alleinerziehend, Beruf, Familie, Gesellschaft

Lena H.: „Ich bin eigentlich ausgesöhnt mit ihm“

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Lena H.: Ihr Lachen ist mitreißend, ihre Mohnschnecken legendär;-) – herzlich und kreativ ist sie, Estlandliebhaberin (ein Teil ihrer familiären Wurzeln sind hier zu finden) und verlässlich für ihre Freunde da. Seit fast 15 Jahren arbeitet sie als selbständige Übersetzerin, ist daneben Mutter einer mittlerweile zehnjährigen Tochter, von derem Vater sie seit 31/2 Jahren getrennt lebt. Ich freue mich sehr, mit ihr meine Reihe „Working Moms & Dads“ beginnen zu dürfen!

Liebe Lena,

du lebst vom Vater deiner Tochter seit inzwischen 3 ½ Jahren getrennt. Verstehst du dich als alleinerziehend?

Ich würde schon sagen, dass ich alleinerziehend bin, denn meine Tochter und ihr Vater sehen sich einfach nicht so oft. Sie ist immer mittwochs und jedes zweite Wochenende bei ihm. Insofern treffe ich die meisten Alltagsentscheidungen. Das empfinde ich auch als entlastend, weil ich dadurch nicht immer in den Konflikt mit ihm gehen muss. Als wir zusammen lebten, gab es häufig Konflikte in Bezug auf Fragen der Kindererziehung und jetzt kann ich das alleine entscheiden. Manchmal empfinde ich die alleinige Verantwortung natürlich auch als belastend. Es gab schon Phasen, in denen ich wirklich froh war, wenn unsere Tochter wieder mal bei ihrem Vater war. Aber im Alltag empfinde ich unser Modell als positiv. An größeren Fragen ist mein ehemaliger Mann übrigens beteiligt, er ist z.B. in Entscheidungen zur Schulwahl mit einbezogen oder geht auch mal mit unserer Tochter zum Arzt.

Eure Tochter ist die meiste Zeit bei dir und eher „zu Besuch“ bei ihrem Vater. Hast du den Eindruck, das ist für sie stimmig? 

Neulich hat unsere Tochter gesagt, sie möchte gerne öfter zu Papa, also an zwei Tagen pro Woche. Sie hat auch geweint und ich habe mich gefragt: haben die beiden einfach nur eine schöne Zeit zusammen und sie hat deswegen Lust, öfter zu ihm zu gehen, oder geht es ihm seelisch nicht gut, wie das schon einmal der Fall war, und sie will ihn glücklich machen? Ich habe nicht pauschal gesagt: Das geht nicht, aber ihr erklärt, dass ich den Eindruck habe, sie sei nicht so ausgeglichen gewesen, als sie eine Zeit lang häufiger bei ihm gewesen sei. Das hat sie so hingenommen. Ich habe aber auch gesagt: Du kannst natürlich zu Papa gehen, wenn du das gerne möchtest. Bisher haben wir das immer so gehandhabt, dass sie auch spontan zu ihm gehen konnte, wenn sie das wollte. Sie ruft ihn dann an und meist sagt er dann: „Ja, ich komme und hole dich ab!“

Einen direkten Austausch über eure Tochter habt ihr als Eltern nicht mehr?

Kaum. Wir haben uns zwar in Bezug auf die Schulwahl ausgetauscht und ich habe ihn auch kürzlich angerufen wegen des Geburtstags unserer Tochter. Aber die Kommunikation zwischen uns ist nicht wirklich gut. Wenn wir etwas absprechen müssen, schreiben wir einander meist Kurznachrichten. Einmal im Monat schickt er mir seinen Dienstplan, aber er selbst ruft mich eigentlich nie an und manchmal antwortet er auch nicht sofort auf meine Nachrichten. Die Kommunikation zwischen uns ist wirklich noch schwierig.

Ihr habt also Themenbereiche, über die ihr nicht redet und kommuniziert überhaupt wenig miteinander. Wünschst du dir das anders?

Wenn seine Art zu kommunizieren anders wäre, könnte uns vielleicht noch ein Freundschaft verbinden. Ich würde mir das total wünschen. Ich empfinde uns auch als Eltern noch verbunden. Am Geburtstag unserer Tochter habe ich ihn gesehen und gedacht: Ich würde ihn eigentlich am liebsten in den Arm nehmen und sagen: „Hey, guck mal, wir haben eine zehnjährige Tochter!“ Und ich denke auch noch daran, wie er mir im Kreißsaal bei der Geburt geholfen hat… [lacht]. Ich bin ihm auch noch für vieles in unserer Beziehung dankbar. Ich bin eigentlich ausgesöhnt mit ihm, aber ich habe das Gefühl, er ist es überhaupt nicht mit mir. Das macht es, glaube ich, so schwer.

