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Schnee im Juli. Vom Umgang mit Erwartungen

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„Morgen schneit’s!“

Äußert diesen Satz jemand im Januar, bei angekündigter Schlechtwetterfront, nickst du vermutlich und sagst etwas in der Art: „Ja, das kann gut sein.“ Auch Anfang April macht der Satz unter Umständen noch Sinn. Mitte Juli würdest du jedoch, zumindest in Mitteleuropa, wohl eher den Kopf schütteln und etwas in der Art äußern wie: „Das ist doch eher nicht zu erwarten!“

Unser Leben ist bestimmt von Erwartungen. Wir überlegen oft schon beim Aufstehen, wie der Tag wohl wird, was unser Chef heute für eine Laune haben wird, ob die Kollegin, mit der wir unser Projekt planen, gut vorbereitet sein wird, ob wir nachmittags beim Joggen den netten jungen Mann treffen, der immer zur selben Zeit wie wir seine Runden zu drehen scheint. Das Gefühl, das bei diesen Gedanken in uns aufsteigt, gibt uns einen Hinweis, welche Erwartungen wir in Bezug auf das Kommende haben. Magengrummeln beim Gedanken an den Chef: „Der ist ohnehin immer so cholerisch, hoffentlich macht er mich nicht zur Schnecke, weil ich den Abgabetermin verschieben muss.“ Vorfreude beim Gedanken an den Sport am Nachmittag: „Vielleicht ergibt sich ja ein netter Plausch mit dem Jogger, ein gemeinsames Interesse scheinen wir ja bereits zu haben.“

25 Zahnpasta-Sorten

Erwartungen erleichtern uns das Leben. Das ELM-Modell (Elaboration-Likelyhood-Modell) in der Sozialpsychologie legt nahe, dass wir, besonders unter Zeitdruck, Entscheidungen oft aufgrund von Erwartungen treffen, die uns im Moment der Entscheidung gar nicht bewusst werden. 25 Zahnpastasorten im Regal des Drogeriemarkts: ich nehme die, von der ich erwarte, dass sie mir für den besten Preis die beste Leistung bietet. Letztlich wird es Tube XY. Warum gerade die? Meine Erfahrung/ meine beste Freundin/ die Werbung hat eine Erwartung (sic!) in mich gepflanzt, die ich im Moment der Entscheidung gar nicht hinterfrage. Und das ist auch gut so – bis zu einem gewissen Grad. Denn würde ich jede Entscheidung von A bis Z „elaborieren“, d.h., alle Gründe dafür und dagegen abwägen, stünde ich morgen noch vor dem Drogeriemarktregal.

Andererseits können mich Erwartungen natürlich auch gründlich irreführen. Eher harmlos ist es, wenn ich statt Frühlingswetter winterliche Temperaturen erwartet habe und mich in Daunenjacke und Thermounterwäsche zwischen T-Shirt-Trägern wiederfinde (ist mir dieses Jahr beim Frühlingsanfang mal passiert!…;-)). Schon weniger harmlos ist es, wenn ich mich auf meine Babysitterin verlassen habe und sie nicht wie vereinbart mein Kind aus der Kita abholt (ist mir auch schon einmal passiert und hat mich einige Nerven gekostet…).

Schnee im Juli

Was aber, wenn meine Erwartungen sich gar nicht decken mit dem, was dann passiert? Und hierbei meine ich nicht aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse (wie das eine Mal bei meiner Babysitterin, was ich zu ihrer Ehrenrettung sagen kann!;-)), sondern, weil sich in meinem Kopf, aus welchen Gründen auch immer, Erwartungen festgesetzt haben, die von der Wirklichkeit schlicht „ad absurdum“ geführt werden.

Auch hierzu ein Beispiel aus meiner nahen Vergangenheit: nach mehreren Wochen friedlichen Umgangs mit meinem Expartner und Vater unseres gemeinsamen Sohnes hatte ich mich darauf eingelassen, mich bei einer Übergabe (unser Sohn schlief gerade) noch einen Moment mit meinem Exfreund zusammenzusetzen. Wir waren beide ziemlich erschöpft (er gesundheitlich angeschlagen, ich k.o. vom Tag), und – kurz gesagt: das Gespräch, das friedlich begann, endete aus absurdesten Gründen (die ich hier nicht näher erläutern mag) in einem heftigen Wortgefecht, das unser Sohn zum Glück vollständig verschlief…

Ich aber schlich von der Übergabe komplett geknickt nach Hause, wütend und traurig und einigermaßen fassungslos, wie wenig freundlich oder gar „freundschaftlich“ dieses Gespräch verlaufenen war. Denn: JA, das war meine Erwartung gewesen. Und JA, die hatte sich – tata! – wirklich nicht erfüllt…

Leben ohne Erwartungen?

Also alle Erwartungen fahren lassen? Buddha-like den Moment annehmen, was immer da kommen mag? Jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Ehrlich gesagt: schön wär’s! Wir ticken ja nunmal so, dass wir versuchen, vorauszusehen, was das Leben mit sich bringen wird. Und das ist in vielen Fällen (s.o.) ja durchaus sinnvoll. Erwartungen sind gut: sie lassen uns nicht völlig unvorbereitet durch’s Leben stolpern.

Aber wie so oft liegt meiner Meinung nach die Wahrheit irgendwo dazwischen: Alle Erwartungen sein zu lassen ist einerseits kaum möglich; andererseits beschränken uns zu festgefahrene Erwartungen und kosten uns Lebendigkeit. Aber gerade, wenn wir wissen: hier ist unsicheres, potentiell konfliktbehaftetes Terrain (wie z.B. die Übergaben unseres Sohnes zwischen meinem Expartner und mir, wenn wir beide müde und erschöpft sind), – dann schadet eins sicher nicht: eine gewisse optimistische Vorsicht. Ich erwarte das Beste, aber schütze mich, falls das Beste eben nicht eintritt. Damit ich, um nochmal auf die Wettermetaphorik zurückzukommen, eben nicht Sonnenschein erwarte – und dann schneit’s im Juli!…;-)

PS. Für alle, die es gern konkreter hätten, hier ein paar Tipps, wie Kindsübergaben nach der Trennung friedlich verlaufen können. Weitere Ideen willkommen! Garantie für’s Gelingen wird allerdings nicht übernommen…;-)