Inklusion im Schulunterricht: Was ich von meinen körperlich eingeschränkten Schülerinnen und Schülern lerne

74595006-3CA7-4B01-B29A-C9B64D6C1A90
Inklusion in der Schule erfordert Respekt und Aufmerksamkeit – von allen Beteiligten

Ich arbeite seit inzwischen fast zehn Jahren als Lehrerin an einer Schule, an der Erwachsene ihr Abitur nachholen. Meine Schüler/innen, bzw. Studierenden, wie die Erwachsenen an unserer Schule genannt werden, sind äußerst unterschiedlich. Unter ihnen sind Menschen mit Fluchterfahrung und noch geringen Deutschkenntnissen ebenso wie junge Frauen und Männer mit psychischen und körperlichen Erkrankungen oder körperlichen Einschränkungen. Einer meiner Kollegen sitzt im E-Rollstuhl und unterrichtet mit Assistenz. Für alle ist es inzwischen Alltag, ihn mit seiner Begleitung zu sehen, die ihm z.B. in der Schulmensa bei der Nahrungsaufnahme behilflich ist oder Kursmaterialien für ihn kopiert. Auch einer meiner Studierenden ist aufgrund einer spastischen Lähmung auf Assistenz angewiesen. Sein jeweiliger Assistent, bzw. seine Assistentin sitzt mit im Unterricht und macht auf seine Anweisungen hin Notizen. In Klausuren erhält er als Nachteilsausgleich 50% mehr Zeit für das Bearbeiten der Aufgaben. Sein Assistent oder seine Assistentin notiert dabei wie im Unterricht handschriftlich, was er ihnen diktiert. 

Methodik mit Tücken

An einem meiner Leistungskurse nimmt neben diesem Studierenden ein junger Mann mit starker Seheinschränkung teil. Ich finde es beeindruckend, wie locker und selbstverständlich beide mit ihrer Behinderung umgehen. Letztlich lernen alle im Kurs dadurch viel von ihnen. Mein seheingeschränkter Studierender verfügt, wie er mir erklärte, noch über einen Sehrest, der ihm die Wahrnehmung von Schwarz-weiß-Kontrasten, Konturen und kräftigen Farben ermöglicht. Texte liest er mit einem elektronischen Lesegerät, bzw. mit einer Leselupe auf dem Tablet, das ihm diese stark vergrößert. Auch seine Notizen macht er, indem er die Arbeitsblätter unter die elektronische Lupe legt und so seine eigene Schrift lesen kann. Tafelbilder fotografiert er ab und sieht sie sich auf dem Tablet von Nahem und vergrößert an, die Klausuren schreibt er an einem extra dafür verwendeten PC. Ich als Fachlehrerin speichere das Dokument nach Ende der Klausur auf USB-Stick und drucke es mir für die Korrektur aus. 

Kürzlich wurde mir während einer Stunde aber noch einmal bewusst, wie „blind“ wir Sehenden manchmal sind trotz aller Reflektiertheit für die Andersartigkeit – und damit auch die anderen Bedürfnisse – unserer Gegenüber. Ich hatte die, wie ich fand, tolle Idee gehabt, als Einstieg in ein neues Thema ein „Schreibgespräch“ zu initiieren, eine Methode, bei der meine Studierenden sich in kleinen Gruppen über ein vorher bestimmtes Thema (hier eine neu begonnene Lektüre) ausschließlich schriftlich austauschen sollten. In ihrer Mitte lag also ein großes Blatt und sie sollten ihre Gedanken und Assoziationen darauf notieren und wiederum Kommentare und Anmerkungen – ebenfalls ohne Worte – neben die Notizen ihrer Mitschüler/innen schreiben. Als Abschluss der Gruppenarbeit sollten sie, nun wieder mündlich, die wichtigsten Ergebnisse des Austauschs im Plenum vortragen. 

Logisch, dass diese Methode nicht gerade inklusiv für sehbehinderte Schülerinnen und Schüler ist? Ebenso wenig wie für diejenigen, die nicht selbst einen Stift halten können? Mir fiel das tatsächlich erst auf, als meine Studierenden schon mitten in der Gruppenarbeit steckten und es war mir, ehrlich gesagt, ganz schön peinlich. 

Die soziale Kompetenz meiner Studierenden 

Nun kam ich jedoch in den Genuss der wahren Kompetenz meiner Studierenden – der körperlich eingeschränkten wie der nicht eingeschränkten: wirklich alle beteiligten sich an der Gruppenarbeit. Mein Studierender mit Schreibassistenz, indem er seinem Assistenten halblaut diktierte, was dieser auf das Blatt in der Mitte schreiben sollte. Mein Studierender mit Seheinschränkung, indem ihm seine Mitstudierenden halblaut vorlasen, was sie geschrieben hatten, bzw. indem er ihre Notizen mithilfe der Leselupe auf seinem Tablet vergrößerte und anschließend seine Kommentare dazu schrieb. Außerdem gingen die Studierenden in dieser Gruppe wie selbstverständlich dazu über, ihre Notizen in verschiedenen Farben zu machen. Eigentlich klar: für jemanden, der nur eingeschränkt sehen kann, bedeutet es eine zusätzliche Anstrengung, auch noch verschiedene Handschriften auseinanderzuhalten und somit ohne Worte zu erfassen, wer was in diesem „Schreibgespräch“ gesagt hat… Das alles lief so selbstverständlich und entspannt ab, dass ich wirklich staunte. Dafür, dass ich mit der Absicht methodischer „Auflockerung“ eigentlich gerade jede Barrierefreiheit beseitigt hatte, wussten sich ALLE meine Studierenden beeindruckend gut zu helfen. 

Auch das Feedback meines seheingeschränkten Studierenden nach der Übung, als ich alle im Kurs um eine kurze Rückmeldung zur Methodik bat, war äußerst aufschlussreich für mich. Es sei eine „sehr interessante Erfahrung“ gewesen, „wenn auch vielleicht nicht die ideale Methode für Menschen mit Seheinschränkung“, wie er mit feiner Ironie bemerkte. Aber was ihm sehr gefallen habe: in der Klasse sei es endlich mal komplett ruhig gewesen… Wir mussten alle lachen und auch diesbezüglich hatte ich durch einen einzigen Satz wieder etwas begriffen: wie anstrengend nämlich sonstige Gruppenarbeit, in der 20  bis 30 Menschen, wenn auch nur halblaut, sich zur selben Zeit unterhalten, für Studierende mit Seheinschränkung sein muss. Wenn ich ohnehin schon einen Großteil meiner Sehkraft über das Gehör kompensieren muss und nonverbale Gesprächssignale wie Nicken oder Kopfschütteln für mich nur schwer erkennbar sind, wie anstrengend muss dann eine solche Geräuschkulisse während des Austauschs mit anderen sein! 

Tja… und so ging ich selbst an diesem Tag ein Stückchen klüger nach Hause sowie ziemlich beeindruckt von der echten Inklusion, die ich an diesem Tag erlebt hatte! 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Danke an Lydia! Dieser Beitrag erschien zuerst als Gastbeitrag auf ihrer Website lydiaswelt, wo sie sehr informativ und zugleich unterhaltsam über ihr Leben als Mutter und Autorin mit Sehbehinderung schreibt.

Egoismus – supercool, oder?

ADD2DFA4-E48F-4E90-AFE1-5B875D332E4C

„Supercool, dass du Henri dein Förmchen nicht gibst. Haben wir schließlich für dich gekauft, nicht für ihn.“ „Klar, kannst du das größte Stück Kuchen haben, hattest es ja schon in der Hand.“ „Wirf das Bonbon-Papier ruhig auf den Boden. Die Müllmänner räumen es dann weg.“

Diese Aussagen würden wir unseren Kindern gegenüber eher nicht treffen?

Warum handeln wir dann trotzdem (manchmal) entsprechend?

Vor wenigen Tagen, auf dem Weg zur Arbeit: Die Strecke ist hübsch und führt mich durch zwei große Parkanlagen. An diesem Morgen komme ich mir jedoch vor, als habe die „Regie“ ein Störsignal in die – eigentlich malerische – Szenerie eingebaut: Zwischen bunt bepflanzten Beeten Dutzende überquellender Mülleimer. Auf den akkurat gestutzten Rasenflächen leere Chipstüten, Einwegbecher, Essensreste – und mindestens drei Einweggrills. Offensichtlich das Ergebnis der Wochenenderholung hunderter Städter vor dem Einsatz der örtlichen Reinigungstrupps. 

