Inklusion im Schulunterricht: Was ich von meinen körperlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern lerne

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Inklusion in der Schule erfordert Respekt und Aufmerksamkeit – von allen Beteiligten

Ich arbeite seit inzwischen fast zehn Jahren als Lehrerin an einer Schule, an der Erwachsene ihr Abitur nachholen. Meine Schüler/innen, bzw. Studierenden, wie die Erwachsenen an unserer Schule genannt werden, sind äußerst unterschiedlich. Unter ihnen sind Menschen mit Fluchterfahrung und noch geringen Deutschkenntnissen ebenso wie junge Frauen und Männer mit psychischen und körperlichen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Einer meiner Kollegen sitzt im E-Rollstuhl und unterrichtet mit Assistenz. Für alle ist es inzwischen Alltag, ihn mit seiner Begleitung zu sehen, die ihm z.B. in der Schulmensa bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist oder Kursmaterialien für ihn kopiert. Auch einer meiner Studierenden ist aufgrund einer spastischen Lähmung auf Assistenz angewiesen. Sein jeweiliger Assistent, bzw. seine Assistentin sitzt mit im Unterricht und macht auf seine Anweisungen hin Notizen. In Klausuren erhält er als Nachteilsausgleich 50% mehr Zeit für das Bearbeiten der Aufgaben. Sein Assistent oder seine Assistentin notiert dabei wie im Unterricht handschriftlich, was er ihnen diktiert. 

Methodik mit Tücken

An einem meiner Leistungskurse nimmt neben diesem Studierenden ein junger Mann mit starker Seheinschränkung teil. Ich finde es beeindruckend, wie locker und selbstverständlich beide mit ihrer Behinderung umgehen. Letztlich lernen alle im Kurs dadurch viel von ihnen. Mein seheingeschränkter Studierender verfügt, wie er mir erklärte, noch über einen Sehrest, der ihm die Wahrnehmung von Schwarz-weiß-Kontrasten, Konturen und kräftigen Farben ermöglicht. Texte liest er mit einem elektronischen Lesegerät, bzw. mit einer Leselupe auf dem Tablet, das ihm diese stark vergrößert. Auch seine Notizen macht er, indem er die Arbeitsblätter unter die elektronische Lupe legt und so seine eigene Schrift lesen kann. Tafelbilder fotografiert er ab und sieht sie sich auf dem Tablet von Nahem und vergrößert an, die Klausuren schreibt er an einem extra dafür verwendeten PC. Ich als Fachlehrerin speichere das Dokument nach Ende der Klausur auf USB-Stick und drucke es mir für die Korrektur aus. 

Kürzlich wurde mir während einer Stunde aber noch einmal bewusst, wie „blind“ wir Sehenden manchmal sind trotz aller Reflektiertheit für die Andersartigkeit – und damit auch die anderen Bedürfnisse – unserer Gegenüber. Ich hatte die, wie ich fand, tolle Idee gehabt, als Einstieg in ein neues Thema ein „Schreibgespräch“ zu initiieren, eine Methode, bei der meine Studierenden sich in kleinen Gruppen über ein vorher bestimmtes Thema (hier eine neu begonnene Lektüre) ausschließlich schriftlich austauschen sollten. In ihrer Mitte lag also ein großes Blatt und sie sollten ihre Gedanken und Assoziationen darauf notieren und wiederum Kommentare und Anmerkungen – ebenfalls ohne Worte – neben die Notizen ihrer Mitschüler/innen schreiben. Als Abschluss der Gruppenarbeit sollten sie, nun wieder mündlich, die wichtigsten Ergebnisse des Austauschs im Plenum vortragen. 

Logisch, dass diese Methode nicht gerade inklusiv für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler ist? Ebenso wenig wie für diejenigen, die nicht selbst einen Stift halten können? Mir fiel das tatsächlich erst auf, als meine Studierenden schon mitten in der Gruppenarbeit steckten und es war mir, ehrlich gesagt, ganz schön peinlich. 

Die soziale Kompetenz meiner Studierenden 

Nun kam ich jedoch in den Genuss der wahren Kompetenz meiner Studierenden – der körperlich eingeschränkten wie der nicht eingeschränkten: wirklich alle beteiligten sich an der Gruppenarbeit. Mein Studierender mit Schreibassistenz, indem er seinem Assistenten halblaut diktierte, was dieser auf das Blatt in der Mitte schreiben sollte. Mein Studierender mit Seheinschränkung, indem ihm seine Mitstudierenden halblaut vorlasen, was sie geschrieben hatten, bzw. indem er ihre Notizen mithilfe der Leselupe auf seinem Tablet vergrößerte und anschließend seine Kommentare dazu schrieb. Außerdem gingen die Studierenden in dieser Gruppe wie selbstverständlich dazu über, ihre Notizen in verschiedenen Farben zu machen. Eigentlich klar: für jemanden, der nur eingeschränkt sehen kann, bedeutet es eine zusätzliche Anstrengung, auch noch verschiedene Handschriften auseinanderzuhalten und somit ohne Worte zu erfassen, wer was in diesem „Schreibgespräch“ gesagt hat… Das alles lief so selbstverständlich und entspannt ab, dass ich wirklich staunte. Dafür, dass ich mit der Absicht methodischer „Auflockerung“ eigentlich gerade jede Barrierefreiheit beseitigt hatte, wussten sich ALLE meine Studierenden beeindruckend gut zu helfen. 

Auch das Feedback meines seheingeschränkten Studierenden nach der Übung, als ich alle im Kurs um eine kurze Rückmeldung zur Methodik bat, war äußerst aufschlussreich für mich. Es sei eine „sehr interessante Erfahrung“ gewesen, „wenn auch vielleicht nicht die ideale Methode für Menschen mit Seheinschränkung“, wie er mit feiner Ironie bemerkte. Aber was ihm sehr gefallen habe: in der Klasse sei es endlich mal komplett ruhig gewesen… Wir mussten alle lachen und auch diesbezüglich hatte ich durch einen einzigen Satz wieder etwas begriffen: wie anstrengend nämlich sonstige Gruppenarbeit, in der 20  bis 30 Menschen, wenn auch nur halblaut, sich zur selben Zeit unterhalten, für Studierende mit Seheinschränkung sein muss. Wenn ich ohnehin schon einen Großteil meiner Sehkraft über das Gehör kompensieren muss und nonverbale Gesprächssignale wie Nicken oder Kopfschütteln für mich nur schwer erkennbar sind, wie anstrengend muss dann eine solche Geräuschkulisse während des Austauschs mit anderen sein! 

