Beruf, Familie, Gesellschaft

Wer hat die dickste Posaune? – Die Last des sozialen Vergleichs

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„Willst du glücklich sein, bau dir ein Haus. Willst du glücklich bleiben, vergleiche es nicht mit dem deines Nachbarn.“

Konkurrenz im Beruf

Ein Bekannter von mir ist Musiker. Unter Musikern sei es üblich, sich zu vergleichen, erklärte er mir kürzlich: Wer werde wie oft angerufen, um an einem interessanten Projekt mitzuarbeiten? Wer spiele in welchem Orchester? Wer sei der Schüler von Koryphäe XY, bzw. habe selbst namhafte Schüler? 

Mein Bekannter empfindet diese „Vergleicheritis“ durchaus als belastend, kann sich jedoch von dem Konkurrenzdruck, den sie mit sich bringt, nicht ganz frei machen. „Ich frage mich, was habe ich bisher (beruflich) erreicht? Ist es das, was ich wirklich will? Geht da noch was? Ein Ortswechsel, neue Projekte?“ Er artikuliert es nicht in genau dieser Weise, aber sein Leben ist bestimmt durch (gefühlt) hundert unterschiedliche Aktivitäten, jeden Tag ist er in einer anderen Stadt, möchte man sich mit ihm verabreden, hat er einen „Termin“ in einer Woche anzubieten.

Nichts dagegen zu sagen? Die „Rushhour“ des Lebens eben zwischen 20 und 50? Oder die Normalität im Leben eines Berufsmusikers, dessen Arbeit Mobilität und ein überdurchschnittliches Engagement erfordert? 

Ich betrachte aus etwas Distanz dieses bewegte Leben und bin eigentlich ganz froh, in meinem mehr Konstanz zu haben, auch nicht mehr so drängend die Frage: wo geht es beruflich – und damit auch in Bezug auf Lebensmittelpunkt und innere Orientierung – hin? 

Konkurrenz im Privaten 

Dennoch kenne ich Momente, in denen auch ich beginne, mein Leben mit dem anderer zu vergleichen. Kollegin XY, jünger als ich, kehrt nach einem Jahr aus der Elternzeit zurück, arbeitet gleich Vollzeit und übernimmt auch noch eine Führungsaufgabe. Soweit bin ich bis jetzt nicht – sollte ich?! Oder: Ich spaziere mit meinem Sohn an einem Sonntag allein durch den Zoo, eine Bekannte hat mir absagen müssen, da ihr Kind krank geworden ist. Überall Papa-Mama-Kind-Familien. Ich bin hier als Mutter allein mit meinem Kind. Ok so – oder ein Defizit? 

Was ich merke: Häufig machen gar nicht die Lebensumstände an sich unzufrieden, sondern der Vergleich mit anderen. Das mag vor allem in Bereichen geschehen, in denen ich nicht ganz sicher bin, ob mein Weg der richtige (für mich) ist, oder wenn ich meine Lebenssituation nicht frei gewählt habe, wie das oft nach einer Trennung der Fall ist. Dann beginne ich gegebenenfalls auf die zu schielen, die „haben, was ich nicht habe“ und werde nur noch unzufriedener. 

Andererseits kann ich durchaus sehr erfolgreich sein in dem, was ich tue – und doch auf das schielen, was (noch) nicht da ist. Mit einer sicheren, gut bezahlten Arbeitsstelle, einem gesunden Kind, einem seit Jahren bestehenden Freundeskreis und einer hübschen Wohnung kann ich zufrieden sein – oder ich schaue neidisch auf die, deren Wohnung größer ist, die in einer Partnerschaft leben, mit zwei Kindern oder anderem Beruf.

Ich bin sehr froh, dass mich diese Momente der Unzufriedenheit nur selten heimsuchen. Bemerke ich dennoch, dass ich mit Unmut – oder Trauer – auf das Leben anderer blicke, hilft mir immer sehr die Erkenntnis: es ist das Leben anderer. Du würdest es selbst nie so leben, würdest dich selbst ganz mit in dieses Leben nehmen und bist du jetzt unzufrieden, wärst du es nach kürzester Zeit unter anderen Umständen auch. 

Zufriedenheit ist kaum abhängig von dem was „außen“ ist

Eine Studie des Psychologen Philip Brickman der amerikanischen Northwestern University ergab bereits 1978, dass sich die Zufriedenheit von Menschen nach einem Lotteriegewinn nicht bedeutend von der derjenigen ohne Gewinn unterschied und dass selbst Menschen, die eine Querschnittslähmung zu akzeptieren hatten, nicht gravierend schlechter über ihr Leben dachten als die Vergleichgruppe ohne Lähmung.

Was schließe ich daraus: bestehe nicht darauf, das Leben der „anderen“ zu haben. Bist du wirklich unzufrieden mit dem, was in deinem Leben ist, stelle fest, was dich stört – und ändere es. Ein Berufs- oder Ortswechsel mit 30, 40 oder 50? Nicht einfach, aber auch nicht unmöglich. Du fühlst dich ungeliebt und allein: lerne, dich selbst anzunehmen und weniger um dich selbst zu kreisen, dann kommen Menschen von ganz alleine auf dich zu. 

Manchmal bist du aber wirklich krank, sehr geschwächt oder die Situation, mit der du unzufrieden bist, lässt sich tatsächlich im Moment nicht ändern. Dann – altes Lied natürlich, und dennoch wahr – nimm an, was ist. 

Und hier kann dir vielleicht tatsächlich der soziale Vergleich hilfreich sein. Nicht, indem du dich weiter mit anderen misst, oder dich über die stellst oder gar auf die herabsiehst, denen es „noch schlechter als dir“ geht. Nein, indem du wahrzunehmen beginnst, was du alles hast, selbst in deinem Unglück – und oft ist das noch erstaunlich viel. 

