alleinerziehend, Familie, Gesellschaft

Schatzkiste für kleinste Familien: Impulse für das Leben allein mit Kind (5)

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Folge 5: Das war schon immer so – wir machen das anders: Familienwerte und -traditionen

Manche Dinge, die unsere Eltern uns vorgelebt haben, wollen wir ganz anders machen. Andere behalten wir gerne bei. Was prägt uns und wie gehen wir mit dieser Prägung um? Welche Verhaltensweisen leben wir – womöglich kaum bewusst – weiter und was möchten wir unseren Kindern wirklich weitergeben? Ein weiteres „Schatzkisten-Gespräch“ zwischen der Berliner Autorin Bernadette Conrad und mir, diesmal zum Thema Familienwerte und -traditionen. Lest hier!

Wer wir sind?

Bernadette Conrad, Mutter einer inzwischen 19-jährigen Tochter, Journalistin, erfolgreiche Autorin (u.a. „Groß und stark werden. Kinder unterwegs ins Leben“, „Die kleinste Familie der Welt“) und seit Geburt ihrer Tochter alleinerziehend und Sarah Zöllner, Mutter eines fünfjährigen Sohnes, getrennt erziehend, Lehrerin in der Erwachsenenbildung und seit kurzem ebenfalls Autorin ihres ersten Buches („Alleinerziehend – und nun? Texte der Stärkung bei Trennung und Verlust“).

Bernadette:

Autorin Bernadette Conrad

Es gibt ein paar klare Nachteile, wenn man „spät“ Mutter wird. Man ist, wenn das Kind in die Pubertät kommt, nicht mehr auf dem gleichen Kräfteniveau wie man es mit 40 gewesen wäre, zum Beispiel. Dabei geht es ja gerade in diesen Jahren nochmal darum, ganz präsent sein und jenen „Widerstand“ bieten zu können, an dem das „Kind, das nicht mehr Kind ist“ wachsen, sich reiben und eigene Positionen finden kann.

Aber es gibt mindestens einen großen Vorteil, der für mich persönlich, als ich mit 37 meine Tochter bekam, entscheidend war: Ich hatte schon lange und nachdenklich mein Eigenes gelebt, war schon ein paar Mal gründlich auf die Nase gefallen und wieder aufgestanden, hatte genug Zusammenhänge verstehen und Entscheidungen fällen müssen, um inzwischen zu wissen, dass ich – wie vermutlich wir alle – deutlich mehr vom Unbewussten gesteuert werde, als von der uns bewussten Steuerung und dem, was wir uns an Instrumentarium zulegen.

Ich wusste, als ich Mutter wurde, dass ich „im Guten wie im Schlechten“ angefüllt war mit dem, was mir in meinem Elternhaus, in Kindheit und Jugend vermittelt worden war; und dass ich dies, jedenfalls im Kern, weitergeben würde, ob ich wollte oder nicht. Ich wusste, dass meine Versuche, es „ganz anders zu machen“, so lange „Kosmetik“ bleiben würden, wie ich nicht innerlich ernsthaft und tatsächlich die Prozesse durchlaufen und die Dinge zu lösen begonnen hatte, die ich in meinem eigenen Leben zu lösen hatte.

Ich gebe ein konkretes Beispiel: Mich selbst hatte es schon als Kind verstört, dass bei mir als „Mädchen“ ein fröhliches, lächelndes Gesicht das Wichtigste von allem zu sein schien. Trauer, Bedrücktheit, Ernst waren nicht so willkommen. Man sah ja auch viel „hübscher“ aus, wenn man lächelte. Verstörend daran war (natürlich), dass ich mich sehr oft gar nicht nach Lächeln fühlte.