Was war in der Zeit seit eurer Trennung besonders schwierig? Was ist euch deiner Meinung nach gut gelungen?

Ich glaube, was wir gut hinbekommen haben, ist, dass unsere Tochter wirklich sagen kann: „Ich will zu Papa“ und wir uns diesbezüglich spontan einigen können. Schwierig ist allerdings, wie gesagt, die Kommunikation. Auch während unserer Ehe konnten wir uns über viele Dinge einfach nicht verständigen und mussten irgendwann sagen: Okay, wir können darüber nicht reden. Die Übergaben sind daher auch nicht einfach. Eine Zeit lang haben wir noch zusammen einen Tee getrunken, aber seitdem wir, u.a. wegen des Unterhalts, mehrere ernsthafte Konflikte hatten, tun wir das nicht mehr. Mein ehemaliger Mann holt unsere Tochter meist bei uns ab. Wir sprechen dabei wenig miteinander. Diese Situationen sind nicht schön. Manchmal ist unsere Tochter auch bei einer Freundin und er holt sie von dort ab. Von ihm aus geht sie meist in die Schule und von dort zurück zu mir.

Im Ganzen ist das sicher keine einfache Situation. Würdest du sagen, dass dir dein Beruf eher Kraft gibt oder ist er eine zusätzliche Belastung?

Mein Beruf als Übersetzerin ist etwas, was mich ausmacht und ich bin sehr froh, dass ich ihn habe. Natürlich gibt es Situationen, in denen mir alles zu viel wird und ich denke, ich könnte auch mal Urlaub vertragen. Als Selbständige ist es einfach schwer, sich wirklich frei zu nehmen. Zwischen Weihnachten und Neujahr möchte ich eigentlich keine Aufträge annehmen, aber dann arbeite ich nur einen halben Monat, was wegen des Geldes wieder schwierig ist. Das ist eine Schattenseite des Alleinseins. Mein ehemaliger Mann hat ja gut verdient, wir hatten ein sicheres Einkommen – das hat sich seit der Trennung für mich schon deutlich verändert.

War die eigentliche Trennung für dich eine schwere Entscheidung?

Auf jeden Fall. Es war die schwerste Entscheidung meines Lebens. Was mir geholfen hat, waren auf jeden Fall meine Freunde. Ich glaube, es war rettend für mich, dass ich Freunde – und auch meine Mutter – hatte. Alle haben mich darin bestärkt, meinen Weg zu gehen. Und auch jetzt noch hilft es mir, so gute Freunde zu haben. Mir fällt auf, dass einiges, was ich bisher erzählt habe, ziemlich negativ klingt, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass es trotzdem ganz gut läuft. Vermutlich, weil ich keinen Groll mehr gegenüber meinem ehemaligen Mann hege. Ich würde ihm trotzdem noch eine Hühnersuppe kochen, wenn er krank wäre. Ich bin einfach ausgesöhnt mit ihm. Nur doof eben, dass es ihm wohl mit mir nicht so geht… [lacht]

Was würdest du jemandem, der als Alleinerziehende/r erst seit kurzer Zeit getrennt ist, mitteilen wollen?

Ich würde raten, dass er oder sie versuchen soll, herauszufinden, was der eigene Anteil an der Trennung und auch an den Konflikten in der Beziehung war. Zu schauen: was davon will ich in der nächsten Beziehung genauso, was will ich anders machen? Und auch zu sagen: Okay, das ist mein Weg gewesen, es gab Gründe, warum ich so gehandelt habe. Den anderen kann ich nicht verändern. Ich habe eine Freundin, die immer versucht, ihren Ex-Mann dazu zu bringen, ihre Kinder anders zu erziehen, als er es tut. Aber er ist einfach so und sie kann ihn nicht anrufen und sagen: „Guck mal, das hast du schon wieder falsch gemacht!“ Man muss akzeptieren, was der andere mit den Kindern macht, es sei denn, es ist etwas Gefährliches. Damit Frieden zu schließen und wirklich anzunehmen, dass man den anderen nicht verändern kann, ist meiner Meinung nach das Wichtigste.

Vielen Dank für das Interview!

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft, Partnerschaft

Männer sind Schweine. Oder: warum der KV den Umgang vergisst

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Männer beziehen ihr Bett durchschnittlich nur 4x im Jahr neu.

