Beruf, Familie, Gesellschaft, Politik

Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus (Teil 2)

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Ich habe meinen Artikel „Gut ist gut genug. Vom Umgang mit Perfektionismus“ einigen Freunden und Bekannten gezeigt und zwei Reaktionen erhalten, auf die ich hier eingehen möchte:

Die erste Reaktion war folgendes Video:

Kabarettist Florian Schroeder in der NDR Talk Show vom 28.1.2016

Eine Parodie auf gesellschaftlichen Erwartungsdruck, der 2018 (bzw. 2016) in Deutschland (und sicher nicht nur da) auf Frauen lastet. Wie Schroeder unter anderem sagt:

„Sie muss Karriere machen und zwar selbstbewusst, aber nicht als Emanze, aber emanzipiert muss sie sein, feministisch organisiert und überhaupt gut drauf. Sie darf keine Rabenmutter sein; wenn sie zu Hause ist, muss sie trotzdem Karriere machen. Und den Stress, den sie hat, den darf man niemals spüren!“

Der Kommentar der jungen Frau und Mutter, die mir das Video schickte: „Ein etwas satirischer, aber leider auch zutreffender Clip“.

„Perfekt ist widersprüchlich“

In der Tat wird in Deutschland Frauen (und zunehmend auch Männern) suggeriert, Beruf und Familie seien gut vereinbar und es sei möglich und wünschenswert, zugleich einfühlsame Mutti (oder Vati), sexy Geliebte/r und toughe/r Arbeitnehmer/in zu sein. Auch Männern wird meiner Meinung nach vermittelt: Machst du Karriere und erwartest, dass deine Frau dir zuhause den Rücken freihält, bist du komplett „old school“ – aber Karriere machst du gefälligst, sonst nimmt dich auch keiner ernst. Der „moderne Mann“ ist somit emotional feinfühlig, beruflich durchsetzungsstark, kümmert sich engagiert um seine Kinder, falls er welche hat, arbeitet aber dennoch weiter Vollzeit, da er dank gender pay gap ohnehin (meist) mehr Geld als seine Partnerin nach Hause bringt.

Zwei Strategien: Ausblenden oder Anpassen

Meiner Meinung nach unterscheiden sich die Erwartungen, die im Jahr 2018 in Deutschland an Männer und Frauen gerichtet werden, gar nicht so sehr, der Umgang damit jedoch nachwievor: Männer versuchen die innere Spannung, die dieser Druck sicher auch in ihnen erzeugt, tendenziell aufzulösen, indem sie einen der Bereiche „ausblenden“ und den Fokus eben auf den – noch immer gesellschaftlich anerkannteren – legen. Wie viele Väter reduzieren tatsächlich ihre Arbeitszeit dauerhaft, um mehr Zeit für die Familie zu haben? Wie viele Männer engagieren sich ernsthaft und über Jahre – wie es viele Frauen tun – in der sogenannten  „Care Arbeit“, der (bezahlten und nicht-bezahlten) Fürsorge für Kinder, Alte oder Kranke?

Frauen andererseits versuchen meiner Meinung nach oft tatsächlich, alles „unter einen Hut“ zu bringen und es damit letztlich allen recht zu machen: das endet dann in der Teilzeitstelle (in Deutschland in vielen Branchen noch immer das Karriere-Aus), neben der Dutzende private Verpflichtungen  „gewuppt“ werden wollen.

Welche „Gesellschaft“ erwartet hier etwas? 

Die zweite Reaktion, die ich an dieser Stelle erwähnen will, war die Frage eines aus dem Iran eingewanderten Bekannten: „Wer ist diese, im Video genannte, „Gesellschaft“ und woher wissen wir von solchen Erwartungen? 

Gute Frage! Wer transportiert diese „überladenen“ und damit kaum erfüllbaren Vorstellungen von „Männlichkeit“ bzw. „Weiblichkeit“? Die Gesellschaft sind in einer Demokratie doch WIR, ihre Mitglieder! Letztlich bestimmen wir, durch unser Handeln und unsere Entscheidungen, jeden Tag, wohin sich die Werte unserer Gesellschaft entwickeln.