Tja… und so ging ich selbst an diesem Tag ein Stückchen klüger nach Hause sowie ziemlich beeindruckt von der echten Inklusion, die ich an diesem Tag erlebt hatte! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Danke an Lydia! Dieser Beitrag erschien zuerst als Gastbeitrag auf ihrer Website lydiaswelt, wo sie sehr informativ und zugleich unterhaltsam über ihr Leben als Mutter und Autorin mit Sehbehinderung schreibt.

Egoismus – supercool, oder?

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„Supercool, dass du Henri dein Förmchen nicht gibst. Haben wir schließlich für dich gekauft, nicht für ihn.“ „Klar, kannst du das größte Stück Kuchen haben, hattest es ja schon in der Hand.“ „Wirf das Bonbon-Papier ruhig auf den Boden. Die Müllmänner räumen es dann weg.“

Diese Aussagen würden wir unseren Kindern gegenüber eher nicht treffen?

Warum handeln wir dann trotzdem (manchmal) entsprechend?

Vor wenigen Tagen, auf dem Weg zur Arbeit: Die Strecke ist hübsch und führt mich durch zwei große Parkanlagen. An diesem Morgen komme ich mir jedoch vor, als habe die „Regie“ ein Störsignal in die – eigentlich malerische – Szenerie eingebaut: Zwischen bunt bepflanzten Beeten Dutzende überquellender Mülleimer. Auf den akkurat gestutzten Rasenflächen leere Chipstüten, Einwegbecher, Essensreste – und mindestens drei Einweggrills. Offensichtlich das Ergebnis der Wochenenderholung hunderter Städter vor dem Einsatz der örtlichen Reinigungstrupps. 

Einige Stunden später, auf meiner Heimfahrt von der Arbeit, ist der „Spuk“ beseitigt, die Rasenflächen nicht mehr bunt verdreckt, die Mülltonnen geleert, aller Abfall in Tüten verstaut und abtransportiert. 

Mein Unbehagen bleibt bestehen

Abgesehen davon, dass mir die kleine Episode eindrücklich zeigt, wie viel Müll einige Hundert Menschen im Rahmen ihrer Freizeitgestaltung an nur einem Wochenende produzieren können und was geschehen würde, wenn der Öffentliche Dienst der Stadtreinigung nur wenige Tage seinen Dienst niederlegen würde; abgesehen von diesen beiden Punkten frage ich mich: Wer hat all diesen Müll einfach liegen lassen?!

Und damit meine ich nicht die vollgestopften Tüten, die neben den bereits überquellenden Mülltonnen standen. Sondern die einzelne Plastikschale hier, den Pappbecher dort, eine geleerte Getränkedose, eine zerbrochene Flasche, verteilt auf Grasflächen, Bänke, Treppenstufen und auch zwei Spielplätze, an denen ich vorbeifuhr.

Egoismus ist cool, oder? 

Sind das dieselben Mütter und Väter, die ihren Kindern Biogemüse kochen und grünen Strom beziehen? Oder ein ganz anderer „Menschenschlag“, die heimlichen Darth Vaders der Umweltaktivisten? Sind es „Immer die andern“, wie die Liedermacherin und Musikproduzentin Dota Kehr in einem ihrer Lieder selbstkritisch fragt? 

Momente selbstbezogenen Handelns sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Oft fallen sie uns gar nicht mehr auf, oder wir empören uns lediglich über sie, wenn wir ihre Folgen am eigenen Leib spüren: „Die hat sich einfach nicht an die Absprachen gehalten“ oder: „So ein Rüpel, hätte mir doch die Tür aufhalten können“, beschweren wir uns, ohne zu überlegen, wie vielen Freunden und Bekannten wir in letzter Zeit kurzfristig abgesagt haben, wo wir unsere Kontakte genutzt haben, um den letzten Platz in einer begehrten Veranstaltung zu ergattern oder in welcher Schlange wir uns zuletzt vorgedrängelt haben…

Egoismus wird nicht cool, bloß weil er „normal“ ist 

Aber Egoismus wird nicht cool, bloß weil ihn viele zu ihrem Maßstab erheben. Geiz ist nicht „geil“, bloß weil eine Elektronikmarkt-Kette ihn zum Teil ihres Slogans macht. Kurzfristig absagen, weil man „Besseres zu tun“ hat, wird nicht dadurch besser, dass viele es tun. YouTube-Schadenfreude- oder Bodyshaming-Videos („Schau mal, die fette Kuh!“ „Höhö, der rennt tatsächlich gegen den Zaun!“) bieten vielleicht für den Moment Erheiterung und das Gefühl, besser dazustehen als andere, sie sind aber ähnlich unsympathisch wie das „Ätschibätsch“ der Kindergartenfreundin vor 25 Jahren. Und Müll, den wir in der Natur verstreuen, räumt sich eben nicht von selbst weg, auch wenn uns das im Rausch der ersten wärmenden Sonnenstrahlen entfallen sein mag. 

Egoismus macht einsam

Im Gegenteil. Egoismus lässt uns ziemlich alleine dastehen. Selbst im Business-Jargon ist die „Win-Win-Situation“ inzwischen eine wohlbekannte Phrase. Zum Wohle anderer zu handeln und davon selbst zu profitieren mag sogar wenig altruistischen Gemütern reizvoll erscheinen. Tatsächlich stehen wir längerfristig besser da, wenn wir sozial handeln. Kurzfristig mag uns unsoziales Verhalten, dem keine direkte Bestrafung folgt, attraktiv erscheinen – aber wenn wir wählen können, ob wir unsere Zeit lieber mit dem unkooperativen Ego-Shooter verbringen, mit der selbstbezogenen Zicke oder aber mit Menschen, die mehr im Blick haben als sich selbst, fällt unsere Antwort sicher eindeutig aus. Der Psychologe John Cacioppo von der Universität Chicago veröffentlichte mit Kolleg/innen im Fachmagazin „Personality and Social Psychology Bulletin“ Mitte 2017 eine Studie, wonach soziale Isolation zu einem Gefühl der Bedrohung und damit aus Selbstschutz zu egoistischerem Verhalten führen kann – und umgekehrt eben genau dieser Egoismus zu weiterer sozialer Isolation.