Interessanterweise sind ja oft nicht diejenigen am glücklichsten, die am meisten haben, sondern die, die zufrieden mit dem sind, was sie haben. Und ganz sicher hast auch du in diesem Moment sehr viel. Sollte dich also wieder einmal die Unruhe packen des „Höher-schneller-weiter“, des „Ich will, was ich nicht habe“ – dann halte inne und übe dich in der Dankbarkeit für das, was du hast – es wird, dadurch, dass du es siehst, wertvoll. Ganz ohne sozialen Vergleich. 

Klingt für dich plausibel, was ich hier schreibe – oder bist du anderer Meinung? Ich freue mich, von dir zu lesen!

Herzliche Grüße, Sunnybee

alleinerziehend, Beruf, Familie, Partnerschaft

Julia M.: „Ich will, dass wir es zusammen schön haben!“

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Julia ist zum Zeitpunkt unseres Gesprächs seit sechs Monaten vom Vater ihrer 2-jährigen Tochter getrennt. Während unserer Unterhaltung beeindruckt mich die Ernsthaftigkeit und Offenheit, mit der sie auf meine Fragen eingeht. Ihre Fähigkeit, sowohl ihr eigenes Verhalten als auch das anderer sehr sensibel und bewusst zu hinterfragen, habe ich seitdem immer wieder als bereichernd erlebt. Als ich ihr einige Wochen nach unserem Gespräch das fertig redigierte Interview zu lesen gebe, fällt uns auf, wieviel seitdem bereits wieder geschehen ist: nichts im Leben ist endgültig – auch das eine Erkenntnis, die für mich mit den Gesprächen mit Julia verbunden ist!

Du bist berufstätig und hast eine Tochter. Wie würdest du deiner Tochter deinen Beruf beschreiben?

Da ich Ärztin bin, können ja selbst Kinder schon recht viel mit meinem Beruf anfangen. Ich würde ihr erklären, dass ich jeden Tag viele Menschen sehe, die mit gesundheitlichen Problemen zu mir kommen und dass ich versuche herauszufinden, wie ich den Menschen helfen kann. Meine Tochter ist erst zwei und hat erst vor kurzem angefangen, überhaupt den Begriff ‚Arbeit‘ zu verwenden. Ich habe aber den Eindruck, dass er für sie gleichbedeutend mit ’nicht anwesend sein‘ ist. Wenn sie aus dem Raum geht, sagt sie: „Tschüss – Arbeit“ [lacht].

Welchen Einfluss hat deine Arbeit in Bezug auf euren gemeinsamen Alltag?

Ich arbeite ungefähr 20-25 Stunden pro Woche, auf vier bis fünf Tage verteilt. An drei Tagen arbeite ich vormittags: während dieser Zeit ist meine Tochter in einer Spielgruppe. Sie ist dadurch eben ein paar Stunden ohne mich, aber die Spielgruppe tut ihr meinem Eindruck nach wirklich gut. Wenn ich danach von der Arbeit komme konzentriere ich mich auch ganz auf meine Tochter und wir genießen die gemeinsame Zeit. Nur an einem Tag arbeite ich nachmittags: da verbringen wir den Vormittag zusammen, bevor sie durch meine Mutter oder Freunde betreut wird – an diesem Tag bin ich schon immer sehr angespannt, da ich zu einem bestimmten Zeitpunkt leistungsfähig und an einem bestimmten Ort sein muss. Ich bin dann auch nicht so geduldig und einfühlsam meiner Tochter gegenüber, was mir leid tut. Aber das ist eigentlich nur an diesem einen Tag so. Insgesamt fühle ich mich dadurch, dass ich wieder arbeite, eher ausgeglichener und glücklicher. Ich könnte mir überhaupt nicht vorstellen, ausschließlich mit meiner Tochter zuhause zu sein, wie z.B. im Jahr meiner Elternzeit. Das wäre nicht gut für mich und damit auch nicht für meine Tochter… [lacht]

Was hat dein Beruf für eine Bedeutung für dein Selbstbild?

Meinen Beruf auszuüben bedeutet für mich, ein paar Stunden zu haben, die nur mir gehören. Früher habe ich das überhaupt nicht so empfunden: Die Zeit, die ich mit meiner Arbeit verbracht habe, war genau die Zeit, die ich nicht für mich hatte. Aber mit Kind hat sich das grundlegend verändert: Die Stunden, in denen ich arbeite sind jetzt die, in denen ich „Erwachsenengespräche“ führe und Gedanken zu Ende denken kann. Die Medizin an sich und die Begegnung mit Menschen ist etwas, das mir einfach großen Spaß macht und zu mir gehört. Ich weiß nicht, ob ich vielleicht, wenn meine Tochter älter ist, wieder Kapazität habe, mehr zu arbeiten. Im Moment, mit ihr als Kleinkind, das einfach noch viel Betreuung und Aufmerksamkeit braucht, empfinde ich diesen Arbeitsumfang als perfekt. Mir hat, ehrlich gesagt, meine Arbeit noch nie so viel Spaß gemacht hat wie jetzt, in dieser Kombination, mit Kind und Arbeit.

Du lebst seit etwa einem halben Jahr getrennt vom Vater deiner Tochter. Welche Auswirkungen hat das für deinen Alltag?

