„Fake News“ im Kinderzimmer: Wieviel Ehrlichkeit braucht mein Kind?

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Wir alle lügen unsere Kinder an. 

Jeden Tag. Mehrmals. Manchmal bewusst, aber oft, ohne es recht zu bemerken. Wir lügen aus Bequemlichkeit und um Konflikte zu vermeiden: „Die Gummibärchen sind alle.“ (Stimmt nicht, es ist uns nur zu mühsam, dem kleinen Schleckmaul zu erklären, warum jetzt Schluss mit Süßem ist). Aus Fürsorge: „Wenn du von dort runterfällst, brichst du dir beide Beine!“ (Na ja, aus der Höhe verstauchst du dir in Wahrheit  höchstens den Knöchel). Und schließlich – auch unseren Kindern gegenüber schon – aus Höflichkeit und zur Ermutigung: „Wunderschön gemalt!“ (wenn man dieses zweifarbige Gekritzel „Malen“ nennen kann).

Die Lüge als sozialer Kitt

Ein Schelm, wer dieses Lügen als Teil des wahren „Menschlich-Seins“ bezeichnete! Denn tatsächlich ist es für uns selbstverständlich, diese „weißen Lügen“ Familie, Freunden und Bekannten gegenüber zu verwenden. Alltagslügen machen unser Zusammenleben einfacher und manchmal auch angenehmer. „Wie gefällt dir meine neue Frisur?“ Was antworten wir, wenn wir sie in Wahrheit schrecklich finden? „Gut“?! Oder ausweichend: „Die alte war auch schön“, bzw. „Ja, toll, dass du so experimentierfreudig bist“? Nicht viele von uns würden ihrem Gegenüber wohl auf den Kopf zu sagen, dass sie den neuen Haarschnitt höchst unvorteilhaft finden.

Und so vermitteln wir unseren Kindern eine „doppelte Botschaft“: Du sollst nicht lügen. Aber Tante Maria lautstark als „doof“ bezeichnen sollst du auch nicht – selbst, wenn sie es ist. Ist das Taktgefühl? Sinnvolle Etikette und Grundlage höflichen Miteinanders? Oder einfach Erziehung zur Unehrlichkeit?

„Otto war’s!“

Warum empört es uns andererseits, wenn unser Kind „Nein, hab’ ich nicht!“ erwidert auf die Frage, ob es die Gummibärchen, die wir zuvor geleugnet hatten, gefunden und gegessen habe? Im Kleinkindalter – und aus dieser Warte schreibe ich momentan ja, mit Blick auf meinen dreijährigen Sohn – mag das noch niedlich wirken: „Hast du den Saft verschüttet?“ „Nein, [Phantasiefreund] Otto war’s.“ Oder noch besser: „Nein, du?“ (mit  unschuldigem Blick). Offensichtlich haben schon Kinder ab etwa drei Jahren ein Bewusstsein dafür, dass manches Verhalten erwünscht und anderes nicht gern gesehen ist – und dass eine (Not-) Lüge sich als Ausweg aus dieser Situation anbietet. 

Später wünschen wir uns jedoch z.B. Teenager, die uns nicht vorsätzlich anlügen, auf deren Wort wir uns verlassen können. Mein Ex-Freund und Vater meines Sohnes hat hierzu kürzlich etwas Kluges gesagt: „Wenn ich als Jugendlicher wirklich etwas ausgefressen hatte, habe ich es immer meiner Mutter erzählt. Sie wurde dann vielleicht sauer und ich musste meinen Fehler wieder gut machen – aber verurteilt hat sie mich nicht.

Ehrlichkeit entsteht durch Vertrauen

Wenn wir also wollen, dass unsere Kinder zu ehrlichen Menschen heranwachsen, kommt es wohl weniger darauf an, ob wir die ein oder andere „Alltagslüge“ ihnen gegenüber verwenden, sondern vielmehr, ob wir ihnen vermitteln: „Ich liebe dich, auch wenn du etwas getan hast, was mir nicht gefällt“ und umgekehrt: „Habe ich etwas getan, was nicht in Ordnung war, versuche ich es nicht zu vertuschen, sondern stehe dazu“.

„Ja, ich habe deine Lieblingsjacke durch das falsche Waschprogramm auf Puppengröße geschrumpft“. „Nein, das Schwein lebt nicht weiter, nachdem es zu Wurst gemacht wurde“. Ehrlichkeit zahlt sich meiner Meinung nach dort aus, wo ich durch sie ihren ganz eigenen Wert vermitteln kann.

Ehrlichkeit als Basis echter Begegnung

Ehrlich zu sein kann unbequem sein, schmerzhaft und manchmal sogar gefährlich. Aber es ist meiner Meinung nach die Basis wirklich vertrauensvollen Kontakts. Schwindle ich, unterschlage Dinge und erzähle Halbwahrheiten, mag das das Zusammensein mit meinen Mitmenschen auf den ersten Blick erleichtern. Tatsächlich jedoch wird es dadurch oberflächlich und brüchig; sollte eine meiner Lügen auffliegen, erschüttert dies den Glauben an die grundsätzliche Aufrichtigkeit unseres Kontakts. 

In Zeiten von Fake News und der Inszenierung von Halbwahrheiten wird meiner Meinung nach immer bedeutender, welche Haltung wir dem Lügen gegenüber einnehmen. 

Geben wir zu, dass wir manchmal zu schwach sind, die Wahrheit zu vertreten, bemühen uns aber zugleich um Aufrichtigkeit, ist das meiner Meinung nach schon einmal ein Anfang für den Glauben an die grundsätzliche Ehrlichkeit zwischen uns. Und die ist meiner Meinung nach essentiell. Für uns – und für unsere Kinder.