Situationen, in denen wir auf die Großzügigkeit, das Mitdenken und Engagement anderer angewiesen sind und sein werden, gibt es mehr als genug. Wonach sehnen wir uns, wenn wir krank sind? Was werden wir brauchen, wenn wir alt und gebrechlich sein werden? Wer sorgt – zu einem oft viel zu geringen Lohn – für unsere Kinder? Wo können wir „wir selbst“ sein, das Schutzschild, das wir gegenüber der (Arbeits-) Welt aufrecht erhalten, sinken lassen? 

Vielleicht sollten wir das bedenken, bevor wir in der Kantine unserem Kollegen das letzte Stück Kuchen wegschnappen – und nicht erst wenn unser Kind das nächste Mal nach den Sandförmchen seines Spiel-Buddys grapscht. 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

„Top 5 Bio-Hacks“: Wenn Sprache ausschließt und Worte Barrieren schaffen.

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Kürzlich kaufte ich mir nach Längerem wieder einmal eine Zeitschrift, die sich als „Magazin für Pop, Politik und Feminismus“ bezeichnet. Eigentlich Themen, die mir selbst am Herzen liegen. 

Top 5 Bio-Hacks

Ich schlug willkürlich eine Seite auf und stieß auf den Artikel: „Top 5 Bio-Hacks“. Und nein – der Kalauer sei erlaubt – hier geht es nicht um Kleingehacktes, sondern vielmehr… ja, um was eigentlich?

Tamara Pertamina ist eine multidisziplinäre Künstlerin und ehemalige Sexarbeiterin aus Yogyakarta, die sich mit Geschlechtsidentität im präkolonialen Indonesien beschäftigt. Ihr Studio befindet sich im HONFabLab, dem ersten Makerspace seiner Art in Indonesien. Hier werden Kunst, Wissenschaft und Technologie in einen Dialog gebracht, um Fragen der sozialen Gerechtigkeit zu reflektieren.

Aha. Ich verstehe nicht alles, aber Fragen der sozialen Gerechtigkeit interessieren mich durchaus. Außerdem will ich wissen, was es mit den „Bio-Hacks“ auf sich hat. Also lese ich weiter. Ein paar Zeilen später erfahre ich, was Ms. Pertaminas Arbeiten auszeichnet:

Ihre jüngste Performance „The CRISPR Sperm Bank: Experience Trans-Species Possibilities“ (die Abkürzung steht für „Clustered Regularly Interspaced Short Palimdromic Repeats) wirft Fragen nach den politischen und ökonomischen Dimensionen wissenschaftlicher Spekulationen über mögliche transgene Zukünfte auf. Kann Queer Theory in diesem Kontext kreative Wege des Nachdenkens über Transbiologie aufzeigen? „Wenn mein ganzer Körper aus Plastik hergestellt werden kann, was ist dann organisch? Nur mein Herz“, so Tamara Pertamina im Interview mit hyperallergetic.com.

Sorry… ich bin des Deutschen wie des Englischen mächtig, aber hier verstehe ich schlicht kaum ein Wort. Was, um Himmels Willen sind „transgene Zukünfte“? (Bis jetzt wusste ich nicht einmal, dass sich „Zukunft“ im Plural deklinieren lässt). Was sind „Clustered Regularly Interspaced Short Palimdromic Repeats“? Und, ok, es geht offensichtlich um die Verfremdung und Erweiterung des Körpers mithilfe von Genmanipulation oder plastischer Chirurgie (das „Plastik“ im Körper?). Was das alles mit „sozialer Gerechtigkeit“ zu tun hat, erschließt sich mir beim Lesen des Artikels schlicht nicht. 

Sich über Fremdes lustig machen 

Andere Welten. Jawohl, es ist immer leicht, sich über Fremdes lustig zu machen. Oft genug schlicht, weil man es nicht begreift. Das Magazin spiegelt offensichtlich einen akademischen Gender-Feminismus, zu dem ich, die ich nicht dessen ganz speziellen Sprach-Code beherrsche, schlicht keinen Zugang habe. 

Sorry, aber das ist Bullshit: Sprache, die trennt, die Barrieren schafft. Da helfen auch keine Gender*Sternchen…

Einige Seiten davor lese ich in einem Artikel zum Thema „Kinder kriegen oder kinderlos bleiben“:

Heti [die Autorin des Buches, das in dem Beitrag besprochen wird] argumentiert stets als die Künstlerin, die ihre Freiheit und Einsamkeit schätzt und nicht nur, wie Eltern es tun, ein paar Leben, sondern potenziell Generationen überdauernde, Tausende Existenzen berührende Werke hervorbringt.

Aha. Hier scheut das Magazin die klaren Worte nicht. Eltern, die „nur ein paar Leben“ produzieren vs. Künstlerinnen (und hier sind nur die kinderlosen gemeint), die Generationen überdauernde Werke schaffen. Die ewige Spaltung in die niedere Biologie und die höheren geistigen Sphären. Nur stehen sich hier zur Abwechslung einmal nicht das niedere, dem Gefühl und sinnlichem Empfinden unterworfene Weib und der rationale Mann gegenüber, sondern Eltern vs. kinderlose Kreative. 

Spaltung statt Solidarität

Vielleicht kein Zufall, dass viele der Autor*innen gerade letzterer Kategorie angehören? Der Artikel mit dem sprechenden Titel „Abgrund Mutterschaft“ (so wird er auf dem Cover des Magazins beworben), zeigt, ebenso wie der Text zu den „Bio-Hacks“, jedenfalls, welcher Graben zwischen Menschen verläuft, die sich im Namen von Gender Forschung und Queer Theory mit „transgenen Zukünften“ befassen und Menschen, die einfach nur ihren Kindern die Nase abwischen, ihnen Roller fahren beibringen und sie in ein Leben als zufriedene, sozial kompetente Erwachsene begleiten wollen.