Einige Stunden später, auf meiner Heimfahrt von der Arbeit, ist der „Spuk“ beseitigt, die Rasenflächen nicht mehr bunt verdreckt, die Mülltonnen geleert, aller Abfall in Tüten verstaut und abtransportiert. 

Mein Unbehagen bleibt bestehen

Abgesehen davon, dass mir die kleine Episode eindrücklich zeigt, wie viel Müll einige Hundert Menschen im Rahmen ihrer Freizeitgestaltung an nur einem Wochenende produzieren können und was geschehen würde, wenn der Öffentliche Dienst der Stadtreinigung nur wenige Tage seinen Dienst niederlegen würde; abgesehen von diesen beiden Punkten frage ich mich: Wer hat all diesen Müll einfach liegen lassen?!

Und damit meine ich nicht die vollgestopften Tüten, die neben den bereits überquellenden Mülltonnen standen. Sondern die einzelne Plastikschale hier, den Pappbecher dort, eine geleerte Getränkedose, eine zerbrochene Flasche, verteilt auf Grasflächen, Bänke, Treppenstufen und auch zwei Spielplätze, an denen ich vorbeifuhr.

Egoismus ist cool, oder? 

Sind das dieselben Mütter und Väter, die ihren Kindern Biogemüse kochen und grünen Strom beziehen? Oder ein ganz anderer „Menschenschlag“, die heimlichen Darth Vaders der Umweltaktivisten? Sind es „Immer die andern“, wie die Liedermacherin und Musikproduzentin Dota Kehr in einem ihrer Lieder selbstkritisch fragt? 

Momente selbstbezogenen Handelns sind in unserem Alltag allgegenwärtig. Oft fallen sie uns gar nicht mehr auf, oder wir empören uns lediglich über sie, wenn wir ihre Folgen am eigenen Leib spüren: „Die hat sich einfach nicht an die Absprachen gehalten“ oder: „So ein Rüpel, hätte mir doch die Tür aufhalten können“, beschweren wir uns, ohne zu überlegen, wie vielen Freunden und Bekannten wir in letzter Zeit kurzfristig abgesagt haben, wo wir unsere Kontakte genutzt haben, um den letzten Platz in einer begehrten Veranstaltung zu ergattern oder in welcher Schlange wir uns zuletzt vorgedrängelt haben…

Egoismus wird nicht cool, bloß weil er „normal“ ist 

Aber Egoismus wird nicht cool, bloß weil ihn viele zu ihrem Maßstab erheben. Geiz ist nicht „geil“, bloß weil eine Elektronikmarkt-Kette ihn zum Teil ihres Slogans macht. Kurzfristig absagen, weil man „Besseres zu tun“ hat, wird nicht dadurch besser, dass viele es tun. YouTube-Schadenfreude- oder Bodyshaming-Videos („Schau mal, die fette Kuh!“ „Höhö, der rennt tatsächlich gegen den Zaun!“) bieten vielleicht für den Moment Erheiterung und das Gefühl, besser dazustehen als andere, sie sind aber ähnlich unsympathisch wie das „Ätschibätsch“ der Kindergartenfreundin vor 25 Jahren. Und Müll, den wir in der Natur verstreuen, räumt sich eben nicht von selbst weg, auch wenn uns das im Rausch der ersten wärmenden Sonnenstrahlen entfallen sein mag. 

Egoismus macht einsam

Im Gegenteil. Egoismus lässt uns ziemlich alleine dastehen. Selbst im Business-Jargon ist die „Win-Win-Situation“ inzwischen eine wohlbekannte Phrase. Zum Wohle anderer zu handeln und davon selbst zu profitieren mag sogar wenig altruistischen Gemütern reizvoll erscheinen. Tatsächlich stehen wir längerfristig besser da, wenn wir sozial handeln. Kurzfristig mag uns unsoziales Verhalten, dem keine direkte Bestrafung folgt, attraktiv erscheinen – aber wenn wir wählen können, ob wir unsere Zeit lieber mit dem unkooperativen Ego-Shooter verbringen, mit der selbstbezogenen Zicke oder aber mit Menschen, die mehr im Blick haben als sich selbst, fällt unsere Antwort sicher eindeutig aus. Der Psychologe John Cacioppo von der Universität Chicago veröffentlichte mit Kolleg/innen im Fachmagazin „Personality and Social Psychology Bulletin“ Mitte 2017 eine Studie, wonach soziale Isolation zu einem Gefühl der Bedrohung und damit aus Selbstschutz zu egoistischerem Verhalten führen kann – und umgekehrt eben genau dieser Egoismus zu weiterer sozialer Isolation.

Situationen, in denen wir auf die Großzügigkeit, das Mitdenken und Engagement anderer angewiesen sind und sein werden, gibt es mehr als genug. Wonach sehnen wir uns, wenn wir krank sind? Was werden wir brauchen, wenn wir alt und gebrechlich sein werden? Wer sorgt – zu einem oft viel zu geringen Lohn – für unsere Kinder? Wo können wir „wir selbst“ sein, das Schutzschild, das wir gegenüber der (Arbeits-) Welt aufrecht erhalten, sinken lassen? 

Vielleicht sollten wir das bedenken, bevor wir in der Kantine unserem Kollegen das letzte Stück Kuchen wegschnappen – und nicht erst wenn unser Kind das nächste Mal nach den Sandförmchen seines Spiel-Buddys grapscht. 

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

15 Stunden unter Strom: Kind, Beruf und Hochsensibilität

A0F1F08C-5ECA-4D43-A224-D377A049FF8D

Ich habe hier im Blog bereits mehrmals über das Leben als hochsensible, berufstätige und getrennt erziehende Mutter eines Kleinkindes geschrieben. In meinem Artikel „Hochsensibel Eltern sein: 5 Tipps für ein glücklicheres Familienleben“ fasse ich zusammen, was hochsensible Wahrnehmung überhaupt bedeutet. Der Text enthält außerdem konkrete Tipps, wie ich im Alltag mit meinem  (kleinen) Kind meinen Bedürfnissen als intensiv wahrnehmende und fühlende Person gerecht werden kann. 

Mein ganz normales Leben

In diesem Text möchte ich euch ein Praxisbeispiel geben: meinen „ganz normalen“ Tag als berufstätige Mutter, der, wie ihr sehen werdet, durch zahlreiche Faktoren geprägt ist, die für hochsensibel wahrnehmende Menschen stressauslösend sein können. Dazu gehören Zeitdruck, ein von außen vorgegebenes Lebenstempo, das kaum Momente der Entspannung und der Muße möglich macht, große Lautstärke, unvorhergesehene Ereignisse, die rasches Handeln erfordern, starke äußere Präsenz ohne die Wahlmöglichkeit, zu welchem Zeitpunkt man in dieser Weise „vor Menschen treten“ möchte, etc. 

Für mich selbst kann ich sagen, dass mich keiner der oben genannten Faktoren per se „aus der Bahn wirft“ (obwohl sie mir alle nicht angenehm sind). Vielmehr empfinde ich den Vergleich mit einem (inneren) Gefäß als sehr treffend: Jeder äußere und innere Reiz lässt den Pegel ein wenig weiter steigen – ähnlich, als würde man Wasser in ein Glas füllen. Irgendwann ist der Glasrand erreicht und ab diesem Punkt erfüllt mich ein Gefühl der Anspannung, Irritation und Gereiztheit: „es reicht“, ich fühle mich körperlich und seelisch überlastet. Diesen Zustand des Überreizt- und Gestresstseins kennen natürlich auch Menschen mit nicht-hochsensibler Disposition. Ich würde sagen, lediglich der Zeitpunkt, an dem „das Maß voll“ ist, ist bei hochsensiblen Menschen früher erreicht – es fließen schlicht mehr Reize in unser seelisches Gefäß. 

