Gesellschaft, Politik

Nähe in Zeiten der Pandemie. Sind wir uns selbst die Nächsten?

Schokoladen-Osterhase mit Mundnasenschutz.

Nähe in Zeiten von COVID-19 ist eine ambivalente Sache. Rund ein Jahr nach Beginn der Pandemie finden wir es bedenklich, wenn auf der Straße mehrere Menschen ohne Mund-Nasenbedeckung nah beieinander stehen. Von Homeoffice und Homeschooling strapazierte Eltern ersehnen oft nur eines: endlich einmal wieder Zeit allein. Und zuviel Nähe, zum Beispiel in öffentlichen Verkehrsmitteln, macht uns Angst. Zugleich schleicht sich bei vielen die Sehnsucht ins Herz: ach, wäre es schön, Freunde wieder unbefangen zu umarmen – oder im Café mit ihnen Zeit verbringen zu können. Und Alleinstehende wünschen sich, überhaupt wieder einmal berührt zu werden…

Die zwei Seiten menschlicher Nähe

Menschlicher Kontakt und Nähe in Form von körperlicher Berührung ist ein Grundbedürfnis. Kinder, die mit zu wenig körperlicher Zuwendung aufwachsen, entwickeln seelische Auffälligkeiten und Erwachsene, die lange Phasen sozialer Isolation erleben müssen, reagieren darauf in vielen Fällen ebenfalls mit psychischen und psychosomatischen Symptomen. Während das selbst gewählte Alleinsein wohltuend sein kann, macht dauerhafte unfreiwillige Einsamkeit erwiesenermaßen krank.

Andererseits ist auch erzwungene Nähe ein Stressfaktor und kann zu psychischen und physischen Problemen führen. Die Erfahrung mit Häftlingen in überbelegten Gefängnissen, wie z.B. der JVA Stuttgart-Stammheim, zeigt, dass diese, wenn sie mit mehreren nicht selbst gewählten Zellengenossen dauerhaft auf engem Raum zusammenleben müssen, verstärkt aggressiv gegen andere und sich selbst reagieren. Manche Familien, die durch Homeoffice und Homeschooling seit Monaten aufeinander sitzen, machen wohl ähnliche Erfahrungen. Nicht umsonst stieg die Scheidungsrate von Paaren nach dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 merklich an. Auch häusliche Gewalt nahm während des Lockdowns in beunruhigender Weise zu. 

Viele Menschen – eine latente Gefahr? 

Die Anwesenheit vieler anderer wird in Zeiten der Pandemie zudem als latent bedrohlich empfunden. In Supermärkten oder öffentlichen Verkehrsmitteln, wo wir gezwungenermaßen aufeinandertreffen, meinen wir, uns mit Maske und Abstand vor allen anderen schützen zu müssen, beziehungsweise diese vor uns zu schützen. Nicht mehr nur die unerwünschte Berührung unter Fremden, sondern bereits ein Übertreten des Mindestabstands wird von vielen mittlerweile als Rücksichtslosigkeit und sozial inadäquates Verhalten bewertet.

Das Gefühl, mit anderen, die wir nicht persönlich kennen, an einem Ort gemeinsam etwas Schönes zu erleben, wie es zum Beispiel bei Konzerten, im Fußballstadion oder auch bei einer öffentlichen Party der Fall war, fehlt dagegen momentan völlig. Auch Kinder können nicht mehr die Erfahrung machen, in einem Sportverein im Team zu spielen oder sich, wie noch bei den Fridays-for-Future-Demonstrationen 2019, an einem Ort gemeinsam für eine Sache zu engagieren. Statt dessen werden Konzerte und Gottesdienste, der Schulunterricht und sogar Demonstrationen als „Livestream“ organisiert, wobei auf der Ebene des physischen Kontaktes jeder für sich bleibt.

Seit einem Jahr leben wir in dieser „Neuen Normalität“…

All das leben und erleben wir nun bereits seit über einem Jahr – ohne echte Aussicht, dass sich dieser Zustand in naher Zukunft ändern wird. Wir nehmen es hin, arrangieren uns damit, empfinden es ein Stück weit vielleicht tatsächlich schon als „normal“, oder glauben, was uns eigentlich als höchst unnormal und wider unsere Bedürfnisse erscheint, aushalten zu müssen, weil es einem guten Zweck (dem Infektionsschutz, der Senkung der Fallzahlen) dient. Soweit so verständlich und in Bezug auf unsere soziale Absicht auch ehrenwert. 

Es bleibt die Frage: Was macht das alles mit uns? 

Schließlich ist der Umstand, wie nah wir jemandem physisch sind, auch nicht unbedeutend dafür, wie verbunden wir uns diesem Menschen – oder dieser Menschengruppe – fühlen. Nicht umsonst ist Sexismus in sogenannten „Männerberufen“ und in Unternehmen auf Vorstandsebene, wo kaum Frauen zu finden sind, oft stark verbreitet und Rassismus kommt in Landstrichen, in denen wenig Ausländer leben, paradoxerweise besonders häufig vor. Wo persönlicher Kontakt fehlt, scheint der Raum für Stereotype und Vorurteile der anderen Gruppe gegenüber gegeben zu sein. Was also macht es in Zeiten der Pandemie mit uns, wenn wir im Rahmen der Kontakt- und Reisebeschränkung vieles nur noch medial vermittelt „erleben“ und zu denen, die wir schützen wollen, sogar besonders konsequent auf Abstand gehen?