Die Aussage, gut lesbar auf einem der Info-Screens, die in U-Bahn-Stationen inzwischen üblich sind, verblüfft mich. Sie ist als „Unnützes Wissen“ betitelt, die Sorte Information, die man garantiert nicht mehr vergisst, obwohl man sie sich nie merken wollte…

Unwillkürlich schweifen meine Gedanken zu meinem ehemaligen Freund und Vater meines Kindes. Kann es sein, dass auch er nur vier Mal im Jahr?!… Interessiert betrachte ich die Menschen um mich herum. Einige starren ebenfalls den Bildschirm an. Faszinierend: offensichtlich findet jemand zu Recht die Behauptung, Männer hielten die Reinigung ihrer Bettwäsche maximal einmal im Quartal für notwendig, für ausreichend unterhaltsam, um sie in einer U-Bahnstation Hunderten von Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen.

Der Subtext der Aussage („Männer sind Schweine“), von den Ärzten vor Jahren treffend besungen, erinnert mich an zahlreiche aufgeschnappte Bemerkungen befreundeter oder auch mir unbekannter Frauen, vorgetragen oft mit einer Art gereizter Nachsicht: „Ich habe ihm eine zweiseitige Einkaufsliste geschrieben und dann hat er die Hälfte vergessen.“ Oder: „Er hat Marie doch glatt Orangensaft zu trinken gegeben, während ich weg war und dann wundert er sich, dass sie am nächsten Morgen wund ist.“ Oder auch: „Wenn ich ihm abends nicht einen Zettel hinlegen würde, würde er den Geburtstag seiner eigenen Mutter vergessen. Ich warte nur auf den Tag, an dem er seinen eigenen vergisst!“

Die Frauen, die diese Äußerungen machen, sind selten bösartige Menschen – zumindest erscheinen sie mir nicht so -, und auch mit ihrer Partnerschaft und dem Mann in ihrem Leben, den sie in dieser Weise beschreiben, scheinen sie nicht grundsätzlich unzufrieden zu sein. Warum dann diese Mischung aus Nachsicht und Abschätzigkeit? Der Mann, ein zwar williges, doch tendenziell trotteliges und zuweilen etwas rüpelhaftes Wesen, das mit sanftem Druck (wieder) an die Zivilisation herangeführt werden muss? Eine Zivilisation, die, aus dieser Perspektive, wohl klar durch die Frau verkörpert wird, der es gelungen ist, ihn zu zähmen…

„Männer sind Schweine
Traue ihnen nicht, mein Kind
Sie wollen alle nur das Eine
Weil Männer nun mal so sind.“
(Ärzte)

Ein Ort, an dem man, wenn auch nur virtuell, vor allem Frauen begegnet, sind sogenannte „Mami-Foren“ werdender und frischgebackener Mütter. Der Ton ist hier oft ähnlich wie eben beschrieben: Da hat der KV (= Kindsvater) ständig Lust auf Sex, obwohl der ET (= errechnete Geburtstermin) naht und die Frau alles im Sinn hat, nur nicht den ehelichen Beischlaf („Aber so sind sie halt!…:-) :-)“). Da kümmert sich der EZ (= Erzeuger) schon jetzt nicht um seinen Nachwuchs oder vergisst auch nur, die Wäsche aufzuhängen, was, hormonell bedingt, einen mittleren Wutanfall rechtfertigt… Und so weiter und so fort. Die in den Beiträgen verwendeten Abkürzung mögen der Zeitnot mit Säugling nach der Geburt oder der Bequemlichkeit geschuldet sein – bei mir wecken sie Assoziationen einer Art „geschlossenen Gesellschaft“: Wir Schwangeren/ Mütter/ Frauen wissen, wie der Hase läuft. Wir brauchen die zwar, und lieben sie vielleicht sogar, aber letztlich brauchen die uns nichts zu erzählen, diese – Kerle!…

„Männer sind Säue
Glaube ihnen nicht ein Wort
Sie schwör’n dir ewige Treue
Und dann am nächsten Morgen sind sie fort.“
(Ärzte)

Interessanterweise bewege ich mich in letzter Zeit wieder in Kreisen, in denen fast nur Frauen versammelt sind: Alleinerziehenden-Veranstaltungen scheinen den unsichtbaren Stempel „Women only“ zu besitzen, jedenfalls verirren sich auf zehn bis zwanzig Frauen meist nur ein oder zwei Vertreter des männlichen Geschlechts dorthin… Entsprechend hat der Ton, der herrscht, zuweilen auch etwas Verschwörerisches: je nach Konstellation hatten zwei von drei Anwesenden schon mal mit ausbleibendem Unterhalt des KV (= Kindsvater, ihr erinnert euch?) zu tun, sicher stöhnt immer eine, dass „der Umgang“ schwierig sei und der GT (= Gerichtstermin), der ebendiesen Umgang regeln soll, wird mit Sorge erwartet.

