Die Grenzen des Wachstums: Drei Fragen für soziales Handeln

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Würde mir jemand prophezeien, ich könne meinen Sohn, z.B. durch die Gabe bestimmter Hormone, fünf Meter groß werden lassen, würde ich ihm wohl einen Vogel zeigen – nicht nur, weil mir eine solche Körpergröße nicht besonders erstrebenswert erscheinen würde, sondern weil sie schlicht anatomischen Gesetzmäßigkeiten widerspricht. Auch jemanden, der mir verspräche, mit Wunderpille XY könne ich 150 Jahre alt werden oder alle Folgen des Alterungsprozesses hinter mir lassen, fände ich wenig glaubwürdig. Unsere biologisch definierten körperlichen Grenzen akzeptieren wir meist – wenn auch zum Teil zähneknirschend. 

Höher – schneller – weiter

Anders sieht es oft schon bei unseren psychischen und emotionalen Grenzen aus: wir brauchen nicht gleich zu Ritalin oder Amphetaminen zu greifen, auch Selbsterfahrungsworkshops, Coachings zur Work-Life-Balance oder die dritte Psychotherapie, um diese Angst wegzubekommen, die uns daran hindert, beruflich oder privat „durchzustarten“ – sie unterliegen dem Paradigma des Höher-Schneller-Weiter: Selbstverbesserung unter der Prämisse, es gebe irgendwo ein „Optimum“ unseres Selbst. Wenn wir uns nur genug anstrengen, „geht da noch was“, holen wir noch mehr aus uns heraus. 

Konsum und Wirtschaftswachstum

Noch klarer ersichtlich wird dieser „Wachstumswahn“ im Bereich der Wirtschaft. Was heute noch als gut genug erscheint, gilt morgen schon als veraltet, wird aussortiert und neu angeschafft. Halbjährlich neu auf den Markt geworfene Duschgels, Telefone, PCs, Autoserien etc. sind der tägliche Beweis dafür.

Vor einigen Tagen ist mir ein Artikel der Wochenzeitung „Die Zeit“ in die Hände gefallen. Er beschreibt die Herausforderungen, mit der eine Gesellschaft – und damit letztlich jede und jeder einzelne in ihr – konfrontiert wird, wenn sie sich dem Wachstum „entwöhnt“. Kein Dauerkonsum mehr, keine Fernreisen, kein Zweitwagen, bzw. Zweithandy, nicht das dritte Paar Schuhe oder das fünfte T-Shirt im Quartal. 

Leider bleibt der Artikel relativ vage, was Alternativvorschläge angeht: schließlich hänge in einer Gesellschaft, die auf stetig zunehmendem Wachstum basiere, auch der Arbeitsmarkt, das Krankenversicherungs- und Rentensystem vom Konsum ihrer Mitglieder ab. Jedenfalls in der heute existierenden Form als Solidaritätssystem einer (weitgehend) voll erwerbstätigen und somit „voll konsumfähigen“ Bevölkerung. 

Nicht jeder „träum[e] vom glücklichen Landleben“ jenseits kapitalistischer Strukturen, bemerkt der Artikel süffisant. Der „naturgegebene“ Wunsch des Menschen zur Kooperation oder gar zur selbstlosen Unterstützung anderer sei eher Mär denn Wirklichkeit – und solange jedem bei der selbstgeplanten Fernreise ins Billigurlaubsziel CO2-Emission und globaler Fußabdruck auf einmal unwichtig werde, bewege sich auch im Großen nichts ernsthaft in Richtung sozialer Kooperation und Umweltschutz. 

Ich stimme dem zu und möchte dennoch nicht tatenlos in die Klage vom „leider allzu egoistischen Individuum“ einstimmen. 

Egoistisch Gutes tun

Soziales Handeln darf durchaus egoistisch motiviert sein, das macht es nicht unbedingt schlechter. Fühle ich mich gut, weil ich mein Flaschenpfand z.B. einer Aktion wie Pfandtastisch helfen zugute kommen lasse, ist meine Handlung deswegen nicht weniger wert. Und verzichte ich aus Eigeninteresse an meiner Gesundheit auf antibiotikagesättigtes Fleisch aus Massentierhaltung oder Kosmetika mit Mikroplastikanteilen, fahre ich mit der Bahn oder dem Rad, weil mir ein eigenes Auto in der Stadt zu teuer und unpraktisch erscheint, schütze ich automatisch die Umwelt und unterstütze eine nachhaltigere Wirtschaft – aus reinem Eigennutz. 

