alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Das Wechselmodell – eine Zwischenbilanz

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Wir sind seit 11/2 Jahren getrennt. Seitdem wechselt unser gemeinsamer Sohn (jetzt drei) zwischen zwei „Zuhausen“ hin und her. Inzwischen benennt er diese selbst: „Mama-Haus“ und „Papa-Haus“ sind für ihn eine Realität: zwei Welten, die er für sich vereint – und zwischen denen er sich zurechtfinden muss. 

Wer meine Blog-Beiträge verfolgt, weiß, dass ich mir häufig Gedanken darüber mache, was – auch im Rahmen unserer Trennung – richtig und wichtig für unser Kind sein kann. Denn Eltern bleiben mein Ex-Partner und ich auf jeden Fall, darüber habe ich in einem meiner ersten Artikel zum Wechselmodell bereits geschrieben. 

Je älter unser Sohn jedoch wird und je mehr er offensichtlich nicht nur das Zusammensein mit uns, seinen jeweiligen Elternteilen, wahrnimmt, sondern eben auch das Umfeld, die Abläufe und Gepflogenheiten seiner beiden Zuhause, umso deutlicher stellt sich für mich die Frage: was bedeuten diese Wechsel von einer Welt in die andere für ihn? Auch ganz praktisch: wie ist es für ihn, z.B. montags bei seinem Vater, dienstags, mittwochs bei mir, donnerstags, freitags wieder „bei Papa“ zu schlafen? 

Heute hier, morgen dort 

Wir Erwachsenen können, z.B. im Urlaub, ja oft schon schlecht einschlafen, wenn wir auf der „falschen“ Matratze liegen. Und jeder, der viel gereist ist, kennt das leicht desorientierte Gefühl, morgens an einem Ort aufzuwachen und sekundenlang nicht zu wissen, wo man ist. Eben war ich noch in Sydney/Taipeh/Tokyo – und ein Stück weit bin ich dort immer noch, auch wenn mich das Flugzeug bereits in eine ganz andere Welt transportiert hat.

Die jeweils „andere Welt“ unseres Sohnes ist nur drei Stationen mit der Bahn entfernt. Und als „Reisebegleiter“ sind wir, seine Eltern und engsten Bezugspersonen, dabei. Also überwiegt für ihn das Positive, die Möglichkeit, dadurch zu fast gleichen Teilen Zeit mit Mama und Papa zu verbringen? Oder doch die Unruhe und die Schwierigkeit der Umstellung, die von ihm immer wieder gefordert wird? 

Bei Papa so, bei Mama anders

„Papa-Haus“ und „Mama-Haus“ sind für unser Kind eine Realität – und für uns Erwachsenen inzwischen auch. Unser Sohn reagiert darauf, indem er Vergleiche anstellt („bei Papa mache ich das so, bei Mama so“, „bei Papa gibt es das zu essen, bei Mama jenes“) und inzwischen auch schon versucht, was bei Papa erlaubt ist, auf Mamas Welt „auszudehnen“ und umgekehrt („Papa kommt immer sofort und spielt mit mir, Mama soll das auch!“). 

Was lernt er dabei? Es gibt für ihn mehrere Lebensbereiche, in denen zum Teil unterschiedliche Maßstäbe gelten – das ist im Kindergarten und bei Oma und Opa ja auch der Fall. Menschen sind verschieden, entscheiden unterschiedlich – und das ist ok. Für mich ist das gut annehmbar, solange ich das Gefühl habe, grundsätzlich ziehen mein Ex-Partner und ich als Eltern „an einem Strang“, ein respektvoller Umgang miteinander und einige klare Grenzen (z.B. jetzt mit drei, nicht mit Dingen durch die Gegend werfen, wenn man wütend ist) gelten in beiden Haushalten. Für mich schwer erträglich sind ehrlich gesagt Situationen, in denen ich das Gefühl habe, worauf ich mit Konsequenz und natürlich auch zuweilen gegen den Willen unseres Sohnes bestehe (z.B. Süßes nicht als Belohnung für erwünschtes Verhalten, Schnuller nur noch zum Einschlafen am Abend) – dafür gibt es bei Papa „Verhandlungsspielraum“. Hier sind Absprachen zwischen uns Eltern nötig und die Bereitschaft, diese von beiden Seiten aus einzuhalten. Das führt auch bei uns immer wieder einmal zu Konflikten: im Rahmen des Wechselmodells, bei dem eben nicht der „Alltag“ bei einem Elternteil der „Ausnahme-, bzw. Wochenendzeit“ beim anderen gegenüber steht, bleibt der Kontakt und die Kommunikation zwischen den Eltern extrem wichtig – das ist Herausforderung und Chance zugleich.

Papa ist nie da, wo Mama ist

Das ist die Realität aller Kinder mit getrennt lebenden Eltern, zumindest für den Großteil der Zeit. Unser Sohn bringt die Trauer darüber zum Ausdruck, indem er morgens beim Aufwachen manchmal nach Papa fragt und dann auch deutlich macht, dass er lieber mit Papa kuscheln würde als mit mir – oder auch, indem er eine Zeitlang einen Stuhl an den Esstisch stellte: das sei „Papas Stuhl“. Solche Situationen rühren in mir eigene Trauer um unsere Trennung an, aber ich versuche, unseren Sohn in seinen Gefühlen zu unterstützen und bestätige, was für ihn eben gerade gilt: Er hat „Papa-Sehnsucht“, ist traurig wegen dessen Abwesenheit und darf das auch sein. Im nächsten Moment freut er sich schon wieder über etwas anderes und ich kann mich mit ihm freuen. Was lernt unser Kind dabei? Das Leben fühlt sich manchmal fröhlich und manchmal traurig an – und beides darf sein. 

Das Wechselmodell, so wie wir es momentan praktizieren, bietet dabei einerseits Entlastung – die Trennung vom jeweils anderen Elternteil ist nie besonders lang; andererseits ist der Abschied vom anderen, bzw. die Erinnerung an die Nähe mit dem anderen dadurch oft sehr präsent, was eben auch die Sehnsucht danach weckt. Und nicht zuletzt muss sich unser Sohn – zumindest im Moment – unserem Rhythmus anpassen, das heißt, er sieht Papa oder Mama zu den Zeiten, die wir vorgeben – natürlich wäre er selbst mal lieber bei Papa in der „Mama-Zeit“ und umgekehrt. 

