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Lena H.: „Ich bin eigentlich ausgesöhnt mit ihm“

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Lena H.: Ihr Lachen ist mitreißend, ihre Mohnschnecken legendär;-) – herzlich und kreativ ist sie, Estlandliebhaberin (ein Teil ihrer familiären Wurzeln sind hier zu finden) und verlässlich für ihre Freunde da. Seit fast 15 Jahren arbeitet sie als selbständige Übersetzerin, ist daneben Mutter einer mittlerweile zehnjährigen Tochter, von derem Vater sie seit 31/2 Jahren getrennt lebt. Ich freue mich sehr, mit ihr meine Reihe „Working Moms & Dads“ beginnen zu dürfen!

Liebe Lena,

du lebst vom Vater deiner Tochter seit inzwischen 3 ½ Jahren getrennt. Verstehst du dich als alleinerziehend?

Ich würde schon sagen, dass ich alleinerziehend bin, denn meine Tochter und ihr Vater sehen sich einfach nicht so oft. Sie ist immer mittwochs und jedes zweite Wochenende bei ihm. Insofern treffe ich die meisten Alltagsentscheidungen. Das empfinde ich auch als entlastend, weil ich dadurch nicht immer in den Konflikt mit ihm gehen muss. Als wir zusammen lebten, gab es häufig Konflikte in Bezug auf Fragen der Kindererziehung und jetzt kann ich das alleine entscheiden. Manchmal empfinde ich die alleinige Verantwortung natürlich auch als belastend. Es gab schon Phasen, in denen ich wirklich froh war, wenn unsere Tochter wieder mal bei ihrem Vater war. Aber im Alltag empfinde ich unser Modell als positiv. An größeren Fragen ist mein ehemaliger Mann übrigens beteiligt, er ist z.B. in Entscheidungen zur Schulwahl mit einbezogen oder geht auch mal mit unserer Tochter zum Arzt.

Eure Tochter ist die meiste Zeit bei dir und eher „zu Besuch“ bei ihrem Vater. Hast du den Eindruck, das ist für sie stimmig? 

Neulich hat unsere Tochter gesagt, sie möchte gerne öfter zu Papa, also an zwei Tagen pro Woche. Sie hat auch geweint und ich habe mich gefragt: haben die beiden einfach nur eine schöne Zeit zusammen und sie hat deswegen Lust, öfter zu ihm zu gehen, oder geht es ihm seelisch nicht gut, wie das schon einmal der Fall war, und sie will ihn glücklich machen? Ich habe nicht pauschal gesagt: Das geht nicht, aber ihr erklärt, dass ich den Eindruck habe, sie sei nicht so ausgeglichen gewesen, als sie eine Zeit lang häufiger bei ihm gewesen sei. Das hat sie so hingenommen. Ich habe aber auch gesagt: Du kannst natürlich zu Papa gehen, wenn du das gerne möchtest. Bisher haben wir das immer so gehandhabt, dass sie auch spontan zu ihm gehen konnte, wenn sie das wollte. Sie ruft ihn dann an und meist sagt er dann: „Ja, ich komme und hole dich ab!“

Einen direkten Austausch über eure Tochter habt ihr als Eltern nicht mehr?

Kaum. Wir haben uns zwar in Bezug auf die Schulwahl ausgetauscht und ich habe ihn auch kürzlich angerufen wegen des Geburtstags unserer Tochter. Aber die Kommunikation zwischen uns ist nicht wirklich gut. Wenn wir etwas absprechen müssen, schreiben wir einander meist Kurznachrichten. Einmal im Monat schickt er mir seinen Dienstplan, aber er selbst ruft mich eigentlich nie an und manchmal antwortet er auch nicht sofort auf meine Nachrichten. Die Kommunikation zwischen uns ist wirklich noch schwierig.

Ihr habt also Themenbereiche, über die ihr nicht redet und kommuniziert überhaupt wenig miteinander. Wünschst du dir das anders?