Wie haltet ihr es mit den kleinen „Alltagslügen“? Absolute Ehrlichkeit oder erlaubt ihr euch – und euren Kindern – die ein oder andere Schwindelei? Wenn ihr wollt, schreibt mir euren Kommentar dazu!

Herzliche Grüße, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

„Lasst sie spielen!“ Warum das für uns Eltern manchmal gar nicht so einfach ist

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Als engagierte Mama mache ich mir natürlich den ein oder anderen Gedanken dazu, was mein Kind, so wünsche ich es mir, zu einem selbstbewussten, mit sich zufriedenen und eigenständigen Menschen heranwachsen lässt.

Und manchmal denke ich: Eigentlich muss ich da gar nichts „machen“. Ein solcher Mensch ist mein Kind schon. Vielleicht sollte ich mehr darauf achten, in den nächsten Jahren, während ich mit meiner „Erziehung“ an ihm herumwerkle, nichts zu „versauen“?!😉

Haben dänische Kinder mehr Selbstvertrauen? 

In der Huffington Post habe ich einen interessanten Artikel gelesen, warum dänische Kinder angeblich selbstbewusster, mit mehr Selbstvertrauen und insgesamt glücklicher als deutsche Kinder seien. Wie immer natürlich als Verallgemeinerung zu kurz gedacht, teile ich dennoch im Kern die These der Autorin: statt Kinder auf Leistung (im schulischen und außerschulischen Bereich) zu trimmen und sie über Gymnastiktraining, Schach-AG und Musikunterricht zu 1a-Sportlern, -Schülerinnen oder -Musikern „formen“ zu wollen, sollte man sie viel mehr eigenständig und selbstbestimmt machen lassen, nämlich einfach spielen. Und zwar frei, allein oder mit Freunden, ohne als Erwachsene reinzuquatschen, sie anzuregen, zu maßregeln oder zu regulieren.

Spielt doch – aber so wie’s uns gefällt!

Das ist gar nicht so leicht, wie mir ein gemeinsam im Zoo verbrachter Vormittag mit einer befreundeten Mutter vor kurzem deutlich machte. Ich musste dabei an die weisen Sätze aus dem bezaubernden Kinderbuch „Ganz die Mama“ von David Melling denken:

Meine Mama mag es nicht, wenn ich mich langweile. Sie sagt dann: „Beschäftige dich doch mal!“ Aber wenn ich mir dann eine tolle Beschäftigung suche [laut, wild und/oder matschig]… dann sagt sie: „Jetzt gib doch mal fünf Minuten Ruhe!

Tja… so sind wir Eltern ja oft tatsächlich, oder? Meine Freundin, die ich an diesem Vormittag traf, war – wie ich ja oft auch – zurecht stolz, dass sich ihr 21/2-jähriger Sohn allein beschäftigte und wir uns währenddessen unterhalten konnten. Aber mehrmals an diesem Morgen erlebte ich die Situation, dass er sich gerade wirklich in ein Spiel, bzw. die Entdeckung seiner Umgebung zu vertiefen begann – und genau in diesem Moment von meiner Freundin unterbrochen wurde. Er probierte sichtlich begeistert ein Puzzle im Zooladen aus – meine Freundin trat zu ihm und fragte, ob wir nicht die Tiere im Gehege nebenan ansehen wollten.

Auf dem Weg dorthin kamen wir an einem Spielzeugtraktor vorbei und kaum hatte er sich das Steuer erobert und ging begeistert „auf Reisen“, unterbrach sie ihn wieder, andere Kinder wollten auch noch fahren und wir müssten jetzt auch weiter, wir wollten doch die Tiere ansehen. Ersteres stimmte, aber die Tiere liefen uns sicher nicht weg und trotz der zwei wartenden Kinder hätte sie ihn sicher noch 30 Sekunden „bis zum nächsten Parkplatz weiterfahren“ lassen können.

Und schließlich – es regnete und auf dem Zoogelände hatten sich diverse große Pfützen gebildet – unsere Jungs diese und sprangen (natürlich) mit Wonne hinein. Und auch da: kaum hatten sie sich richtig in ihr Spiel vertieft, rief meine Freundin recht scharf zum Aufbruch, die Füße ihres Sohnes würden ohne Gummistiefel nass und er solle sich nicht erkälten.

Gründe gegen freies Spielen?

Wartende Kinder am Traktor, Erkältungsgefahr oder eben der „Zweck“ des Zoobesuchs, die ausgestellten Tiere – natürlich gut verständlich, dass meine Freundin in diesen Situationen auf Aufbruch drängte – ich habe es in ähnlichen Momenten selbst schon getan. Und doch unterband sie damit, vermutlich völlig unbeabsichtigt, den Impuls ihres Sohnes zu wirklich eigenständiger Beschäftigung. Und das, obwohl sie genau das, wie sie selbst sagt, eigentlich sehr schätzt.

Dass sie vielleicht zum Aufbruch rief, weil sie selbst die Tiere sehen wollte, keine Lust hatte, im Zooladen, bzw. in der Kälte herumzustehen oder die nassen Kleider ihres Sohnes zu wechseln, fände ich wiederum überaus legitim. Aber vielleicht sollten wir unseren Kindern, wenn wir das nächste Mal zu ihnen sagen: „Spielt doch!“ auch ehrlich hinzufügen: „Aber spielt etwas, was mir gefällt, bzw. was ich für sinnvoll/pädagogisch wertvoll/anderweitig erbaulich erachte.“

Das wäre wohl manchmal ehrlicher, als die Freiheit und Eigenständigkeit unserer Kleinsten zu fordern – und im nächsten Moment dann doch zu beschneiden.

