Sex. Sex. Sex. Oder: Bin ich plötzlich prüde geworden?

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Werbeplakat: Unternehmen bewusst geschwärzt.

Sexy, die sechs Damen auf diesem Werbeplakat? Vor wenigen Tagen fuhr ich auf dem Weg zur Arbeit direkt auf sie zu.

Verführerisch und überlebensgroß 

Verführerisch und überlebensgroß lächelten sie mir entgegen. Direkt neben einer Ampel, an der der Durchgangsverkehr alle 2-3 Minuten zum Stehen kommt. Und in unmittelbarer Nähe dreier (!) Schulen, die Jugendliche und junge Erwachsene zwischen 10 und ca. 30 Jahren besuchen. 

Ich selbst war auf dem Weg zur Arbeit. Allerdings voll bekleidet, anders als die lächelnden Ladys, die im Auftrag eines Online-TV-Senders zum „Amateur Star-Wettbewerb 2019“ aufriefen. In welchem Bereich sich der Wettkampf abspielen würde, war angesichts der Kleiderwahl und Posen unschwer zu erraten.

Nun ja. Ich blieb stehen, machte das oben abgebildete Foto und beobachtete einen Augenblick lang die Passanten, deren Blicke die halbnackten Damen streiften. 

Und ich war tatsächlich schockiert.

Wer kommt auf die Idee, ein solches Plakat in der „Einflugschneise“ Hunderter junger Menschen zu platzieren, die täglich auf diesem Weg zur Schule gehen? Was soll dabei jungen Männern – und Frauen – vermittelt werden? „Schau mal, uns Damen gibt’s im Sonderangebot?“, „Warum zur Schule gehen, wenn man mit rein physischen Attributen so schnell berühmt werden kann?“ 

„Amateurwettbewerb“ – suggeriert das nicht auch eine gewisse Unschuld, à la „Mädel von nebenan“? Schau mal, noch posieren hier Mia Blow oder The Real Barbie of Berlin, aber mit etwas Engagement und Silikon könntest morgen schon DU hier stehen!… 

Sex sells – Und wer greift zu?

Ich habe einen dreijährigen Sohn, für den „Sex sells“ momentan noch nichts anderes als eine lustig gezischelte Lautfolge ist. Aber das Prinzip wird sich ihm sicher in wenigen Jahren erschließen. Mit jedem „Schau-mal-was-hat-die-für-Titten“-Filmchen auf dem Handy, das ihm seine Kumpel zeigen, wenn er elf, zwölf, dreizehn Jahre alt ist. Mit jeder Bordell-Werbung auf Taxis. Mit Plakaten wie diesem hier. Du bist der (potentielle) Kunde. Und Frauen sind die, die (potentiell) zu kaufen sind. Beziehungsweise nicht alle. Es gibt die „anständigen Frauen“, denen du nie ein solches Angebot unterbreiten würdest. Aber offensichtlich auch die, bei denen die Hürde nicht so groß ist. Sie scheinen sich ja geradezu darum zu reißen, dir ihre Reize anzubieten. 

Hure oder Heilige? 

Was wir täglich wahrnehmen prägt irgendwann unser Bild von der Welt. Was für ein Frauenbild vermitteln solche, vollkommen selbstverständlich im öffentlichen Raum platzierten, Werbeanzeigen meinem Sohn? Was würden sie meiner Tochter vermitteln? 

Sorry: Ich habe keine Lust, in einer Welt zu leben, in der mir solche Werbung auf dem Weg zur Arbeit „entgegenplärrt“. Genauso wenig, wie ich mir eine solche Welt für meinen Sohn wünsche. Ich gebe zu, ich war kurz versucht zu einer Guerilla-Aktion wie den PorNo-Stickern, welche die feministische Zeitschrift EMMA vor einigen Jahren als Heftbeilage und handfestes Statement gegen sexistische Werbung verbreitete.

Statt dessen schreibe ich jetzt hier im Blog. Und meinem Sohn werde ich erklären und vorleben, dass Sexualität etwas Wunderbares sein kann: selbstverständlich und schön. Und auch, dass sie sein sehr persönliches, intimes Geschenk sein wird an Menschen, die ihm wichtig sind und mit denen er sie tatsächlich erleben möchte. Vor allem aber bemühe ich mich schon jetzt, ihm zu zeigen: es gibt Grenzen – seine eigenen und die anderer – und beide sind zu respektieren. 

Kürzlich habe ich den klugen Satz gelesen: 

„Kinder brauchen keine Grenzen. Kinder brauchen Erwachsene, die Grenzen haben.“

Vielleicht werde ich, wenn er zwölf, dreizehn, vierzehn ist, mit ihm sprechen, sollten wir an einem Werbeplakat wie dem oben beschriebenen vorbeikommen. Vielleicht spreche ich dann auch gar nicht über Sex mit ihm. Aber hoffentlich habe ich ihm bis dahin vermittelt, dass Frauen nichts sind, was man sich „per Klick“ bestellt. Auch wenn sie im Netz, in Bordellen und wie hier auf der Straße scheinbar so „easy“ verfügbar sind. Wer so von Frauen denkt, erniedrigt jedenfalls nicht nur diese – sondern vor allem sich selbst. 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wer etwas gegen diese Art sexistischer Werbung tun möchte: Die weltweit aktive Frauenrechtsorganisation Terre des femmes gibt auf ihrer Website konkrete Tipps: Wie wehre ich mich gegen sexistische Werbung?

Hochsensibel Eltern sein: 5 Tipps für ein glücklicheres Familienleben

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Eine hohe Empfänglichkeit für äußere und innere Reize und intensive Gefühle während ihrer Verarbeitung – so in etwa lässt sich „Hochsensibilität“ in kürzester Form definieren.