„Action“ von 6 bis 21 Uhr

Was also tun, wenn das Kind mich um sechs Uhr weckt und am liebsten noch im Bett mit mir Verstecken spielen oder für eines seiner Kuscheltiere eine „Geburtstagsparty“ ausrichten möchte? Duschen, Anziehen und Frühstück zubereiten erfolgt ab Minute eins des Tages in der Gesellschaft eines wahlweise fröhlich plappernden, aufgeregt herumtobenden oder quengelnden Kleinkindes. Bevor ich irgendwann zwischen 8 und 10 Uhr bei meiner (bezahlten) Arbeit erscheine, habe ich schon etwa 100x beschwichtigt, wohlwollend kommentiert, getröstet, Grenzen gesetzt, ermutigt, meinen Sohn gebremst und angetrieben – und dabei Brote für den Kindergarten zubereitet, Kleider und meine Arbeitsunterlagen zusammengesucht, Betten gemacht und die Küche notdürftig wieder aufgeräumt. Danach die Fahrt zum Kindergarten, der fröhliche – oder an manchen Tagen auch tränenreiche – Abschied: drei bis vier Stunden Action, bevor der offizielle Arbeitstag überhaupt beginnt. 

Als Lehrerin bin ich, wie Menschen in anderen sozialen Berufen, abermals Dutzenden von Reizen ausgesetzt, sobald ich nur das Schulgebäude betrete. Während meiner Unterrichtszeit – und oft auch noch in den Pausen – kommuniziere, plane, beurteile, ermutige, bremse, schlichte und moderiere ich. Ich scherze mit Kolleginnen und Kollegen, treffe Absprachen und trage Konflikte aus. Und nicht zuletzt vermittle ich natürlich in meinem Unterricht noch die – zum Teil komplexen – Inhalte meiner Fächer. Etwa 5-6 Zeitstunden lang stehe ich damit pro Tag während meiner Unterrichtszeit quasi nonstop unter Strom – oft tatsächlich ohne nennenswerte Pausen. 

Nach der Arbeit dann kehre ich zurück in meinen zweiten „Job“: ich hole meinen Sohn vom Kindergarten ab und betreue ihn nochmals 4-5 Stunden, bis er (endlich) schlafen geht. Oft sind wir zu diesem Zeitpunkt bereits beide erschöpft, was mir – je nach Tagesverfassung – ein kuscheliges, liebevoll anhängliches oder aber wütend forderndes Kleinkind beschert. Gegen acht bis neun Uhr schläft mein Sohn meist – und manchmal bin ich beim Ins-Bett-Bringen bereits selbst eingeschlafen, bevor er sich auch nur zur Seite drehen konnte…

Was trägt mich durch Tage wie diesen?

Tage wie dieser sind mein Alltag – und sind für mich als hochsensibel empfindenden Menschen eigentlich purer Stress. Was hilft mir also, in diesem „Sturm des Lebens“ dennoch die Ruhe zu bewahren? 

1) Stress überhaupt als Stress wahrnehmen 

Körperliche Symptome wie Schlaflosigkeit, Kopf- oder Rückenschmerzen, Heißhunger oder ausbleibender Appetit, aber auch die klassische hartnäckige Erkältung, die Stimme, die wegbleibt, die Magenverstimmung oder das Sodbrennen, das uns quälen mag, ebenso wie hartnäckige Unlust, kreisende, negative Gedanken oder konstante Gereiztheit sind alles Faktoren, die uns darauf hinweisen können, dass wir körperlich und seelisch überlastet sind. Das wahrzunehmen und auf die Ursache des Symptoms statt auf das Symptom selbst zu reagieren sehe ich als absolute Notwendigkeit an für hochsensible Menschen in fordernden Lebenssituationen. Wir können schlicht weniger „wegdrücken“, bevor wir mit – gegebenenfalls gravierenden – körperlichen und seelischen Beschwerden auf Überlastung reagieren. 

Ich z.B. wache häufig in den frühen Morgenstunden auf und kann nicht mehr einschlafen, wenn ich beruflich stressige Phasen durchlebe. Statt im Dunkeln liegen zu bleiben und ins Grübeln zu geraten, hilft mir in solchen Momenten, mich zu bewegen oder meine Gedanken niederzuschreiben. Häufig komme ich erst dabei den Gefühlen hinter meiner Anspannung auf die Spur. Wut, Angst oder Trauer auszudrücken (in Worten, Gesten oder Tränen), statt nur die Spannung auszuhalten, die sie erzeugen, ist erleichternd. Und führt häufig dazu, dass gerade dann sich auch der Schlaf wieder einstellt. Unsere Gefühle wollen uns unseren Weg zeigen, wir dürfen sie nicht fürchten!

2) Inseln der Ruhe und Schlaf

Genauso wichtig wie das Wahrnehmen meiner Gefühle (sowie der dahinter liegenden Bedürfnisse) empfinde ich, mir den Raum für mich selbst zu geben. An Tagen, die mir kaum echte Pausen möglich machen, erreiche ich das für mich durch Langsamkeit während meiner Aktivitäten. Also mittags kein schneller Snack auf die Hand im Gehen. Statt dessen setze ich mich für das Essen bewusst hin und konzentriere mich für zehn Minuten oder eine Viertelstunde tatsächlich allein auf meine Mahlzeit. Will ein Kollege oder Schüler zwischen Tür und Angel eine Entscheidung von mir, hilft mir oft die Aussage, darüber müsse ich noch nachdenken und dass ich einen Termin, z.B. am nächsten Tag, vereinbare, um das Ganze in Ruhe zu besprechen. Und meinem Sohn gegenüber schlage ich Aktivitäten vor, bei denen ich mich selbst entspannen kann. Ich lasse ihm z.B. ein Bad ein, lese ein Buch mit ihm oder packe ihn bei schönem Wetter auf den Fahrradsitz und radle den nächsten Radweg entlang. Nur wer sich auch erholen kann bleibt dauerhaft leistungsfähig. Ich habe die Verantwortung für mich selbst und mein Kind, also muss ich danach handeln!

3) Es darf auch mal „schei..e“ sein

Gelassenheit bei Konflikten mit dem Partner oder der Partnerin, mit Freundinnen oder Kollegen, oder wenn unvorhergesehene Ereignisse alle eigene Planung über den Haufen werfen – sie ist ein hehres Ziel. Aber was erreiche ich, wenn ich mir sozusagen „befehle“, Dinge nicht so ernst zu nehmen, bzw. nicht so „empfindlich“ zu sein? Wozu führt mein Anspruch, die Wut, Verwirrung oder Nervosität, die äußere Ereignisse in mir auslösen, bitte jetzt und sofort weniger intensiv zu spüren? Nun ja – höchst wahrscheinlich werden all meine negativen Gefühle nur noch stärker. 

Die Situation, mit der ich konfrontiert bin, ist wie sie ist. Und ich reagiere darauf nun mal auf eine gewisse Weise. Ich finde etwas nicht plötzlich angenehm oder gut handhabbar, bloß weil ich es mir befehle. Manchmal muss ich mir im Gegenteil zugestehen, WIE wütend, (innerlich) angstbibbernd oder todtraurig mich eine bestimmte Situation macht und ggf. auch annehmen, dass ich mich schlicht hilflos oder überfordert fühle, um erst dann die Erleichterung spüren zu können, dass ich eben auch nicht alles souverän bewältigen muss. Es ist normal, dass ich Angst, Wut oder Trauer spüre, dass sich das Leben manchmal schei…e anfühlt – ich darf das fühlen. Und ich darf sogar danach handeln. Indem ich mal laut werde und ungeduldig oder mich auch zwei Tage krank melde, selbst „nur“ wegen einer starken Erkältung und weil ich offensichtlichen genau in diesem Moment eine Auszeit brauche. Aber ich brauche nicht zusätzlich Angst haben, jetzt nur noch überfordert, nie wieder fröhlich oder eine „schlechte Mutter“ zu sein. 

