Methodisch daneben?

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„Hier wurde bei einem Straßenverkauf einem Kind die Büchse mit den Einnahmen gestohlen! Es handelt sich um eine Tinti-Sparbüchse. Rückgabe oder Anzeige!“

Auf dem Heimweg von der Kita, 100 Meter von meiner Wohnung entfernt: An einer Hauswand bemerke ich diesen Aushang. Ich bleibe stehen. Innerhalb von Sekunden entfaltet sich vor meinem inneren Auge folgendes Drama: Zwei niedliche Bürgerskinder, die Brio-Bahn und Holzspielzeug verschachern, um mit den Einnahmen – ihrem jetzigen Alter entsprechend – Elsas Eisköniginnen-Krönchen und StarWars-Gadgets zu erwerben. Ein kurzer Moment der Unachtsamkeit (musste einer aufs Klo? Versprach Mama aus der Küche ein Eis?), – und es war geschehen: die liebevoll bereitgestellte Tinti-Sparbüchse entwendet, strahlende Kinderaugen, die sich mit Tränen füllen. Eltern, denen nur, hilflos empört, die Drohung bleibt: „Rückgabe oder Anzeige!“

Ich gebe zu, ich war beeindruckt. Ob mehr von der Chuzpe des Diebes oder vom Löwenmut der Eltern, die nichts unversucht lassen, das Unrecht, das ihren Liebsten widerfahren ist, ungeschehen zu machen – ich kann es gar nicht sagen…

… und bevor ich hier Antworten bekomme, was mir einfalle, mich auf die Seite der Übeltäter zu schlagen, indem ich das Schreiben und die darin geschilderte Situation ins Lächerliche ziehe, sei gesagt: ich bin hier ironisch – weil das Ganze mich gerade NICHT kalt lässt!

Ab hier wird’s moralisch

Und damit zum moralischen Teil… Denn – ja, ja, ja! – ich werde moralisch. Liegt’s am Alter (wobei mit Mitte 30 diesbezüglich ja noch Luft nach oben ist…), oder am Miniaturlöwen, der seit knapp drei Jahren mein Leben auf den Kopf stellt? Ich kann es nicht leugnen: mich lässt vieles – definitiv mehr als früher – schlicht NICHT mehr kalt.

Ich merke, dass ich mich freue wie verrückt, wenn unser Sohn liebevoll und fürsorglich ist; wenn er von sich aus seine Sachen teilt oder besorgt ist, wenn ein anderes Kind weint. Ich gebe zu, ich denke: BITTE, BITTE, HÖR NICHT AUF DAMIT! BEWAHRE DIR DAS! Bitte hör nicht auf, andere wahrzunehmen, aufmerksam zu sein, liebevoll und eben gerade NICHT ironisch.

Auf Effizienz getrimmte Egozentrik

Ich merke nämlich, dass mir bei meinen klugen erwachsenen Studierenden viel zu oft das Gegenteil begegnet: eine „auf Effizienz getrimmte“ Egozentrik. In einem meiner Kurse bestehen spürbare Spannungen zwischen Studierenden. Immer wieder Sticheleien, eine Stimmung, die zwischen Gereiztheit und Lethargie schwankt. In diesem Kurs fühle ich mich selbst nicht wohl. Lernen ist für mich nicht nur Wissensaufnahme, – es ist AUSTAUSCH von Gedanken und Gefühlen, im besten Fall das In-Kontakt-Kommen mit einer Sache, mit sich selbst – und eben mit anderen. Ich unterrichte unter anderem das Fach Deutsch. Hier geht es nicht nur darum, seinen Standpunkt zu vertreten, sondern auch darum, sich für den Ton und die Aussage literarischer Texte zu öffnen. Das ist meiner Meinung nach nur in einer Atmosphäre möglich, die freundlich und vertrauensvoll ist. Wie soll AUSTAUSCH gelingen, wenn meine Studierenden nicht einmal miteinander sprechen?…

Ich habe mein Unbehagen also geäußert und gefragt, ob es Vorschläge gebe, wie diese Spannungen sich lösen ließen. Eine Studierende meinte darauf hin: ich solle „einfach Unterricht machen“. Sie sei schließlich nicht in der Schule um Freundschaften zu schließen, sondern um etwas zu lernen. Andere stimmten ihr zu: die Konflikte zwischen den anderen seien „Privatsache“, sie selbst hätten kein Problem damit.

Habe also nur ICH ein Problem, wenn ich denke, ein Konflikt innerhalb einer Gruppe gehe alle etwas an? Bin ich zu „gefühlig“? In manchen Momenten komme ich mir in diesem beruflichen Rahmen selbst schon so vor. Methodisch daneben? Zuviel Blabla statt Effizienz?

Ganz ehrlich, in diesem Sinn „ineffizient“ zu sein ist mir lieber – auch wenn es sich nicht gerade „cool“ anfühlt…

Beteiligt sein

„Rückgabe oder Anzeige!“ -Vermutlich nicht der effizienteste Weg, den Dieb einer Kindersparbüchse zur Rückgabe derselben zu bewegen. Aber eins ist er eben auch nicht: UNBETEILIGT. Und hier werde  ich wirklich moralisch: Coolness statt Mitgefühl, ironische Distanz statt Nähe, ein „Interessiert mich nur, wenn’s  mich betrifft“ – finde ich BESCHISSEN.

Ich will – mit meinem Sohn – in einer Welt leben, in der DU, und DU und DU und ich uns füreinander INTERESSIEREN. In der sich Eltern empören, dass einer die Tinti-Sparbüchse ihrer Kinder geklaut hat und Aushänge wie den oben schreiben. In der ich mich von einem solchen Aushang BERÜHREN lassen kann – ganz ohne Ironie.

Methodisch daneben? Ich finde: methodisch genau richtig.

Was meinst du?

Ein Kommentar zu „Methodisch daneben?

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