Ich will mich an dieser Stelle in keiner Weise über die Sorgen und Belange schwangerer, bzw. getrennt lebender Mütter lustig machen. Zur ersten Gruppe gehörte ich selbst vor gut drei Jahren, als Mitglied der zweiten schreibe ich ja diesen Blog. Was mir jedoch auffällt, und auch aufstößt -, ist die Sprache, in der, manchmal sogar in Anwesenheit der Kinder, über eben jenen „Kindsvater“ oder „Erzeuger“ gesprochen wird. Eben im besten Fall mit nachsichtigem Spott, im schlechtesten Fall mit Verachtung.

Eine „Gebrauchsanweisung“ für Männer scheint es für uns Frauen nicht zu geben. Wir lieben sie, begehren sie – und dann wechseln sie nur einmal im Quartal die Wäsche ihrer Betten?! Uups… Wir verstehen sie offensichtlich nicht, „diese anderen“ – und zumindest in Momenten, in denen wir uns deutlich „bezogener“ auf unsere Männer fühlen, auch bedürftiger, was ihr Wohlwollen angeht (in Schwangerschaft und Babyzeit – ebenso wie kurz nach der Trennung), scheint das wilde Blüten zu treiben. Vielleicht hat die enttäuschte Frau, die akzeptieren muss, dass ihr Kind nach der Trennung einen Teil seiner Zeit bei seinem Vater verbringt, das Gefühl, zumindest ein Stück weit die Kontrolle zu behalten, wenn sie diesen als „Umgang“ bezeichnet. Ein KV ist weniger nah als „mein ehemaliger Partner“ und wen ich zum „Erzeuger“ degradiere wird hoffentlich keine Ansprüche auf sein „Erzeugnis“ erheben…

Schlimm nur, dass Worte oft große Macht entfalten. Wen ich ernsthaft als „Schwein“ betrachte, der kann mir nur schwer das Gegenteil beweisen. Wo ich Abschätzigkeit säe, wächst selten Achtung. Und auch wer sich wirklich „schweinisch“ verhalten hat, verdient meiner Meinung nach mehr als eine 2-Buchstaben-Kombination. Schon allein, weil der Wert der Zivilisiertheit, die jemand fordert, immer auch am Verhalten des Fordernden zu messen ist!

~

Was meint ihr dazu? Wie immer freue ich mich über Kommentare, mit und ohne Abkürzungen…;-)

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Über sieben Brücken – Entspannte Kindsübergaben nach der Trennung

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Zugegeben: Der Titel klingt nicht gerade entspannt;-) Aber wenn ich ehrlich bin: was hier beschrieben werden soll, ist (oft) ja auch nicht mit den angenehmsten Gefühlen verbunden…

Das ist die Ausgangssituation:

  • Mama und Papa haben sich getrennt und auf wechselseitigen Umgang (in welcher Form auch immer) mit ihrem/n gemeinsamen Kind/ern geeinigt.
  • Das heißt, das Kind (der Lesbarkeit halber bleibe ich ab hier bei der Singularform) muss irgendwie von Elternteil A zu Elternteil B kommen und den Übergang von einem Elternzuhause ins andere bewältigen.
  • Dieser Vorgang soll für ALLE Beteiligten möglichst berechenbar, friedlich und – im besten Fall – entspannt vor sich gehen.

Sieben „goldene“ Brücken

Daher hier so etwas wie eine Sammlung von Punkten, die vielleicht dabei helfen können, diesen – oft auch noch Jahre nach der Trennung – kritischen Moment zu „entschärfen“. Ganz im Sinne der DDR-Kultband Karat;-):

„Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehn, siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.“

Ich gehe übrigens davon aus, dass das Verhältnis der Eltern nicht komplett zerrüttet und von einem Grundmaß gegenseitigen Respekts geprägt ist, aber eben durchaus noch spannungsreich. Und dass das Kind noch in einem Alter ist, in dem es „übergeben“ werden muss. Andernfalls wird es sowieso (mit-) entscheiden, wie es die Wechsel von einem Elternteil zum anderen gestalten will. Hier also der Versuch der „sieben Brücken“:

Brücke 1: Absprachen treffen und einhalten

Es klingt banal und ist oft doch Anlass zu den schmerzhaftesten Streitigkeiten überhaupt: kurzfristig verschobene, abgesagte oder einfach ignorierte Termine, aber auch Unklarheit bei der Absprache. „Ich bringe dir Pia Samstag Nachmittag“ ist keine ausreichende Absprache. „Samstag 14 Uhr an der Haltestelle vor deiner Wohnung“ schon eher. Möglichst schriftlich festgehalten, z.B. per Mail oder SMS.

