Familie, Gesellschaft, Politik

Scheißegal?! – Warum Elternsein politisch macht

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Unser Sohn ist drei. Und seit etwa zwei Jahren bemerke ich: ich werde unbequem. Ich könnte auch sagen: mein Standpunkt wird präziser, klarer umrissen – und ich scheue mich zunehmend weniger, ihn auch ebenso klar zu formulieren.

Das allein ist sicherlich noch keine Errungenschaft: „Ausländer raus!“ „Keine Extrawürste für Alleinerziehende!“ „Teilzeit und Karriere – dass ich nicht lache!“ Klarer formuliert geht’s kaum. Also muss ich wohl sagen, ich bemühe mich ebenso um Differenziertheit wie um Klarheit: Ein Thema von mehreren Seiten zu beleuchten, es argumentativ zu durchdringen und plakative Behauptungen zu hinterfragen war mir schon immer wichtig – aber inzwischen scheue ich mich nicht, auch wirklich klar Position zu beziehen. Durch meine Worte und mein Handeln. Direkt – und eben manchmal auch sperrig und unbequem.

Position beziehen

Besonders im beruflichen Umfeld fällt mir auf, dass ich immer öfter das Wort ergreife. Ich will wissen, wie es zu Entscheidungen kommt und mische mich ein, wenn ich das Gefühl habe, hier wurde nur die Hälfte der Beteiligten gehört. Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen (in Form von Aufgaben und Ämtern) und ein „Das ist eben so“ reizt mich zumindest zu einem „Warum?“

Klingt nach nicht viel? Mir fällt auf, dass das schon mehr ist, als viele (auch meiner Kolleg/innen) tun. Und dabei sind wir eine Schule ohne despotische/n Chef/in, mit einer im Ganzen durchaus offenen Gesprächskultur. Aber sich klar – und gleichzeitig reflektiert – zu positionieren fällt offensichtlich nicht leicht.

Auch mir fiel es lange nicht leicht. Und das nicht, weil ich keine Meinung hatte, sondern weil ich schon immer die Tendenz hatte „beide Seiten“ zu sehen, bzw. die Motive hinter manch dümmlich-aggressiver Äußerung, bzw. Handlung verstehen zu wollen (und oft wohl auch verstehen zu können): Furcht vor Benachteiligung, vor Abwertung oder Machtverlust sowie all die Auswüchse unschönen Verhaltens, die das mit sich brachte. Ich akzeptierte diese Auswüchse nicht, aber ich konnte mich schlicht auch nicht wirklich ihnen gegenüber positionieren: ich warb um Verständnis, mahnte, dass beide Seiten gesehen werden sollten, moderierte, statt selbst in die Diskussion mit einzusteigen.

Sich selbst am nächsten

Ich war – und bin – ein Feuerzeichen (und durchaus auch ein Hitzkopf…), aber irgendwie setzte ich mich mit wirklichem Eifer immer vor allem für eigene Belange ein. Die großen gesellschaftlichen Themen – ungerechte Verteilung von Wohlstand, Frauen-, bzw. Menschenrechte, Engagement für Mitmenschen und die Umwelt – sie interessierten mich zwar, aber richtig „aus dem Quark“ kam ich diesbezüglich nicht: der Impuls zum Handeln fehlte. Manchmal fragte ich mich schon: warum ist das so? Warum bin ich so wenig „politisch“, so wenig gesellschaftlich engagiert? Geht es mir zu gut? Ist mein Leben zu egozentrisch ausgerichtet? Oder glaube ich im Kern nicht daran, den berühmten „Unterschied“ machen zu können?