Oder was meint ihr? Einschreiten, wenn es zu laut/zu wild/zu matschig wird? Oder einfach machen lassen? Wieviel – und welches Spiel – erlaubt ihr euren Kindern?

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

 

Ein klares Ja! Wie lerne ich mir – und anderen – (wieder) zu vertrauen?

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Vor ziemlich genau zwei Wochen habe ich an dieser Stelle über eine Frau geschrieben, die Geld sammelt, um Blindenstöcke für seheingeschränkte Schülerinnen und Schüler in Togo anzuschaffen. Ich habe die Aktion weiter verfolgt: jetzt, drei Tage vor Ablauf der Frist, haben mehr als ein Dutzend Menschen bereits 625 Euro (!) gespendet. Ziel waren ursprünglich 300 Euro für 15 Stöcke. Wow!

Auch ich hatte mich an der Spendenaktion beteiligt und das, obwohl ich auf der Straße eigentlich immer an den Menschen vorbeilaufe, die für Hilfsorganisationen Passanten mit Sammelbüchsen ansprechen oder sie gar zur Mitgliedschaft bei einer dieser Organisationen animieren wollen. 

Lydia Zoubek, meine Mitbloggerin, die für Togo sammelt, kenne ich auch nicht – und doch vertraue ich ihr soweit, ihr sozusagen „blind“ Geld zu überweisen, auf ihre Aussage hin, sie werde dieses für den oben genannten Zweck verwenden. 

Diese Erfahrung bewegt mich, noch einmal über das Thema Vertrauen nachzudenken. 

Als Erwachsene haben wir ja gewissermaßen „verlernt“, bzw. uns abgewöhnt, „blind“ zu vertrauen. Wir mögen durchaus offen auf andere Menschen zugehen, aber kaum einer würde einen Fremden sofort zu sich einladen, ihm seine Bankverbindung nennen oder das eigene Kind anvertrauen. Wir haben im Verlauf unseres Lebens eine – durchaus sinnvolle – Einschätzung entwickelt, dass ein Grundmaß an Vertrauen sinnvoll und für zwischenmenschliches Zusammensein unumgänglich ist, wir aber durchaus auch prüfen sollten, wem wir unser Vertrauen schenken. Nicht jeder, der uns in unserem Leben begegnet, hat auch die Absicht – oder ist in der Lage – unserem Vertrauen gerecht zu werden. Und ich denke, es ist sinnvoll, dass wir da klar unserer Intuition vertrauen: habe ich mit einer Sache oder einem Menschen „ein komisches Gefühl“, sollte ich dieses meiner Meinung nach immer ernst nehmen. Zumindest zeigt es mir, dass für mich an dieser Stelle etwas nicht ganz stimmig ist und worum es sich dabei handelt, sollte ich klären, um auch nach außen wieder klar sein zu können.

Tatsächlich nehme ich den Ansatz, meiner Intuition zu folgen, jedoch als schmalen Grat wahr. Einerseits sind die Signale, die mir mein Gefühl sendet, berechtigt: auch einem objektiv vertrauenswürdigen Menschen sollte ich mich nur in dem Maß und Tempo öffnen, wie es für mich stimmig ist, alles andere würde zu meiner Überforderung und anschließendem Rückzug führen. Andererseits haben wir alle innerhalb unseres Lebens, und gerade auch, wenn wir uns z.B. von unseren Lebenspartnern getrennt haben, die Erfahrung machen müssen, dass einmal gegebenes Vertrauen eben auch enttäuscht werden kann. Oder gar, dass wir uns selbst nicht mehr wirklich trauen: kann ich mich auf meine Gefühle – der Abwehr wie der Anziehung – noch verlassen, oder sind sie wie ein Wachhund, der anschlägt, weil er seinen eigenen Schatten sieht?

Grenzen des Vertrauens

Ich möchte hier neben Situationen, in denen ich in der Lage bin, aus vollem Herzen zu vertrauen, auch solche ansprechen, in denen ich meinem Gegenüber (scheinbar) grundlos misstrauisch begegne. Was bringt mich dazu, mein Kind nur „mit schlechtem Gefühl“ bei der Betreuerin abzugeben? Warum frage ich meinen Partner, ob er es mit seinen Gefühlen ernst meint? Wieso halte ich auf der Straße meine Tasche fest, wenn mich ein Mensch mit abgerissener Kleidung anspricht?

Das sind nur Beispiele für ein, vielleicht berechtigtes, vielleicht aber auch überzogenes, Misstrauen, das mich in diesem Moment erfüllt. Dahinter steht das Gefühl, ich müsse mich schützen. Und der einzige Weg, Schutz zu finden, sei der, die „Türen zu mir“ zu verrammeln. Dann sage ich „Nein“, „Stopp“ und beginne manchmal auch zu rationalisieren, „gute Gründe“ für das zu finden, was eigentlich nur ein diffuses Gefühl ist: Ich vertraue dir nicht!

