Gesellschaft, Politik

Rational betrachtet

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Menschen, die in der Öffentlichkeit Gehör finden (wollen), äußern sich zu kontroversen Themen oft, als müssten bestimmte Dinge nicht hinterfragt und keinesfalls erklärt werden. Ich bin der Meinung, dass das weit seltener der Fall ist als behauptet. Wo Nüchternheit und ‚Sachbezogenheit’ gefordert wird, wird meiner Ansicht nach häufig die Auseinandersetzung mit den dahinterliegenden Themen gescheut. Hierzu habe ich schon einmal einen Blogbeitrag geschrieben.

Mit diesem Artikel möchte ich eine – nicht ganz ernst gemeinte – Sammlung ‚rationaler‘, scheinbar sachbezogener, Äußerungen und ihre „Übersetzung“ versuchen:

EU-Finanzkrise

„Ich halte das Vorgehen für alternativlos.“

Kanzlerin Merkel äußerte sich mit dieser Formulierung 2010 im Zuge der europaweiten Finanzkrise. Sie bezog sich dabei u.a. auf die finanzielle Hilfe Deutschlands für Griechenland. Das Wort ‚alternativlos‘ erreichte im selben Jahr zweifelhaften Ruhm als „Unwort des Jahres“.

Mögliche Übersetzung:

Hoffentlich fällt keinem auf, wie riskant das alles ist. Wisst ihr eigentlich, wie knapp Deutschland am Bankrott vorbeigeschrammt ist? Ich ziehe euch den Karren aus dem Dreck, also lasst mich gefälligst meinen Job tun.

Flüchtlingskrise

Zwei weitere Beispiele aus der Politik:

“Wir haben im Moment keinen Zustand von Recht und Ordnung. Es ist eine Herrschaft des Unrechts.“

Innenminister und CSU-Chef Horst Seehofer in einem Interview der „Passauer Neuen Presse“ vom 10. Februar 2016 zur deutschen Flüchtlingspolitik.

Mögliche Übersetzung:

Es ist klar, dass in diesem politischen Sauhaufen nur einer für Ordnung sorgen kann. Außerdem: Angst machen geht immer. So bleibe ich wenigstens im Gespräch.

Etwa ein Jahr später, am 1. März 2017, äußert sich Katja Kipping, Vorsitzende der Linken, via Twitter zum Politischen Aschermittwoch in Bayern:

„Ein Mann, bekannt für verbale Ausfälle, abstruse Ideen und eine wirre Frisur: Horst Seehofer, der Donald Trump Bayerns.“

Mögliche Übersetzung:

Vergleiche mit Donald Trump gehen immer. Und wer über meine Witze lacht, hat schon halb das Kreuz bei unserer Partei gemacht – immerhin ist in einem halben Jahr Bundestagswahl.

Elbphilharmonie

Nicht ganz so politisch schwergewichtig, aber doch ein Thema, das zwischen 2003 und 2017 die Gemüter in Deutschland bewegte und stellvertretend für manch ambitioniertes (Groß-) Bauprojekt der letzten Jahre stehen könnte:

„Bei dem Projekt Elbphilharmonie handelt es sich um ein höchst komplexes, äußerst anspruchsvolles Bauvorhaben mit einer einzigartigen Architektur von Weltklasse-Niveau, dessen bauliche Umsetzung höchste Anforderungen an alle Projektbeteiligten stellt.“

Die Superlative finden sich in der Präambel der Schluss- und Aufhebungsvereinbarung zwischen der Elbphilharmonie Hamburg Bau und der Arbeitsgemeinschaft Generalplaner Elbphilharmonie Hamburg.