Betrachte ich mich selbst als Mutter sowie – meinem Selbstverständnis nach – als durchaus intellektuelle, akademisch gebildete Frau, so merke ich: Ich bin mit dieser Form des „Feminismus“ nicht gemeint. Jedenfalls mit meinen Bedürfnissen, wegen Teilzeitarbeit nicht an gläserne Decken zu stoßen oder trotz reduzierter Arbeitszeit eine vernünftige Altersversorgung zu bekommen. Wer sich gedanklich mit „Clustered Regularly Interspaced Short Palimdromic Repeats“ beschäftigt, kämpft eher nicht für mehr Kindergartenplätze und das Recht von Frauen (und Männern), zu entscheiden, wann arbeite ich z.B. weniger, um für meine alten Eltern oder meine Kinder da zu sein? Videoinstallationen und Performances mögen kontroverse Themen aufgreifen. De facto helfen sie Frauen, Homosexuellen, Trans* und Co aber wohl nur peripher dagegen, wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihres Geschlechts oder der Kleidung, die sie tragen, diskriminiert, belästigt und bedroht zu werden. 

Queer- und Gender-Studies sind aufgebrochen um Normen zu hinterfragen und (Geschlechter-) Grenzen aufzubrechen. Leider, so kommt es mir jedenfalls nach dem Blättern in diesem Magazin vor, haben sie neue Barrieren errichtet: Eine Sprache, die allein durch ihre Komplexität, durch hunderte, nur einem geschulten Publikum erschließbare, Querverweise und Bezüge ausschließend wirkt. Und eine Haltung, die im Namen von Minderheiten die Probleme ganzer Bevölkerungsschichten ignoriert, bzw. herunterspielt. Nein zu „Blackfacing“ und „Heteronormativität“, aber „Alltagssorgen“ wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind „nicht ihr Thema“. 

Der Artikel zur (Anti-) Mutterschaft fasst das klar zusammen: 

Hetis Beobachtungen, warum es für Frauen heute immer noch fast unmöglich ist, beides zu haben [Kind und berufliche Erfüllung], sind so scharfsinnig wie wütend, lassen die Leser*innen aber doch ein wenig desillusioniert, fast unbefriedigt zurück, da der Status quo klug beschrieben, aber nicht an ihm gerüttelt wird.

Tja, allein dafür lohnte sich für mich die Lektüre der Zeitschrift. Ich persönlich, als Frau und Mutter, fühle mich von einem Feminismus nicht repräsentiert, der über die „Unterdrückung von gebärfähigen Menschen“ (Bonmot aus einem weiteren Artikel) schwadroniert, aber sich letztlich nicht für Eltern interessiert, die „nur“ die eigenen Kinder produzieren und ins Leben begleiten. 

Nein danke, diesen Prophet*innen glaube ich nicht!

Und ihr? Steht ihr dieser Form des Feminismus ebenfalls skeptisch gegenüber oder könnt ihr ihm durchaus etwas abgewinnen? Oder ist euch die Empörung über „toxische Männlichkeit“ sowie der Kampf für „Safer Spaces“ und eine „körperpositive Haltung“ schlicht egal? Freue mich über eure Kommentare.

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

 

Geduld: Wie sie uns hilft, unsere Ziele zu erreichen

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Tempo, Tempo! Unsere Welt zelebriert die Geschwindigkeit. Wir bewegen im Netz gigantische Datenmengen, beantworten unsere Mails innerhalb weniger Stunden und werden nervös, wenn unsere Freunde nicht umgehend zurückrufen, obwohl sie unsere Nachricht offensichtlich bekommen haben.

Geduldigsein ist unbeliebt

„Gedulde dich!“ Das hören wir nicht gern. Wir möchten über unsere Zeit frei bestimmen können, möchten auch bei Entscheidungsprozessen eine Lösung möglichst sofort oder wenigstens in klar definierter Zukunft erhalten. Nicht umsonst gibt es in vielen Behörden Wartemarken, anhand derer wir uns orientieren können, wann wir an der Reihe sind: sie strukturieren die Zeit, die wir wartend verbringen und erleichtern es uns somit, geduldig zu sein. 

Aber was tun wir in Situationen, die uns Geduld ohne Wartemarke abverlangen? In denen wir zum Teil noch nicht einmal wissen, ob wir das Ziel, das uns vorschwebt, irgendwann erreichen? Wie gehen wir mit Prozessen um, deren Tempo wir nicht beschleunigen, die wir noch nicht einmal aktiv steuern können? 

Geduld ohne klares Ziel

Gerade innere Entscheidungsprozesse fordern oft, dass wir auf ihr Ergebnis warten können: Egal, ob wir über eine berufliche Veränderung nachdenken, über einen Wohnortswechsel oder über Dinge, die wir in unseren privaten Beziehungen ändern wollen, schnell geht da meist gar nichts. 

Oft steht uns zunächst nicht mehr zu Verfügung als die Wahrnehmung: „Hier stimmt was nicht“. Aber damit spüren wir häufig noch keinen eindeutigen Impuls in eine andere Richtung. „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, so ließ schon Goethe seinen Dr. Faustus klagen. Je nach Temperament neigen wir dazu, das ursprüngliche Unbehagen zu negieren und zu versuchen, „alles beim Alten“ zu lassen – oder aber wir verfallen in hektischen Aktionismus: irgendwas müssen wir doch tun – die aktuelle Situation ist jedenfalls unerträglich. 

Bewegung braucht ein Ziel

Aber wohin bewegen, wenn das Ziel noch gar nicht klar ist? Gerade große, weitreichende Entscheidungen fallen uns ja nicht umsonst oft schwer. Zum Teil liegt das schlicht daran, dass wir eben nicht wie Maschinen funktionieren. Unser Leben ist keine rationale Gewichtung von Für und Wider (auch wenn wir uns das mit entsprechenden Listen zuweilen suggerieren). Soll ich mir eine andere Arbeit suchen? Und falls ja, welche? Da streiten sich häufig nicht nur Sicherheitsbedürfnisse mit dem Bedürfnis nach mehr Anregung oder weniger Konflikten, je nachdem, womit wir in unserem aktuellen Beruf unzufrieden sind; darüber hinaus sind wir mit der Frage konfrontiert: „Was ist eine echte Alternative?“ Welche Talente habe ich – und kann ich diese in einer Weise praktisch nutzen, so dass ich in absehbarer Zeit mein Leben davon finanzieren kann? Wie sieht es mit so handfesten Dingen wie Krankenversicherung und Altersvorsorge aus, wenn ich mich beruflich neu orientiere? 

Im privaten Bereich fühlt sich das oft noch essentieller an. Den Sprung in eine neue Partnerschaft wagen oder innerhalb einer bestehenden Partnerschaft ganz neue Wege versuchen? Was, wenn ich mich hier „falsch“ entscheide? Im schlimmsten Fall merke ich meinen Irrtum erst, wenn ich Menschen unwiderruflich verletzt und wichtige Brücken abgebrochen habe?