Ich habe meinem Bekannten geantwortet: 

„Ich bin der Meinung, dass es nicht abstrakt eine „Gesellschaft“ gibt, sondern dass es immer konkrete Menschen und Institutionen sind, die die Werte dieser Gesellschaft prägen. Insofern kann jeder Einzelne auch mitbestimmen, in welche Richtung sich diese Werte entwickeln – und in einer Demokratie hat meiner Meinung nach auch jeder die Verantwortung, dafür zu sorgen, dass z.B. Grundwerte wie die Meinungsfreiheit oder der Schutz von Schwächeren nicht in Frage gestellt werden.“

In diesem Sinn noch einmal mein Plädoyer an mich selbst, aber auch an alle „Entscheiderinnen und Entscheider“ in Politik oder Wirtschaft und letztlich an jeden von uns:

Gut ist gut genug.

Der Anspruch, „alles“, „immer“ und „perfekt“ zu leisten, erzeugt nicht nur für jede/n Einzelne/n von uns enormen Druck, sondern hat konkrete gesellschaftliche Folgen: In einer Leistungsgesellschaft zählt eben wenig, was unvollkommen und nicht wirtschaftlich verwertbar ist. Das zeigt sich in der Art, wie Care-Arbeit oder eben oft auch sogenannte „weiche“ Themen wie Tier- und Umweltschutz, Frauen- und Kinderrechte marginalisiert werden.

Wollen wir das nicht hinnehmen, sollten wir meiner Meinung nach auch im Privaten beginnen, das Diktat des „Höher-Schneller-Weiter“ zu hinterfragen. Insofern kann ein tief empfundenes und gelebtes „Gut ist gut genug“ nicht nur ein privater „Befreiungsschlag“ sein, sondern ist auch ganz klar ein relevanter Gegen-Kommentar zu der (Leistungs-) Gesellschaft, deren weitere Entwicklung wir mit bestimmen.

Was ist eure Meinung zu diesem Thema? Hier bin ich wirklich gespannt auf eure Anmerkungen und Kommentare. 🙂

Schreibt mir, was ihr dazu denkt!

Mit herzlichem Gruß, Sunnybee 

 

 

Familie, Gesellschaft, Persönliches

„Anstrengungs-Verweigerung“? Warum es sich lohnt, unseren Kindern zu vertrauen

614D3C99-D846-4846-8D8F-4A4DA08E8289Vor kurzem habe ich einen sehr interessanten Blogartikel gelesen. Das Thema: „Anstrengungsverweigerung“. 

Ehrlich gesagt konnte ich mir erst gar nicht wirklich etwas unter dem Begriff vorstellen. In ihrem Artikel beschreibt Bloggerin Charlotte eine Situation, in der ihre Tochter, anstatt – wie wohl als Teil des Mathematikunterrichts erwünscht – die Stufen einer Schultreppe zu zählen, ihre Lehrerin in ein angeregtes Gespräch verwickelte, um damit eben, wie die Autorin schlussfolgert, die Anstrengung der gestellten Aufgabe zu vermeiden. Ihr Charme habe die Lehrerin auch erfolgreich in die Irre geführt – jedenfalls habe sie die Aufgabe nicht lösen müssen, der Lehrerin sei aber gar nicht aufgefallen, dass ihre offensichtlich liebenswerte Schülerin auf diese Weise die Anstrengung umgangen sei. Den kompletten Artikel findet ihr hier. 

Meine Mit-Bloggerin reflektiert in ihren Texten, wie ich finde, sehr liebevoll und wertschätzend das Leben mit ihren (Adoptiv-) Kindern. Umso mehr verblüfft mich ihre Schlussfolgerung an dieser Stelle und vor allem, wie sie auf das Verhalten ihrer Tochter reagiert. 