Hochsensibilität ist eine körperliche Besonderheit, die Auswirkungen auf das psychische und physische Wohlbefinden haben kann. Entsprechend müssen hochsensibel empfindende Menschen Wege finden, mit ihrer Disposition umzugehen, um einer Welt, die ihnen oft als zu laut, zu schnell und manchmal auch zu unüberschaubar erscheint, gerecht zu werden. Tun sie dies nicht, bzw. gehen Eltern nicht auf die Bedürfnisse ihres hochsensiblen Kindes ein, kann dies zu massiven Anspannungs- und Stresssymptomen führen, wie z.B. Schlafstörungen oder Konzentrationsschwierigkeiten, erhöhter Aggressivität und Unruhe, aber auch Angstgefühlen und Niedergeschlagenheit. 

Die Pflicht, gut für sich selbst zu sorgen

Als hochsensibel wahrnehmende  Mutter oder hochsensibler Vater habe ich die Verantwortung – ich würde sogar sagen, die Pflicht – gut für mich zu sorgen und damit nicht nur mich, sondern auch die mir am nächsten Stehenden (Kinder und ggf. den Partner, bzw. die Partnerin) zu schützen sowie mir und meiner Umwelt die Möglichkeit zu geben, mein Potential als Mensch und Mutter oder Vater voll auszuschöpfen. 

Mutter oder Vater sein ist ein „Fulltime-Job“. Für mein(e) Kind(er) bin ich 24/7 verantwortlich, selbst wenn ich sie nicht die ganze Zeit um mich habe. Potenziert wird dieses Gefühl des „Rund-um-die-Uhr-Zuständigseins“, wenn ich zusätzlich zu meiner Aufgabe als Mutter oder Vater einen Beruf ausübe und somit in einem zweiten Bereich Verantwortung trage, oder wenn ich gar alleinerziehend bin und damit emotional (und oft auch praktisch) die Fürsorge und Erziehung meiner Kinder alleine schultern muss.

5 praktische Tipps für einen entspannteren Alltag

Wie soll das alles mit hochsensibler Disposition möglich sein? In diesem Fall brauche ich die Auszeiten für mich körperlich, um nicht nach einiger Zeit überreizt zusammenzubrechen, bzw. zu explodieren. Und das unter den Umständen, die das Zusammenleben mit (kleinen) Kindern eben mit sich bringt: viel und schnell wechselnde Aktivität, oft große Lautstärke, Gefühlsausbrüche in sekundenschnellem Wechsel, dazu die Besonderheit, dass alles blitzschnell anders kommen kann als geplant: wie soll ich da die Struktur finden sowie die Momente der Ruhe und Kontemplation, die ich als hochsensibler Mensch wie die Luft zum Atmen brauche? 

1) Ich nehme meine Bedürfnisse ernst und handle nach ihnen

Nun, zuerst einmal, indem ich meine Bedürfnisse ernst nehme. Mag sein, dass es für andere, weniger reizempfindliche, Menschen passt, direkt nach der Arbeit ihr Kind vom Kindergarten abzuholen und sich mit zwei anderen Familien zum Kindersportkurs zu verabreden. Wenn ich weiß, dass mich das stresst und der Lautstärke- und Aktivitätspegel nach einem Arbeitsvormittag für mich zu viel wäre, MACHE ICH DAS NICHT.

Lieber gehe ich allein mit meinem Kind auf dem Spielplatz oder wir lassen uns im Winter zuhause ein Bad ein. Wenn ich mich dabei entspanne, haben alle Beteiligten mehr davon, als wenn ich abends völlig überreizt Kind oder Partner anschnauze oder erschöpft an meiner Kompetenz als Mutter oder Vater zweifle. 

2) Kurze Wege planen

Nicht nur hochsensible Eltern verzweifeln manchmal an der Vielzahl an Aktivitäten, die es mit Kind zu bewältigen gilt. Da stehen nachmittags der Musik- oder Sportkurs auf dem Programm, außerdem das Treffen mit der Kita-Freundin im anderen Stadtteil und das Kindercafé im Nachbarort wollte man auch immer schon mal ausprobieren. Dann noch schnell der Termin bei der Bank auf dem Weg dorthin und vor der Arbeit am nächsten Tag der Zahnarztbesuch, natürlich, nachdem die Kinder gut in Schule oder Kindergarten angekommen sind. Unter der „Atemlosigkeit“ eines solchen Lebens klagen viele Eltern – für hochsensible Mütter oder Väter ist sie geradezu Gift.

Herumgegondel zwischen Stadtteilen für die „Freizeitbespaßung“, ein quasi pausenloses Programm von 6 Uhr morgens bis abends um 21 Uhr?! NICHT FÜR HOCHSENSIBLE. Mistet aus, was an Freizeitaktivitäten nicht absolut nötig ist und falls eure Kinder wirklich zum Judo oder in den Kinder-Malkurs wollen, wählt den Kurs, der am leichtesten erreichbar ist. Auf Matten hopsen macht 4-Jährigen auch Freude, wenn es in der Schule um die Ecke stattfindet – es muss nicht der Kurs nach Montessori-Pädagogik im anderen Stadtteil sein. Das gilt übrigens auch für eigene Aktivitäten. Fahrzeiten sind Stresszeiten und Wege zwischen zwei Aktivitäten sind keine Pausen – außer, ihr könnt auf eure Privat-Limousine zurückgreifen und euch vom Chauffeur durch die Gegend gondeln lassen… 

3) Sich echte Pausen gönnen

Auf der Seite „pusteblumen-fuer-mama“ hat die Autorin, selbst hochsensible Mutter von zwei Kindern im Schul- und Vorschulalter, in einem ihrer Artikel sehr treffend beschrieben, wie nötig hochsensible Eltern Pausen brauchen. Und zwar nicht nur ein Kaffee „in Ruhe“, während die Kinder nebenan das Kinderzimmer auseinandernehmen. Auch das hastig bei der Arbeit eingenommene Mittagessen und selbst der Yoga-Kurs am Samstag Vormittag, während der Partner oder die Babysitterin die Kinder betreut, sind nicht echte Pausen, wie sie Hochsensible eigentlich benötigen.

