Familienwerte: Was „Familie sein“ nach einer Trennung bedeutet

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Ein-Eltern-Familie, Patchwork, getrennt erziehend mit Kind: eine Trennung bringt immer auch die Notwendigkeit mit sich, neue Formen des „Familie Seins“ zu definieren und zu leben. 

Mich interessiert, wie ich überhaupt zu dem (inneren) Konzept einer Familie komme; was also ist mein ganz persönliches Idealbild des Familienlebens und wovon muss ich mich nach einer Trennung gegebenenfalls verabschieden, beziehungsweise was muss ich überdenken und neu justieren?

Was ist „Familie“ für mich? 

Familie: Ist das für mich das „klassische“ Papa-Mama-zwei Kinder-Modell, möglicherweise mit dem Vater als berufstätigem Ernährer, während die Mutter die Fürsorge für die Kinder übernimmt? Oder war es bereits in meiner Kindheit das Erleben getrennt lebender Eltern, mit neuen Partnerinnen und Partnern, „zugeheirateten“ Geschwistern und zahlreichen Großelternpaaren, die mir näher oder ferner standen? Oder aber das Zusammenleben mit „Wahlverwandten“, mit Freunden, Patenonkeln oder -tanten, Erziehern oder Lehrern, die eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung spielten?

Erlebte ich Familie als Kind als etwas „Unumstößliches“, ein in sich geschlossenes, nicht zu hinterfragendes System – oder machte ich schon damals die Erfahrung, dass Beziehungen beginnen, aber auch enden können und dass dabei eine neue Ordnung – oder eben zusätzliches Chaos – entstehen kann?

Was mich geprägt hat präge ich

Das alles prägt, wie ich selbst Familie lebe, wonach ich mich sehne, was ich zu vermeiden, aber auch zu erhalten versuche. Möchte ich meinem Kind eine Trennung um jeden Preis ersparen, weil ich die Trennung meiner eigenen Eltern als so schmerzlich erlebt habe? Oder vollziehe ich umgekehrt den Schritt zur Trennung, weil ich mein Kind nicht zwischen sich bekriegenden Eltern aufwachsen lassen möchte? Eine sehr innige, symbiotische – oder auch abhängige – Beziehung meiner Eltern zueinander kann dazu führen, dass ich mir schwöre, mich gerade nicht von meinem Partner oder meiner Partnerin abhängig zu machen – oder dass ich andererseits die Symbiose suche und im Fall einer sich abzeichnenden Trennung in Panik gerate, da ich mir nicht vorstellen kann, wie ich ohne meinen Partner oder meine Partnerin leben soll…

Der Blick zurück bringt für die Gegenwart Klarheit 

Der Blick auf meine Herkunftsfamilie kann dabei sehr hilfreich sein. Oft leben ja gerade Geschwister die „Pole“ der Elternbeziehung nach: da führt der Bruder die langjährige enge Beziehung, gegen die sich die Schwester regelrecht zu wehren scheint. Da ist „Familie“ für die einen der Ort, der unantastbar bleiben soll, an dem z.B. die Beziehungen der Eltern nicht hinterfragt werden soll, oder aber sie ist der Ort der heftigsten Konflikte sowie, im positiven Sinn, der intensivsten Auseinandersetzung, mit sich selbst und den „Anderen“, die einem am nächsten stehen.

Bin ich streitlustig oder eher konfliktscheu, gehe ich bereitwillig auf Unbekanntes zu oder möchte ich eher das Bestehende bewahren – das alles hat oft seinen Ursprung in den Erfahrungen, die ich in meiner Herkunftsfamilie gemacht habe. Dementsprechend lohnen sich, sowohl während einer Trennung, als auch im Rahmen einer (noch) intakten Beziehung wohl die Fragen: 

Wie haben meine Eltern ihre Beziehung gelebt und was davon erscheint mir erstrebenswert, bzw. was versuche ich zu vermeiden?

• Wie sind meine Eltern mit mir als Kind umgegangen und was davon finde ich in meinem Umgang mit meinem/n eigenen Kind/ern wieder?

• Was haben meine Eltern an mir kritisiert und was kritisiere ich an meinen Kindern?

• Was an mir hat sie mit Stolz erfüllt und worauf bin ich bei meinen Kindern stolz?

• Waren getrennt lebende Familien und Familienkonstellationen außerhalb des Vater-Mutter-Kind-Schemas in meiner Kindheit präsent oder „gab es sowas nicht“?

• Wie wurde in meiner Kindheit darüber gesprochen, wenn jemand oder etwas scheiterte? Wie gehe ich selbst mit den Themen Verantwortung, Schuld und Scheitern um?

• Was war in den Augen meiner Eltern „schwach“ und wie reagierten sie darauf? Wie gehe ich mit eigener Schwäche und der Schwäche anderer um?

• Wofür möchte ich meinen Eltern danken? Worin waren – und sind – sie mir ein Vorbild? 

• Was sollen meine Kinder mit meiner Herkunftsfamilie erleben? Was sollen sie durch mich von ihr erfahren? 

Mit meiner Art, „Familie“ zu leben schreibe ich auch die Geschichte meiner Herkunftsfamilie weiter. Egal, ob ich mich von ihr abzugrenzen versuche oder Aspekte aus ihr übernehmen möchte – ich lebe, als Beziehungspartner oder -partnerin ebenso wie als Mutter oder Vater, nicht im „luftleeren Raum“: was mich geprägt hat, beeinflusst meinen Blick auf die Welt und mein Verhalten weiterhin, gerade auch, wenn ich mich stark davon abzugrenzen versuche. 

Mit meiner Herkunftsfamilie „den Frieden zu machen“ und die Prägung durch sie anzuerkennen kann mich gerade dann stärken, wenn ich Veränderungen in meiner eigenen, selbst gewählten, Familie hinnehmen muss. Egal ob bei einer Trennung, bei Konflikten innerhalb meiner noch bestehenden Partnerschaft oder mit meinen Kindern – der Blick zurück lohnt sich: für Klarheit, für eine genauere Wahrnehmen meiner selbst und anderer, für ein besseres Verständnis dessen, wer ich war, wer ich bin – und wer ich sein möchte. 

Herzlichen Gruß und alles Gute! Sunnybee

2 Kommentare zu „Familienwerte: Was „Familie sein“ nach einer Trennung bedeutet

  1. Sehr interessanter und anregender Beitrag! Man wirft, denke ich, automatisch einen Blick zurück, wenn man eigene Kinder bekommen hat und beginnt seine Eltern in einem ganz anderen Licht zu sehen. Meine Eltern haben viel richtig und viel falsch gemacht, würde ich sagen, aber sie waren jung und auch nur Menschen. Da steht nichts zwischen uns – trotzdem mache ich mega viele Dinge anders und „erziehe“ eher zeitgemäß, wobei man den Begriff „Erziehung“ dann gleich wieder hinterfragen muss, aber das geht hier zu weit.^^

    Ob man sich trennt – na, das ist ja nicht nur von Erfahrungen abhängig, sondern auch von der individuellen Konstellation: Passt man zusammen? Ist man ein Team? Hat man Spaß daran, zusammen und mit Kindern durchs Leben zu gehen? – oder klappt es einfach nicht? Wie man im Zweifel mit einer schlechten Beziehung umgeht, das hängt natürlich schon auch von Erfahrungen mit den Eltern ab, aber auch die gesellschaftlichen Akzeptanz spielt eine Rolle. Heute ist es, denke ich,keine so große Sache mehr, wenn sich Paare trennen. Aber da kannst du bestimmt mehr dazu sagen.

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    1. Liebe Nadine, danke für deinen Kommentar und dein Mitlesen! Wenn ich deine letzten Sätze aufgreife: doch, ich finde es auch „heutzutage“ noch eine ziemlich große Sache, sich, wenn man erst mal ein Kind zusammen hat, zu trennen. Gesellschaftlich gesehen sind getrennt lebende Familien tatsächlich schon fast „normal“, aber im Einzelfall bedeutet eine Trennung natürlich einen Bruch im Leben und hat spürbare Konsequenzen, auch für das/die Kind/er. Unsere Eltern haben ja oft noch in viel „konstanteren“ Beziehungsformen gelebt – ich habe den Eindruck, dass wir in unserer Generation da oft doch wieder unseren ganz eigenen Weg finden müssen – nicht nur im Fall einer Trennung und gerade auch, wenn wir die Lebensweise unserer Eltern grundsätzlich schätzen und sie ein Vorbild für uns sind… Herzlichen Gruß, Sunnybee 🙂

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