Meine Motivation muss nicht selbstlos sein – und auch nicht kooperativ bis hin zur Landkommune. Was helfen kann, mitten in der Wachstums- und Konsumgesellschaft sozialer zu sein sind z.B.

Drei Fragen:

  1. Würde ich das auch essen/tragen/nutzen, wenn ich bei seiner Herstellung dabei sein müsste? 
  2. Brauche ich das wirklich?
  3. Wer kann das noch gebrauchen?

Zu 1: Was mir erstrebenswert erscheint, wird unter Bedingungen hergestellt, die für andere (Tiere wie Menschen oder die Umwelt) quälend und zerstörerisch sind – dann kaufe ich es NICHT.

Zu 2: Was mir heute erstrebenswert erscheint, brauche ich voraussichtlich morgen schon nicht mehr – dann kaufe ich es NICHT. 

Zu 3: Und was ich gerade im Begriff bin wegzuwerfen, braucht vielleicht ein anderer: dann leihe ich es oder verschenke es, bringe es zum Secondhand-Laden oder der Kleiderbörse und jemand anderes kauft eben nicht schon wieder neu.

Sozial und „nachhaltig“ handeln ist nicht nur etwas für „die Besten unter uns“ und es ist noch nicht mal besonders schwer. Mir persönlich hilft sehr der Gedanke: was lebe ich hier gerade meinem Sohn vor?

Und dann lebe ich es einfach. 

Wie geht es dir mit dem täglichen Konsum, dem „Höher-Schneller-Weiter“? Wenn du magst, berichte hier davon!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

„Kannst du mal eben?“ Der Mythos der Vereinbarkeit von Familie und Beruf

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Familie haben und gleichzeitig beruflich durchstarten – alles kein Problem? Hier ein (Gegen-) Beispiel aus der Praxis:

Kaum heute im Lehrerzimmer angekommen, kommt der Kollege, der an unserer Schule für die Organisation der Abiturprüfungen zuständig ist, auf mich zu: ein anderer Kollege sei erkrankt, ob ich an seiner Stelle an einer der Prüfungen teilnehmen könne. Zeit der Prüfung: 8.00-8.30 Uhr, an einem Freitag, an dem ich aufgrund meiner Teilzeitstelle keinen Unterricht habe und somit eigentlich nicht in der Schule bin.

Einen trifft’s immer

Tja… ich erwidere, ich müsse erst abklären, ob das organisatorisch möglich sei – und dann überlege ich: 

  1. Freitags bringe ich normalerweise unseren Sohn zum Kindergarten. Der öffnet frühestens um 7.30 Uhr. Bis 8 Uhr würde ich es höchstens gebeamt ans andere Ende der Stadt schaffen. Babysitter um 7 Uhr morgens? Oma/Opa vor Ort und bereits wach? Leider nein.
  2. Das heißt, ich muss absagen, oder mein Expartner bringt unseren Sohn in den Kindergarten. Da wir naturgemäß nicht mehr zusammen wohnen, müsste unser Sohn von Donnerstag auf Freitag außer der Reihe bei ihm schlafen oder sein Papa müsste ihn freitags vor seiner Arbeit bei mir abholen, zum Kindergarten bringen und selbst eine Stunde später als sonst mit der Arbeit beginnen. 
  3. Oder ich sage für die Prüfung ab. Immerhin werde ich auch nur für eine Teilzeitstelle bezahlt und habe an diesem Tag offiziell unterrichtsfrei. Andererseits sind Abiturprüfungen ein Dienstgeschäft, zu dem ich vertraglich verpflichtet bin; ich könnte also auch einfach von meiner Schulleitung zur Teilnahme an der Prüfung gezwungen werden.
  4. Was, wenn ich darauf bestünde, keine Zeit zu haben? Die Prüfung verschieben? Ein Prüfling und zwei Kolleg/innen plus demjenigen, der das Ganze organisieren müsste, wären involviert… Oder ein anderer Kollege, bzw. eine andere Kollegin müsste einspringen – sicher zur Freude des- oder derjenigen, die es an meiner Stelle treffen würde. 

