Beruf, Familie, Gesellschaft

Digital ahoi! Was Facebook, Amazon und Google für unsere Gesellschaft bedeuten

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Ende April 2018 erscheint in der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ ein Interview mit dem Philosophen Richard David Precht über Digitalisierung, Visionen der „Big Players“ des Silicon Valley und die sich potentiell daraus ergebenden gesellschaftlichen Folgen. Zwei Sätze bleiben mir in Erinnerung:

„[E]s wird eine zentrale Aufgabe des Staats sein, dafür zu sorgen, dass wir nicht in eine Zweiklassengesellschaft zerfallen. Einen Arbeitsadel, der seine Kinder auf Privatschulen schickt und ein Millionenheer an Abgehängten, die durch eine immer ausgefuchstere Unterhaltungsindustrie bespaßt werden, durch ein universelles Las Vegas.“

Precht sieht im zitierten Spiegel-Interview eine Gesellschaft voraus, in der aufgrund von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zahlreiche jetzt von Menschen ausgeübte Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden, so dass eine ganze „Schicht“ (ungelernter) Arbeiter ihren Arbeitsplatz verliert. Die neu geschaffenen Berufe (z.B. Software Engineer oder Virtual-Reality-Designer) werden von diesen Menschen nicht ausgeübt werden können, andererseits benötigt der Arbeitsmarkt der Zukunft ihre physische Arbeitskraft nicht mehr: Busse lenken sich selbst, Häuser werden von Maschinen gebaut und im Supermarkt kassiert der Service-Roboter oder der Kunde scannt seinen Einkauf gleich selbst (wie es ja bereits heute eine große skandinavische Möbelkette anbietet). Was aber tun mit Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen Beschäftigter, die auf einmal ohne berufliche Aufgabe dastehen?

Wandel des Werts bezahlter Arbeit

Precht prognostiziert einen Wandel der ‚Wertigkeit’ bezahlter Arbeit: ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ könne garantieren, dass tatsächlich gearbeitet werden könne, um einen Beitrag zum sozialen Miteinander zu leisten und nicht um des Gelderwerbs – und sozialen Prestiges – willen, wie es heute (meist) der Fall sei. Tatsächlich verliert, wer heute lange Zeit nicht bezahlt arbeitet, an sozialem Ansehen: seien es die „Langzeitarbeitslosen“, „Harz IVler“ oder „Nur-Hausfrauen“ – oder andererseits die „Superreichen, die nur auf der faulen Haut liegen“: eine bezahlte Arbeit auszuüben wertet den sozialen Status auf; dies nicht zu tun, ist ein gesellschaftliches Manko.

Precht visioniert eine Gesellschaft, in der das anders ist, in der gesellschaftlicher Status nicht in erster Linie von beruflicher Leistungsfähigkeit und von Erfolg in der (bezahlten) Arbeitswelt abhängt. Aber er äußerte eben auch die oben zitierten Bedenken: Was, wenn unsere Gesellschaft sich dahingehend wandelt, dass einige wenige, digital versierte und flexible Berufstätige eine Art „Arbeitselite“ bilden, während die große Masse aus abgehängten digital-dauerkonsumierenden „Grundeinkommlern“ besteht? Die soziale Utopie des ‚bedingungslosen Grundeinkommens‘ wäre im doppelten Sinn „pervertiert“, da
1) nachwievor nur bezahlte Arbeit als sozial prestigeträchtig angesehen würde und
2) die nicht berufstätige Masse, statt sich sozial zu engagieren, von der Unterhaltungsindustrie „ruhiggestellt“ würde.