Als hochsensibler Mensch muss ich lernen, mit meinen starken seelischen Reaktionen auf äußere Eindrücke umzugehen. Was weniger fein wahrnehmende Gemüter kaum registrieren, kann bei uns Hochsensiblen einen tiefen Eindruck hinterlassen. Meine Aufgabe ist also nicht, weniger zu fühlen, sondern ich muss lernen, weniger verunsichert auf meine Gefühle zu reagieren. Das mag nicht leicht sein, wenn ich gegebenfalls jahrelang gehört – oder mir selbst eingeredet – habe, meine Wahrnehmung sei übertrieben oder zu „zimperlich“. Aber ich kann genau diese Annahme meiner Gefühle lernen, z.B. mit einem Ansatz wie dem der ACT-Therapie (Acceptance and Commitment Therapy), der dabei unterstützt, die eigenen Gefühle wahr- und anzunehmen, sich jedoch nicht komplett von Ihnen überrollen zu lassen. 

Es geht nicht darum, dass alles gut ist, es geht darum, das ich mit dem umgehen kann, was ist. Genau das wünsche ich dir, egal ob du dich als hochsensibel wahrnimmst oder nicht!

Herzlichen Gruß, Sunnybe

Mehr Infos zum Thema „Hochsensibilität“ findet ihr z.B. auf zartbesaitet.net oder auf Lichtiges.de, der Seite der Kölner Autorin und Trainerin Caren Klaschka, die Themenabende und Coachings speziell für Hochsensible anbietet.

Außerdem zwei lesenswerte Bücher zum Thema Acceptance and Commitment Therapy (ACT) (auch für nicht-hochsensible Menschen😉):

Wer dem Glück hinterherrennt, läuft daran vorbei“ von Russ Harris: Ein einfach zu lesender und dennoch fundierter Ratgeber mit konkreten Übungen, um die Grundsätze der Acceptance-and-Commitment-Therapy in den Alltag zu integrieren.

Das Leben annehmen“ von Matthias Wengenroth: Umfassende Information zum Thema ACT. Das Buch geht ausführlich auf die psychischen Prozesse ein, die dazu führen, dass wir negative Gefühle haben und zeigt Möglichkeiten auf, wie wir diesen mithilfe von Achtsamkeit und klaren inneren Werten selbstbestimmt begegnen können.

[Alle Links sind persönliche Empfehlungen und keine bezahlte Werbung]

[Foto: Pixabay]

„Top 5 Bio-Hacks“: Wenn Sprache ausschließt und Worte Barrieren schaffen.

EDA20636-0600-4083-AD79-D126B6D65ABA

Kürzlich kaufte ich mir nach Längerem wieder einmal eine Zeitschrift, die sich als „Magazin für Pop, Politik und Feminismus“ bezeichnet. Eigentlich Themen, die mir selbst am Herzen liegen. 

Top 5 Bio-Hacks

Ich schlug willkürlich eine Seite auf und stieß auf den Artikel: „Top 5 Bio-Hacks“. Und nein – der Kalauer sei erlaubt – hier geht es nicht um Kleingehacktes, sondern vielmehr… ja, um was eigentlich?

Tamara Pertamina ist eine multidisziplinäre Künstlerin und ehemalige Sexarbeiterin aus Yogyakarta, die sich mit Geschlechtsidentität im präkolonialen Indonesien beschäftigt. Ihr Studio befindet sich im HONFabLab, dem ersten Makerspace seiner Art in Indonesien. Hier werden Kunst, Wissenschaft und Technologie in einen Dialog gebracht, um Fragen der sozialen Gerechtigkeit zu reflektieren.

Aha. Ich verstehe nicht alles, aber Fragen der sozialen Gerechtigkeit interessieren mich durchaus. Außerdem will ich wissen, was es mit den „Bio-Hacks“ auf sich hat. Also lese ich weiter. Ein paar Zeilen später erfahre ich, was Ms. Pertaminas Arbeiten auszeichnet:

Ihre jüngste Performance „The CRISPR Sperm Bank: Experience Trans-Species Possibilities“ (die Abkürzung steht für „Clustered Regularly Interspaced Short Palimdromic Repeats) wirft Fragen nach den politischen und ökonomischen Dimensionen wissenschaftlicher Spekulationen über mögliche transgene Zukünfte auf. Kann Queer Theory in diesem Kontext kreative Wege des Nachdenkens über Transbiologie aufzeigen? „Wenn mein ganzer Körper aus Plastik hergestellt werden kann, was ist dann organisch? Nur mein Herz“, so Tamara Pertamina im Interview mit hyperallergetic.com.

Sorry… ich bin des Deutschen wie des Englischen mächtig, aber hier verstehe ich schlicht kaum ein Wort. Was, um Himmels Willen sind „transgene Zukünfte“? (Bis jetzt wusste ich nicht einmal, dass sich „Zukunft“ im Plural deklinieren lässt). Was sind „Clustered Regularly Interspaced Short Palimdromic Repeats“? Und, ok, es geht offensichtlich um die Verfremdung und Erweiterung des Körpers mithilfe von Genmanipulation oder plastischer Chirurgie (das „Plastik“ im Körper?). Was das alles mit „sozialer Gerechtigkeit“ zu tun hat, erschließt sich mir beim Lesen des Artikels schlicht nicht. 

Sich über Fremdes lustig machen 

Andere Welten. Jawohl, es ist immer leicht, sich über Fremdes lustig zu machen. Oft genug schlicht, weil man es nicht begreift. Das Magazin spiegelt offensichtlich einen akademischen Gender-Feminismus, zu dem ich, die ich nicht dessen ganz speziellen Sprach-Code beherrsche, schlicht keinen Zugang habe. 

Sorry, aber das ist Bullshit: Sprache, die trennt, die Barrieren schafft. Da helfen auch keine Gender*Sternchen…

Einige Seiten davor lese ich in einem Artikel zum Thema „Kinder kriegen oder kinderlos bleiben“:

Heti [die Autorin des Buches, das in dem Beitrag besprochen wird] argumentiert stets als die Künstlerin, die ihre Freiheit und Einsamkeit schätzt und nicht nur, wie Eltern es tun, ein paar Leben, sondern potenziell Generationen überdauernde, Tausende Existenzen berührende Werke hervorbringt.

Aha. Hier scheut das Magazin die klaren Worte nicht. Eltern, die „nur ein paar Leben“ produzieren vs. Künstlerinnen (und hier sind nur die kinderlosen gemeint), die Generationen überdauernde Werke schaffen. Die ewige Spaltung in die niedere Biologie und die höheren geistigen Sphären. Nur stehen sich hier zur Abwechslung einmal nicht das niedere, dem Gefühl und sinnlichem Empfinden unterworfene Weib und der rationale Mann gegenüber, sondern Eltern vs. kinderlose Kreative. 

Spaltung statt Solidarität

Vielleicht kein Zufall, dass viele der Autor*innen gerade letzterer Kategorie angehören? Der Artikel mit dem sprechenden Titel „Abgrund Mutterschaft“ (so wird er auf dem Cover des Magazins beworben), zeigt, ebenso wie der Text zu den „Bio-Hacks“, jedenfalls, welcher Graben zwischen Menschen verläuft, die sich im Namen von Gender Forschung und Queer Theory mit „transgenen Zukünften“ befassen und Menschen, die einfach nur ihren Kindern die Nase abwischen, ihnen Roller fahren beibringen und sie in ein Leben als zufriedene, sozial kompetente Erwachsene begleiten wollen.

Betrachte ich mich selbst als Mutter sowie – meinem Selbstverständnis nach – als durchaus intellektuelle, akademisch gebildete Frau, so merke ich: Ich bin mit dieser Form des „Feminismus“ nicht gemeint. Jedenfalls mit meinen Bedürfnissen, wegen Teilzeitarbeit nicht an gläserne Decken zu stoßen oder trotz reduzierter Arbeitszeit eine vernünftige Altersversorgung zu bekommen. Wer sich gedanklich mit „Clustered Regularly Interspaced Short Palimdromic Repeats“ beschäftigt, kämpft eher nicht für mehr Kindergartenplätze und das Recht von Frauen (und Männern), zu entscheiden, wann arbeite ich z.B. weniger, um für meine alten Eltern oder meine Kinder da zu sein? Videoinstallationen und Performances mögen kontroverse Themen aufgreifen. De facto helfen sie Frauen, Homosexuellen, Trans* und Co aber wohl nur peripher dagegen, wegen ihrer sexuellen Orientierung, ihres Geschlechts oder der Kleidung, die sie tragen, diskriminiert, belästigt und bedroht zu werden. 

Queer- und Gender-Studies sind aufgebrochen um Normen zu hinterfragen und (Geschlechter-) Grenzen aufzubrechen. Leider, so kommt es mir jedenfalls nach dem Blättern in diesem Magazin vor, haben sie neue Barrieren errichtet: Eine Sprache, die allein durch ihre Komplexität, durch hunderte, nur einem geschulten Publikum erschließbare, Querverweise und Bezüge ausschließend wirkt. Und eine Haltung, die im Namen von Minderheiten die Probleme ganzer Bevölkerungsschichten ignoriert, bzw. herunterspielt. Nein zu „Blackfacing“ und „Heteronormativität“, aber „Alltagssorgen“ wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind „nicht ihr Thema“. 

Der Artikel zur (Anti-) Mutterschaft fasst das klar zusammen: 

Hetis Beobachtungen, warum es für Frauen heute immer noch fast unmöglich ist, beides zu haben [Kind und berufliche Erfüllung], sind so scharfsinnig wie wütend, lassen die Leser*innen aber doch ein wenig desillusioniert, fast unbefriedigt zurück, da der Status quo klug beschrieben, aber nicht an ihm gerüttelt wird.

Tja, allein dafür lohnte sich für mich die Lektüre der Zeitschrift. Ich persönlich, als Frau und Mutter, fühle mich von einem Feminismus nicht repräsentiert, der über die „Unterdrückung von gebärfähigen Menschen“ (Bonmot aus einem weiteren Artikel) schwadroniert, aber sich letztlich nicht für Eltern interessiert, die „nur“ die eigenen Kinder produzieren und ins Leben begleiten. 

Nein danke, diesen Prophet*innen glaube ich nicht!

Und ihr? Steht ihr dieser Form des Feminismus ebenfalls skeptisch gegenüber oder könnt ihr ihm durchaus etwas abgewinnen? Oder ist euch die Empörung über „toxische Männlichkeit“ sowie der Kampf für „Safer Spaces“ und eine „körperpositive Haltung“ schlicht egal? Freue mich über eure Kommentare.

Herzlichen Gruß, Sunnybee

[Foto: Pixabay]

 

Jannike Stöhr: „Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben.“

E271AE19-D77A-4DC7-873E-7866F37924BB

(C) jannikestoehr.com

Jannike Stöhr, 32, ist „Job-Testerin“, Autorin und Coach für berufliche Neuorientierung. Nach einem erfolgreichen Berufseinstieg bei VW verließ sie 2014 ihre gut bezahlte Festanstellung ebenso wie ihre Wohnung und reiste ein Jahr lang durch ganz Deutschland, um insgesamt dreißig unterschiedliche Berufe kennen zu lernen. Daraus ist ein Buch entstanden: „Das Traumjob-Experiment“. Jannike wird seitdem für Vorträge gebucht um über ihre Erfahrungen zu sprechen. Zudem arbeitet sie als Business-Coach und berät Menschen, die sich im Prozess beruflicher Neufindung befinden. 2018 hat sie gemeinsam mit dem Sachbuchautor Emilio Galli Zugaro ihr zweites Buch veröffentlicht: „Ich bin so frei. Raus aus dem Hamsterrad – rein in den richtigen Job“, ein Ratgeber, in dem es ebenfalls um berufliche Neuorientierung geht. Was Jannike zu ihrem bisherigen Werdegang bewegt hat und warum ihre Erfahrungen auch für Allein- und Getrennterziehende hilfreich sein können, erzählt sie hier.

Wie würdest du deinen Beruf jemandem beschreiben, der sich unter ‚Bloggerin‘, ‚Speakerin‘ oder ‚Job-Testerin‘ nichts vorstellen kann?

Einem 5-Jährigen würde ich sagen: In meinem Beruf begleite ich Leute, gucke mir an, was sie machen, mit was sie zufrieden sind, wenn sie es machen und dann schreibe ich darüber und veröffentliche das im Internet. Ich mache das, weil es mein Ding ist. Weil es mich wirklich sehr interessiert.“

Ich frage Jannike, warum sie genau diese Tätigkeiten mit solcher Begeisterung ausübe. Sie erklärt mir daraufhin, dass das Thema „Orientierung“ für sie selbst über viele Jahre sehr bedeutend gewesen sei. Sie habe sich immer gefragt: „Wo gehöre ich eigentlich hin, was ist mein Ding?“ Zudem sei Lernen an sich für sie genussvoll. Eine weitere Frage, die sie antreibe, sei also: „Was will ich neu lernen und begreifen?“ Auch die Werte Freiheit und Abwechslung seien wichtig für sie. All diese Aspekte könne sie in ihrem „Berufs-Portfolio“ vereinen und daher sei sie so zufrieden damit.

Die Frage „Warum machst du das?“ ist ja immer eine Frage, die zu viel Zufriedenheit bei der Arbeit führen kann, weil sie dir einfach den Sinn hinter deinem Tun deutlich macht.

Jannike betont, ob man eine Tätigkeit als sinnvoll empfinde, liege in der eigenen Biographie begründet und vielen sei erst einmal unklar, in welchem Beruf sich dieser Sinn für sie finde. So gibt es ihrer Meinung nach auch keinen objektiven „Traumjob“, sondern vielmehr Tätigkeiten, die uns erfüllen, weil wir persönlich sie als sinnvoll erachten. Dies wiederum liege darin begründet, dass etwas an unserer Tätigkeit in uns auf Resonanz treffe und unser Impuls zu handeln dadurch eine ganz andere Kraft bekomme.

„Beispiel Entwicklungszusammenarbeit in Afrika: Das ist ja per se eine sehr sinnvolle Tätigkeit. Und trotzdem würde ich für mich sagen, mein Antrieb ist eher das Thema Orientierung, weil ich persönlich so lange um berufliche Orientierung gerungen habe. Für jemanden, der in Afrika gelebt hat, der dort Hunger und Leid mitbekommen hat, hat die Aufgabe der Entwicklungszusammenarbeit in Afrika eine ganz andere Bedeutung als für mich. Deswegen ist die Frage nach dem Sinn einer Tätigkeit auch sehr individuell.“

Ich frage Jannike, ob ein Blick auf die eigene Biographie ihrer Meinung nach auch nach einer Trennung im Prozess der Neuorientierung hilfreich sein kann.

Ich glaube, dass ein Blick auf die Biographie immer sinnvoll ist, weil der Umstand, wie wir Dinge erlebt haben und sie einschätzen, einen riesigen Einfluss auf die Gegenwart hat. Mir war das „Warum?“ als ich ausgestiegen bin noch gar nicht klar. Das habe ich erst während meines Tuns gefunden. Und ich glaube, wenn dir etwas wichtig ist, wie mir in dem Fall, dass ich meinen Platz finden wollte, entwickelst du eine ganz besondere Kraft. Mir war diese Frage so wichtig, dass ich 2014 alles aufgegeben habe und herumgereist bin. Der Impuls war einfach so stark.“

In ihrem Buch „Ich bin so frei“ betonen Jannike und ihr Mitautor Emilio Galli Zugaro zudem immer wieder, dass es nicht reiche, abstrakt etwas ändern zu wollen und in Gedanken Alternativen durchzuspielen. Ab einem gewissen Punkt müsse man einfach handeln.

Wenn du die Erfahrung dazu nicht hast, dann wird es halt immer ein Gedanke bleiben. Du kannst nicht „die Perfektion“ erreichen im Kopf. Thesen aufstellen, ist meine Devise, tut nicht weh, das ist noch keine endgültige Entscheidung. Also mach das ruhig. Aber dann schau in der Realität, wie es wirklich ist, unternimm also relativ schnell Dinge in die Richtung, die du dir beruflich vorstellen kannst und begleite oder befrage Menschen, die schon dort sind, wo du gerne wärst. Da passiert ganz viel, was wir gar nicht absehen können. Es entwickelt einfach eine Kraft, weil wir es erleben und erfahren.“

Natürlich frage ich Jannike, die selbst in einer festen Partnerschaft lebt und bisher keine Kinder hat, wie Allein- oder Getrennterziehende nach einer Trennung, an einem Punkt, an dem sie in vielerlei Hinsicht geschwächt sind, die Kraft zu dieser Entschlossenheit finden sollen. Jannike bestätigt mir, dass gerade die Unsicherheit, die eine berufliche wie private Neuorientierung mit sich bringe, Menschen ihrer Erfahrung nach am meisten Angst mache. Das sei auch bei ihr so gewesen.

Ich hatte mir, bevor ich ausgestiegen war, Horrorszenarien ausgemalt, was alles schief gehen könnte. Dass ich mich total verschulden würde, dass alles nur eine Schnapsidee wäre, ich niemanden für mein Projekt begeistern könnte. Ein Coach hat mal zu mir gesagt, Menschen sind auf einem Level von 20% Zufriedenheit in ihrem Leben und sie sehen etwas, das könnte ein Level von 50% Zufriedenheit oder gar 100% mit sich bringen, aber vorher müssen sie durch eine Kuhle durch. Das heißt, es geht erst mal bergab, weil sie die Unsicherheit aushalten müssen. Veränderung ist selten angenehm. Und weil Menschen so viel Angst vor dieser Kuhle haben, bleiben sie lieber auf diesem Level von Zufriedenheit, anstatt eine Veränderung anzustreben. Ich glaube, es ist die Unsicherheit, die Angst macht – und diese Angst kenne ich auch von mir.“

Ich frage, was Jannike einer jungen Frau raten würde, die einen Beruf hat, in dem sie 40h im Schichtdienst tätig ist und somit eigentlich nicht alleinerziehend für ihr Kind da sein kann. Wie soll sie ganz praktisch eine berufliche Neuorientierung angehen? Jannike rät, vor allem nicht alles sofort zu wollen:

„Es gibt eine Studie der Psychologin Herminia Ibarra, die berufliche Neuorientierungsprozesse untersucht hat. Ein Ergebnis war, dass von der Erkenntnis „Ich möchte nicht mehr, ich möchte etwas anderes machen“ bis zu dem Gefühl „Ich bin angekommen“ etwa drei Jahre vergehen. Es ist eine schrittweise Hinentwicklung. Man muss der Persönlichkeit beim Umstieg auch die Möglichkeit geben, sich mit zu entwickeln. Es muss nicht alles von heute auf morgen passieren. Also muss man sich, gerade in einer Situation wie der oben beschriebenen, nicht auch noch den Druck machen, sofort den perfekten Job zu finden. Aber man kann sich auf den Weg machen und Schritt für Schritt gucken, was zeitlich und finanziell möglich ist. Wie viel Zeit kann ich investieren, um zu schauen, was ich beruflich machen will, um diese Thesen dann an der Realität zu überprüfen und mich somit Schritt für Schritt umzuorientieren? Und auf finanzieller Ebene: Kann ich meine Arbeitszeit eventuell reduzieren, mir da Freiräume schaffen? Was für einen Lebensstandard habe ich? Brauche ich das alles wirklich? Es kostet tatsächlich Zeit, sich zu orientieren, aber man hat keine Eile. Man kann Schritt für Schritt vorgehen. Allein zu wissen, dass dieser Prozess Zeit braucht, kann einem schon viel Stress nehmen.“

Mich interessiert auch, was sie einer alleinerziehenden Mutter oder einem alleinerziehendem Vater raten würde, die Verpflichtungen den eigenen Kindern gegenüber haben oder z.B. durch Umgangsregelungen an den Wohnort des Ex-Partners gebunden sind. Wie sollen sie damit umgehen, ganz real in der Verwirklichung ihrer Pläne gebremst zu sein?

Jannike betont, dass es extrem wichtig sei, eigene Wünsche und Ziele zu kommunizieren.

Wenn man mit denjenigen, die einem etwas bedeuten, über seine Wünsche spricht und auch um Hilfe bittet, können viel mehr Freiräume geschaffen werden, als man sich vorstellt. Das habe ich bei meinem Experiment auch erfahren können: wenn man nicht fragt, passiert nichts. Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben. Fragen und sich mitteilen und darüber reden, was einen bewegt, das ist total hilfreich – auch in dieser Situation.“

Das meinen sie und ihr Mitautor in dem Ratgeber „Ich bin so frei“ wohl damit, das eigene Umfeld in den Orientierungsprozess mit einzubeziehen. Allerdings sei es nicht selten so, dass gerade das engste Umfeld mit Angst und Vorbehalten auf die Neuorientierung reagiere. Gerade dann sei es wertvoll, sich mit Menschen außerhalb des engsten Kreises zu unterhalten, die nicht so starre Vorstellungen von der eigenen Person haben. Jannike betont, dass sie ohnehin versuche, sich mit Menschen zu umgeben, die sie förderten, unterstützten und auch herausforderten:

Meiner Meinung nach ist es extrem wichtig, ein gutes Umfeld zu haben. Wenn mich jemand wirklich blockieren und demotivieren würde und ich ihm oder ihr nicht aus dem Weg gehen könnte, würde ich schauen, dass ich die Schnittstellen so gering wie möglich halte und z.B. über manche Themen mit dieser Person nicht spreche. Andererseits ist natürlich auch eine interessante Frage: Blockiert er oder sie dich wirklich oder kannst du vielleicht konstruktive Kritik aus den Einwänden ziehen?“

Jannike verweist in diesem Zusammenhang auf ein Buch des Autors Jia Jiang („Wie ich meine Angst vor Zurückweisung überwand und unbesiegbar wurde“), in dem dieser beschreibt, wie er sich bewusst mit Situationen konfrontierte, in denen er Ablehnung riskierte. Dadurch lernte er vor allem zwei Dinge: 1) eine Ablehnung hat meist mehr mit dem anderen als mit einem selbst zu tun. 2) Es lohnt sich, sie als Inspiration zu sehen: Vielleicht hast du das falsche Publikum gewählt? Oder du musst dein Thema nochmal überdenken? Vielleicht hast du irgend etwas nicht bedacht?

Ich frage Jannike, was ihr persönlich die Kraft gibt, trotz äußerer Widerstände an ihren Zielen festzuhalten. Ihre Antwort ist klar:

Ich weiß heute, warum ich die Dinge tue. Das empfinde ich als extrem wichtig. Bei einem Projekt wie dem der 30 Jobs der Zukunft weiß ich einfach, das wird Realität, egal wie viele Leute mir absagen, das werde ich schaffen. Und manchmal dauert es eben länger, manchmal sieht das Ergebnis ein bisschen anders aus, aber irgend ein Weg wird sich finden. Man malt sich ja manchmal Dinge aus und erst während des Machens merkt man, dass man etwas ändern muss. Oder man wird auf Dinge hingewiesen, die man so noch nicht bedacht hat. Deswegen, denke ich, ist es auch legitim, seine Ziele anzupassen, wenn man denkt, es wäre anders besser.“

A propos Ziele: Zum Ende des Gesprächs frage ich Jannike nach ihren Plänen für die nahe Zukunft. Auch hier greift sie das Thema „Lernen“ auf: Ihr aktuelles Projekt („Dreißig Jobs der Zukunft“), der Ausbau ihrer Tätigkeit als Business-Coach, ein Aufenthalt in New York, auf den sie sich sehr freut. Natürlich, von diesen Möglichkeiten, das eigene Leben, vor allem auch räumlich und zeitlich, so frei und selbstbestimmt zu gestalten, können viele Allein- und Getrennterziehende nur träumen. Dennoch empfinde ich Jannikes Fazit als ermutigend.

Ich habe das Gefühl, dass sich mein Leben Stück für Stück mehr fügt und dass runder und schöner wird, was vorher noch wie Stückwerk aussah. Dass die Teile immer mehr ineinander greifen und sich die Dinge festigen. Das ist total schön. Das kann ich auch genießen.“

Die Klarheit und Heiterkeit, die sie dabei ausstrahlt, gefällt mir gut. Und ich glaube ihr, dass sie durch ihre intensive Suche, durch ihre Offenheit und den Mut, ihren Fragen das entsprechende Handeln folgen zu lassen, ihren beruflichen Weg gefunden hat, bzw. immer wieder neu finden wird. „Man muss fragen, damit sich Möglichkeiten ergeben“: Dieser Satz klingt auch nach dem Gespräch noch in mir nach.

Mehr Infos zu Jannike Stöhr und ihren Projekten findet ihr auf ihrer Website: jannikestoehr.com

 

Grabe dort, wo Wasser ist: 5 Schritte zu beruflichem und privatem Erfolg

1EC10ABC-1C92-4A12-BA77-745ACAF13669

Beruflich und privat erfolgreich zu sein bedeutet für jede/n etwas anderes. Während die eine sich mit den Telefonnummern ihrer VIP-Freunde in der Tasche und dem 100.000€ Jahreseinkommen erfolgreich fühlt, sucht der andere im Job die Möglichkeit, etwas zu bewirken und freut sich, von seinen Freunden zum Patenonkel der neugeborenen Tochter ernannt zu werden. Und ein dritter ist froh, nach zwei Jahren Projektarbeit die erste unbefristete Anstellung ergattert zu haben.

Was ist beruflicher und privater Erfolg für mich? 

Ich persönlich definiere beruflichen und privaten Erfolg so: Ich habe die persönlichen, finanziellen und strukturellen Ressourcen, um umsetzen, was mir wirklich wichtig ist und es gelingt mir, andere dafür zu begeistern. Beruflicher und privater Erfolg bedeutet für mich somit eher die Verwirklichung von Werten mit der daraus resultierenden Zufriedenheit als  das Erreichen äußerer „Benchmarks“ wie der nächsthöheren Gehaltsstufe, dem noch interessanteren Job oder dem immer größer werdenden Freundeskreis. 

Äußerlicher Erfolg ist auch wichtig

Zugleich ist es mir durchaus wichtig, einen gut bezahlten, gesellschaftlich anerkannten und inhaltlich sinnvollen Job auszuüben. Und ich freue mich über einen wirklich tragfähigen,  reichen Freundeskreis wie vermutlich (fast) jede/r von uns. Auch Anerkennung und eine bestimmte Reichweite meines Blogs oder des Stammtischs für Allein- und Getrennterziehende, den ich 1x pro Monat gemeinsam mit einer Freundin organisiere, ist mir wichtig. Insofern kann ich Business-Coach Dr. Johanna Disselhoff, auf die ich kürzlich gestoßen bin, nur zustimmen: gerade wir Frauen müssen uns darin üben, nicht nur „um der Sache Willen“ fleißig aktiv zu sein, sondern unsere Qualitäten und unsere beruflichen und privaten Erfolge auch im rechten Licht zu präsentieren. Auf ihrer Website gibt sie fünf wirklich brauchbare Tipps, wie du im beruflichen Rahmen auf dich und deine Leistung aufmerksam machen kannst.

5 Schritte zu beruflichem und privatem Erfolg

Ich beziehe mich hier auf Disselhoffs Punkte, gehe jedoch noch einen Schritt weiter. Damit bin ich bei 

Tipp Nr. 1: Fang nicht immer wieder von vorne an

Mal angenommen, Du wolltest etwas zum Steuerrecht für Alleinerziehende in Erfahrung bringen. Vermutlich würdest du im Netz recherchieren (z.B. bei der in Finanzdingen ziemlich gewitzten Madame Moneypenny), in einer Chat-Gruppe deine Frage posten oder dich im Freundeskreis umhören, ob jemand Bescheid weiß. Eher unwahrscheinlich, dass du ganz alleine versuchen würdest, das deutsche Steuerrecht und seine Schlupflöcher zu durchdringen? 

Dann hast du bereits einiges richtig gemacht!

Nutze, was da ist und fange nicht immer wieder bei Null an. Beratungsstellen und Coaching-Angebote helfen dir, wenn du von etwas keine Ahnung hast. Bestehende Netzwerke, Stammtische, Chat-Gruppen, wenn du Kontakte knüpfen möchtest, oder dein Anliegen bekannter machen möchtest. Bringe in Erfahrung, wer schon groß ist in dem Bereich, in dem du erst noch groß werden möchtest – und mache diese Menschen auf dich aufmerksam. Uns Frauen fällt das oft nicht leicht: wir wollen nicht aufdringlich sein, uns nicht zu sehr in den Vordergrund spielen, empfinden Kontakte, die wir aus den oben genannten Motiven anstrebten, als „unecht“ oder gar „berechnend“. Aber das sind sie nicht: vielmehr greifst du dabei klug auf Ressourcen zurück, die andere vor dir geschaffen haben – ebenso wie du selbst wieder zur Ressource werden wirst für diejenigen, die nach dir kommen. Es ist ein Geben und Nehmen: „Netzwerken“ im eigentlichen Sinn. 

Tipp Nr. 2: Sei stolz auf das, was du tust 

Gut kannst du in vielen Dingen werden. Aber deinen Erfolg genießen, sobald du ihn denn einmal hast, kannst du nur, wenn du innerlich überzeugt bist von dem, was du tust und sogar stolz darauf. Stell dir vor, du spielst mit dem Gedanken, eine wissenschaftliche Karriere anzustreben. Tatsächlich wird deine Dozentin auf dich aufmerksam und bietet dir zunächst eine Anstellung als wissenschaftliche Mitarbeiterin und anschließend eine Promotionsstelle an. Dein Promotionsthema bekommst du sozusagen auf dem goldenen Tablett serviert, da es für deine Professorin dem Drittmittelerwerb dient, sie für dieses Forschungsprojekt also Geld für ihren Lehrstuhl bekäme. Nimmst du das Angebot an? Mir selbst ist genau dies vor einigen Jahren widerfahren – und ich habe NEIN gesagt. Weil ich vom Thema der Arbeit nicht überzeugt war und drei Jahre meines Lebens lieber meinen eigenen Zielen als dem Drittmittelerwerb widmen wollte. Das Angebot war äußerlich toll und für jemanden mit anderen Beweggründen sicher auch interessant – ich selbst wäre dabei nicht glücklich geworden. Das wusste ich damals und davon bin ich noch heute überzeugt. Ich wäre nicht stolz auf das gewesen, was ich erreicht hätte, denn ich war innerlich nicht davon überzeugt. Das bringt mich zu…

Tipp Nr. 3: Finde heraus, was du wirklich willst

Wenn dich etwas mit Begeisterung erfüllt, wirst du richtig gut darin werden. Du wirst auch während Durststrecken dabei bleiben können und gerade dadurch besteht die große Chance, dass du tatsächlich erfolgreich wirst. Ich verstehe unter dieser Art der Begeisterung nicht ein kurzfristiges Entzücken über irgendetwas, sondern eine tiefgehende Überzeugung, dass richtig ist, was du gerade tust.  Warum würden wir sonst unserem Baby klaglos 870x die versch…en Windeln wechseln? Warum würden wir jahrelange Ausbildungen oder echte berufliche Durststrecken auf uns nehmen, um einer Sache treu zu bleiben, bzw. ein Ziel zu erreichen und wären im tiefen Inneren auch noch zufrieden damit? Weil es uns sinnvoll erscheint und sich in irgendeiner Weise mit unseren grundsätzlichen Werten deckt. Will ich Spaß und Zerstreuung oder anderen helfen? Will ich Macht oder mich innerlich weiterentwickeln? Finde es heraus. Z.B. mit diesen 10 Fragen hier. Und dann…

Tipp Nr. 4: Grabe nur dort, wo Wasser ist

Ich könnte auch sagen: Suche dir Gleichgesinnte. Aber das erfolgreiche „Nach-dem-Wasser-Graben“ meint mehr. Werde sehr aufmerksam dafür, wie die Menschen, mit denen du gemeinsame Ziele verfolgen möchtest, auf das reagieren, was du tust. Ich z.B. schreibe diesen Blog seit inzwischen knapp einem Jahr. Einige Menschen, von denen ich es eigentlich erwartet hätte, reagieren so gut wie gar nicht darauf, andere waren kurzfristig hellauf begeistert, haben ihr Interesse aber ähnlich schnell wieder verloren. Und dann gibt es noch diejenigen, die irgendwann als Leser/innen dazu gekommen sind, vielleicht erst sporadisch, dann immer regelmäßiger und mich inzwischen zu beinahe jedem Beitrag mit ihrem Kommentar und eigenen Überlegungen erfreuen. 