Von allem das Doppelte

Zwei Zuhause bedeutet Alltag an zwei Orten, mit allem, was dazu gehört: Zahnbürste und Töpfchen bei Papa und bei Mama, Lieblingsspielzeug hier und dort, Kleidung und Kuscheltier, das von A nach B wechselt usw. Das ist erst einmal eine logistische – und zum Teil auch finanzielle – Herausforderung für uns Eltern. Was bedeutet das Wechselmodell diesbezüglich für unseren Sohn? Jetzt, mit drei Jahren, aus seiner Sicht vor allem ein Extra an Spielsachen, Abwechslung, Anregung – und, was wohl am bedeutendsten für seine Entwicklung ist, zweimal die exklusive Aufmerksamkeit von Mama und Papa. Gerade fällt es ihm schwer in unserer Gegenwart auch einmal „Dritter im Bunde“ zu sein, sich einen Moment lang allein zu beschäftigen, wenn wir z.B. mit einem anderen Erwachsenen ein Gespräch führen wollen. Aber das ist vermutlich nicht in erster Linie eine Auswirkung des Wechselmodells, sondern eine Frage seines Entwicklungsstands und Temperaments und vielleicht auch dem Umstand zuzuschreiben, dass er uns, als unser einziges Kind, nach der Trennung im Alltag die meiste Zeit für sich hat. Im Kindergarten sowie beim regelmäßigen Treffen mit Freunden oder Freundinnen und deren Kindern lernt er durchaus, auch mal nicht der „Nabel der Welt“ zu sein. 

Ein (Zwischen-) Fazit

Das Wechselmodell hat offensichtlich auch für unseren Sohn Vorzüge (viel Zeit mit beiden Eltern, zwei Zuhause, die ihm viel Anregung bieten, in denen er geliebt – und zum Teil auch verwöhnt – wird…). Daneben hat es auch für ihn Folgen, die ich durchaus kritisch sehe (relativ große Unruhe im Wochenablauf, die häufige Umstellung auf andere (Wert-) Maßstäbe, rasch aufeinanderfolgend die Trennung von Mama oder Papa). Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in der Zukunft die Wechsel zwischen seinen „Zuhausen“ in größeren Abständen gestalten oder vielleicht auch dahin zurückkehren, dass er ein „Haupt-Zuhause“ haben wird, an dem er die meiste Zeit übernachtet und dass er mit dem anderen Elternteil z.B. nachmittags oder am Wochenende Zeit verbringen wird. 

Ein Umgangsmodell muss meiner Meinung nach bis zu einem gewissen Grad flexibel bleiben können, um den Bedürfnissen der Kinder – aber auch der getrennt lebenden Eltern – gerecht zu werden. Daher sehe ich eine gerichtlich ein für alle Mal festgelegte Umgangsregelung (ob im Sinne des Wechselmodells oder eines anderen Umgangsmodells) äußerst kritisch: wenn uns die letzten 11/2 Jahre seit unserer Trennung etwas gezeigt haben, dann, dass das Leben sich nicht in starre Formen pressen lässt. Wo ich das versuche, bremse ich das Leben selbst. Struktur an sich ist sinnvoll und gibt allen Beteiligten Halt – aber sie darf nicht zum Selbstzweck werden. Insofern ist das Wechselmodell – mit all seinen Vorzügen und Nachteilen – immer nur so „gut“ wie die Menschen, die es praktizieren. Passt es für euch, dann lebt es! Falls nicht, hinterfragt es, ändert vielleicht Aspekte daran, so dass es euren Bedürfnissen und denen eures Kindes mehr entspricht – aber seht es immer als das, was es ist: ein Hilfsmittel, ein Konstrukt, das das Leben innerhalb einer getrennt lebenden Familie stützen soll – nicht Zweck des Lebens selbst! Kämpft nicht um die Art der Wechsel, der Übergaben, die Zeit, die euer Kind mit euch verbringt – kämpft dafür, dass es diese Zeit mit euch genießen kann!

Herzlich alles Gute, Sunnybee 

alleinerziehend, Beruf, Familie, Gesellschaft

Hanno S.: „Wenn etwas stirbt, macht es auch Platz für Neues“

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Als ich Hanno S. kennenlerne, fallen mir als erstes seine wirklich leuchtenden Augen auf. Spontan frage ich ihn, ob er bei meiner Reihe „Working Moms & Dads“ mitmachen möchte. Als Seelsorger einer christlichen Gemeinde organisiert er seit etwa einem Jahr einen monatlichen Frühstückstreff für Alleinerziehende, bei dem wir uns auch begegnet sind. Er hat zwei Kinder, von deren Mutter er seit 2014 getrennt lebt. 

Lieber Hanno,

du bist berufstätig und hast Kinder. Wie würdest du deinen Kindern deinen Beruf erklären?

Ich glaube, den muss ich ihnen gar nicht erklären, sie sind damit mehr oder weniger aufgewachsen. Mein Arbeitgeber ist so familienfreundlich, dass ich bei den allermeisten Veranstaltungen die Kinder mitnehmen kann – und so erübrigt sich dann häufig der Babysitter… Von daher wissen sie, was ich mache. Inzwischen sagen sie nur manchmal: „Oh, nicht schon wieder, ich will nicht mit“ – in diesem Fall in die Kirche!… [lacht] Dadurch, dass ich auch abends und am Wochenende beschäftigt bin, weil ich eben viel mit Menschen arbeite, die tagsüber berufstätig sind, habe ich häufig auch Termine, wenn die Kinder da sind. Es nervt sie dann, dass ich die Zeit nicht mit ihnen verbringen kann. Da ich mit meiner ehemaligen Frau das Wechselmodell praktiziere (die Kinder sind eine Woche bei ihr, eine Woche bei mir), versuche ich allerdings, möglichst sämtliche Abendtermine auf die Zeit zu legen, in der die Kinder nicht bei mir sind, so dass ich in der anderen Woche mehr Zeit für sie habe.

Du sagst, der kirchliche Bezug spielt bei deiner Arbeit eine wichtige Rolle. Nehmen deine Kinder das wahr und stellen z.B. Fragen dazu? Deinen vorherigen Beruf als Journalist haben sie wohl (noch) nicht so intensiv kennengelernt?

Auch meinen Beruf als Journalist haben sie kennengelernt, aber nicht so intensiv. Das war eben ein reiner Bürojob: ich war tagsüber weg und am späten Nachmittag wieder da. Von daher haben sie inhaltlich nicht so viel mitgekriegt, vielleicht das ein oder andere Ergebnis gesehen, in einer Zeitung oder auf einer Internetseite. Bei meinem jetzigen Beruf im kirchlichen Bereich, wo es ja auch viel um Glaubensfragen und um ethische Fragen geht, die ja durchaus in die Erziehung hineinspielen, führen wir immer wieder mal Gespräche, auch über inhaltliche Fragen, die eben auch Glaubensthemen berühren.

Also beeinflusst deine berufliche Rolle auch dein Familienleben?

Das lässt sich gar nicht vermeiden, denn im Grunde genommen gibt es keine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Als Seelsorger bin ich für Menschen da und wenn ich in meinem Privatleben im Supermarkt einkaufe und jemanden aus der Gemeinde an der Kasse treffe, der mich etwas fragt, kann ich mir ja nicht die Frage stellen: ist das jetzt eine seelsorgerische Fragestellung, die zu meinem Beruf gehört, oder ist das was Privates – das lässt sich oft nicht klar trennen. Oder wenn ich mir Gedanken zu etwas mache, das mit der Kirche zu tun hat, kann ich das natürlich am Schreibtisch sitzend machen, oder ich kann dabei joggen gehen. Was ist das dann: Freizeit oder Beruf? Letzte Woche hatten wir zum Beispiel von der Kirche aus eine Kinoveranstaltung, da sind meine Kinder mitgekommen, sowohl zum Auf- und Abbauen, als auch zum Filmgucken und fanden den Abend total super. So gesehen ist mein Beruf eigentlich ein Traumberuf für Alleinerziehende, weil sich einfach vieles mit Familie sehr gut vereinbaren lässt.

Du lebst getrennt von der Mutter deiner Kinder. Welche Auswirkungen hat das für dich im Alltag?

Ja, seit fast genau vier Jahren sind wir getrennt. Im Alltag hat sich natürlich vieles vereinfacht, dadurch dass ich in der Woche, in der die Kinder nicht da sind, mehr Zeit zu verplanen habe, auch für Dinge, die mir selbst wichtig sind. Auf der anderen Seite ist natürlich die Woche, in der die Kinder bei mir sind, extrem anstrengend, weil ich dann alles alleine mit den Kindern organisiere. Sich wie früher kurzfristig abzusprechen in der Form „Kannst du gleich mal die Kinder übernehmen, wenn ich dies oder jenes mache?“ ist eben nicht mehr möglich. Die Absprachen sind einfach vorher nötig und das funktioniert glücklicherweise bei uns sehr gut, weil wir beide aufeinander Rücksicht nehmen. Wenn der eine einen Sonderwunsch hat, geht der andere nach Möglichkeit darauf ein und wir versuchen das eben optimal zu planen.

Das heißt, eure Kinder wechseln wochenweise von einem Zuhause ins andere?

Sie haben bei beiden Eltern ihr eigenes Kinderzimmer, der „Wechselkoffer“ reist dann immer mit. Mittlerweile ist es nicht nur ein Koffer, sondern auch Tüten und Taschen mit Schul- und Sportsachen. Es ist immer ein kleiner Umzug…

Also schon einiges an Logistik, auch für die Kinder?

Ja, aber das ist super abgesprochen, wir haben z.B. einen gemeinsamen Kalender im Internet, wo wir die Familientermine und die Betreuungszeiten eingeben. Dann weiß jeder, wann was ansteht und bekommt sofort mit, wenn sich irgendwelche neuen Termine ergeben. Jeder plant normalerweise, wenn es um Verabredungen geht, nur für seine Zeit, aber es kann natürlich auch mal eine Geburtstagseinladung kommen, die in die Zeit des anderen fällt. Die wird dann direkt eingetragen und diesbezüglich haben wir ganz klare Absprachen: Geburtstagsgeschenke werden von dem besorgt, in dessen Betreuungszeit die Feier fällt und beim Wechsel ist es meist so, dass der, der die Kinder übernimmt, sie abholt – das ist eigentlich alles sehr klar geregelt und läuft deshalb auch sehr gut.

Das hört sich ja relativ sortiert und auch entspannt an. Ich nehme mal an, das war nicht immer so… Wie würdest du den Weg der letzten vier Jahre beschreiben? Welche Schwierigkeiten gab es während eurer Trennung? Was ist euch im Rückblick gut gelungen?

Die größte Herausforderung war eigentlich die Annullierung der kirchlichen Ehe, die Scheidung und das Auseinanderdividieren der Finanzen. Das auseinander zu friemeln hat über drei Jahre gedauert. Erst als es diese Reizthemen nicht mehr gab, endeten auch die Konflikte. Von dem her waren die drei Jahre nach der Trennung schon sehr schmerzhaft und bitter. Zum Glück waren die Kinder selbst kein Streitthema – als Organisator für Angebote Alleinerziehender bekomme ich ja mit, wie kräftezehrend und belastend es ist, wenn das der Fall ist. Aber auch bei uns bestanden am Anfang Unsicherheiten bezüglich Betreuungsregelungen: wie kann ich den anderen einschätzen? Ist das, was er macht, ehrlich gemeint? Da wieder auf ein normales Level zu kommen, eben nicht dem anderen etwas Negatives zu unterstellen, sondern dieses Misstrauen abzubauen, war wahrscheinlich die größte Herausforderung. Eine ganz wichtige Grundlage für die letztlich positive Entwicklung zwischen uns war sicherlich, dass meine ehemalige Frau und ich, was die Kindererziehung angeht, eigentlich kaum Meinungsverschiedenheiten haben. Das vereinfacht sicher vieles. Inzwischen haben wir eine super Grundlage, können auch miteinander flachsen, Spaß haben – ich habe ihr sogar gesagt, im Sommer, wenn der Wechsel im Urlaub ansteht, könne sie noch ein paar Tage in unser Ferienhaus mitkommen, auch mit ihrem neuen Freund… aber das klappt bei ihr wahrscheinlich nicht. Dass überhaupt solche Überlegungen möglich sind, finde ich sehr wertvoll.

Würdest du dich überhaupt als „alleinerziehend“ bezeichnen?

Nein, ich würde mich tatsächlich eher als getrennt- und nicht als alleinerziehend bezeichnen, weil die Betreuungszeit wirklich fast hälftig aufgeteilt ist und meine ehemalige Frau und ich auch die gleiche Bedeutung für die Kinder haben. Insofern richtet sich das Angebot in meiner Gemeinde ja auch an „Allein- und Getrennterziehende“.

Für eure Kinder sind die Zeiten, die sie jeweils bei euch verbringen, klar festgelegt, aber sie haben die Möglichkeit, den Elternteil, bei dem sie gerade nicht sind, jederzeit anzurufen?

Ja, wir hatten ganz am Anfang, was aber auch auf das erwähnte Misstrauen zurückzuführen war, ausprobiert, zu sagen: kein Kontakt zu dem jeweils anderen, wenn die Kinder bei ihm oder ihr sind. Aber es hat sich schnell gezeigt, dass das eine wahnsinnige Belastung für die Kinder ist, denn da schwingt immer mit, dass es nicht gut ist, wenn die Kinder beim anderen sind. Und mir ist klar geworden, dass es ganz wichtig für die Kinder ist, zu wissen, man findet es gut, wenn sie mit dem anderen Elternteil klar kommen und wir als Eltern unterstützen sie auch dabei. Das war am Anfang bei uns auch nicht der Fall und hat schließlich zu einer ziemlich heftigen Eskalation geführt, bei der wir auch eine Familienberatungsstelle einschalten mussten. Mittlerweile haben wir tatsächlich die Situation, dass mein Sohn, wenn er zum Beispiel anruft und sich darüber beschwert, wie „Sch…e“ Mama oder Papa gerade ist und sagt: „Ich möchte zu dir kommen!“, wir ihm beide sagen: „Du musst das erst klären. Wenn ihr in Harmonie auseinander geht, kannst du gerne kommen.“ Das führt meist dazu, dass er nach ein oder zwei Stunden anruft und sagt: „Ich habe alles geklärt und bleibe doch hier.“ [lacht]

Also seid ihr, auch wenn ihr kein Paar mehr seid, als Eltern euren Kindern gegenüber noch immer eine Einheit?

Ja, ich glaube, anders funktioniert es auch nicht. Denn wenn wir das nicht machen würden, würde genau das passieren, was mein Sohn schon häufiger versucht hat, nämlich, uns gegeneinander auszuspielen, indem er sagt: „Bei Mama darf ich das aber“, oder „Da bekomme ich so viel Taschengeld und hier nicht“. Dann sage ich immer: „Kannst du bei Mama gerne so machen, bei mir gilt eine andere Regelung. Und ich kläre das mit Mama“. Dann weiß er sofort: Aha, da bestehen Absprachen! Das hat auch schon mal dazu geführt, dass wir bei der Übergabe noch zusammen saßen und uns unterhalten haben, er eine Beschwerde äußerte und wir beide gleicher Meinung gegen ihn waren – da hat er gesagt, dass er es nicht ertragen würde, wenn wir zusammen wären, das wäre ihm zuviel… [lacht]

Also ist euer Familienleben in gewisser Weise entspannter also vor der Trennung?

In Bezug auf die Kindererziehung war es eigentlich immer schon entspannt. Die hatten wir schon immer Halb und Halb aufgeteilt. Ich habe als Selbständiger meinen freien Tage in der Woche für die Kinder genutzt und meine ehemalige Frau in ihrer eigenen Selbständigkeit unterstützt. Ich bin, als die Kinder klein waren, häufig mitgefahren, während sie am Wochenende Seminare hielt, und habe die Kinder versorgt. Eine lustige Anekdote ist: Sie hat fast zeitgleich mit ihrer Kollegin, mit der zusammen sie selbstständig ist, das erste Kind bekommen, und die beiden Jungen sind ein bisschen wie Brüder aufgewachsen. Ich habe in der Zeit sehr viel Betreuungszeit übernommen: Wenn wir dann zu irgendwelchen Seminaren in Deutschland oder auch Österreich gefahren sind, habe ich im Nebenzimmer die Kinder bespaßt, in den Kaffeepausen kamen die Mütter zum Stillen rein und gingen danach wieder zu ihrem Seminar… [lacht] Insofern hatte ich immer sehr viel Kontakt zu den Kindern.

Ich nehme an, auch deswegen war für dich klar, dass nur das Wechselmodell für dich in Frage kommt, also nicht die „klassische“ Form des Umgangs, nach der du nur jedes zweite Wochenende mit deinen Kindern zusammen wärst?

Nein, das hätte für mich und auch für die Kinder nicht funktioniert, weil sie das einfach nicht gewohnt sind. Bei meiner Tochter habe ich zwölf Monate Elternzeit genommen, meine Frau zwei Monate… das war mit meiner Selbstständigkeit sehr gut zu vereinbaren.

Insofern spielt dein Beruf also eine wichtige Rolle dafür, wie du dein Privatleben gestalten kannst?

Ja, ich glaube, ein Beruf, in dem man feste Arbeitszeiten hat und in dem die Arbeitszeiten vorgegeben sind, ist als Allein- oder Getrennterziehender schwierig. Ich sehe das bei den Müttern [bei den Alleinerziehenden-Veranstaltungen der Kirche], die sich, wenn das Kind krank wird, fragen: Kann ich mich jetzt krank schreiben lassen, ohne Gefahr zu laufen, meinen Job zu verlieren? Bei einer Mutter, die ich kenne, war das tatsächlich so: sie hat die Arbeitsstelle, bei der sie frisch begonnen hatte, verloren, weil sie sich wegen ihres Kindes hat krankschreiben lassen. Diesbezüglich hat sich in den letzten Jahrzehnten schon viel verändert, aber es ist immer noch zu wenig. Auch für Väter gilt: es gibt immer noch zu viele Firmen oder Berufe, in denen der Vater maximal die zwei Monate Elternzeit nehmen kann und wenn er mehr nimmt, wird ihm suggeriert, dass es schwierig wird mit der Weiterbeschäftigung, wenn er zurückkommt.

Habt ihr, als eure Kinder kleiner waren, auch Betreuung außerhalb der Familie (Kindergarten etc.) in Anspruch genommen?

Ja, beide Kinder waren im Kindergarten. Wir hatten sogar vor dem Kindergarten eine Tagesmutter, die beide betreut hat und die beide auch geliebt haben, sie war wirklich ein Glücksgriff – und es wäre tatsächlich auch bei zwei selbständigen Elternteilen schwierig gewesen, die Betreuung ganz alleine zu stemmen.

Empfindest du deinen Beruf eher als etwas, was dir Kraft gibt, oder als zusätzliche Belastung?

Ich kann sagen, dass der Beruf, den ich jetzt ausübe, mein absoluter Traumberuf ist: es gibt keinen Beruf, den ich lieber machen würde. Nach meinen Kindern hat der auch erste Priorität. Ich habe sehr, sehr lange gesucht, bis ich einen Beruf gefunden habe, der mich wirklich glücklich und zufrieden macht und dabei auch sehr schwierige Zeiten hinter mich gebracht; deswegen hat das, was ich jetzt erreicht habe und die Zufriedenheit, die damit einhergeht, einen sehr, sehr hohen Stellenwert für mich.

Also ist dein Beruf definitiv etwas, was dir auch Kraft gibt?

Auf jeden Fall.

Was erfüllt dich mit Freude und Stolz, wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst?

Mit Stolz erfüllt mich sicherlich, dass meine ehemalige Frau und ich es tatsächlich geschafft haben, nach diesen 3 ½ Jahren wieder friedlich miteinander umzugehen. Das war ein echter Kampf, aber ich glaube tatsächlich, und das ist eine wesentliche Erkenntnis, die ich in der Zeit hatte, dass Leid in jedem Fall zu etwas Gutem führen kann; dass etwas, das stirbt, den Platz frei macht für etwas, das neu entstehen kann. Und mit jeder Trennung und auch jedem Abschied geht eine unglaubliche Chance einher. Diese Chance dann zu nutzen bedarf natürlich auch Kraft, aber man ist ja nicht alleine, man kann sich auch Kraft holen, und das haben meine Kinder, meine frühere Frau und ich in der Zeit auch getan. Der Weg, den wir gegangen sind, war sehr, sehr schwer, aber es ist sehr viel Gutes daraus entstanden. Was mich wirklich stolz macht, ist, dass ich inzwischen eine gute Beziehung zu meiner ehemaligen Frau habe, die langsam wieder in eine freundschaftliche Richtung geht. Gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, nochmals mit ihr zusammen zu sein, weil wir tatsächlich einfach zu verschieden sind. Aber diese ganzen Streitthemen in den Griff zu bekommen und eine freundschaftliche Basis zu schaffen, das konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen und ich kannte tatsächlich auch nur ein einziges Paar, das es geschafft hat, so was hinzukriegen, scheint wahrhaftig selten zu sein, ist aber erstrebenswert.

Also heißt das auch, bloß, weil eine Situation im Augenblick verfahren erscheint, heißt das nicht, dass das so bleiben muss?

Ich selbst dachte immer: Das muss doch jetzt irgendwann ein Ende finden. Ich hätte nie gedacht, dass das 3 ½ Jahre dauern kann. Es gibt ja Bücher, in denen ein Jahr nach der Trennung gefragt wird, wie es denjenigen, die sich getrennt haben, geht. In denen steht auch, dass die meisten Paare ein Jahr danach noch genau das Datum wissen, an dem die Trennung stattgefunden hat. Auch ich weiß heute noch, dass es der 19. April war. Eine Trennung ist einfach eine Sache, die prägend fürs Leben ist, möglicherweise sogar eines der prägendsten Ereignisse überhaupt. Sie kann auch unwahrscheinlich viel Wertvolles mit sich bringen, aber es kann eben auch lange dauern, bis das ersichtlich wird. Und ich hatte gedacht, ein, zwei Jahre vielleicht, dann ist alles geklärt.

Diese lange Zeit ist ja auch eine Art der Wertschätzung: Hier gibt es etwas, das überhaupt getrennt – und betrauert – werden muss: Ihr z.B. habt ja über zwei Jahrzehnte miteinander verbracht…

Ja, mehr als die Hälfte meines Lebens.

Was hat dir und auch deinen Kindern in der Zeit der Trennung geholfen?

Sowohl meine ehemalige Frau als auch ich haben eine Therapie begonnen, wir haben auch eine Paartherapie gemacht und eine Familienbegleitung, in die die Kinder mit einbezogen waren. Diese Familienbegleitung fand ich allerdings nur bedingt hilfreich. Letztlich haben die Dinge, die dort besprochen wurden, uns zwar bestätigt, dass unser Weg der richtige war, uns aber nicht unbedingt neue Impulse gegeben. Was den Kindern vor allem geholfen hat, war die Erkenntnis, die leider doch relativ spät kam, dass wir als Eltern versuchen sollten, Konflikte einerseits nicht vor den Kindern zu verbergen und andererseits nicht lautstark eskalieren zu lassen. Zu erkennen, dass diese lautstarken Eskalationen vor den Kindern nicht sein dürfen, ist das eine. Danach zu zu handeln, das andere. Die eigene Betroffenheit hinten anzustellen, scheint oft fast unmöglich zu sein. Aber daran zu arbeiten ist, glaube ich, ist ganz wichtig, weil das meiner Meinung nach bei den Kindern viel Schmerz verursacht. Ich glaube, Kinder nehmen so ziemlich alles wahr und von daher ist es tatsächlich das Allerwichtigste, dass die Eltern miteinander klarkommen. Die Probleme, die da sind, sind einfach da, aber solange die Eltern vernünftig miteinander umgehen, ist das für die Kinder okay. Ein Familientherapeut sagte einmal, dass Kinder Atmosphäre „inhalieren“: es lässt sich nichts vor ihnen verbergen. Sie leiden am meisten darunter. Das hat sich bei meiner Tochter darin gezeigt, dass sie wirklich bis fast genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Situation zwischen meiner ehemaligen Frau und mir entspannt hat, jedes Mal, wenn sie bei mir war und wir gemeinsam am Tisch saßen, aus heiterem Himmel anfing zu weinen und gesagt hat: Ich möchte, dass ihr wieder zusammen seid. Das hat schlagartig aufgehört, als wir wieder miteinander klar kamen. Seitdem versucht sie auch nicht mehr, uns als Eltern zusammenzubringen, in der Art, dass sie, wenn wir uns treffen, Vater an der linken, Mama an der rechten Hand, versucht, unsere Hände zusammenzuführen. Das kommt nicht mehr vor.

Wenn ich dich richtig verstehe, ist es für eure Kinder also gar nicht so wichtig, dass ihr als Liebespaar zusammen seid, sondern, dass ihr miteinander reden könnt und euch nicht anfeindet?

Ja, dass einfach Harmonie besteht. Dass sie merken, klar, die Familie wird nie wieder zusammen sein, aber es ist zumindest so lebbar. Und ganz wesentlich bei den beiden – das ist natürlich ein Glücksfall, bei Einzelkindern ist das ja leider nicht der Fall – sie hatten sich gegenseitig, konnten sich gegenseitig stützen, und heute merkt man auch, wie stark die Geschwisterbeziehung dadurch geworden ist.

Gibt es etwas, was du anderen (berufstätigen) Alleinerziehenden mitgeben möchtest?

Dadurch, dass ich es, sowohl als Selbständiger, als auch jetzt, in einer abhängigen Beschäftigung, unglaublich leicht hatte, Familie und Beruf zu vereinbaren, kann ich jemandem, der nicht in dieser Situation ist, eigentlich schlecht etwas raten. Ich kann ja schlecht sagen, sucht euch einen familienfreundlichen Beruf… [lacht] Das ist natürlich die einfachste Lösung. Aber tatsächlich ist es meiner Meinung nach wesentlich, die Kinder im Blick zu behalten, alle Regelungen nach den Kindern auszurichten und sich auch nicht davor zu scheuen, Entscheidungen zu treffen, die sich vielleicht gegen den Beruf richten und dafür dem Wohl der Kinder dienen. Gegebenenfalls sogar zu sagen: Ich schränke Aufstiegschancen oder Karrieremöglichkeiten ein, um Zeit für die Familie zu haben. Denn man muss natürlich sehen, dass die Zeit, vor allem die mit Kleinkindern, nie wieder kommt.

Das ist natürlich für Alleinerziehende, bei denen es um die Existenzsicherung und nicht in erster Linie um Karrierechancen geht, schwierig…

Es gibt ja solche und solche Alleinerziehende. Ich habe auch schon Alleinerziehende kennen gelernt, die tatsächlich überhaupt keine finanziellen Sorgen haben und natürlich auch keine Probleme, die Kinder fremd betreuen zu lassen, egal, was es kostet. Aber das hilft den Kindern ja nicht. Meiner Meinung nach brauchen die Kinder tatsächlich den Elternkontakt. Und sich dann für einen beruflichen Werdegang zu entscheiden, der dem Beruf und nicht dem Kind den Schwerpunkt gibt, finde ich schwierig. Auf der anderen Seite hilft berufliche Erfüllung auch, das Allgemeinbefinden zu heben und schlägt sich somit auch wieder in der Familie nieder. Man muss da einfach eine gute Balance finden. Für jemanden, der sich um die pure Existenz sorgt, für den stellt sich die Frage natürlich nicht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.

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Pupsgeräusche. Gedanken zum Wechselmodell

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Uups, hier geht’s gar nicht um Pupse…. Sondern – oha!… – um Politik. Um Ego. Und um ein Thema, das mich nachts um elf noch dazu bringt, einen Blogeintrag zu schreiben.

Heute erreichte mich der Hinweis einer Bekannten auf folgenden MDR-Beitrag:

FAKT IST!: Getrennt leben, gemeinsam erziehen – Das Recht aufs Kind – „https://www.mdr.de/fakt-ist/verteilseite2196.html

Kurz zusammengefasst: die FDP strebt einen Gesetzesentwurf an, das Wechselmodell (Kind 50:50 bei Vater oder Mutter) als familiengesetzliches Standard-Modell zu etablieren. Statt der traditionellen Familiengerichtsentscheidung „Kind bei Mutter, alle 14 Tage ein Wochenende bei Papa“ soll jetzt erst einmal davon ausgegangen werden: „Kind nach der Trennung die Hälfte der Zeit bei Papa, die andere Hälfte bei Mama“ ist das, was passt, und diese Regelung darf gesetzlich – was übrigens bereits seit 2017 gilt – auch gegen den Willen eines Elternteils durchgesetzt werden.

Das geht gar nicht!

Mir wird Angst und Bange, wenn ich mir das vorstelle.

Warum?

Mit dem Vater meines Sohnes praktiziere ich doch seit gut einem Jahr das Wechselmodell. Und unser Kleiner ist noch nicht mal drei. Und ich habe den Eindruck, es funktioniert nicht nur – es geht uns allen sogar richtig gut damit. Vor allem auch unserem Sohn. (Hier habe ich meine bisherigen Erfahrungen damit beschrieben).

Warum bin ich dann trotzdem klar und vehement gegen eine gesetzliche Festschreibung des Wechselmodells als Standardmodell in der Familiengerichtssprechung?

  • Weil die absolut unverzichtbare Grundlage dieses Modells meiner Meinung nach eine funktionierende Kommunikation zwischen den Eltern ist.
  • Weil ich „funktionierende Kommunikation“ – aus eigener Erfahrung – so verstehe, dass man es schafft, gerade nicht nur sein eigenes Wohl im Auge zu haben, sondern wirklich das des Kindes und in dem Sinn als Eltern auch nach der Trennung als Paar noch verdammt viel „Gemeinsames“ hat.
  • Weil sich diese „Gemeinsamkeit“ meiner Meinung nach nicht gerichtlich verordnen lässt. Im Gegenteil: wenn man vor Gericht landet, weil man sich davor nicht auf eine Art des Umgangs einigen konnte, stimmt höchstwahrscheinlich nicht nur mit der wechselseitigen Kommunikation, sondern auch mit der Haltung, die dieser Kommunikation zugrunde liegt, etwas ganz und gar nicht – keine gute Basis für ein Modell, das (s.o.) genau auf dieser Haltung basiert!…

Das Recht auf’s Kind?

Und damit komme ich zum Aspekt des Egos: der MDR-Beitrag ist mit dem Satz „Das Recht auf’s Kind“ betitelt. Und hier sträuben sich mir wirklich die Haare: Mein Auto, meine Couchgarnitur, von mir aus auch die über die Jahre archivierten Fotoalben – bis zu einer Trennung hat sich einiges angesammelt, was dann mühsam – und oft schmerzlich – wieder auseinanderdividiert werden muss. Und – nein, nein, nein! – das Kind/die Kinder gehören nicht dazu!

Mein Kind gehört nicht mir!

Ich finde, das müsste sich jeder frisch getrennte Elternteil auf den Badezimmerspiegel schreiben und noch vor dem Zähneputzen lesen: Mein Kind gehört nicht mir! Wenn überhaupt  gehöre ich meinem Kind. Und der Vater auch (oder die Mutter), auch wenn ich ihn – oder sie – nicht mehr mag, noch nie mochte oder am liebsten gar nicht mehr in meinem Leben hätte… Und unter „gehören“ verstehe ich: mein Kind braucht mich, liebt mich und ist rein physisch – und gefühlsmäßig sowieso – auf mich angewiesen. Ich könnte auch sagen: von mir abhängig. Ich präge – durch mein Verhalten – als Mutter und als Vater sein Bild von mir, von sich, ein Stück weit sicher auch sein Bild davon, wie Menschen überhaupt miteinander umgehen.

Dass ich das tue passiert einfach – schlicht dadurch, dass ich sein Vater oder seine Mutter bin, dadurch, dass wir – in welcher Form auch immer – eine „Beziehung“ haben. Ich würde sagen, sogar, wenn wir uns kaum kennen. Ich bin, allein dadurch, dass ich sein einer Elternteil bin, ein „Bezugspunkt“ im Leben meines Kindes (selbst wenn ich abwesend sein sollte) – und das ist meiner Meinung nach kein Recht, sondern nur eins: eine Verantwortung. Und im besten Fall ein Geschenk für mich und mein Kind, das ich – hoffentlich – zu würdigen weiß.

Ob das jetzt heißt, dass ich mein Kind nach der Trennung 50:50 oder 80:20 sehe, sollte meiner Meinung nach kein Gericht entscheiden müssen. Sondern ich sollte mich fragen: was kann ich tun, damit es meinem Kind, mir selbst und, – ja! – auch dem anderen Elternteil, nicht komplett elend geht. Denn verbunden sind wir durch unser Kind, auch wenn wir kein Paar mehr sind (vielleicht nie eins waren). Und die Verantwortung, die diese Verbindung mit sich bringt, sollte ich tragen – und nicht das Gericht.

In diesem Sinn schließe ich mich Stefan Rücker, der im MDR-Beitrag als Psychologe zitiert wird, an: „Nicht allein Umgangsmodelle fördern das Kindeswohl, sondern verantwortungsvolle Trennungseltern.“

Und das ist – apropos „Pupsgeräusche“ – sicher keine heiße Luft!:-)

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Ganzes Kind. Halbe Zeit – meine Erfahrungen mit dem Wechselmodell

Waffeln in Herzform

Mein Ex-Freund und ich haben einen kleinen Sohn. Wir sind seit gut einem Jahr getrennt. Seitdem teilen wir Umgangszeit und Fürsorge fast genau zu 50%, praktizieren also das „Wechselmodell“ (auch Paritätsmodell oder Doppelresidenzmodell genannt), das Wikipedia wie folgt definiert:

Regelungen zur Betreuung gemeinsamer Kinder […], wenn diese nach einer Trennung ihrer Eltern in beiden Haushalten zeitlich annähernd gleichwertig betreut werden. Beide Elternteile bieten dem Kind ein Zuhause, in dem es sich abwechselnd aufhält.

Meiner Meinung enthält die Definition zwei Aspekte, die für das Gelingen dieser Form des Umgangs essentiell wichtig sind.

1) Regelungen zur Betreuung

Das Wechselmodell basiert auf Absprachen. Diese müssen verbindlich sein – und gleichzeitig erlauben, auf Unvorhergesehenes zu reagieren. An diesem Modell ist nichts statisch – und meiner Meinung nach sollte eine Festlegung, z.B. in der Form „eine Woche beim Vater, eine bei der Mutter“ auch nicht juristisch erzwungen werden. Was „passt“ (Wie lange bleibt das Kind bei welchem Elternteil? Wo und wann finden die Übergaben statt? Wer zahlt wofür und wer kümmert sich um welche organisatorischen Dinge des Alltags?) sollte vielmehr in regelmäßigen Abständen gemeinsam überprüft und ggf. neu „verhandelt“ werden – angepasst an das Alter, den Entwicklungsstand und die Bedürfnisse des Kindes sowie die Lebensumstände der Eltern.

Ganz klar: das erfordert ein hohes Maß an Kooperationsbereitschaft und auch Bereitschaft zur Kommunikation zwischen den Eltern – zu einem Zeitpunkt, an dem man mit dem anderen vielleicht am liebsten gar keinen Kontakt mehr hätte. Verletzte Gefühle sowie Erwartungen und Konfliktpunkte aus der Zeit als Paar können im Rahmen organisatorischer Gespräche blitzschnell wieder hochkommen – schon ist der schönste Streit im Gange, auch nach der Trennung… Ich habe das selbst mit meinem Expartner erlebt und wir haben „Entlastungsmöglichkeiten“ gefunden: z.B. keine Absprachen „zwischen Tür und Angel“ bei den Übergaben. Was strittig sein könnte wird per SMS geklärt, mit Bedenkzeit für beide Seiten. Und auch nicht zu viel Information zum Leben des jeweils anderen („Was hast du am Wochenende gemacht?“ „Wie geht es dir?“) Unsere Gespräche beziehen sich hauptsächlich auf unseren Sohn, aber hierbei eben auch mal mit der Frage, wie der andere eine bestimmte Situation („Will er bei dir beim Abendessen auch immer auf dem Tisch klettern?“ „Ist er bei dir beim Abgeben in der Kita auch so anhänglich?“) einschätzt und auf sie reagiert.

Meiner Meinung nach ist es eine Riesenchance, getrennt noch in diesem Sinn Eltern zu bleiben. Ich persönlich empfinde es auch als entlastend: das Gefühl, „allein auf weiter Flur“ mit allen Entscheidungen und aller Verantwortung unserem Sohn gegenüber zu sein, ist dadurch längst nicht so stark, wie es vielleicht wäre, wenn ich tatsächlich jeden persönlichen Kontakt zu meinem Expartner abgebrochen hätte.

Andererseits sehen wir uns durch die Übergaben, wenn wir sie nicht über das Abholen aus der Kita regeln können, noch relativ häufig und stehen insgesamt noch in recht regem Kontakt. Das verzögert die Ablösung voneinander als Paar natürlich. Noch ist keiner von uns eine neue Partnerschaft eingegangen – sollte es eines Tages soweit sein, wird das für uns beide sicher eine weitere Herausforderung werden.

2) Ein Kind – zwei Zuhause 

A propos Herausforderung: Einen für Kind, Eltern, Arbeitgeber funktionierenden „Betreuungsplan“ zu organisieren, finde ich immer wieder eine Herausforderung. Meine Arbeitszeiten als Lehrerin ändern sich jedes Halbjahr (in der Schulart, in der ich unterrichte, findet der Unterricht semesterweise statt), d.h., mindestens zweimal im Jahr müssen wir uns zusammensetzen und neu verhandeln: wer holt unseren Sohn wann ab und kann ihn wann zur Kita bringen? Wie viel kinderfreie Zeit ist für jeden von uns drin? Wann brauchen wir die Babysitterin und wer muss sie bezahlen?

Bei all der Organisation soll unser Sohn vor allem eines haben: zwei Zuhause, also zwei Orte, an denen er sich wohlfühlt, wo seine Spielsachen auf ihn warten, ebenso wie das – im jeweiligen Zuhause gewohnte – Zubettgehritual. Dabei läuft bei Papa einiges anders ab als bei Mama und umgekehrt: bei Papa gibt’s öfter mal ein Eis und es wird mit dem Spielzeugbagger gebaut, bei Mama ist Hafermilch im Glas und vor dem Schlafengehen wird vorgelesen. Zähneputzen steht bei beiden auf dem Programm und mit Sachen werfen ist hier und dort nicht erlaubt. Nach einem Jahr kann ich sagen: Unser Sohn scheint diesen Wechsel tatsächlich  gut zu verkraften. Auch wenn im einen Zuhause diese Regeln und Abläufe gelten, dort jene – solange sie in sich stabil bleiben und in grundlegenden Dingen nicht zu sehr voneinander abweichen, kommt er gut damit zurecht.

Natürlich bleibt dabei die Frage, wie das in Zukunft aussehen wird. Im Moment wechseln wir ca. alle zwei Tage, d.h., ich bringe unseren Sohn z.B. dienstags zur Kita und hole ihn donnerstags wieder von der Kita ab, er schläft also von Dienstag auf Mittwoch und Mittwoch auf Donnerstag bei seinem Papa, der an „seinen“ Tagen für das Abholen von der Kita, das Spielprogamm am Nachmittag, Essenzubereiten, Wickeln, Kuscheln am Abend – eben für das ganze Alltagsprogramm mit einem Unter-Dreijährigen – zuständig ist. So wie ich an „meinen“ Tagen.

Ob wir die Zeiträume in Zukunft verlängern, ob unser Sohn irgendwann lieber eine Woche am Stück bei Papa oder Mama bleiben möchte oder am Ende doch ein „Hauptzuhause“ haben möchte – das werden wir alles sehen und hoffentlich dann auch wie erwachsene Menschen darauf reagieren: als zwei, die als Paar nicht harmoniert haben, eins aber beide sein wollen: gute Eltern!

Mein Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen: Ich denke, das Wechselmodell kann funktionieren,

  • wenn beide bereit sind, sich an einen festen „Betreuungsplan“ zu halten, von diesem in Notfällen aber auch (im gegenseitigen Einverständnis) abzuweichen;
  • Wenn zumindest einer beruflich in Bezug auf seine Arbeitszeiten flexibel ist;
  • wenn man nicht zu weit voneinander entfernt wohnt und sich überhaupt zwei Wohnungen leisten kann;
  • wenn beide von Anfang an ein enges Verhältnis zum gemeinsamen Kind haben
  • und natürlich nicht zuletzt: wenn man noch (bzw. wieder) wie „normale Menschen“ miteinander reden kann, getrennt als Paar, aber verbunden durch das gemeinsame Kind.

Weitere Information: 

Wikipedia: Definition Wechselmodell

Wegweiser für den Umgang nach Trennung und Scheidung

Rechtliche Grundlagen und Argumente pro/contra

alleinerziehend, Beruf, Familie, Partnerschaft

Mein Leben im Wechsel

Mädchen mit Luftballon

Ich liebe meinen Sohn. Er ist knapp drei, ein wunderbares, hilfsbereites, quirliges Kleinkind. Ich liebe ihn wirklich. Er soll sich bei mir RICHTIG fühlen können, so wie er ist und nicht, wie ich – oder andere – ihn vielleicht gerne hätten. Ich will ihn beschützen und ermutigen; mit ihm – Stück für Stück – meine eigenen Erfahrungen teilen und ihn seine Erfahrungen machen lassen. Ich habe ihn einfach lieb – tief aus meinem Herzen heraus. Und gleichzeitig bin ich manchmal einfach nur froh, meinen Sohn nicht um mich zu haben.

Zeiten für mich

Als alleinerziehende, getrennt lebende Mutter, die sich mit dem Vater ihres Kindes in einem Wechselmodell zu fast gleichen Teilen die Fürsorge teilt, habe ich genau das: Zeiten ganz ohne Kind, in denen mein Sohn tatsächlich nicht bei mir ist, sondern in der Kita – oder eben bei seinem Vater. Ich nutze diese Zeiten für meine Arbeit (ca 60 Prozent), für Alltagserledigungen und Organisationskram (ca 20 Prozent) und eben – für MICH (gefühlt die restlichen – tata! – 20 Prozent).

In „meiner“ Zeit lese ich, sehe Filme, treffe auch mal (kinderlose) Freunde, gehe tanzen, schreibe diesen Blog oder surfe im Netz. Pure, hedonistisch-lebensfreudige „Ich-Zeit“, oder?

Nun ja… gar nicht so selten sitze ich auch nur erschlagen auf dem Sofa – an einem meiner eigentlich „freien“ Abende oder samstags, wenn ‚nur‘ die Unterrichtsvorbereitung für die nächste Woche ansteht, das Verfassen eines Briefes an die Bank, zu dem ich unter der Woche abends keine Lust mehr hatte, und ein bisschen Hausarbeit…

Verschiedene Rollen

Seit knapp drei Jahren lebe ich im „Wechselmodell“: im Wechsel zwischen meinen Rollen als Mutter, Arbeitnehmerin, (Ex-) Partnerin, und eben auch der als FRAU, einfach nur tanzend und tatkräftig, nachdenklich, grübelnd, oder faul auf dem Sofa.

Ich habe gemerkt: ich BRAUCHE diesen Wechsel: die Zeiten für andere – und die Zeiten nur für mich. Ich brauche die Ruhe und die Anregung, die diese „Ich-Zeiten“ mir bieten – und die persönliche Freiheit, die ich in ihnen spüre. Neben all meinen (grundsätzlich gern) erfüllten Aufgaben und Rollen, bin ich da auch mal unverantwortlich, pflichtvergessen oder schlicht faul – wie die ganzen wohlklingenden Schimpfwörter der deutschen Sprache so lauten…;-)

Denn: JA – es fällt mir nicht immer leicht, in meinen „freien“ Zeiten meine Pflichten tatsächlich zu vergessen. Streit wegen Erziehungsfragen mit meinem Expartner führen dazu, dass ich mir Sorgen mache, ob es unserem Sohn in dem von uns gelebten Wechselmodell wirklich gut geht.

Und JA, ich mache mir Sorgen, ob ich als Mutter mit einem Kleinkind noch eine „gute“ Arbeitnehmerin bin, weil ich im Beruf eben jetzt manchmal 70 und nicht 100 Prozent gebe – da zu mehr meine Kraft und Zeit nicht reicht.

Ein hoher Preis

JA, ich habe eine sichere Anstellung, ein Gehalt, von dem ich auch teilzeitbeschäftigt gut leben kann, einen Expartner, der seinen Sohn liebt und mit dem ich mir die Fürsorge für ihn trotz unserer gescheiterten Beziehung weiter teile. Und ich bin (meist) gesund, grundsätzlich zuversichtlich, was mein Leben angeht und mir durchaus meiner Fähigkeiten bewusst.

Und trotzdem erfüllen mich all diese „Wechsel“ in meinem Leben oft mit Zweifeln (gerade in den ruhigen Momenten), oder erschöpfen mich einfach nur. Und da frage ich mich: warum ist das so?

Stehe ICH auf dem Kopf – oder eine Gesellschaft, in der wir Frauen „ganz wir selbst“ und gleichzeitig kooperative und anpassungsfähige Partnerinnen, flexible Arbeitnehmerinnen und zugleich fürsorgliche Mütter sein sollen – alles in fliegendem Wechsel?… Unsere Kinder (falls wir denn welche haben) unterliegen ja oft einem ähnlichen Wechsel der Rollen und unsere Partner – falls sie ihre Aufgaben ähnlich ernst nehmen wie wir – nicht minder.

Verbindung statt Trennung

Und so wechseln (und wurschteln) wir alle vor uns hin – oft mehr oder minder erschöpft und gereizt. Und nur in seltenen Momenten stellen wir die Frage: was KOSTET das alles? Warum ist der Preis (manchmal) so hoch – und warum um Gottes Willen zahlen wir berufstätigen „modernen“ Menschen mit Kindern diesen Preis einfach, ohne ihn zu hinterfragen?

Ich wünsche mir VERBINDUNG zwischen den Rollen, die wir als berufstätige Mütter und Väter – alleinerziehend oder nicht – täglich haben. Der „Wechsel zwischen den Welten“ (Beruf und Kinderfürsorge, Leben für andere und Zeiten für sich) darf kein „Privatvergnügen“ sein. Ich will ihn als ein mögliches, tatsächlich lebbares Lebensmodell für Frauen UND Männer – gesetzlich und finanziell unterstützt und wertgeschätzt. In diesem Sinne: CHANGE!