Wieviel Politik passt in einen Elternblog? Ich lese in den sozialen Medien und erfahre in Gesprächen, wie erschöpft, frustriert oder gar verzweifelt Eltern gerade sind. Aber oft formulieren sie dies mit einer gewissen Ergebenheit, fast Resignation. Es sei eben so. Pandemie eben. Dass aber auch unser Umgang mit dieser Pandemie und ganz konkret die Entscheidungen derjenigen, die aktuell in Bundestag und Landtagen unser Land regieren, mit zu diesem Mix aus Frustration, Erschöpfung und Überforderung beitragen, wird kaum thematisiert.
Rund 50 Schauspieler/innen kritisierten die Corona-Maßnahmen der Bundesregierung mit ihrer Aktion #Allesdichtmachen
Vor drei Tagen veröffentlichten über fünfzig Schauspieler/innen unter dem Hashtag #Allesdichtmachen kurze satirische Videos, in denen sie auf die psychologischen und sozialen Folgen der Corona-Maßnahmen hinwiesen und diese dafür kritisierten. So spielte zum Beispiel Schauspieler Volker Bruch ironisch auf den einschüchternden Effekt der negativen Dauerberichterstattung der letzten Monate an, Schauspieler Jan-Josef Liefers bedankte sich sarkastisch bei den Medien dafür, dass diese kaum einen Disput über die Entscheidungen der Regierung zuließen. Tatort-Kommissarin Ulrike Folkerts forderte scheinbar euphorisch „immer mehr Maßnahmen, um endlich wieder ans Meer fahren zu können“ und bezog sich damit auf die Sehnsucht nach Normalität, die vermutlich viele teilen und die die meisten (fast) alle Vorgaben klaglos umsetzen lässt, in der Hoffnung, der Pandemie damit endlich Herr zu werden. Schauspieler Martin Brambach schließlich wies darauf hin, dass viele aktuell auf andere zeigen, diese zum Beispiel anfeinden, wenn sie sich an Vorgaben wie das Masketragen oder den Mindestabstand nicht halten und dies zugleich als Solidarität bezeichnen.
Wischmopp, Wok und Windelnwechseln? – Wir Mütter können mehr.
Die Macher der Herrenzeitschrift Men’s Health veröffentlichten vor kurzem die erste Ausgabe eines Online-Magazins für Väter. Der Aufhänger: „So bespaßt du die Kids und kannst gleichzeitig chillen“. Im Artikel wird den (männlichen) Lesern „horizontal parenting“ empfohlen – zu deutsch: Leg dich hin und lass die Kinder machen! Durchaus brauchbare Tipps, wie das Spielen mit Kindern möglich ist, ohne sich als Eltern zu verausgaben. Ich stelle mir nur vor, ein ähnlicher Beitrag wäre an Mütter gerichtet. Schon der Titel würde vermutlich für Irritationen sorgen: Mütter kümmern sich um ihre Kinder, sie „bespaßen“ sie nicht. Und erst recht „chillen“ sie nicht dabei. Oder?
Stell dir vor, die fliegst mit einem Flugzeug. Es muss notlanden und ein Feuer bricht aus. Was passiert? A) Die Leute erkunden sich nach dem Befinden ihres Sitznachbarn, helfen Schwachen und Verletzten und lassen einander an den Notausgängen den Vortritt. Oder B) Alle versuchen so schnell wie möglich, das Flugzeug zu verlassen, Schwache, Alte und Kinder werden überrannt, es bricht Panik aus. Welches Szenario wird passieren?
Nähe in Zeiten von COVID-19 ist eine ambivalente Sache. Rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie finden wir es bedenklich, wenn auf der Straße mehrere Menschen ohne Mund-Nasenbedeckung nah beieinander stehen. Von Homeoffice und Homeschooling strapazierte Eltern ersehnen oft nur eines: endlich einmal wieder Zeit allein. Und zuviel Nähe, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln, macht uns Angst. Zugleich schleicht sich bei vielen die Sehnsucht ins Herz: ach, wäre es schön, Freunde wieder unbefangen zu umarmen – oder im Café mit ihnen Zeit verbringen zu können. Und Alleinstehende wünschen sich, überhaupt wieder einmal berührt zu werden…