Wirklich Abschalten braucht Zeit. Ein Stresspegel, der sich über Tage aufgebaut hat, flacht nicht innerhalb eines Vormittags ohne Programm ab. Dafür braucht es – ab und zu – ganze Tage, ein Wochenende, gar eine Woche „Auszeit“ um wirklich wieder einmal bei sich anzukommen, ganz in die eigenen Interessen einzutauchen, ohne Ablenkung und Anforderung von anderer Seite. Fast unmöglich als Mutter oder Vater? Ja, einfach ist es nicht, sich diese Freiräume zu schaffen. Aber für hochsensible Eltern sind sie meiner Meinung nach so wichtig, dass die Überlegung lohnt: kann ich (phasenweise) weniger oder gar nicht arbeiten, um vormittags, wenn mein Kind in Schule oder Kindergarten ist, regelmäßig Zeit für mich zu haben? Kann mein (Ex-) Partner oder ein Au-Pair mein Kind regelmäßig alleine betreuen, können die Großeltern mein Kind auch einmal für mehrere Tage zu sich nehmen? Pausen schaffe ich mir, indem ich wirklich innerlich loslasse – und nicht immer alles selber machen will.

4) Loslassen lernen

Das führt mich zum vierten praktischen Tipp, der gerade für hochsensible Mütter oder Väter oft schwer umzusetzen ist. Hört auf, euch ständig Gedanken zu machen! Ich bin entbehrlich. Auch für mein Kind. Natürlich nicht im großen und absoluten Sinn, aber im Alltag eben immer wieder. Sonst würde es nie den Schritt weg von meiner Hand zu anderen Bezugspersonen und später zu Erziehern oder Lehrerinnen und seinen Freunden in Kindergarten oder Schule machen. Also muss ich lernen, auch gedanklich loszulassen. Die „Mental Workload“, die hundert Alltagsdinge, die ich – meist gerade als Mutter – im Kopf habe, wirken unterschwellig als Reiz, den ich eben auch zu verarbeiten habe. Klappt der Termin beim Logopäden nächsten Mittwoch?  Lohnt sich das Engagement für gesünderes Essen im Kindergarten? Muss ich mit Vater /Lehrerin/Erzieher XY über das Verhalten von Kind YZ sprechen?

Dadurch, dass hochsensible Menschen so viel wahrnehmen und oft auch vielseitig interessiert sind, haben sie die Tendenz, sich zu allem ihre Gedanken zu machen. Und das ist manchmal zu viel. Daher: Fünf gerade sein lassen. Andere machen Dinge vielleicht anders, aber nicht unbedingt schlechter. Ich fühle mich also im Zweifelsfall mal nicht verantwortlich und mische mich nicht ein. Loslassen ist die Devise!

5) Eigene Interessen verfolgen

Und nicht zuletzt ist es für alle Eltern, aber besonders für hochsensible Mütter und Väter, wichtig, eigene Interessen zu verfolgen. Warum ist das so? Hochsensibel wahrnehmende Menschen tanken oft gerade dadurch auf, dass sie sich ganz in eine Sache vertiefen. Das kann die Modelleisenbahn, ein philosophisches Traktat oder das Schnittmuster einer komplizierten Nähvorlage sein. Viele Hochsensible blühen auf, wenn sie sich ungestört einer Aufgabe widmen, sie gedanklich ganz durchdringen können. Oft nähern sie sich dabei übrigens mit Freuden den großen Fragen des Lebens: „Wie sinnvoll ist, was ich hier tue?“ „Was ist gut, was ist böse?“ „Wohin führt mich dieser Weg?“

Tja – und wie passt das alles zu einem Alltag als Eltern, der eben doch sehr oft durch banale Wiederholung (das 20. Mal  den Ball fangen, die 100. Vokabel abfragen) geprägt ist, durch die Notwendigkeit, Angefangenes abrupt zu beenden (das Kind hat Hunger, fällt von der Leiter, muss JETZT Pipi)? Eben kaum. Daher ist es so wichtig, dass ich meine Interessen pflege und dabei eine Dosis gesunden Egoismus entwickle. Ich muss mir selbst, gerade auch als hochsensible Mutter oder hochsensibler Vater, so wichtig sein, dass ich mir Freiräume für mich selbst schaffe. Und das, indem ich an der ein oder anderen Stelle loslasse und auf echte Pausen bestehe – weil ich sie brauche, um im Sturm des Lebens ich selbst zu sein. 

Das Potential hochsensibler Eltern

Das Potential hochsensibler Eltern ist groß. Tiefergehende Zusammenhänge erkennen zu können, ein feines Gespür für Menschen und Prozesse innerhalb einer Gruppe (z.B. auch einer Familie) zu haben sowie sich intensiv mit einer Sache zu beschäftigen und dafür auch andere zu begeistern – diese Fähigkeiten können hochsensible Mütter oder Väter zu tollen Eltern machen – wenn sie dafür Sorge tragen, für sich den Rahmen zu schaffen, in dem dieses Potential zur Entfaltung kommen kann. 

Falls du dich in diesem Artikel als hochsensible Mutter oder hochsensiblen Vater erkannt haben solltest, aber auch wenn dich einfach „nur“ die Tipps in diesem Artikel angesprochen haben, wünsche ich dir die Überzeugung und Kraft, genau danach zu handeln und damit liebevoll zu dir zu sein!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Einen Selbsttest, um für dich zu klären „bin ich hochsensibel?“ und weitere Information zum Thema findest du inzwischen auf vielen Websites, u.a. hier.

Weiterhin lesenswert zum Thema: lichtiges.de, die Seite der Trainerin, Autorin und Künstlerin Caren Klaschka, die im Raum Köln als Coach zum Thema Hochsensibilität berät und Workshops anbietet, sowie die bereits im Artikel genannte Website pusteblumen-fuer-mama.de, auf der die Autorin, wie ich finde, sehr ansprechend, ehrlich und „ungeschönt“ ihre Erfahrungen als hochsensible Mutter teilt. Alle Links sind persönliche Empfehlungen, ich habe durch den Verweis auf sie keinerlei finanziellen Vorteil.