Wilde Mischung aus Pflichtgefühl, schlechtem Gewissen und Gereiztheit. Und eine klassische Situation, in der ein „Kannst du mal eben?“ nicht einfach aus dem Handgelenk zu schütteln ist – jedenfalls nicht ohne „Kosten“ und Zugeständnisse irgendeiner der Beteiligten.

Letztlich sage ich zu. Mein Ex-Partner wird an diesem Tag unseren Sohn in den Kindergarten bringen können. 

Mythos Vereinbarkeit 

Wirklich zufrieden bin ich mit dieser Lösung nicht. Und denke wieder mal: das sind die Momente, in denen die angebliche „Vereinbarkeit“ von Familie und Beruf sich als große Mogelpackung entpuppt. Andere Klassiker: krankes Kind oder kranke Eltern; Kita wegen Streik/Grippewelle etc. geschlossen; nur Vormittagsbetreuung in der Schule; Babysitter springt ab; Überstunden bei der Arbeit; Termine nachmittags und abends, etc.

Irgendeine/r zahlt immer drauf. Und das sage ich, die ich, was die Arbeitszeiten angeht, als Lehrerin einen der familienfreundlichsten Berufe der Welt ausübe!…

Was sagt ihr dazu: Habt ihr ähnliche Erfahrungen auch schon gemacht? Wie kommt ihr mit dem Spagat zwischen Beruf und Familienleben zurecht? Oder übertreibe ich eurer Meinung nach und es ist alles „halb so wild“?

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Petition für eine verbesserte „Randzeitbetreuung“ in Kindergärten und Schulen unterzeichnen? Hier könnt ihr das tun!

 

Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus (Teil 2)

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Ich habe meinen Artikel „Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus“ einigen Freunden und Bekannten gezeigt und zwei Reaktionen erhalten, auf die ich hier eingehen möchte:

Die erste Reaktion war folgendes Video:

Kabarettist Florian Schroeder in der NDR Talk Show vom 28.1.2016

Eine Parodie auf gesellschaftlichen Erwartungsdruck, der 2018 (bzw. 2016) in Deutschland (und sicher nicht nur da) auf Frauen lastet. Wie Schroeder unter anderem sagt:

„Sie muss Karriere machen und zwar selbstbewusst, aber nicht als Emanze, aber emanzipiert muss sie sein, feministisch organisiert und überhaupt gut drauf. Sie darf keine Rabenmutter sein; wenn sie zu Hause ist, muss sie trotzdem Karriere machen. Und den Stress, den sie hat, den darf man niemals spüren!“

Der Kommentar der jungen Frau und Mutter, die mir das Video schickte: „Ein etwas satirischer, aber leider auch zutreffender Clip“.

„Perfekt ist widersprüchlich“

In der Tat wird in Deutschland Frauen (und zunehmend auch Männern) suggeriert, Beruf und Familie seien gut vereinbar und es sei möglich und wünschenswert, zugleich einfühlsame Mutti (oder Vati), sexy Geliebte/r und toughe/r Arbeitnehmer/in zu sein. Auch Männern wird meiner Meinung nach vermittelt: Machst du Karriere und erwartest, dass deine Frau dir zuhause den Rücken freihält, bist du komplett „old school“ – aber Karriere machst du gefälligst, sonst nimmt dich auch keiner ernst. Der „moderne Mann“ ist somit emotional feinfühlig, beruflich durchsetzungsstark, kümmert sich engagiert um seine Kinder, falls er welche hat, arbeitet aber dennoch weiter Vollzeit, da er dank gender pay gap ohnehin (meist) mehr Geld als seine Partnerin nach Hause bringt.

