Familie, Gesellschaft

Corona 2021: Was brauchen Familien in der Pandemie wirklich? (#elfmillionenstimmen, #familieninderkrise)

Grafik: Familie mit Mund-Nasen-Bedeckung

Wieviel Politik passt in einen Elternblog? Ich lese in den sozialen Medien und erfahre in Gesprächen, wie erschöpft, frustriert oder gar verzweifelt Eltern gerade sind. Aber oft formulieren sie dies mit einer gewissen Ergebenheit, fast Resignation. Es sei eben so. Pandemie eben. Dass aber auch unser Umgang mit dieser Pandemie und ganz konkret die Entscheidungen derjenigen, die aktuell in Bundestag und Landtagen unser Land regieren, mit zu diesem Mix aus Frustration, Erschöpfung und Überforderung beitragen, wird kaum thematisiert.

Ich trage als Mutter und auch in meinem Beruf als Lehrerin Verantwortung und weiß, dass es nicht einfach ist, Führung zu übernehmen. Allen recht machen kann frau es dabei ohnehin nicht. Aber was ich tun kann, wenn ich durch meine Entscheidungen über das Leben vieler anderer bestimme und entsprechend große Verantwortung trage: ich kann ihnen zuhören, ihre Bedürfnisse und auch ihre Kompetenz ernst nehmen und mich durch diese Rückmeldungen durchaus auch in meinen Entscheidungen beeinflussen und gegebenenfalls korrigieren lassen. Diese Bereitschaft wünsche ich mir von den Erzieherinnen und Erziehern sowie Lehrerinnen und Lehrern meiner Kinder – aber auch von Politikern, Expertinnen und sonstigen Entscheidungsträger/innen, die durch ihre Beschlüsse unser Leben in dieser Pandemie bestimmen.

5 Forderungen, die ich als Mutter an die Politik stelle

Ich erwarte als Mutter, Wählerin und gesellschaftlich engagierte Frau bei der Bekämpfung dieser Pandemie seitens der Politik folgendes:

1) Die Bereitschaft, Menschen ernst zu nehmen, die nicht über 50, männlich, weiß und wohlhabend sind.

Ich erlaube mir an dieser Stelle, meine Position etwas polemisch zu formulieren. Denn wenn ich mir seit Beginn der Pandemie den Umgang mit jungen Menschen und ihren Familien, mit Frauen und auch Menschen, die außerhalb unserer Leistungsgesellschaft stehen, ansehe, graust es mich leider.

  • Für Kinder und Jugendliche gelten bis heute vielerorts strengere Auflagen als für Erwachsene, was Hygienevorschriften und Kontaktbeschränkungen angeht. Während Büros und zum Teil auch der Einzelhandel geöffnet bleiben, schließen und öffnen Schulen und Kindergärten inzwischen scheinbar nach Belieben.
  • Eltern wird neben der Betreuung ihrer Kinder die Arbeit im HomeOffice aufgebürdet, wobei Mütter neben ihrer Berufstätigkeit oft den Löwenanteil der Kinderbetreuung übernehmen. Vor allem Alleinerziehende geraten dadurch an die Grenzen ihrer Kräfte.
  • Kinder sehen im Distanzunterricht oft wochenlang ihre Freunde nicht und sind mit einem völlig neuen Tagesablauf konfrontiert, sollen aber dennoch volle (schulische) Leistung bringen.
  • Eigenständiges digitales Lernen wird ohne Unterschied von allen verlangt – nach einem Jahr Pandemie nachwievor bei völlig ungleich verteilten Ausgangsbedingungen zuhause und seitens der betreuenden Lehrkräfte.

Wir brauchen seit einem Jahr Antworten auf die folgenden Fragen:

  • Wie und wo kann Unterricht kontinuierlich, ohne volle Klassen und sozial gerecht stattfinden? Denn all das ist momentan nicht gegeben.
  • Was unterstützt Eltern, Erzieherinnen und Erzieher und Lehrkräfte, aber auch Ärzt/innen und Pflegepersonal, Menschen also, die die Fürsorgearbeit innerhalb unserer Gesellschaft übernehmen, wirklich? Wie können Personalmangel beseitigt und unterstützende Arbeitsbedingungen geschaffen werden? 
  • Und nicht zuletzt: was hilft medizinisch gegen Covid-19 in der Praxis außer Impfungen, so dass es möglichst gar nicht erst zu vielen schweren Verläufen kommt? Wie ansteckend sind (kleine) Kinder wirklich und an welchen Orten verbreitet sich das Virus besonders stark? Solange wir hier keine flächendeckenden Studien haben, bleiben auch Maßnahmen gegen die Verbreitung von Covid-19 wenig wirkungsvoll. Um das zu erkennen muss man keine Epidemologin sein.