In einem weiteren Artikel geht sie auf mögliche Ursachen der „Anstrengungsverweigerung“ ein. Wenn ich meine Mit-Bloggerin richtig verstehe, handelt es sich dabei um eine tiefgehende Störung des Selbstvertrauens. Kinder, die bereits sehr früh, z.B. wegen der Trennung von ihren Eltern oder aufgrund von Verwahrlosung, die Erfahrung hätten machen müssen, dass ihre Grundbedürfnisse (Nahrung, Schlaf, körperliche Nähe) nicht erfüllt worden seien, hätten dadurch gelernt, dass ihr Bemühen, durch Weinen die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu bekommen um z.B. gefüttert zu werden, sinnlos sei. Als Konsequenz habe sich in ihnen ein grundlegendes Gefühl von Hilflosigkeit verfestigt: die Wahrnehmung, selbst nichts an ihrer Situation ändern zu können und es daher letztlich auch gar nicht mehr versuchen zu müssen. Meine Mit-Bloggerin schließt daraus, das solcherart traumatisierte Kinder später auch in anderen Bereichen dazu tendierten aus der tief verwurzelten Angst, „es ja doch nicht zu schaffen“ gar nicht erst zu versuchen, ein Ziel zu erreichen, sondern die dafür erforderliche Anstrengung von vornherein vermieden. 

Aufschieben zur Selbstentlastung

Ich finde diese Erklärung durchaus plausibel und habe selbst schon bei Menschen, die als Kind ähnlich traumatisierenden Lebensumständen ausgesetzt waren, dieses Verhalten wahrgenommen. In der Sozialpsychologie wird hierbei von der Strategie der Misserfolgsvermeidung vs. der Erfolgssuche angesichts äußerer Belastung gesprochen. Auch das Phänomen, unangenehmen Aufgaben ein Stück weit auszuweichen, kennt wohl fast jeder – es hat inzwischen ja sogar einen Namen: die Prokrastination…

Erst einmal mit der besten Freundin einen Schwatz zu halten, die Mikrowelle zu reinigen und den Kühlschrank aufzuräumen, bevor wir uns an das Verfassen der Steuererklärung setzen, gestehen wir Erwachsenen uns durchaus zu. Solange dieses Ausweichverhalten angesichts ungeliebter Aufgaben nicht überhand nimmt, haben wir dafür sogar Verständnis. Letztlich ist es schlicht eine Form der Selbstentlastung. Wir wissen, wir müssen etwas tun, fühlen uns momentan der Aufgabe jedoch nicht gewachsen – und weichen aus. Anstrengungsvermeidung eben…

Druck, um Angst vor Druck zu lösen?

Umso überraschender fand ich die Reaktion meiner Mit-Bloggerin auf das Verhalten ihrer Tochter. Sie berichtet, wie sie darauf bestehe, dass eine Aufgabe genau zu dem von ihr genannten Zeitpunkt zu machen sei. Im Notfall blieben sie eben so lange am Schreibtisch sitzen, bis die Aufgabe erledigt sei. In einem weiteren Artikel (Homeschooling für traumatisierte Kinder) beschreibt sie sogar, dass ihr Sohn während stundenlangen Übens nach der Schule massive Wutanfälle bekomme: 

„Mein Sohn brüllt herum, schreit, schlägt um sich, manchmal wirft er seinen Stuhl um. Am Ende verfällt er meist einfach nur noch in ein verzweifeltes Weinen, aus dem er sich erst nach über einer Stunde wieder beruhigt. Erst dann können wir weiter arbeiten. Vielleicht…“

Ganz offensichtlich sträubt sich etwas massiv in ihm, die gestellte Aufgabe zu genau diesem Zeitpunkt zu erfüllen – obwohl er grundsätzlich durchaus in der Lage ist, sie zu lösen. Ohne äußeren Druck tue er das auch, wie meine Mitbloggerin beschreibt. 

Aber warum besteht die Autorin dann genau in diesem Moment auf ihrer Forderung? Verfestigt sie dadurch nicht gerade das Gefühl ihres Sohnes, der Übermacht der Erwachsenen nichts entgegenzusetzen zu haben? Dass seine Bedürfnisse letztlich nicht zählen? Wir Erwachsenen würden uns nach einem langen Arbeitstag sicher auch lieber der Entspannung widmen, als uns mit Themen, die uns ohnehin Angst einjagen, zu konfrontieren. Warum gestehen wir unseren Kindern diese Fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und auch Selbstfürsorge oft gar nicht zu? Sind Kinder „junge Wilde“, die – notfalls mit Zwang – dazu genötigt werden müssen, sich sozialkompatibel zu verhalten? Oder noch subtiler: meinen wir, sie vor sich selbst schützen zu müssen? 