Vielleicht eine Mischung aus allem drei. Und hat sich daran durch die Geburt unseres Sohnes etwas geändert? Ja – und nein (es lebe die Differenzierung…). Ich schwimme ja immer noch ‚oben auf der Welle‘ (als weiße, gebildete, gut verdienende Frau in Deutschland). Aber gleichzeitig wird mir allmählich bewusst, dass das nicht immer so sein muss. Dass Errungenschaften wie Demokratie, freie Meinungsäußerung und eine von gegenseitigem Respekt geprägte „Streitkultur“ immer wieder neu verteidigt und sozusagen „geübt“ werden müssen, sollen sie ihre Wirksamkeit behalten. In anderen Worten: will ich das Recht, gehört zu werden bewahren, muss ich es auch nutzen, muss mich in demokratischen Prozessen zu Wort melden, die Initiative ergreifen und mich für meine Belange und die derjenigen, die mir wichtig sind, einsetzen.

Was mein Sohn mich lehrt

Und was hat diese Erkenntnis – und vor allem mein daraus resultierendes Handeln – mit unserem Sohn zu tun? Es ist, glaube ich, noch nicht einmal der große Gedanke, für ihn die Welt zu einem „besseren Ort“ (beziehungsweise zumindest nicht zu einem gravierend schlechteren) machen zu wollen. Eher eine pragmatische Vorstellung von „Erziehung“: nicht von den eigenen Werten reden, sondern nach ihnen handeln möchte ich. Unser Sohn soll eine Mutter haben, die Ungerechtigkeiten nicht einfach hinnimmt, sondern für sich und für andere Position bezieht. Eine Mutter, die berührbar ist von der Welt, aber angesichts mancher Tristesse darin nicht gelähmt und tatenlos bleibt. Eine Mutter, die keine Einzelkämpferin ist und Rat und Hilfe nicht nur geben kann, sondern sich auch Hilfe holt.

Berührend ist für mich, dass mein kleiner Sohn mir dabei der beste Lehrer ist: in seiner, tatsächlich angeborenen, Freundlichkeit und Großzügigkeit ebenso wie in seiner offenen Art, auf Menschen zuzugehen und sich mit Situationen zu arrangieren. Auch in seiner Empfindsamkeit und seinem Bedürfnis nach Harmonie. Er lehrt mich selbst, großzügiger und offener zu werden, verstärkt auf die (Aus-) Wirkung meines Verhaltens zu achten, aktiv zu werden, manchmal aber auch Dinge einfach anzunehmen, wie sie sind.

Mit Kindern leben heißt politisch leben 

In den letzten Jahren habe ich zunehmend begonnen, die Welt nicht nur wahrzunehmen, sondern sie gestalten zu wollen. Und das ist ja bereits politisch.

In einem klugen Ratgeber zur Erziehung las ich einmal: „Das Schwierige an der Erziehung ist, sein eigenes Leben, sein Verhalten immer wieder neu zu hinterfragen. […] Wenn unsere Kinder es einmal besser haben sollen, dann müssen sie veranlasst werden, die Welt zu ändern. Das können sie nur, wenn wir es ihnen heute vormachen, vorleben: sichtbar, fühlbar, erlebbar. Mit Kindern leben – das heißt politisch leben. […] Wir haben Kinder – und damit einen Teil der Zukunft schon heute.“

Herzlichen Gruß, Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Persönliches

„Gut gemacht!“ Eigenlob stinkt (nicht)!

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Was bist du groß geworden!“, „Ei, ein Kacka!“, „Du schläfst ja schon durch!“: Unsere Kinder loben wir großzügig und – je jünger sie sind – mit umso größerem Enthusiasmus. Im Baby- und Kleinkindalter oft sogar für Dinge, die weniger persönliche Leistung als vielmehr biologische Notwendigkeit sind.

Eigenlob stinkt?

Bei uns selbst sind wir da schon knausriger: Wann haben wir Erwachsenen – und speziell wir allein- und getrennt erziehenden Mütter – uns das letzte Mal gelobt? Und ich meine nicht ein geseufztes: „Ist ja gerade nochmal gut gegangen!“ oder ein halbherziges „So schlecht war der Tag heute ja gar nicht“… Ich meine die Art Lob, die das Herz weit macht, ein Lächeln ins Gesicht zaubert und bewirkt, dass du dich leicht, dankbar und schlicht glücklich fühlst. So was in der letzten Zeit erhalten? Von dir selbst?