Brücke 2: Übergabe über neutrale Dritte, wenn möglich

Meiner bisherigen Erfahrung nach sind die Übergaben „über neutrale Dritte“, die sich ganz natürlich aus dem Tagesablauf ergeben, für alle Beteiligten am entspanntesten. Papa bringt Luis also morgens zur Kita, Mama holt ihn nachmittags dort ab. Mit Luis wechselt ggf. eine Tasche mit notwendiger Kleidung/ Medikamenten etc. und eventuell ein „Übergabe-Tagebuch“ (siehe Brücke 6) von einem Zuhause ins andere. Eine persönliche Begegnung mit allem Konfliktpotenzial wird so schlicht vermieden – was gerade in Phasen, in denen eine/r mit dem/r anderen am liebsten „nichts zu tun hätte“ die beste Lösung sein kann.

Brücke 3: Neutraler Übergabeort

Besonders wenn das Verhältnis zwischen den Eltern noch angespannt ist, ist die Wohnungstür meiner Meinung nach kein guter Übergabeort. Zu greifbar sind die Erinnerung an ein möglicherweise verlorenes Heim oder Streitereien, die an eben dieser Tür schon stattgefunden haben. Statt dessen: einen öffentlichen Ort wählen. Der Eingang der Stadtbücherei oder eines Supermarkts, der Arbeitsplatz eines Elternteils oder eben die Haltestelle vor der Wohnung, falls der Bringende mit der Bahn kommt. Diszipliniert übrigens auch ungemein, falls Gespräche „von Angesicht zu Angesicht“ regelmäßig zu eskalieren drohen. Mit Kollegen oder zahlreichen Passanten als Zuschauern streitet es sich schlicht weniger entspannt…;-)

Brücke 4: „Anschlusshandlung“ planen

Der Wechsel von einer ‚Elternwelt‘ in die andere ist für ein (kleines) Kind ohnehin schon eine Leistung; dabei verdient es Hilfestellung! Und die kann darin bestehen, dass es mit Papa (oder Mama) nach der Übergabe immer erst mal einen gemeinsamen Kakao trinken darf. Oder dass gemeinsam noch zwei, drei Dinge fürs Wochenende eingekauft werden (das Kind darf sich eine Lieblingsspeise aussuchen), oder dass noch 10 Minuten im Park nebenan Blumen gezupft werden. Oder ein Bilderbuch vorgelesen wird. Jedes Mal. Zeit zum Ankommen. Und um Mama (oder Papa) nach der (vorübergehenden) Trennung erst mal ganz für sich zu haben.

Brücke 5: Schmusetier als Begleiter

Ein weiterer „Übergangshelfer“ kann meiner Meinung nach das Kuscheltier sein, das immer von Mama mit zu Papa wechselt (und umgekehrt). Wenn Mama (oder Papa) schon nicht mit ins andere Zuhause darf, dann zumindest Schnuffi/Kuschel/Fanti. Der tröstet auch, wenn der andere Elternteil vermisst wird. Bei unserem Sohn ist es ein (kleines) Kissen, das, vehement „abgeschmust“ und inzwischen x-fach geflickt, auf jeden Fall mit muss.

Brücke 6: Übergabe-Tagebuch

Diesen Tipp habe ich von einer Freundin, deren Ex-Partner nach der Trennung einige Zeit lang gar keinen persönlichen Kontakt zu ihr wollte. Die beiden haben alle wichtigen Informationen über ihren gemeinsamen Sohn (geplante Veranstaltungen in der Kita, von denen nur einer beim Abholen erfahren hatte, zu planende weitere Absprachen etc.) in einem Notizbuch festgehalten, das in einer Tasche, gemeinsam mit ihrem Kind, von einem Elternteil zum anderen gewandert ist. Die Übergabe selbst fand über „neutrale Dritte“ (siehe Brücke 2) statt, so dass sie sich tatsächlich eine Zeit lang gar nicht zu sehen und so gut wie gar nicht miteinander zu sprechen brauchten, was die ganze Situation entspannte.