Entscheidungen sind korrigierbar

Nun ja, abgesehen davon, dass jede Veränderung auch immer nur EIN Punkt einer langen Kette von Entwicklungen ist und sich fast keine Entscheidung nicht auch wieder revidieren ließe – besteht eben die Krux aller wichtigen Entscheidungen darin, dass ich erst einmal innerlich Klarheit gefunden haben muss um meine Ziele im Außen verfolgen zu können. Also habe ich – neben der irrationalen Angst, mein Leben mit einer Entscheidung unumkehrbar in eine falsche Richtung zu lenken – die ganz reale Aufgabe, mir überhaupt erst über meine Wünsche und konkreten Ziele klar zu werden. 

Und genau hier kommt die Geduld ins Spiel. Denn versuche ich, diesen Klärungsprozess zu beschleunigen oder gar, ihn durch Aktionismus zu umgehen, erlebe ich allzu oft wenig später, dass schon wieder alles „stockt“, dass ich noch immer mit Dingen unzufrieden bin, die ich eigentlich lösen wollte – oder umgekehrt, dass mich allzu schnell der Mut verlässt, eben weil ich innerlich noch nicht sicher genug bin, dass der eingeschlagene Weg wirklich der richtige ist. 

Was ich durch Hefekuchen lernte

Mit etwa 12 Jahren backte ich als eine Art Hobby regelmäßig sonntags für meine Familie Hefegebäck. Mein ganzer Stolz war, dass mir der Teig wunderbar luftig gelang. Entsprechend sorgfältig mischte ich das Milch-Mehl-Hefegemisch und ließ es an einem warmen Ort ruhen, war ich mir doch bewusst, dass gerade diese Ruhezeiten den Teig schließlich „aufgehen“ und sich zu seiner vollen Pracht entwickeln ließen. 

Ein bisschen – man verzeihe mir das „Küchenlatein“ – ist es mit wirklich großen, weitreichenden Entscheidungen meiner Meinung nach wie mit diesem Hefeteig. Wir müssen die Zutaten mischen (uns Informationen beschaffen, welche Möglichkeiten uns zu Verfügung stehen, uns über rechtliche und finanzielle Konsequenzen beraten lassen, Dinge im Kleinen ausprobieren, mit guten Freunden oder professionellen Ratgebern über unsere Hoffnungen und Befürchtungen sprechen); aber bevor wir handeln, ist oft genau so ein „Gärungsprozess“ erforderlich. All die Informationen, die wir über Wochen, Monate, manchmal sogar Jahre, gesammelt haben, müssen sich setzen und sortieren. Die dabei wahrnehmbare äußere Untätigkeit ist in diesem Zusammenhang nicht zu verwechseln mit Stillstand, denn de facto spielen sich innerlich gewaltige Umwälzungsprozesse ab. Nicht umsonst weist der Bremer Hirnforscher Gerhard Roth darauf hin, dass Stress – und darunter fällt auch (gefühlter) Zeitdruck bei Entscheidungen – ein entscheidender Faktor ist, der uns während des Entscheidens blockiert. Lassen wir die Informationen eine Weile „ruhen“ und unterbrechen damit (scheinbar) den aktiven Entscheidungsprozess, können sich diese neu sortieren und eines Morgens wachen wir tatsächlich auf und spüren in aller Deutlichkeit: „Hier geht’s lang!“ 

Das ist der Moment, in dem wir vom Planen zum Handeln kommen – und unsere Ziele Wirklichkeit werden lassen.

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Ein weises Gedicht Rainer Maria Rilkes passt, wie ich finde, wunderbar zum Thema: 

„Habe Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen und versuche, die Fragen selbst lieb zu haben wie verschlossene Stuben und wie Bücher, die in einer fremden Sprache geschrieben sind.

Forsche jetzt nicht nach den Antworten, die dir nicht gegeben werden können, weil du sie nicht leben kannst, und es handelt sich darum, alles zu leben.

Lebe jetzt die Fragen – Vielleicht lebst du dann allmählich, ohne es zu merken eines fernen Tages in die Antwort hinein.“

#bloggersforfuture: Mein Selbstversuch im Supermarkt

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Das Thema Klimaschutz lässt mich nicht los. Daher heute ausnahmsweise mein dritter Blogbeitrag diese Woche!…😉

Greta Thunberg startete Mitte letzten Jahres von Stockholm aus die freitäglichen Fridays for Future-Demonstationen, auf denen sich Schüler/innen und Studierende für den Klimaschutz einsetzen. Alexandra von livelifegreen.de machte mich mit ihrer Blogparade noch einmal darauf aufmerksam: aus Solidarität zu den demonstrierenden Jugendlichen habe ich daraufhin selbst einen Blogartikel verfasst. Wenn ihr mögt, könnt ihr in hier noch einmal lesen!

Mein Selbstversuch im Supermarkt

Während des Schreibens wurde mir auch noch einmal klar: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. So abgegriffen der Spruch auch ist, so viel Wahrheit steckt doch in ihm. Wer Greta zuhört, z.B. beim Stockholmer TED-Talk Ende 2018, ist nicht nur beeindruckt von ihren Englischkenntnissen, sondern merkt schnell: Sie will einfach nicht mehr hinnehmen, dass bloß GEREDET, aber all die Klimaabkommen, Emissionspläne und guten Vorsätze nicht in die Tat umgesetzt werden. 

Also los! Wie steht es um meine ganz persönlichen guten Vorsätze? Jede Woche trage ich (mindestens) eine große Tüte Plastikverpackungen hinunter in den Keller, wo sie (für mich) auf Nimmerwiedersehen in der Gelben Tonne verschwinden. Das sollte heute, beim Einkauf im Supermarkt, anders sein. 

Ich muss dazu sagen, ich war einfach nur beim Lebensmittelhändler um die Ecke, in diesem Fall ein Netto, der Ort, wo ich im Alltag unter Zeitdruck oft noch schnell ein paar Lebensmittel einkaufe, schlicht, weil der Laden zu Fuß in fünf Minuten erreichbar ist. 

Was habe ich gelernt?

