Familie, Gesellschaft

Mom’s Power: Warum unsere Gesellschaft starke Mütter braucht – und wie wir sie bekommen

Frau, die Wischmopp wir ein Mikrophon hält.
Wischmopp, Wok und Windelnwechseln? – Wir Mütter können mehr.

Die Macher der Herrenzeitschrift Men’s Health veröffentlichten vor kurzem die erste Ausgabe eines Online-Magazins für Väter. Der Aufhänger: „So bespaßt du die Kids und kannst gleichzeitig chillen“. Im Artikel wird den (männlichen) Lesern „horizontal parenting“ empfohlen – zu deutsch: Leg dich hin und lass die Kinder machen! Durchaus brauchbare Tipps, wie das Spielen mit Kindern möglich ist, ohne sich als Eltern zu verausgaben. Ich stelle mir nur vor, ein ähnlicher Beitrag wäre an Mütter gerichtet. Schon der Titel würde vermutlich für Irritationen sorgen: Mütter kümmern sich um ihre Kinder, sie „bespaßen“ sie nicht. Und erst recht „chillen“ sie nicht dabei. Oder?

Die Last mit Haus und Kind

Warum eigentlich nicht? Warum nicht die Kinder, wie es das Magazin vorschlägt, als Ninja-Kämpfer lautlos an uns vorbeischleichen lassen („wer gehört wird, hat verloren“), während wir als Mütter auf dem Sofa ruhen? Oder uns als „Pizza“ von Kinderhänden durchkneten zu lassen und dabei eine Rückenmassage zu genießen? Was Papas können – spielen und dabei selbst Spaß haben – können Mamas auch. Machen wir bloß noch viel zu selten. Und selbstbewusst darüber schreiben, dass wir mal „faul“ sind und „keinen Bock“ haben, tun wir auch noch kaum. 

Dies gilt auch für die sonstigen Aufgaben, die sich im Alltag mit Familie ständig wiederholen. Jacinta Nanti, zweifache Mutter, bezeichnet sich in ihrem Ende 2020 erschienenen Buch als „schlechteste Hausfrau der Welt“. Ihr Essay wird als feministischer Befreiungsschlag gefeiert. Ein Buch, in dem ein Vater gesteht, dass er Hausarbeit nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen zählt, würde dagegen wohl eher als „traurige Realität“ verbucht. 

Dabei ist auch das (zum Glück) ein Klischee, denn in gar nicht wenigen Familien engagieren sich auch Väter inzwischen in der FamilienarbeitWas bremst Frauen und Mütter dennoch aus?

Mütter machen dieselbe Arbeit wie Männer, aber die Hälfte davon unbezahlt…

Immer noch übernehmen Frauen trotz Berufstätigkeit den größeren Teil der (unbezahlten) familiären Haus- und Fürsorgearbeit. Wie Studien des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) sowie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) im Rahmen des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 ergaben, leisteten sowohl Väter als auch Mütter während des Lockdowns neben ihrer Berufstätigkeit mehr Familienarbeit, Mütter engagierten sich allerdings, obwohl sie ihre Erwerbstätigkeit nur geringfügig verringerten, pro Tag rund 3,5 Stunden mehr als Väter innerhalb der Familie (Mütter 7,5h, Väter 4h). Das Ungleichgewicht bestand, wenn auch weniger ausgeprägt, schon vor dem Lockdown: Mütter leisteten neben ihrer (meist Teilzeit-) Berufstätigkeit im Durchschnitt rund 14 Stunden mehr Familienarbeit pro Woche als Väter. Die Gesamtarbeitsbelastung (Berufstätigkeit und Arbeit zuhause) von Mütter und Vätern war vor dem Lockdown etwa gleich, Frauen wurden – und werden – aber nur für rund die Hälfte dieser Arbeit bezahlt, während bei Männern die Erwerbstätigkeit den überwiegenden Teil der Zeit ausmacht. Die bekannten Folgen: Gender Pay Gap (Frauen verdienen deutlich weniger als Männer), Mother Penalty (Mütter verdienen spätestens nach dem zweiten Kind deutlich weniger als kinderlose Frauen) und daraus resultierend häufig Altersarmut von Müttern. Fair geht anders…