Brücke 7: Keine Streitereien vor dem Kind

Oder: Wo einer verliert, kann keiner gewinnen. Daher: Übergaben sind nicht der Ort, um dem/r anderen (vor dem Kind) mitzuteilen, was er/sie falsch gemacht hat, falsch macht oder (potenziell) falsch machen wird. Sie sind nicht der Ort, um mal eben zu klären, wie man das mit dem nächsten Urlaub regelt, sie sind auch nicht der Ort, um sich über die neue Freundin auszukotzen, weil man den/die andere/n gerade „greifbar“ hat…. Das alles schadet: dem eigenen Seelenwohl, dem Verhältnis, das man als Eltern zueinander hat (und JAWOHL: Eltern bleibt man nunmal!) – und natürlich und vor allem dem Kind, das man doch am meisten liebt und dessen Wohl sich hoffentlich beide Eltern wünschen!

So, das war‘s! 🙂 Im besten Fall konnte ich euch die ein oder andere Anregung geben (alle Tipps übrigens am eigenen Leib erprobt und (meist) beherzigt!…)

Habe ich was vergessen? Habt ihr Anmerkungen zu dem, was hier steht? Dann schreibt mir. Ich freue mich sehr über Kommentare!

 

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Schnee im Juli. Vom Umgang mit Erwartungen

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„Morgen schneit’s!“

Äußert diesen Satz jemand im Januar, bei angekündigter Schlechtwetterfront, nickst du vermutlich und sagst etwas in der Art: „Ja, das kann gut sein.“ Auch Anfang April macht der Satz unter Umständen noch Sinn. Mitte Juli würdest du jedoch, zumindest in Mitteleuropa, wohl eher den Kopf schütteln und etwas in der Art äußern wie: „Das ist doch eher nicht zu erwarten!“

Unser Leben ist bestimmt von Erwartungen. Wir überlegen oft schon beim Aufstehen, wie der Tag wohl wird, was unser Chef heute für eine Laune haben wird, ob die Kollegin, mit der wir unser Projekt planen, gut vorbereitet sein wird, ob wir nachmittags beim Joggen den netten jungen Mann treffen, der immer zur selben Zeit wie wir seine Runden zu drehen scheint. Das Gefühl, das bei diesen Gedanken in uns aufsteigt, gibt uns einen Hinweis, welche Erwartungen wir in Bezug auf das Kommende haben. Magengrummeln beim Gedanken an den Chef: „Der ist ohnehin immer so cholerisch, hoffentlich macht er mich nicht zur Schnecke, weil ich den Abgabetermin verschieben muss.“ Vorfreude beim Gedanken an den Sport am Nachmittag: „Vielleicht ergibt sich ja ein netter Plausch mit dem Jogger, ein gemeinsames Interesse scheinen wir ja bereits zu haben.“

25 Zahnpasta-Sorten

Erwartungen erleichtern uns das Leben. Das ELM-Modell (Elaboration-Likelyhood-Modell) in der Sozialpsychologie legt nahe, dass wir, besonders unter Zeitdruck, Entscheidungen oft aufgrund von Erwartungen treffen, die uns im Moment der Entscheidung gar nicht bewusst werden. 25 Zahnpastasorten im Regal des Drogeriemarkts: ich nehme die, von der ich erwarte, dass sie mir für den besten Preis die beste Leistung bietet. Letztlich wird es Tube XY. Warum gerade die? Meine Erfahrung/ meine beste Freundin/ die Werbung hat eine Erwartung (sic!) in mich gepflanzt, die ich im Moment der Entscheidung gar nicht hinterfrage. Und das ist auch gut so – bis zu einem gewissen Grad. Denn würde ich jede Entscheidung von A bis Z „elaborieren“, d.h., alle Gründe dafür und dagegen abwägen, stünde ich morgen noch vor dem Drogeriemarktregal.

Andererseits können mich Erwartungen natürlich auch gründlich irreführen. Eher harmlos ist es, wenn ich statt Frühlingswetter winterliche Temperaturen erwartet habe und mich in Daunenjacke und Thermounterwäsche zwischen T-Shirt-Trägern wiederfinde (ist mir dieses Jahr beim Frühlingsanfang mal passiert!…;-)). Schon weniger harmlos ist es, wenn ich mich auf meine Babysitterin verlassen habe und sie nicht wie vereinbart mein Kind aus der Kita abholt (ist mir auch schon einmal passiert und hat mich einige Nerven gekostet…).