Mögliche Übersetzung:

Schön ist sie ja geworden, die Elbphilharmonie. Aber bei der Umsetzung hat nicht nur einer Mist gebaut – hoffentlich fragt keiner nach, wohin das ganze Geld geflossen ist!…

Digitalisierung

Vertreter aus Wirtschaft und Marketing sind auch nicht zimperlich, was scheinbar rationale ‚Tatsachenbehauptungen’ angeht. So äußert sich Timucin Güzey, stellvertretender Vorsitzender im Fachkreis Online-Mediaagenturen des Bundesverbandes Deutscher Wirtschaft zum Thema Digitalisierung:

„Die Intelligenz der Zukunft ist maschinell. Das ist nicht mehr nur ein mögliches Szenario, sondern Wirklichkeit.“

Mögliche Übersetzung:

Ich behaupte einfach mal, in die Zukunft sehen zu können. Kompetenter geht’s nicht. Irgendwer wird’s schon glauben – und schon hat der Verband ein neues Mitglied.

Medien und Kommunikation

Und schließlich Stefan Mohr, Geschäftsführer bei der Werbeagentur Jung von Matt:

„Wenn Kommunikation nur noch programmatisch dem Diktat der Relevanz untergeordnet ist, mündet diese unendliche Relevanz in unendliche Langeweile.“

Mögliche Übersetzung:

Öfter mal was Belangloses sagen ist doch auch ganz cool – Hauptsache, nett verpackt!

Fallen euch weitere ‚Tatsachenaussagen‘, bzw. vermeintlich „sachliche“ Äußerungen ein, die beim genauen Lesen ziemlich doppelbödig sind?

Kommentare willkommen!:-)

 

Quellen der Zitate: 

Angela Merkel: rp-online.de

Horst Seehofer: ksta.de

Katja Kipping: der-westen.de

Aufhebungsvereinbarung Elbphilharmonie: tu-braunschweig.de

Timucin Güzey: horizont.net

Stefan Mohr: horizont.net

 

 

 

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft

Das Kabinett beim Kita-Fest

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Wusstet ihr, dass im aktuellen Kabinett drei Patchwork-Eltern, eine Alleinerziehende, 6 Menschen ohne Kinder und eine siebenfache Mutter sitzen? 12 Regierungsmitglieder sind verheiratet (davon elf mit einem Partner des anderen Geschlechts), zwei leben in einer Partnerschaft ohne Trauschein, eine Politikerin ist geschieden, ein Politiker Single.

Diese Information verdanke ich der aktuellen Ausgabe eines deutschlandweit erscheinenden Familienmagazins. Eine Grafik klärt mich außerdem über die Gesamtzahl der Kinder der Kabinettsmitglieder auf (27), und dass diese, auf die einzelnen Politiker/innen verteilt, zwischen null und genannten sieben Kindern schwankt.

Ein ziemlich „bunter Haufen“ also, die Vertreterinnen und Vertreter unseres neu formierten Regierungsbündnisses! (Jedenfalls, was Beziehungsstatus, Elternschaft und Lebensentwurf angeht – in Bezug auf Hautfarbe und Herkunft ist das Kabinett einheitlich weiß und „nicht-migriert“;-)).

Merkel beim Kita-Fest

Ich stelle mir die Herren (9) und Damen (7) in einem ganz anderen Rahmen vor: beim Kita-Sommerfest. Frau Dr. Merkel, im frühlingshaft roséfarbenen Blazer, rückt ihre Perlenkette zurecht: hoffentlich denkt Joachim an die Hackbällchen. Sie selbst war am Vortag wieder so spät zuhause, dass er die Vorbereitung übernehmen musste. Zum Glück bleibt ihm nach seiner Emeritierung etwas mehr Zeit für Privates… Neben Merkel Hubertus Heil, Minister für Arbeit und Soziales. Sein Jüngster, 3, zieht an seinem Hosenbein: „Papa, mir ist schlecht. Papa, kann ich noch von der Grütze haben?“ Zwei rot verklebte Hände hinterlassen ihre Spuren auf Herrn Heils Beinkleid. Anja Karliczek, Ministerin für Bildung, sieht den Bemühungen ihres Kollegen, seinen Anzug fleckenfrei zu halten, amüsiert zu: „Zum Glück sind unsere aus dem Gröbsten heraus“, kann sie sich einer Neckerei nicht enthalten, „Unser Jüngster macht nächstes Jahr Abitur.“ „- Mit Anfang zwanzig ist denen wegen ganz anderen Dingen schlecht!…“ Horst Seehofer dreht sich grinsend zu den beiden. Gerd Müller am Grill lächelt still.

Bad im Pool

„Wann findet eigentlich die Tombola statt? Und stimmt es, dass der Gewinner zwei Wochen Küchendienst erlassen bekommt?“ Andreas Scheuer, Verkehrsminister, gesellt sich zu der Gruppe. „Keine Ahnung, aber ein bisschen besser könnte die Organisation schon sein -“ Ursula von der Leyen schaut säuerlich: „Nicht mal die Anfahrtsbeschreibung war richtig. Nicht wahr, Heiko, wir sind zweimal falsch abgebogen, und das mit Navi!“ „Man sollte sich eben nicht zu sehr auf die Technik verlassen -“ Svenja Schulze, Umweltministerin, lächelt süffisant: „Mein Mann ist ja Geschäftsführer des Vereins Klimadiskurs NRW und er sagt immer…“ Ihre weiteren Worte gehen in der allgemeinen Aufregung unter: Franziska Giffeys Jüngster ist in den aufgestellten Swimmingpool gefallen. „Warte, ich helfe ihm heraus!“ Julia Klöckner, Landwirtschaftsministerin, eilt ihrer Kollegin zu Hilfe: „Hast du Wechselklamotten dabei?“ „Er ist acht, Julia, da sollte man eigentlich davon ausgehen, dass er nicht mit Kleidern badet…“ Die Familienministerin lächelt etwas gestresst: „Damit ist das Fest für uns gelaufen.“ „Ich kenne das -“, Katharina Barley nickt mitfühlend: „Immer, wenn man denkt, es läuft gerade glatt, ist wieder irgendwas.“
„Das stelle ich mir für Sie als Alleinerziehende gar nicht so einfach vor -“, Helge Braun, Kanzleramtsminister, tritt neben sie. „Ist nicht anders, wenn man gemeinsam erzieht“, schaltet sich Heiko Maas ein: „Meine Lebensgefährtin und ich haben drei Kinder, unseren einen Sohn hat sie mit in die Beziehung gebracht. Ich kann Ihnen sagen, da geht es oft auch drunter und drüber!…“

„Sind die Würstchen schon fertig?“ Peter Altmaier, Wirtschaftsminister, schlendert interessiert zum Grill. „Gut Ding will Weile haben, Herr Kollege!“ Gerd Müller, Minister für Entwicklung, wendet fachmännisch die Käseknacker. Im nächsten Moment Gebrüll. Müller fährt herum: „Wessen Kind ist das?“ Ein etwa sechsjähriger Junge hat sich das Feuerzeug auf dem Tisch hinter ihm ausgeliehen und damit die bereitliegenden Servierten in Brand gesteckt. Geistesgegenwärtig kippt Peter Altmaier sein Bier über die Flammen.

„Manchmal bin ich direkt froh, dass mein Mann und ich unser Patenkind nur alle paar Wochen bei uns haben…“ Jens Spahn betrachtet fein lächelnd das Geschehen. „- Keine Kinder sind auch was Schönes. Noch ein Bier, Herr Kollege?“ Olaf Scholz, Finanzminister, reicht ihm ein Glas Frischgezapftes.

Wir verlassen das Geschehen… 

Ach ja: alle Handlungen, Schauplätze und (beinahe) alle personenbezogenen Fakten sind natürlich rein fiktiv, spekulativ und geben in keiner Weise die Realität wieder. Oder hättet ihr ernsthaft gedacht, dass Herr Dr. Sauer Hackbällchen rollt?:-)