Lähmung statt Aufbruch

Eine Stimmung des Aufbruchs und des politischen Engagements breiter Bevölkerungsteile im Jahr 2019 ist fast vollständig dem lähmenden Gefühl gewichen, irgendwie funktionieren zu müssen, die Vorgaben weit entfernter Politiker/innen umsetzen zu müssen, wobei diese von den Konsequenzen ihrer Beschlüsse oft scheinbar kaum eine Ahnung haben. Durchhalten, warten, sich und die Nächsten zu schützen, bis – ja, bis was? Wachen wir alle irgendwann aus einem kollektiven Alptraum auf, fallen uns in die Arme und Corona ist vergessen?

Oder holt uns dann ein, was wir gerade komplett ausblenden und zu vergessen scheinen: Während wir von Entscheidung zu Entscheiden, von Lockdown zu Lockdown taumeln, immer nur mit dem Blick auf die nächsten, naheliegendsten Schritte, bleibt seltsam diffus, was geschehen wird, wenn die Pandemie erst einmal vorbei ist. 

Blindheit für existenzielle Bedrohungen

Eines der – wie ich sagen würde – drängendsten Probleme unserer Zeit, den globalen Klimawandel, behandeln wir momentan wie eine Randnotiz. Ja, ja, die Erde erwärmt sich. Ungebremster Konsum ist nicht dauerhaft möglich. Wir sollten den CO2-Ausstoß reduzieren, weniger Müll produzieren und sparsam mit unseren Ressourcen umgehen. Gleichzeitig shoppen wir online wie verrückt (die Läden vor Ort haben ja zu), rüsten digital auf (wen interessiert es, unter welchen Bedingungen all die Smartphones und Tablets produziert werden) und fahren wieder mit dem eigenen PKW statt mit Bus und Bahn (der Infektionsschutz schlägt den Klimaschutz). Wer übrigens unter welchen Bedingungen die Milliarden Einweg- und FFP2-Masken produziert, die aktuell zu Spottpreisen auf den Markt geworfen werden, interessiert uns ebenso wenig, wie die Frage, was nach Gebrauch mit ihnen geschieht.

All die Millionen, die momentan in die Entwicklung von Impfstoffen und die Rettung von „systemrelevanten“ Unternehmen gesteckt werden, fehlen (natürlich) an anderer Stelle. So plant zum Beispiel Gesundheitsminister Spahn in seiner Gesundheitsreform 2021, die Bezuschussung von sogenannter Verhinderungspflege für Angehörige behinderter Kinder zu kürzen. Dabei ist dies für die pflegenden Eltern oft die einzige Möglichkeit, für kurze Zeit Entlastung und Unterstützung zu finden. Schade nur, dass sich für ihre Belange offenbar gerade niemand interessiert. Diejenigen, die tatsächlich auf den COVID-Intensivstationen Schwerkranke pflegen, ächzen derweil unter 60-80 Stunden Schichten. Personalmangel in einem seit Jahren hemmungslos kaputtgesparten Gesundheitssystem… 

Die Kosten der Pandemie

Impfungen, kostenlose Corona-Tests und der Lohnausgleich im Quarantänefall werden uns auf lange Sicht natürlich auch nicht geschenkt. Vor kurzem erhielt ich ein Schreiben meiner privaten Krankenkasse, in der diese mir eine Zusatzversicherung anbot, mit der ich die aufgrund der Corona-Krise voraussichtlich drastisch erhöhten Altersbeiträge abfedern könne. 

Die Entwicklung von Impfstoffen über das bis Ende 2021 laufende 750-Millionen Subventionsprogramm der Bundesregierung finanzieren ja indirekt wir Steuerzahler/innen. Interessanterweise hinderte das Unternehmen wie Astra Zeneca offenbar nicht, zu planen, die Impfstoffe nur zeitlich begrenzt lizenzfrei zu Verfügung zu stellen. Es kann also gut sein, dass wir in wenigen Jahren den Pharmakonzernen den Impfstoff, dessen Entwicklung wir heute mit finanzieren, teuer abkaufen müssen. Außerdem würde ein Monopol auf Impfpatente bedeuten, dass Länder, die sich die teuren Original-Vakzine nicht leisten können, keine patentfreien Generika nutzen könnten und dadurch letztlich von der Möglichkeit zur Immunisierung ausgeschlossen wären. Empört uns das? Wird es überhaupt breit thematisiert? Ach was… 

