Familie, Psychologie

„Ich stoße an meine Grenzen!“ Was bedeutet das und was kannst du dann tun?

Bonbonglas auf Regal, aus Kindersicht von unten fotografiert.

Im Grunde sind wir täglich konfrontiert mit Dingen, die uns unsere Grenzen aufzeigen. Wir können nicht wie Olympiasieger Usain Bolt 100m in 9,58 Sekunden bewältigen. Wir müssen uns vom Gedanken verabschieden, jemals fließend eine zweite Fremdsprache zu sprechen. Und das neue Computerprogramm verstehen wir auch beim dritten Anlauf nicht. All dem begegnen wir vermutlich relativ gelassen. Es erscheint uns normal, dass wir nicht in allen Bereichen Höchstleistungen bringen können, dass unsere Talente im einen Bereich ausgeprägter, im anderen weniger bedeutend sind. Auch in Bezug auf unsere Kinder erleben wir vielleicht, dass wir ohne Mühe eine Stunde Bücher vorlesen können, aber uns bereits zehn Minuten Toben zuviel sind (oder umgekehrt). All das sind Grenzen im Kleinen, über die wir vielleicht gar nicht weiter nachdenken. 

Deutlicher wird uns die Grenze unserer Fähigkeiten und unserer Belastbarkeit, wenn wir mit Situationen konfrontiert sind, in denen uns wichtig ist, dass wir sie bewältigen – und wo klar wird, dass uns dazu (noch) das Handwerkszeug fehlt. Auch das kann etwas relativ Alltägliches sein wie die Reparatur eines Haushaltsgeräts oder das neue Rezept, das uns unbedingt gelingen soll – oder aber, in ganz anderer Dimension – Lebensumbrüche wie der Beginn einer Beziehung, eine Baby, ein Jobwechsel, eine Trennung oder auch der Neuanfang an einem neuen Wohnort. Kommen mehrere dieser Punkte zusammen, die wir alle bewältigen wollen, die uns jedoch stark fordern oder sogar überfordern, mag sich das Gefühl einstellen: Jetzt geht gar nichts mehr! So, wie wir bisher sind und mit den Handlungsweisen, die uns vertraut sind, kommen wir nicht weiter. Was also tun? Wir fühlen uns der Situation nicht gewachsen, möchten ihr aber gewachsen sein – genau das erzeugt Druck und je nach Naturell und bisheriger Erfahrung den Impuls zu Flucht oder zum Angriff, also den Impuls, mit (innerem) Rückzug oder Aggression auf die Überforderung zu reagieren. 

Was hilft, wenn wir an unsere Grenzen stoßen?

Stoßen wir an unsere Grenzen, helfen drei Schritte:

  1. Innehalten und wahrnehmen
  2. Akzeptieren was ist
  3. Eine Lösung finden

Erst wenn uns die ersten zwei Schritte, dass Wahrnehmen und Akzeptieren unserer Überforderung, gelungen sind, können wir überhaupt beginnen, den dritten Schritt, nach dem es uns so sehr drängt, in Angriff zu nehmen, nämlich, eine Lösung für das anstehende Problem zu finden. 

„Wenn es schnell gehen soll, mach langsam“, habe ich einmal sinngemäß in einem Beitrag zur Überforderung im Alltag als berufstätige alleinerziehende Mutter geschrieben. Daran ist viel Wahres. Wenn ich innehalte und erst einmal spüre, dass ich überfordert bin, dass ich schwitze, dass mein Herz rast und mein Hals eng wird – dann kann ich mich wieder mit mir verbinden. Kann mir auch das geben, was ich im Augenblick am Nötigsten brauche, nämlich, wieder zu mir zu kommen. Dies kann mir durch mehrmaliges tiefes Atmen gelingen. Dadurch, dass ich einen Moment lang die Situation verlasse (oder zumindest die Augen schließe) oder dass ich mir kaltes Wasser über die Handgelenke laufen lasse. Auch Klopfakupressur wie EFT kann mir helfen, den übergroßen Druck zu mildern und mich wieder mit mir selbst zu verbinden. Vom „Ich muss aber…“ oder „Es soll aber…“ zum „Das will und brauche ich gerade“.

Der nächste Schritt, die Akzeptanz, bedeutet nicht, dass ich buddhaartig in mir ruhe. Es bedeutet vielmehr, dass ich schlicht in diesem Moment akzeptiere, überfordert zu sein. Gerade, wenn meine Ansprüche an mich (und andere) hoch sind, kann ich mir das vielleicht nur schwer eingestehen. Ohne dieses Zugeständnis an mich selbst werde ich den Fehler aber immer im Außen suchen: die anderen sind zu nachlässig, die Situation ist belastend, es ist alles einfach zuviel. Es hilft, wenn ich mir eingestehe: die anderen können mir nur helfen, wenn ich mir überhaupt erlaube, Hilfe zu brauchen. Wenn ich mir zugestehe, dass es mir, aus welchen Gründen auch immer, gerade zuviel ist. Und vielleicht gar nicht, weil alle anderen etwas verkehrt tun oder die Situation objektiv unerträglich ist, sondern einfach, weil ich gerade etwas anderes will als ich kann und keinen Weg sehe, dorthin zu kommen.

Genau deswegen ist der erste Schritt der Lösung, dass ich mir eingestehe, ein Problem zu haben, nicht weiter zu wissen, eben keine Lösung zu wissen (oder die von mir angestrebte nicht erreichen zu können). Es kann sehr hilfreich sein, wenn mich ein anderer Mensch in dieser momentanen Hilflosigkeit begleitet. Mich damit annimmt, sie sein lässt, ohne sofort mit eigenen Lösungsvorschlägen auf mich einzuwirken. Denn eigentlich brauche ich gerade nur die Akzeptanz, noch nicht weiter zu wissen. Als nächstes kann ich dann versuchen, meinen ganz eigenen Weg aus der Überforderung zu finden. 

Was ist mein Wert? Darf ich Hilfe annehmen? Kann ich anderen vertrauen?

Das Gefühl, an die eigenen Grenzen zu stoßen, konfrontiert mich auch mit tiefen Glaubenssätzen der Art: Was bin ich wert, wenn ich nichts leisten kann? Darf ich Hilfe annehmen? Darf ich schwach sein? Ist die Welt gut, darf ich anderen vertrauen? Bin ich es wert, dass mir geholfen wird? 

All diesen Fragen kann ich mich jedoch in aller Ruhe zuwenden, wenn der Augenblick akuter Überforderung erst einmal verstrichen ist. 

In Momenten akuter Überforderung hilft:

  1. Druck aus der Situation nehmen (z.B. über die oben genannten körperlichen Mechanismen wie Atmen, Augen schließen, kaltes Wasser, EFT).
  2. Annehmen, was ist, ohne mich in dem, was ist, zu verlieren („Ich kann nicht, was ich will. Ich fühle Angst, Wut oder Schmerz darüber. UND das ist nicht der letzte Punkt des Weges. Ich werde einen Ausweg finden – und sei es die Akzeptanz, dass ich gerade nichts ändern kann.“)
  3. Lösungen suchen („Wer kann mir zuhören? Wer nimmt mich an, so hilflos, wie ich mich gerade fühle? Wer kann mich bei meinen konkreten Anliegen unterstützen?“)

Ein Kind und das unerreichbare Bonbonglas

Vielleicht hilft dir das Beispiel eines kleinen Kindes, das ein Glas mit Süßigkeiten in zwei Metern Höhe erreichen will. Kommt es mit Hilfe eines Stuhles dorthin? Hilft ein Erwachsener? Oder muss es annehmen, dass es das Gewünschte nicht erreichen kann? Begreift es, dass das Glas für es unerreichbar ist, wird es vermutlich erst einmal intuitiv Druck aus der Situation nehmen (es weint vielleicht, oder sucht sich, wenn es geübter ist in der Selbstregulation, im Spiel einen Weg, sich abzulenken und zu beruhigen). Geben wir ihm das Vertrauen in seine eigenen Lösungskräfte, wird es womöglich nach einiger Zeit einen zweiten Versuch starten, zum Gewünschten zu gelangen – oder aber etwas in seiner Reichweite suchen, was es mit Freude und Befriedigung erfüllt. So oder so erfüllt sich sein Bedürfnis, etwas bewirken zu können, auch wenn das Glas selbst vielleicht unerreichbar bleibt.

Als Erwachsene tendieren wir dazu, unsere unerfüllten Bedürfnisse und Wünsche für weit bedeutungsvoller zu halten als ein Bonbonglas in unerreichbarer Höhe. Aber letztlich quält uns das gleiche Wollen aber nicht Können und auch wir können genau dort ansetzen, wo wir in all unserer Begrenztheit doch immer Handlungsspielraum haben: bei uns selbst. 

In diesem Sinn: Verzweifle nicht, wenn du etwas, was du willst, nicht erreichst. Nimm an, dass du mehr willst als du gerade kannst. Sei gut und liebevoll zu dir. Und dann erst schau, was eine Lösung sein kann. Du wirst sie finden und sei es die Annahme, dass es gerade keine (einfache) Lösung gibt!

Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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[Foto: Pixabay]

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