Autonomie und Selbstliebe

Eine kluge Frau brachte mich kürzlich darauf, dass diese Art des Lobens viel mit (innerer) Autonomie zu tun hat: Nur wenn ich „wer bin“, kann ich auch stolz auf mich sein. Kinder loben wir instinktiv für ihre Schritte in Richtung Autonomie: zunehmende Körperbeherrschung, das erste selbst gesprochene – und später selbst geschriebene – Wort, ihr wachsendes Selbst-Bewusstsein und später das aufkommende Bewusstsein für die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Umwelt.

Als Erwachsene schreiben wir uns gemeinhin einen nicht geringen Grad an Autonomie zu: uns sagt (meist) keiner mehr, was wir anzuziehen, zu essen, wie wir zu leben oder wen wir als Partner/in zu wählen haben. Begeben wir uns in Abhängigkeit, dann doch scheinbar „aus freien Stücken“. Wir wählen Wohnort, Lebensstil, Partner/in, den Glauben oder die Ideologie, der wir folgen, selbständig und (relativ) frei.

Dennoch verstehe ich echte Autonomie vor allem als innere Unabhängigkeit – und die entsteht meiner Meinung nach dadurch, dass ich (zunehmend) annehme, was eben ist – an und in mir genauso wie an und in den Menschen, mit denen ich lebe. Je mehr ich das tue, umso mehr Raum gewinne ich: für Leichtigkeit, für ein tragendes Gefühl von Selbstliebe und eben diesen tief gehenden, von Dankbarkeit durchzogenen Stolz auf das, was ich kann, wer ich bin und was ich für mich – und andere – tue.

Eben ein von Herzen kommendes: „Gut gemacht!“ Von mir, für mich selbst. Ein solches „Gut gemacht!“ wünsche ich auch dir – von dir und für dich selbst!

Herzlich, Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Persönliches

Sommerzeit – Zeit für mich!

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Mmmm… halb geschlossene Jalousien, die Morgensonne malt Lichtstreifen auf die Dielen. Angelehnte Fenster – die Luft ein Kuss auf der Haut. Heute morgen keine Kita. Keine Fahrt zur Arbeit, kein Gedrängel, Geschiebe, kein Schnell-Schnell. Beim Frühstück Brotschneckentanz und Kakaogeblubber. Übermut im Kindergesicht, unser Lachen mischt sich und die Vögel singen in der Stadt.

Später die Fahrt zum See oder in den Park. Füße baden – „Mama auch!“ – und Tanz unter dem Rasensprenger, die Tropfen wunderbar kühl auf der erhitzten Haut. In die Sonne blinzeln, ein Eis. Einfach so zusammen sein. Abends die Nachbarn treffen im Hof, selbstgemachte Limo, kreischend jagen sich die Kinder, hüpfen auf dem Trampolin – „Schau, Mama, bis in den Himmel!“ Und das Lächeln bleibt noch, als wir schon wieder zurück in unserer Wohnung sind.

Mmmm… keine Chefs, Kollegen, U-Bahn-Muffelgesichter… Übermut, ein Anklang von Anarchie, während ich barfuß durch die Straßen laufe. Im Herzen entstehen Ideen, wie das immer sein könnte: Zeit haben. Zeit verbringen mit Menschen, die mir wichtig sind. Freude unter der Haut, Lebenslustkribbeln. Wie wenig reicht, dass sich diese Freude wieder entfaltet – ich fühle es mit Dankbarkeit.

Eine Woche war das Kind mit seinem Papa unterwegs und ich durfte ganz bei mir sein, 5 Tage auch ich unterwegs, in einem wunderbaren Tagungshaus – geklärt, gestärkt und angefüllt bin ich zurückgekehrt. Und der große wie der kleine Kerl hatten eine super Zeit zusammen.