Als Paar getrennt, als Eltern verbunden: Co-Parenting als alternative Familienform

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Familien leben zusammen, die Eltern trennen sich und dann haben die Erwachsenen höchstens noch miteinander zu tun, wenn es formale Dinge zu klären gibt.

Darauf einigen sich viele Paare mit Kindern nach der Trennung und für die meisten stimmt dieses Modell wohl auch. Häufig hat sich ja im Verlauf der Partnerschaft gezeigt, dass die Beziehung auf der zwischenmenschlichen Ebene nicht harmoniert und manchmal überwiegt wohl schlicht der Wunsch, mit dem anderen nach der Trennung „so wenig wie möglich“ zu tun zu haben. 

Co-Parenting als Alternative? 

Ich möchte hier dennoch ein anderes Modell beleuchten: Was ist nämlich, wenn ich nach einer Trennung mit meinem Partner zwar nicht (mehr) zusammenlebe, wir auch keine Beziehung mehr führen, uns jedoch so stark als Eltern verbunden fühlen, dass wir unsere Beziehung auf dieser Ebene weiterführen wollen – und zwar über rein formale Absprachen oder gelegentlichen Austausch hinaus?

Co-Parenting ist das Eltern-Sein auf rein freundschaftlicher Basis. Befasst man sich ein wenig mit dem Thema, stößt man z.B. auf den Berliner Autor und Referenten Jochen König, der mit einer engen Freundin sein zweites Kind zeugte, ohne mit ihr je eine Liebesbeziehung geführt zu haben. Die Frau lebte zum Zeitpunkt der Empfängnis in einer Beziehung zu einer Frau, allerdings waren sich alle drei Beteiligten einig, dass sie gleichermaßen Eltern ihres Kindes sein wollten, auch wenn, wie gesagt, zwischen Kindsvater und Kindsmutter nie eine Partnerschaft bestand. 

In „Regenbogenfamilien“, also Familien, an denen schwule oder lesbische Paare beteiligt sind, ist rein biologisch ja immer ein/e Dritte/r an der Kindszeugung beteiligt und es bleibt lediglich die Frage, wie eingebunden in das Leben des Kindes diese Person sein wird. Das kann unter Lesben von einer anonymen Samenspende bis hin zu aktiver Vaterschaft wie in Königs Fall variieren, unter Schwulen im Prinzip auch von der auf die Schwangerschaft beschränkten Leihmutterschaft bis hin zum gemeinsamen Aufziehen eines Kindes zu dritt oder gar zu viert (zwei Frauen und zwei Männer, die jeweils eine gleichgeschlechtliche Beziehung führen und von denen ein Mann und eine Frau die leiblichen, ihre Partner die Co-Eltern sind). 

Dass Familienmodelle, die Co-Parenting beinhalten, gelingen können, können viele „Regenbogen-Eltern“ bestätigen. Dass sie grandios scheitern können, wohl auch. Kompliziert wird es jedenfalls, wenn die Ursprungskonstellation sich verändert, sich die ursprünglichen Paare trennen und die Beteiligten neue Partner finden. Erhält dann ein Kind, das Co-Eltern hat, noch weitere Co-Elternteile? Und welche Rolle spielen diese wiederum im Familienzusammenhang? Patchwork 2.0 sozusagen… 

Vermutlich ist es letztlich eine Frage der Bindung zum Kind und der Bereitschaft aller Beteiligten, sich – in welcher Form auch immer – weiterhin als „Familie“ zu sehen, die solche komplexen Lebensformen möglich macht. 

Getrennt als Paar, als Eltern verbunden? 

Lässt sich nun all dies auf getrennt lebende, aber immer noch freundschaftlich verbundene Eltern übertragen? Der Unterschied zu den zuvor beschriebenen Modellen besteht ja vor allem darin, dass ein ursprünglich konventionelles Modell (Vater-Mutter-Kind(er)) erst nach der Trennung in gewisser Weise „unkonventionell“ wird, indem nämlich nach einer neuen Form des miteinander Familie Lebens gesucht wird, eben, ohne als Eltern durch eine Liebesbeziehung verbunden zu sein. 

Nun könnte man sagen, dass diese Konstellation seit jeher in Dutzenden äußerlich klassischer Familien an der Tagesordnung ist. Die Paarbeziehung ist mehr oder weniger erkaltet, man bleibt „wegen der Kinder“ zusammen, lebt die Paarebene ggf. in Form von Affären oder Nebenbeziehungen außerhalb der offiziellen Ehe und im besten Fall ist man freundschaftlich verbunden und eben nur noch äußerlich ein Paar. 

Im Grunde würde das bewusste „Co-Parenting“ nach einer Trennung dann lediglich bedeuten, dass die Trennung auf der Paarebene auch offiziell vollzogen, die Eltern-Ebene aber bewusst als Verbindung der Eltern untereinander geschätzt – und gepflegt – wird. 

Wie kann so etwas aussehen? 

Im Alltag kann diese „Beziehungspflege“ als Eltern darin bestehen, sich nicht nur regelmäßig – und über formale Absprachen hinaus – über das gemeinsame Kind auszutauschen, sondern bewusst auch mit dem Kind/den Kindern als Familie gemeinsam Zeit zu verbringen, z.B. in Form von Ausflügen oder sonstigen Unternehmungen im Alltag. 

Klar muss beiden Elternteilen sein, dass die Paarbeziehung endgültig beendet ist. Und natürlich ist auch hier die Frage, wie „stabil“ ist dieses Modell, vor allem, wenn sich eines der beiden Elternteile oder gar beide neu binden. Besteht dann seitens der neuen Partner Eifersucht auf die noch immer enge Beziehung der Eltern? Oder behindert die Co-Parenting-Beziehung sogar den Aufbau einer engen Bindung an einen neuen Partner oder eine neue Partnerin? 