Zwei Strategien: Ausblenden oder Anpassen

Meiner Meinung nach unterscheiden sich die Erwartungen, die im Jahr 2018 in Deutschland an Männer und Frauen gerichtet werden, gar nicht so sehr, der Umgang damit jedoch nachwievor: Männer versuchen die innere Spannung, die dieser Druck sicher auch in ihnen erzeugt, tendenziell aufzulösen, indem sie einen der Bereiche „ausblenden“ und den Fokus eben auf den – noch immer gesellschaftlich anerkannteren – legen. Wie viele Väter reduzieren tatsächlich ihre Arbeitszeit dauerhaft, um mehr Zeit für die Familie zu haben? Wie viele Männer engagieren sich ernsthaft und über Jahre – wie es viele Frauen tun – in der sogenannten  „Care Arbeit“, der (bezahlten und nicht-bezahlten) Fürsorge für Kinder, Alte oder Kranke?

Frauen andererseits versuchen meiner Meinung nach oft tatsächlich, alles „unter einen Hut“ zu bringen und es damit letztlich allen recht zu machen: das endet dann in der Teilzeitstelle (in Deutschland in vielen Branchen noch immer das Karriere-Aus), neben der Dutzende private Verpflichtungen  „gewuppt“ werden wollen.

Welche „Gesellschaft“ erwartet hier etwas? 

Die zweite Reaktion, die ich an dieser Stelle erwähnen will, war die Frage eines aus dem Iran eingewanderten Bekannten: „Wer ist diese, im Video genannte, „Gesellschaft“ und woher wissen wir von solchen Erwartungen? 

Gute Frage! Wer transportiert diese „überladenen“ und damit kaum erfüllbaren Vorstellungen von „Männlichkeit“ bzw. „Weiblichkeit“? Die Gesellschaft sind in einer Demokratie doch WIR, ihre Mitglieder! Letztlich bestimmen wir, durch unser Handeln und unsere Entscheidungen, jeden Tag, wohin sich die Werte unserer Gesellschaft entwickeln.

Ich habe meinem Bekannten geantwortet: 

„Ich bin der Meinung, dass es nicht abstrakt eine „Gesellschaft“ gibt, sondern dass es immer konkrete Menschen und Institutionen sind, die die Werte dieser Gesellschaft prägen. Insofern kann jeder Einzelne auch mitbestimmen, in welche Richtung sich diese Werte entwickeln – und in einer Demokratie hat meiner Meinung nach auch jeder die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass z.B. Grundwerte wie die Meinungsfreiheit oder der Schutz von Schwächeren nicht in Frage gestellt werden.“

In diesem Sinn noch einmal mein Plädoyer an mich selbst, aber auch an alle „Entscheiderinnen und Entscheider“ in Politik oder Wirtschaft und letztlich an jeden von uns:

Gut ist gut genug.

Der Anspruch, „alles“, „immer“ und „perfekt“ zu leisten, erzeugt nicht nur für jede/n Einzelne/n von uns enormen Druck, sondern hat konkrete gesellschaftliche Folgen: In einer Leistungsgesellschaft zählt eben wenig, was unvollkommen und nicht wirtschaftlich verwertbar ist. Das zeigt sich in der Art, wie Care-Arbeit oder eben oft auch sogenannte „weiche“ Themen wie Tier- und Umweltschutz, Frauen- und Kinderrechte marginalisiert werden.

Wollen wir das nicht hinnehmen, sollten wir meiner Meinung nach auch im Privaten beginnen, das Diktat des „Höher-Schneller-Weiter“ zu hinterfragen. Insofern kann ein tief empfundenes und gelebtes „Gut ist gut genug“ nicht nur ein privater „Befreiungsschlag“ sein, sondern ist auch ganz klar ein relevanter Gegen-Kommentar zu der (Leistungs-) Gesellschaft, deren weitere Entwicklung wir mit bestimmen.

Was ist eure Meinung zu diesem Thema? Hier bin ich wirklich gespannt auf eure Anmerkungen und Kommentare. 🙂

Schreibt mir, was ihr dazu denkt!

Mit herzlichem Gruß, Sunnybee 

 

 

Bei Netto an der Kasse: Was ich heute beim Einkauf lernte

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Ist euch aufgefallen, dass jede Supermarktkette ihre ganz eigene Kundschaft zu haben scheint?

Während im Bio-Supermarkt bürgerliche Muttis Aronia-Saft und Vollkornbrezeln in den Wagen legen, versorgt sich beim Discounter schon mal der Herr in Ballonseide mit Wurst, Toastbrot und Schnaps. Vor Jahren hat mich diese Beobachtung sogar zu einem Gedicht angeregt: 

„Abgelaufene Sohlen / gibt’s nicht zu Sanddornsaft

Im Bio-Laden will / Bio-Kind / Bio-Wurst / von garantiert glücklichen Rindern.

Gegenüber

Polyesterstoff über / groben Poren –

Armut zeigt sich / nicht nur in den Taschen.“

Klischee und Vorurteil

Aber wie immer bei Verallgemeinerungen ist der Weg zum Vorurteil nicht weit. Das merkte ich heute, als ich bei Netto mit der Dame an der Kasse ins Gespräch kam. Ausnahmsweise kaufte ich außerhalb der Stoßzeiten ein, sonst hätten wir uns sicher nicht unterhalten können. Denn die Besetzung scheint dort so knapp kalkuliert zu sein, dass neben dem Einräumen der Waren immer maximal zwei Kassen bedient werden. Ist viel los, wartet die Kundschaft eben – und die Damen und Herren an der Kasse schuften im Akkord. 

So aber kam ich, wie gesagt, mit der Kassiererin ins Gespräch. Ich hob beim Bezahlen noch Geld ab, ein Service, den inzwischen ja viele Supermärkte bieten. Die Kassiererin erzählte mir daraufhin, dass sie kürzlich in Italien gewesen sei und das Abheben am Geldautomat dort 6€ gekostet habe. Das fand ich noch nicht ungewöhnlich. Sie wollte aber offensichtlich darauf hinaus, dass die Infrastruktur in Italien nicht (mehr) gut funktioniere. Ich fragte sie, ob sie selbst aus Italien komme und sie bejahte das: Sie sei aus Sizilien nach Deutschland eingewandert und froh, hier zu sein. Überhaupt fänden die jungen, gut ausgebildeten Menschen in Italien keine Arbeit mehr, würden dann z.B. nach Deutschland auswandern,  während wiederum andere Einwanderer in Italien ihr Glück suchten, weil es ihnen in ihren Heimatländern noch elender ginge. 

Globalisierung und Flüchtlingskrise

Während ich meine Einkäufe in die Taschen räumte, waren wir unvermittelt in ein Gespräch über die europäische Wirtschafts- und Flüchtlingskrise und die Folgen der Globalisierung vertieft.

Ich staunte – und verließ den Laden an diesem Tag sehr nachdenklich: Hatte ich tatsächlich geglaubt, nur wer „nicht viel aus seinem Leben mache“ und sich für wenig interessiere, lande im Supermarkt an der Kasse? Autsch – Vorurteil!… Vor allem aber verdeutlichte mir die kurze Begegnung eins: was für ein Zufall – und welches Glück – ist es, dass ich und mein Kind auf der „sonnigen Seite“ der Welt geboren wurden. Sonst säße ich – auf der Suche nach einer bezahlten Arbeit, oder gar auf der Flucht vor Gewalt und Unterdrückung – vermutlich jetzt selbst in einem fremden Land an der Kasse – und zahlte dort nicht mein Biobrot. 

Herzliche und nachdenkliche Grüße, Sunnybee

Die Richterin der Frauen: Erna Scheffler, erste Richterin am Bundesverfassungsgericht

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(C) Bundesregierung / Rolf Unterberg

Lust auf eine Powerfrau?

Dann lest hier über eine Juristin, die sich in ihrer Jugend nicht nur Abitur und Staatsexamen hart erkämpfen musste, sondern als erste Richterin überhaupt am deutschen Bundesverfassungsgericht tätig war. 

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“

Ohne sie würde ich heute vermutlich nicht meinen Beruf ausüben und könnte dadurch, getrennt lebend, meinen Sohn und mich finanzieren. Ich würde vielleicht auch nicht mit entsprechendem Selbstvertrauen meinen männlichen Kollegen gegenüber das Wort ergreifen, im Bewusstsein dessen, was das Grundgesetz seit 1949 in Artikel 3, Absatz 2 formuliert: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“. Und nicht zuletzt würde mein Sohn mit völlig anderen Rollenbildern aufwachsen: Mama am Herd, ohne eigenes Konto, Papa als der „Entscheider“, der das Leben außerhalb des Hauses regelt. So führt er sein (Puppen-) „Baby“ ebenso selbstverständlich mit dem Kinderwagen aus, wie er mit seinem (Spielzeug-) „Motorrad“ zur „Arbeit“ flitzt und ich bin in seiner Vorstellung genauso klar berufstätig und für das Geldverdienen verantwortlich wie sein Vater. 

Pionierin Dr. Erna Scheffler

Ein Kompliment also an Dr. Erna Scheffler, von 1951 bis 1963 erste Richterin am Bundesverfassungsgericht. Im Spiegel habe ich vor kurzem einen sehr interessanten Artikel über sie gelesen („Fünf Wörter“), der mir noch einmal bewusst machte, welche kurze Zeitspanne eigentlich seit dem Moment verstrichen ist, als Männer und Frauen qua Gesetz gleichberechtigt wurden.

„Männer und Frauen sind gleichberechtigt“: Dieser Satz, 1949 von der Juristin und SPD-Abgeordneten Elisabeth Selbert durchgefochten, wäre ohne Frauen wie Richterin Scheffler vielleicht heute noch eine leere Floskel. Erst 1953 erreichte sie mit Entschlossenheit und Beharrlichkeit ein Urteil, das den bis dahin umstrittenen Gleichberechtigungs-Passus im Grundgesetz als rechtmäßig und damit auch für Entscheidungen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) als verbindlich definierte. 

Diskriminierung in der Familie ist illegal

Nach diesem Grundsatzentscheid waren Urteile, die den Familienvater allein aufgrund seines Geschlechts zum Entscheidungsträger und „Oberhaupt“ der Familie erklärten, ungesetztlich, die bis dahin gesellschaftlich akzeptierte Diskriminierung von Frauen in Ehe und Familie wurde illegal. 

Dass das alles erst 65 Jahre her ist, verblüfft mich immer noch. Und zugleich ist auch heute vollständige Gleichberechtigung z.B. bei Gehaltsverhandlungen oder im Steuerrecht ja noch längst nicht selbstverständlich. Aber Frauen sind mit großem Selbstbewusstsein auch in akademischen Berufen tätig und viele Mütter verdienen ihr eigenes Geld, was ihnen im Fall partnerschaftlicher Konflikte oft erst den Schritt zur Trennung ermöglicht. Zugleich erhalten auch Väter die Möglichkeit zu einem neuen Rollenverständnis: Seit 1953 ist der Mann auch vor dem Gesetz nicht mehr vor allem Ernährer und Entscheider, sondern darf gleichberechtigtes Mitglied der Familie sein und z.B. eine Bindung zu seinen Kindern aufbauen, die über Abendspielstunden und Wochenendfreizeit hinausgeht. Die Elternzeit, die allmählich auch immer mehr Väter in Anspruch nehmen, ist sicher ein (richtiger und wichtiger) Schritt in diese Richtung. 

Mehr Raum für Männer und Frauen

Somit haben die „fünf  Wörter“ Elisabeth Selberts („Männer und Frauen sind gleichberechtigt“), die Richterin Scheffler in ihrem Grundsatzurteil bestätigte, nicht nur das Potential, Frauen zu stärken und sie ihrer Rechte zu versichern, sondern weiten auch den Raum, der sich für Männer auftut: das Recht auf beruflichen Erfolg und finanzielle Unabhängigkeit gilt seit 1953 für beide Geschlechter, aber auch das Recht auf elterliche Fürsorge und innerfamiliäres Engagement. 

Danke Ihnen, Richterin Scheffler! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

Zum Weiterlesen: 

Elisabeth Selbert als „Mutter der Gleichberechtigung“ (Die Zeit online)

Dr. Erna Scheffler am Bundesverfassungsgericht (STB Web)

Initiative zur gesetzlichen Stärkung von „Care“-Arbeit in Familie und Beruf (Online-Petition)

„Was ist echte Stärke für dich?“ (Aufruf zur Blogparade)

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Passend zum Wochenauftakt: Der Aufruf zu meiner ersten selbst gestarteten  BLOGPARADE! 🙂

Ein Thema, das mich immer wieder beschäftigt und zu dem ich jetzt zu meiner ersten „Blogparade“ aufrufen möchte: 

Was ist echte Stärke für dich? 