Prechts Vision zu kurz gedacht

Ich finde Prechts Vision einerseits erschreckend plausibel, andererseits „zu kurz gedacht“, in dem Sinn, als dass in ihr noch immer die Werte unserer heutigen Konsum- und Leistungsgesellschaft zum Ausdruck kommen: Wer heutzutage arbeitslos ist und über lange Zeit Harz IV bezieht, ist oft tatsächlich „sozial abgehängt“ und es ist eine bittere Tatsache, dass unreflektierter Medienkonsum desto wahrscheinlicher wird, je geringer sich das Einkommen und vor allem die durch Arbeit stattfindende soziale Einbindung gestaltet. Zwar resigniert längst nicht jeder, der Harz IV bezieht und lange keine Arbeit findet, vor Glotze und PC, aber die, denen Precht und manche Akademiker diese Art der „Verdummung“ („Isch, Cindy, schau Stern TV“) zuschreiben, kommen tendenziell eher aus einer „Schicht“, in der oft seit Generationen nur sporadisch gegen Geld gearbeitet wird und wo tatsächlich oft nicht nur beruflicher, sondern auch schulischer Erfolg zu wünschen übrig lässt. Vor diesem Hintergrund wäre der Bezug eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ für das soziale Prestige so etwas wie heute der Bezug von Harz IV: etwas, das sozial zwar toleriert, aber auch geächtet wird. Das Grundeinkommen wäre de facto nicht „bedingungslos“, sondern hätte einen hohen Preis: den der sozialen Abwertung.

Aufgeklärter Umgang mit digitalem Konsum

Anders wäre das in einer Gesellschaft, in der tatsächlich nicht mehr bezahlte Arbeit über sozialen Erfolg und Misserfolg entscheiden würde, sondern der Umgang mit digitalem Konsum: Die wirklich „sozial Erfolgreichen“ wären dann nicht notwendigerweise diejenigen mit bezahltem Beruf, sondern diejenigen, die der Macht und Manipulation digitaler Konzerne etwas entgegenzusetzen hätten. Nicht umsonst äußert sich Precht höchst kritisch in Bezug auf die „Big Players“ der Digitalisierung: Google, Facebook, Amazon und Co propagierten zwar Selbstbefreiung und -optimierung, hätten tatsächlich aber vor allem die Beeinflussung der ‚User‘ zum Ziel. Prechts Einschätzung nach befürworten die digitalen Konzerne Optimierung „um der Optimierung Willen“: Jeder Nutzer digitaler Medien solle grundlegend ‚besser‘ im Sinne von „digitaler“ und „vernetzter“ werden. Das aber, so Precht, geschehe auf Kosten gesellschaftlicher Werte. Hier stimme ich ihm zu: wo globales „X-Mas“ gefeiert wird statt Weihnachten und „Hoho-Santa“ in der Online-Werbung in Cola-roter Kutte die Geschenke bringt, verlieren althergebrachte Traditionen – und damit auch Wertmäßstäbe – an Bedeutung. Werte wie Mitmenschlichkeit oder Gemeinschaftssinn, die dem „Höher-Schneller-Weiter“ einer Konsum- und Leistungsgesellschaft entgegenzusetzen wären, werden geschwächt.

Wie wollen wir leben?

Vermutlich sieht Precht die Auswirkungen der Digitalisierung deswegen als so entscheidend an: Menschen, die nicht (mehr) um des Geldes willen arbeiten müssen, haben Zeit. Aber wozu verwenden sie diese? Tatsächlich dazu, die Gesellschaft nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, aktiv zu werden, im besten Sinne sozial „tätig“ zu sein – oder eben, an sozialen Themen uninteressiert, dumpf konsumierend vor Glotze und PC?

Vermutlich wird in einer zunehmend digitalisierten Welt die Frage: „Wie wollen wir leben?“ noch drängender werden: weil wir einerseits, wie Precht sagt, aufgrund schrumpfender Erwerbsarbeitszeit schlicht mehr Zeit haben werden, uns diese Frage zu stellen; weil wir sie uns andererseits aber auch dringend stellen müssen, weil sonst digitale Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon uns ihre Antwort geben werden. Wer das „Höher-Schneller-Weiter“ der heutigen Berufswelt nicht kritiklos ersetzen möchte durch ein „Vernetzter-Gleicher-Transparenter“, sollte sich am besten heute schon Gedanken machen, wie er statt dessen leben will.

Was ist deine Meinung dazu? Schreib mir! 🙂

Zitierte Quelle:

Markus Brauck: „Die Digitalisierung bedroht alles, was ist“. In: Der Spiegel, Ausgabe 17/2018, 21.4.2018

 

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft, Partnerschaft

Bling Bling

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Das ist ein Lernhandy. Mein Sohn lernt damit:

  • Krach machen macht Spaß
  • Mama macht Krach nicht Spaß.