Mütter denken an alles und verausgaben sich bei der Organisation des Alltags

Frauen übernehmen zudem innerhalb der Familie häufig den Großteil der Planung, Organisation und Koordination (Mental Load). Viele Väter helfen mit und fühlen sich für das Unterhaltungsprogramm am Wochenende zuständig, denken aber zum Beispiel nicht an das Freundschaftsalbum des Grundschulkindes oder das nachzukaufende Klopapier. Wie Laura Fröhlich, Autorin des Buches „Die Frau des Lebens ist nicht das Mädchen für alles“ zum Thema „Mental Load“ schreibt, ändert sich an diesem Ungleichgewicht innerhalb von Partnerschaften nichts, solange der Mann die Frau lediglich auf Zuruf unterstützt: „Wer sich nicht verantwortlich fühlt, „hilft“, indem er dem anderen auf dessen Bitte hin einen Gefallen tut. Das bedeutet aber auch, dass das nicht seine Aufgabe ist.“ In einer Beziehung, in der der Mental Load gerecht verteilt ist, müssen sich beide verantwortlich fühlen und gleich gut informiert sein. Für uns Mütter bedeutet die gerechte Aufteilung des Mental Load auch, loszulassen. So wenden sich Außenstehende dann vielleicht an den Vater, um mit ihm Dinge wie die Geburtstagseinladung des Kindes oder die Wechselklamotten im Kindergarten zu besprechen. Nicht für alles Ansprechpartnerin zu sein, heißt, Kontrolle abzugeben und darauf zu vertrauen (und vertrauen zu können), dass andere „unsere“ Aufgaben in Familie und Haushalt genauso gut erledigen wie wir selbst.

Mütter werden von ihrem Umfeld ständig bewertet

Dass wir uns als Mütter überhaupt so verantwortlich für familiäre Aufgaben fühlen, liegt auch an unserem Umfeld. Die gesellschaftliche Erwartung an Frauen in Bezug auf familiäre Aufgaben ist einfach höher („Eine gute Mutter backt den Kuchen für das Kita-Sommerfest selbst“, „Eine gute Mutter liest ihren Kindern jeden Abend vor“) und zugleich kämpfen Mütter im Beruf immer noch stärker als Väter darum, wegen ihrer Kinder keine Nachteile in Kauf nehmen zu müssen. Laura Fröhlich verweist hier auf den „Muttermythos“, der uns Frauen suggeriert, als Mutter seien wir automatisch fürsorglich und selbstlos und gingen darin auf, unermüdlich und ausschließlich für unsere Familie da zu sein. Das schließt berufliche Ambitionen in den Augen vieler aus. Die New Yorker Comedian und Autorin Sarah Cooper bringt es in ihrer treffenden Satire „Wie du erfolgreich wirst, ohne die Gefühle von Männern zu verletzen“ auf den Punkt: der vierfache Familienvater bekommt den Job, weil er nach Ansicht des Arbeitgebers für seine Familie sorgen muss. Die vierfache Mutter wird gefragt, wie sie neben ihrem Job für ihre Familie sorgen wolle – und bekommt daher den Job NICHT… Dass dies (leider) keine Fiktion ist, zeigt unter anderem Rechtsanwältin Sandra Runge, Mitinitiatorin der Aktion #Proparents, die immer wieder mit Diskriminierung von Eltern – und speziell Müttern – im Beruf konfrontiert war und mit ihrer Initiative sowie einer Bundestagspetition aktuell dagegen vorgeht.

