Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus

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Kürzlich bat ich die Schüler einer meiner Kurse um ihr „Feedback“ zu meinem Unterricht. Wir arbeiten inzwischen seit knapp einem Jahr zusammen, begegnen uns zwei- bis dreimal pro Woche und ich habe jede und jeden von ihnen schon diverse Male bewertet – ich fand, es war an der Zeit, dass meine Schülerinnen und Schüler auch ein Urteil zur Qualität meines Unterrichts abgeben würden. 

Tja, und dann erhielt ich unter anderem diese Rückmeldung:

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WOW! Grund zur Freude? Ich ertappte mich tatsächlich bei folgenden Gedanken: Na, der scheint ja leicht zufriedenzustellen sein!… „Glücklich und zufrieden“? Bisschen übertrieben, oder? Sooo besonders ist mein Unterricht nun auch wieder nicht!… 

Ist denn das zu glauben?! 

Ich mache mich selbst schlecht, obwohl ich in diesem Kurs definitiv mit Engagement und gut vorbereitet – und oft auch mit echter Freude unterrichte. Die Themen, die wir behandeln, interessieren mich und die Diskussionen und Fragen, die sich daraus unter meinen (erwachsenen) Schülerinnen und Schülern ergeben, faszinieren mich tatsächlich häufig selbst. Ich versuche außerdem, so fair und gut einschätzbar wie möglich zu sein und habe zu Beginn unserer gemeinsamen Zeit viel Energie und einiges an Zeit und Nerven investiert, um das Kursklima, das anfänglich desolat war (ich habe hier schon einmal darüber geschrieben) zu verbessern. Vermutlich mache ich also tatsächlich meinen Job gut und biete meinen Schülerinnen und Schülern objektiv „guten Unterricht“. 

Warum dann diese (inneren) Stimmen? Weil ich nie – natürlich nicht – jeden und jede mit meiner Begeisterung erreiche? Weil ich auch schon mal keine Lust habe, in diesen Kurs oder zur Arbeit überhaupt zu gehen? Weil mein Unterricht manchmal passabel ist, ok, ganz in Ordnung und eben nicht jeden Tag ein Feuerwerk?!

„Klappe zu, ihr Nörgler!“

Unglaublich, dass ich diese (selbst-) abwertenden Gedanken habe und wie abwertend eigentlich auch meinem Schüler gegenüber, der etwas kann, was mir, mir selbst gegenüber, offensichtlich schwerer fällt als gedacht, nämlich: loben. Herzlich, unverblümt, einfach so.

Also „Klappe zu!“, ihr inneren Nörgler, ihr Perfektionisten, (Selbst-) Zweifler und Grantler. 

Gut ist auch, was nicht perfekt ist! Gut ist gut genug.

Kennt ihr diese nörgeligen Stimmchen? Selbstkritisch, obwohl ihr euch eigentlich der Qualität dessen, was ihr leistet, bewusst seid? Ist das jetzt leichtfertig oder selbstbewusst, dass ich hier so offen darüber schreibe?!😉 

Was ist eure Meinung zum Thema Perfektionismus? Ich freue mich über eure Kommentare! 

Liebe Grüße, Sunnybee

6 Kommentare zu „Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus

  1. Wie schön, eine (nachträgliche) Würdigung des herzlichen, unverblümten „Einfach So’s“ 😉

    Ich denke der Artikel spricht viele an, auch wenn nicht jede/r so offen reflektiert. Ich zumindest habe mich auch schon oft bei solchen Gedanken ertappt: „Ist das Lob nicht zu dick aufgetragen, das hätte jeder andere auch so oder besser hinbekommen…“ Wahrscheinlich ist es wichtig, dann direkt gedanklich gegenzusteuern. Sonst macht man sich unnötig selbst kaputt und die Selbstzweifel dringen, wenn man Pech hat, auch noch nach außen. Und dann hat man (im Gegensatz zur Selbstreflexion) weniger Einfluss darauf, was andere Leute damit machen. Ob sie meine Selbstunsicherheit ausnutzen, selbst anfangen an meinen Fähigkeiten zu zweifeln, oder wohlgesonnen und ermutigend sind.
    Ein schönes Zitat habe ich bei einer der Besprechungen meiner Abschlussarbeit gehört: „Sie dürfen sich da selbst trauen.“ Sich diese Erlaubnis selbst auszusprechen ist nicht immer leicht, aber wichtig.

    Ich glaube auch, es gibt viele Gründe, warum man sich selbst manchmal klein redet. Ein Aspekt ist sicher der Perfektionsanspruch. Natürlich meist unerreichbar, aber gesellschaftlich oft auch gepusht. Fällt mir gerade z.B. bei Stellenanzeigen auf. Qualitätspakt, Innovationslabor, Bildungsmonitoring… Hach, wir sind ja alle so jung, dynamisch und erfolgreich und die ganze uns zu Füßen liegende Welt ist ein überwachtes Innovationslabor…
    Ein anderer Aspekt des „sich klein Redens“ ist vielleicht auch die Angst, dass Selbststolz schnell als Arroganz ausgelegt wird (nach dem Motto „Eigenlob stinkt“).
    Oder es spielen bestimmte Prägungen eine Rolle. Wenn z.B. der Vater sehr egozentrisch war und nicht ohne ständige Bewunderung für seine „Kunst“ leben konnte: „Darf“ ich mich dann freuen wenn ich einen Schreibwettbewerb gewinne, oder verzichte ich aus Angst davor so zu werden wie er lieber auf Anerkennung und Erfolg?

    Naja, das wird jetzt langsam umständlich und führt auch zu weit.
    Daher hier nur nochmal die Erinnerung: „Du darfst dir selbst trauen.“ Herzliche Grüße!

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    1. Liebe Hannah, ganz herzlichen Dank für deine persönliche und ausführliche Antwort! Ja, ich tendiere eigentlich nicht zu Selbstzweifeln, was meine intellektuellen Fähigkeiten angeht – umso verblüffter war ich, dass ich an dieser Stelle ein eigentlich wunderschönes Kompliment abgewehrt und abgewertet habe – das hat mich, wie du siehst, zum Nachdenken gebracht!
      Sehr schön – und wahr -, dein Satz: „Du darfst dir selbst trauen“ – dafür muss man sich und das eigene „So Sein“ natürlich auch kennen und schätzen gelernt haben! Herzlichen Gruß und gern auf bald wieder einmal, Sunnybee

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    1. Hallo Tilman, klar, schön, wenn man innerlich mit Überzeugung sagen kann: „Unperfekt und super so!“😉 Kann ich selbst schon ziemlich oft – umso interessanter, dann doch mal wieder so unvermittelt – wie in diesem Artikel beschrieben – die inneren „Nörgelchen“ zu hören… Vielleicht schreibe ich zu dem Thema nochmal was. Lieben Gruß, Sunnybee

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