  1. Will ich Gemüse tatsächlich unverpackt kaufen, bleibt mir in einem „Normalo-Supermarkt“ wie Netto nicht gerade viel Auswahl: hier gibt es zwar wie überall mehrere Sorten Kartoffeln, Tomaten oder Paprika, aber fast alles ist in Plastik eingeschweißt. Ich entscheide mich für die einzigen Paprika, die unverpackt zu haben sind, ebenso für die einzigen unverpackten Tomaten und die nicht-eingeschweißten Gurken. Kartoffeln gibt es hier nur im Netz aus Kunststofffäden, ich müsste sie also z.B. auf dem Markt besorgen, wollte ich wirklich konsequent auf Verpackungsmüll verzichten und paradoxerweise sind auch die Bio-Karotten und Bio-Gurken in diesem Laden nur verpackt zu haben. Karotten kaufe ich diesmal trotzdem, da es schlicht keine unverpackte Alternative gibt. Jedenfalls weiß ich jetzt, welches Gemüse ich hier auf keinen Fall unverpackt bekomme.
  2. Milchprodukte sind in einem Supermarkt wie Netto ohne Frischetheke ebenfalls nur in Plastik verpackt zu haben. Käse eingeschweißt, Joghurt, Sahne und Crème fraîche im Kunststoffbecher. Auch Milch und Saft gibt es nicht in (Mehrweg-) Glasflaschen. Ich verzichte diesmal auf den Einkauf und mache mir innerlich eine Notiz, diese in Zukunft in einem weiter entfernten Supermarkt zu kaufen, der Milchprodukte auch im Glas anbietet. Allerdings habe ich kein Auto, werde also sehen müssen, wie ich das Problem mit dem Pfand löse. Vermutlich gebe ich die Glasflaschen dann bei Netto zurück…🙂
  3. Fisch, Wurstwaren und Fleisch kaufe ich persönlich selten und bei Netto so gut wie nie. Zwar gibt es dort inzwischen eine eigene hauseigene Bio-Marke, aber die Auswahl bei tierischen Produkten ist gering – immerhin Bio-Hackfleisch finde ich, allerdings lediglich zertifiziert nach EU-Bionorm. 
  4. Eier gibt es – immerhin in EU-Bio-Qualität – in der Pappschachtel. Für alle weiteren Wünsche (Regionalität, keine standardmäßige Tötung männlicher Küken) müsste ich in einem anderen Supermarkt oder auf dem Markt einkaufen.
  5. Reis, Nudeln, Bohnen, Linsen: NUR in der Plastiktüte zu haben. Hier mache ich mir innerlich die Notiz, diese Produkte tatsächlich einmal im „Unverpackt“-Laden zu besorgen. Bei uns im großstädtisch ökobewussten Viertel gibt es seit Kurzem sogar einen…
  6. Aus Bequemlichkeit kaufe ich noch eine Fertigpizza (verpackt in der Pappschachtel und eingeschweißt in Plastik), für den Genuss etwas Schokolade (Pappschachtel und Alufolie) und für den Haushalt neues Waschmittel. Bei Süßigkeiten und Hygiene- sowie Reinigungsprodukten das wahre (Verpackungs-) Elend: zumindest bei Netto nur Einweg-Plastikflaschen und Plastikverpackungen, in denen Bonbons oder Spülmaschinentabs oft noch einzeln verpackt sind. Also Waschpulver, Spülmittel und Co künftig auch nur noch im „Unverpackt“-Laden besorgen? Selbst in anderen Supermärkten und Drogeriemärkten habe ich hierzu noch nicht viele Alternativen gefunden. Für Hinweise bin ich dankbar – auch ohne mein Spülmittel gleich selbst mixen zu müssen…

Mein Fazit nach 20 Minuten im „Normalo“-Supermarkt?

  1. Es ist einerseits verdammt schwer verpackungsfrei einzukaufen – zum Teil tatsächlich unmöglich, da es die Produkte nur plastikumhüllt gibt. Andererseits entfällt die „Qual der Wahl“ zumindest bei Obst und Gemüse, da es schlicht meist nur eine Sorte gibt, die unverpackt zu haben ist.
  2. Auf Verpackung zu verzichten kann sich mit anderen Vorsätzen „beißen“, also z.B. in Bio-Qualität oder regional produziert einzukaufen. Das war mir schon früher bewusst, wenn ich z.B. im März aus Neuseeland importierte „Bio“-Erdbeeren bewusst liegen ließ. In eine Zwickmühle gerate ich, wenn ausgerechnet das Bio-Gemüse nur eingeschweißt zu haben ist…
  3. Lebensmittel mit möglichst wenig Verpackung sowie tierische Produkte in Bio-Qualität zu kaufen, erfordert eine gewisse Planung. Einfach mal eben schnell im nächsten Supermarkt bekommt man, wie ich bei meinem Selbstversuch gemerkt habe, schlicht nicht alles. Bei allen „Trockenprodukten“ wie Nudeln, Reis und Keksen sowie allen Reinigungsmitteln und Hygieneartikeln bieten oft selbst Bio-Läden nur in Plastik verpackte Produkte. Offensichtlich lohnt sich hier tatsächlich das Einkaufen in Unverpackt-Läden oder auf dem Markt, wo man ggf. eigene Behälter mitbringen kann. 
  4. Alle Spontankäufe („Coffee to go“) und Convenient-Food wie der fertig zubereitete Salat, der Smoothie im Plastikfläschchen oder die Tiefkühlpizza produzieren extrem viel Verpackungsmüll. Ein weiterer Grund (neben Gesundheit und Geldbeutel), tendenziell darauf zu verzichten?

Ich jedenfalls habe mir diesmal auf dem Weg nach Hause keinen Coffee-to-go aus dem Automaten gelassen und werde mir jetzt WIRKLICH einen Mehrweg-Kaffeebecher kaufen, da ich mir oft unterwegs einen Kaffee oder Tee auf die Hand gönne. Wirklich schwierig erscheint es mir nicht, umweltbewusst(er) einzukaufen – aber Konsequenz und etwas zusätzliche Planung erfordert es schon – nun ja, die ist definitiv gut investiert!🙂

Mich würde sehr interessieren, welche Erfahrungen ihr mit dem Umsetzen eurer eigenen guten Vorsätze bisher gemacht habt. Oder ist euch das ganze Thema letztlich doch nicht so wichtig? Ich freue mich über eure Kommentare!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wie es auch gehen kann: Der Thornton’s Budgens-Supermarkt in London wurde innerhalb von 10 Wochen komplett plastikfrei. Einen Bericht darüber findet ihr hier.