Warum gehen wir so leicht davon aus, dass unsere Maßstäbe (z.B. gute schulische Leistungen) die richtigen sind und der Weg, den wir für unsere Kinder vorsehen, tatsächlich der ist, der sie glücklich macht? Wieviel Freiheit geben wir unseren Kindern, auch gerade, wenn sie nicht unserem Weg folgen? Wenn wir am liebsten ändern wollten, was sie in sich tragen? Das ist für mich als Mutter eine sehr wichtige Frage.

Was mein Sohn mich lehrt…

Abschließend möchte ich eine Situation skizzieren, in der ich selbst – wieder einmal – viel von meinem Sohn gelernt habe: Nach einem langen Arbeits – und Kindergartentag waren wir beide erschöpft. Mein Sohn (3) fing an, mit hundert Dingen zu spielen (Eisenbahn, Puzzle, Spielzeugautos, Bilderbücher etc.), konnte sich aber auf nichts mehr wirklich konzentrieren. Innerhalb kürzester Zeit sah sein Kinderzimmer aus, als sei dort eine Bombe eingeschlagen: überall verstreut lag sein Spielzeug, dazwischen Kleidungsstücke, die er aus irgendeinem Grund aus dem Schrank geräumt hatte. Da es auf sieben Uhr zuging hatten wir beide Hunger. Ich hatte aber noch nichts zum Abendessen vorbereitet. Gereizt bat ich meinen Sohn, zumindest einen Teil des Spielzeugs in die dafür vorgesehene Kiste zu räumen, während ich uns etwas kochte. Seine Antwort rundheraus: „Nö. Du, Mami!“ Sekundenlang schossen mir Gedanken durch den Kopf wie: „Unmöglich, kaum drei, benimmt sich mein Sohn wie ein kleiner Pascha!“ oder auch: „Das kann ich ihm jetzt nicht durchgehen lassen, sonst hilft er beim nächsten Mal erst recht nicht mit!…“ Müde wie ich war und nachdem ich davor, länger als ich eigentlich Lust hatte, mit ihm gespielt hatte, fühlte ich sogar, wie einen Moment lang der Gedanke in mir aufstieg: „Unmöglich – wie undankbar!“

Zum Glück atmete ich dann tief durch, schnappte mir meinen kleinen Halunken und erklärte ihm in ruhigem Ton, ich sei müde, er habe das ganze Spielzeug aus dem Schrank geräumt und ich habe keine Lust, es jetzt aufzuräumen, da ich auch noch das Abendessen machen müsse. Ob er eine Idee habe, was wir da tun könnten? Seine Antwort verblüffte mich. „Klar, Mama!“ Eben noch voller Widerstand, strahlte er mich auf einmal an: „Ich mache das Abendessen für uns!“

Tja, und das tat er dann… An diesem Abend gab es für uns beide jeweils eine große Schüssel Müsli mit frischem Saft. Schälchen, Becher, Besteck, Milch und Getränke holte mein Großer mit seinen gerade 3 völlig eigenständig aus Kühlschrank und Regalen und deckte den Tisch für uns – während ich sein Zimmer aufräumte. Wenig später saßen wir tatsächlich beim Abendessen, beide sehr zufrieden – und ich hatte wieder einmal etwas gelernt: 

Mein Weg ist nicht der einzig mögliche. 

Und: 

Willst du, dass deine Kinder ihre Probleme selbst lösen, schenke ihnen das Vertrauen, sie es auf ihre Weise machen zu lassen!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Ganz herzlichen Dank an Charlotte für deine inspirierenden Beiträge. Ich hoffe, du fühlst dich von meiner kritischen Auseinandersetzung mit deinen Artikeln nicht angegriffen! Wie immer freue ich mich über Reaktionen und Kommentare! 🙂

alleinerziehend, Gesellschaft, Hochsensibilität, Persönliches

Schneckentage

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Immer wieder einmal überkommt es mich und ich spüre: es ist Zeit für einen „Schneckentag“.