Als ich Mutter wurde, wusste ich, dass es mir der oberste aller Werte sein würde, meiner Tochter alle Gefühle zu erlauben und diese nicht zu bewerten (was natürlich keineswegs heißen würde, dass sie alles machen dürfte… ein Kind seine Wut oder einen Kummer erleben lassen, heißt nicht, dass es Dinge kaputtmachen oder andere schlagen darf. Das Kind im „Ausagieren“ zu begrenzen, bedeutet nicht, ihm die Möglichkeit zu nehmen, die Gefühlsqualitäten haben und erleben zu dürfen).

Was ich meine: Es würde mir nur gelingen, etwas anderes als das von mir Erlebte zu vermitteln, wenn ich das „Lächel- und wahrhaftige-Gefühle-Thema“ tiefer verstanden und dort verhandelt und ausgetragen haben würde, wo es herkam: Ich musste es im eigenen Leben klar kriegen. Nur das würde in die Tiefe reichen, würde in meinem Unbewussten ankommen und damit ermöglichen, dass ich meiner Tochter wirklich etwas anderes weitergebe. Heißt konkret: den wirklich wichtigen, den existenziellen Konflikten, darf man nicht ausweichen. 

Und natürlich gibt es umgekehrt auch die Dinge, die ich gern weitergebe – weil ich froh und dankbar bin, dass sie mir vermittelt wurden und dass sie zu meiner Ausrüstung gehören. Auch über diese weiß ich heute mehr. Dass meine Mutter in mancher Hinsicht unkonventionell war, hilft mir dabei, mich nicht permanent abhängig zu machen davon, was „die Leute denken“ könnten. Dass mein Vater ein Büchermensch mit großer Liebe zur Literatur war, hat mir den Weg in meinen Beruf als Journalistin und Autorin gebahnt.

Was ist mein Fazit? Es lohnt sich, über die Frage „Was will ich weitergeben?“ nicht nur abstrakt nachzudenken. Sondern eher tief in sich hineinzuhören: Unter was habe ich so gelitten, dass ich es keinesfalls weitergeben will – und wenn ich darunter immer noch leide: Muss ich da vielleicht „zur Quelle gehen“ und den Fluss umleiten?

Sarah

Autorin Sarah Zöllner

Zur Quelle gehen und den Fluss umleiten… ein schönes Bild – und oft jahrelange „Seelenarbeit“, die Großes beinhaltet: Dass ich nämlich tatsächlich erkenne, welche Glaubenssätze und Verhaltensweisen ich in mir trage und diese nicht nur rational hinterfrage, sondern neu für mich wähle: was ist meine Wahrheit; was übernehme ich von dem, was mich geprägt hat und wo sage ich: STOP, das will ich nicht mehr, das bin ich nicht, das passt nicht für mich? 

Was mir spontan einfällt, wenn ich an die Prägungen durch meine Herkunftsfamilie denke, ist ein sehr stark ausgeprägtes Verantwortungs- und Pflichtgefühl, besonders meines Vaters. Für seine Liebsten ist dieser durchs Feuer gegangen, hat sich aber, zumindest habe ich das so als Jugendliche und junge Frau empfunden, an beruflichen und privaten Verpflichtungen auch beinahe aufgerieben und hat meinem Empfinden nach dabei zeitweilig zu wenig auf sich selbst geachtet. Er ist schließlich bereits mit Mitte 50 verstorben und sein Tod hat mich tief geprägt: die Wahrnehmung, wie schnell alles anders sein kann und dass das Leben daraus besteht, JETZT und JETZT den Moment wahrhaftig wahrzunehmen und zu genießen. 

Andererseits sind meine Eltern als junges Paar gegen alle Konventionen über 1 1/2 Jahre zu zweit in einem ausgebauten VW-Bus und mit minimalen finanziellen Mitteln durch Südamerika gereist, zu einem Zeitpunkt, als dies in weiten Teilen dieses Kontinents noch wirklich abenteuerlich war. Die Haltung, auch Unkonventionelles zu wagen und die Möglichkeiten, die das Leben bietet, zu nutzen, habe ich für mich ebenfalls verinnerlicht

In Bezug auf den Umgang mit meinem Kind (seit kurzem mit meinen zwei Kindern) finde ich es besonders wichtig, dass ich mir bewusst werde, was mich geprägt hat und dass ich meine seelischen Ressourcen, aber auch Verletzungen gut kenne. Nur so kann ich meinem Kind tatsächlich empathisch entgegentreten. Ich bin dann nämlich nicht vor allem mit meinen eigenen Themen beschäftigt, sondern habe den Raum, wach und unvoreingenommen auf mein Kind zu reagieren. 