Elterninitiativen, Berufsverbände und (Kinder-) Ärzte bringen diese Problematik seit Beginn der Pandemie immer wieder zur Sprache, aber ihre Kritikpunkte und Forderungen verhallen seltsam ungehört. Kinder, Frauen und sozial Benachteiligte haben in unserer Gesellschaft schlicht keine Lobby und finden im öffentlichen Diskurs dementsprechend wenig Gehör, das zeigt sich in dieser Pandemie schmerzhaft.

2) Ich fordere, dass endlich auch seitens der Politik eingestanden wird, dass durch die zum Teil krude Inkonsistenz der Maßnahmen die Erkrankung seit inzwischen über einem Jahr eher „verwaltet“ und weiter verbreitet als tatsächlich eingedämmt wird – und das oft auf dem Rücken von Kindern und ihren Eltern.

Drei Beispiele von vielen:

  • Warum werden inzwischen bereits Kindergartenkinder regelmäßig getestet und Schüler/innen dürfen ohne Test in einigen Bundesländern nicht einmal mehr am Unterricht teilnehmen und damit ihr Recht auf Bildung wahrnehmen, in Büros ist das Testen aber weiterhin freiwillig?
  • Warum wird zunächst aufgrund von Inzidenzzahlen zwischen 50 und 100 ein harter Lockdown gefordert, wenige Monate später sollen Schulen bei weitaus höheren Werten dann aber wieder geöffnet werden? Bloß, um wenig später wegen weiter steigender Fallzahlen wieder geschlossen zu werden…
  • Warum schließlich dürfen Kinder und Jugendliche seit Monaten ihren Hobbys und Interessen in AGs, Orchestern oder Sportvereinen trotz ausgefeilter Hygienekonzepte nicht oder nur sehr eingeschränkt nachgehen, die Proteste diverser Handelsverbände führten vor Ostern jedoch dazu, dass die Kanzlerin sich öffentlich dafür entschuldigte, an Gründonnerstag aus Pandemiegründen einen einzigen zusätzlichen Feiertag geplant zu haben…

3) Ich fordere, dass der Fokus auf unsere Möglichkeiten und bereits positiv Erreichtes in dieser Pandemie gerichtet wird, statt die Gefahr nonstop zu thematisieren und damit Menschen noch zusätzlich zu verunsichern.

Mich interessiert zum Beispiel:

  • wie viele schwere Verläufe konnten durch besonnenes und engagiertes Handeln von Mediziner/innen und Pflegenden verhindert werden? Welche erfolgsversprechenden Behandlungsmethoden gibt es?
  • Wie viele an Covid-19 Erkrankte sind inzwischen wieder genesen?
  • Und wie viele Menschen tragen seit Monaten unter höchster Kraftanstrengung die Maßnahmen mit und engagieren sich für ihre Mitmenschen?

Statt ermutigender, motivierender Nachrichten eine Schreckensmeldung nach der nächsten und der fast schon zwanghafte Fokus auf Inzidenzwerte und Neuansteckungen. Dass eine junge österreichische Ärztin seit Monaten ihre Patient/innen mit einem gegen Asthma zugelassenen Medikament offenbar erfolgreich gegen Covid-19 behandelt, blieb lange eine Randnotiz. Erst als Mediziner und SPD-Politiker Karl Lauterbach das Thema aufgriff, erhielt die Meldung breite Aufmerksamkeit. Ebenso wenig beachtet blieb eine Studie der Universitätsmedizin Münster von Ende letzten Jahres, die ergab, dass schwere Covid-19-Erkrankungen unter Menschen, die regelmäßig engen Kontakt zu kleinen Kindern haben, relativ selten vorkommen. Kinder tragen offenbar häufig ein (harmloses) Corona-Erkältungsvirus in sich und übertragen dieses an Eltern und Erzieher/innen. Dadurch entsteht bei diesen wohl eine gewisse Immunität auch gegen Covid-19. Dennoch werden Kindergärten und Grundschulen vielerorts gerade wieder geschlossen oder laufen im Notbetrieb und kleine Kinder werden als heimliche, da potentiell symptomlose, Pandemietreiber kritisch beäugt.

