte Beißer zur Schau trug, galt dies als attraktiv und chic. Als Leser/in mag ich das belächeln. Bleibt die Frage, ob Nagellack oder Diäten für Vierjährige, ebenso wie Zahn-Bleechings oder Brust-Vergrößerungen (beides in westlichen Kulturen aktuell gang und gäbe) weniger verrückt sind. 

Letztlich sind wir uns alle ähnlich

Das Buch endet mit einem Kapitel, das deutlich macht, dass wir Menschen weltweit doch nicht so verschieden sind. Wir alle besuchen und beschenken einander, haben feste Regeln um Streit zu schlichten, die Erbfolge zu klären oder Geschäfte abzuschließen. In allen Kulturen werden Feste gefeiert, Übergänge wie Geburt oder Tod mit Ritualen begleitet, überall tanzen Menschen, begrüßen einander, hören und machen Musik, geben einander und den Dingen um sich herum Namen. Keine Kultur kommt ohne eine Vorstellung von Glück, Gastlichkeit, Spiritualität oder auch Zeit aus. 

Verschieden ist nur, wie wir all diese Dinge leben. WAS die Menschen also tun, ist ihnen gemeinsam. Aber WIE sie das tun, darin unterscheiden sie und ihre Kulturen sich ganz erheblich. Das zu erkennen ist für ein Kind sicher ähnlich wertvoll wie für uns „Großen“. Nur brauchen Kinder dafür vielleicht gar kein Buch. 😉

Wolfgang Korn: Was ist schon normal? Warum alle Menschen gleich und doch verschieden sind. Bloomsbury-Verlag 2011.

Was ist Menschlichkeit? (Aufruf zur Blogparade, bis 15.4.19)

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Was macht mich zu dem, der ich bin? Aber auch: wie lebe ich ein menschenwürdiges und menschenfreundliches Leben? Und was ist überhaupt typisch „Mensch“ für mich?

Was ist „Menschlichkeit“ für dich?

Wollt ihr bei meiner aktuellen BLOGPARADE mitmachen? 

Dann schreibt bis zum 15.4.2019 einen Artikel zum Thema!

  1. Ihr könnt – MÜSST ABER NICHT – dabei einen Film benennen, der eurer Meinung nach eine Antwort auf diese Frage gibt und könnt beschreiben, was euch an ihm in Bezug auf das Thema „Menschlichkeit“ besonders treffend erscheint, was euch nachdenklich macht oder berührt.
  1. Schreibt unter meinen Artikel einen Kommentar mit einem Link zu eurem Blogartikel. 
  1. Erwähnt diese Blogparade in eurem Blog, auf Facebook (@Sarah Sunnybee) oder Twitter (@mama_schreibt) und erfreut euch an den, hoffentlich zahlreichen, tollen Filmtipps und Blogartikeln!

Drei Filme – Drei Antworten

Ich möchte als Anregung drei Filme mit euch teilen, die drei komplett unterschiedliche Antworten geben  auf die Frage: „Was ist Menschlichkeit?

1) The Square 

Eine bitterböse und wirklich nachdenklich stimmende Satire auf den Kunst- und Kulturbetrieb. Christian, getrennt lebender Vater zweier Töchter und Kurator eines Stockholmer Museums für moderne Kunst, soll die nächste Ausstellung bewerben: The Square, ein „Zufluchtsort, wo Ruhe und Fürsorge herrschen“, wo alle „die gleichen Rechte und Pflichten“ haben, so jedenfalls der Pressetext des Museums. Um das Ganze für die Medien attraktiver zu machen, überlegt sich die für das Projekt engagierte Werbeagentur ausgerechnet ein Schockvideo, das schließlich ohne Christians Wissen online geht. Der Kurator selbst ist während des ganzen Films immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wie komme ich damit zurecht, dass ich gar nicht so menschenfreundlich bin, wie es eigentlich mein Anspruch ist?