Wenn seine Art zu kommunizieren anders wäre, könnte uns vielleicht noch ein Freundschaft verbinden. Ich würde mir das total wünschen. Ich empfinde uns auch als Eltern noch verbunden. Am Geburtstag unserer Tochter habe ich ihn gesehen und gedacht: Ich würde ihn eigentlich am liebsten in den Arm nehmen und sagen: „Hey, guck mal, wir haben eine zehnjährige Tochter!“ Und ich denke auch noch daran, wie er mir im Kreißsaal bei der Geburt geholfen hat… [lacht]. Ich bin ihm auch noch für vieles in unserer Beziehung dankbar. Ich bin eigentlich ausgesöhnt mit ihm, aber ich habe das Gefühl, er ist es überhaupt nicht mit mir. Das macht es, glaube ich, so schwer.

Was war in der Zeit seit eurer Trennung besonders schwierig? Was ist euch deiner Meinung nach gut gelungen?

Ich glaube, was wir gut hinbekommen haben, ist, dass unsere Tochter wirklich sagen kann: „Ich will zu Papa“ und wir uns diesbezüglich spontan einigen können. Schwierig ist allerdings, wie gesagt, die Kommunikation. Auch während unserer Ehe konnten wir uns über viele Dinge einfach nicht verständigen und mussten irgendwann sagen: Okay, wir können darüber nicht reden. Die Übergaben sind daher auch nicht einfach. Eine Zeit lang haben wir noch zusammen einen Tee getrunken, aber seitdem wir, u.a. wegen des Unterhalts, mehrere ernsthafte Konflikte hatten, tun wir das nicht mehr. Mein ehemaliger Mann holt unsere Tochter meist bei uns ab. Wir sprechen dabei wenig miteinander. Diese Situationen sind nicht schön. Manchmal ist unsere Tochter auch bei einer Freundin und er holt sie von dort ab. Von ihm aus geht sie meist in die Schule und von dort zurück zu mir.

Im Ganzen ist das sicher keine einfache Situation. Würdest du sagen, dass dir dein Beruf eher Kraft gibt oder ist er eine zusätzliche Belastung?

Mein Beruf als Übersetzerin ist etwas, was mich ausmacht und ich bin sehr froh, dass ich ihn habe. Natürlich gibt es Situationen, in denen mir alles zu viel wird und ich denke, ich könnte auch mal Urlaub vertragen. Als Selbständige ist es einfach schwer, sich wirklich frei zu nehmen. Zwischen Weihnachten und Neujahr möchte ich eigentlich keine Aufträge annehmen, aber dann arbeite ich nur einen halben Monat, was wegen des Geldes wieder schwierig ist. Das ist eine Schattenseite des Alleinseins. Mein ehemaliger Mann hat ja gut verdient, wir hatten ein sicheres Einkommen – das hat sich seit der Trennung für mich schon deutlich verändert.

War die eigentliche Trennung für dich eine schwere Entscheidung?

Auf jeden Fall. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Was mir geholfen hat, waren auf jeden Fall meine Freunde. Ich glaube, es war rettend für mich, dass ich Freunde – und auch meine Mutter – hatte. Alle haben mich darin bestärkt, meinen Weg zu gehen. Und auch jetzt noch hilft es mir, so gute Freunde zu haben. Mir fällt auf, dass einiges, was ich bisher erzählt habe, ziemlich negativ klingt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es trotzdem ganz gut läuft. Vermutlich, weil ich keinen Groll mehr gegenüber meinem ehemaligen Mann hege. Ich würde ihm trotzdem noch eine Hühnersuppe kochen, wenn er krank wäre. Ich bin einfach ausgesöhnt mit ihm. Nur doof eben, dass es ihm wohl mit mir nicht so geht… [lacht]

Was würdest du jemandem, der als Alleinerziehende/r erst seit kurzer Zeit getrennt ist, mitteilen wollen?