Solidarisch nur im „Nahbereich“

Obwohl wir so wenig Nähe leben, leben wir doch sehr im „Nahbereich“ gerade. „Solidarisch“, aber letztlich vor allem froh, wenn wir die eigene Haut retten können. Fragt eigentlich noch jemand danach, wie es den Menschen in Moria oder den Geflüchteten auf dem Mittelmeer gerade geht? Oder der alleinerziehenden Mutter, die, an Corona erkrankt, nicht nur den Alltag mit ihren Kindern bewältigen muss, sondern aufgrund der Quarantänebestimmungen Hilfe innerhalb ihrer Wohnung eigentlich gar nicht annehmen darf? Auch das die seltsame Doppelbödigkeit der Pandemie-Maßnahmen: Wir sprechen von einer weltweiten Anstrengung, von gemeinsamem Engagement und Solidarität mit den Schwächsten. Aber die wirklich Schwachen scheinen uns doch nicht ganz so nah zu sein. Und bezüglich der ökonomischen, ökologischen und sozialen Folgen der Pandemie jenseits von Inzidenzzahlen scheinen zumindest einige der gegenwärtigen Entscheidungsträger/innen schlicht blind zu sein. 

Wir sind uns so nah und anderen so fern wie nie in dieser Pandemie – das ist vielleicht eine ihrer hässlichsten Nebenwirkungen – und eine Wahrheit, die wir in den Medien gerade selten hören. 

Nachdenkliche Grüße, Sarah (mutter-und-sohn.blog)

Die Autorin ist Lehrerin, freie Autorin und Mutter eines Babys sowie eines Kindergartenkindes. 

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[Foto: Pixabay]

8 Gedanken zu „Nähe in Zeiten der Pandemie. Sind wir uns selbst die Nächsten?“

    1. Danke dir!🙂 Ja, im Privaten haben wir tatsächlich Glück. Dafür bin ich dankbar. Hindert mich aber nicht daran, wahrzunehmen, was über mein kleines Privates hinausgeht und auch immer wieder darauf hinzuweisen. Ich hoffe, es fällt dauerhaft nicht nur mir oder dir auf. Und das meine ich einfach im menschenfreundlichen, achtsamen Sinn – in keiner Weise als „Verschwörungsgebell“, von dem ich mich sehr bewusst distanziere.
      Euch auch noch einen schönen Ostermontag!😊

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  1. Liebe Sarah, ich stimme Deinem nachdenklichen Beitrag zu, aber habe dennoch lange überlegen müssen, ob ich auf like klicke. Es macht mich immer traurig, wenn für Ignoranz und das nicht-erkennen-wollen von Fakten die Metapher der Blindheit benutzt wird. Ich bin tatsächlich im wortsinne blind und finde es sehr verletzend, wenn diese Eigenschaft so unbedacht als Synonym für diese negativen Dinge eingesetzt wird, die auf eine reflektierte, solidarische und eher übertrieben altruistische Person wie mich so gar nicht zutreffen. Ich weiß dabei natürlich, dass das niemand mit Absicht tut und vor allem keine bewusste Diskriminierung blinder Menschen dahintersteckt, aber weh tut es trotzdem jedes Mal.
    liebe Grüße ohne Anklage
    Lea

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Lea, herzlichen Dank für deinen Kommentar und dass du mich auf etwas hinweist, wofür ich, die ich mich eigentlich auch als bewusst und reflektiert empfinde, doch ignorant war. „Blind für etwas zu sein“ bedeutet in unserer Sprache tatsächlich, etwas nicht zu begreifen oder gar bewusst zu ignorieren. Danke, dass du mich darauf hinweist, dass du das als blinde Frau als diskriminierend empfindest. So gemeint war es von mir natürlich nicht. Aber das unterstreicht ja auch, dass wir oft gar nicht wahrnehmen, was nicht unserer Erfahrungswelt entspricht. Umso wichtiger der Austausch und Kontakt zu Menschen, die anders sind als wir.
      Herzlichen Gruß!

      Gefällt 2 Personen

  2. Eine gute Zusammenfassung dessen, was die Maßnahmen mit uns machen oder genauer: was der Kerncharakter der Maßnahmen tatsächllich ist.: Zumachen statt aufmachen. Ich freue mich, durch Nathalies Empfehlung hier gelesen zu haben. Gerda

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Gerda, danke für den Kommentar. Es berührt – und erleichtert mich auch – dass nicht nur ich das so empfinde. Und ich wünsche mir dringend, dass sich bei vielen der Blick wieder weitet. Schutz vor Erkrankung? Ja! Umsichtig und rücksichtsvoll meinen Mitmenschen gegenüber. Aber nicht das ganze Leben einer Erkrankung und der Furcht vor ihr untergeordnet. Das macht dann nämlich tatsächlich ignorant den Dingen gegenüber, die zu einem im umfassenden Sinn lebenswerten Leben auch gehören und die für unsere Gesundheit ähnlich wichtig sind. Ein kleines (weiteres) Beispiel: im Bahnhof sind Mund-Nasen-Bedeckungen überall Pflicht außer im Raucherbereich auf dem Bahnsteig. Dort werden die nikotindurchmischten Aerosole mit heruntergezogener Maske dann fröhlich – und ohne jede gesetzliche Regulierung – unter die Menschen gebracht. Dies auch kein Angriff auf Raucher/innen. Nur ein weiteres Beispiel für mich, wie der Blick starr auf das Eine manchmal den Blick verhindert auf vieles andere, das ähnlich wichtig ist.

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