Familie, Psychologie

Inke Hummel „Mein wunderbares wildes Kind“ (Rezension)

Buchcover „Mein wunderbares wildes Kind“

„Zu laut, zu unbequem, zu anders. Was lebhafte Kinder und ihre Eltern brauchen“. Der Untertitel des Ratgebers von Pädagogin und Familienberaterin Inke Hummel verrät, worum es geht: um Kinder, die durch ihre Art den Rahmen sprengen – und wie sie und ihre Familien damit umgehen können, dass andere – und zuweilen auch sie selbst – mit ihrem wilden, ungestümen Temperament überfordert sind. Denn in der „Wildheit“ liegt immer auch Mut, Leidenschaft und eine positive Form der Unangepasstheit – das macht Inke Hummel gleich zu Beginn ihres Buches klar. 

Geduld, Akzeptanz und liebevolle Begleitung

„Laute, lebensfrohe, forsche Kinder brauchen Zeit, Begleitung, Verständnis und unbedingt Toleranz! Du musst sie nicht umkrempeln.“ Die Kernaussage des Buches von Inke Hummel steht all den kritischen Stimmen gegenüber, die Eltern wilder Kinder immer wieder hören – und die sie mit der Zeit vielleicht selbst verinnerlicht haben: „Ihr Kind kann sich nicht konzentrieren“, „Er kann nicht stillsitzen“, „Das Kind muss immer im Mittelpunkt stehen!“, „Sie rennt auf Wildfremde zu. Das ist doch nicht normal.“

Inke Hummel macht deutlich, dass ein wildes, impulsives und lautes Temperament tatsächlich herausfordernd sein kann, gerade in einer Gesellschaft, in der Kinder bereits mit ein bis zwei Jahren auf ihre „Social Skills“ hin untersucht und eingeordnet werden und in der entgegen aller Beteuerungen von Entwicklungsförderung und pädagogischer Freiheit doch oft von klein an ein hohes Maß an Anpassungsfähigkeit von ihnen erwartet wird. Sie macht aber auch deutlich, dass wir als Eltern entscheiden können, wie wir unserem Kind begegnen wollen. Es eben nicht „umerziehen“ oder aber vor allem beschützen zu wollen, sondern es liebevoll, achtsam und dennoch mit klaren persönlichen Grenzen zu begleiten, sieht Inke Hummel als Schlüssel dafür, dass sich unser unangepasstes, wildes Kind gut entwickeln kann. 

Was mir an diesem Ratgeber gut gefällt: 

  • Inke Hummel hat Verständnis für beide Seiten: für die Kinder, die wegen ihrer Vehemenz und Impulsivität anecken – und für uns Eltern, für die die Begleitung eines solchen Kindes ebenfalls sehr herausfordernd sein kann. 
  • Sie betont immer wieder, dass es die Aufgabe von uns Erwachsenen ist, eine Haltung unserem Kind gegenüber zu entwickeln und dass uns dieses sehr wahrscheinlich mit eigenen Erfahrungen und Glaubenssätzen konfrontieren wird: vielleicht waren wir selbst einmal ein „wildes Kind“ und haben damit negative – oder auch positive – Erfahrungen gemacht. Oder wir haben, gerade als bindungs- und beziehungsorientierte Eltern, hohe Erwartungen an uns und werden durch das Temperament unseres Kindes herausgefordert. Insgeheim nervt uns vielleicht selbst, dass es immer auffällt und besondere Aufmerksamkeit verlangt oder wir sind besorgt, weil es in Kindergarten, Schule oder unter Freunden durch sein Verhalten negative Reaktionen hervorruft. 
  • Schließlich ist Inke Hummels Ratgeber tatsächlich sehr entspannt, was „Ratschläge“ angeht: vieles kann und wenig muss – vor allem muss es für unser Kind und uns als Eltern passen! So lässt sich der Tenor ihrer praktischen Tipps und Handlungsimpulse zusammenfassen. Als Mutter oder Vater kann ich dann entscheiden, ob ich mein Kind tatsächlich spontan im Park hinter dem nächsten Busch „Pipi“ machen lasse, wenn es noch Schwierigkeiten hat, damit bis zuhause zu warten oder ob es für mich okay ist, dass es auch einmal auf dem Boden sitzend unter statt am Tisch sein Frühstücksbrot isst. Selbst kleine Belohnungen für erwünschtes Verhalten wie zum Beispiel das selbständige Anziehen vor dem Rausgehen schließt Inke Hummel als „Erziehungstipp“ nicht aus. 

Die Kunst eigene Grenzen liebevoll zu vertreten

Ich gebe zu, dass mich diese Impulse beim Lesen zuweilen skeptisch gemacht haben. Sollten Kinder nicht auch ohne explizite „Belohnung“ lernen, sich selbst zu regulieren? Sollten wir sie als Eltern nicht ermutigen, sich auch mit für sie unbequemen Situationen auseinanderzusetzen, statt jedem ihrer spontanen Bedürfnisse nachzugehen? 

Inke Hummels Antwort hierfür – so habe zumindest ich das Buch verstanden – ist: eure Beziehung steht über allem. Es geht nicht darum, willkürliche Grenzen zu setzen, „weil es sich so gehört“ oder weil euer wildes Kind „endlich mal eine klare Ansage“ braucht. Wichtig ist aber, tatsächlich persönliche Grenzen und die Grenzen anderer zu erkennen und diese dem eigenen, zuweilen grenzüberschreitenden, Kind gegenüber auch zu vertreten. 

Tun wir dies wertschätzend und zugleich klar, bekommt unser Kind nicht nur die Chance, die Bedürfnisse anderer wahrzunehmen. Es lernt außerdem seine eigenen Bedürfnisse besser kennen. In gewisser Weise sind wir durch den von uns gesetzten Rahmen seine „Sparingpartner“, mit denen es sein soziales Verhalten üben kann. Gerade dadurch, dass es durch seine Lautstärke, Impulsivität und Wildheit an anderer Stelle aneckt, kann es für unser Kind eine enorm bestärkende Erfahrung sein, dass wir ihm zeigen: Schau, ich stehe zu dir – aber ich stehe auch zu mir! Ich zeige dir durch mein Vorbild, wie das geht: selbstsicher und selbstbewusst die eigenen Bedürfnisse zu vertreten, ohne dabei zu schreien, andere zu überrennen oder sich selbst völlig zu vergessen!

Unser wildes Kind – ein Geschenk für uns Eltern und sein Umfeld

Damit kann unser wildes, unangepasstes Kind auch für uns Eltern zu einem ganz besonderen Geschenk werden: indem es uns zu eigener innerer Haltung und Klarheit herausfordert – immer wieder, lautstark und mit Nachdruck – hilft es uns, genau diese elterliche Klarheit zu entwickeln. Familiäre Rituale, eine (altersangemessene) Reflexion und liebevolle, aber dennoch konsequente, Begleitung sowie das Verständnis für unsere eigenen Grenzen und Prägungen als Eltern können dabei hilfreich sein. 

Insgesamt empfinde ich Inke Hummels Ratgeber als hilfreichen Impuls für ein tatsächlich achtsames Familienleben – gerade auch unter herausfordernden Bedingungen. Ein schönes Bild für ihre Haltung finde ich in einem Zitat am Ende ihres Buches: „Eltern sollten dabei helfen, dass das Feuer [ihrer wilden] Kinder nicht unkontrolliert wütet, aber auf jeden Fall gut sichtbar und wärmend brennen kann. Ich erhoffe mir für sie, dass sie die Begleitung bekommen, die sie benötigen, und ihr Weg ein erfüllter, sicherer, lebensfroher wird.“ Dass wir Eltern die Fürsorge uns selbst gegenüber dabei nicht vergessen dürfen, betont die Autorin einige Sätze weiter noch einmal: „Alles allein schaffen zu wollen, ist keine gute Idee. Suche Unterstützung und nimm Hilfe an. So kannst du die Zeit mit deinem Kind trotz aller Anforderungen als wertvoll und schön erleben, und dein Kind kann zu einer*einem zufriedenen und selbständigen Erwachsenen werden, die*der sich von Grund auf angenommen fühlt und ganz unverbogen sie*er selbst ist: ein wunderbarer wilder Mensch! Und noch ganz viel mehr.“

Dem ist nichts hinzuzufügen. Ein lesenswertes, praxisnahes und tatsächlich hilfreiches Buch!

Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes. 

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[Foto: privat, ich danke dem Verlag für das zu Verfügung gestellte Rezensionsexemplar. Der Beitrag gibt dennoch ausschließlich meine persönliche Meinung wieder.]

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