Anlass für mich ist ein monatliches Frühstückstreffen für allein- und getrennt erziehende Mütter (und Väter), das ich – inzwischen zum fünften Mal – gemeinsam mit Bloggerin Christina von www.getrenntmitkind.de organisiert habe. Drei bis vier Stunden lang sitzen wir im Park (im Sommer) oder in einem Lokal (jetzt im Herbst und Winter), lachen, essen, tauschen uns aus, während unsere Kinder miteinander spielen. Und ich bin jedes Mal wieder begeistert, was für tolle – und starke – Frauen dabei den Weg zu uns finden. (Infos über kontakt[at]mutter-und-sohn.blog)

Daher hier, was echte Stärke für MICH ist:

Echte Stärke ist für mich eine Mischung aus der Fähigkeit, sich wieder aufzurappeln, wenn das Leben einen umgeworfen hat, sein eigenes Verhalten zu reflektieren und gegebenenfalls anzupassen und andererseits auch bei seinem Standpunkt zu bleiben, wenn dieser einem wichtig ist. So wie die Mutter, die, alleinerziehend, für ihre an Diabetes erkrankte Tochter kämpfte, als diese von mehreren Kindergärten aufgrund ihrer Erkrankung als „zu riskant“ abgelehnt wurde. Oder wie überhaupt jede Mutter (und jeder Vater), die (oder der) nach einer Trennung das eigene Leben neu sortiert und sich darauf einlässt, neue Erfahrungen zu machen und wieder liebevolle Beziehungen einzugehen.

Stark ist für mich auch jemand, der sich selbst erkennt und schätzt, aber auch andere sein lassen kann, wie sie sind, es z.B. nicht nötig hat, Fremdes abzuwerten, weil es das eigene Selbstbild bedrohen könnte. Das erlebe ich bei eigentlich allen der klugen, reflektierten Frauen, die bisher den Weg zu unserem Frühstückstreffen gefunden haben – und ich fühle mich dadurch bereichert, gestärkt und inspiriert! 

Wichtig ist mir auch, dass kein Mensch immer stark sein kann. Echte Stärke erwächst meiner Meinung nach aus der Annahme der eigenen Schwäche(n). Bin ich z.B. rechthaberisch, könnte es nur ein weiteres Zeichen meiner Schwäche sein, diesen Umstand vehement zu verneinen. Erkenne ich meine Schwäche jedoch an, kann ich mich dadurch für Alternativen zu meinem bisherigen Verhalten öffnen. Auch diesen Entwicklungsprozess durchlaufen viele der allein- und getrennt erziehenden Frauen und Männer, mit denen ich mich in den letzten Monaten unterhalten habe. Es tut gut, sich darin wiederzuerkennen und gestärkt zu fühlen!

Abschließend möchte ich einen meiner Studierenden zitieren, der zwar weder allein-, noch getrennt erziehend ist, aufgrund seiner Flucht aus Syrien vor drei Jahren aber die Erfahrung eines Bruches in seiner Biographie teilt. Er schrieb mir in einem Essay zur Frage „Was ist echte Stärke für dich?“ folgendes: 

„Echte Stärke ist für mich, wenn ich ganz bewusst und achtsam lebe. Wenn man bewusst lebt, bleibt man bei jedem Schritt in seinem Leben stark. Man kauft bewusst ein und man weiß, was man braucht, man isst bewusst und achtet auf gesunde Ernährung. Man denkt bewusst und bildet sich seine eigene Meinung und lässt sich nicht durch die Medien und andere Menschen beeinflussen. Man achtet darauf, wie man mit seinen Mitmenschen spricht, aber das ist nicht einfach. Wenn man sich die ganze Zeit mit seiner Vergangenheit beschäftigt und Angst vor der Zukunft hat, verliert man die Kontrolle über die Gegenwart. Der Schlüssel von Bewusstsein und bewusstem Leben ist Leben im Hier und Jetzt.“

Wollt ihr mitmachen? Dann 

  1. schreibt euren eigenen Blogartikel zum Thema (vom Bild mit Zweizeiler bis zum ausgearbeiteten Essay ist alles möglich😉) 
  2. Schreibt mir bis zum 15.11.2018 einen Kommentar mit Link zu eurem Artikel, den ich auf meiner Seite online stelle
  3. Verweist in eurem Blog, oder gern auch auf Facebook oder Twitter (@mama_schreibt) auf meinen Blog und diese Blogparade!