Klar dürfte wohl sein, dass diese Form der Elternschaft einen komplexen Prozess der Neuorientierung fordert. Die zuvor bestehende Liebesbeziehung zwischen den Eltern muss erst endgültig (auch innerlich) abgeschlossen und ihr Verlust betrauert worden sein, bevor der Weg zu einer auf Freundschaft basierenden Elternschaft möglich ist. Das „Freunde Sein“ darf von keinem der Beteiligten als minderwertiger Ersatz für eine Partnerschaft angesehen werden, sondern als echte – von beiden erwünschte – Alternative. 

5 Aspekte gelingender Co-Elternschaft 

Als Paar getrennt, als Eltern zusammen“, nennt ein Ratgeber diese Form des Familienlebens. Die Tipps darin lassen sich wie folgt zusammenfassen: 

Lernen Sie, (wieder) konstruktiv und respektvoll miteinander zu kommunizieren 

• Seien Sie klar und verbindlich, was Absprachen und finanzielle Regelungen angeht 

• Es gibt nicht den einen, „richtigen“ Weg, um diese Form des Familie-Seins zu leben. Seien Sie kreativ darin, Lösungen zu finden, die wirklich für Sie und Ihr(e) Kinder passen und nicht solche, die Ihnen konventionell „erwünscht“ erscheinen. 

• Lernen Sie sich selbst kennen und arbeiten Sie gegebenenfalls an Ihren Schwächen 

• Seien Sie stolz auf Ihre ganz eigene Art, eine Familie zu führen. Solange Sie und Ihre Kinder damit glücklich sind, ist es die beste für Sie, völlig egal, was andere denken mögen. 

Meiner Meinung nach kann dieser Weg, auch nach einer Trennung gemeinsam als Eltern „Familie“ zu sein, gerade dann regelrecht entlastend wirken, wenn die Paarbeziehung davor durch massive Erwartungen, wie eine im konventionellen Sinn „gute“ und „richtige“ Beziehung auszusehen habe, beeinflusst war. Wir können lernen, die Großzügigkeit und Gelassenheit, die wir im besten Fall unseren engsten Freunden entgegenbringen, einem Menschen gegenüber zu zeigen, mit dem wir eine noch stärkere und zudem lebenslange Verbindung haben, nämlich ein gemeinsames Kind. 

Ob Großzügigkeit, Toleranz und Gelassenheit nicht ohnehin die beste Voraussetzung auch für eine auf Liebe basierende Partnerschaft ist, sei dahingestellt. Im besten Fall bietet das Co-Parenting Eltern, die als (Liebes-) Paar gescheitert sind, die Chance, sich als „Nur-Eltern“ tatsächlich liebevoll zu begegnen. Und in einer solchen Familie aufzuwachsen wünscht man ja eigentlich jedem Kind. 

Herzlichen Gruß, Sunnybee 

PS. Was haltet ihr vom Konzept des Co-Parenting nach einer Trennung? Kennt ihr eventuell sogar jemanden, der diese besondere Form des Familienlebens praktiziert? Ich bin auf eure Kommentare gespannt!

Willi Wiberg. Oder: Gibt es in Büchern eigentlich auch alleinerziehende Papas?

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Mit allein- oder getrennt erziehenden Eltern oder in Patchwork-Familien zu leben ist inzwischen in der Lebenswirklichkeit vieler Kinder „ganz normal“ – einerseits. Andererseits dominiert in Kinderbüchern oft noch das traditionelle Modell: Papa-Mama-Kind. 

Ein erfreuliches Gegenbeispiel und eigentlich bereits ein Klassiker ist die seit 1972 (!) erscheinende Reihe „Willi Wiberg“ der schwedischen Autorin Gunilla Bergström.

Willi und sein Papa

Willi lebt zusammen mit seinem Vater ein glückliches Kinderleben. Er ärgert sich über seine großen Cousins, die ihn nicht für voll nehmen und zeigt ihnen gewitzt, dass er schon weit mehr begreift als sie dachten. Er hält seinen Papa beim Einschlafen auf Trab, bis dieser nach dem 10. „Botengang“ erschöpft auf dem Wohnzimmerboden einnickt. Er erlebt Abenteuer mit seinem besten Freund oder seinem Fantasiefreund Alfons, von dem Willis Papa nach einiger Zeit ziemlich genervt ist. Schließlich ist er so groß, dass er selbst Babysitten darf und dabei dem kleinen Benni vom gefährlichsten, schrecklichsten Monster erzählt, das er sich ausdenken kann –  der Kleine will nämlich keine harmlose Gutenachtgeschichte. 

Willis Welt ist wohlbehütet – und dabei erfrischend wenig „pädagogisch wertvoll“. In einer der Erzählungen wundert sich sein Vater, dass sein Sohn gar keine Widerworte mehr gibt und sogar sein Zimmer aufräumt. Irgendetwas scheint mit ihm nicht in Ordnung zu sein. Und tatsächlich: Willi hat Angst vor der Schule, die er bald zum ersten Mal besuchen soll. Sein Papa erzählt ihm daraufhin, dass gerade jetzt, am Abend vor dem ersten Schultag, tausende Kinder mit klopfendem Herzen in ihren Betten lägen und keines wisse, dass genau nebenan ein Kind genau so aufgeregt wie es selbst sei. Sich auf diese Weise „in guter Gesellschaft“ zu fühlen beruhigt Willi und er schläft schließlich doch zufrieden ein. 

Pass auf, Willi Wiberg!