Ich würde raten, dass er oder sie versuchen soll, herauszufinden, was der eigene Anteil an der Trennung und auch an den Konflikten in der Beziehung war. Zu schauen: was davon will ich in der nächsten Beziehung genauso, was will ich anders machen? Und auch zu sagen: Okay, das ist mein Weg gewesen, es gab Gründe, warum ich so gehandelt habe. Den anderen kann ich nicht verändern. Ich habe eine Freundin, die immer versucht, ihren Ex-Mann dazu zu bringen, ihre Kinder anders zu erziehen, als er es tut. Aber er ist einfach so und sie kann ihn nicht anrufen und sagen: „Guck mal, das hast du schon wieder falsch gemacht!“ Man muss akzeptieren, was der andere mit den Kindern macht, es sei denn, es ist etwas Gefährliches. Damit Frieden zu schließen und wirklich anzunehmen, dass man den anderen nicht verändern kann, ist meiner Meinung nach das Wichtigste.

Vielen Dank für das Interview!

alleinerziehend, Gesellschaft, Persönliches

„Tag, Frau Nachbarin!“

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Am 25. Mai 2018 ist „Tag der Nachbarschaft“.

Müller, Gonzalez, Freyherr, Oblomov – manchmal kennen wir von unseren Nachbarn ja nicht mehr als die Namen auf den Klingelschildern. Vor allem in Großstädten ist die „Omi“ in Kittelschürze selten geworden, die, auf ihre Fensterbank gestützt, vom Haus nebenan aus den Klatsch des Tages pflegt…

Wir „connecten“ uns mit Freunden in Bayreuth, New York und Santiago de Chile, verfolgen die Bürgerrechtsbewegungen in Kairo und den Krieg in Aleppo – und erschrecken fast ein wenig, wenn uns im Hausflur die junge Mutter aus dem ersten Stock über den Weg läuft. Ein scheues „Hallo“, vielleicht der Gedanke: „Wär’ ja nett, mehr von ihr zu erfahren“ – dann dreht sich das Leben weiter und der zarte Kontakt bleibt ungenutzt.

Sehnsucht nach Nachbarschaft 

Dabei scheint gerade in großen Städten reges Interesse – ja geradezu eine Sehnsucht – nach einem Wiederauflebenlassen der Nachbarschaft zu bestehen! Portale wie nextdoor.de oder nebenan.de, die die Kontaktaufnahme zwischen Menschen aus der unmittelbaren Nachbarschaft ermöglichen, erfahren regen Zulauf. Für mich verbunden mit einer leisen Komik: der „Handy-Mittler“ scheint vonnöten zu sein, um den Menschen nebenan überhaupt wahrzunehmen: Beim Bäcker steht man stumm nebeneinander, aber online freut man sich, dass man den Nachbarn vom Bäcker kennt und schreibt ihm vielleicht sogar!…;-)

Doch unbesehen dieser kleinen Spitze – es ist eigentlich egal, auf welchem Weg sich der Kontakt zu den Nachbarn ergibt: ein Gewinn ist er auf jeden Fall! Sei es auf der praktischen Ebene (Päckchenannahme und Blumengießen), oder auf fast freundschaftlicher Basis – den Kontakt mit seinen Nachbarn zu pflegen hebt die Stimmung: Mit einem meiner (ehemaligen) Nachbarn treffe ich mich, auch nachdem ich ein paar Straßen weiter gezogen bin, noch immer alle paar Wochen zu einem gemeinsamen Frühstück – eine Tradition, die sich „heimelig“ anfühlt, mich fröhlich macht und die ich nicht mehr missen möchte. Mehrere Nachbarn in meinem Haus haben (kleine) Kinder und auch da ist es schön, sich mal auf einen Spaziergang oder für einen Kaffee treffen zu können.

Lüstling oder AfD-Liebhaber?