#bloggersforfuture – Blogparade aus Solidarität zu unseren Kindern

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Anfang der 1990er traktierte uns unser Bio-Lehrer regelmäßig mit Lehrfilmen, die uns die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel näher bringen sollten. Kümmerliche Fichten mit gelblich verfärbten Nadeln, von Sturmtiefs entwaldete Hänge, giftgrüne Schwaden, die aus Fabrikschloten in den Himmel stiegen… Das Ganze untermalt von unheilvoller Musik und im Super-8-Format. Manchmal verhakte sich die Rolle im Projektor und wir warteten brav, bis unser Lehrer das Schreckensszenario wieder in Gang gebracht hatte. 

Brav in der Kleinstadt

Überhaupt waren wir ziemlich brav, wir Schülerinnen und Schüler der 90er in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Freitags den Unterricht zu schwänzen, um gegen Luftverschmutzung und Mikroplastik zu demonstrieren, wie es seit einigen Wochen Hunderte von Schülerinnen und Schülern im Rahmen der fridaysforfuture-Demonstrationen tun – es wäre zumindest mir damals gar nicht in den Sinn gekommen. 

Und so ist das Szenario, das unser Lehrer damals entwarf, „still und leise“ innerhalb der letzten 30 Jahre zur Realität geworden. Wirbelstürme, Überschwemmungen, zerstörte Wälder, Smog, der tagelang über Städten hängt – all das gibt es bereits. Und dennoch: „So schlimm ist es doch gar nicht, oder?“ Das ist vermutlich die Krux an entsprechenden Prognosen. In unserem ganz persönlichen kleinen Leben nehmen wir zwar wahr, dass sich Dinge verändern: Regenfälle, die ganze Landstriche unter Wasser setzen, Schnee Ende April und 20 Grad-Tage im November – aber zumindest in Deutschland sind unsere Häuser stabil gebaut, ist es vielleicht sogar ganz angenehm, wenn die Winter milder werden, funktioniert die Müllabfuhr einwandfrei. So stopfen wir die Berge von Müll, die wir täglich produzieren, gewissenhaft in die genau richtige Tonne: gelb, blau oder braun – und einmal abgeholt, ist der Müll dann irgendwie „weg“. Jedenfalls sehen, fühlen und riechen wir ihn nicht mehr. Und damit ist das „Problem“ gefühlt nur noch halb so schlimm. 

Aus den Augen, aus dem Sinn

Ich denke, das ist das Problem an all den eigentlich unerträglichen Missständen: müssten wir selbst die männlichen Küken zerhacken, die bei der Aufzucht von Legehühnern „übrig“ bleiben, würden wir vermutlich gar keine Eier mehr essen. Wären wir gezwungen, das Rind zu zerteilen, dessen Fleisch wir im Supermarkt als „Hackbraten extrafein“ konsumieren, bekämen wir hektische Flecken im Gesicht. Und natürlich wollen wir nicht, dass unsere Kinder ihre Gesundheit in Kupfer-Minen ruinieren. Aber das nächste Handy, das genau diese Kupferdrähte enthält, kaufen wir doch. 

Die Sozialpsychologie nennt das den „myopischen (also kurzsichtigen) Effekt“: kurzfristiger Genuss lässt uns langfristige negative Konsequenzen ausblenden. „Ja, ja, Rauchen ist tödlich – aber eine Kippe geht noch.“ „Ja, ja, Mikroplastik verbreitet sich überall in der Umwelt, aber mein Lieblingsshampoo gibt’s eben nur in der Plastikverpackung.“

Daher stoßen Appelle auch so oft auf taube Ohren: „Was interessiert mich, wie’s der Welt in 150 Jahren geht?“ Das denken insgeheim wohl sogar Eltern, deren Enkel in genau dieser Welt alt sein werden. Aber eben: der Blick – und vor allem das Gefühl, die persönliche Betroffenheit – reicht nicht so weit. Was ich nicht selbst sehe, fühle und erlebe, ist mir einfach erst mal nicht besonders nah. Gepaart mit einem unbestimmten Gefühl von Resignation („Was soll ich als Einzelperson denn groß ändern?“) und einer Grundskepsis, den Unheilspropheten an sich gegenüber („Waren die nicht schon vor dreißig Jahren der Meinung, die Welt geht unter – und schaut, wir leben noch!“) führt das oft dazu, dass wir NICHTS ändern, statt überhaupt einen Anfang zu machen. 

Handeln auch ohne Betroffenheit 

Daher dürfen wir nicht warten, bis uns die große, persönliche Betroffenheit überfällt und wir vor innerem Antrieb gar nicht mehr anders können als zu handeln. NEIN, wir müssen es einfach TUN. Jetzt. Beim nächsten Einkauf. 

Wenn Fleisch, dann wirklich immer in Bio-Qualität. Dasselbe gilt für Eier, Milch, alle Tierprodukte. Obst und Gemüse im Unverpackt-Laden kaufen oder auf dem Markt (ist oft sogar billiger), Kinderkleider und eigene Kleider flicken und/oder Second Hand kaufen. Mit dem Rad fahren. Stoffbeutel mit in die Handtasche, so dass wir gar nicht erst versucht sind, im Laden die Plastiktüte mitzunehmen. Im Supermarkt die eingeschweißten Gurken liegen lassen und Joghurt im Glas kaufen. 

Es ist wirklich nichts Spektakuläres daran, sich ein Stück weniger tier- und  umweltfeindlich zu verhalten. Einfach ist es eigentlich auch, vor allem, da inzwischen Bio-Lebensmittel und Kosmetika mit Umweltsiegel in jedem Discounter zu finden sind. Es ist höchstens ungewohnt. 

Und genau deswegen sind Demos wie die der Schülerinnen und Schüler jeden Freitag wichtig. Weil sie Aufmerksamkeit wecken für die Themen, über die nachzudenken wir schon aufgehört haben. Und weil Demonstrationen wie diese zu ganz konkreten Gesetzesänderungen führen können. Anschnallpflicht in Autos, Rauchverbot in öffentlichen Räumen, ab 2021 das Verbot von Plastikstrohhalmen und Einwegplastikverpackungen. Macht alles unsere Welt ein wenig sicherer, ein bisschen weniger dreckig und etwas angenehmer.

Manchmal braucht der „Schweinehund“ in uns einen Tritt, damit wir in Bewegung kommen. Das kann durch eine Gesetzesänderung geschehen, durch Texte oder eine Dokumentation, die wir gesehen haben – oder eben durch die Fragen unserer Kinder.