De facto ist Christian nämlich ein reichlich misstrauischer und kontrollierter Mensch, der darauf besteht, sein benutztes Kondom nach einem One-Night-Stand selbst zu entsorgen, statt von Seiten der Frau, mit der er gerade geschlafen hat, Samenraub zu riskieren. Einem Obdachlosen gegenüber erklärt er, mit den Luxuseinkaufstaschen neben sich und einem Coffee to go in der Hand, er habe „leider kein Geld“. Andererseits hilft er spontan einer Frau, die auf der Straße bedroht zu werden scheint und muss erleben, dass das Ganze ein Trick war um ihn selbst auszurauben. Eindeutig Gut und Böse gibt es in diesem Film nicht – menschlich sein bedeutet nach Aussage des Werks, selbstbezogen und altruistisch zu handeln, couragiert und feige. Die Vielschichtigkeit, mit der der Film seine Figuren zeichnet, macht ihn, neben seiner unzweifelhaften Komik, zu einem wirklich großartigen Kommentar zum Thema „Menschlichkeit“.

2) Mütter und Töchter

Einen ganz anderen Aspekt von „Menschlichkeit“ greift der Film „Mütter und Töchter“ auf. Hier geht es um die Frage: Was macht mich zu dem Menschen, der ich bin? Meine Gene oder die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin? Und wer bin ich, wenn ich über meine Herkunft nichts weiß? 

Der Film zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben dreier Frauen. Die fast 50-jährige Karen hat ihr Kind als Teenager auf den Druck ihrer Eltern hin zur Adoption frei gegeben und leidet bis jetzt darunter. Lucy kann keine Kinder bekommen und ringt mit sich, ob sie einen Adoptionsantrag stellen soll. Und die toughe, ein wenig unnahbare Anwältin Elizabeth wurde selbst adoptiert und findet erst nach und nach eine Haltung zu den Fragen „Wer bin ich?“ Und: „Was ist wohl meine Mutter, die mich weggegeben hat, für ein Mensch?“ Ein sehr berührender, fein und nuancenreich gespielter Film, dessen „Menschlichkeit“ darin besteht, dass seine Charaktere sich letztlich frei zu ihrem Weg entscheiden können, auch wenn die Dinge, die ihnen widerfahren, schicksalshaft verwoben sind; sie sind eben mehr als die bloße Summe ihrer Erfahrungen oder ihrer Gene.

3) Her

Der Film „Her“ stellt schließlich die grundsätzliche Frage: Was macht uns überhaupt menschlich? Und kann eine Maschine menschenähnliche Züge entwickeln?

In einer (nahen) Zukunft: Der Journalist Theodore erhält als Gadget ein neuartiges, lernfähiges Handy-Betriebssystem, das auf seinem Smartphone in Dialog mit ihm tritt. Die Computerstimme begleitet ihn ab sofort jeden Tag, anfänglich bloß als heitere, stets hilfsbereite Assistentin, doch bald wird „Samantha“ zum emotionalen Bezugspunkt des einsamen Mannes. Sie heitert ihn auf, lacht über seine Scherze – und er verliebt sich in sie. 

Soweit könnte das die tragische Geschichte eines Technik-Nerds sein. Doch Samanthas Programmierung ist so vollkommen, dass sie tatsächlich das Potential hat, menschlich zu sein – und sich ebenfalls verliebt. Theodore und Samantha werden ein Paar, eine halb digitale, halb analoge „Amour fou“,  und als ihre Liebe gegen Ende des Films auf die Probe gestellt wird, leidet man als Zuschauer/in tatsächlich mit: mit dem jungen Mann, aber auch mit Samantha, dem Operating System. 

Drei wirklich sehenswerte Filme, drei komplett unterschiedliche Antworten auf die Frage: 

„Was ist Menschlichkeit?“

Ich bin gespannt – und freue mich –  auf EURE Antworten! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

Kleines Verzeichnis klangvoller Wörter: „The winner is…“

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Erinnert ihr euch?

Bevor ich verrate, wer von euch kreativen Wortschöpferinnen und Lieblingswortbesitzern sich bald über ein echtes BUCH VON MIR freuen kann (vielleicht reißen sich eines Tages die Sammler drum…), hier noch einmal die Zusammenfassung, worum es überhaupt ging:

Das war das Gewinnspiel

1) Vor etwa einem Monat habe ich meine treuen Leserinnen und Leser nach ihrem absoluten Lieblingswort gefragt.