Gleichzeitig scheint, vor allem in Großstädten, eine leise Furcht zu bestehen: was, wenn ich das Gespräch beginne – und mein Nachbar stellt sich als Lüstling, AfD-Sympathisant oder einfach nur aufdringliche Labertasche heraus? Anders als bei sonstiger Kontaktaufnahme, online oder im realen Leben, weiß er oder sie schließlich, wo ich wohne – und das kann schon ganz schön nah sein… Vielleicht besteht gerade deswegen an Orten, an denen ich meinen Mitmenschen im Park, in der Straßenbahn und im Einkaufszentrum ohnehin nah „auf die Pelle rücke“, eine gewisse Zurückhaltung den unmittelbaren Nachbarn gegenüber.

Ich werde am „Tag der Nachbarschaft“ meinen Nachbarn im Haus, die ich zum Glück inzwischen alle kenne, jedenfalls ein Kaffeetrinken im Hof vorschlagen; vielleicht ein Schwimmbecken aufbauen für die Kinder im Haus. Möglicherweise hänge ich sogar ein Schild an die (Haus-) Tür: Wer Lust hat, komme – von der Straße her – mit dazu!

Mal sehen, was passiert. Vielleicht berichte ich demnächst hier davon?! 🙂 => Hier findet ihr meinen „Erfahrungsbericht“!

Hier mehr Informationen zum „Tag der Nachbarschaft“: www.tagdernachbarn.de/ueber-den-tag/idee

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Das Kabinett beim Kita-Fest

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Wusstet ihr, dass im aktuellen Kabinett drei Patchwork-Eltern, eine Alleinerziehende, 6 Menschen ohne Kinder und eine siebenfache Mutter sitzen? 12 Regierungsmitglieder sind verheiratet (davon elf mit einem Partner des anderen Geschlechts), zwei leben in einer Partnerschaft ohne Trauschein, eine Politikerin ist geschieden, ein Politiker Single.

Diese Information verdanke ich der aktuellen Ausgabe eines deutschlandweit erscheinenden Familienmagazins. Eine Grafik klärt mich außerdem über die Gesamtzahl der Kinder der Kabinettsmitglieder auf (27), und dass diese, auf die einzelnen Politiker/innen verteilt, zwischen null und genannten sieben Kindern schwankt.

Ein ziemlich „bunter Haufen“ also, die Vertreterinnen und Vertreter unseres neu formierten Regierungsbündnisses! (Jedenfalls, was Beziehungsstatus, Elternschaft und Lebensentwurf angeht – in Bezug auf Hautfarbe und Herkunft ist das Kabinett einheitlich weiß und „nicht-migriert“;-)).

Merkel beim Kita-Fest

Ich stelle mir die Herren (9) und Damen (7) in einem ganz anderen Rahmen vor: beim Kita-Sommerfest. Frau Dr. Merkel, im frühlingshaft roséfarbenen Blazer, rückt ihre Perlenkette zurecht: hoffentlich denkt Joachim an die Hackbällchen. Sie selbst war am Vortag wieder so spät zuhause, dass er die Vorbereitung übernehmen musste. Zum Glück bleibt ihm nach seiner Emeritierung etwas mehr Zeit für Privates… Neben Merkel Hubertus Heil, Minister für Arbeit und Soziales. Sein Jüngster, 3, zieht an seinem Hosenbein: „Papa, mir ist schlecht. Papa, kann ich noch von der Grütze haben?“ Zwei rot verklebte Hände hinterlassen ihre Spuren auf Herrn Heils Beinkleid. Anja Karliczek, Ministerin für Bildung, sieht den Bemühungen ihres Kollegen, seinen Anzug fleckenfrei zu halten, amüsiert zu: „Zum Glück sind unsere aus dem Gröbsten heraus“, kann sie sich einer Neckerei nicht enthalten, „Unser Jüngster macht nächstes Jahr Abitur.“ „- Mit Anfang zwanzig ist denen wegen ganz anderen Dingen schlecht!…“ Horst Seehofer dreht sich grinsend zu den beiden. Gerd Müller am Grill lächelt still.

