Beruf, Gesellschaft

Vom Irrsinn zwischen Homeschooling und Home-Unterricht (#coronaundschule)

Lehrerin mit grimmigem Gesichtsausdruck

Donnerstag Abend. Ich erhalte eine Mail von einem Kollegen. Er bittet mich um Hilfe: ob ich ihm Material zu einer Unterrichtsreihe für seinen aktuellen Leistungskurs geben könne. Soweit so normal. Was weniger normal ist: Er unterrichtet neben diesem Kurs momentan noch fünf weitere Klassen, alle online. Seine Frau als Grundschullehrerin unterrichtet ebenfalls von zuhause aus. Und daneben betreuen die beiden ihre zwei kleinen Kinder. Kind eins geht pandemiebedingt nicht in den Kindergarten, Kind zwei besucht eigentlich seit August letzten Jahres die erste Klasse, der Unterricht findet gerade aber auch nur online statt. Wer sich jetzt fragt, wie DAS funktionieren soll, dem gebe ich recht… Und wie mein motivierter und engagierter Kollege, ebenso wie seine Frau, unter den Bedingungen noch guten Unterricht halten sollen – nun, das frage ich mich selbst.

Ich gebe ehrlich zu, ich bin gerade heilfroh, dass meine eigenen Kinder noch nicht in die Schule gehen – und sehe durchaus mit Sorge dem nächsten Sommer entgegen, wenn mein Großer in der ersten Klasse starten soll. Unterricht für Erst- und Zweitklässler online? Gehalten von Lehrerinnen und Lehrern, die gegebenenfalls selbst kleine Kinder zuhause haben (und momentan wirklich zuhause, mit der kompletten Betreuung, die das nötig macht)? Oder aber die Kolleginnen und Kollegen schicken ihre Kinder, insofern sie jung genug sind, eben doch in die Notbetreuung des Kindergartens, um dann andere Kinder von zuhause aus zu unterrichten. Unter dem Gesichtspunkt der Pandemieeindämmung einigermaßen sinnlos, oder?

28 von 40 Kindern in der Kita-Notbetreuung

In unserem Kindergarten besuchen momentan 28 von 40 Kindern zumindest tageweise die „Notbetreuung“. Weil ihre Eltern eben zuhause oder sogar vor Ort arbeiten müssen. Weil ihre Arbeitgeber volle Leistung erwarten, auch in Zeiten der Pandemie (und diese Eltern arbeiten NICHT alle in „systemrelevanten“ Berufen). Weil sie zum Teil selbstständig sind und der nächste Auftrag sonst an den flexibleren (da kinderlosen?) Mitbewerber vergeben wird. Oder weil sie wie mein Kollege und seine Frau die Kinder und Jugendlichen unterrichten, deren Eltern zwischen Homeoffice und Homeschooling gerade selbst am Rad drehen.

Ganz ehrlich, da frage ich mich wirklich: werden hier die richtigen Prioritäten gesetzt? Einerseits ist nichts mehr wie normal, andererseits sollen Arbeitnehmer/innen und ihre Kinder „Leistung wie immer“ erbringen. Inklusive Halbjahreszeugnissen, die – zumindest in NRW – letzte Woche vergeben wurden, als sei alles wie in den Jahren davor. Und inklusive eines vollen Deputats, parallel zur Betreuung ihrer eigenen Kinder, für nicht wenige Lehrerinnen und Lehrer. Ja klar, läuft ja: Distanzunterricht, chic digital. Und die Kinder sehen sich sogar während der Teams- und Moodle-Konferenzen. Nicht zu schweigen von der digitalen Kompetenz, die sie dabei erwerben…

Kann also so weitergehen, oder? Wird ja auch vermutlich erst mal so weitergehen. Ein Ende der Schulschließungen ist bisher jedenfalls nicht in Sicht. Und Eltern, Kinder, Lehrerinnen und Lehrer wursteln sich so durch. Inklusive Hilferuf an Kolleginnen und Kollegen, denen das Wasser gerade nicht bis zum Hals steht. Hm…

Nachdenkliche Grüße, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin (momentan in Elternzeit), freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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[Foto: Pixabay]

Ein Gedanke zu „Vom Irrsinn zwischen Homeschooling und Home-Unterricht (#coronaundschule)“

  1. Danke Sarah für den Beitrag. Als „full time Homeoffice-Eltern“ mit zwei Homeschülern, kommt mir das sehr bekannt vor. Zum Glück sind unsere schon etwas größer und können mehr selbständig arbeiten. Trotzdem sind wir irgendwie immer mit dabei. Und das liegt auch mit an der schlechten Ausstattung des Homeschooling-Systems. Da findet überhaupt kein Schooling (im Sinne Wissensvermittlung) sondern eigentlich nur „Aufgabenverteilung“. Die Erarbeitung des Stoffes obliegt den Kids und den Eltern. Der Anteil der Online-Sessions ist bei unseren beiden Schulen immer noch sehr gering. Ein Jahr nach dem ersten Lockdown, habe ich da nur wenig Verständnis. Wenn der Schooling-Anteil durch virtuelle Unterrichtsstunden höher wäre, könnten wir Eltern uns besser auf unsere Jobs konzentrieren.

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