Familie, Gesellschaft

„Omi ist ein Toaster“. Wie bereiten wir unsere Kinder auf die Zukunft vor?

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Würdest du deine Großmutter mit einem Toaster verwechseln?

Nein? Damit unterscheidest du dich offensichtlich von aktuellen Gesichtserkennungsprogrammen, wie sie z.B. Überwachungskameras und vermutlich auch dein Smartphone verwenden. Hierauf weist zumindest ein Artikel des Spiegels (Ausgabe 6/2018) hin. Entsprechende Programme würden Gegenstände und Personen wegen eines beigefügten pixeligen Farbkleckses nicht mehr als das erkennen, was sie sind, sondern eben als – Toaster…

„Ein Forscherteam bei Google hat diesen Farbfleck ausgetüftelt. Er soll die automatische Bilderkennung des Computers außer Kraft setzen. Er sieht dann überall nur noch Toaster, egal, was man ihm zeigt: Bananen, eine Badeente, die Bundeskanzlerin – alles Toaster.“

Das mag amüsant erscheinen – aber ein Unbehagen bleibt doch zurück: wie wird mein Sohn (jetzt knapp 3) in fünf, zehn, fünfzehn Jahren mit solcherlei Dingen umgehen? Wird er eine Haltung dazu haben? Wird er Autos normal finden, die sich selbst lenken, aber ab und an einen Fußgänger überfahren, da der zuständige Steuercomputer diesen aufgrund von Sabotage nicht erkannt hat? Wird es so etwas wie „Impfungen“ für künstliche Intelligenz geben, intelligente Antivirenprogramme, die eigenständig versuchen, der ebenfalls immer intelligenter werdenden Manipulation einen Schritt voraus zu bleiben?

Und kann ich irgendetwas tun, um ihn auf all das vorzubereiten?

Vermutlich stellen sich alle halbwegs reflektierten Eltern diese Frage irgendwann – und kommen sich dabei ziemlich alt vor. Nur widerfährt mir das schon mit Mitte 30… Ich bin sozusagen eine Dinosaurierin der vordigitalisierten Zeit, aufgewachsen mit Kassetten und jetzt Mutter eines Kindes, das auf dem Smartphone herum„wischt“, bevor es spricht…

Mal ganz von Anfang an…

Ich glaube, ich muss nochmal ganz zurück zu den ‚Basics‘ um für diese Frage auch nur halbwegs eine Antwort zu finden. Vielleicht hilft mir der Blick auf einen weiteren höchst interessanten Artikel, auf den ich in der ‚Blogosphäre‘ gestoßen bin. ‚Easter’, eine junge Kenianerin, Mutter von zwei Kindern und jetzt wohnhaft in Österreich, schreibt in ihrem Blog über ihre Erfahrungen im Land der Palatschinken sowie – wie ich finde, ziemlich weise – über das ‚da‘ sein und Vorbild sein für ihre Kinder. Ein Artikel gefällt mir besonders. Ihr findet ihn hier. Die Autorin beschreibt darin, wie ein österreichisches Mädchen während des Spielens mit ihrem Sohn zu ihr gekommen sei und gesagt habe: „Der schwarze Bub ärgert uns.“ Da die Autorin die einzige Dunkelhäutige weit und breit war, hatte das Kind wohl geschlussfolgert, sie müsse für den „Fall“ zuständig sein… die Reaktion meiner Mit-Bloggerin hat mich beeindruckt:

„Ich habe das Mädchen gefragt wie es heißt, es mit ihrem Namen angesprochen und ihm dann gesagt, es soll „den schwarzen Bub“ fragen wie er heißt und ihn bitte mit seinem Namen nennen. Nachher sollen sie versuchen das Problem selber zu lösen.“

Das geschah dann genau so. Am Ende des Nachmittags verabschiedete sich das Mädchen freundlich vom Sohn der Autorin, denn inzwischen kannte sie ja seinen Namen und sie hatten friedlich miteinander gespielt…

Haltung und Vertrauen

Ich bewundere die Reaktion meiner Mit-Bloggerin aus zwei Gründen. In ihr kommt eine Haltung zum Ausdruck, die ich großartig finde:

1. Belehre deine Kinder nicht, sondern lebe ihnen vor, was dir wichtig ist.
2. Vertraue deinen Kindern und traue ihnen etwas zu.

Noch einmal zurück zum ‚Toaster‘ zu Beginn des Textes: er steht stellvertretend für all die Dinge, die wir Erwachsenen heute noch gar nicht absehen können. Es muss aber gar kein fehlgeleitetes Computerprogramm sein, das unsere Kinder herausfordert. Die Kumpels, die ein bestimmtes Hobby, Markenklamotten oder – später – den mitgerauchten Joint fordern, sind Herausforderung genug. Da hilft unsere Art, an Schwierigkeiten heranzugehen, oft nur wenig – und erst recht nicht, wenn wir versuchen, Dinge für unsere Kinder zu lösen.