2) Dabei habe ich einige ganz wunderbare Wort-Schätze eurerseits erhalten. Ihr findet sie hier und hier, jeweils in den Kommentaren. In den Artikeln habe ich auch gleich einige meiner Lieblingswörter mit euch geteilt, z.B. Mätresse, Langmut oder das I-Tüpfelchen.

The Winner is…

Und damit – tata – die Verlosung, mit Glücksfee „Schorsch“, von meinem Sohn zu diesem Zweck großzügig zu Verfügung gestellt:

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Tataaa – herzlichen Glückwunsch, liebe Lea!

Und danke für deine tolle Wortneuschöpfung „eingezwercht“.

Wer wissen will, was das genau heißt, lese hier deinen Kommentar! Wenn du mir über kontakt(at)mutter-und-sohn.blog deine Anschrift schickst, macht sich mein Werk auf den Weg zu dir!😀

Liebe Grüße, Sunnybee

Jorge Bucay: „Drei Fragen“ und Eckhart Tolle: „Jetzt!“

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Mit Büchern ist es für mich wie mit Menschen: 

Ich lasse mich nicht gern verkuppeln. 

Entsprechend bin ich gar nicht besonders erfreut darüber, Bücher geschenkt zu bekommen, erst recht nicht mit der Empfehlung: „Das könnte dich interessieren.“ Ich bin eine begeisterte Leserin und habe zugleich, als berufstätige, getrennt erziehende Mutter eines Kleinkindes, nicht besonders viel Zeit, um in Ruhe zu schmökern. Somit ist jede Beziehung, die ich mit einem neuen Buch eingehe, für mich etwas Besonderes. Ich treffe meine Auswahl mit Bedacht – und möchte sie mir nicht von anderen treffen lassen. 

Das vorweg zum ersten der beiden Lebensratgeber, die ich hier vorstellen möchte. 

Eckhart Tolle: „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“

Fast jeder, der sich mit den Themen Achtsamkeit, Selbstfürsorge und bewusster Wahrnehmung befasst, dürfte auf Eckhart Tolle stoßen. Als Klappentext der Ausgabe, die ich geschenkt bekam, mit der Empfehlung, das Buch werde mich begeistern (!), erklären die Fernsehmoderatorin Nina Ruge, Jazz-Musiker Roger Cicero und Schauspielerin Ursula Karven sinngemäß, das Bändchen habe ihr Leben verändert. Darunter grinst mich ein Brillenträger in Kordjacket an – Eckhart Tolle himself – und die Erläuterung zu seinem Werk erklärt, seine „profunde und gleichzeitig […] einfache Lehre“ habe unzähligen Menschen in aller Welt geholfen, „Frieden und […] Erfüllung“ zu finden. 

Nun ja. In der Buchhandlung hätte ich das kleine gelbe Buch wohl zur Seite gelegt. So hatte ich es aber schon in der Hand und begann zu lesen. Zunächst eine klassische „Erweckungsgeschichte“: Eckhart Tolle, ein junger Mann um die 30, ist von Ängsten und Depressionen geplagt und erlebt eines Morgens einen Moment völliger Haltlosigkeit. Alles, woran er sich als „Identität“ geklammert hat, kommt ihm bedeutungslos vor, bzw. scheint ihm zu entgleiten. Er reagiert darauf – verständlicherweise – mit großer Angst und fällt schließlich in einen ohnmachtsähnlichen Schlaf. Als er daraus erwacht, hat sich seine Wahrnehmung gewandelt: er spürt nun, dass seine äußere Identität, Beruf, Status, seine Beziehungen, Hoffnungen und Erwartungen tatsächlich nur eine äußerliche Hülle sind. Eine Art „Scheingewand“, unter dem sein wahres Selbst – und damit ein tiefer Frieden – verborgen ist. Ein SEIN, das einfach da ist und sich in Dankbarkeit und Annahme mit allem verbindet und verbunden fühlt. 

Der Rest des Buches ist ein (fiktiver) Dialog zwischen einem klugen Schüler und seinem nicht minder klugen Lehrer. Eines der „Gespräche“ klingt z.B. so: 

– [An meiner Lebenssituation] festzuhängen ist es, was mich unglücklich macht.