Bad im Pool

„Wann findet eigentlich die Tombola statt? Und stimmt es, dass der Gewinner zwei Wochen Küchendienst erlassen bekommt?“ Andreas Scheuer, Verkehrsminister, gesellt sich zu der Gruppe. „Keine Ahnung, aber ein bisschen besser könnte die Organisation schon sein -“ Ursula von der Leyen schaut säuerlich: „Nicht mal die Anfahrtsbeschreibung war richtig. Nicht wahr, Heiko, wir sind zweimal falsch abgebogen, und das mit Navi!“ „Man sollte sich eben nicht zu sehr auf die Technik verlassen -“ Svenja Schulze, Umweltministerin, lächelt süffisant: „Mein Mann ist ja Geschäftsführer des Vereins Klimadiskurs NRW und er sagt immer…“ Ihre weiteren Worte gehen in der allgemeinen Aufregung unter: Franziska Giffeys Jüngster ist in den aufgestellten Swimmingpool gefallen. „Warte, ich helfe ihm heraus!“ Julia Klöckner, Landwirtschaftsministerin, eilt ihrer Kollegin zu Hilfe: „Hast du Wechselklamotten dabei?“ „Er ist acht, Julia, da sollte man eigentlich davon ausgehen, dass er nicht mit Kleidern badet…“ Die Familienministerin lächelt etwas gestresst: „Damit ist das Fest für uns gelaufen.“ „Ich kenne das -“, Katharina Barley nickt mitfühlend: „Immer, wenn man denkt, es läuft gerade glatt, ist wieder irgendwas.“
„Das stelle ich mir für Sie als Alleinerziehende gar nicht so einfach vor -“, Helge Braun, Kanzleramtsminister, tritt neben sie. „Ist nicht anders, wenn man gemeinsam erzieht“, schaltet sich Heiko Maas ein: „Meine Lebensgefährtin und ich haben drei Kinder, unseren einen Sohn hat sie mit in die Beziehung gebracht. Ich kann Ihnen sagen, da geht es oft auch drunter und drüber!…“

„Sind die Würstchen schon fertig?“ Peter Altmaier, Wirtschaftsminister, schlendert interessiert zum Grill. „Gut Ding will Weile haben, Herr Kollege!“ Gerd Müller, Minister für Entwicklung, wendet fachmännisch die Käseknacker. Im nächsten Moment Gebrüll. Müller fährt herum: „Wessen Kind ist das?“ Ein etwa sechsjähriger Junge hat sich das Feuerzeug auf dem Tisch hinter ihm ausgeliehen und damit die bereitliegenden Servierten in Brand gesteckt. Geistesgegenwärtig kippt Peter Altmaier sein Bier über die Flammen.

„Manchmal bin ich direkt froh, dass mein Mann und ich unser Patenkind nur alle paar Wochen bei uns haben…“ Jens Spahn betrachtet fein lächelnd das Geschehen. „- Keine Kinder sind auch was Schönes. Noch ein Bier, Herr Kollege?“ Olaf Scholz, Finanzminister, reicht ihm ein Glas Frischgezapftes.

Wir verlassen das Geschehen… 

Ach ja: alle Handlungen, Schauplätze und (beinahe) alle personenbezogenen Fakten sind natürlich rein fiktiv, spekulativ und geben in keiner Weise die Realität wieder. Oder hättet ihr ernsthaft gedacht, dass Herr Dr. Sauer Hackbällchen rollt?:-)

 

Gesellschaft, Persönliches

Ein Lob der Stadtteil-Bücherei

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Um 1516 schrieb Thomas More, Kanzler des englischen Königs Henry VIII, ein Werk, dessen Einfluss Jahrhunderte überdauern sollte. Frustriert vom Ständesystem Großbritanniens und den damit einhergehenden Ungerechtigkeiten, entwarf er das Modell einer Gesellschaft „Gleicher unter Gleichen“, ohne Privatbesitz und mit gemeinsam erwirtschafteter Lebensgrundlage für alle.