Ich finde, es ist einen Blick wert, nachzusehen – und nachzuspüren – warum ich an dieser Stelle nicht vertraue. Überfordert mich etwas im Verhalten der Person oder an der Situation? Bräuchte ich schlicht mehr Zeit und/oder mehr (positive) Erfahrungen mit diesem Menschen, um mich zu öffnen? Habe ich in ähnlicher Situation bereits einmal schlechte Erfahrungen gemacht (z.B. auch als Kind) und daher verinnerlicht: hier ist Vertrauen gefährlich? Bin ich vielleicht überhaupt ein Mensch, der sich behutsam an die eigenen Grenzen und die seiner Mitmenschen herantasten muss, um sich nicht „überrannt“ zu fühlen? 

Welche Persönlichkeit habe ich? 

Bereits Kinder unterscheiden sich darin, wie offen – oder aber deutlich zurückhaltend – sie auf andere zugehen. Schon Zweijährige lassen sich bereitwillig berühren und z.B. auch von weniger vertrauten Menschen auf den Arm nehmen – oder eben nicht. Die Bereitschaft zur Öffnung anderen Menschen gegenüber ist meiner Meinung nach in jedem Menschen angelegt – anders könnte ich als kleines Kind ja gar nicht überleben – aber in welchem Maß ich mich öffne, wie vielen Menschen und in welcher Geschwindigkeit, scheint schon bei kleinen Kindern Teil ihrer Persönlichkeit zu sein. 

Habe ich dann als kleiner Mensch vielleicht ein paar Mal zu oft gehört: „Jetzt stell dich nicht so an!“ oder – subtiler – „Wie schön, dass du dich nicht so anstellst!“, verinnerliche ich statt echtem Vertrauen in mich selbst und in andere vielleicht eher: wenn ich meine Grenzen nicht wahre, erhalte ich Zuneigung. Und später, wenn ich diese Grenzen dann wahren kann, schlägt mein Gefühl um und ich kämpfe (nachträglich und natürlich vergeblich) gegen die Grenzüberschreiter meiner Kindheit, indem ich als erwachsener Mensch jeden, der mir gefühlt „zu nahe“ kommt, hinter meine Mauern verweise. 

Vertrauen kommt von Zutrauen

Ich muss mir selbst vertrauen, mir zutrauen, meine (inneren) Grenzen wahren zu können. Ich muss fühlen, dass ich rechtzeitig „Nein“ sagen, einen Richtungswechsel bewirken, die Situation, in der ich mich befinde, mit gestalten kann, um wirklich JA sagen zu können. Um echtes Vertrauen schenken zu können. 

Dieses „Nachbemuttern“ oder „Nachbevatern“ meiner selbst ist oft ein langwieriger Prozess und ich sollte es mir wert sein, mir dabei z.B. auch therapeutische Hilfe zu suchen, wenn ich merke, ich komme alleine nicht weiter. Vertrauen in mich selbst, in die mir Nächsten und in die Welt ist sozusagen der „Humus“ meines Lebens, das, was es reich und lebendig macht. Warum sollte ich mir diesen Nährstoff vorenthalten und in der Dürre stetigen latenten Misstrauens vor mich hinvegetieren?

Ich glaube, viele Menschen leben mit diesem Schmerz eines früh enttäuschten Vertrauens. Ich sehe es als Aufgabe meines Menschseins an, dieses Vertrauen in mir wieder zu finden und zu nähren. So, dass ich z.B. auch als Mutter oder Vater meinem Kind sagen kann: „So geht das – so setzt du gesunde Grenzen!“ und: „So geht das – so vertraust du in die Welt!“

Die Welt ist gut, sie ist freudvoll und sehr viel ist möglich, wenn du nicht von Angst, sondern von Vertrauen geleitet wirst. So zu denken – und zu fühlen – ist nicht naiv. Es ist kraftvoll und letztlich von tiefer Weisheit erfüllt. Kein Kind würde sein Leben beginnen ohne dieses erste tiefe Vertrauen. Also lasst uns aufhören, unseren Kindern einzureden, sie seien zu vertrauensselig. Gerade an diesem tiefen Vertrauen krankt doch unsere Welt. Lasst uns eher unseren Kleinsten zuhören und dieses Vertrauen auch wieder in uns nähren: ein klares JA zum Leben, zu unseren Mitmenschen und zur Welt!

Herzliche, bewegte Grüße, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

Silvesterknaller: Das Ergebnis der „Flüsterpost“

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Erinnert ihr euch? 

Anfang Dezember bat ich euch, mir eine Frage zu stellen, die dann sowohl ich als auch ihr mit einem Blogbeitrag beantworten würdet. Ich nannte das ganze „Flüsterpost“. Ein wenig wie bei einer Blogparade, nur dass ihr mit euren Fragen den Impuls geben konntet.

6 spannende Fragen

Bis zum 15.12.18 haben mich auch tatsächlich einige Fragen erreicht, allerdings interessanterweise per Mail, persönlich oder über Kurznachrichten. Vielleicht war das „öffentliche“ Fragen im Blog für einige von euch doch zu „persönlich“? Oder der alte Spruch „Frag nicht so dumm!“ zu präsent in manchen Köpfen, um sich in dieser Form zu exponieren?

Hier jedenfalls die sechs Fragen, die ich selbst am interessantesten fand und zu denen ich im Verlauf der nächsten Wochen tatsächlich jeweils einen Blogartikel schreiben werde (insofern ich es denn nicht schon getan habe).

1. Gibt es einen Satz, der dich (in schwierigen Situationen) durch dein Leben begleitet?

Ja, den gibt es und ich werde hier im Blog bald darüber schreiben, warum dieser gerade in schwierigen (Entscheidungs-) Situationen für mich wirklich hilfreich ist! [Nachtrag: Hier ist der Artikel!🙂]

2. Hast du ein Vorbild, einen Menschen, den du bewunderst? 

Eine schwierige Frage für mich, da ich eigentlich eher dazu tendiere, mich an inneren Maßstäben zu orientieren statt konkrete Menschen als Vorbild zu wählen und ihnen nachzueifern. Ich nehme die Frage als Herausforderung an und möchte hier im Blog auch dazu schreiben.

3. Warum bloggst du?

Es gibt mehrere Gründe. Ich habe darüber bereits zwei Artikel geschrieben: Warum hast du mit dem Bloggen angefangen? und Wer ist „Sunnybee“? Sechs Monate mutter-und-sohn.blog. Ich bin neugierig, ob sich für mich im Verlauf der nächsten Monate noch weitere Antworten ergeben, dann schreibe ich zu der Frage vielleicht noch einmal einen Beitrag.

4. Wem bist du dankbar?

Tja… dem Leben, das mich oft schon herausgefordert, mir aber auch einen wunderbaren Sohn, Gesundheit sowie Zuversicht und innere Stärke geschenkt hat. Meiner Familie, meinem Ex-Partner und Vater meines Sohnes, (engen) Freunden. Das Thema „Dankbarkeit“ zieht sich durch viele meiner Texte. Ich habe z.B. hier („Die Liebe (m)einer Mutter“) und hier („14 Stunden. Dankbar sein“) schon einmal explizit darüber geschrieben und auch eine meiner Blogparaden hat viel mit dem Thema Dankbarkeit zu tun: „Was ist das schönste (immaterielle) Geschenk, das du je erhalten hast?“. Ich bin gespannt, welche weiteren Aspekte des Themas sich mir noch erschließen. Dann greife ich es hier im Blog sicher wieder auf.

5. Hast du Lust, über Sina Trinkwalder zu schreiben?

Sina Wer?! Ich hatte von der Frau noch nie gehört, als ein Bekannter mir vorschlug, einen Blogartikel über sie zu schreiben. Aber nach kurzer Recherche weiß ich: sie ist einen Text wert und den könnt ihr jetzt bereits hier im Blog lesen – klickt einfach auf den Link, dann findet ihr ihn!

6. Was ist „Heimat“ für dich?

Eine weitere interessante Frage, wie ich finde. Heimat als soziale Herkunft oder Herkunftsort? Innere Heimat oder gar Heimat in einem größeren, spirituellen Sinn? Auch darüber werde ich in den nächsten Wochen schreiben.

Vielleicht habt ihr ja inzwischen Lust, selbst zur Tastatur zu greifen und zu einer der Fragen einen „Antwortartikel“ zu verfassen? 

Ich bin gespannt und wünsche allen, die meinen Blog mitlesen, herzlich einen guten Jahreswechsel und für 2019 alles Gute!🙂🍀 

Lieben Gruß, Sunnybee 

Was ist das größte Geschenk, das du je bekommen hast? (Blogparade)

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Passend zu Weihnachten, der großen „Familienfeier“ des Christentums, nehme ich heute an meiner eigenen Blogparade teil:

Was ist das schönste (immaterielle) Geschenk, das du in deinem Leben bekommen oder geschenkt hast? 

Die spontane erste Antwort, die mir in den Sinn kommt: mein Sohn und die Liebe, die ich für ihn empfinden kann. 

Und dennoch möchte ich diesen Text einem anderen mir sehr nahe stehenden Menschen – und seiner Liebe zu mir – widmen. 

Vier Monate nach der Geburt meines Sohnes im Jahr 2015 hatte ich 10 Kilo abgenommen, konnte kaum noch zehn Treppenstufen auf einmal mit ihm auf dem Arm bewältigen, hatte einen Ruhepuls von fast 200. Ausgelöst durch die hormonelle Umstellung nach Schwangerschaft und Geburt hatte ich eine massive Schilddrüsenüberfunktion. Der dringende ärztliche Rat, neben der medikamentösen Behandlung: schonen Sie sich, vermeiden Sie zusätzlichen Stress und essen Sie in Ruhe mehrere gehaltvolle Mahlzeiten pro Tag, um körperlich wieder zu Kräften zu kommen. 

Entspannen mit Säugling in der Großstadt?

Gut gemeint, aber wie umgesetzt, (weitgehend) auf mich gestellt in einer Großstadt, mit einem Säugling, der mich nachts noch im Zweistundentakt weckte und einem Partner, der darum kämpfte, sich in seiner Rolle zwischen Beruf und Vaterdasein zurechtzufinden?

Vermutlich war meine Situation ernster als ich es damals realisierte. Im Rückblick sehe ich, dass ich mich fast verloren hatte zwischen den Anforderungen des Mutter-Seins und der Belastung einer nicht wirklich stabilen Partnerschaft zwischen dem Vater meines Sohnes und mir. Innige Glücksmomente, gefolgt von heftigen Streits, Schlafmangel und über Wochen immer nur wenige Minuten, in denen ich meine Aufmerksamkeit ungeteilt auf mich selbst richten konnte – obwohl mein Leben als Mutter eines Säuglings äußerlich gar nicht ungewöhnlich verlief, stimmte innerlich offensichtlich etwas ganz und gar nicht: mein Körper gab mir schließlich das Signal: so geht es nicht weiter, was du hier lebst macht dich krank! 

Der sichere Hafen 

Das größte Geschenk, das ich in diesem Moment bekam, war tatsächlich die Liebe meiner Mutter. Ohne zu zögern, lud sie mich und unseren Sohn in ihr Haus ein. Was als „Nothilfe“ für ein bis zwei Wochen gedacht war, wurde letztlich zu einer über zweimonatigen Lebensgemeinschaft auf Zeit. Sie, die eigentlich gar nicht besonders gern kocht, grub alle Lieblingsrezepte meiner Kindheit aus, kochte drei warme Mahlzeiten pro Tag für mich, wiegte mein Kind in den Schlaf, wenn ich erschöpft kurz davor war, selbst einzuschlafen, kaufte ein, hörte mir zu, bzw. ließ mich einfach still und momenteweise ganz bei mir sein. Erst im Rückblick verstand ich auch, welche Sorgen sie sich um mich gemacht haben muss, da der dauerhaft hohe Puls wohl ernsthaft gefährlich für mein Herz war und sie ja wusste: ich hatte nicht nur die Verantwortung für mich selbst, sondern auch für mein kleines Kind.

In gewisser Weise „rettete“ mich meine Mutter in diesen Wochen, vor allem, weil sie mir den Raum gab, mich – nach und nach – wieder selbst zu fühlen. Unter ihrer Fürsorge und ihrer liebevollen, aber nie fordernden, Aufmerksamkeit in dieser Zeit konnte ich zunächst körperlich und dann auch seelisch wieder zu Kräften kommen. Und ich fand nach und nach Antworten in mir, wie ich mein Leben, zurück in der Großstadt, weiterführen wollte. 

Halt und Orientierung

Ich muss ehrlich zugeben, mein Partner (und jetziger Ex-Partner) spielte in dieser Zeit keine große Rolle für mich. Zu sehr waren wir beide in unseren inneren Mustern gefangen, um uns gegenseitig in dieser Ausnahmesituation Halt und Orientierung zu geben. Wir hatten einander angefeindet, statt uns gegenseitig zu stützen. 

Diese Unterstützung, ernsthaft krank, mit einem wenige Monate alten Säugling, erhielt ich von meiner Mutter – und ich bin ihr sehr dankbar dafür, auch wenn ich das in dieser Deutlichkeit wohl bis heute noch gar nicht formuliert habe. 

Lieben und loslassen können

Dankbar bin ich auch, dass sie mich dann wieder „ziehen“ ließ, zurück in ein Leben und auch in eine Partnerschaft, die sicher alles andere als optimal für mich war. 

Ihre Fähigkeit, zu lieben und mich zugleich loszulassen, versuche ich jetzt meinem Sohn zu schenken, wiederum auf meine ganz eigene Weise. Dass ich dazu in der Lage bin, verdanke ich (auch) der Liebe meiner Mutter. Daher ist diese Liebe eines der größten Geschenke meines Lebens für mich. 

Mit dankbarem Gruß, Sunnybee

PS. Fühlst du dich inspiriert und möchtest an meiner Blogparade teilnehmen? Bis zum 31.12.18 kannst du das sehr gerne noch tun! Ich freue mich schon sehr auf weitere verblüffende, berührende oder zum Nachdenken anregende Beiträge! Hier der Link dazu. 

Wurzeln und Flügel: Was darf man Kindern zutrauen?

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Lydia, von lydiaswelt stellt in ihrem Blog die interessante Frage: Wie viel Eigenständigkeit darf man Kindern eigentlich zutrauen? 

Darf eine 2 1/2-Jährige selbst ihr Brot mit dem Brotmesser in Stücke schneiden? Erlaube ich meinem Sechsjährigen, beim Bäcker um die Ecke, zu dem wir jeden Morgen gehen, alleine Brötchen holen zu gehen, wenn er das möchte? Und lasse ich meine Elfjährige mit dem Zug allein zu Oma fahren? 

Gefährde ich meine Kinder, wenn ich ihnen viel zutraue? 

In der Frage „Was darf ich meinen Kindern zutrauen?“ schwingt ja die Besorgnis mit, sie gegebenenfalls zu überfordern oder gar zu gefährden, dadurch, dass ich Dinge nicht für sie übernehme. Und natürlich ist die Besorgnis einerseits berechtigt: einen Dreijährigen würde ich nicht alleine zuhause lassen um mal eben einkaufen zu gehen. Einen Sechsjährigen, zusammen mit seiner zehnjährigen Schwester, aber vielleicht schon? Und mein Dreijähriger darf an der Kasse mit dem Geld, das ich ihm gebe, „bezahlen“, den Einkaufswagen zurück zum Sammelpunkt fahren, ihn anschließen und die Pfandmünze entgegennehmen. Begleitet von mir, bzw. unter meinem aufmerksamen Blick aus der Ferne – aber gefühlt selbst gemacht.

Von Wurzeln und Flügeln

Ehrlich gesagt lebe ich seit der Geburt meines Sohnes vor gut drei Jahren in dem Bewusstsein: Meine Aufgabe ist, ihm Wurzeln zu geben – aber auch, ihn seine Flügel entdecken (und entfalten) zu lassen. Bestenfalls kann ich ihm das Vertrauen schenken, dass ich 100% für ihn da sein möchte und oft auch da sein kann. Von dieser Basis aus wird er seine eigenen Wege gehen (müssen). Und das ist – und wird in Zukunft noch weiter – meine zweite Aufgabe als Mutter sein: ihm soweit zu vertrauen, dass ich ihn loslassen kann. 

Im Kleinen erlebe ich das bereits heute, wenn mein inzwischen dreijähriger Sohn Dinge alleine machen möchte, die ich wenige Wochen zuvor noch für ihn erledigt habe. „Mama, selber!“ ist sein mehr oder wenig energisch geäußerter Satz, der im Moment unseren Alltag begleitet. Und ich lasse ihn sehr oft machen. Manchmal mit einem verstohlenen Blick, ob ihm das Selbermachen auch gelingt, oft durchaus mit der Mahnung: „Vorsicht, schwer, heiß, scharf!“ und natürlich lasse ich ihn nicht allein mit dem Fleischmesser oder der Gartenschere hantieren. Aber bereits mit 2 1/2 Jahren durfte er mit dem Laufrad vorneweg bis zur Bordsteinkante fahren, anfänglich begleitet von meinem Ruf: „Vorsicht, Straße!“ Natürlich hatte ich ihm davor gezeigt und erklärt, dass das Warten an der Straße unbedingt erforderlich ist, hatte es mit ihm einige Male geübt, durchaus theatralisch dabei auf die Gefährlichkeit der vorbeifahrenden Autos hingewiesen – aber dann ließ ich ihn fahren. Und er wartet jedes Mal genau an der Kante, Daumen hoch, ein stolzes Lächeln auf dem Gesicht: „Schau, Mama, was ich kann!“

Zutrauen kommt von Vertrauen

Dass ich meinem Sohn viel zutraue hat auch damit zu tun, dass ich ihn von klein an als sehr umsichtig erlebt habe: vom Boden auf den Stuhl und vom Stuhl auf den Tisch – er klettert und balanciert unerschrocken, aber nicht, ohne zu prüfen, ob der nächste Schritt auch wirklich sicher ist. Er will sehr viel selbst machen, aber wenn ihm etwas nicht ganz geheuer ist, sagt er auch schon mal „Mama, du bitte!“ und beobachtet, was ich dann tue. Und genauso, wie er – wie alle Kinder – den Schalk im Nacken hat und durchaus schon mal die Plätzchendose vom Regal angelt, wenn ich sie ihm gerade verboten habe; – weise ich ihn im ruhigen und eindeutigen Ton auf die Gefährlichkeit eines heißen Herds oder des Kloputzmittels im Badezimmerschrank hin, lässt er tatsächlich verlässlich die Finger davon. 

Offensichtlich vertraut er mir, dass ich ihn nur bei wirklicher Gefahr in einem bestimmten ernsten Tonfall warne – und ich vertraue ihm, dass er mich versteht und vernünftig genug ist, sich nicht selbst zu gefährden. Ist das verfrüht bei einem Dreijährigen? Aber ab wann ist Vertrauen dann gerechtfertigt? Ab sechs, ab vierzehn, mit der Volljährigkeit?

Meine eigene Kindheit und Jugend

Meine eigenen Eltern haben mir früh viel zugetraut. Und ich bin ihnen sehr dankbar dafür. Ich bin mit 19 Jahren zunächst für ein Jahr ins Ausland gegangen und danach von zuhause ausgezogen. Spätestens ab da konnten sie mich ohnehin nur noch aus der Ferne begleiten. Und ich habe sie durchaus noch oft um Rat gefragt – lege auch heute noch großen Wert auf ihre Meinung – aber meine Entscheidungen habe ich letztlich immer selbst getroffen, oft scheinbar mutig und unerschrocken, im Grunde aber vor allem mit dem Vertrauen, zu wissen, was ich mir zutrauen konnte – und kann.

Dieses Bewusstsein habe ich dadurch erworben, dass meine Eltern mir als Kind und Jugendliche ihr Vertrauen schenkten. Und das will ich meinem Sohn weitergeben: indem ich an seinem Leben Anteil nehme, ihn kennenlerne, um seine Wünsche und Ziele und seine Fähigkeiten weiß – und indem ich ihn dann machen lasse, seinem Alter, seinem Entwicklungsstand gemäß. Im Rahmen seiner Möglichkeiten und manchmal einen Schritt darüber hinaus. Dann halte ich innerlich vielleicht die Luft an: „Geht das gut?“, aber nur so wird er lernen können, was sein strahlender Blick an der Straßenkante heute schon zeigt: Ich kann das – und ich bin das Vertrauen meiner Liebsten wert! 

Wie seht ihr das? Wieviel traut ihr euren Kindern zu (und warum)? Und wo liegen bei euch die Grenzen des Vertrauens? Wenn ihr mögt, schreibt mir dazu oder antwortet Lydia auf ihre Blogparade !

Herzlichen Gruß, Sunnybee

Warum hast du mit dem Bloggen angefangen?

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Meine Mitbloggerin Anna Koschinski stellt in ihrem Blog die Frage: „Warum hast du mit dem Bloggen angefangen?“ Hier meine Antwort:

Am Anfang stand ein Streit

Tatsächlich stand am Anfang ein Streit: „Ich kann es nicht mehr hören!“, schleuderte mir eine (ältere) Kollegin entgegen: Das Gejammer junger Mütter, sie seien durch Beruf und Kinderfürsorge doppelt belastet. Sie selbst pflege trotz Vollzeitstelle seit Jahren ihre alte Mutter und jammere auch nicht. Das sei ihre „Privatsache“ und meine eben auch, da ich entschieden habe, ein kleines Kind zu haben UND berufstätig zu sein.

Dieses (Streit-) Gespräch war die Initialzündung. Zwei Nachtschichten später stand meine Website und ich hatte meinen ersten Artikel verfasst: Privatsache? Ich fand – und finde – nämlich durchaus, dass der Spagat zwischen beruflichem Engagement und privater Fürsorge (der sogenannten „Care-Arbeit“) ein gesellschaftlich relevantes Thema ist und es zu einfach gedacht ist, (zeitweise) Überforderung damit auf die zu geringe Belastbarkeit einzelner Mütter oder Väter zu schieben. 

Eine Gesellschaft ist so sozial wie die, die in ihr leben 

Der Start meines Blogs war also durchaus kämpferisch – und gesellschaftliche Themen sind bis heute ein wichtiger Aspekt meiner Seite: mich interessiert z.B. sehr, wie eine Gesellschaft aussehen kann, die weniger den Erfolg und die Leistung des Einzelnen im Fokus hat, sondern durch soziales Handeln und Interesse am Gegenüber geprägt ist. Parallel zu meinem Blog setze ich das inzwischen auch im realen Leben um: sei es ein von mir organisiertes Kaffeetrinken mit meinen Nachbarn  im Haus oder der mit einer Freundin initiierte Stammtisch für Allein- und Getrennterziehende: Netzwerke zu schaffen und sich (auch) im echten Leben wirklich zu begegnen ist ein wichtiges Thema für mich. 

Vermutlich auch, weil ich nach der Trennung vom Vater meines Sohnes Anfang 2017 nach Wegen suchte, mich als (getrennt erziehende) Mutter mit kleinem Kind neu zu orientieren. Wir betreuen unseren mittlerweile dreijährigen Sohn fast zu gleichen Teilen in einem Wechselmodell – auch hierüber und über die verschiedenen Phasen der Neuorientierung als getrennt lebende Familie schrieb ich zahlreiche Artikel.  

Und wie weiter? 

Mein Blog ist mir in den letzten Monaten wichtig geworden. Ich finde es großartig, in ihm einen Raum zu haben, in dem ich andere an meinen Überlegungen zu psychologischen und gesellschaftlichen Themen  teilhaben lassen kann. Ich erhalte auch immer wieder die Rückmeldung, Artikel seien bewegend oder gäben in irgendeiner Weise genau wieder, womit sich mein Gegenüber gerade befasse. Das Teilen meiner Gedanken in diesem Blog trägt dazu bei, dass ich auch im „echten“ Leben Menschen, die ich davor noch gar nicht kannte, schneller und „persönlicher“ kennen lerne – sie haben über das Lesen meiner Texte bereits einen Zugang zu mir erhalten, der sich ihnen sonst viel langsamer – wenn überhaupt – erschlossen hätte. Umgekehrt entstehen durch den Austausch über meine Texte tiefe und anregende Gespräche, die den Grundstock zu realen Freundschaften legen. Besonders begeisterte mich zuletzt meine erste selbst gestartete „Blogparade“ zur Frage „Was ist echte Stärke für dich?“: Innerhalb weniger Tage erhielt ich Dutzende Kommentare und zehn mir bis dato (weitgehend) unbekannte Menschen verfassten auf ihren Websites  wunderbare, berührende und tiefsinnige Antwortartikel. 

Freud und Leid des Bloggens

Die Kehrseite des Bloggens habe ich jedoch auch schon kennen gelernt: Eine Aufmerksamkeit, die sich durch „Klickzahlen“ oder gesammelte „Likes“ zeigt, kann einen regelrechten Sog entwickeln: Was, diesen Artikel haben in wenigen Tagen 120 Menschen gelesen? Beim nächsten sollen es noch mehr werden! Auch das Bloggen an sich, über so persönliche Themen, wie ich es tue, hat etwas Ambivalentes. Das Netz ist öffentlich, letztlich anonym und oft auch „stumm“: jeder kann meine, zum Teil sehr offen formulierten, Gedanken lesen, aber muss sich in keiner Weise dazu positionieren. Eine Reaktion wie in einem persönlichen Gespräch erhalte ich längst nicht immer – und andererseits bietet der Blog offensichtlich auch Raum für Projektion: so hat sich, zumindest nehme ich es so im Rückblick wahr, einmal ein Mann hauptsächlich aufgrund meiner Blog-Artikel in mich verliebt und dabei vermutlich übersehen, dass ein echtes Kennenlernen nicht in derselben Intensität und Geschwindigkeit stattfinden kann wie das „Kennenlernen“ eines anderen über seine geschriebenen Texte.

Mir selbst und anderen schreibend begegnen

Jawohl: das Bloggen ist für mich auch eine Art, mir selbst – und anderen – schreibend zu begegnen: die vielfältigen, bunten Erfahrungen, die sich in den letzten Monaten daraus ergeben haben, bestätigen, dass dieser Weg (gerade) der richtige für mich ist. 

Vielleicht ermögliche ich in Zukunft anderen in Form von Workshops, im Prozess des Schreibens „Heimat“ in sich zu finden, sich selbst und andere besser zu verstehen und den ‚roten Faden’ in ihrer Biographie zu entdecken?

Mein Weg ist jedenfalls der der Begegnung: echt, liebevoll (zu mir und zu anderen), offen dafür, innerlich zu wachsen und mir und anderen immer wieder Raum zu geben, einfach zu sein. Ich bin erwartungsvoll, was sich dabei in meinem Blog – und über meinen Blog hinaus im „echten“ Leben -entwickelt. Der Grundstein ist gelegt!

Herzliche Grüße – und ein herzliches Dankeschön an alle, die mich als Leserinnen und Leser seit Beginn meines Blogs im April 2018 begleiten, meine Artikel teilen und kommentieren und diese besondere Art des Austauschs mit mir führen!

Sunnybee

PS. Ach ja… Wer ist „Sunnybee“? Und warum schreibe ich unter Pseudonym? Das erkläre ich hier.