Konkreter: was „nervt“ – aber auch freut – mich an meinem Kind? Und warum? Mein Sohn ist mir manchmal zu „wild“ in seinem Bewegungsdrang, seinem Gerangel und Getobe. Aber kritisiere ich ihn dafür oder nehme ich wahr, dass ich z.B. gerade auf meine Grenzen achten und für mein Bedürfnis nach Ruhe sorgen sollte? Dann kann ich meinem Kind ganz anders entgegentreten. Indem ich es nämlich nicht für sein So-Sein bewerte und verurteile, sondern mich selbst bewusst in meinem So-Sein annehme und für mich sorge. Dann fordere ich – je nach Alter und Möglichkeit meines Kindes – eine halbe Stunde Ruhezeit für Mama ein, in der es sich still und ohne mich beschäftigt, oder ich leite seine Energie in Bahnen, die uns beide wieder Freude machen: dann darf mein Fünfjähriger Obst schneiden, mit dem Mixer hantieren und die Form ausschlecken beim gemeinsamen Kuchenbacken, oder wir machen ein Wettrennen mit dem Rad durch den nächsten Park. 

Ich persönlich bin für vieles dankbar, was meine Eltern mir als Werte und Traditionen mitgegeben haben. Und manches entdecke ich jetzt als Mutter ganz selbstverständlich wieder. Aber ich hinterfrage auch einige Verhaltensweisen, ändere sie für mich ab, gestalte Dinge ganz anders, frage mich: will ich das so wirklich für mich? Diese Schritte zu gehen bedeutet für mich, tatsächlich erwachsen zu werden: entwachsen meiner Herkunft und ihren Prägungen, ohne diese im Ganzen abzulehnen. Ich muss mich nicht gänzlich frei machen von dem, was mich geprägt hat, aber ich habe meinen eigenen Stand. Ich bin mir bewusst, was mich noch prägt und was davon ich weiter leben – und weitergeben – will. Und ich habe die Wahl. Weil ich selbst-bewusst mein Leben lebe. 

Kontakt zu Sarah und Bernadette?

Was ist deine Meinung zum Thema „Familienwerte und -traditionen“? Was war bei euch in der Familie „schon immer so“ – und was machst du vielleicht ganz anders? Oder behältst es bewusst bei? Schreibe uns gerne deine Erfahrungen!

  • Als Kommentar unter diesen Blogbeitrag,
  • als E-Mail an kontakt@mutter-und-sohn.blog oder
  • als Kommentar auf der Facebook-Seite von mutter-und-sohn.blog

Unsere nächste Schatzkiste?

Unsere nächste „Schatzkiste für kleinste Familien“ findet ihr hier im Blog Anfang 2021, dann wie gewohnt am ersten Samstag im Monat. Schreibt uns gerne, welche weiteren Themen rund um das Familienleben allein mit Kind euch interessieren. Wir freuen uns auf eure Fragen!

Bereits erschienen:

Folge 1 „Flexibilität“ (Juni 2020)

Folge 2 „Streiten mit Kind“ (Juli 2020)

Folge 3 „Typisch Mann – typisch Frau? Rollenbilder und Klischees“ (August 2020)

Folge 4 „Zocken und Matschburgen bauen – Kinder zwischen Medien und Natur“ (September 2020)

Folge 5 „Das war schon immer so – wir machen das anders: Familienwerte und -traditionen“ (Oktober 2020)

Herzlich: Sarah und Bernadette

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[Fotos: privat, Sofia Wagner Fotografie]

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