Der Roman „Utopia“, in englischer Aussprache ein Wortspiel der griechischen Begriffe eutopia (guter Ort) und utopia (Ort, den es nicht gibt) beschreibt diesen Ort – und legte den Grundstein, nicht nur für Marxismus und Leninismus knapp 400 Jahre später, sondern auch für einen Begriff, der heute noch verwendet wird: die Utopie.

Eine Welt, besser als die, in der wir leben, gerechter, mit Gütern, die allen zu Verfügung stehen, ohne Ansehen von Herkunft und Besitz – 1516 suchte More diese in der Realität vergebens.

2018 habe ich sie gefunden.

Die Eintrittskarte zu dieser Welt ist scheckkartengroß. Sie kostet mich, auf den Monat umgerechnet, den Preis eines Cappuccinos und eröffnet mir den Zugang zu den Gedanken tausender Dichterinnen und Dichter, Philosophinnen und Do-it-yourself-Berater; zu Themen der Medizin, Politik, Publizistik und des Gartenbaus, von der Bastelanleitung eines Vogelhäuschens bis hin zu Thomas Manns „Tod in Venedig“.

Betrete ich diesen Ort moderner Utopie, fällt mir zuerst die belebte Stille auf: halblaute Gespräche, Papier, das raschelt, ab und zu ein Kinderlachen, denn bereits für die Kleinsten bietet der Ort geistige Nahrung. Mein Blick schweift zu den Besuchern dieses Landes, dessen Atmosphäre sich so spürbar abhebt von der Hektik der Welt darum herum: Hier sitzt ein älterer Herr, vertieft in die neuste Belletristik, dort üben zwei Schülerinnen für den Klassentest. Dort, den Winkel zwischen zwei Regalen, nutzt ein Pärchen für verstohlene Zärtlichkeit. Ein Kind, noch in Windeln, wackelt seiner Mutter entgegen, ein Brötchen in der einen speckigen Faust, ein Buch in der anderen. Zwei Teenager stehen neben den CD-Regalen, eine Dame im Parka sieht sich die neusten Filme an…

Die Wächter dieses Landes sitzen dicht der Eingangspforte. In Geplänkel und Plausch vertieft – wenn sie nicht gerade die Besucher hilfsbereit beraten -, strahlen auch sie eine Muße aus, die außerhalb dieses Ortes schwer zu finden ist. Willkommen ist jeder, ohne Ansehen seines Berufs, seiner Herkunft, seines Alters und Bildungsgrads. Die Güter dieses Ortes sind verfügbar für jeden, der sich ihrer bedienen will, unter der Prämisse, sie dem Gemeinwohl nach Gebrauch wieder zu Verfügung zu stellen. Wer den monatlichen Preis eines Cappuccinos nicht zahlen kann, erhält den Eintritt vergünstigt oder gar umsonst. Ein Ort der Demokratie also, der Muße und der Kontemplation – und das alles mit der Straßenbahn erreichbar.

Ein wahres Utopia! Ich besuche es mit Freude – und will ihm hier ein Denkmal setzen, meiner kleinen, bescheidenen, kostbaren – Stadtteilbücherei!

~

Gibt es für dich auch einen Ort, der dich anrührt, dir Muße, Inspiration und Freude schenkt? Vielleicht magst du ihn hier teilen und davon schreiben? Ich freue mich!:-)

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft, Partnerschaft

Bling Bling

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Das ist ein Lernhandy. Mein Sohn lernt damit:

  • Krach machen macht Spaß
  • Mama macht Krach nicht Spaß.

Wenn es nach dem Handy ginge, sollte er auch noch lernen:

  • Hunde machen „Wuff, Wuff“ (leicht elektronisch verzerrt)
  • Katzen machen „miau“ und heißen „Katze“ (das nämlich sagt das Lernhandy, wenn man die entsprechenden Knöpfe drückt).

Jetzt weiß mein Sohn – klug wie er ist – mit 2 1/2 allerdings schon, dass ein Hund „Wuff“ macht und „Hund“ heißt (auch wenn er ihn hartnäckig weiter „Wuff“ nennt)  – irgendwie hat sich das bis zu ihm herumgesprochen, ganz ohne Handy.

Und eben dieses Handy ist mir bei einer der Übergaben vom Kindsvater in die Hände gefallen und regt mich zu Spekulationen an:

  • über die pädagogischen wie ästhetischen Maßstäbe der Kindsoma väterlicherseits – denn von ihr kommt das Lärm- (Pardon: Lern-) Handy
  • über Sinn und Unsinn krachmachenden Elektroschrotts
  • über Erziehungsunterschiede zwischen dem Kindsvater und mir, die mir seit unserer Trennung oft eher zufällig, z.B. durch Fundstücke wie dieses, vor Augen geführt werden.

Au weia!…

Und NEIN: ich kaufe meinem Sohn nicht nur pädagogisch wertvolles Holzspielzeug. In seiner Spielebox im Mama-Zuhause tummeln sich neben Duplosteinen und Tiersteckpuzzle durchaus auch der ein oder andere Plastikschlumpf aus dem Überraschungsei – oder die Jim Knopf-Merchandising-Lok aus dem McD-Kindermenu (war übrigens ein Nachmittag lang der Hit…).

Aber JA, ich sehe tatsächlich kein Fernsehen mit ihm (Null, Zero): ich habe nämlich gar keinen, seit Jahren nicht. Und JA, wir schauen eine Menge Bilderbücher zusammen an (jeden Tag und nicht nur zum Kuscheln vor dem Schlafen) und JA, alles, was elektronisch blinkt, dudelt, tutet oder blökt wird von mir, schon aus Selbstschutz, nur in „homöopathischen“ Dosen zugelassen, bzw. verschwindet unauffällig…

Papa Bling Bling

… um WO wieder aufzutauchen? Bei – JAWOHL – PAPA!… Bei Papa liegt das elektronische Kinderliederbuch („ABC, die Katze geht im Schnee…“), der pinke Stoffhase mit Dauerdudel- und Hüftwackelfunktion; dort stehen die zwei fernsteuerbaren Rennautos und JA, auch das Kinderklo, das jeden erfolgreich versenkten Stinker mit Begleitmusik belohnt (das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht – Oma väterlicherseits hat es als Motivationsschub zum Trockenwerden angeschafft…;-))

Und JA, JA, JA, unser U3-jähriger Herzensjunge nutzt begeistert alles was blinkt, trötet, tutet und blökt!

Das ist ok für mich. Solange wir bei mir mit gar nichts an Requisiten den Stofftieren Essen kochen (ok, ein alter Strohhut ist die Schüssel!…) und mir mein Kleiner als „Doktor“ mit dem Kühlschankthermometer Fieber misst, dann einen „Luft“-Verband um mein Bein wickelt und mit dem Türstopper als Telefon den Krankenwagen ruft… Auch „Bus“ gefahren sind wir schon, auf zwei Stühlen hintereinander sitzend, und kürzlich war er der „Tiger“, den das Kuchengitter aus dem Backofen am Ausbrechen gehindert hat! Übrigens seine Ideen, nicht meine…;-)

Und JA, Fangen, Verstecken, Vorlesen, Rollenspielen macht ihm genauso Spaß wie das Lärmmach-Handy. Und solange das so ist, toleriere ich letzteres.

Und spiele ein bisschen auf meinem Lärmmach-Handy herum („Nur eben noch die Mails checken“…), bis wir beide wieder Zeit haben für die nächste Runde – Fantasie!