Andererseits gibt es Tage, an denen Willis Vater selbst nicht gut zu sprechen ist. Auch das ist erfrischend: Die Erwachsenen sind durchaus mal geistesabwesend, schlecht gelaunt oder wollen ihre Ruhe. Willi nimmt das hin wie die Wolken am Himmel und sieht die Möglichkeiten, die sich dadurch bieten: 

„[A]n manchen Tagen will Papa ganz in Ruhe gelassen werden. Dann will er Zeitung lesen oder fernsehen und überhaupt nicht mit Willi spielen. An solchen Tagen kann man auch an den Werkzeugkasten gehen. Wenn Väter in Ruhe gelassen werden wollen, kümmern sie sich nicht weiter um das, was man tut. Heute ist das so.“

Aber natürlich achtet der Vater – hinter seiner Zeitung – darauf, dass sein Sohn die gefährliche Säge aus dem Werkzeugkasten nicht nimmt. Jedenfalls erinnert er ihn mantraartig daran: „Fass die Säge nicht an!“ Willi gehorcht ihm bereitwillig – er ist mit Holzbrettern, Hammer und Nägeln aus dem Werkzeugkasten ja bereits ausreichend beschäftigt…

Die Welt aus Willis Sicht

Die Perspektive der Bücher ist großartig: die Erwachsenen sind für Willi Maßstab und Bezugspunkt, er versucht, ihren Forderungen bereitwillig nachzukommen – manchmal kommt nur etwas dazwischen, wenn zum Beispiel Willis Fantasiefreund Papas Pfeife verschludert, die zu nehmen – Willi weiß es genau – eigentlich VERBOTEN ist. Oder wenn er mit seinem aus Brettern zusammengebauten „Hubschrauber“ im Dschungel landet und ihn ein Löwe (sein Kater „Pussel“) zu verschlingen droht. Dann braucht er die Säge, um sich aus dem Hubschrauber zu befreien, bloß, dass die sein Papa strikt verboten hat… 

Willis Papa ist großzügig, gelassen und manchmal fast ein bisschen zu lieb, wie die Erzählerin an einer Stelle bemerkt. Und er ist wohl alleinerziehend. Freunde tauchen auf, Lehrer, auch Cousins und eine Großmutter, die Willi innig liebt – aber keine „Frau Wiberg“. Und letztlich kommen Willi und sein Vater zu zweit sehr gut zurecht. Papa liest seinem Sohn vor und spielt mit ihm, bindet sich die Schürze um und bringt Willi ein Glas Wasser ans Bett, liest Zeitung, raucht Pfeife und wechselt das Bettzeug, das Willi mit dem Wasser durchnässt hat. 

Willi Wiberg und sein Papa sind ein tolles Team. Und mein Sohn, ebenso wie ich, sind Fans dieser Reihe, seitdem wir sie im Bücherregal meiner Nichte entdeckt haben. Deren Vater, mein Schwager, hatte ihr seine Bücher vererbt – er ist selbst bereits mit Willi großgeworden. 

Klare Sache: Empfehlenswert!

Herzlich, Sunnybee

 

„Super-Moms“: Warum Power-Mütter ganz schön einschüchternd sein können

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7. In Worten: SIEBEN. Da musste ich doch kurz schlucken.

Was mir gestern via Handy-Display entgegenblinkte, war eine Ansage: die sieben (!) offensichtlich wohlgeratenen Sprösslinge einer Berliner Bloggerin und Autorin. Mit 44 ist Kerstin Lüking nicht nur vielfache Mutter, sondern auch beruflich engagiert als Hebamme und Erfinderin der „Wochenbettbox“, einer Art Survival-Kit für Wöchnerinnen, die im Fall akuten Hebammenmangels auf ein Paket aus Pflegeprodukten und praktischen Tipps rund um die ersten Tage mit Kind zurückgreifen können. Ach ja, und nett, locker und witzig schreiben kann sie auch, z.B. über die 10 verrücktesten Erlebnisse ihrer Hebammenkarriere oder die alltägliche Komik ihres (Groß-) Familienlebens. 

Speedboot und Holzbarke

Alles prima, oder? Warum komme ich mir dann vor, als sei ich, auf meiner Holzbarke schippernd, gerade von einem Speedboot überholt worden? Inklusive Spritzwasser und dem sprichwörtlichen „Begossener-Pudel“-Gefühl?! 

Vielleicht, weil eben immer „noch mehr“ geht. Ich habe hier im Blog bereits einmal über Lust und Last des sozialen Vergleichs geschrieben. Ein ganz besonderes Feld der sozialen Konkurrenz ist das der Mütter untereinander. Und während es mich tatsächlich kalt lässt, ob ich den perfekten Gemüsebrei zubereiten oder den Wickeltisch per Do-It-Yourself zur Raumfahrt-Spielstation umfunktionieren kann, so merke ich, dass mich die Liga „berufstätig“, „sozial engagiert“, „klug und kreativ“ sowie offensichtlich auch noch „sympathisch“ durchaus beeindruckt – und, wie jetzt bei Kerstin Lüking, auch schon mal mit latentem Minderwertigkeitsgefühl erfüllt. 

Habe ich realen Anlass zu solcherlei Gefühlen? Sicher nicht. Wecke ich selbst, mit Blog, Beruf und Kind sowie dem Stammtisch für Allein- und Getrennterziehende, den ich mit einer Freundin organisiere, in anderen Müttern ähnliche Gefühle? Vielleicht. 

Konkurrenz unter Müttern

Konkurrenz unter Müttern ist ein Tabu. Wo in der Herrenwelt spielerisches Kräftemessen und „Wer-hat-den-größten-Hahnenkamm“-Gepose angesagt ist, haben wir Damen uns lieb. Oder wollen uns lieb haben.

Wettbewerb taucht dabei ganz nebenbei in der Form der „Bei-uns-alles-easy“-Attitüde auf, in lässig unterschlagenen, bzw. humorvoll aufbereiteten, Problemen oder – online – eben als photoshop-optimierte „Happy Family“- und „Coole Mutti“-Bilderwelt. 

Da ich mich bei Facebook und Instagram ausgeklinkt habe, bekomme ich davon nicht viel mit. Im echten Leben habe ich es mit zahlreichen wirklich starken, klugen, faszinierenden Frauen und Müttern zu tun. Dafür bin ich sehr dankbar und diese Kontakte tun mir spürbar gut.

Ich bewundere auch Frauen wie Kerstin Lüking. Lasst euch von Müttern wie ihr beeindrucken, anregen oder auch überraschen! Aber vergesst dabei nicht: Echte Mütter-Power hat viele Gesichter. Manchmal kann sie auch nur bedeuten, dass ihr es nach einem „Sch…-Tag“ noch fertigbringt, eurem Kind mit einem Lächeln im Gesicht die Nase abzuwischen. 