Schnee im Juli

Was aber, wenn meine Erwartungen sich gar nicht decken mit dem, was dann passiert? Und hierbei meine ich nicht aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse (wie das eine Mal bei meiner Babysitterin, was ich zu ihrer Ehrenrettung sagen kann!;-)), sondern, weil sich in meinem Kopf, aus welchen Gründen auch immer, Erwartungen festgesetzt haben, die von der Wirklichkeit schlicht „ad absurdum“ geführt werden.

Auch hierzu ein Beispiel aus meiner nahen Vergangenheit: nach mehreren Wochen friedlichen Umgangs mit meinem Expartner und Vater unseres gemeinsamen Sohnes hatte ich mich darauf eingelassen, mich bei einer Übergabe (unser Sohn schlief gerade) noch einen Moment mit meinem Exfreund zusammenzusetzen. Wir waren beide ziemlich erschöpft (er gesundheitlich angeschlagen, ich k.o. vom Tag), und – kurz gesagt: das Gespräch, das friedlich begann, endete aus absurdesten Gründen (die ich hier nicht näher erläutern mag) in einem heftigen Wortgefecht, das unser Sohn zum Glück vollständig verschlief…

Ich aber schlich von der Übergabe komplett geknickt nach Hause, wütend und traurig und einigermaßen fassungslos, wie wenig freundlich oder gar „freundschaftlich“ dieses Gespräch verlaufenen war. Denn: JA, das war meine Erwartung gewesen. Und JA, die hatte sich – tata! – wirklich nicht erfüllt…

Leben ohne Erwartungen?

Also alle Erwartungen fahren lassen? Buddha-like den Moment annehmen, was immer da kommen mag? Jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Ehrlich gesagt: schön wär’s! Wir ticken ja nunmal so, dass wir versuchen, vorauszusehen, was das Leben mit sich bringen wird. Und das ist in vielen Fällen (s.o.) ja durchaus sinnvoll. Erwartungen sind gut: sie lassen uns nicht völlig unvorbereitet durch’s Leben stolpern.

Aber wie so oft liegt meiner Meinung nach die Wahrheit irgendwo dazwischen: Alle Erwartungen sein zu lassen ist einerseits kaum möglich; andererseits beschränken uns zu festgefahrene Erwartungen und kosten uns Lebendigkeit. Aber gerade, wenn wir wissen: hier ist unsicheres, potentiell konfliktbehaftetes Terrain (wie z.B. die Übergaben unseres Sohnes zwischen meinem Expartner und mir, wenn wir beide müde und erschöpft sind), – dann schadet eins sicher nicht: eine gewisse optimistische Vorsicht. Ich erwarte das Beste, aber schütze mich, falls das Beste eben nicht eintritt. Damit ich, um nochmal auf die Wettermetaphorik zurückzukommen, eben nicht Sonnenschein erwarte – und dann schneit’s im Juli!…;-)

PS. Für alle, die es gern konkreter hätten, hier ein paar Tipps, wie Kindsübergaben nach der Trennung friedlich verlaufen können. Weitere Ideen willkommen! Garantie für’s Gelingen wird allerdings nicht übernommen…;-)

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Pupsgeräusche. Gedanken zum Wechselmodell

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Uups, hier geht’s gar nicht um Pupse…. Sondern – oha!… – um Politik. Um Ego. Und um ein Thema, das mich nachts um elf noch dazu bringt, einen Blogeintrag zu schreiben.

Heute erreichte mich der Hinweis einer Bekannten auf folgenden MDR-Beitrag:

FAKT IST!: Getrennt leben, gemeinsam erziehen – Das Recht aufs Kind – „https://www.mdr.de/fakt-ist/verteilseite2196.html

Kurz zusammengefasst: die FDP strebt einen Gesetzesentwurf an, das Wechselmodell (Kind 50:50 bei Vater oder Mutter) als familiengesetzliches Standard-Modell zu etablieren. Statt der traditionellen Familiengerichtsentscheidung „Kind bei Mutter, alle 14 Tage ein Wochenende bei Papa“ soll jetzt erst einmal davon ausgegangen werden: „Kind nach der Trennung die Hälfte der Zeit bei Papa, die andere Hälfte bei Mama“ ist das, was passt, und diese Regelung darf gesetzlich – was übrigens bereits seit 2017 gilt – auch gegen den Willen eines Elternteils durchgesetzt werden.

Das geht gar nicht!

Mir wird Angst und Bange, wenn ich mir das vorstelle.

Warum?

Mit dem Vater meines Sohnes praktiziere ich doch seit gut einem Jahr das Wechselmodell. Und unser Kleiner ist noch nicht mal drei. Und ich habe den Eindruck, es funktioniert nicht nur – es geht uns allen sogar richtig gut damit. Vor allem auch unserem Sohn. (Hier habe ich meine bisherigen Erfahrungen damit beschrieben).

Warum bin ich dann trotzdem klar und vehement gegen eine gesetzliche Festschreibung des Wechselmodells als Standardmodell in der Familiengerichtssprechung?

  • Weil die absolut unverzichtbare Grundlage dieses Modells meiner Meinung nach eine funktionierende Kommunikation zwischen den Eltern ist.
  • Weil ich „funktionierende Kommunikation“ – aus eigener Erfahrung – so verstehe, dass man es schafft, gerade nicht nur sein eigenes Wohl im Auge zu haben, sondern wirklich das des Kindes und in dem Sinn als Eltern auch nach der Trennung als Paar noch verdammt viel „Gemeinsames“ hat.
  • Weil sich diese „Gemeinsamkeit“ meiner Meinung nach nicht gerichtlich verordnen lässt. Im Gegenteil: wenn man vor Gericht landet, weil man sich davor nicht auf eine Art des Umgangs einigen konnte, stimmt höchstwahrscheinlich nicht nur mit der wechselseitigen Kommunikation, sondern auch mit der Haltung, die dieser Kommunikation zugrunde liegt, etwas ganz und gar nicht – keine gute Basis für ein Modell, das (s.o.) genau auf dieser Haltung basiert!…

Das Recht auf’s Kind?

Und damit komme ich zum Aspekt des Egos: der MDR-Beitrag ist mit dem Satz „Das Recht auf’s Kind“ betitelt. Und hier sträuben sich mir wirklich die Haare: Mein Auto, meine Couchgarnitur, von mir aus auch die über die Jahre archivierten Fotoalben – bis zu einer Trennung hat sich einiges angesammelt, was dann mühsam – und oft schmerzlich – wieder auseinanderdividiert werden muss. Und – nein, nein, nein! – das Kind/die Kinder gehören nicht dazu!

Mein Kind gehört nicht mir!

Ich finde, das müsste sich jeder frisch getrennte Elternteil auf den Badezimmerspiegel schreiben und noch vor dem Zähneputzen lesen: Mein Kind gehört nicht mir! Wenn überhaupt  gehöre ich meinem Kind. Und der Vater auch (oder die Mutter), auch wenn ich ihn – oder sie – nicht mehr mag, noch nie mochte oder am liebsten gar nicht mehr in meinem Leben hätte… Und unter „gehören“ verstehe ich: mein Kind braucht mich, liebt mich und ist rein physisch – und gefühlsmäßig sowieso – auf mich angewiesen. Ich könnte auch sagen: von mir abhängig. Ich präge – durch mein Verhalten – als Mutter und als Vater sein Bild von mir, von sich, ein Stück weit sicher auch sein Bild davon, wie Menschen überhaupt miteinander umgehen.

Dass ich das tue passiert einfach – schlicht dadurch, dass ich sein Vater oder seine Mutter bin, dadurch, dass wir – in welcher Form auch immer – eine „Beziehung“ haben. Ich würde sagen, sogar, wenn wir uns kaum kennen. Ich bin, allein dadurch, dass ich sein einer Elternteil bin, ein „Bezugspunkt“ im Leben meines Kindes (selbst wenn ich abwesend sein sollte) – und das ist meiner Meinung nach kein Recht, sondern nur eins: eine Verantwortung. Und im besten Fall ein Geschenk für mich und mein Kind, das ich – hoffentlich – zu würdigen weiß.

Ob das jetzt heißt, dass ich mein Kind nach der Trennung 50:50 oder 80:20 sehe, sollte meiner Meinung nach kein Gericht entscheiden müssen. Sondern ich sollte mich fragen: was kann ich tun, damit es meinem Kind, mir selbst und, – ja! – auch dem anderen Elternteil, nicht komplett elend geht. Denn verbunden sind wir durch unser Kind, auch wenn wir kein Paar mehr sind (vielleicht nie eins waren). Und die Verantwortung, die diese Verbindung mit sich bringt, sollte ich tragen – und nicht das Gericht.

In diesem Sinn schließe ich mich Stefan Rücker, der im MDR-Beitrag als Psychologe zitiert wird, an: „Nicht allein Umgangsmodelle fördern das Kindeswohl, sondern verantwortungsvolle Trennungseltern.“

Und das ist – apropos „Pupsgeräusche“ – sicher keine heiße Luft!:-)