Danke an Alex von livelifegreen, deren Blogparade mich zu diesem Artikel inspiriert hat!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

Was ist Menschlichkeit? (Aufruf zur Blogparade, bis 15.4.19)

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Was macht mich zu dem, der ich bin? Aber auch: wie lebe ich ein menschenwürdiges und menschenfreundliches Leben? Und was ist überhaupt typisch „Mensch“ für mich?

Was ist „Menschlichkeit“ für dich?

Wollt ihr bei meiner aktuellen BLOGPARADE mitmachen? 

Dann schreibt bis zum 15.4.2019 einen Artikel zum Thema!

  1. Ihr könnt – MÜSST ABER NICHT – dabei einen Film benennen, der eurer Meinung nach eine Antwort auf diese Frage gibt und könnt beschreiben, was euch an ihm in Bezug auf das Thema „Menschlichkeit“ besonders treffend erscheint, was euch nachdenklich macht oder berührt.
  1. Schreibt unter meinen Artikel einen Kommentar mit einem Link zu eurem Blogartikel. 
  1. Erwähnt diese Blogparade in eurem Blog, auf Facebook (@Sarah Sunnybee) oder Twitter (@mama_schreibt) und erfreut euch an den, hoffentlich zahlreichen, tollen Filmtipps und Blogartikeln!

Drei Filme – Drei Antworten

Ich möchte als Anregung drei Filme mit euch teilen, die drei komplett unterschiedliche Antworten geben  auf die Frage: „Was ist Menschlichkeit?

1) The Square 

Eine bitterböse und wirklich nachdenklich stimmende Satire auf den Kunst- und Kulturbetrieb. Christian, getrennt lebender Vater zweier Töchter und Kurator eines Stockholmer Museums für moderne Kunst, soll die nächste Ausstellung bewerben: The Square, ein „Zufluchtsort, wo Ruhe und Fürsorge herrschen“, wo alle „die gleichen Rechte und Pflichten“ haben, so jedenfalls der Pressetext des Museums. Um das Ganze für die Medien attraktiver zu machen, überlegt sich die für das Projekt engagierte Werbeagentur ausgerechnet ein Schockvideo, das schließlich ohne Christians Wissen online geht. Der Kurator selbst ist während des ganzen Films immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wie komme ich damit zurecht, dass ich gar nicht so menschenfreundlich bin, wie es eigentlich mein Anspruch ist?

De facto ist Christian nämlich ein reichlich misstrauischer und kontrollierter Mensch, der darauf besteht, sein benutztes Kondom nach einem One-Night-Stand selbst zu entsorgen, statt von Seiten der Frau, mit der er gerade geschlafen hat, Samenraub zu riskieren. Einem Obdachlosen gegenüber erklärt er, mit den Luxuseinkaufstaschen neben sich und einem Coffee to go in der Hand, er habe „leider kein Geld“. Andererseits hilft er spontan einer Frau, die auf der Straße bedroht zu werden scheint und muss erleben, dass das Ganze ein Trick war um ihn selbst auszurauben. Eindeutig Gut und Böse gibt es in diesem Film nicht – menschlich sein bedeutet nach Aussage des Werks, selbstbezogen und altruistisch zu handeln, couragiert und feige. Die Vielschichtigkeit, mit der der Film seine Figuren zeichnet, macht ihn, neben seiner unzweifelhaften Komik, zu einem wirklich großartigen Kommentar zum Thema „Menschlichkeit“.

2) Mütter und Töchter

Einen ganz anderen Aspekt von „Menschlichkeit“ greift der Film „Mütter und Töchter“ auf. Hier geht es um die Frage: Was macht mich zu dem Menschen, der ich bin? Meine Gene oder die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin? Und wer bin ich, wenn ich über meine Herkunft nichts weiß? 

Der Film zeigt einen Ausschnitt aus dem Leben dreier Frauen. Die fast 50-jährige Karen hat ihr Kind als Teenager auf den Druck ihrer Eltern hin zur Adoption frei gegeben und leidet bis jetzt darunter. Lucy kann keine Kinder bekommen und ringt mit sich, ob sie einen Adoptionsantrag stellen soll. Und die toughe, ein wenig unnahbare Anwältin Elizabeth wurde selbst adoptiert und findet erst nach und nach eine Haltung zu den Fragen „Wer bin ich?“ Und: „Was ist wohl meine Mutter, die mich weggegeben hat, für ein Mensch?“ Ein sehr berührender, fein und nuancenreich gespielter Film, dessen „Menschlichkeit“ darin besteht, dass seine Charaktere sich letztlich frei zu ihrem Weg entscheiden können, auch wenn die Dinge, die ihnen widerfahren, schicksalshaft verwoben sind; sie sind eben mehr als die bloße Summe ihrer Erfahrungen oder ihrer Gene.

3) Her

Der Film „Her“ stellt schließlich die grundsätzliche Frage: Was macht uns überhaupt menschlich? Und kann eine Maschine menschenähnliche Züge entwickeln?

In einer (nahen) Zukunft: Der Journalist Theodore erhält als Gadget ein neuartiges, lernfähiges Handy-Betriebssystem, das auf seinem Smartphone in Dialog mit ihm tritt. Die Computerstimme begleitet ihn ab sofort jeden Tag, anfänglich bloß als heitere, stets hilfsbereite Assistentin, doch bald wird „Samantha“ zum emotionalen Bezugspunkt des einsamen Mannes. Sie heitert ihn auf, lacht über seine Scherze – und er verliebt sich in sie. 

Soweit könnte das die tragische Geschichte eines Technik-Nerds sein. Doch Samanthas Programmierung ist so vollkommen, dass sie tatsächlich das Potential hat, menschlich zu sein – und sich ebenfalls verliebt. Theodore und Samantha werden ein Paar, eine halb digitale, halb analoge „Amour fou“,  und als ihre Liebe gegen Ende des Films auf die Probe gestellt wird, leidet man als Zuschauer/in tatsächlich mit: mit dem jungen Mann, aber auch mit Samantha, dem Operating System. 

Drei wirklich sehenswerte Filme, drei komplett unterschiedliche Antworten auf die Frage: 

„Was ist Menschlichkeit?“

Ich bin gespannt – und freue mich –  auf EURE Antworten! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee