#bloggersforfuture: Mein Selbstversuch im Supermarkt

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Das Thema Klimaschutz lässt mich nicht los. Daher heute ausnahmsweise mein dritter Blogbeitrag diese Woche!…😉

Greta Thunberg startete Mitte letzten Jahres von Stockholm aus die freitäglichen Fridays for Future-Demonstationen, auf denen sich Schüler/innen und Studierende für den Klimaschutz einsetzen. Alexandra von livelifegreen.de machte mich mit ihrer Blogparade noch einmal darauf aufmerksam: aus Solidarität zu den demonstrierenden Jugendlichen habe ich daraufhin selbst einen Blogartikel verfasst. Wenn ihr mögt, könnt ihr in hier noch einmal lesen!

Mein Selbstversuch im Supermarkt

Während des Schreibens wurde mir auch noch einmal klar: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es“. So abgegriffen der Spruch auch ist, so viel Wahrheit steckt doch in ihm. Wer Greta zuhört, z.B. beim Stockholmer TED-Talk Ende 2018, ist nicht nur beeindruckt von ihren Englischkenntnissen, sondern merkt schnell: Sie will einfach nicht mehr hinnehmen, dass bloß GEREDET, aber all die Klimaabkommen, Emissionspläne und guten Vorsätze nicht in die Tat umgesetzt werden. 

Also los! Wie steht es um meine ganz persönlichen guten Vorsätze? Jede Woche trage ich (mindestens) eine große Tüte Plastikverpackungen hinunter in den Keller, wo sie (für mich) auf Nimmerwiedersehen in der Gelben Tonne verschwinden. Das sollte heute, beim Einkauf im Supermarkt, anders sein. 

Ich muss dazu sagen, ich war einfach nur beim Lebensmittelhändler um die Ecke, in diesem Fall ein Netto, der Ort, wo ich im Alltag unter Zeitdruck oft noch schnell ein paar Lebensmittel einkaufe, schlicht, weil der Laden zu Fuß in fünf Minuten erreichbar ist. 

Was habe ich gelernt?

  1. Will ich Gemüse tatsächlich unverpackt kaufen, bleibt mir in einem „Normalo-Supermarkt“ wie Netto nicht gerade viel Auswahl: hier gibt es zwar wie überall mehrere Sorten Kartoffeln, Tomaten oder Paprika, aber fast alles ist in Plastik eingeschweißt. Ich entscheide mich für die einzigen Paprika, die unverpackt zu haben sind, ebenso für die einzigen unverpackten Tomaten und die nicht-eingeschweißten Gurken. Kartoffeln gibt es hier nur im Netz aus Kunststofffäden, ich müsste sie also z.B. auf dem Markt besorgen, wollte ich wirklich konsequent auf Verpackungsmüll verzichten und paradoxerweise sind auch die Bio-Karotten und Bio-Gurken in diesem Laden nur verpackt zu haben. Karotten kaufe ich diesmal trotzdem, da es schlicht keine unverpackte Alternative gibt. Jedenfalls weiß ich jetzt, welches Gemüse ich hier auf keinen Fall unverpackt bekomme.
  2. Milchprodukte sind in einem Supermarkt wie Netto ohne Frischetheke ebenfalls nur in Plastik verpackt zu haben. Käse eingeschweißt, Joghurt, Sahne und Crème fraîche im Kunststoffbecher. Auch Milch und Saft gibt es nicht in (Mehrweg-) Glasflaschen. Ich verzichte diesmal auf den Einkauf und mache mir innerlich eine Notiz, diese in Zukunft in einem weiter entfernten Supermarkt zu kaufen, der Milchprodukte auch im Glas anbietet. Allerdings habe ich kein Auto, werde also sehen müssen, wie ich das Problem mit dem Pfand löse. Vermutlich gebe ich die Glasflaschen dann bei Netto zurück…🙂
  3. Fisch, Wurstwaren und Fleisch kaufe ich persönlich selten und bei Netto so gut wie nie. Zwar gibt es dort inzwischen eine eigene hauseigene Bio-Marke, aber die Auswahl bei tierischen Produkten ist gering – immerhin Bio-Hackfleisch finde ich, allerdings lediglich zertifiziert nach EU-Bionorm. 
  4. Eier gibt es – immerhin in EU-Bio-Qualität – in der Pappschachtel. Für alle weiteren Wünsche (Regionalität, keine standardmäßige Tötung männlicher Küken) müsste ich in einem anderen Supermarkt oder auf dem Markt einkaufen.
  5. Reis, Nudeln, Bohnen, Linsen: NUR in der Plastiktüte zu haben. Hier mache ich mir innerlich die Notiz, diese Produkte tatsächlich einmal im „Unverpackt“-Laden zu besorgen. Bei uns im großstädtisch ökobewussten Viertel gibt es seit Kurzem sogar einen…
  6. Aus Bequemlichkeit kaufe ich noch eine Fertigpizza (verpackt in der Pappschachtel und eingeschweißt in Plastik), für den Genuss etwas Schokolade (Pappschachtel und Alufolie) und für den Haushalt neues Waschmittel. Bei Süßigkeiten und Hygiene- sowie Reinigungsprodukten das wahre (Verpackungs-) Elend: zumindest bei Netto nur Einweg-Plastikflaschen und Plastikverpackungen, in denen Bonbons oder Spülmaschinentabs oft noch einzeln verpackt sind. Also Waschpulver, Spülmittel und Co künftig auch nur noch im „Unverpackt“-Laden besorgen? Selbst in anderen Supermärkten und Drogeriemärkten habe ich hierzu noch nicht viele Alternativen gefunden. Für Hinweise bin ich dankbar – auch ohne mein Spülmittel gleich selbst mixen zu müssen…

Mein Fazit nach 20 Minuten im „Normalo“-Supermarkt?

  1. Es ist einerseits verdammt schwer verpackungsfrei einzukaufen – zum Teil tatsächlich unmöglich, da es die Produkte nur plastikumhüllt gibt. Andererseits entfällt die „Qual der Wahl“ zumindest bei Obst und Gemüse, da es schlicht meist nur eine Sorte gibt, die unverpackt zu haben ist.
  2. Auf Verpackung zu verzichten kann sich mit anderen Vorsätzen „beißen“, also z.B. in Bio-Qualität oder regional produziert einzukaufen. Das war mir schon früher bewusst, wenn ich z.B. im März aus Neuseeland importierte „Bio“-Erdbeeren bewusst liegen ließ. In eine Zwickmühle gerate ich, wenn ausgerechnet das Bio-Gemüse nur eingeschweißt zu haben ist…
  3. Lebensmittel mit möglichst wenig Verpackung sowie tierische Produkte in Bio-Qualität zu kaufen, erfordert eine gewisse Planung. Einfach mal eben schnell im nächsten Supermarkt bekommt man, wie ich bei meinem Selbstversuch gemerkt habe, schlicht nicht alles. Bei allen „Trockenprodukten“ wie Nudeln, Reis und Keksen sowie allen Reinigungsmitteln und Hygieneartikeln bieten oft selbst Bio-Läden nur in Plastik verpackte Produkte. Offensichtlich lohnt sich hier tatsächlich das Einkaufen in Unverpackt-Läden oder auf dem Markt, wo man ggf. eigene Behälter mitbringen kann. 
  4. Alle Spontankäufe („Coffee to go“) und Convenient-Food wie der fertig zubereitete Salat, der Smoothie im Plastikfläschchen oder die Tiefkühlpizza produzieren extrem viel Verpackungsmüll. Ein weiterer Grund (neben Gesundheit und Geldbeutel), tendenziell darauf zu verzichten?

Ich jedenfalls habe mir diesmal auf dem Weg nach Hause keinen Coffee-to-go aus dem Automaten gelassen und werde mir jetzt WIRKLICH einen Mehrweg-Kaffeebecher kaufen, da ich mir oft unterwegs einen Kaffee oder Tee auf die Hand gönne. Wirklich schwierig erscheint es mir nicht, umweltbewusst(er) einzukaufen – aber Konsequenz und etwas zusätzliche Planung erfordert es schon – nun ja, die ist definitiv gut investiert!🙂

Mich würde sehr interessieren, welche Erfahrungen ihr mit dem Umsetzen eurer eigenen guten Vorsätze bisher gemacht habt. Oder ist euch das ganze Thema letztlich doch nicht so wichtig? Ich freue mich über eure Kommentare!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wie es auch gehen kann: Der Thornton’s Budgens-Supermarkt in London wurde innerhalb von 10 Wochen komplett plastikfrei. Einen Bericht darüber findet ihr hier.

#bloggersforfuture – Blogparade aus Solidarität zu unseren Kindern

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Anfang der 1990er traktierte uns unser Bio-Lehrer regelmäßig mit Lehrfilmen, die uns die Folgen von Umweltverschmutzung und Klimawandel näher bringen sollten. Kümmerliche Fichten mit gelblich verfärbten Nadeln, von Sturmtiefs entwaldete Hänge, giftgrüne Schwaden, die aus Fabrikschloten in den Himmel stiegen… Das Ganze untermalt von unheilvoller Musik und im Super-8-Format. Manchmal verhakte sich die Rolle im Projektor und wir warteten brav, bis unser Lehrer das Schreckensszenario wieder in Gang gebracht hatte. 

Brav in der Kleinstadt

Überhaupt waren wir ziemlich brav, wir Schülerinnen und Schüler der 90er in einer Kleinstadt in Süddeutschland. Freitags den Unterricht zu schwänzen, um gegen Luftverschmutzung und Mikroplastik zu demonstrieren, wie es seit einigen Wochen Hunderte von Schülerinnen und Schülern im Rahmen der fridaysforfuture-Demonstrationen tun – es wäre zumindest mir damals gar nicht in den Sinn gekommen. 

Und so ist das Szenario, das unser Lehrer damals entwarf, „still und leise“ innerhalb der letzten 30 Jahre zur Realität geworden. Wirbelstürme, Überschwemmungen, zerstörte Wälder, Smog, der tagelang über Städten hängt – all das gibt es bereits. Und dennoch: „So schlimm ist es doch gar nicht, oder?“ Das ist vermutlich die Krux an entsprechenden Prognosen. In unserem ganz persönlichen kleinen Leben nehmen wir zwar wahr, dass sich Dinge verändern: Regenfälle, die ganze Landstriche unter Wasser setzen, Schnee Ende April und 20 Grad-Tage im November – aber zumindest in Deutschland sind unsere Häuser stabil gebaut, ist es vielleicht sogar ganz angenehm, wenn die Winter milder werden, funktioniert die Müllabfuhr einwandfrei. So stopfen wir die Berge von Müll, die wir täglich produzieren, gewissenhaft in die genau richtige Tonne: gelb, blau oder braun – und einmal abgeholt, ist der Müll dann irgendwie „weg“. Jedenfalls sehen, fühlen und riechen wir ihn nicht mehr. Und damit ist das „Problem“ gefühlt nur noch halb so schlimm. 

Aus den Augen, aus dem Sinn

Ich denke, das ist das Problem an all den eigentlich unerträglichen Missständen: müssten wir selbst die männlichen Küken zerhacken, die bei der Aufzucht von Legehühnern „übrig“ bleiben, würden wir vermutlich gar keine Eier mehr essen. Wären wir gezwungen, das Rind zu zerteilen, dessen Fleisch wir im Supermarkt als „Hackbraten extrafein“ konsumieren, bekämen wir hektische Flecken im Gesicht. Und natürlich wollen wir nicht, dass unsere Kinder ihre Gesundheit in Kupfer-Minen ruinieren. Aber das nächste Handy, das genau diese Kupferdrähte enthält, kaufen wir doch. 

Die Sozialpsychologie nennt das den „myopischen (also kurzsichtigen) Effekt“: kurzfristiger Genuss lässt uns langfristige negative Konsequenzen ausblenden. „Ja, ja, Rauchen ist tödlich – aber eine Kippe geht noch.“ „Ja, ja, Mikroplastik verbreitet sich überall in der Umwelt, aber mein Lieblingsshampoo gibt’s eben nur in der Plastikverpackung.“

Daher stoßen Appelle auch so oft auf taube Ohren: „Was interessiert mich, wie’s der Welt in 150 Jahren geht?“ Das denken insgeheim wohl sogar Eltern, deren Enkel in genau dieser Welt alt sein werden. Aber eben: der Blick – und vor allem das Gefühl, die persönliche Betroffenheit – reicht nicht so weit. Was ich nicht selbst sehe, fühle und erlebe, ist mir einfach erst mal nicht besonders nah. Gepaart mit einem unbestimmten Gefühl von Resignation („Was soll ich als Einzelperson denn groß ändern?“) und einer Grundskepsis, den Unheilspropheten an sich gegenüber („Waren die nicht schon vor dreißig Jahren der Meinung, die Welt geht unter – und schaut, wir leben noch!“) führt das oft dazu, dass wir NICHTS ändern, statt überhaupt einen Anfang zu machen. 

Handeln auch ohne Betroffenheit 

Daher dürfen wir nicht warten, bis uns die große, persönliche Betroffenheit überfällt und wir vor innerem Antrieb gar nicht mehr anders können als zu handeln. NEIN, wir müssen es einfach TUN. Jetzt. Beim nächsten Einkauf. 

Wenn Fleisch, dann wirklich immer in Bio-Qualität. Dasselbe gilt für Eier, Milch, alle Tierprodukte. Obst und Gemüse im Unverpackt-Laden kaufen oder auf dem Markt (ist oft sogar billiger), Kinderkleider und eigene Kleider flicken und/oder Second Hand kaufen. Mit dem Rad fahren. Stoffbeutel mit in die Handtasche, so dass wir gar nicht erst versucht sind, im Laden die Plastiktüte mitzunehmen. Im Supermarkt die eingeschweißten Gurken liegen lassen und Joghurt im Glas kaufen. 

Es ist wirklich nichts Spektakuläres daran, sich ein Stück weniger tier- und  umweltfeindlich zu verhalten. Einfach ist es eigentlich auch, vor allem, da inzwischen Bio-Lebensmittel und Kosmetika mit Umweltsiegel in jedem Discounter zu finden sind. Es ist höchstens ungewohnt. 

Und genau deswegen sind Demos wie die der Schülerinnen und Schüler jeden Freitag wichtig. Weil sie Aufmerksamkeit wecken für die Themen, über die nachzudenken wir schon aufgehört haben. Und weil Demonstrationen wie diese zu ganz konkreten Gesetzesänderungen führen können. Anschnallpflicht in Autos, Rauchverbot in öffentlichen Räumen, ab 2021 das Verbot von Plastikstrohhalmen und Einwegplastikverpackungen. Macht alles unsere Welt ein wenig sicherer, ein bisschen weniger dreckig und etwas angenehmer.

Manchmal braucht der „Schweinehund“ in uns einen Tritt, damit wir in Bewegung kommen. Das kann durch eine Gesetzesänderung geschehen, durch Texte oder eine Dokumentation, die wir gesehen haben – oder eben durch die Fragen unserer Kinder.

Danke an Alex von livelifegreen, deren Blogparade mich zu diesem Artikel inspiriert hat!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

Frauen, vernetzt euch! Am 8.3. ist Weltfrauentag

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Care-Arbeit, die Fürsorge für Kinder, Alte und Kranke,  ist das Rückrat unserer Gesellschaft und zugleich behandeln wir die, die diese Arbeit auf sich nehmen, oft mit einer Art gönnerhaften Wohlwollens. Super, das du das machst – ich wollte es nicht! So denken insgeheim vermutlich nicht wenige Entscheidungsträger/innen aus Wirtschaft und Politik, schmerzhafterweise gleichermaßen Männer wie Frauen, deren Karrieren davon profitieren, dass Personal, Au-Pairs, Erzieherinnen und Ehefrauen die Pflege von Kindern und alten Eltern übernehmen. Keine/r, der Kinder hat, kann von 8-20 Uhr in Sitzungen oder auf Geschäftsreisen sein, ohne eine (familiäre oder außerfamiliäre) Betreuung für seinen Nachwuchs in Anspruch zu nehmen. Das kostet, wenn man dafür bezahlen muss, schnell mehrere Hundert Euro. Glücklich, wer gar nichts dafür bezahlt, bzw. nur ein Taschengeld, weil eine Assistenz mit Dreimonatsvisum oder eben die eigene Ehefrau diese Arbeit übernimmt.

Tragisch ist, dass genau die Menschen, die diese emotional und körperlich fordernde Arbeit verrichten, oft in keiner Weise in der Lage sind, für ihre Rechte einzustehen. Eine Frau, die die deutsche Sprache nur unzureichend spricht, zwischen zwei Jobs pendelt, um sich finanziell über Wasser zu halten oder finanziell (und emotional) von ihrem Partner, der den Vollzeitjob innerhalb der Familie inne hat, abhängig ist, wird kaum zur Aktivistin. Auch wer allein- oder getrennt erziehend ist und neben der eigenen Berufstätigkeit seine Kinder betreut, hat oft weder Zeit noch Energie, sich gesellschaftlich zu engagieren. 

Unsere alltägliche Stärke nutzen 

Dabei ist sehr viel möglich, wenn gerade wir Frauen uns unserer alltäglichen Stärke bewusst sind. Ich möchte daher an dieser Stelle drei Projekte vorstellen, die ich selbst, berufstätig, Mutter eines 31/2-jährigen Sohnes und seit inzwischen gut zwei Jahren getrennt erziehend, im Verlauf der letzten 12 Monate ins Leben gerufen habe. 

  1. Einen monatlichen Stammtisch für allein- und getrennt erziehende Eltern in Köln
  2. Ein nicht-kommerzielles Netzwerk für Kinderbetreuung im Notfall unter allein- und getrennt erziehenden Müttern im Raum Köln
  3. Eine „Moms’ Business Night“ zum Austausch und zur Vernetzung unter berufstätigen, allein- und getrennt erziehenden Müttern. 

Stammtisch für Allein- und Getrennterziehende 

Ich selbst fühlte mich vor gut zwei Jahren, frisch getrennt, mit einem 11/2-jährigen Kleinkind, durchaus „hilfsbedürftig“. Streitereien in der Partnerschaft hatten mich erschöpft und auch wenn ich nach der Trennung das Gefühl hatte, „zu neuen Ufern“ aufbrechen zu können, fühlte ich mich doch oft ziemlich einsam. Mein Impuls für einen Stammtisch für allein- und getrennterziehende Eltern, den ich schließlich im Sommer 2018 gemeinsam mit einer Freundin gründete, lag genau darin begründet: ich wollte mehr Kontakt zu Müttern und Vätern in meiner Situation und das für mich gut erreichbar, in ungezwungenem und zugleich persönlichem Rahmen. Die ersten drei „Stammtische“ organisierten wir als Picknick im Park mit unseren Kindern, wir legten lediglich Ort und Zeit fest und jede/r, der vorbeischaute, brachte etwas zu essen mit. Mit zunächst überschaubarem organisatorischen Aufwand zauberten wir so unter uns 6-8 Erwachsenen und 4-6 Kindern ein kleines Frühstücksbüffet auf Papptellern und Papierservietten. Als die Temperaturen im Herbst sanken, zogen wir in ein Lokal um und frühstücken seitdem dort. Wir genießen das leckere Essen, die Kinder beginnen sich bereits wiederzuerkennen und wir Erwachsenen führen gute Gespräche von ganz leichten bis hin zu manchmal auch ernsten Themen. Anfang des Jahres hat sich sogar die deutschlandweit erscheinende Frauenzeitschrift „Freundin“ für uns interessiert und berichtet in der März-Ausgabe 7/2019, die momentan am Kiosk zu finden ist, über unsere Initiative!🙂

Kinderbetreuung im Notfall

Ein Magen-Darm-Infekt, der mich zwei Tage lang außer Gefecht setzte, brachte mich einige Monate später auf die Idee, ein (möglichst tragfähiges), nicht-kommerzielles  Netzwerk zur Kinderbetreuung im Notfall unter uns Allein- und Getrennterziehenden zu organisieren. Der Gedanke war – und ist – dass sich genau diejenigen, die Hilfe brauchen, auch gegenseitig unterstützen können. Jede allein- oder getrennt erziehende Mutter weiß wohl um die leichte Panik, die aufkommt, wenn man selbst oder das eigene Kind, bzw. die eigenen Kinder krank zu werden drohen. Oft hat sich gerade alles ganz gut eingespielt zwischen Schule, Kindergarten, (Ex-) Partner und Co – solange eben nicht eine der (Betreuungs-) Säulen ins Schwanken gerät. Und dann, halb krank und unter Zeitdruck, nach professionellen Hilfsangeboten suchen? Auch hier dachte ich: mache es persönlich und direkt: 10-20 Frauen, die sich teilweise über den Stammtisch bereits kennen, geben mir ihre Kontaktdaten, ich sammle diese und schicke die so entstandene Liste an alle, die mitmachen wollen. So erhalten alle Beteiligten die Information, welche anderen allein- und getrennt erziehenden Mütter aus ihrem Stadtteil zu einer solchen Kooperation bereit wären. Die konkreten Absprachen treffen alle dann dezentral mit den ein, zwei Frauen, mit denen sie sich organisatorisch und von der Sympathie her wirklich ein privates „Notfallnetz“ vorstellen können. Innerhalb von zwei Tagen meldeten sich auf meinen Aufruf hin 24 (!) Frauen, die Teil dieses Netzwerks sein wollten. Ich erstellte die Liste, schickte sie an alle und werde auch hier im Blog berichten, was sich weiter aus den Kontakten ergeben hat!

Moms’ Business Night

Schließlich meine dritte Initiative, angeregt durch die Gespräche, die sich während unseres Stammtischs ergeben haben: all diese tollen, kompetenten Frauen haben, neben ihrer Fähigkeit als Mutter, oft berufliche und private Qualifikationen, von denen sicher noch andere aus der Gruppe profitieren können. Warum nicht den Rahmen schaffen, in dem alle von den Kompetenzen der anderen erfahren können? Die Idee zur Moms’ Business Night war geboren. Was etwas hochtrabend klingt, ist ein Treffen in einem Kölner Lokal am 8.3. (passenderweise dem Weltfrauentag), bei dem jede Anwesende kurz sich selbst und ihren Beruf vorstellt, sowie erklärt, welche Fähigkeiten sie der Gruppe zu Verfügung stellen kann. Der Rest ist dann ein Abend in lockerer Runde und die Möglichkeit, untereinander fleißig zu netzwerken. Auch über diesen Abend und was sich daraus ergeben hat, werde ich hier im Blog nochmals berichten. 

Mutter-Sein stärkt!

In Bezug auf das Verfolgen eigener Ziele hat mich mein Mutter-Sein und die Erfahrung meiner Trennung vor gut zwei Jahren eindeutig verändert. Ich weiß inzwischen nicht nur, dass es gut und wichtig ist, seine eigenen Werte zu vertreten, sondern auch, dass ich den Mut haben muss, mir die Strukturen zu schaffen, in denen dies überhaupt möglich ist. Auf einmal bin ich selbst diejenige, die Dinge ins Leben ruft. Und ich kann sagen, es fühlt sich gut an!

Daher: 

  • Schaut, was eurer tiefes Interesse ist (bei mir der Kontakt und die gegenseitige Vernetzung) und dann macht es konkret: Welche Begegnungen und Initiativen können euch das geben, was ihr sucht?
  • Dann legt los, zunächst so klein und mit so wenig organisatorischem Aufwand wie möglich: Ihr öffnet Türen, ihr braucht die Menschen nicht hindurch zu tragen! Wer mit euch gehen will, wird ganz von selbst Initiative zeigen.
  • Und nicht zuletzt: Achtet beim Machen und Initiieren darauf, was sich für euch wirklich gut anfühlt. Denn dorthin fließt eure Kraft von ganz alleine. Ich möchte nicht unterschlagen, dass es Zeit und Energie kostet, Dinge nicht nur zu initiieren, sondern sie auch „am Laufen“ zu halten. Die Kraft dazu findet ihr meiner Meinung nach dadurch, dass ihr euch a) mit anderen zusammen tut, die eure Ziele teilen, b) nicht erwartet, dass euch alles gelingt und ihr jede/n für eure Pläne begeistern könnt und vor allem, dass sich c) euer Handeln mit euren Werten deckt. Ein Handeln, bei dem ihr in diesem Sinne auf eure Kräfte achtet und eurem „inneren Kompass“ folgt, kann eigentlich nur erfolgreich sein!🙂

Mein Fazit:

Frauen und Mütter, alleinerziehend, getrennt erziehend oder nichts von beidem: Wenn wir die Kraft haben wollen, gesellschaftlich etwas zu bewegen, müssen wir uns zunächst selbst stärken. Daher: Seid euch eurer Kraft und eurer Möglichkeiten bewusst. Und versucht eure Ziele gemeinsam zu erreichen. Es ist einfacher, erfolgsversprechender – und macht schlicht mehr Spaß! 

Herzliche, aktive Grüße, Sunnybee

PS. Wer zu allen vorgestellten Projekten mehr Informationen möchte, bzw. mit mir Kontakt aufnehmen möchte, wende sich gerne an mich über die Kommentarfunktion oder direkt per Mail über kontakt[at]mutter-und-sohn.blog.

PPS. Claire Funke, lange tätig in der Erwachsenenbildung und alleinerziehende Mutter zweier Söhne, weist zurecht, u.a. in ihrem Blog, laut und deutlich darauf hin, dass Fürsorge-Arbeit gesellschaftlich stärker wahrgenommen und honoriert werden muss. Ihre Petition haben bereits fast 31.000 (!) Menschen unterschrieben. Unterstützenswert!

[Foto: pixabay]

Ein bisschen Schummeln schadet nicht? Über den Umgang mit Werbung in Blogs

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Mein Blog wird bekannt. Vor kurzem habe ich die erste Anfrage zu einer Anzeigen-Kooperation erhalten. 

Mein erster Anzeigen-Kunde? 

Eine Dame, nach eigener Aussage „Freelancerin“ im Auftrag eines großen Online-Modeportals, meldete sich per Mail bei mir und bekundete Interesse, einen Artikel auf meinem Blog zu veröffentlichen. Darin sollte ein Link auf ihren Auftraggeber verweisen. Es bleibe mir überlassen, ob sie oder ich selbst den Artikel verfasse, mein Blog sei inhaltlich für das von ihr vertretene Unternehmen ansprechend, es bestehe Interesse an einer Zusammenarbeit.

Ich gebe zu, einen Moment lang fühlte ich mich geschmeichelt: ohne dass ich irgendeine Form von Anzeigen-Akquise betrieben hatte, schien sich ein Werbekunde für meinen Blog zu interessieren. Ich erklärte, nähere Details erfahren zu wollen. 

Diese wurden mir bereitwillig mitgeteilt. Die Dame informierte mich, 2-3 Do-Follow (also für Suchmaschinen relevante) Links, darunter einer auf die Website ihres Unternehmens, solle der Artikel enthalten und er solle nicht als Werbung gekennzeichnet sein. Ein Verweis auf die Zusammenarbeit mit ihr sei jedoch möglich. Bei Interesse solle ich gerne meine Honorarvorstellungen mitteilen. 

Schleichwerbung mit nicht als Werbung gekennzeichneten Links  

Ich brauchte eine Weile, aber dann hatte auch ich es kapiert: hier ging es ganz klar um Werbung, die nicht als Werbung gekennzeichnet sein sollte. Ich brauchte eigentlich nur meinen gesunden Menschenverstand, um zu begreifen, dass das Angebot nicht „koscher“ war. Dennoch spielte ich tatsächlich mit dem Gedanken, es anzunehmen, unter der Prämisse, den Artikel selbst zu verfassen/ die Freelancerin als von Unternehmen XY beauftragt im Artikel zu benennen/ einen Teil der potentiellen Einnahmen an eine gemeinnützige Organisation zu spenden und darauf im Artikel hinzuweisen. Haha…

War denn das zu fassen? Ich fühlte mich ernsthaft versucht, in meinem Blog bezahlte Werbung zu machen, ohne sie sauber und offiziell als solche zu kennzeichnen? Das passte ja großartig zu Artikeln, in denen ich aufrichtiges und authentisches Handeln beschreibe. Eine viertelstündige Recherche ergab zudem: diese Art der Schleichwerbung ist schlicht Betrug und kann zu Abmahnungen seitens anderer Unternehmen sowie zu Rückstufungen im Suchmaschinenranking führen. Rechtlich sauber ist sie jedenfalls nicht.

Einzig mögliche Antwort also:

„Sehr geehrte Frau XY, 

Ihnen ist sicher bekannt, dass bezahlte Do-Follow-Werbelinks, die nicht explizit als Werbung gekennzeichnet sind, gegen gesetzliche Vorgaben verstoßen.

Ich danke Ihnen für das Interesse an meinem Blog. Sollten Sie in der Zukunft Interesse an einer klar als Werbung erkennbaren Zusammenarbeit haben, bin ich durchaus interessiert an einer Kooperation.

Mit freundlichen Grüßen Sunnybee“

Genau diese Mail schickte ich dann ab. 

Und warum schreibe ich hier im Blog so offen darüber?

Weil ich Werbung per se nicht verkehrt finde. In den letzten Monaten habe ich wahrgenommen, dass einige, auch von mir geschätzte, Bloggerinnen und Blogger auf ihren Seiten Werbung platzieren. Manchmal ganz offensichtlich als Werbebanner, manchmal als Artikel, in dem ein bestimmtes Produkt vorkommt und der als „von XY gesponsert“ gekennzeichnet ist. Besonders sympathisch finde ich das nicht, ich gebe es zu. Aber Bloggen kostet Energie und Zeit (und je nach Aufwand) auch richtig Geld, um z.B. mit Interviewpartnern zu sprechen oder bestimmte Themen zu recherchieren und damit journalistischen Ansprüchen gerecht zu werden. Warum sollte man damit nicht auch Geld verdienen wollen und können?

Andererseits will ich bezahlte Werbung als Werbung erkennen. Das erwarte ich von anderen Websites, deren Inhalte ich ernst nehme, und ich handle selbst entsprechend. Daher hier auch nochmal explizit: Alle Hinweise auf Bücher, Websites oder Unternehmen, die ich bisher in meinem Blog verlinkt habe, sind nicht-kommerziell: ich erhalte für ihre Verbreitung kein Geld oder Sachwerte, sie sind rein persönliche Empfehlungen. Links setze ich, weil mich die Inhalte, zu denen sie führen, überzeugen und sie thematisch meine Artikel ergänzen. 

Sollte dies einmal anders sein, weil ich von einer Organisation oder einem Unternehmen eine Anfrage zur Zusammenarbeit erhalten habe, sollte ich also z.B. einen gesponserten Artikel schreiben, so würde ich ihn klar als Werbung kennzeichnen. Ansonsten werde ich meine Artikel weiter großzügig verlinken, ohne jede Empfehlung meinerseits als Werbung zu kennzeichnen. Dafür ist das World Wide Web schließlich gemacht, zur Unterhaltung, Vernetzung und Weitergabe von Information. Dabei ethische und juristische Grenzen zu überschreiten kann manchmal ganz schön verführerisch sein. Betrug bleibt es trotzdem und daher sage ich dazu NEIN. 

Wie seht ihr das? Bezahlte Werbung in euren Blogs: Stellt sich die Frage für euch? Und, falls ihr tatsächlich bezahlte Werbung schaltet, was ist eure Erfahrung damit? Ich freue mich sehr über eure Kommentare!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

Blindenstöcke für Togo. Ein Nachtrag zum Artikel über Sina Trinkwalder

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Schüler des „Centre des Aveugles de Kpalimé“ (C) Isadora75

Hier noch eine Ergänzung zu meinem Artikel über die Unternehmerinnen Sina Trinkwalder und ihr soziales Engagement im Rahmen ihrer Textilfirma manomama.

Ein Kommentar zu meinem Blogbeitrag hat mich zum Nachdenken gebracht. Tilman, ein Blogger, der seit längerem meine Beiträge mitliest, schreibt mir: 

„Wenn Du Dich bei so einem Artikel ganz klein fühlst ist das normal. Mach das Notwendige, dann ist schon mal an Dich gedacht. Dann das Mögliche, dann machst Du die Welt hier und da auch etwas besser und das ist doch wunderbar. Und es langt, einem bedürftigen Mensch mit Deinen Möglichkeiten eine Freude zu machen. Und dann blicke auf das Geleistete zurück und erfreue Dich an Dir und der Welt. Und an Sina Trinkwalder 😉“

Klarsicht und Nachsicht

Was mir sehr an diesem Kommentar gefällt und mich dazu bringt, jetzt noch einen (Folge-) Artikel zu verfassen, ist die Klarsicht – und auch Nachsicht – , die aus diesen Zeilen spricht. Ein Porträt wie das der Unternehmerin Trinkwalder soll in keiner Weise einschüchternd wirken – jedenfalls ist das nicht meine Absicht. Aber natürlich haben „Power-Menschen“ wie Trinkwalder oder z.B. auch Monika Hauser von Medica Mondiale oder der (inzwischen verstorbene) Karlheinz Böhm, der die Hilfsorganisation Menschen für Menschen gründete, prinzipiell auch etwas Einschüchterndes an sich. Die Kraft, Überzeugung, Konsequenz und Ausdauer, die sie bei Aufbau und Erhalt ganzer Unternehmen, bzw. Hilfsorganisationen, an den Tag legten und legen, würden wir vermutlich gar nicht aufbringen. Je nach Naturell und aktueller Situation reagieren wir dementsprechend mit (neidloser) Anerkennung, Staunen – oder auch einem vagen Unbehagen. Das „Ich-sollte-auch-was-tun-aber-krieg-den-Hintern-nicht-hoch“-Gefühl… Und allzu oft wenden wir uns dann ab mit der Empfindung „Eine Nummer zu groß für mich!“ und der paradoxen Schlussfolgerung: „Dann tue ich lieber gar nichts!“

Daher unterschreibe ich in aller Deutlichkeit Tilmans Bemerkung: 

Mache das dir Mögliche – damit machst du die Welt bereits etwas besser. Und es reicht, schon einem bedürftigen Mensch mit Deinen Möglichkeiten eine Freude zu machen. 

15 Blindenstöcke für Togo

Beim Surfen im Netz bin ich auf der Seite einer weiteren Bloggerin gelandet, deren Beiträge ich sehr schätze. Als blinde Mutter mit arabischem Hintergrund und bereits erwachsenen Kindern erschließt mir Lydia von lydiaswelt tatsächlich einen ganz neuen Blick auf die Welt. Was ich z.B. nicht wusste: im afrikanischen Togo gibt es nur etwa fünf Schulen für blinde und sehbehinderte Menschen. Eine davon ist das „Centre des aveugles de Kpalimé“, ein zum Teil spendenfinanziertes, kirchlich geführtes Hilfszentrum mit Regelschule für Blinde und Sehbehinderte. Die Einrichtung ist laut der Beschreibung des Blogartikels gut organisiert und ermöglicht zahlreichen Menschen mit Seheinschränkung die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Trotz des Engagements der Lehrer/innen und Betreuer fehlt es materiell jedoch an vielem. So verfügt das „Centre des aveugles de Kpalimé“ offensichtlich nicht über ausreichend wirklich funktionstüchtige Blindenstöcke. Die aus dem Nachbarland Ghana importierten Langstöcke sind oft verbogen und kaum noch brauchbar. Als Sehende kann ich mir kaum vorstellen, was es bedeutet, mit so einem notdürftig funktionsfähigem Hilfsmittel unterwegs zu sein. 

Lydia, die auf ihrem Blog von dieser Situation berichtet, hat daher eine Spendenaktion initiiert. Ziel: Geld für 15 neue Blindenstöcke zu sammeln, die an das „Centre des aveugles de Kpalimé“ in Togo gespendet werden können. Da jeder Stock 20€ kostet, ist das Ziel, insgesamt 300€ zusammen zu bekommen. Die Aktion läuft noch bis zum 15. Januar 2019. Mehr Infos dazu findest du hier.

Tja – Initiative muss nicht groß, pompös und weltumspannend sein. Der wache Blick, was nötig ist, genügt. Und dann einfach machen! Genau so viel, wie dir mit deiner Kraft, Energie und Überzeugung möglich ist.

In diesem Sinne herzliche „Nach-Weihnachtsgrüße“ und Freude und Dankbarkeit für alles, was uns geschenkt ist!

Sunnybee

Die Grenzen des Wachstums: Drei Fragen für soziales Handeln

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Würde mir jemand prophezeien, ich könne meinen Sohn, z.B. durch die Gabe bestimmter Hormone, fünf Meter groß werden lassen, würde ich ihm wohl einen Vogel zeigen – nicht nur, weil mir eine solche Körpergröße nicht besonders erstrebenswert erscheinen würde, sondern weil sie schlicht anatomischen Gesetzmäßigkeiten widerspricht. Auch jemanden, der mir verspräche, mit Wunderpille XY könne ich 150 Jahre alt werden oder alle Folgen des Alterungsprozesses hinter mir lassen, fände ich wenig glaubwürdig. Unsere biologisch definierten körperlichen Grenzen akzeptieren wir meist – wenn auch zum Teil zähneknirschend. 

Höher – schneller – weiter

Anders sieht es oft schon bei unseren psychischen und emotionalen Grenzen aus: wir brauchen nicht gleich zu Ritalin oder Amphetaminen zu greifen, auch Selbsterfahrungsworkshops, Coachings zur Work-Life-Balance oder die dritte Psychotherapie, um diese Angst wegzubekommen, die uns daran hindert, beruflich oder privat „durchzustarten“ – sie unterliegen dem Paradigma des Höher-Schneller-Weiter: Selbstverbesserung unter der Prämisse, es gebe irgendwo ein „Optimum“ unseres Selbst. Wenn wir uns nur genug anstrengen, „geht da noch was“, holen wir noch mehr aus uns heraus. 

Konsum und Wirtschaftswachstum

Noch klarer ersichtlich wird dieser „Wachstumswahn“ im Bereich der Wirtschaft. Was heute noch als gut genug erscheint, gilt morgen schon als veraltet, wird aussortiert und neu angeschafft. Halbjährlich neu auf den Markt geworfene Duschgels, Telefone, PCs, Autoserien etc. sind der tägliche Beweis dafür.

Vor einigen Tagen ist mir ein Artikel der Wochenzeitung „Die Zeit“ in die Hände gefallen. Er beschreibt die Herausforderungen, mit der eine Gesellschaft – und damit letztlich jede und jeder einzelne in ihr – konfrontiert wird, wenn sie sich dem Wachstum „entwöhnt“. Kein Dauerkonsum mehr, keine Fernreisen, kein Zweitwagen, bzw. Zweithandy, nicht das dritte Paar Schuhe oder das fünfte T-Shirt im Quartal. 

Leider bleibt der Artikel relativ vage, was Alternativvorschläge angeht: schließlich hänge in einer Gesellschaft, die auf stetig zunehmendem Wachstum basiere, auch der Arbeitsmarkt, das Krankenversicherungs- und Rentensystem vom Konsum ihrer Mitglieder ab. Jedenfalls in der heute existierenden Form als Solidaritätssystem einer (weitgehend) voll erwerbstätigen und somit „voll konsumfähigen“ Bevölkerung. 

Nicht jeder „träum[e] vom glücklichen Landleben“ jenseits kapitalistischer Strukturen, bemerkt der Artikel süffisant. Der „naturgegebene“ Wunsch des Menschen zur Kooperation oder gar zur selbstlosen Unterstützung anderer sei eher Mär denn Wirklichkeit – und solange jedem bei der selbstgeplanten Fernreise ins Billigurlaubsziel CO2-Emission und globaler Fußabdruck auf einmal unwichtig werde, bewege sich auch im Großen nichts ernsthaft in Richtung sozialer Kooperation und Umweltschutz. 

Ich stimme dem zu und möchte dennoch nicht tatenlos in die Klage vom „leider allzu egoistischen Individuum“ einstimmen. 

Egoistisch Gutes tun

Soziales Handeln darf durchaus egoistisch motiviert sein, das macht es nicht unbedingt schlechter. Fühle ich mich gut, weil ich mein Flaschenpfand z.B. einer Aktion wie Pfandtastisch helfen zugute kommen lasse, ist meine Handlung deswegen nicht weniger wert. Und verzichte ich aus Eigeninteresse an meiner Gesundheit auf antibiotikagesättigtes Fleisch aus Massentierhaltung oder Kosmetika mit Mikroplastikanteilen, fahre ich mit der Bahn oder dem Rad, weil mir ein eigenes Auto in der Stadt zu teuer und unpraktisch erscheint, schütze ich automatisch die Umwelt und unterstütze eine nachhaltigere Wirtschaft – aus reinem Eigennutz. 

Meine Motivation muss nicht selbstlos sein – und auch nicht kooperativ bis hin zur Landkommune. Was helfen kann, mitten in der Wachstums- und Konsumgesellschaft sozialer zu sein sind z.B.

Drei Fragen:

  1. Würde ich das auch essen/tragen/nutzen, wenn ich bei seiner Herstellung dabei sein müsste? 
  2. Brauche ich das wirklich?
  3. Wer kann das noch gebrauchen?

Zu 1: Was mir erstrebenswert erscheint, wird unter Bedingungen hergestellt, die für andere (Tiere wie Menschen oder die Umwelt) quälend und zerstörerisch sind – dann kaufe ich es NICHT.

Zu 2: Was mir heute erstrebenswert erscheint, brauche ich voraussichtlich morgen schon nicht mehr – dann kaufe ich es NICHT. 

Zu 3: Und was ich gerade im Begriff bin wegzuwerfen, braucht vielleicht ein anderer: dann leihe ich es oder verschenke es, bringe es zum Secondhand-Laden oder der Kleiderbörse und jemand anderes kauft eben nicht schon wieder neu.

Sozial und „nachhaltig“ handeln ist nicht nur etwas für „die Besten unter uns“ und es ist noch nicht mal besonders schwer. Mir persönlich hilft sehr der Gedanke: was lebe ich hier gerade meinem Sohn vor?

Und dann lebe ich es einfach. 

Wie geht es dir mit dem täglichen Konsum, dem „Höher-Schneller-Weiter“? Wenn du magst, berichte hier davon!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

„Kannst du mal eben?“ Der Mythos der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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Familie haben und gleichzeitig beruflich durchstarten – alles kein Problem? Hier ein (Gegen-) Beispiel aus der Praxis:

Kaum heute im Lehrerzimmer angekommen, kommt der Kollege, der an unserer Schule für die Organisation der Abiturprüfungen zuständig ist, auf mich zu: ein anderer Kollege sei erkrankt, ob ich an seiner Stelle an einer der Prüfungen teilnehmen könne. Zeit der Prüfung: 8.00-8.30 Uhr, an einem Freitag, an dem ich aufgrund meiner Teilzeitstelle keinen Unterricht habe und somit eigentlich nicht in der Schule bin.

Einen trifft’s immer

Tja… ich erwidere, ich müsse erst abklären, ob das organisatorisch möglich sei – und dann überlege ich: 

  1. Freitags bringe ich normalerweise unseren Sohn zum Kindergarten. Der öffnet frühestens um 7.30 Uhr. Bis 8 Uhr würde ich es höchstens gebeamt ans andere Ende der Stadt schaffen. Babysitter um 7 Uhr morgens? Oma/Opa vor Ort und bereits wach? Leider nein.
  2. Das heißt, ich muss absagen, oder mein Expartner bringt unseren Sohn in den Kindergarten. Da wir naturgemäß nicht mehr zusammen wohnen, müsste unser Sohn von Donnerstag auf Freitag außer der Reihe bei ihm schlafen oder sein Papa müsste ihn freitags vor seiner Arbeit bei mir abholen, zum Kindergarten bringen und selbst eine Stunde später als sonst mit der Arbeit beginnen. 
  3. Oder ich sage für die Prüfung ab. Immerhin werde ich auch nur für eine Teilzeitstelle bezahlt und habe an diesem Tag offiziell unterrichtsfrei. Andererseits sind Abiturprüfungen ein Dienstgeschäft, zu dem ich vertraglich verpflichtet bin; ich könnte also auch einfach von meiner Schulleitung zur Teilnahme an der Prüfung gezwungen werden.
  4. Was, wenn ich darauf bestünde, keine Zeit zu haben? Die Prüfung verschieben? Ein Prüfling und zwei Kolleg/innen plus demjenigen, der das Ganze organisieren müsste, wären involviert… Oder ein anderer Kollege, bzw. eine andere Kollegin müsste einspringen – sicher zur Freude des- oder derjenigen, die es an meiner Stelle treffen würde. 

Wilde Mischung aus Pflichtgefühl, schlechtem Gewissen und Gereiztheit. Und eine klassische Situation, in der ein „Kannst du mal eben?“ nicht einfach aus dem Handgelenk zu schütteln ist – jedenfalls nicht ohne „Kosten“ und Zugeständnisse irgendeiner der Beteiligten.

Letztlich sage ich zu. Mein Ex-Partner wird an diesem Tag unseren Sohn in den Kindergarten bringen können. 

Mythos Vereinbarkeit 

Wirklich zufrieden bin ich mit dieser Lösung nicht. Und denke wieder mal: das sind die Momente, in denen die angebliche „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf sich als große Mogelpackung entpuppt. Andere Klassiker: krankes Kind oder kranke Eltern; Kita wegen Streik/Grippewelle etc. geschlossen; nur Vormittagsbetreuung in der Schule; Babysitter springt ab; Überstunden bei der Arbeit; Termine nachmittags und abends, etc.

Irgendeine/r zahlt immer drauf. Und das sage ich, die ich, was die Arbeitszeiten angeht, als Lehrerin einen der familienfreundlichsten Berufe der Welt ausübe!…

Was sagt ihr dazu: Habt ihr ähnliche Erfahrungen auch schon gemacht? Wie kommt ihr mit dem Spagat zwischen Beruf und Familienleben zurecht? Oder übertreibe ich eurer Meinung nach und es ist alles „halb so wild“?

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Petition für eine verbesserte „Randzeitbetreuung“ in Kindergärten und Schulen unterzeichnen? Hier könnt ihr das tun!