Ich freue mich sehr, von euch zu lesen! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Habt ihr, Lydia, Charlotte, Christina, Jannike oder auch Samybee, Tilman oder Nadine Lust, mitzumachen? Gerade mit euren ganz unterschiedlichen Biographien fände ich eine Antwort auf meine Frage super spannend! Aber wer auch immer sonst Lust hat, zu schreiben – nur her damit: ich freue mich!😀

„Die Zeit ist Jetzt“. Von der Werbung für’s Leben lernen (Teil 2)

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Text Nr. 2 und damit der Start meiner brandneuen Kolumne: „Von der Werbung für’s Leben lernen“. (Hier übrigens Teil 1: „Fitte Wurst“). Für diejenigen unter euch, die alles todernst nehmen: Dieser Text verwendet Cookies… pardon… dieser Text ist nicht ganz ernst gemeint, enthält aber wie immer – ihr wisst, was euch bei „Sunnybee“ erwartet – mindestens 2,5 tiefgründige Botschaften!…

Weisheit vor der Modestrecke

Also los… Vor einigen Tagen flatterte mir ein Bekleidungskatalog ins Haus, die Produkte hochpreisig und durchaus von ordentlicher Qualität. Da dies keine heimliche Werbeaktion werden soll bleibt der Name des katalogproduzierenden Unternehmens natürlich ungenannt. Zitieren will ich jedoch den etwas holprigen Anglizismus auf der Titelseite: 

„Die Zeit ist Jetzt“

Die Zeit ist also reif. Wozu? Seite 1, eine Art „Präambel“ der Modestrecke, klärt mich auf:

„Wenn ich mal wieder beim Sport war.“ „Wenn ich endlich braun bin.“ „Bei der nächsten Gelegenheit.“

Wir halten an der Vorstellung fest, dass wir irgendwann mal besser aussehen werden. Oder, schlimmer, früher mal besser aussahen. Dabei ist uns gar nicht klar, wie gut wir jetzt aussehen.

Also: Hören Sie auf, Ihre Klamotten zu schonen. Um sie „zur passenden Gelegenheit“ zu tragen. Glauben Sie uns: Sie sehen super aus. JETZT. HIER UND HEUTE. Ziehen Sie zum Spazierengehen den Leoparden-Mantel an. Und die roten Schuhe im Supermarkt.

Denn… DIE ZEIT IST JETZT.

Abgesehen davon, dass das Unternehmen die Zeit natürlich vor allem reif dafür hält, möglichst viele seiner Produkte zu erwerben, enthält der Text doch zwei bis drei Wahrheiten, die es sich wiederzugeben lohnt:

  1. Verschieb dein Leben nicht auf morgen. Die roten Schuhe im Supermarkt, mal wieder essen gehen, 10 Minuten Yoga jeden Morgen, bevor dein Kind wach wird – wann willst du anfangen zu leben, wenn nicht JETZT. Und JETZT. Und JETZT?
  2. Stell dein Licht nicht unter den Scheffel. Wenn du willst, dass andere dich toll finden, fang selbst als erste/r damit an!
  3. Was du suchst, findest du oft gerade dort, wo du es nicht erwartest (Klugheit im Modekatalog zum Beispiel). Die Bereitschaft, Überraschendes zu sehen und als Möglichkeit zu erkennen, macht dein Leben auf jeden Fall reicher.

Tja, wer hätte das gedacht – Weisheit to go, sexy verpackt zur Modestrecke! 😉

Aber im Ernst: Die Zeit ist reif – wozu ist sie reif für dich? Schreib mir, wenn du magst! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee