alleinerziehend, Familie

Bin ich mit neuem Partner eigentlich noch alleinerziehend?

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Kürzlich stellte eine Bekannte in einer Chat-Gruppe für Alleinerziehende sinngemäß folgende Frage: „Ich war alleinerziehend, habe einen neuen Partner und mit diesem ein zweites Kind. Bin ich jetzt eigentlich noch alleinerziehend?“

Der Gesetzgeber gibt auf diese Frage eine klare Antwort: Wer die Steuerklasse II für Alleinerziehende beantragen und damit steuerlich zumindest eine geringfügige Besserstellung gegenüber kinderlosen Singles erhalten möchte, muss mit seinem Kind in einer Wohnung leben und für dieses Anspruch auf den Kinderfreibetrag oder Kindergeld haben. Zudem darf keine Person über 18 mit in der Wohnung leben (Ausnahme: Kinder über 18 in Studium oder Berufsausbildung, für die noch Anspruch auf Bezug des Kindergeldes besteht).

Alleinerziehenden-WG = keine Steuerklasse II für Alleinerziehende

Konkret führt das zu folgenden, durchaus paradoxen, Situationen: lebe ich als Alleinerziehende mit meinem noch minderjährigen Kind in einer Wohnung und zugleich in einer neuen Partnerschaft, mein Partner lebt aber (noch) nicht bei uns, erhalte ich bei Abgabe meiner Steuererklärung weiterhin den Entlastungsbetrag für Alleinerziehende.

Teile ich mir die Wohnung jedoch mit einer alleinerziehenden Freundin und ihrem Kind oder mit einer weiteren Person über 18, die fähig ist, sich an den Kosten für die Haushaltsführung zu beteiligen, gelte ich steuerlich nicht mehr als alleinerziehend.

Auch im Wechselmodell können zwar beide Elternteile den Antrag auf Steuerklasse II stellen, insofern sie für das Kind Anspruch auf Kindergeld oder den Kinderfreibetrag haben. Den Entlastungsbetrag kann aber nur ein Elternteil offiziell geltend machen. Treffen die Eltern keine anderweitige Regelung, erhält derjenige, der das Kindergeld erhält, auch den Freibetrag.

Alleinerziehend sein: Selbst- und Fremdwahrnehmung

Neben der rechtlichen Situation stellt sich natürlich auch die psychologische Frage: Bin ich, unabhängig von meiner Wohnsituation, noch alleinerziehend, wenn ich in einer neuen Partnerschaft lebe, bzw. eventuell sogar ein weiteres Kind mit meinem neuen Partner bekomme?

Unabhängig von der rechtlichen Lage würde ich persönlich sagen: Letztlich entscheidest du selbst, wie du dich und deine Lebenssituation definierst. Ich persönlich habe mich z.B. nach der Trennung vom Vater meines Sohnes als getrennt erziehend und nichts als alleinerziehend beschrieben. Nicht nur, weil wir uns die Alltagsfürsorge zu gleichen Stücken teilen und unser Sohn zeitweise fast genau die Hälfte der Zeit in unseren jeweiligen Wohnungen verbrachte. Auch, weil ich selbst in den turbulentesten Phasen unserer Trennung die Fürsorge- und Erziehungsleistung meines Ex-Partners wahrgenommen habe und auch verbal wertschätzen wollte. Unser Sohn hat zwei Eltern, die beide für ihn verantwortlich und an seiner Erziehung beteiligt sind, auch wenn dies weitgehend getrennt stattfindet.

Anders sieht es sicherlich aus, wenn du tatsächlich komplett allein für dein Kind verantwortlich bist, der andere Elternteil also nur unregelmäßig oder gar nicht seiner Fürsorgepflicht nachkommt. Dann kann ich gut nachvollziehen, dass du dich tatsächlich als alleinerziehend wahrnimmst und definierst. Allerdings denke ich, bist du auch in diesem Fall nur selten wirklich komplett allein verantwortlich für die Erziehung und Fürsorge deines Kindes. Großeltern, Onkel und Tanten und weitere enge Bezugspersonen, aber auch Tageseltern oder Erzieherinnen und Erzieher in Krippe und Kindergarten „erziehen“ ja immer auch mit und beteiligen sich zu einem nicht geringen Teil an der täglichen Fürsorgearbeit. Aber natürlich bleibst du als Erziehungsberechtigte diejenige, die die Verantwortung für die Koordination der Kinderbetreuung trägt und die hundert Entscheidungen des Alltags trifft, daher verständlich, sich in dieser Situation als alleinerziehend zu definieren.

Alleinerziehend mit neuem Partner?

Ändert sich das, wenn du einen neuen Partner hast? Zunächst einmal vermutlich gar nicht so sehr. In Patchwork-Konstellationen übernimmt der neue Partner oder die neue Partnerin ja meist erst einmal die Rolle eines Gastes innerhalb der Familie. Allerdings kann er oder sie sich nach und nach zu einer weiteren Bezugsperson oder gar zu einem Vertrauten der Kinder entwickeln. Und je enger die Beziehung der Erwachsenen ist, umso mehr sind neue Partner schließlich in das Familienleben involviert, erst recht, falls sich das Paar irgendwann für ein gemeinsames weiteres Kind entscheidet. In Alltagssituationen wird der Partner oder die Partnerin somit sicher auch (Erziehungs-) Entscheidungen treffen. Gerade in grundlegenden Fragen bleiben aber du und der Vater des Kindes, falls ihr das gemeinsame Sorgerecht habt, die Verantwortlichen.

Alles in allem würde ich tatsächlich sagen: du entscheidest, ob du dich auch mit neuem Partner noch als alleinerziehend definierst. Gegebenenfalls hast du dich mit dem Begriff „alleinerziehend sein“ erst einmal anfreunden und negative Vorstellungen für dich revidieren müssen. Falls dir das gelungen ist und du mit der Zeit die Selbstbestimmtheit und Eigenverantwortung des Lebens allein mit deinem Kind schätzen gelernt hast, willst du vielleicht gar nicht so schnell zurück in die Innen- und Außenwahrnehmung „Paar mit Kind“. Und nicht zuletzt hast du deinen neuen Partner wohl in erster Linie als deinen Lebensgefährten und nicht als Mitstreiter in der Erziehung deiner Kinder gesucht.

Vielleicht überwiegt aber auch deine Erleichterung, nicht mehr alleinerziehend zu sein und du willst möglichst schnell sowohl den Begriff als auch den Lebenszustand hinter dir lassen. Ich denke, beide Haltungen sind nachvollziehbar und vertretbar. Nicht zuletzt wird auch dein Kind seine Entscheidung treffen, ob es deinen neuen Partner oder deine neue Partnerin als Teil eurer Familie und damit als (Mit-) Erziehungsberechtigte/n im Alltag akzeptiert.

Was ist deine Meinung dazu? Alleinerziehend, auch noch in einer neuen Partnerschaft? Ich freue mich über deinen Kommentar zu dieser, wie ich finde, gar nicht leicht zu beantwortenden Frage!

Herzlichen Gruß, Sarah

[Foto: privat]

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5 Gedanken zu „Bin ich mit neuem Partner eigentlich noch alleinerziehend?“

  1. Ein sehr guter, reflektierter Beitrag. Letztlich ist der Status „alleinerziehend“ ja schon an sich schwierig. So habe ich eine Freundin, die alleine mit ihrem Kind ist – 600 km von ihrer Familie entfernt, tausende Kilometer vom Kindsvater entfernt. Meine Schwester hingegen ist auch alleinerziehend mit dem Kindsvater im gleichen Ort sowie beiden Großelternpaaren, die sich auch oft und gern einbringen. Also es stecken sehr viele verschiedene Facetten hinter „alleinerziehend“ und ein neuer Partner ist am Ende nur eine weitere davon. Und auch diese Facette ist bei jedem anders, so springen die einen direkt gern als Babysitter ein und bringen sich finanziell ein, andere halten sich eher zurück und sind lange nur „Gast“. So wie du es auch beschrieben hast. Man kann die Frage nicht abschließend klären; jeder muss es für sich selbst so fühlen.

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    1. Liebe Nadine, danke für deine Beispiele. Ja, der Begriff „alleinerziehend“ sagt erst einmal noch nicht viel über das soziale Netz aus, in dem man sich befindet. Meiner Meinung nach macht es dennoch einen großen Unterschied, auch mit gutem sozialen Netz, ob man allein oder gemeinsam mit jemand anderem die Hauptverantwortung trägt. Und steuerrechtlich gibt es ja leider für alleinerziehende Eltern immer noch gravierende Benachteiligungen gegenüber verheirateten Paaren mit Kindern. Liebe Grüße nach Dresden!🙂 Sarah

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    2. Hey Sarah,
      ja, das mit der Verantwortung trifft wahrscheinlich auf die meisten zu. Das scheint ein wichtiges, verbindendes Element. Steuerrechtlich bin ich nicht so tief in der Materie drin. Schwierig finde ich in dem Bereich nur allgemeine Aussagen wie „Alleinerziehende mit Kind zahlt mehr Steuern als Ehepaar“, weil in die Steuern ja auch Kindergeld & Unterhalt einfließen & ggfl. die günstigeren KiTa-Beiträge … Das ist mir dann zu ungenau. Und unnötig. Alleinerziehende schneiden ja trotzdem immer schlechter ab. Selbst wenn es finanziell aufs Gleiche rauskäme, ist die Belastung ja trotzdem zigfach höher. Viele Grüße, Nadine

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    3. Liebe Nadine,
      ja, das sollte kein pauschales „gegeneinander Aufwiegen“ sein. Ich dachte bezüglich der Steuern auch an so etwas wie das Ehegattensplitting, von dem ja auch unverheiratet zusammenlebende Eltern oder verheiratete Paare, in denen beide ein ähnlich hohes Einkommen haben, nicht profitieren – und Alleinerziehende eben auch nicht. Aber auch diesbezüglich erlebe ich die ganze „Bandbreite“: längst nicht alle Allein- und Getrennterziehende, die ich kenne, sind finanziell und sozial „arm dran“, aber auch längst nicht alle bekommen z.B. regelmäßig den Unterhalt, der ihnen zustünde. Aber eben, das sehe ich wie du, Pauschalisierung hilft keinem, dazu ist das Leben viel zu komplex!🙂
      Herzlichen Gruß, Sarah

      Gefällt 1 Person

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