Selbstverständlich: das Virus ist gefährlich – erst recht mit den nun weltweit auftretenden Mutationen. Aber ganz ehrlich: würde ich auf diese Weise versuchen, meine Schülerinnen und Schüler bei Laune zu halten und über Monate zu motivieren, würden sie mir wohl einen Vogel zeigen. Angst und Druck als „Motivation“ für soziales Verhalten funktionieren – wie man auch gesellschaftlich sieht – eine Weile, erzeugen aber letzlich Lähmung und Gegendruck. Nicht gerade der vielversprechendste Weg um einer Herausforderung wie dieser weltweiten Pandemie dauerhaft gewachsen zu sein..

4) Ich fordere, dass Machtgerangel, Prestigedenken und das Bestehen auf einen richtigen Weg in einer so komplexen Situation wie der, in der wir uns gerade befinden, keinen Platz haben.

Es ist eine Frage der Vernunft, dass wir diejenigen fragen, die aus der Praxis heraus wissen, was sinnvoll ist (Pflegende und Ärzt/innen oder in Bezug auf Schulen und Kindergärten Erzieher/innen und Lehrer/innen). Und dass diese Expert/innen nicht nur gefragt, sondern ihre Antworten von politischer Seite aus auch ernst genommen werden und endlich entsprechend gehandelt wird.

Wer sucht hier wirklich nach Lösungen und nimmt die Antworten, die von Praktikern bereits gegeben wurden, ernst?

5) Ich fordere schließlich, dass Eltern, die durch ihre Erwerbstätigkeit und parallel die Betreuung ihrer Kinder tatsächlich Säulen unserer Gesellschaft und „systemrelevant“ sind, auch so behandelt werden.

Eltern brauchen:

  • Planungssicherheit, also zum Beispiel in Kindergärten und Schulen die Information seitens der Ministerien über geänderte Öffnungszeiten sowie Präsenz- oder Distanzunterricht nicht erst Freitag Nachmittag für die darauffolgende Woche, sondern schon Mitte der Vorwoche. Berufstätige Eltern müssen eigene Termine um den Alltag ihrer Kinder herum koordinieren. Zwei bis drei Tage Vorlauf für berufliche und private Absprachen würden hier bereits viel erleichtern.
  • Vollen Gehaltsausgleich bei pandemiebedingten Kinderkrankentagen aufgrund von Quarantäne oder ausfallender Betreuung. Besonders Geringverdienende und Alleinerziehende sind sonst aus finanziellen Gründen gar nicht in der Lage die Kinderkrankentage in Anspruch zu nehmen und geraten somit zusätzlich unter Druck.
  • Priorisierung von Familien in der epidemiologischen Forschung. Es muss endlich in großen Studien untersucht werden, wie effektiv zum Beispiel der Wechsel aus Distanz- und Präsenzunterricht, die verpflichtenden Testungen in der Schule und auch die strikten Hygienevorschriften bezüglich Masken, Abstand und festem Sitzplatz selbst im Grundschulunterricht, für die Pandemiebekämpfung wirklich sind. Ein Vorgehen, das für die Kinder und Eltern und auch für die Unterrichtenden auf Dauer so kräftezehrend ist, kann nur gerechtfertigt sein, wenn seine Wirkung tatsächlich belegt ist.

Es ist schlicht ein Unding, dass Mütter und Väter – darunter Alleinerziehende besonders – durch Home Office, Homeschooling und die ewige Unsicherheit aufgrund sich ständig ändernder politischer Entscheidungen seit Monaten zermürbt werden. Obwohl wir selbst später auf die Fürsorge und Umsicht unserer Kinder angewiesen sein werden, behandeln wir alles, was mit Fürsorgearbeit zu tun hat, höchst stiefmütterlich.

Nicht von Solidarität reden – solidarisch handeln

Als Eltern sorgen wir für die Generation, die später unsere Rente bezahlen soll und die mit Themen wie dem Klimawandel, weltweitem Bevölkerungswachstum, einer aggressiven globalen Wirtschaft und immer knapper werdenden Ressourcen wird umgehen müssen. Alles Themen, die momentan massiv in den Hintergrund gedrängt werden. Stetiges wirtschaftliches Wachstum und Leistungsoptimierung, unter anderem auf Kosten von Familien, ist aber kein tragfähiges Konzept für eine Zukunft, wie sie unsere Kinder erwartet. Dies außer Acht zu lassen, ist nicht nur ignorant allen gegenüber, die in dieser Zukunft leben müssen, sondern gefährdet unsere Umwelt, uns selbst und langfristig den sozialen Frieden innerhalb unserer Gesellschaft.

Für meine Kinder möchte ich eine Gesellschaft, und damit Politikerinnen und Politiker als deren Vertreter, die nicht nur von Solidarität und Fürsorge reden, sondern tatsächlich solidarisch handeln. Im Sinne derjenigen, die das Fundament und die Zukunft unserer Gesellschaft bilden: der Kinder, ihrer Eltern und aller Menschen, die in diesem Land täglich beruflich und privat Sorge für andere tragen.

Was ist Eure Meinung? Teilt ihr meine Forderungen oder gibt es andere Punkte, die euch wichtig erscheinen? Schreibt mir gerne!

Herzlichen Gruß

Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

Ich spreche hier als Einzelperson, möchte aber dennoch auf zwei Initiativen hinweisen, die sich in der Pandemie für die Belange von Eltern und Kindern einsetzen:

#Elfmillionenstimmen ist eine relativ neue Initiative dreier Eltern, die damit seit Anfang 2021 eine Plattform schaffen wollen, um den rund 11,4 Millionen Familien in Deutschland bei politischen Entscheidungen bezüglich der Pandemie eine Stimme zu geben. Sie rufen dazu auf, Abgeordnete direkt anzuschreiben und fordern unter anderem eine konsequentere Umsetzung der Maßnahmen auch seitens der Wirtschaft.

#Familieninderkrise ist eine bundesweite Bewegung von Eltern, die sich bereits im Frühjahr 2020 zusammengefunden hat. Sie ist seit dem zweiten Lockdown im Winter 2020/21 gemeinsam mit der Initiative #kinderbrauchenkinder als Verein unter dem Namen Initiative Familien organisiert. Nach eigener Aussage setzen sich die darin engagierten Eltern ehrenamtlich, unabhängig und überparteilich für die Bedürfnisse und Rechte von Familien, Kindern und Jugendlichen ein. Die Initiative wünscht den kritischen Austausch über Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie, ebenfalls mit der Absicht, Eltern und ihren Kindern eine Stimme zu geben.

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[Foto: Pixabay]

2 Gedanken zu „Corona 2021: Was brauchen Familien in der Pandemie wirklich? (#elfmillionenstimmen, #familieninderkrise)“

  1. Hi Sarah, danke für den ausführlichen Beitrag. Insbesondere die Thematik „Schule und Betreuung“ spricht mich hier an. Während für den Handel ständig neue kreative Konzepte gefunden werden (Click&Collect, Terminvergabe, etc) versucht man Schule und Betreuung stur weiterzufahren. Dieselbe Menge, dieselben Inhalte, dieselben Bewertungsmaßstäbe. Die einzige Kreativität war „Halbierung der Klassenstärke“, ein verkorkstes „Schulisch angeleitetes Lernen von zu Hause“ (zumindest bei den beiden Schulen, wo ich das beurteilen kann) und eine dämliche Aufgabenverteilungsplattform. Ein höherer Präsenzanteil ist wichtig, denn damit erschlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer Klappe. Und dann sollte man noch überdenken, was denn in Pandemie-Zeiten wirklich vermittelt werden muss. Mein Sohn hat sich sich beispielsweise tagelang mit Griechischen Göttern herumgeschlagen, die Tochter bekommt einen Text von Brecht vor die Nase geknallt. Muss das ein? Ist das so entscheidend? Der Klassenlehrer bekam es nach zwei Wochen Osterferien nicht auf die Rille, die Kinder mal für 30 Minuten in einen Call zusammenzurufen. Um einfach mal zu fragen: Seid ihr noch da? Wie geht es euch denn? Wie gestalten wir die nächsten Wochen? Etc.
    Und dann kann man mal drüber nachdenken, welcher Stoff in welcher Situation vermittelt wird. Meine Tochter war nach 18 Wochen das erste Mal wieder in der Schule und was haben die Kids dann da teilweise gemacht? Arbeitsblätter ausgefüllt!!!

    Gefällt 1 Person

    1. Ja, never change a failing system. Oder so…😉 Nun, das ist jetzt etwas sarkastisch, aber die Punkte, die du beschreibst, sehe ich leider auch. Dass Pädagogik mehr ist als Wissensvermittlung, müsste eigentlich selbstverständlich sein, ist es aber gerade in weiterführenden Schulen leider immer noch oft nicht. Gab/Gibt es denn im Gegenzug auch Positives an der Homeschooling-Front? (Um mal den Fokus darauf zu richten…)
      Lg, Sarah

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