Der Candy-Apple der „Super-Moms“, den uns soziale Medien unter die Nase halten, mag beeindruckend süß und leuchtend rot glasiert sein – aber unter der Zuckerschicht ist er – tata – eben auch nur Obst.🙂

Herzlichen Gruß, Sunnybee

„Fake News“ im Kinderzimmer: Wieviel Ehrlichkeit braucht mein Kind?

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Wir alle lügen unsere Kinder an. 

Jeden Tag. Mehrmals. Manchmal bewusst, aber oft, ohne es recht zu bemerken. Wir lügen aus Bequemlichkeit und um Konflikte zu vermeiden: „Die Gummibärchen sind alle.“ (Stimmt nicht, es ist uns nur zu mühsam, dem kleinen Schleckmaul zu erklären, warum jetzt Schluss mit Süßem ist). Aus Fürsorge: „Wenn du von dort runterfällst, brichst du dir beide Beine!“ (Na ja, aus der Höhe verstauchst du dir in Wahrheit  höchstens den Knöchel). Und schließlich – auch unseren Kindern gegenüber schon – aus Höflichkeit und zur Ermutigung: „Wunderschön gemalt!“ (wenn man dieses zweifarbige Gekritzel „Malen“ nennen kann).

Die Lüge als sozialer Kitt

Ein Schelm, wer dieses Lügen als Teil des wahren „Menschlich-Seins“ bezeichnete! Denn tatsächlich ist es für uns selbstverständlich, diese „weißen Lügen“ Familie, Freunden und Bekannten gegenüber zu verwenden. Alltagslügen machen unser Zusammenleben einfacher und manchmal auch angenehmer. „Wie gefällt dir meine neue Frisur?“ Was antworten wir, wenn wir sie in Wahrheit schrecklich finden? „Gut“?! Oder ausweichend: „Die alte war auch schön“, bzw. „Ja, toll, dass du so experimentierfreudig bist“? Nicht viele von uns würden ihrem Gegenüber wohl auf den Kopf zu sagen, dass sie den neuen Haarschnitt höchst unvorteilhaft finden.

Und so vermitteln wir unseren Kindern eine „doppelte Botschaft“: Du sollst nicht lügen. Aber Tante Maria lautstark als „doof“ bezeichnen sollst du auch nicht – selbst, wenn sie es ist. Ist das Taktgefühl? Sinnvolle Etikette und Grundlage höflichen Miteinanders? Oder einfach Erziehung zur Unehrlichkeit?

„Otto war’s!“

Warum empört es uns andererseits, wenn unser Kind „Nein, hab’ ich nicht!“ erwidert auf die Frage, ob es die Gummibärchen, die wir zuvor geleugnet hatten, gefunden und gegessen habe? Im Kleinkindalter – und aus dieser Warte schreibe ich momentan ja, mit Blick auf meinen dreijährigen Sohn – mag das noch niedlich wirken: „Hast du den Saft verschüttet?“ „Nein, [Phantasiefreund] Otto war’s.“ Oder noch besser: „Nein, du?“ (mit  unschuldigem Blick). Offensichtlich haben schon Kinder ab etwa drei Jahren ein Bewusstsein dafür, dass manches Verhalten erwünscht und anderes nicht gern gesehen ist – und dass eine (Not-) Lüge sich als Ausweg aus dieser Situation anbietet. 

Später wünschen wir uns jedoch z.B. Teenager, die uns nicht vorsätzlich anlügen, auf deren Wort wir uns verlassen können. Mein Ex-Freund und Vater meines Sohnes hat hierzu kürzlich etwas Kluges gesagt: „Wenn ich als Jugendlicher wirklich etwas ausgefressen hatte, habe ich es immer meiner Mutter erzählt. Sie wurde dann vielleicht sauer und ich musste meinen Fehler wieder gut machen – aber verurteilt hat sie mich nicht.

Ehrlichkeit entsteht durch Vertrauen

Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder zu ehrlichen Menschen heranwachsen, kommt es wohl weniger darauf an, ob wir die ein oder andere „Alltagslüge“ ihnen gegenüber verwenden, sondern vielmehr, ob wir ihnen vermitteln: „Ich liebe dich, auch wenn du etwas getan hast, was mir nicht gefällt“ und umgekehrt: „Habe ich etwas getan, was nicht in Ordnung war, versuche ich es nicht zu vertuschen, sondern stehe dazu“.

„Ja, ich habe deine Lieblingsjacke durch das falsche Waschprogramm auf Puppengröße geschrumpft“. „Nein, das Schwein lebt nicht weiter, nachdem es zu Wurst gemacht wurde“. Ehrlichkeit zahlt sich meiner Meinung nach dort aus, wo ich durch sie ihren ganz eigenen Wert vermitteln kann.

Ehrlichkeit als Basis echter Begegnung

Ehrlich zu sein kann unbequem sein, schmerzhaft und manchmal sogar gefährlich. Aber es ist meiner Meinung nach die Basis wirklich vertrauensvollen Kontakts. Schwindle ich, unterschlage Dinge und erzähle Halbwahrheiten, mag das das Zusammensein mit meinen Mitmenschen auf den ersten Blick erleichtern. Tatsächlich jedoch wird es dadurch oberflächlich und brüchig; sollte eine meiner Lügen auffliegen, erschüttert dies den Glauben an die grundsätzliche Aufrichtigkeit unseres Kontakts. 

In Zeiten von Fake News und der Inszenierung von Halbwahrheiten wird meiner Meinung nach immer bedeutender, welche Haltung wir dem Lügen gegenüber einnehmen. 

Geben wir zu, dass wir manchmal zu schwach sind, die Wahrheit zu vertreten, bemühen uns aber zugleich um Aufrichtigkeit, ist das meiner Meinung nach schon einmal ein Anfang für den Glauben an die grundsätzliche Ehrlichkeit zwischen uns. Und die ist meiner Meinung nach essentiell. Für uns – und für unsere Kinder.