Ja, loslassen – und da sein, einfach mit dem, was ist. Begegnung mit Menschen: sich freuen, an dem, was ist. Furcht, Verkrampfung, ein drängendes Wollen – was sich so angesammelt hat in den letzten Wochen zwischen Termindruck, Erwartungen und Verpflichtung – löst sich jetzt. In der Wärme entspannt sich nicht nur mein Körper – auch innerlich spüre ich wieder die Freude und Leichtigkeit des einfach da Seins.

Ein Lächeln liegt mir auf den Lippen, Freude – und Dankbarkeit.

Herzliche Sommergrüße  Sunnybee

Beruf, Familie, Persönliches

14 Stunden. Dankbar sein

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22 Uhr. Seit 14 Stunden bin ich auf den Beinen. Ich bin dankbar.

6-8 Uhr: Aufstehen, Familienzeit, Kind zur Kita. Ich bin dankbar für den Moment, als mein Sohn nach dem Aufwachen noch schlaftrunken seine Arme nach mir ausstreckt: „Mama, komm!“ und wir erst einmal eine Runde kuscheln.

8-10 Uhr: Weg zur Arbeit, Schulorganisation. Ich bin dankbar für das scherzhafte Geplänkel mit einem Kollegen zwischen zwei Punkten, die wir besprechen müssen, und dafür, dass mir eine andere Kollegin Unterlagen mit ausdruckt, die ich benötige.

10-12 Uhr: Lehrerkonferenz, die letzte in diesem Schuljahr. Ich bin dankbar, dass ich klar und sicher meinen Standpunkt vertreten kann, als die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe, an der ich beteiligt bin, kritisch diskutiert werden. Dankbar macht mich auch, dass wir als Kollegium in einem anderen Punkt eine Entscheidung treffen, die zu gerechterer Arbeitsbelastung für mehrere Kolleg/innen führt. Ich hatte mit initiiert, dass das Thema in der Konferenz zur Sprache kam und bin stolz und froh über dieses Ergebnis.

12-15 Uhr: Verabschiedung mehrerer Kolleg/innen, die bis zu 40 Jahre an der Schule waren, aufgrund ihrer anstehenden Pensionierung. Ich bin gerührt über die Anerkennung, die die Kolleg/innen für ihre Arbeit und ihr Engagement erhalten. Und ich freue mich, einen Beruf ausüben zu dürfen, der mir sinnvoll erscheint und mir oft sogar Spaß macht.

15-17 Uhr: Heimweg. Geburtstagsgrüße für meine Nichte. Kurze Auszeit. Ich bin noch ganz erfüllt von den schönen Ereignissen in den Stunden zuvor und schicke meiner kleinen Nichte ein selbstgestaltetes Bilderrätsel zu ihrem 3. Geburtstag. Ich stelle mir vor, wie sie sich darüber freuen wird und freue mich, meine Schwester und ihre Familie bald wiedersehen zu können.

17-18 Uhr: Übergabe unseres Sohnes durch meinen Ex-Freund. Spontan verbinden wir die Übergabe mit einer Kugel Eis beim Italiener um die Ecke. Ich bin froh und dankbar, dass dies so friedlich möglich ist und freue mich sehr an der Begeisterung unseres Kleinen. Auch der Abschied von seinem Vater verläuft friedlich.

18-20 Uhr: Haushalt, Gespräch mit meiner Nachbarin. Während ich das Abendessen zubereite spielt unser Sohn im Innenhof unseres Hauses mit zwei Nachbarsmädchen, die einige Jahre älter sind als er. Ich staune und bin stolz, wie eigenständig und kontaktfreudig er mit seinen knapp drei Jahren schon ist und freue mich sehr über den fürsorglichen Ton, den die 6- und 10-jährigen Mädchen ihm gegenüber anschlagen. Spontan setzt sich ihre Mutter zu mir und wir unterhalten uns fast eine Stunde, während die drei miteinander spielen.

20-22 Uhr: Abendessen, Kind ins Bett, Zeit für mich. Deutlich später als sonst essen wir zu Abend und ich bringe unseren Sohn ins Bett. Ich bin froh und dankbar für die Zeit, die ich mit ihm verbringen kann. Die schönen Momente des Tages klingen noch in mir nach, so dass ich ihm auch relativ gelassen durch zwei Wutanfälle, die ihn aufgrund seiner Müdigkeit überkommen, hindurchhelfen kann. Vor dem Einschlafen lese ich ihm eine Geschichte vor und genieße, wie er sich dabei an mich kuschelt.

14 Stunden war ich fast ohne Unterbrechung auf den Beinen. Ein angefüllter, durchaus anstrengender Tag. Im Rückblick wird mir klar, was mich heute – wie so oft – glücklich gemacht hat: die Begegnung und der Austausch mit Menschen, die mir etwas bedeuten und dass ich wahrnehme, was ich kann, wofür ich stehe und was ich bewegen kann. – Und nicht zuletzt, dass ich nicht alles selbst bewegen muss.

Das lässt mich lächeln, macht mich dankbar – und froh!

Herzliche Grüße
Sunnybee

 

 

 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft, Persönliches

Auf der Säule. Was uns ein alter Heiliger über die Liebe sagt

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Zu Beginn des 5. Jahrhunderts nach Christus lebte Symeon Stylites auf einer Säule. Der Legende nach verbrachte er mehrere Jahrzehnte auf deren Kapitell, ernährt über Leitern und seelisch ‚genährt’ durch Gebete und Askese. Entfernt von der Welt, versuchte er zu einer besonders innigen Gemeinschaft mit Gott zu finden.

Die Leute sahen sicher mit Staunen, vielleicht mit Bewunderung oder auch mit ungläubiger Scheu zu ihm hoch: „Dass der das durchhält!“, „Der traut sich was!“, „Der spinnt doch!“, „Das könnte ich nicht!“ Und nach einer Weile vielleicht auch: „Warum tut der das?“, „Was lehrt mich das?“, „Was verstehe ich durch ihn?“

Die Welt von oben

Wie mag wohl die Welt für ihn da oben ausgesehen haben? Stille. Das alltägliche, geschäftige Treiben weit entfernt. Vermutlich auch karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend, bei brennender Hitze, Sturm, Blitz und Donner: exponiert, ungeschützt. Letztlich jedoch aber wohl doch geborgen, in tiefes Gespräch/Gebet versunken mit einem Gegenüber, dem sich Symeon Stylites zumindest zeitweise wohl verbundener fühlte als seinen weltlichen Kontakten.

Ich empfinde uns Allein- und Getrennterziehende manchmal, als säßen wir auf einer solchen (inneren) Säule. Um uns pulsiert das Leben: Kinderbetreuung, Einkauf, Lohnabrechnung, Besprechungen mit Kollegen. Wir gehen auf all das ein, organisieren und gestalten unser Leben – aber ein Teil von uns bleibt „in sicherem Abstand“, oben auf der Säule…

Was ist das für ein Teil? Eigentlich jede/r, der allein- oder getrennterziehend ist hat einen Verlust erlebt. Eine Ehe ist gescheitert, eine Beziehung hat nicht harmoniert oder ist gar nicht erst zustande gekommen. Wir haben das verloren, was eine „harmonische Familie“ hätte sein können. Tut das weh? Natürlich. Spüren wir Trauer, Schmerz, Ungläubigkeit oder Wut darüber? Aber sicher. Mehr oder weniger stark, mehr oder weniger präsent in unserem Alltagsleben – aber ein Verlust ist da. „Kalt“ lässt uns das Ende der Beziehung zum Vater oder der Mutter unseres Kindes/ unserer Kinder sicher nicht.