Die Autorin des zitierten Blogs vertraut ihrem Sohn, dass er – mit dem fremden Mädchen zusammen – eine Lösung finden wird. Und sie lebt eben diesem Mädchen vor, was ihr wichtig ist: Freundlichkeit, Gelassenheit und Respekt. Und dass der „schwarze Bub“ einen Namen hat und es, wie das „weiße Mädchen“, verdient bei diesem genannt zu werden.

Ich glaube, wenn unsere Kinder merken, dass wir leben, wovon wir reden und wir ihnen zutrauen, ganz unabhängig von uns ihren eigenen Weg zu finden, dann werden sie in fünf, zehn, fünfzehn Jahren für so manches gewappnet sein – und sei es für Computer, die behaupten, Omi sei ein Toaster!… 🙂

 

Zitierte Quellen:
Manfred Dworschak: „Zu dumm“ In: Der Spiegel, Ausgabe 6/2018, 3.2.2018.

Easter: „Der schwarze Bub ärgert uns!“. In: Blog GLEICHAnders, 3.5.2018

Beruf, Familie, Gesellschaft

Digital ahoi! Was Facebook, Amazon und Google für unsere Gesellschaft bedeuten

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Ende April 2018 erscheint in der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ ein Interview mit dem Philosophen Richard David Precht über Digitalisierung, Visionen der „Big Players“ des Silicon Valley und die sich potentiell daraus ergebenden gesellschaftlichen Folgen. Zwei Sätze bleiben mir in Erinnerung:

„[E]s wird eine zentrale Aufgabe des Staats sein, dafür zu sorgen, dass wir nicht in eine Zweiklassengesellschaft zerfallen. Einen Arbeitsadel, der seine Kinder auf Privatschulen schickt und ein Millionenheer an Abgehängten, die durch eine immer ausgefuchstere Unterhaltungsindustrie bespaßt werden, durch ein universelles Las Vegas.“

Precht sieht im zitierten Spiegel-Interview eine Gesellschaft voraus, in der aufgrund von Digitalisierung und künstlicher Intelligenz zahlreiche jetzt von Menschen ausgeübte Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden, so dass eine ganze „Schicht“ (ungelernter) Arbeiter ihren Arbeitsplatz verliert. Die neu geschaffenen Berufe (z.B. Software Engineer oder Virtual-Reality-Designer) werden von diesen Menschen nicht ausgeübt werden können, andererseits benötigt der Arbeitsmarkt der Zukunft ihre physische Arbeitskraft nicht mehr: Busse lenken sich selbst, Häuser werden von Maschinen gebaut und im Supermarkt kassiert der Service-Roboter oder der Kunde scannt seinen Einkauf gleich selbst (wie es ja bereits heute eine große skandinavische Möbelkette anbietet). Was aber tun mit Hunderttausenden, wenn nicht gar Millionen Beschäftigter, die auf einmal ohne berufliche Aufgabe dastehen?

Wandel des Werts bezahlter Arbeit

Precht prognostiziert einen Wandel der ‚Wertigkeit’ bezahlter Arbeit: ein „bedingungsloses Grundeinkommen“ könne garantieren, dass tatsächlich gearbeitet werden könne, um einen Beitrag zum sozialen Miteinander zu leisten und nicht um des Gelderwerbs – und sozialen Prestiges – willen, wie es heute (meist) der Fall sei. Tatsächlich verliert, wer heute lange Zeit nicht bezahlt arbeitet, an sozialem Ansehen: seien es die „Langzeitarbeitslosen“, „Harz IVler“ oder „Nur-Hausfrauen“ – oder andererseits die „Superreichen, die nur auf der faulen Haut liegen“: eine bezahlte Arbeit auszuüben wertet den sozialen Status auf; dies nicht zu tun, ist ein gesellschaftliches Manko.

Precht visioniert eine Gesellschaft, in der das anders ist, in der gesellschaftlicher Status nicht in erster Linie von beruflicher Leistungsfähigkeit und von Erfolg in der (bezahlten) Arbeitswelt abhängt. Aber er äußerte eben auch die oben zitierten Bedenken: Was, wenn unsere Gesellschaft sich dahingehend wandelt, dass einige wenige, digital versierte und flexible Berufstätige eine Art „Arbeitselite“ bilden, während die große Masse aus abgehängten digital-dauerkonsumierenden „Grundeinkommlern“ besteht? Die soziale Utopie des ‚bedingungslosen Grundeinkommens‘ wäre im doppelten Sinn „pervertiert“, da
1) nachwievor nur bezahlte Arbeit als sozial prestigeträchtig angesehen würde und
2) die nicht berufstätige Masse, statt sich sozial zu engagieren, von der Unterhaltungsindustrie „ruhiggestellt“ würde.