– Vergiss für eine Weile deine Lebenssituation und gib deinem Leben die Aufmerksamkeit.

– Was ist der Unterschied?

–  […] Deine Lebenssituation ist eine Einbildung des Verstandes. Dein Leben ist wirklich. Finde das „schmale Tor, das zum Leben führt“. Es heißt: das Jetzt. Reduziere dein Leben auf diesen Moment. Deine Lebenssituation mag voller Probleme sein – das sind die meisten Lebenssituationen -, aber finde heraus, ob du in diesem Moment irgendein Problem hast. Nicht morgen oder in zehn Minuten, sondern jetzt. Gibt es jetzt ein Problem? […] Benutze deine Sinne. Sei völlig da, wo du bist. Schau dich um. Schau nur, interpretiere nicht. Sieh das Licht, sieh Konturen, Farben, Materialien. Sei dir der stillen Gegenwart aller Dinge bewusst. […] Erlaube allem zu sein, innen und außen. Erlaube das „So-Sein“ aller Dinge. Bewege dich tief ins Jetzt hinein. Du lässt die abstumpfende Welt von geistiger Abstraktion und von Zeit hinter dir. Du verlässt den kranken Verstand, der dir deine Lebensenergie entzieht, so wie er auch langsam die Erde vergiftet und zerstört. Du erwächst aus dem Traum von Zeit in die Gegenwart.

Tja, damit hatte Herr Tolle mich für sich gewonnen. Nicht, weil ich immer schon mal „meinen kranken Verstand ablegen“ wollte, sondern weil ich intuitiv nachvollziehen konnte, welche Erleichterung und Freude im wirklich „Gegenwärtig-Sein“ liegen kann. Ich las also weiter. Und empfehle das Buch jetzt hier. Vor allem aber lebe ich, so oft es geht,  tatsächlich mein Leben und nicht meine Lebenssituation, z.B. indem ich auf dem Weg von meinem Arbeitsplatz zum Kindergarten meines Sohnes erschnuppere: „Wie riecht der Februar?“ 🙂

Jorge Bucay: „Drei Fragen“

Und damit zu einem zweiten klugen Buch, das mich seit Jahren begleitet, in dem Sinn, dass ich immer mal wieder hineinlinse, mich festlese und klüger und bestärkt daraus hervortauche. „Drei Fragen“ habe ich ebenfalls  nicht gesucht. Eine Freundin hatte mich zu einer Lesung von Jorge Bucay eingeladen, den ich davor nicht kannte. So saßen wir denn zwischen etwa 40 anderen Leserinnen und Lesern und hörten uns die Geschichten dieses rundlichen, gut gelaunten Manns mittleren Alters an, der es schaffte, uns die größten Fragen des Lebens „Wer bin ich?“ „Wohin gehe ich?“ „Und mit wem?“ nonchalant wie Zuckergebäck zu präsentieren und noch einige mögliche Antworten mit dazu. 

Kein Guru, der sagt: So ist es richtig, das ist der eine, rechte Weg zum Glück.

„Selbstverständlich geht es nicht darum, sich sklavisch an irgendein Konzept zu halten, das ich hier aufstelle. Wie jeder weiß, entspricht die Karte niemals exakt dem Gebiet und so ist auch jeder Leser aufgerufen, den Kurs zu korrigieren, wann auch immer der Autor seiner Meinung nach falschliegt. Nur so werden wir am Schluss zueinanderfinden. Du mit deinen Antworten und ich mit meinen. Das heißt, du hast deine Antworten gefunden. Und ich die meinen.“

Das hörte sich für mich vielversprechend an. Zumal ich die drei Fragen, die Bucay aufwirft, höchst spannend fand – und finde:

„[…] Die erste Aufgabe ist es, herauszufinden, wer ich bin. Die definitive Begegnung mit mir selbst. Zu lernen, von niemandem abhängig zu sein.

Die zweite Aufgabe besteht darin, mich zu entscheiden, wohin ich gehe. Die Suche nach Erfüllung und Sinn. Unsere Bestimmung im Leben zu finden.

Und als Drittes gilt es sich auszusuchen, mit wem. Die Begegnung mit dem anderen und den Mut, all das zurückzulassen, was sich nicht stimmig anfühlt. Sich der Liebe zu öffnen und die passenden Wegbegleiter zu finden.“

Der Kreis schließt sich

An dieser Stelle treffen Bucay und Tolle dann wohl aufeinander: Wo ich tief im Inneren bei dem bin, was IST und mit dem einverstanden bin, wer ich bin, kann ich im Außen mit der Welt und den Menschen in echte Verbindung treten. Spüre ich dieses tiefe Stimmig- und Gegenwärtig-Sein in mir, brauche ich außen niemanden, der mir sagt, wohin ich gehen soll. Und ich kann für andere, ebenso wie für mich, eine Quelle des Friedens, der Liebe und der Akzeptanz werden. 

Ich würde sagen, allein um an diesen klugen Gedanken teilzuhaben, lohnt sich der Kauf dieser beiden Werke. 

Herzliche, philosophische, Grüße, Sunnybee

PS. Wie immer sind die Bücher, die ich hier vorstelle, persönliche Empfehlungen. Ich erhalte dadurch keinerlei finanziellen Vorteil und verfolge keine kommerziellen Interessen.

Willi Wiberg. Oder: Gibt es in Büchern eigentlich auch alleinerziehende Papas?

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Mit allein- oder getrennt erziehenden Eltern oder in Patchwork-Familien zu leben ist inzwischen in der Lebenswirklichkeit vieler Kinder „ganz normal“ – einerseits. Andererseits dominiert in Kinderbüchern oft noch das traditionelle Modell: Papa-Mama-Kind. 

Ein erfreuliches Gegenbeispiel und eigentlich bereits ein Klassiker ist die seit 1972 (!) erscheinende Reihe „Willi Wiberg“ der schwedischen Autorin Gunilla Bergström.

Willi und sein Papa

Willi lebt zusammen mit seinem Vater ein glückliches Kinderleben. Er ärgert sich über seine großen Cousins, die ihn nicht für voll nehmen und zeigt ihnen gewitzt, dass er schon weit mehr begreift als sie dachten. Er hält seinen Papa beim Einschlafen auf Trab, bis dieser nach dem 10. „Botengang“ erschöpft auf dem Wohnzimmerboden einnickt. Er erlebt Abenteuer mit seinem besten Freund oder seinem Fantasiefreund Alfons, von dem Willis Papa nach einiger Zeit ziemlich genervt ist. Schließlich ist er so groß, dass er selbst Babysitten darf und dabei dem kleinen Benni vom gefährlichsten, schrecklichsten Monster erzählt, das er sich ausdenken kann –  der Kleine will nämlich keine harmlose Gutenachtgeschichte. 

Willis Welt ist wohlbehütet – und dabei erfrischend wenig „pädagogisch wertvoll“. In einer der Erzählungen wundert sich sein Vater, dass sein Sohn gar keine Widerworte mehr gibt und sogar sein Zimmer aufräumt. Irgendetwas scheint mit ihm nicht in Ordnung zu sein. Und tatsächlich: Willi hat Angst vor der Schule, die er bald zum ersten Mal besuchen soll. Sein Papa erzählt ihm daraufhin, dass gerade jetzt, am Abend vor dem ersten Schultag, tausende Kinder mit klopfendem Herzen in ihren Betten lägen und keines wisse, dass genau nebenan ein Kind genau so aufgeregt wie es selbst sei. Sich auf diese Weise „in guter Gesellschaft“ zu fühlen beruhigt Willi und er schläft schließlich doch zufrieden ein. 

Pass auf, Willi Wiberg!

Andererseits gibt es Tage, an denen Willis Vater selbst nicht gut zu sprechen ist. Auch das ist erfrischend: Die Erwachsenen sind durchaus mal geistesabwesend, schlecht gelaunt oder wollen ihre Ruhe. Willi nimmt das hin wie die Wolken am Himmel und sieht die Möglichkeiten, die sich dadurch bieten: 

„[A]n manchen Tagen will Papa ganz in Ruhe gelassen werden. Dann will er Zeitung lesen oder fernsehen und überhaupt nicht mit Willi spielen. An solchen Tagen kann man auch an den Werkzeugkasten gehen. Wenn Väter in Ruhe gelassen werden wollen, kümmern sie sich nicht weiter um das, was man tut. Heute ist das so.“

Aber natürlich achtet der Vater – hinter seiner Zeitung – darauf, dass sein Sohn die gefährliche Säge aus dem Werkzeugkasten nicht nimmt. Jedenfalls erinnert er ihn mantraartig daran: „Fass die Säge nicht an!“ Willi gehorcht ihm bereitwillig – er ist mit Holzbrettern, Hammer und Nägeln aus dem Werkzeugkasten ja bereits ausreichend beschäftigt…

Die Welt aus Willis Sicht

Die Perspektive der Bücher ist großartig: die Erwachsenen sind für Willi Maßstab und Bezugspunkt, er versucht, ihren Forderungen bereitwillig nachzukommen – manchmal kommt nur etwas dazwischen, wenn zum Beispiel Willis Fantasiefreund Papas Pfeife verschludert, die zu nehmen – Willi weiß es genau – eigentlich VERBOTEN ist. Oder wenn er mit seinem aus Brettern zusammengebauten „Hubschrauber“ im Dschungel landet und ihn ein Löwe (sein Kater „Pussel“) zu verschlingen droht. Dann braucht er die Säge, um sich aus dem Hubschrauber zu befreien, bloß, dass die sein Papa strikt verboten hat… 

Willis Papa ist großzügig, gelassen und manchmal fast ein bisschen zu lieb, wie die Erzählerin an einer Stelle bemerkt. Und er ist wohl alleinerziehend. Freunde tauchen auf, Lehrer, auch Cousins und eine Großmutter, die Willi innig liebt – aber keine „Frau Wiberg“. Und letztlich kommen Willi und sein Vater zu zweit sehr gut zurecht. Papa liest seinem Sohn vor und spielt mit ihm, bindet sich die Schürze um und bringt Willi ein Glas Wasser ans Bett, liest Zeitung, raucht Pfeife und wechselt das Bettzeug, das Willi mit dem Wasser durchnässt hat. 

Willi Wiberg und sein Papa sind ein tolles Team. Und mein Sohn, ebenso wie ich, sind Fans dieser Reihe, seitdem wir sie im Bücherregal meiner Nichte entdeckt haben. Deren Vater, mein Schwager, hatte ihr seine Bücher vererbt – er ist selbst bereits mit Willi großgeworden. 

Klare Sache: Empfehlenswert!

Herzlich, Sunnybee

 

Wehmütig spricht die Mätresse…

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Modigliani Ohne Titel (C) WahooArt.com

Wehmütig spricht die Mätresse: „Du Armleuchter! Eingezwercht mit dir ist mir ganz blümerant zumute!“

… Aber, sorry, wer an dieser Stelle auf Offenbarungen ex privatum hofft, muss enttäuscht den Blick abwenden:

Das hier ist WERBUNG

… und auch noch in eigener Sache, nämlich für meine ganz persönliche Sammlung an Lieblingswörtern, die ich HIER VERÖFFENTLICHT habe und die ihr per Kommentar sehr gern und zur großen Freude meinerseits noch bis ÜBERMORGEN (25.1.) ergänzen könnt. Zu GEWINNEN gibt es auch was!🙂

Und außerdem ist es SELBSTSCHUTZ

… denn wenn das Leben gerade mit einer bunten Mischung aus höchst Schönem und höchst Unerfreulichem über einem zusammenschlägt und viel zu tun ist und eigentlich die Muße zu jedem Sammeln, Ordnen, Reflektieren fehlt, dann ist LACHEN manchmal das einzig Mögliche. Und Sinnvolle. Finde ich.

Daher dieser nicht sehr sinnreiche  und dennoch sinnvolle Post, inklusive gleich fünf (!) Lieblingswörtern, die ihr im ersten Satz dieses Beitrags, sowie – ich sagte es bereits – hier findet!…

Herzlichen Gruß, Sunnybee