Seit der Trennung muss ich viel mehr auf Leute zugehen und andere um Gefallen bitten. Wir hatten z.B. eine Kinderbetreuung, die erst um neun Uhr angefangen hat; ich fange aber um acht Uhr an zu arbeiten und mein Ex-Partner hat vor der Trennung unsere Tochter morgens zur Kinderbetreuung gebracht. So war nach der Trennung einer der ersten Schritte, dass ich die Spielgruppenbetreuerin gefragt habe, ob es für sie denkbar wäre, dass ich unsere Tochter 11/2 Stunden früher bringen könnte. Das war tatsächlich möglich, was mich sehr freute, da ich weiß, dass sich unsere Tochter dort sehr wohl fühlt. Auch mein Arbeitgeber ist mir zum Glück in Bezug auf meine Arbeitszeiten entgegengekommen. An einem Morgen beginne ich meine Arbeit jetzt etwas später und diesen Morgen genieße ich sehr, da ich dann morgens ungefähr eine Viertelstunde Freizeit habe. In der Zeit gehe ich immer auf eine Tasse Kaffee zum Italiener. Im Ganzen hat sich aber gar nicht so viel geändert in Bezug auf die Alltagsorganisation, weil sich mein Ex-Partner auch vor der Trennung wenig um die Betreuung unter der Woche gekümmert hat.

Also scheinen zwei Konsequenzen eurer Trennung zu sein: Du hast sehr viel Kontakt zu Menschen außerhalb deiner Familie, auch einfach, weil du Unterstützung benötigst – und du hast einen sehr durchstrukturierten Alltag?

Dieser durchgeplante Alltag gibt mir auch Sicherheit. Ich war immer ein eher chaotischer Mensch und jetzt habe ich für mich z.B. einen festen Tag eingeführt, an dem ich den Wocheneinkauf mache. Dafür lege ich schon davor fest, was ich an welchem Tag koche. Auch einen festen Putztag möchte ich einrichten… Ich merke einfach, das gibt mir Sicherheit. Sonst denke ich immer: oh, irgendwann musst du noch einkaufen gehen und wer weiß, wann? So weiß ich einfach, den Einkauf machst du immer an diesem Tag und damit ist er auch erledigt.

Würdest du dich selbst als alleinerziehend beschreiben?

Nein, eigentlich nicht. Der Vater meiner Tochter betreut sie momentan zwar nur jedes zweite Wochenende. Das ist im Prinzip wenig Zeit, wenn auch nicht weniger, als er vorher mit ihr verbracht hat… Und dennoch würde ich mich eher als ‚getrennt erziehend‘ als als alleinerziehend bezeichnen. Mein Ex-Partner spielt schon noch eine große Rolle für meine Tochter. Ganz allein bin ich da auf jeden Fall nicht. Und natürlich sind auch noch ganz viele andere Leute an der Erziehung beteiligt. Gerade die Tagesmutter ist z.B. auch eine sehr wichtige Person, von der ich in der Trennungszeit, als ich besorgt war, welche Auswirkungen die Trennung für mein Kind hat, immer wusste: sie bleibt auf jeden Fall eine Konstante. Das war für mich ein tröstlicher Gedanke. Die beiden haben eine innige Beziehung und unsere Tagesmutter ermöglicht uns vieles: durch ihre Flexibilität spielt sie schon eine große Rolle in unserem Erziehungsalltag. Und dann ist da natürlich meine Mutter, die mich oft unterstützt und einige Freunde, die auch flexibel einspringen, wenn ich außer der Reihe mal einen Tag mehr arbeiten muss. Also, alleinerziehend bin ich definitiv nicht.

Das heißt, du hast wirklich ein Netz an Menschen, die dich unterstützen. Hast du dir das seit der Trennung erarbeitet oder bestand das schon davor?

Dieses Netz gab es schon davor, es ist nur noch engmaschiger geworden. Es war einfach klar, dass ich jetzt noch stärker darauf angewiesen bin und alle haben dankenswerterweise auch gesagt, sie sind für mich da und versuchen zu helfen, wo es geht. Gleichzeitig merke ich: ich bin schon in einer blöden Situation, weil ich ständig um Hilfe bitten muss. An manchen Tagen finde ich das auch wirklich unangenehm. Jetzt im Sommer habe ich z.B. Urlaubssperre, die Tagesmutter steht aber für einige Wochen nicht zu Verfügung, ebenso wenig wie der Vater meiner Tochter. Da genügend Leute zu finden, die unser Kind betreuen können während ich arbeite, ist schon wirklich aufwendig.

Das heißt, die Verantwortung für die Organisation liegt bei dir, lag aber auch schon in eurer Beziehung bei dir?

Ja, im Prinzip hat sich das kaum verändert, es ist jetzt nur eindeutiger… [lacht] Das macht es in gewisser Weise auch einfacher für mich. Bereits in der Beziehung hatte ich die volle Verantwortung für die Organisation. Das fand ich ziemlich ungerecht und wir hatten auch häufig Diskussionen darüber. Uns war es aber nicht möglich dabei wirklich zu einer Einigung zu kommen. Jetzt ist einfach klar: ich habe die ganze Verantwortung und letztendlich läuft es besser so. Auch die Arbeit fällt mir leichter. Vor der Trennung haben mich die Konflikte zuhause so in Beschlag genommen, dass ich meinen Patienten gar nicht meine volle Aufmerksamkeit schenken konnte. Ich genieße sehr, dass das Energieloch durch die Konflikte in unserer Beziehung jetzt nicht mehr besteht. Ich habe auch das Gefühl, wieder mehr Kontrolle über mein Leben zu haben. Für mich hat es also auf jeden Fall auch positive Seiten, dass ich das jetzt alles alleine regle.

Seit eurer Trennung ist ein halbes Jahr vergangen. Was gab es für Hürden und Schwierigkeiten während eurer Trennung, was ist euch gut gelungen?

Sehr schwierig ist nachwievor, dass ich mit meinem Ex-Partner nur sehr schwer besprechen kann, wenn Veränderungen anstehen oder ich nicht einverstanden damit bin, wie wir etwas geregelt haben. Die Kommunikation zwischen uns ist oft noch schwierig. Im Verlauf der Trennung waren wir auch häufiger in der Beratung eines Familienzentrums. Für mich war das hilfreich: Ich wusste immer, hier kann ich Dinge besprechen, ohne dass mein Ex-Partner sich komplett verschließt oder mich angreift und abwertet. Ich wusste, das ist ein geschützter Raum, in dem ich Dinge besprechen kann, die mir, auch in Bezug auf unsere Tochter, wichtig sind. Wir waren drei oder vier Mal bei der Beratungsstelle. Ursprünglich sind wir dort noch als Paar hingegangen, um die Beziehung zu erhalten. Aber letztlich war es der Ort, an dem ich mich in geschütztem Rahmen getrennt habe. Die Beratenden dort haben uns auch direkt angeboten, weiter zu kommen um die ersten Schritte nach der Trennung zu besprechen. Das war auch gut. Ich würde das jeder Zeit wieder in Anspruch nehmen. Leider muss man relativ lange auf Termine warten.

Grundsätzlich gab es im Verlauf der Trennung also schon die Bereitschaft deines Ex-Partners, Dinge zu besprechen?

Das ist von Mal zu Mal sehr verschieden. Ich versuche bereits, die Momente abzupassen, in denen er offen für ein Gespräch ist. Kürzlich wollte ich z.B. etwas mit ihm besprechen, das hat er jedoch komplett abgewehrt. Als wir einige Tage später wieder Kontakt hatten war er jedoch ruhiger und wir konnten auch eine Lösung finden. Andererseits gelingt es uns über weite Strecken schon gut, den Umgang für unsere Tochter relativ ruhig und regelmäßig zu gestalten. Die Situationen, in denen sie uns zusammen erlebt hat, sind überwiegend – nicht entspannt, das ist das falsche Wort [lacht] – sie sind friedlich verlaufen.

Das heißt, eure Verantwortung als Eltern nehmt ihr beide wahr. Hast du einen Eindruck, wie eure Tochter die Trennung erlebt?

Ich glaube, dass sie die Trennung nicht wirklich als ‚unsere‘ Trennung als Paar erlebt hat, sondern eher als ihre Trennung. Die Folge für sie ist, dass ihr Papa jetzt nicht mehr immer da ist. Auch wenn er sie während der Beziehung nicht häufig betreut hat, war er doch anwesend und sie hat ihn jeden Tag gesehen. Das ist für sie, denke ich, der größte Einschnitt und sie äußert das auch immer wieder. Ich habe den Eindruck, dass die zwölf Tage, in denen sie ihn nicht sieht, für sie eigentlich zu lang sind. Daher haben wir jetzt gerade beschlossen, dass mein Ex-Partner sie zwischen den Wochenendtreffen noch einmal sehen soll.

Telefoniert eure Tochter mit ihrem Vater in der Zeit, in der sie bei dir ist oder umgekehrt an den Wochenende, an denen sie bei deinem Ex-Partner ist?

Das haben wir am Anfang gemacht, aber ich hatte den Eindruck, dass es nicht wirklich gut für sie war, deswegen machen wir es momentan nicht mehr. Allerdings schicken wir uns gegenseitig Fotos von ihr und schreiben auch per Textnachricht über lustige Dinge, die wir mit ihr erlebt haben oder über neue Schritte in ihrer Entwicklung.

Ihr tauscht euch also noch regelmäßig über eure Tochter aus, über das Organisatorische hinaus. Das ist ja noch eine Art Verbindung und auch Verbundenheit. Wie gehst du damit um?

Der Kontakt spielt sich für mich ganz klar auf der Elternebene ab. Ich habe schon den Eindruck, dass wir auf der Paarebene strikt getrennt sind. Und andererseits finde ich es einfach normal, dass mein Ex-Partner Freude daran hat, an dem Anteil zu nehmen, was sein Kind in der Zeit macht, in der es nicht bei ihm ist. Und für mich ist es auch schön meine Freude an meinem Kind zu teilen. Natürlich ist ihr Vater da auch eine Person, an die ich dabei denke. Solange ich den Eindruck habe, dass es ihm Freude macht von ihr zu lesen, werde ich ihm auch weiter Nachrichten und Bilder schicken.

Ist euer Kontakt also eher etwas, das den Prozess der Trennung erleichtert oder erschwert?

Unsere Paarbeziehung hatte sich bereits aufgelöst, während wir noch zusammen wohnten. Für mich besteht die Paarebene daher schon länger als ein halbes Jahr nicht mehr. Aber das Menschliche kann man ja nicht endgültig trennen, wenn man Eltern ist… Und natürlich ist daran auch negativ, dass ich sehr aufmerksam und sensibel bin, aus der Angst heraus, dass sich sein Unmut wieder gegen mich richten könnte oder aber, dass er über unsere Tochter etwas ausleben könnte, das sich eigentlich gegen mich richtet. Ich wünsche mir, dass sich seine Stimmungen und Launen nicht so stark auf unseren Kontakt auswirken. Unsere Entscheidungen und Handlungen sollten sich nach dem Wohl unserer Tochter richten, natürlich unter der Bedingung, dass es uns auch gut damit geht. Ich wünsche mir, dass in unseren Kontakt nichts hineinspielt, was mit seinem oder meinem Ego zu tun hat.

Empfindest du in dieser Situation, die ja sicher oft auch schwierig ist, deinen Beruf eher als etwas, das dir Kraft gibt oder als zusätzliche Belastung?

Eindeutig als etwas, das mir Kraft gibt! Dabei habe ich meinen Beruf vor der Geburt und der Trennung eigentlich immer als belastend und überfordernd erlebt. Aber jetzt empfinde ich ihn als wirklich stabilisierend. So schwierig es in den größten Chaoszeiten war, mich morgens hinzusetzen, mich zu sammeln und für meine Patienten eine gewisse Kraft und Ruhe auszustrahlen, so sehr hat mir das auch geholfen. Ich arbeite zum Glück in seinem sehr wertschätzenden Umfeld in Bezug auf meine Kolleginnen und Kollegen und auch meine Patienten. Das gibt mir immer wieder Kraft. Und da sich meine berufliche Situation geändert hat, machen die Begegnungen mit Menschen inzwischen einen großen Teil meiner Arbeit aus. Auch die Möglichkeit, durch die Arbeit eine andere Rolle auszuüben als die der getrennt erziehenden Mutter tut mir gut. Sicher hängt das auch damit zusammen, dass ich mir den Luxus leisten kann, so wenig zu arbeiten. Es wäre wohl etwas anderes, wenn ich 40 Stunden oder mehr pro Woche arbeiten müsste. Dann würde ich meine Arbeit vermutlich hauptsächlich als belastend und kräftezehrend empfinden.

Gibt es etwas, worauf du stolz bist, mit Blick auf die letzten Monate?

Ich bin stolz darauf, dass es mir gelungen ist, unseren Alltag so einzurichten, dass er „rund“ läuft. Ich bin auch stolz darauf, dass es uns allen dreien – bei meinem Ex-Partner kann ich es natürlich nicht abschließend beurteilen – deutlich besser geht. Besonders bei meiner Tochter und mir merke ich, dass wir emotional viel, viel stabiler und zufriedener sind als zuvor. Und ich bin schon stolz, dass uns das bis jetzt so gut gelungen ist.

Gibt es etwas, was du anderen, noch nicht lange getrennt lebenden Eltern, mitteilen möchtest?

Ich kann nur sagen, dass ich in den letzten Monaten ganz stark die Erfahrung gemacht habe, dass der etwas abgenutzte Spruch „Wenn es dir gut geht, geht es deinem Kind gut“ stimmt. Meine Tochter hat mir das deutlich gezeigt und ich kann nur empfehlen, diesen Gedanken zu beherzigen. Mir ist auch immer wichtig, dass es meinem Ex-Partner in der Zeit, die unsere Tochter mit ihm verbringt, gut geht, denn sonst wird sie die Zeit bei ihm nicht genießen können.

Was hat dir geholfen seit der Trennung?

Zunächst einmal die Trennung selbst. Und natürlich die Menschen, die mich umgeben. Ich habe zum Glück relativ schnell wieder Kraft verspürt neue Menschen kennen zu lernen, die in einer ähnlichen Situation sind wie ich gerade. Das ist schon wichtig für mich. Auch wenn ich schon ein gutes Netzwerk hatte, waren das hauptsächlich Menschen, die ich aus der Schwangerschaft und aus dem ersten Babyjahr kannte und von diesen hat sich niemand getrennt. Und ich merke, dass meine alten Freunde mit einigen Themen, die mich seit der Trennung beschäftigen, nicht viel anfangen können. Diesbezüglich hat es sehr gut getan, andere Allein- oder Getrennterziehende kennen zu lernen, aber auch einfach Menschen ohne Kind. In den letzten Wochen habe ich gemerkt, dass mir vor allem diese Kontakte sehr helfen. Denn für all die Dinge, die ich früher gemacht hätte, damit es mir gut geht – Sport, Hobbys – habe ich schlicht keine Zeit!… [lacht] Ich habe natürlich auch das Glück, dass meine Arbeit mir so viel Freude bereitet. Und ich habe mich schon vor der Trennung mit dem Thema Achtsamkeit beschäftigt und mir Wege erarbeitet, wie ich mit belastenden Situationen umgehen kann. Und dennoch ist es bei weitem nicht so, dass ich immer ausgeglichen und entspannt bin… Ich habe auch eine Therapeutin, die mich vor und während der Trennung begleitet hat: das ist auch hilfreich für mich.

Das klingt so, als ob es dir gut gelingt, für dich zu sorgen?

[Beginnt auf einmal zu weinen] Es ist ein Gleichgewicht, das ich immer wieder neu erringen muss. Das kostet einfach wirklich viel Kraft und Energie. Ich merke immer wieder, dass ich dieses Gleichgewicht zu verlieren drohe – daran muss ich ganz bewusst arbeiten. Aber das mache ich. [lacht] Schon aus reinem Überlebenswillen! Und irgendwie ist es mit einem Kind ja auch so, dass man sich nicht heulend und depressiv in die Ecke setzen kann. Meine Tochter hilft mir also auch: einerseits dadurch, dass sie mich, so fröhlich und witzig wie sie ist, immer wieder aufheitert, aber auch dadurch, dass einfach klar ist, ich muss für sie da sein. Das ist mein ganz starker Wunsch: ich will, dass wir es zusammen schön haben!

Das ist eine wirklich liebevolle Aussage. Vielen Dank für unser offenes Gespräch!

alleinerziehend, Beruf, Familie, Partnerschaft

NIE und IMMER: „Man kommt zu nix!“ Oder?

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Wie war das: „Man kommt zu nix“, alleinerziehend, berufstätig, mit kleinem Kind?

Stimmt: 

Ich komme NIE dazu, 

die (inzwischen sechs) Stapel Loseblattsammlung zu sortieren, aus der meine Unterrichtsmaterialien der letzten zwei Jahre bestehen. Dabei könnte ich die, nach Themen sortiert und in Ordner verstaut, sicher gut wiederverwenden… 

Ich komme NIE dazu, 

das Karnevalskostüm meines Sohnes von vor zwei Jahren zu entsorgen und/oder sinnvoll zu verstauen – es liegt oben auf dem Schrank und staubt in Würde ein…

Ich komme NIE dazu, 

das „Mein Baby-Erinnerungsbuch“ weiter als bis zum Ende des ersten Lebensjahrs zu führen. Da fing unser Sohn an zu laufen, ich stieg wieder in den Beruf ein – ab da kam mir die Muße abhanden…

Ich komme NIE dazu, 

meine Küchenschubladen aufzuräumen, Genauso wenig wie den Kinderzimmerschrank und den Keller. Und den Sperrmüll wollte ich auch schon seit etwa einem Jahr mal wieder abholen lassen. 

~ ~ ~

Ich komme IMMER dazu,

echte Freunde anzurufen, zu treffen, mit ihnen vier Stunden am Stück zu quatschen – ok, meist nur alle paar Wochen, aber letztlich klappt es immer.

Ich komme IMMER dazu, 

Tagebuch zu schreiben, Artikel für meinen Blog und dazu Bücher zu lesen, die mich wirklich interessieren (notfalls nachts ab 22.30 Uhr…)

Ich komme IMMER dazu, 

zuzuhören, alles stehen und liegen zu lassen, wenn mein Sohn sich das Knie aufgeschlagen hat/ aufs Klo muss und die Hose nicht allein runter zu den Knien bekommt/ zum ersten Mal ein Spinnennetz mit Tauperlen entdeckt hat. 

NIE – und IMMER. So was nennt man wohl Prioritäten setzen!… 🙂

Herzlichen Gruß, Sunnybee

PS. Wozu kommst du NIE, was machst du IMMER? Ich freue mich über deinen Kommentar!

PPS. Ähnliches Thema: „Die Zeit ist Jetzt“. Von der Werbung für’s Leben lernen (Teil 2)

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Das Wechselmodell – eine Zwischenbilanz

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Wir sind seit 11/2 Jahren getrennt. Seitdem wechselt unser gemeinsamer Sohn (jetzt drei) zwischen zwei „Zuhausen“ hin und her. Inzwischen benennt er diese selbst: „Mama-Haus“ und „Papa-Haus“ sind für ihn eine Realität: zwei Welten, die er für sich vereint – und zwischen denen er sich zurechtfinden muss. 

Wer meine Blog-Beiträge verfolgt, weiß, dass ich mir häufig Gedanken darüber mache, was – auch im Rahmen unserer Trennung – richtig und wichtig für unser Kind sein kann. Denn Eltern bleiben mein Ex-Partner und ich auf jeden Fall, darüber habe ich in einem meiner ersten Artikel zum Wechselmodell bereits geschrieben. 

Je älter unser Sohn jedoch wird und je mehr er offensichtlich nicht nur das Zusammensein mit uns, seinen jeweiligen Elternteilen, wahrnimmt, sondern eben auch das Umfeld, die Abläufe und Gepflogenheiten seiner beiden Zuhause, umso deutlicher stellt sich für mich die Frage: was bedeuten diese Wechsel von einer Welt in die andere für ihn? Auch ganz praktisch: wie ist es für ihn, z.B. montags bei seinem Vater, dienstags, mittwochs bei mir, donnerstags, freitags wieder „bei Papa“ zu schlafen? 

Heute hier, morgen dort 

Wir Erwachsenen können, z.B. im Urlaub, ja oft schon schlecht einschlafen, wenn wir auf der „falschen“ Matratze liegen. Und jeder, der viel gereist ist, kennt das leicht desorientierte Gefühl, morgens an einem Ort aufzuwachen und sekundenlang nicht zu wissen, wo man ist. Eben war ich noch in Sydney/Taipeh/Tokyo – und ein Stück weit bin ich dort immer noch, auch wenn mich das Flugzeug bereits in eine ganz andere Welt transportiert hat.

Die jeweils „andere Welt“ unseres Sohnes ist nur drei Stationen mit der Bahn entfernt. Und als „Reisebegleiter“ sind wir, seine Eltern und engsten Bezugspersonen, dabei. Also überwiegt für ihn das Positive, die Möglichkeit, dadurch zu fast gleichen Teilen Zeit mit Mama und Papa zu verbringen? Oder doch die Unruhe und die Schwierigkeit der Umstellung, die von ihm immer wieder gefordert wird? 

Bei Papa so, bei Mama anders

„Papa-Haus“ und „Mama-Haus“ sind für unser Kind eine Realität – und für uns Erwachsenen inzwischen auch. Unser Sohn reagiert darauf, indem er Vergleiche anstellt („bei Papa mache ich das so, bei Mama so“, „bei Papa gibt es das zu essen, bei Mama jenes“) und inzwischen auch schon versucht, was bei Papa erlaubt ist, auf Mamas Welt „auszudehnen“ und umgekehrt („Papa kommt immer sofort und spielt mit mir, Mama soll das auch!“). 

Was lernt er dabei? Es gibt für ihn mehrere Lebensbereiche, in denen zum Teil unterschiedliche Maßstäbe gelten – das ist im Kindergarten und bei Oma und Opa ja auch der Fall. Menschen sind verschieden, entscheiden unterschiedlich – und das ist ok. Für mich ist das gut annehmbar, solange ich das Gefühl habe, grundsätzlich ziehen mein Ex-Partner und ich als Eltern „an einem Strang“, ein respektvoller Umgang miteinander und einige klare Grenzen (z.B. jetzt mit drei, nicht mit Dingen durch die Gegend werfen, wenn man wütend ist) gelten in beiden Haushalten. Für mich schwer erträglich sind ehrlich gesagt Situationen, in denen ich das Gefühl habe, worauf ich mit Konsequenz und natürlich auch zuweilen gegen den Willen unseres Sohnes bestehe (z.B. Süßes nicht als Belohnung für erwünschtes Verhalten, Schnuller nur noch zum Einschlafen am Abend) – dafür gibt es bei Papa „Verhandlungsspielraum“. Hier sind Absprachen zwischen uns Eltern nötig und die Bereitschaft, diese von beiden Seiten aus einzuhalten. Das führt auch bei uns immer wieder einmal zu Konflikten: im Rahmen des Wechselmodells, bei dem eben nicht der „Alltag“ bei einem Elternteil der „Ausnahme-, bzw. Wochenendzeit“ beim anderen gegenüber steht, bleibt der Kontakt und die Kommunikation zwischen den Eltern extrem wichtig – das ist Herausforderung und Chance zugleich.

Papa ist nie da, wo Mama ist

Das ist die Realität aller Kinder mit getrennt lebenden Eltern, zumindest für den Großteil der Zeit. Unser Sohn bringt die Trauer darüber zum Ausdruck, indem er morgens beim Aufwachen manchmal nach Papa fragt und dann auch deutlich macht, dass er lieber mit Papa kuscheln würde als mit mir – oder auch, indem er eine Zeitlang einen Stuhl an den Esstisch stellte: das sei „Papas Stuhl“. Solche Situationen rühren in mir eigene Trauer um unsere Trennung an, aber ich versuche, unseren Sohn in seinen Gefühlen zu unterstützen und bestätige, was für ihn eben gerade gilt: Er hat „Papa-Sehnsucht“, ist traurig wegen dessen Abwesenheit und darf das auch sein. Im nächsten Moment freut er sich schon wieder über etwas anderes und ich kann mich mit ihm freuen. Was lernt unser Kind dabei? Das Leben fühlt sich manchmal fröhlich und manchmal traurig an – und beides darf sein. 

Das Wechselmodell, so wie wir es momentan praktizieren, bietet dabei einerseits Entlastung – die Trennung vom jeweils anderen Elternteil ist nie besonders lang; andererseits ist der Abschied vom anderen, bzw. die Erinnerung an die Nähe mit dem anderen dadurch oft sehr präsent, was eben auch die Sehnsucht danach weckt. Und nicht zuletzt muss sich unser Sohn – zumindest im Moment – unserem Rhythmus anpassen, das heißt, er sieht Papa oder Mama zu den Zeiten, die wir vorgeben – natürlich wäre er selbst mal lieber bei Papa in der „Mama-Zeit“ und umgekehrt. 

Von allem das Doppelte

Zwei Zuhause bedeutet Alltag an zwei Orten, mit allem, was dazu gehört: Zahnbürste und Töpfchen bei Papa und bei Mama, Lieblingsspielzeug hier und dort, Kleidung und Kuscheltier, das von A nach B wechselt usw. Das ist erst einmal eine logistische – und zum Teil auch finanzielle – Herausforderung für uns Eltern. Was bedeutet das Wechselmodell diesbezüglich für unseren Sohn? Jetzt, mit drei Jahren, aus seiner Sicht vor allem ein Extra an Spielsachen, Abwechslung, Anregung – und, was wohl am bedeutendsten für seine Entwicklung ist, zweimal die exklusive Aufmerksamkeit von Mama und Papa. Gerade fällt es ihm schwer in unserer Gegenwart auch einmal „Dritter im Bunde“ zu sein, sich einen Moment lang allein zu beschäftigen, wenn wir z.B. mit einem anderen Erwachsenen ein Gespräch führen wollen. Aber das ist vermutlich nicht in erster Linie eine Auswirkung des Wechselmodells, sondern eine Frage seines Entwicklungsstands und Temperaments und vielleicht auch dem Umstand zuzuschreiben, dass er uns, als unser einziges Kind, nach der Trennung im Alltag die meiste Zeit für sich hat. Im Kindergarten sowie beim regelmäßigen Treffen mit Freunden oder Freundinnen und deren Kindern lernt er durchaus, auch mal nicht der „Nabel der Welt“ zu sein. 

Ein (Zwischen-) Fazit

Das Wechselmodell hat offensichtlich auch für unseren Sohn Vorzüge (viel Zeit mit beiden Eltern, zwei Zuhause, die ihm viel Anregung bieten, in denen er geliebt – und zum Teil auch verwöhnt – wird…). Daneben hat es auch für ihn Folgen, die ich durchaus kritisch sehe (relativ große Unruhe im Wochenablauf, die häufige Umstellung auf andere (Wert-) Maßstäbe, rasch aufeinanderfolgend die Trennung von Mama oder Papa). Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in der Zukunft die Wechsel zwischen seinen „Zuhausen“ in größeren Abständen gestalten oder vielleicht auch dahin zurückkehren, dass er ein „Haupt-Zuhause“ haben wird, an dem er die meiste Zeit übernachtet und dass er mit dem anderen Elternteil z.B. nachmittags oder am Wochenende Zeit verbringen wird. 

Ein Umgangsmodell muss meiner Meinung nach bis zu einem gewissen Grad flexibel bleiben können, um den Bedürfnissen der Kinder – aber auch der getrennt lebenden Eltern – gerecht zu werden. Daher sehe ich eine gerichtlich ein für alle Mal festgelegte Umgangsregelung (ob im Sinne des Wechselmodells oder eines anderen Umgangsmodells) äußerst kritisch: wenn uns die letzten 11/2 Jahre seit unserer Trennung etwas gezeigt haben, dann, dass das Leben sich nicht in starre Formen pressen lässt. Wo ich das versuche, bremse ich das Leben selbst. Struktur an sich ist sinnvoll und gibt allen Beteiligten Halt – aber sie darf nicht zum Selbstzweck werden. Insofern ist das Wechselmodell – mit all seinen Vorzügen und Nachteilen – immer nur so „gut“ wie die Menschen, die es praktizieren. Passt es für euch, dann lebt es! Falls nicht, hinterfragt es, ändert vielleicht Aspekte daran, so dass es euren Bedürfnissen und denen eures Kindes mehr entspricht – aber seht es immer als das, was es ist: ein Hilfsmittel, ein Konstrukt, das das Leben innerhalb einer getrennt lebenden Familie stützen soll – nicht Zweck des Lebens selbst! Kämpft nicht um die Art der Wechsel, der Übergaben, die Zeit, die euer Kind mit euch verbringt – kämpft dafür, dass es diese Zeit mit euch genießen kann!

Herzlich alles Gute, Sunnybee 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Glücklich sein – darf ich das?

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6 Monate, 2 Jahre oder 5 Jahre sind vergangen seit der Trennung – plötzlich merke ich: WOW, da ist ja noch verdammt viel Leben in mir! Lebenslust, ein Wollen, das sich nicht mehr (allein) auf Vergangenes richtet, sondern darauf, was die Gegenwart bringt, was in der nahen Zukunft geschehen mag! 

In meinem Bekanntenkreis allein- und getrennt erziehender Mütter sind gerade drei, die eine neue, ernsthafte Beziehung mit einem Mann eingehen, bzw. seit einigen Monaten eingegangen sind. Was oft mit einem „Mal sehen, was daraus wird!“ begonnen hatte, entwickelt sich zu einer Begegnung, bzw. einer Partnerschaft, mit der wieder echte Hoffnung verbunden ist. Bei einer Freundin weckt das sogar – für sie selbst überraschend – den Wunsch, mit diesem neuen Mann noch einmal ein Kind zu bekommen, eine (weitere) Familie zu gründen. 

Auch getrennt ist mein Leben nicht „vorbei“

Und jetzt? Wie gehe ich damit um, dass mein Leben – auch nach einer Trennung, die mich vielleicht tief erschüttert hat – natürlich nicht „vorbei“ ist? Wie gehe ich damit um, dass ich auskosten möchte, was es zu „bieten“ hat, nämlich eben Leichtigkeit, vielleicht Unvernunft, Übermut – oder eben die Möglichkeit einer neuen Liebe. 

Lebe ich mit dem Vater meines Kindes eine Form des Umgangs, die für mich längere Zeiten ohne mein Kind mit sich bringt (regelmäßig auch Nächte oder sogar jeweils eine ganze Woche, in der es nicht bei mir ist), bin ich noch stärker konfrontiert mit der Frage: wie lebe ich die Zeit, die ich ganz für mich habe? 

Sehne ich mich nach dem, was nicht (mehr) ist? Oder genieße ich die Freiräume, die meine kinderfreien Zeiten mir ermöglichen? Beschäftige ich mich in dieser Zeit gedanklich weiter mit meiner (vergangenen) Partnerschaft und dem Familienleben, das in der alten Form nicht mehr möglich ist – oder lebe ich ganz bewusst ein Leben, in dem ich erst einmal nur mich selbst zum Maßstab nehme: Passt das für mich? Dann lebe ich es!

Angst, das „Falsche“ zu tun

Getrennt, besonders mit noch kleinem Kind, verspüre ich all zu schnell die Verantwortung, nur keinen falschen Schritt in meinem „neuen“ Leben zu machen. Ich habe einen Mann kennen gelernt, für den ich ernsthafte Zuneigung spüre. Ich bin verliebt und will ihn ständig sehen – aber was „macht“ das mit meinem Kind, das häufig dabei ist? Was, wenn ich mich in zwei Jahren doch von diesem Mann trennen sollte? Verletze ich damit nicht auch mein Kind, nehme ihm eine Bezugsperson, zu der es gerade eine eigene Bindung aufgebaut hat? Oder: darf ich „feiern“ gehen, mich amüsieren, abends ausgehen, während mein Kind bei seinem Vater schläft? Darf ich mich so „unelterlich“ verhalten, zu einem Zeitpunkt, an dem manch nicht getrenntes Elternpaar weniger Freiräume ohne Kind zu Verfügung hat als ich durch dieses Modell? 

Mit anderen Worten: darf ich nicht nur das Beste aus meiner Situation als getrennt lebende Mutter oder getrennt lebender Vater machen, in dem Sinn, dass ich „den Mangel verwalte“, sondern, indem ich das mache, was tatsächlich das Beste für mich in diesem Moment ist? Darf ich so „egoistisch“ sein? Oder sorge ich damit einfach gut für mich – und letztlich auch für mein Kind?

Begegnung mit dem Leben

Ich habe selbst so eine Situation vor kurzem erlebt. Am frühen Abend – mein Sohn war bei seinem Vater – habe ich eine Veranstaltung (tatsächlich einen Info-Abend für Alleinerziehende) besucht. Beim Verlassen des Gebäudes danach war es schon dunkel. Da das Ganze in einem sehr quirligen, belebten Stadtteil stattfand, fand ich mich auf dem Heimweg zwischen partyfreudigen Studenten und entspannt vor Kiosks sitzenden Mit-Dreißigern wieder. Auf einmal war alles möglich: einen Freund anrufen und mit ihm auf ein Bier in die Kneipe nebenan? Tanzen gehen, vielleicht sogar allein, mich einfach treiben lassen und sehen, was der Abend noch bringen würde? Die Luft war lau, ich spürte Erwartung und Fröhlichkeit – und fuhr letztlich einfach nach Hause, beschwingt, obwohl ich meine Freiheit gar nicht großartig „genutzt“ hatte. Vielleicht einfach, weil ich sie erkannt hatte: ein Abschied von etwas eröffnet wirklich auch neue Möglichkeiten. Das ist manchmal überwältigend, fühlt sich zuweilen gar bedrohlich an – aber manchmal auch einfach nur wirklich GUT. 

Getrennt und damit glücklich sein? Geht – und immer wieder auch richtig gut!

Herzlichen Gruß, Sunnybee