Wie haltet ihr es mit den kleinen „Alltagslügen“? Absolute Ehrlichkeit oder erlaubt ihr euch – und euren Kindern – die ein oder andere Schwindelei? Wenn ihr wollt, schreibt mir euren Kommentar dazu!

Herzliche Grüße, Sunnybee

„Lasst sie spielen!“ Warum das für uns Eltern manchmal gar nicht so einfach ist

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Als engagierte Mama mache ich mir natürlich den ein oder anderen Gedanken dazu, was mein Kind, so wünsche ich es mir, zu einem selbstbewussten, mit sich zufriedenen und eigenständigen Menschen heranwachsen lässt.

Und manchmal denke ich: Eigentlich muss ich da gar nichts „machen“. Ein solcher Mensch ist mein Kind schon. Vielleicht sollte ich mehr darauf achten, in den nächsten Jahren, während ich mit meiner „Erziehung“ an ihm herumwerkle, nichts zu „versauen“?!😉

Haben dänische Kinder mehr Selbstvertrauen? 

In der Huffington Post habe ich einen interessanten Artikel gelesen, warum dänische Kinder angeblich selbstbewusster, mit mehr Selbstvertrauen und insgesamt glücklicher als deutsche Kinder seien. Wie immer natürlich als Verallgemeinerung zu kurz gedacht, teile ich dennoch im Kern die These der Autorin: statt Kinder auf Leistung (im schulischen und außerschulischen Bereich) zu trimmen und sie über Gymnastiktraining, Schach-AG und Musikunterricht zu 1a-Sportlern, -Schülerinnen oder -Musikern „formen“ zu wollen, sollte man sie viel mehr eigenständig und selbstbestimmt machen lassen, nämlich einfach spielen. Und zwar frei, allein oder mit Freunden, ohne als Erwachsene reinzuquatschen, sie anzuregen, zu maßregeln oder zu regulieren.

Spielt doch – aber so wie’s uns gefällt!

Das ist gar nicht so leicht, wie mir ein gemeinsam im Zoo verbrachter Vormittag mit einer befreundeten Mutter vor kurzem deutlich machte. Ich musste dabei an die weisen Sätze aus dem bezaubernden Kinderbuch „Ganz die Mama“ von David Melling denken:

Meine Mama mag es nicht, wenn ich mich langweile. Sie sagt dann: „Beschäftige dich doch mal!“ Aber wenn ich mir dann eine tolle Beschäftigung suche [laut, wild und/oder matschig]… dann sagt sie: „Jetzt gib doch mal fünf Minuten Ruhe!

Tja… so sind wir Eltern ja oft tatsächlich, oder? Meine Freundin, die ich an diesem Vormittag traf, war – wie ich ja oft auch – zurecht stolz, dass sich ihr 21/2-jähriger Sohn allein beschäftigte und wir uns währenddessen unterhalten konnten. Aber mehrmals an diesem Morgen erlebte ich die Situation, dass er sich gerade wirklich in ein Spiel, bzw. die Entdeckung seiner Umgebung zu vertiefen begann – und genau in diesem Moment von meiner Freundin unterbrochen wurde. Er probierte sichtlich begeistert ein Puzzle im Zooladen aus – meine Freundin trat zu ihm und fragte, ob wir nicht die Tiere im Gehege nebenan ansehen wollten.

Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Spielzeugtraktor vorbei und kaum hatte er sich das Steuer erobert und ging begeistert „auf Reisen“, unterbrach sie ihn wieder, andere Kinder wollten auch noch fahren und wir müssten jetzt auch weiter, wir wollten doch die Tiere ansehen. Ersteres stimmte, aber die Tiere liefen uns sicher nicht weg und trotz der zwei wartenden Kinder hätte sie ihn sicher noch 30 Sekunden „bis zum nächsten Parkplatz weiterfahren“ lassen können.

Und schließlich – es regnete und auf dem Zoogelände hatten sich diverse große Pfützen gebildet – unsere Jungs diese und sprangen (natürlich) mit Wonne hinein. Und auch da: kaum hatten sie sich richtig in ihr Spiel vertieft, rief meine Freundin recht scharf zum Aufbruch, die Füße ihres Sohnes würden ohne Gummistiefel nass und er solle sich nicht erkälten.

Gründe gegen freies Spielen?

Wartende Kinder am Traktor, Erkältungsgefahr oder eben der „Zweck“ des Zoobesuchs, die ausgestellten Tiere – natürlich gut verständlich, dass meine Freundin in diesen Situationen auf Aufbruch drängte – ich habe es in ähnlichen Momenten selbst schon getan. Und doch unterband sie damit, vermutlich völlig unbeabsichtigt, den Impuls ihres Sohnes zu wirklich eigenständiger Beschäftigung. Und das, obwohl sie genau das, wie sie selbst sagt, eigentlich sehr schätzt.

Dass sie vielleicht zum Aufbruch rief, weil sie selbst die Tiere sehen wollte, keine Lust hatte, im Zooladen, bzw. in der Kälte herumzustehen oder die nassen Kleider ihres Sohnes zu wechseln, fände ich wiederum überaus legitim. Aber vielleicht sollten wir unseren Kindern, wenn wir das nächste Mal zu ihnen sagen: „Spielt doch!“ auch ehrlich hinzufügen: „Aber spielt etwas, was mir gefällt, bzw. was ich für sinnvoll/pädagogisch wertvoll/anderweitig erbaulich erachte.“

Das wäre wohl manchmal ehrlicher, als die Freiheit und Eigenständigkeit unserer Kleinsten zu fordern – und im nächsten Moment dann doch zu beschneiden.

Oder was meint ihr? Einschreiten, wenn es zu laut/zu wild/zu matschig wird? Oder einfach machen lassen? Wieviel – und welches Spiel – erlaubt ihr euren Kindern?

Herzlichen Gruß, Sunnybee