Werbung und Medien feiern Mütter als selbstlos oder sexy

Schließlich transportieren Medien und Werbeanzeigen auch heute noch oft ein rückschrittliches Frauenbild, indem Frauen wahlweise auf ihre Fürsorglichkeit oder ihre körperliche Erscheinung reduziert werden. Dass bestimmte Aussagen und Bilder sexistisch sind und Geschlechterstereotypen verfestigen, fällt uns oft erst auf, wenn wir sie „umdrehen“ und an die Stelle der Frau einen Mann setzen oder umgekehrt. Ein Mann, der seinem Bankberater Haushalt und Familie als sein „kleines Familienunternehmen“ vorstellt, wie es ein Werbeclip der Firma Vorwerk noch 2006 suggeriert, kommt uns ebenso absurd vor, wie Männer, die für Anti-Aging Hautcremes oder körperformende Unterwäsche werben. Umgekehrt machte die Marke Axe lange mit einem Mann Werbung, dem die Frauen dank Deodorant quasi „zuflogen“ – ein Bild, das mit einer Frau im Mittelpunkt wohl auch heute noch eher als Persiflage denn als Werbung wahrgenommen würde.

Was hilft gegen Sexismus und Geschlechterklischees?

Was also können wir tun, um subtilen Sexismus und die ewig gleichen Geschlechterklischees zu entschärfen und damit Frauen – und Mütter – zu stärken?

Diskriminierung sichtbar machen.

Zuerst einmal müssen wir hinsehen und benennen, was schief läuft. Das tun Initiativen wie #Pinkstinks, #MeToo oder eben aktuell #Proparents, aber auch seit Jahren die Zeitschrift EMMA, die in jedem Heft in mehreren Kurzporträts beeindruckende weibliche Rolemodels vorstellt (darunter immer wieder auch Mütter), besonders sexistische Werbeanzeigen anprangert und sich dafür einsetzt, Geschlechterstereotypen zu hinterfragen und sich als Frau nicht auf die eigene Weiblichkeit reduzieren zu lassen.
Wir können aber auch selbst im Alltag Diskriminierung sichtbar machen und uns mit anderen Müttern solidarisch zeigen. Andere Frauen und Mütter zu ermutigen statt sie zu verurteilen ist ein erster wichtiger Schritt. Fällt uns darüber hinaus auf, dass eine andere Mutter oder wir selbst benachteiligt werden, sollten wir dies nicht still hinnehmen, sondern die Diskriminierung benennen und uns gegebenenfalls juristischen Rat holen. Perfiderweise findet Benachteiligung von Müttern ja häufig dort statt, wo wir sie eigentlich nicht erwarten. Die eigentlich freundliche Chefin, dir uns „rät“, uns mit der Führungsaufgabe als junge Mutter nicht zu überlasten. Der Lebensgefährte, der behauptet, nur wir seien kompetent genug, das Kind ins Bett zu bringen, den Kontakt zu den anderen Eltern im Kindergarten zu halten oder den Trockner anzustellen. Diskriminierung von Müttern geschieht oft tatsächlich eher „nebenbei“ und ist gerade deswegen nicht immer leicht zu benennen. Denn wir wollen nicht unfreundlich sein, uns nicht „anstellen“ und haben die Spitze gegen uns vielleicht auch falsch verstanden?

Forderungen stellen

Das bringt mich zum nächsten Punkt, was wir tun müssen, wenn wir die Benachteiligung von Müttern beenden wollen: wir kommen nicht darum herum, mit denen zu reden, die sexistisch und/oder diskriminierend handeln. Ihnen gegenüber müssen wir klare Forderungen stellen. Das ist einerseits in Partnerschaften relevant, wo einer sich gegebenenfalls einfach daran gewöhnt hat, dass der andere an alles denkt. Hier Schieflagen zu benennen und neu zu verhandeln ist anstrengend, kann aber der Anfang einer wirklich gleichberechtigten Partnerschaft sein. Und auch im Beruf müssen wir Frauen klarer benennen, was wir wollen und Forderungen stellen. Falls wir tatsächlich diskriminiert werden, hilft es, wenn wir uns mit anderen in unserer Situation zusammenschließen und laut und deutlich Veränderungen fordern. Seit Anfang 2021 engagiert sich hier zum Beispiel die deutschlandweite Initiative #Proparents für die Rechte von Eltern im Beruf und fordert aktuell eine Änderung des AGG, in dem Sinn, dass dieses die Diskriminierung aufgrund von Elternschaft, z.B. bei einer Kündigung direkt nach der Elternzeit, explizit benennt.

Gegenentwürfe schaffen.

Schließlich können wir durch unser Handeln aktiv Geschlechterklischees in Frage stellen und ein neues Frau- und Muttersein leben. Indem wir aufhören, uns beim Versuch, die „perfekte Mutter“ zu sein, zu verausgaben und anderen Müttern (und Vätern) zeigen, dass wir als Frauen und Mütter über das Private hinaus an gesellschaftlicher Gestaltung interessiert sind. Mütter kleiner Kinder sind in der Politik noch immer Exotinnen, aber es gibt sie. Das zeigt zum Beispiel dieser Dokumentarfilm über junge Politikerinnen oder auch eine gerade auf dem Blog mamaundgesellschaft.de gestartete Interviewreihe mit Müttern, die sich politisch engagieren. Und im Beruf erfolgreiche Frauen wie zum Beispiel die neuseeländische Ministerpräsidentin Jacinda Ardern, Astronautin Insa Thiele-Eich oder Annalena Baerbock, Vorsitzende der Grünen, haben durchaus (kleine) Kinder. Aber auch ohne gleich ein Land zu lenken oder ins Weltall zu fliegen, können wir uns mit anderen Müttern vernetzen und uns gegenseitig stärken. Netzwerke wie die (Online-) Communitys mamameeting oder New Work Moms, aber auch der bereits seit Jahren bestehende Verband deutscher Unternehmerinnen machen es vor. Eine Übersicht der Frauennetzwerke verschiedener Branchen bietet zum Beispiel die Seite businessladys.de.

Mehr als Kosmetik – echte Gleichberechtigung für Mütter

Gleichberechtigung für Mütter beschränkt sich nicht darauf, die Blümchenschürze beim Cupcake-Backen zu hinterfragen. Echte Gleichberechtigung für Mütter heißt, dass wir zu sehen beginnen, was Frauen und Mütter täglich leisten. Dass wir als Mütter denjenigen, die im Beruf und zum Teil auch im Privaten über uns entscheiden, so lange auf die Nerven gehen, bis wir dasselbe Mitspracherecht und dieselben Gestaltungsmöglichkeiten wie Väter (und Männer überhaupt) haben. Und dass wir selbstbewusst dafür einstehen, als Mutter Raum einnehmen und Forderungen stellen zu dürfen. Für uns selbst. Aber letztlich auch für alle, die mit uns leben und auf uns angewiesen sind. Wir tragen die Verantwortung für die Generation, die morgen Politik machen wird, unsere Rentenbeiträge zahlt und für uns sorgen wird, wenn wir alt sind. Wir leben unseren Kindern vor, was Frau- und Muttersein bedeutet und prägen, wie sie wiederum ihr Mutter- oder Vatersein leben werden. Wir legen jetzt durch unser Handeln die Weichen dafür, wie unsere und die Zukunft unserer Kinder aussehen wird. Geht es uns Müttern gut, geht es auch der Gesellschaft gut. Das zu begreifen ist meiner Meinung nach nicht nur für uns Mütter essentiell.

Herzlich, Sarah Zöllner (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, Autorin für Familienthemen und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes.

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[Foto: Pixabay]

5 Gedanken zu „Mom’s Power: Warum unsere Gesellschaft starke Mütter braucht – und wie wir sie bekommen“

  1. Liebe Sarah,

    du sprichst viele wichtige Punkte an. Danke für diese Zusammenfassung und die reichhaltige Verlinkung. Ich lese immer wieder gerne deine Artikel!

    Herzliche Grüße,
    Aura von mamaundgesellschaft.de

    Gefällt mir

  2. Liebe Sarah,
    vielen Dank für diesen sehr guten Beitrag. Er trifft den Nagel auf den Kopf.
    Leider ist es genau so.
    Ich habe mich – aber auch mein Umfeld sehr gut wiedererkannt.

    LG Miriam

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