Prechts Vision zu kurz gedacht

Ich finde Prechts Vision einerseits erschreckend plausibel, andererseits „zu kurz gedacht“, in dem Sinn, als dass in ihr noch immer die Werte unserer heutigen Konsum- und Leistungsgesellschaft zum Ausdruck kommen: Wer heutzutage arbeitslos ist und über lange Zeit Harz IV bezieht, ist oft tatsächlich „sozial abgehängt“ und es ist eine bittere Tatsache, dass unreflektierter Medienkonsum desto wahrscheinlicher wird, je geringer sich das Einkommen und vor allem die durch Arbeit stattfindende soziale Einbindung gestaltet. Zwar resigniert längst nicht jeder, der Harz IV bezieht und lange keine Arbeit findet, vor Glotze und PC, aber die, denen Precht und manche Akademiker diese Art der „Verdummung“ („Isch, Cindy, schau Stern TV“) zuschreiben, kommen tendenziell eher aus einer „Schicht“, in der oft seit Generationen nur sporadisch gegen Geld gearbeitet wird und wo tatsächlich oft nicht nur beruflicher, sondern auch schulischer Erfolg zu wünschen übrig lässt. Vor diesem Hintergrund wäre der Bezug eines „bedingungslosen Grundeinkommens“ für das soziale Prestige so etwas wie heute der Bezug von Harz IV: etwas, das sozial zwar toleriert, aber auch geächtet wird. Das Grundeinkommen wäre de facto nicht „bedingungslos“, sondern hätte einen hohen Preis: den der sozialen Abwertung.

Aufgeklärter Umgang mit digitalem Konsum

Anders wäre das in einer Gesellschaft, in der tatsächlich nicht mehr bezahlte Arbeit über sozialen Erfolg und Misserfolg entscheiden würde, sondern der Umgang mit digitalem Konsum: Die wirklich „sozial Erfolgreichen“ wären dann nicht notwendigerweise diejenigen mit bezahltem Beruf, sondern diejenigen, die der Macht und Manipulation digitaler Konzerne etwas entgegenzusetzen hätten. Nicht umsonst äußert sich Precht höchst kritisch in Bezug auf die „Big Players“ der Digitalisierung: Google, Facebook, Amazon und Co propagierten zwar Selbstbefreiung und -optimierung, hätten tatsächlich aber vor allem die Beeinflussung der ‚User‘ zum Ziel. Prechts Einschätzung nach befürworten die digitalen Konzerne Optimierung „um der Optimierung Willen“: Jeder Nutzer digitaler Medien solle grundlegend ‚besser‘ im Sinne von „digitaler“ und „vernetzter“ werden. Das aber, so Precht, geschehe auf Kosten gesellschaftlicher Werte. Hier stimme ich ihm zu: wo globales „X-Mas“ gefeiert wird statt Weihnachten und „Hoho-Santa“ in der Online-Werbung in Cola-roter Kutte die Geschenke bringt, verlieren althergebrachte Traditionen – und damit auch Wertmäßstäbe – an Bedeutung. Werte wie Mitmenschlichkeit oder Gemeinschaftssinn, die dem „Höher-Schneller-Weiter“ einer Konsum- und Leistungsgesellschaft entgegenzusetzen wären, werden geschwächt.

Wie wollen wir leben?

Vermutlich sieht Precht die Auswirkungen der Digitalisierung deswegen als so entscheidend an: Menschen, die nicht (mehr) um des Geldes willen arbeiten müssen, haben Zeit. Aber wozu verwenden sie diese? Tatsächlich dazu, die Gesellschaft nach ihren Wünschen und Vorstellungen zu gestalten, aktiv zu werden, im besten Sinne sozial „tätig“ zu sein – oder eben, an sozialen Themen uninteressiert, dumpf konsumierend vor Glotze und PC?

Vermutlich wird in einer zunehmend digitalisierten Welt die Frage: „Wie wollen wir leben?“ noch drängender werden: weil wir einerseits, wie Precht sagt, aufgrund schrumpfender Erwerbsarbeitszeit schlicht mehr Zeit haben werden, uns diese Frage zu stellen; weil wir sie uns andererseits aber auch dringend stellen müssen, weil sonst digitale Konzerne wie Facebook, Google oder Amazon uns ihre Antwort geben werden. Wer das „Höher-Schneller-Weiter“ der heutigen Berufswelt nicht kritiklos ersetzen möchte durch ein „Vernetzter-Gleicher-Transparenter“, sollte sich am besten heute schon Gedanken machen, wie er statt dessen leben will.

Was ist deine Meinung dazu? Schreib mir! 🙂

Zitierte Quelle:

Markus Brauck: „Die Digitalisierung bedroht alles, was ist“. In: Der Spiegel, Ausgabe 17/2018, 21.4.2018