Ich würde sagen, das Beispiel des Blogs lässt sich auf Freundschaften wie Geschäftsbeziehungen übertragen: du wirst immer Menschen begegnen, die schlicht kalt lässt, worum du dich bemühst und wer du bist. Daran änderst du auch nichts, wenn du „gräbst“ wie verrückt. Du schürfst dir höchstens die Finger wund. Dann gibt es die schnell und hellauf Begeisterten. Sie können dich in deinem eigenen ersten Enthusiasmus unterstützen, aber verlass dich nicht darauf, dass sie noch da sein werden, wenn dein Weg nach den ersten vielversprechenden Schritten  steiniger werden sollte. Tja, und dann gibt es, in Freundschaften wie in Geschäftsbeziehungen, diejenigen mit dem „langen Atem“, die dir und dem Anliegen, das du vertrittst, echtes Interesse entgegenbringen. Letztlich liegt das daran, dass deine Werte und die daraus resultierenden Ziele in ihnen selbst etwas anklingen lassen. Daher bleiben sie „am Ball“ – wie du selbst. Mit diesen Menschen kannst du wirklich etwas auf die Beine stellen. Hier liegt die Grundlage für tiefe Freundschaften oder verbindliche, wirklich fruchtbare Zusammenarbeit in der Arbeitswelt. 

Tipp Nr. 5: Tu Gutes und sprich darüber

Und wie findest du diese Juwele der zwischenmenschlichen Kooperation? Diese Menschen, die jedes deiner Netzwerke erst wirklich tragfähig machen? Glück? Gutes Karma? Ich würde vielmehr sagen: Hier lohnt sich das Trommeln, Klappern, Federschütteln wirklich: du hast etwas zu geben (nämlich ein Produkt, Projekt oder eine Idee, die du mit wirklicher innerer Überzeugung (=> Tipp Nr. 2) vertrittst. Und du brauchst Gleichgesinnte (=> Tipp Nr. 4), damit diese Idee tatsächlich „in die Welt“ kommen kann. Somit knüpfst du Kontakte (=> Tipp Nr. 1), nicht um deiner selbst, bzw. um deines persönlichen Erfolgs Willen, sondern, weil du von dem, was du erreichen willst, wirklich überzeugt bist. Weil es sich tatsächlich mit deinen Werten deckt (=> Tipp Nr. 3).

Ich bin überzeugt, das wird dich tatsächlich erfolgreich machen. Menschen fühlen sich angezogen von innerer Überzeugung. Das bringt dir die Aufmerksamkeit und letztlich den strukturellen und finanziellen Rahmen, durch den du deine Ziele verwirklichen kannst. Und damit es dir tatsächlich Freude macht, sie zu erreichen und dich somit letztlich auch erfolgreich zu fühlen, musst du dem folgen, wohin dich deine Überzeugung trägt. Erkenne, was du tief in deinem Inneren willst – und dann lebe danach. Das macht dich wirklich erfolgreich; vor allem nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. 

In diesem Sinne: herzlich viel Erfolg!😉

Sunnybee

[Foto: Pixabay]

„Wunder muss man selber machen!“ Ein Portrait der Gründerin Sina Trinkwalder

C8AE2322-A456-4348-A12F-ACFDA1CFD906
Unternehmerin Sina Trinkwalder (Foto: Michael Schrenk)

Sina Wer?… Ich hatte tatsächlich keine Ahnung, von wem der Bekannte sprach, der mir vorschlug, in meinen Blog ein Portrait von Sina Marie Trinkwalder zu veröffentlichen.

Wer also ist Sina Trinkwalder?

Eine echte Powerfrau! Nach einem (abgebrochenen) Studium der Politik und Betriebswirtschaftslehre gründet sie mit gerade einmal 21 Jahren mit ihrem damaligen Mann eine Werbeagentur. Gemeinsam führen sie diese elf Jahre lang, bevor Trinkwalder sich 2010, nach der Geburt ihres Sohnes, entschließt, ein weiteres Unternehmen zu gründen: die – inzwischen aufgrund ihres sozialen Engagements mehrfach preisgekrönte – Textilfirma manomama. 

Menschlichkeit statt Gewinn-Maximierung

Wir geben Menschen, die sonst jede Firma ablehnt, eine Chance, ihren eigenen Erwerb zu erwirtschaften und ermöglichen ihnen damit wieder Teilhabe an unserer Gesellschaft“, erklärt Sina Trinkwalder auf der Homepage der Firma deren Geschäftskonzept. Diese laut Arbeitsagentur „schwer vermittelbaren“ Menschen sind gehandicapt, mit Migrationshintergrund, alleinerziehend (!) oder ohne Schulabschluss – eben ganz normale Menschen, denen es aufgrund ihrer Biographie oder Lebenssituation schwer fällt, den Anforderungen eines flexiblen, an Effizienz und Gewinnmaximierung orientierten Arbeitsmarktes zu genügen. 

Dabei ist manomama kein Wohltätigkeitsverein, sondern ein wirtschaftlich orientiertes Unternehmen. Die auf der Website vorgestellte und online bestellbare Kleidung unterscheidet sich in Stil und Art der Präsentation kaum von ähnlichen Angeboten großer (Online-) Modefirmem. 

Ökologisch, regional und fair produziert

Was anders ist: diese Kleidung wird regional hergestellt, d.h. auch die Rohstoffe kommen, soweit verfügbar, aus der Region. Diejenigen, die die Kleidungsstücke produzieren, werden mit Stundenlöhnen von mindestens 10 Euro tatsächlich fair bezahlt und über die Standards der gängigen Textil-Ökosiegel hinaus verzichtet manomama komplett auf erdölbasierte Komponenten, die z.B. Hosen den typischen Stretch-Effekt geben. Und die Philosophie der Firma ist wohl tatsächlich die einer „Familie“, in der die Stärkeren die Schwächeren unterstützen, so dass alle gemeinsam ein sinnvolles Projekt auf den Weg bringen und erhalten können. Sina Trinkwalder nennt in ihrem privaten Blog einige ihrer rund 150 MitarbeiterInnen jedenfalls beim Vornamen und scheint ihre Biographien genau zu kennen. 

Lohnt sich das?

Auf der ethisch-sozialen Ebene ganz sicher. Auszeichnungen wie der Bayerische Bürgerkulturpreis, der Deutsche Nachhaltigkeitspreis oder auch der Barbara-Künkelin-Preis für „couragierte Frauen, die etwas ändern wollen“, geben Sina Trinkwalder recht. Zuletzt erhielt sie 2015 für ihr soziales Engagement sogar das Bundesverdienstkreuz. Sie kommentierte trocken: „Ein Schleifchen für die Mädels, eine Hundeplakette für die Jungs, ich hab gedacht, ich schmeiß mich weg!“ (EMMA, 1/2016)

Direkt und geradeheraus, dazu selbstbewusst unterwegs in allen sozialen Medien, ist die Unternehmerin ein wahres Marketingtalent. Einnahmen aus ihrer Werbeagentur bildeten dabei den Grundstock für ihre heutige Firma manomama. Ist dieses an sozialen und ökologischen Werten orientierte Unternehmen auch wirtschaftlich rentabel? Nun, 9 Millionen Umsatz machte manomama bereits 2016, immerhin 80.000 Euro Gewinn nach Abzug aller Steuern. Die Zusammenarbeit mit der Drogeriemarktkette dm oder dem Lebensmittelhandel tegut sind Teil von Trinkwalders Marketing-Strategie; Aufritte in diversen Talkshows und Radiosendungen sowie ihr privater Blog zeigen, dass sie ihr Geschäftskonzept zu vertreten und erfolgreich ihre Netzwerke zu nutzen weiß.

Ziele für die Zukunft

Was ist Trinkwalders Vision für die Zukunft? Auf die rhetorische Frage eines Journalisten, ob sie nicht fürchte, dass ihr „Weltverbesserer-Ansatz“ nur punktuell helfe, antwortet sie jedenfalls in der für sie typischen direkten und humorvollen Weise: 

„Wie geht denn ein Umbruch vonstatten? Einer geht vor und schlägt mit der Machete eine Schneise in den Dschungel. Dann folgen die anderen. […] Für manchen anderen Unternehmer bin ich vielleicht auch der rostige Nagel im Hintern, der mehr Antrieb verleiht.“

Und was sonst stößt Wandel an: dass eine/r rausgeht, selbst denkt – und macht. Also los! 🙂

Herzlich, Sunnybee

Zum Weiterlesen: