10 Wege, sich selbst Gutes zu tun

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Hochsensibel im Leben stehen und dabei körperlich und seelisch gesund bleiben kann nicht heißen, sich so vielen Reizen wie möglich zu entziehen. Es muss vielmehr heißen: sich selbst bewusst zu sein und immer wieder ganz bewusst für sich Sorge zu tragen.

10 Wege, sich selbst Gutes zu tun

Was kann ich also konkret tun? Hier einige Anregungen.

Ich hüte meinen Körper:

  • indem ich mir frisches, abwechslungsreiches Essen gönne, mich zum Essen hinsetze, wahrnehme, was ich zu mir nehme.
  • indem ich schlafe, wenn meine Kinder schlafen, vor allem in Zeiten, in denen ich an die Grenzen meiner Belastbarkeit komme.
  • indem ich mich auch im Alltagsstress so kleide, frisiere und meinen Körper pflege, dass ich mir selbst gefalle.
  • indem ich Husten und Schnupfen, Kopfschmerzen und Rückenziepen nicht als Bagatellen abtue, sondern als Signale schätze, die mir zeigen: „Vorsicht, es wird gerade zuviel!“

Ich nähre meinen Geist:

  • indem ich mir Auszeiten von der „Pflicht“, der Verantwortung, gönne. Ich frage eine Freundin, ob sie mit meinem Kind zum Schwimmkurs geht und setze mich, während es dort ist, mit der Tageszeitung ins Café.
  • indem ich eine Zeitlang jeden Abend eine Begebenheit notiere, die an diesem Tag in meinem Leben passiert ist, ebenso wie ein Ereignis aus der Welt. Meine Probleme und Schwierigkeiten, Erfolge und Misserfolge sind wichtig – aber ich bin nicht allein auf der Welt. Und auch nicht allein wichtig.
  • indem ich mit Menschen spreche, die etwas tun, was ich gern täte, mich aber noch nicht traue. Kinder lernen durch Nachahmung, warum nicht auch wir „Großen“?

Ich wärme mein Herz:

  • indem ich mehr von dem tue, was ich wirklich will und weniger von dem, was „sich schickt“, oder was „ich eben tun muss“. Was mich aus mir heraus motiviert, stärkt mich auch. Gehorsam Pflichten zu erfüllen ist notwendig, aber wenn ich zu lange nur das tue, was mir als Pflicht oder Notwendigkeit erscheint, stirbt mein Gefühl für das, was mich ausmacht und wer ich bin.
  • indem ich mit Menschen Zeit verbringe und mich austausche, die wissen wollen wer ich bin und mögen, was sie dabei entdecken.
  • indem ich andere frage, wer sie sind – gerade auch die, mit denen ich meine Mühe habe -, bzw. mich frage, was ich an ihnen mögen kann. Selbstfürsorge ist Selbstliebe, die sich an der Liebe für mein Gegenüber nährt.

All diese Punkte auf einmal zu verfolgen wäre sicher zuviel, bzw. könnte sogar zu weiterer Reizüberflutung führen. Aber mich wahr- und ernst zu nehmen, mir auf diese Weise Körper, Geist und Herz wach und gesund zu erhalten, ermöglicht mir tatsächlich ein gutes Leben – auch unter äußerer Belastung.

Ich selbst erinnere mich immer wieder daran, fürsorglich zu mir selbst zu sein – und wünsche dir eine ähnliche Wertschätzung dir selbst gegenüber!

Herzlich, Sunnybee

Kater Carter fährt zum Nordpol

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In Träumen steht das Unglaubliche oft wie selbstverständlich neben dem Alltäglichen. In diesem Buch auch.

„Draußen schien die Sonne, und es war heiß. Alle Katzen trugen leichte Sommersachen, jagten Schmetterlinge oder rollten im Gras. Nur Kater Carter blieb im Haus und strickte etwas Warmes, denn er bereitete sich auf ein neues Abenteuer vor.“

Ein Kater, der einen Wollpullover strickt, ein Haus, in dem die Temperaturen von Etage zu Etage, die die Protagonisten erklimmen, frostiger werden – 

„Die Fenster auf dem Treppenabsatz waren vereist, und von der Decke hingen lange Eiszapfen wie Zähne herab. Der Boden der Halle war schneebedeckt. Kater Carter schnallte sich seine Tischtennisschläger-Schneeschuhe an die Hinterpfoten.“

Illustrationen in kohlestiftfarbenem Grau, die keinen Anspruch erheben, gefällig zu sein. Vielmehr wecken sie den Eindruck einer prachtvollen und zugleich seltsam unbelebten Welt, die Kater Carter und seine (Menschen-) Freundin Maria mit Entschlossenheit durchschreiten.

Schlittschuhlaufen auf dem Arktischen Meer

Dabei muss Kater Carter den Mut finden, das letzte Stück zum Nordpol, seinem Ziel, ganz allein zu gehen. Als er dieses erreicht, dreht er jubelnd auf Schlittschuhkufen Runden auf der vereisten See, entdeckt dann ein verlassenes, zwischen Eisschollen feststeckendes Segelschiff, das „Katzenschiff“, und liest eine Nachricht, die sein Onkel, „Kapitän Roy“, dort für ihn hinterlassen hat. Diesem scheint bereits vor Verlassen des Schiffs klar gewesen zu sein, dass sein Neffe seine Botschaft entdecken würde. Maria stößt wieder zu Carter, verspricht, ihn auf ihrem Schlitten nach Hause zu bringen, Kater Carter schlummert vertrauensvoll ein – und findet sich zu Marias Füßen auf deren Chaisselonge, im nun eisfreien Salon ihres Hauses, wieder…

Die Erzählung endet so unvermittelt, wie sie begann, viele Frage offen, Kater Carter ganz geborgen und zugleich nur eine Schnauzenspitze entfernt von seinem nächsten Abenteuer: 

„Er hatte einen schönen Traum gehabt: von einer Reise, die er zusammen mit Maria und Onkel Roy machte, um rechtzeitig zur Eisschmelze das „Katzenschiff“ zu erreichen. Er schloss seine Augen. Er hoffte, es wäre bald soweit.“

Kopfschüttelnd, bezaubert und ein wenig perplex, lege ich dieses „Kinder“-Buch zur Seite. Träume bemühen sich nicht, „kindgerecht“ zu sein, dieses Buch ebenfalls nicht. Das macht es zu einem echten Fundstück. 

Tim Wynne-Jones und Eric Beddows: Kater Carter fährt zum Nordpol. Jacoby&Stuart. 

100 Bonbonsorten: Du hast die Wahl!

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In letzter Zeit beschäftigt mich immer wieder die Frage, was es bedeutet, über so viele Wahlmöglichkeiten zu verfügen, wie z.B. ich es tue.

Weiß, Mitteleuropäerin, Akademikerin, Mitte 30. Ich habe die Wahl, immer wieder, jeden Tag sicher hundert Mal – und davon bewusst wohl noch ein Dutzend Mal. Gehen oder bleiben, das Wort ergreifen oder schweigen, Treffen mit Kolleginnen und Kollegen oder der ruhige Abend zuhause? Dieser oder jener Kindergarten? Meine alte Freundin wiedersehen? Den Freund anrufen oder doch lieber warten, bis er sich meldet? Das nur ein paar der mittelgroßen Entscheidungen des Alltags. 

Eine Dimension größer dann Fragen wie: noch ein Kind oder bleibt’s bei dem einen? Mich trennen oder bleiben? Eine neue Beziehung eingehen oder erst einmal zu mir selbst zurückfinden? Der nächste Karriereschritt oder mehr Zeit fürs  Private? 

Tahiti und Lehrerinnenzölibat

Wählen zu können ist eine große Errungenschaft. Vor gut sechzig Jahren hätte ich z.B. meinen Beruf als Lehrerin nur ohne Kind ausüben können. Das Lehrerinnenzölibat wurde erst 1956 (!) in allen Bundesländern abgeschafft. Davor galt: diene dem Staat oder deinem Manne, dem Fräulein am Pult wurde mit dem – qua Ehe offiziell gemachten – Eingeständnis sexueller Aktivität jede pädagogische Kompetenz abgesprochen, bzw. sollte es diese fortan nur noch den eigenen Sprösslingen zukommen lassen… 

Jawohl, ich habe heute, im Jahr 2018, die Wahl, meinen Beruf auszuüben und ein Kind zu haben – oder mich, jedenfalls vor seiner Geburt, für eines von beidem zu entscheiden. Ich habe die Wahl, nach einer Trennung wieder eine Beziehung einzugehen oder auch nicht, ich sitze – bildlich gesprochen – am Steuer meiner Lebenskutsche und ob ich rechts oder links abbiege, stehen bleibe oder gar rückwärts fahre, bleibt mir ganz selbst überlassen. 

Natürlich, getrennt erziehend mit Kind, kann ich nicht plötzlich ein „neues Leben“ auf Tahiti beginnen und ich sollte auch kleinere Entscheidungen in dem Bewusstsein treffen, dass ich Verantwortung für (mindestens) eine weitere Person habe: für mein Kind. Und damit komme ich zur Kehrseite der Medaille: Wählen kann man nicht vermeiden. Das heißt, ich kann nicht nur wählen, ich muss es auch tun. 

Tomatensauce und Partnerschaft 

Ein mir lieber Bekannter hat kürzlich den Begriff der „Multioptionalität“ mir gegenüber erwähnt: hundert Möglichkeiten und eine soll es werden. Aber welche? Was, wenn die gewählte nicht die beste ist?! (Zu) große Wahlmöglichkeit, bzw. der Versuch, sich diese immer weiter zu erhalten, kann verdammt unentschlossen machen. Dann stehe ich vor dem Tomatensaucenregal und kann mich fünf Minuten lang nicht entscheiden. Oder – einiges gravierender – ich beginne Menschen zu „testen“, um z.B. den besten Beziehungspartner oder die ideale Freundin zu finden. Müßig, zu erwähnen, dass letztgenannter Versuch sehr leicht nach hinten losgehen kann: dann stehe ich statt vor der „Qual der Wahl“ auf einmal ganz alleine da – Menschen lassen sich nun einmal nicht gern vergleichen wie Suppenpulver. 

Sich nicht entscheiden zu können – im Großen wie im Kleinen – hat sicher mit äußerem Überangebot zu tun. Mindestens gleich viel jedoch mit der Furcht, sich ein für alle Mal – und dann womöglich falsch – festzulegen. Angst vor Bindung, der Anspruch von Perfektion an sich und an andere, Furcht vor Erwartungen, die mit einer einmal getroffenen Entscheidung an einen herangetragen werden könnten – das sind sicher alles Gründe, warum die Möglichkeit zur Wahl zuweilen als quälend empfunden wird. 

Entschlossen sein erleichtert

Bei meinem Kind habe ich einmal ganz klar „Ja“ gesagt – und merke, wie tragend es ist, dass ich mich in diesem Punkt festgelegt habe. Die Liebe, die ich hier spüre, ist für mich nicht verhandelbar. Von meinem Kind kann und will ich mich nicht trennen. In dieser Weise entschlossen zu sein reduziert die Wahlmöglichkeiten ganz gewaltig – und fühlt sich in tiefer Weise erleichternd an. 

Nur ist das Leben leider – und zum Glück – in vielen Dingen nicht so eindeutig. Partnerschaft, Beruf, Wohnort und Lebensstil: 100 Bonbonsorten und keiner wählt für dich. Frei nach Watzlawick: du kannst nicht nicht wählen. Also hole tief Luft und entscheide dich – oder werde dir zumindest bewusst, warum du es (bisher) nicht tust!…

Herzlich, Sunnybee

PS. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick prägte Mitte des letzten Jahrhunderts den Satz: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Jeder Versuch, Kommunikation zu vermeiden sei wieder eine Form der Kommunikation. Meiner Meinung verhält es sich ähnlich mit dem Versuch, nicht zu wählen. Auch dabei entscheide ich mich – wenn vielleicht auch nur halb bewusst – für etwas: nämlich dafür, andere für mich wählen zu lassen. Falls ich das tue, ist es sicher wertvoll, sich die Frage zu stellen, warum. 😉

Des Pudels Kern – Goethes „Faust“, unser Kindergarten und ich

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Ich lebe im Luxus. Ich habe ein wunderbares Kind und einen Beruf, der mir gefällt. Ich verdiene mein eigenes Geld, kann mich dennoch häufig um meinen Sohn kümmern und in der letzten Zeit habe ich sogar noch mitten am Tag Zeit für mich!

Unser Sohn geht seit Ende August in den Kindergarten. Dieser bietet eine Betreuung von 7.30-16.30 Uhr. Unser Sohn geht offensichtlich gern dort hin. Soweit ich es bisher überblicke, machen die Erzieherinnen und die Kita-Leitung ihre Arbeit wirklich gut. Allein in die Gruppe unseres Sohnes wurden zu Beginn des Kindergartenjahres acht (!) neue Kinder aufgenommen. Drei Erzieherinnen teilen sich die Betreuung für 20 Kinder zwischen drei und sechs Jahren, spielen, malen und basteln mit den Kindern, lesen vor, gehen mit den Kleinen aufs Klo und trösten Kinder, die hingefallen sind oder gerade Heimweh haben. Sie richten das Mittagessen an, sprechen mit Eltern, führen Telefonate, besprechen und dokumentieren die Ereignisse des Tages und planen die Aktivitäten des nächsten.

Und diese engagierten Frauen (zumindest in unserem Kindergarten sind es immer noch ausschließlich Frauen) ermöglichen Frauen wie mir, einen Beruf auszuüben, den wiederum ich gewählt habe, der mich herausfordert und in guten Momenten auch erfüllt, der mir ermöglicht, mein eigenes Geld zu verdienen und mich z.B. mittags um eins eine Stunde lang in Goethes „Faust“ zu vertiefen:

Dass ich erkenne, was die Welt/ im Innersten zusammenhält“, lese ich. Und: „Wie alles sich zum Ganzen webt,/Eins in dem anderen wirkt und lebt!“ Doktor Faustus’ Suche nach einem tieferen Sinn, nach dem Grundlegenden hinter der Materie, das sich ihm trotz – oder gerade aufgrund? – angehäufter Gelehrsamkeit nicht erschließt, berührt mich.

Bekanntermaßen verleitet ihn sein Wissensdurst zum Pakt mit dem Teufel selbst. Dieser bemerkt zu Beginn des Dramas im „Prolog im Himmel“ halb mitfühlend, halb mit zynischer Freude:

„Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen. / Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, / Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. / Ein wenig besser würd er leben, / Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; / Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“

Da stehe ich nun, nicht als männlicher, von Wissensdurst geplagter Gelehrter, sondern als Frau, Mutter und Akademikerin. Was in Goethes „Faust“ noch unmöglich ist (Gretchen wird bekanntlich unverheiratet schwanger, als sie ihrer Liebe zu Faust folgt und ist dadurch sozial gebrandmarkt), ist für mich in der heutigen Zeit durchaus vereinbar: ich wurde schwanger, lebe inzwischen vom Vater meines Kindes getrennt und übe zugleich einen Beruf aus. Ich bin als Frau und Mutter durch mein Gefühl und meine Körperlichkeit bestimmt und nutze zugleich lust- (und manchmal auch leidvoll) meinen Intellekt. 

Das alles dank eines Netzes von – immer noch zum Großteil weiblichen – UnterstützerInnen in Kindertagesstätten, Kindergärten, Nachmittagsbetreuung und (später) offener Ganztagsschule. 

Wie Dr. Faustus will ich viel – und zahle wie er auch meinen Preis dafür. Das Ziehen im Herzen, wenn mein Sohn bei der Verabschiedung im Kindergarten doch einmal weint, ich aber eine halbe Stunde später bei der Arbeit sein muss und daher nicht für ihn da sein kann. Das Jonglieren mit Themen, die eigentlich unvereinbar sind: Schulcurricula und Windelentwöhnung, Biene Maja und mündliches Abitur. Und nicht zuletzt die Frage: Ergibt das, was ich da lebe, auch einen Sinn?

Es irrt der Mensch, solang er strebt“: den Satz legt Goethe Gott selbst in den Mund im oben bereits erwähnten „Prolog im Himmel“. Und so stehe ich denn da mit Hoffnung und Zweifel, manchmal, wie heute, mit dem Gefühl von Dankbarkeit und Fülle – dann wieder erfüllt von der Furcht, dass etwas fehlt, bzw. dass, zuviel gewollt, nichts richtig gelingen könnte.

Wir modernen akademisch gebildeten Frauen sind Faust und Gretchen, im Spagat zwischen Glauben und Wissen, Vertrauen und Zweifel, immer auf der Suche nach „des Pudels Kern“. Mit der Möglichkeit zu wählen und der Freiheit, die Welt (mit) zu gestalten – und der Herausforderung mit beidem umzugehen. 

Wie lebst du dein Leben zwischen Beruf und Kind, Intellekt und Gefühl? Wenn du magst, schreib mir dazu in einem Kommentar!

Herzlich, Sunnybee

Ein Lob der Langsamkeit

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Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.

Der erste Teil dieses japanischen Sprichworts begleitet mich seit Jahren. Ganz zu Beginn meines Berufslebens, als ich als junge Lehrerin (wieder einmal) im Eiltempo die Treppen zu einer meiner Klassen hinaufhetzte, beobachtete ich eine ältere Kollegin, die wie ich auf dem Weg in den 3. Stock war. Allerdings ließ sie sich scheinbar alle Zeit der Welt um die drei Treppenabsätze zu erklimmen. Ihre Bewegungen erinnerten mich in ihrer Zurückgenommenheit und ruhigen Konzentration an die Kaltblüter, die ich des öfteren im Zoo beobachtet hatte: Leguane, Warane oder auch die mächtigen Alligatoren bewegten sich mit ähnlich verhaltener Kraft und klar dosierter Energie. 

Jahre später, als wir uns bereits gut kannten, habe ich meiner Kollegin erzählt, dass sie für mich in diesem Moment ein Vorbild gewesen sei. Sie fand das wohl amüsant und freute sich auch über das Kompliment, aber ihr wurde sicher nicht bewusst, welche Tragweite die Beobachtung für mich in den Jahren danach gehabt hatte – weit über den beruflichen Rahmen hinaus. 

Kennenlernen im ICE-Tempo

Gerade in privaten Beziehungen (in Freundschaften und auch in beginnenden Partnerschaften) hatte ich die Tendenz, mich „Feuer und Flamme“ in das Miteinander mit einem – noch Tage zuvor fremden – Menschen zu stürzen, mit der Folge oft großer, auch körperlicher Intensität (letzteres auf beginnende Partnerschaften beschränkt;-)), der das eigentliche Kennenlernen des anderen erst nach und nach folgte – und leider oft auch nach einigen Monaten die ernüchternde Erkenntnis, als wie wenig „passend“ – über eine erste starke seelische oder auch körperliche Anziehung hinaus – sich diese neuen Bekannten herausstellten. Oder vielleicht eher: wie schwierig es ist, noch einmal (gesunde) Distanz und die Haltung der Betrachtenden einzunehmen, wenn man sozusagen schon Nase an Nase „aufeinanderhängt“. 

Und ich habe den Eindruck, gerade für mich als intensiv wahrnehmende und zu starken Gefühlen fähige Frau ist es sehr wichtig, dass ich immer wieder in mich hineinhorche: stimmt noch, was jetzt in mir – und zwischen uns – ist? Will ich das so? Will ich es jetzt? Was will ich eigentlich?