Nach Phasen großer Aktivität, in denen ich viel Kontakt zu Menschen hatte, zuweilen über das Maß hinaus, das mir gut tut, wache ich morgens auf – und nichts geht mehr. Buchstäblich im Schneckentempo beginne ich meinen Tag, sage Termine und Verpflichtungen ab; wenn es gar nicht anders geht, melde ich mich für einen Tag krank. Oft geht dieses „schneckige“ Gefühl mit den Symptomen einer mehr oder weniger starken Erkältung einher, manchmal zeigt es sich mir aber auch direkt als starkes Bedürfnis nach Rückzug und Ruhe – ein Tag (oder ein Vormittag), nur für mich. Einige Stunden, in denen ich mich, äußerlich fast unbewegt, in Jogginghose und Pullover, der Welt entziehe. 

Mein Weg zu mir

Diese Zeiten bieten zugleich die Möglichkeit, dass ich meine „innere Welt“ betrete: bewusst, genussvoll und forschend begegne ich der „Welt in mir“. Gerade, wenn die äußere Anstrengung und auch Ablenkung davor lange andauerte, brauche ich zuweilen erst einen Tag oder zwei, um auch körperlich die Energie für diese Reise aufzubringen. Meist zwingt mich dann ein Schnupfen oder eine grippeartige Erkältung zur Ruhe. 

Manchmal jedoch spüre ich direkt das Bedürfnis dahinter: ich will den Raum zur Reflexion, zur Betrachtung meines Innen-Lebens. Das äußerliche „Nichtstun“ schafft mir die Möglichkeit, mich – zumindest für eine gewisse Zeit – ganz im „Innen“ zu verlieren, dort all die Dinge zu klären und zu sortieren, die sich in den Tagen und Wochen zuvor angesammelt und sozusagen wahllos in mir aufgetürmt haben. 

Mit wachen Sinnen begegne ich mir selbst und all dem, was mir widerfahren ist, was seinen „Ein-druck“ in mir hinterlassen hat. In einer Gesellschaft, die Ruhepausen nur zu festgelegten Urlaubszeiten vorsieht, die Innenschau rasch als Selbstbezogenheit und Egozentrik diskreditiert, empfinde ich diese „Zeiten für mich“ als beinahe frivol. Tatsächlich kämpfe ich manchmal mit schlechtem Gewissen, wenn ich sie mir gönne. Was gäbe es nicht alles zu erledigen in der Außenwelt? Darf ich das? Bin ich nicht zu pflichtvergessen?

Nun ja – an diesen Tagen folge ich der Verpflichtung, gut zu mir selbst zu sein: 

„Du musst wissen, dass du nichts musst.“

Dieser Satz, den ich in einem Buch Jorge Bucays fand, begleitet mich an solchen Tagen und hilft mir – auch über sie hinaus – im Sturm äußerer Ereignisse ruhig und sicher bei mir selbst zu bleiben. Schneckentage sind meine „Medizin“ gegen ein allzu schnelles Leben – und mein Weg, wie ich in diesem gesund und glücklich bleibe. 

In diesem Sinn auch dir keine Angst vor den stillen Zeiten! Sie bergen die Kraft, die es braucht, sich dem Trubel davor und danach zu stellen.

Herzlichen Gruß, Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft, Persönliches

Bienenstich

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Anders als es die Illustration vermuten lässt, geht es hier nicht um Gebäck.

Kleine Ursache, große Wirkung

Ein Spaziergang durch’s Gras mit bloßen Füßen während eines Sommerpicknicks, ein kurzer, brennender Schmerz – schon war’s geschehen: im lädierten Zeh steckte der Stachel, offensichtlich war ich auf eine im Gras versteckte Biene getreten.

Möglichkeiten, den Fuß zu kühlen gab es vor Ort nicht und allzu zimperlich wollte ich vor den Anwesenden nicht erscheinen, also „Augen zu und durch“… Gegen Abend war der Zeh noch leicht geschwollen und schmerzte etwas, aber das würde sich sicher über Nacht geben, bis auf ein paar Hausmittelchen und nachträgliche Kühlung ließ ich den Fuß unbehandelt.

Der nächste Morgen brachte jedoch keine Besserung mit sich. Vielmehr war der Zeh über Nacht massiv angeschwollen, ließ sich nicht mehr biegen und auch auf die Oberseite des Fußes hatte sich die Schwellung ausgebreitet. Kurz gesagt, an Sandalen war nicht zu denken und in meine ausgelatschten Turnschuhe bekam ich den Fuß nur gerade so hinein… allerdings tat er mir dann bei jedem Schritt weh, längere Fußwege kamen also nicht in Frage. Das Kind musste natürlich trotzdem zur Kita, also schnallte ich es kurzerhand auf den Fahrradsitz und los ging’s!… Beim Abholen dasselbe Prozedere, nachmittags humpelte ich mit langem Rock und hippiesk barfuß durch die Großstadt, denn an „Hochlegen und Kühlen“, länger als zehn Minuten, war mit Kleinkind eben nicht zu denken. Also Spielplatz und abends das übliche Programm (Duschen, Kochen, Spielen, Büchervorlesen), alles möglichst mit einseitiger Belastung. Der Tag hatte mich geschafft – diesmal schlief ich beim Ins-Bett-Bringen neben meinem Kleinen ein…

Auch der nächste Morgen brachte die erhoffte Verbesserung nicht mit sich. Statt dessen war der entsprechende Zeh jetzt nicht nur wienerchendick und hart, sondern hatte auch noch begonnen, sich dunkelrot zu verfärben… Langsam wurde mir die Sache unheimlich. Viel länger wollte ich meinen unteren Extremitäten diesen Zustand nicht zumuten. Bei meinem Hausarzt wollte ich abklären, ob Abwarten weiter die richtige Strategie war… Zuvor aber der Gang zur Kita (diesmal war es aus organisatorischen Gründen nicht möglich, das Rad zu nehmen), also humpelte ich ca. 1km durch unser Viertel, den Kinderwagen vor mir herschiebend und immer bemüht, möglichst wenig Druck auf den, in meinen Turnschuh gezwängten „Ballon“ auszuüben. Der Hausarzt schloss zum Glück eine Infektion vorerst aus („da Sie ja kein Fieber haben“), riet mir aber durchaus mit Nachdruck – aha – den Fuß hochzulagern, damit sich die Schwellung reduziere und die Blutgefäße des malträtierten Zehs nicht weiter belastet würden.

Gut, das tat ich, unterstützt von einem Retterspitz-Wickel (pflanzlicher (Wunder-) Tipp meines Arztes) und – juhu: nach ca 3h ging die Schwellung tatsächlich zurück – vielleicht passe ich morgen sogar wieder in meine Schuhe!…

Wer will krank sein?

Wie gesagt, kleiner Stich, große Wirkung – durchaus auch emotional. Nicht nur musste ich mich für den Tag krank melden, weil ich schlicht nicht (richtig) gehen konnte, ich kam mir auf einmal auch reichlich „verletzlich“ vor: all die täglichen Wege, die als Selbstverständlichkeit vorausgesetzte Möglichkeit, zu Fuß rasch von A nach B zu kommen, all das Heben, Stützen, Tragen, das den Alltag als Mutter – und natürlich auch Vater – eines Kleinkindes bestimmt, auf einmal empfindlich eingeschränkt. Und ich habe mir den Fuß nicht gebrochen, mein Maleur wird hoffentlich schon in ein, zwei Tagen nicht mehr sichtbar sein!

Aber wie machen das Mütter, die – alleinerziehend oder nicht – wirklich schwer verletzt oder chronisch krank sind? Und ich meine nicht nur die praktische Organisation, das Feilschen mit Ämtern, Krankenkassen und Behörden um Hilfsmittel, Krankentage und zusätzliche Kinderbetreuung. Ich meine auch die Kraft, die es kostet, schlicht nicht „bei Kräften“ zu sein, in einer Lebenssituation – und, wie ich finde, auch in einer Gesellschaft -, die Schwäche bestenfalls toleriert, wenn nicht gar sanktioniert. Körperlich und seelisch „heil“ und damit leistungsstark zu sein ist fast ein ‚Muss‘ in einer (unserer) Leistungsgesellschaft.

Mein kleiner Stich – und mein geschwollener Fuß – haben mir während 3-4 Tagen eine Ahnung gegeben, was es heißt, einmal nicht top ‚leistungsfähig‘ zu sein.

Eine ziemlich eindrückliche Lektion!