Wenn es nach dem Handy ginge, sollte er auch noch lernen:

  • Hunde machen „Wuff, Wuff“ (leicht elektronisch verzerrt)
  • Katzen machen „miau“ und heißen „Katze“ (das nämlich sagt das Lernhandy, wenn man die entsprechenden Knöpfe drückt).

Jetzt weiß mein Sohn – klug wie er ist – mit 2 1/2 allerdings schon, dass ein Hund „Wuff“ macht und „Hund“ heißt (auch wenn er ihn hartnäckig weiter „Wuff“ nennt)  – irgendwie hat sich das bis zu ihm herumgesprochen, ganz ohne Handy.

Und eben dieses Handy ist mir bei einer der Übergaben vom Kindsvater in die Hände gefallen und regt mich zu Spekulationen an:

  • über die pädagogischen wie ästhetischen Maßstäbe der Kindsoma väterlicherseits – denn von ihr kommt das Lärm- (Pardon: Lern-) Handy
  • über Sinn und Unsinn krachmachenden Elektroschrotts
  • über Erziehungsunterschiede zwischen dem Kindsvater und mir, die mir seit unserer Trennung oft eher zufällig, z.B. durch Fundstücke wie dieses, vor Augen geführt werden.

Au weia!…

Und NEIN: ich kaufe meinem Sohn nicht nur pädagogisch wertvolles Holzspielzeug. In seiner Spielebox im Mama-Zuhause tummeln sich neben Duplosteinen und Tiersteckpuzzle durchaus auch der ein oder andere Plastikschlumpf aus dem Überraschungsei – oder die Jim Knopf-Merchandising-Lok aus dem McD-Kindermenu (war übrigens ein Nachmittag lang der Hit…).

Aber JA, ich sehe tatsächlich kein Fernsehen mit ihm (Null, Zero): ich habe nämlich gar keinen, seit Jahren nicht. Und JA, wir schauen eine Menge Bilderbücher zusammen an (jeden Tag und nicht nur zum Kuscheln vor dem Schlafen) und JA, alles, was elektronisch blinkt, dudelt, tutet oder blökt wird von mir, schon aus Selbstschutz, nur in „homöopathischen“ Dosen zugelassen, bzw. verschwindet unauffällig…

Papa Bling Bling

… um WO wieder aufzutauchen? Bei – JAWOHL – PAPA!… Bei Papa liegt das elektronische Kinderliederbuch („ABC, die Katze geht im Schnee…“), der pinke Stoffhase mit Dauerdudel- und Hüftwackelfunktion; dort stehen die zwei fernsteuerbaren Rennautos und JA, auch das Kinderklo, das jeden erfolgreich versenkten Stinker mit Begleitmusik belohnt (das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht – Oma väterlicherseits hat es als Motivationsschub zum Trockenwerden angeschafft…;-))

Und JA, JA, JA, unser U3-jähriger Herzensjunge nutzt begeistert alles was blinkt, trötet, tutet und blökt!

Das ist ok für mich. Solange wir bei mir mit gar nichts an Requisiten den Stofftieren Essen kochen (ok, ein alter Strohhut ist die Schüssel!…) und mir mein Kleiner als „Doktor“ mit dem Kühlschankthermometer Fieber misst, dann einen „Luft“-Verband um mein Bein wickelt und mit dem Türstopper als Telefon den Krankenwagen ruft… Auch „Bus“ gefahren sind wir schon, auf zwei Stühlen hintereinander sitzend, und kürzlich war er der „Tiger“, den das Kuchengitter aus dem Backofen am Ausbrechen gehindert hat! Übrigens seine Ideen, nicht meine…;-)

Und JA, Fangen, Verstecken, Vorlesen, Rollenspielen macht ihm genauso Spaß wie das Lärmmach-Handy. Und solange das so ist, toleriere ich letzteres.

Und spiele ein bisschen auf meinem Lärmmach-Handy herum („Nur eben noch die Mails checken“…), bis wir beide wieder Zeit haben für die nächste Runde – Fantasie!