Eine neue Partnerschaft eingehen

Seit der Trennung vom Vater meines Sohnes vor gut 11/2 Jahren hatte ich das Glück, von mehreren Männern Interesse signalisiert zu bekommen, jeder auf seine Art interessant und auch attraktiv. Für mich waren diese Begegnungen ein Weg zurück zu der Lebensfreude in mir, die davor über Monate durch Streit und Spannungen innerhalb meiner Partnerschaft überlagert gewesen war. Ich genoss also den Kontakt zu diesen so unterschiedlichen Männern, von denen zwei durchaus auch mein Interesse weckten. 

Dabei bewahrheitete sich meine zu Beginn dieses Artikels beschriebene Wahrnehmung: je schneller ich sein wollte – und will, bzw. je weiter ich mich in Richtung einer möglichen neuen Partnerschaft, einer wirklichen Öffnung bewegen will, umso langsamer muss ich das tun. Ich merke es im Raum der körperlichen Berührungen ebenso wie im Bereich der seelischen: alles, was zu schnell, zu fordernd, zu intensiv ist – von meiner Seite wie von der Seite des anderen – bringt den subtilen Fluß der – wechselseitigen – Annäherung ins Stocken, wenn nicht gar zum Versiegen. 

Ambivalenz und Freiheit

Daher möchte ich an dieser Stelle für die Freiheit plädieren, genau so langsam zu gehen, wie es eben nötig ist, womöglich sogar Umwege zu gehen, gerade da, wo ein innerer Teil drängt: „Voraus, voraus! Nur direkt auf’s Ziel (einer neuen Partnerschaft) zu!“ Ich möchte betonen, welche Qualität es hat, sich wirklich Zeit zu lassen in Zeiten, in denen es ohnehin oft schnell gehen soll, in denen Abwarten und In-sich-Horchen leicht als Passivität missdeutet wird.

Ambivalenz – ein anderer Aspekt des menschlichen Seins, den ich früher gefürchtet habe und allmählich anzunehmen beginne – ist ja oft zu Beginn eines neuen Kennenlernens spürbar in Form von Unsicherheit und Freude, von Anziehung und Irritation, von Verliebtheit und auch der Furcht vor Zurückweisung. Und gerade diese Ambivalenz mag mich blockieren, wenn ich „schnell“ machen möchte. Denn wohin eilen, wenn es mich in zwei Richtungen zieht!… 

Erlaube ich mir jedoch die Langsamkeit, genau diese gegensätzlichen Gefühle zu spüren und schlicht da sein zu lassen, wird sich Bewegung aller Wahrscheinlichkeit nach ganz von selbst ergeben. In die eine Richtung oder in die andere. Vielleicht nicht in die, die ich – oder der andere – gerne hätte. Aber Anziehung und Zuneigung, aufkommendes Vertrauen und tiefe Bindung ist für mich sowieso nichts, was ich rein willentlich steuern kann. Ich kann mich dafür öffnen. Ich kann selbst anziehend, zuneigungsvoll und bereit zu Bindung sein – aber was sich daraus ergibt, ist dann doch immer durch das Zusammenspiel zwischen zwei Menschen bedingt – und somit zu Beginn nie klar. 

Gehe ich somit gerade dort schnell, wo ich mir am meisten „Fortschritt“ wünsche, „überhöre“ ich vielleicht die kleinen Signale, die mir selbst – und auch dem anderen – bedeuten: nimm wahr, lerne kennen, prüfe, was stimmig ist, bevor du dich (wieder) bindest – denn was im „Schnelldurchlauf“ beginnt, endet nur allzu leicht ähnlich schnell; aber dann schon „mittendrin“, in einer neuen Partnerschaft und dadurch auch leicht mit dem Schmerz, trennen zu müssen, was sich zum Teil schon verbunden hat.

In diesem Sinn: „Wenn du es eilig hast, geh langsam!“

Herzlich,

Sunnybee