Raum für den Schmerz?

Leben wir nun diese Trauer, diesen Schmerz, die Sehnsucht, die sich mit diesem Menschen nicht mehr erfüllen kann, aus? Wann denn? Beim Pausenbrotschmieren für unsere Kleinen? Beim Kita-Elternabend? Bei der Präsentation unserer Projektarbeit? Oder beim Cocktail-Abend mit unserer besten Freundin, den wir uns nach zwei Monaten freischaufeln konnten? Allein- und getrennterziehend sein heißt oft auch: wenig Raum haben für das, was in uns schmerzlich ist. Denn wir sind Halt für andere – und haben, gerade im Scheitern unserer Beziehung, vielleicht auch erlebt, dass uns selbst kein Halt gegeben worden ist, wenn wir schwach waren.

Wie naheliegend erscheint es da, sich mit dieser Schwäche, Trauer und Wut „auf die Säule“ zu setzen und mit der Welt da unten in Bezug auf diese Gefühle nichts mehr zu tun haben zu wollen. Dann funktionieren wir, sind vielleicht sogar scheinbar glücklich, wieder „zurück im Leben“ – aber jener Teil unseres Inneren ist nicht dabei.

Mutiger Besucher

Ich habe erlebt, was passiert, wenn einer ‚aus der Welt dort unten’ über die Versorgungsleiter zu uns „hochzuklettern“ versucht. Ein Mensch, der eine neue Partnerschaft mit uns eingehen möchte, der unerschrocken genug ist, uns dort oben in luftiger Höhe wirklich sehen, uns wirklich begegnen zu wollen.

Ist ‚Symeons Säule‘ der Ort, an dem wir die Schwäche in uns verstecken, erschrecken wir ganz fürchterlich – und ein starker Impuls wird uns raten, den „Eindringling“ so schnell wie möglich abzuweisen, bildlich gesprochen die Leiter, auf der er zu uns hochgeklettert ist, zurückzustoßen. Dann ist dieser Teil in uns zwar „geschützt“ – aber er verhungert auch, da oben auf der Säule. Denn – ja – auch Symeon konnte nicht Jahrzehnte ohne Nahrung auf seinem Kapitell zubringen…

Was lehrt uns also der Blick auf den „Säulenheiligen“? Ich würde sagen, es ist das eine, dass wir uns aus Verletztheit – und aus Furcht vor möglicher weiterer Verletzung – auf unsere innere ‚Säule‘ zurückziehen; und das andere, es, wie vermutlich Symeon Stylites, aus freien Stücken zu tun. Vielleicht hat auch er sich zunächst aus Furcht und Abwehr gegenüber der Welt zurückgezogen – aber er scheint dort oben eine innere Ruhe gefunden zu haben.

Raum für den Schmerz

Vermutlich sollten wir „Symeons Säule“ verstehen als den Raum, den wir uns geben, um tatsächlich traurig zu sein und uns unseren inneren Verletzungen zuzuwenden. Im Gespräch mit einem Gegenüber (einem wirklich engen Freund, einer Therapeutin, vielleicht auch im Gebet) können wir dort oben Ruhe finden, ganz auf uns zurückgeworfen, aber letztlich doch geborgen.

Und vielleicht steigen wir aus diesem Gefühl des Gestärktseins auch irgendwann, wie Symeon, wieder von unserer (inneren) Säule, mit dem Bewusstsein: dort oben sind wir uns begegnet. Es war karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend. Aber die Trauer, Wut, Sehnsucht und Angst ist auch nichts, das ich von meinem Leben ‚unten im Trubel‘ fernhalten muss.

Dann kann ich mich auch wieder neu öffnen und lieben. Dem Leben wieder im Ganzen begegnen. Im Trubel des Lebens bei mir sein.

Falls du dich auf diesem Weg befindest wünsche ich dir herzlich alles Gute!

Sunnybee