Die Grenzen des Wachstums: Drei Fragen für soziales Handeln

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Würde mir jemand prophezeien, ich könne meinen Sohn, z.B. durch die Gabe bestimmter Hormone, fünf Meter groß werden lassen, würde ich ihm wohl einen Vogel zeigen – nicht nur, weil mir eine solche Körpergröße nicht besonders erstrebenswert erscheinen würde, sondern weil sie schlicht anatomischen Gesetzmäßigkeiten widerspricht. Auch jemanden, der mir verspräche, mit Wunderpille XY könne ich 150 Jahre alt werden oder alle Folgen des Alterungsprozesses hinter mir lassen, fände ich wenig glaubwürdig. Unsere biologisch definierten körperlichen Grenzen akzeptieren wir meist – wenn auch zum Teil zähneknirschend. 

Höher – schneller – weiter

Anders sieht es oft schon bei unseren psychischen und emotionalen Grenzen aus: wir brauchen nicht gleich zu Ritalin oder Amphetaminen zu greifen, auch Selbsterfahrungsworkshops, Coachings zur Work-Life-Balance oder die dritte Psychotherapie, um diese Angst wegzubekommen, die uns daran hindert, beruflich oder privat „durchzustarten“ – sie unterliegen dem Paradigma des Höher-Schneller-Weiter: Selbstverbesserung unter der Prämisse, es gebe irgendwo ein „Optimum“ unseres Selbst. Wenn wir uns nur genug anstrengen, „geht da noch was“, holen wir noch mehr aus uns heraus. 

Konsum und Wirtschaftswachstum

Noch klarer ersichtlich wird dieser „Wachstumswahn“ im Bereich der Wirtschaft. Was heute noch als gut genug erscheint, gilt morgen schon als veraltet, wird aussortiert und neu angeschafft. Halbjährlich neu auf den Markt geworfene Duschgels, Telefone, PCs, Autoserien etc. sind der tägliche Beweis dafür.

Vor einigen Tagen ist mir ein Artikel der Wochenzeitung „Die Zeit“ in die Hände gefallen. Er beschreibt die Herausforderungen, mit der eine Gesellschaft – und damit letztlich jede und jeder einzelne in ihr – konfrontiert wird, wenn sie sich dem Wachstum „entwöhnt“. Kein Dauerkonsum mehr, keine Fernreisen, kein Zweitwagen, bzw. Zweithandy, nicht das dritte Paar Schuhe oder das fünfte T-Shirt im Quartal. 

Leider bleibt der Artikel relativ vage, was Alternativvorschläge angeht: schließlich hänge in einer Gesellschaft, die auf stetig zunehmendem Wachstum basiere, auch der Arbeitsmarkt, das Krankenversicherungs- und Rentensystem vom Konsum ihrer Mitglieder ab. Jedenfalls in der heute existierenden Form als Solidaritätssystem einer (weitgehend) voll erwerbstätigen und somit „voll konsumfähigen“ Bevölkerung. 

Nicht jeder „träum[e] vom glücklichen Landleben“ jenseits kapitalistischer Strukturen, bemerkt der Artikel süffisant. Der „naturgegebene“ Wunsch des Menschen zur Kooperation oder gar zur selbstlosen Unterstützung anderer sei eher Mär denn Wirklichkeit – und solange jedem bei der selbstgeplanten Fernreise ins Billigurlaubsziel CO2-Emission und globaler Fußabdruck auf einmal unwichtig werde, bewege sich auch im Großen nichts ernsthaft in Richtung sozialer Kooperation und Umweltschutz. 

Ich stimme dem zu und möchte dennoch nicht tatenlos in die Klage vom „leider allzu egoistischen Individuum“ einstimmen. 

Egoistisch Gutes tun

Soziales Handeln darf durchaus egoistisch motiviert sein, das macht es nicht unbedingt schlechter. Fühle ich mich gut, weil ich mein Flaschenpfand z.B. einer Aktion wie Pfandtastisch helfen zugute kommen lasse, ist meine Handlung deswegen nicht weniger wert. Und verzichte ich aus Eigeninteresse an meiner Gesundheit auf antibiotikagesättigtes Fleisch aus Massentierhaltung oder Kosmetika mit Mikroplastikanteilen, fahre ich mit der Bahn oder dem Rad, weil mir ein eigenes Auto in der Stadt zu teuer und unpraktisch erscheint, schütze ich automatisch die Umwelt und unterstütze eine nachhaltigere Wirtschaft – aus reinem Eigennutz. 

Meine Motivation muss nicht selbstlos sein – und auch nicht kooperativ bis hin zur Landkommune. Was helfen kann, mitten in der Wachstums- und Konsumgesellschaft sozialer zu sein sind z.B.

Drei Fragen:

  1. Würde ich das auch essen/tragen/nutzen, wenn ich bei seiner Herstellung dabei sein müsste? 
  2. Brauche ich das wirklich?
  3. Wer kann das noch gebrauchen?

Zu 1: Was mir erstrebenswert erscheint, wird unter Bedingungen hergestellt, die für andere (Tiere wie Menschen oder die Umwelt) quälend und zerstörerisch sind – dann kaufe ich es NICHT.

Zu 2: Was mir heute erstrebenswert erscheint, brauche ich voraussichtlich morgen schon nicht mehr – dann kaufe ich es NICHT. 

Zu 3: Und was ich gerade im Begriff bin wegzuwerfen, braucht vielleicht ein anderer: dann leihe ich es oder verschenke es, bringe es zum Secondhand-Laden oder der Kleiderbörse und jemand anderes kauft eben nicht schon wieder neu.

Sozial und „nachhaltig“ handeln ist nicht nur etwas für „die Besten unter uns“ und es ist noch nicht mal besonders schwer. Mir persönlich hilft sehr der Gedanke: was lebe ich hier gerade meinem Sohn vor?

Und dann lebe ich es einfach. 

Wie geht es dir mit dem täglichen Konsum, dem „Höher-Schneller-Weiter“? Wenn du magst, berichte hier davon!

Herzlichen Gruß, Sunnybee

„Omi ist ein Toaster“. Wie bereiten wir unsere Kinder auf die Zukunft vor?

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Würdest du deine Großmutter mit einem Toaster verwechseln?

Nein? Damit unterscheidest du dich offensichtlich von aktuellen Gesichtserkennungsprogrammen, wie sie z.B. Überwachungskameras und vermutlich auch dein Smartphone verwenden. Hierauf weist zumindest ein Artikel des Spiegels (Ausgabe 6/2018) hin. Entsprechende Programme würden Gegenstände und Personen wegen eines beigefügten pixeligen Farbkleckses nicht mehr als das erkennen, was sie sind, sondern eben als – Toaster…

„Ein Forscherteam bei Google hat diesen Farbfleck ausgetüftelt. Er soll die automatische Bilderkennung des Computers außer Kraft setzen. Er sieht dann überall nur noch Toaster, egal, was man ihm zeigt: Bananen, eine Badeente, die Bundeskanzlerin – alles Toaster.“

Das mag amüsant erscheinen – aber ein Unbehagen bleibt doch zurück: wie wird mein Sohn (jetzt knapp 3) in fünf, zehn, fünfzehn Jahren mit solcherlei Dingen umgehen? Wird er eine Haltung dazu haben? Wird er Autos normal finden, die sich selbst lenken, aber ab und an einen Fußgänger überfahren, da der zuständige Steuercomputer diesen aufgrund von Sabotage nicht erkannt hat? Wird es so etwas wie „Impfungen“ für künstliche Intelligenz geben, intelligente Antivirenprogramme, die eigenständig versuchen, der ebenfalls immer intelligenter werdenden Manipulation einen Schritt voraus zu bleiben?

Und kann ich irgendetwas tun, um ihn auf all das vorzubereiten?

Vermutlich stellen sich alle halbwegs reflektierten Eltern diese Frage irgendwann – und kommen sich dabei ziemlich alt vor. Nur widerfährt mir das schon mit Mitte 30… Ich bin sozusagen eine Dinosaurierin der vordigitalisierten Zeit, aufgewachsen mit Kassetten und jetzt Mutter eines Kindes, das auf dem Smartphone herum„wischt“, bevor es spricht…

Mal ganz von Anfang an…

Ich glaube, ich muss nochmal ganz zurück zu den ‚Basics‘ um für diese Frage auch nur halbwegs eine Antwort zu finden. Vielleicht hilft mir der Blick auf einen weiteren höchst interessanten Artikel, auf den ich in der ‚Blogosphäre‘ gestoßen bin. ‚Easter’, eine junge Kenianerin, Mutter von zwei Kindern und jetzt wohnhaft in Österreich, schreibt in ihrem Blog über ihre Erfahrungen im Land der Palatschinken sowie – wie ich finde, ziemlich weise – über das ‚da‘ sein und Vorbild sein für ihre Kinder. Ein Artikel gefällt mir besonders. Ihr findet ihn hier. Die Autorin beschreibt darin, wie ein österreichisches Mädchen während des Spielens mit ihrem Sohn zu ihr gekommen sei und gesagt habe: „Der schwarze Bub ärgert uns.“ Da die Autorin die einzige Dunkelhäutige weit und breit war, hatte das Kind wohl geschlussfolgert, sie müsse für den „Fall“ zuständig sein… die Reaktion meiner Mit-Bloggerin hat mich beeindruckt:

„Ich habe das Mädchen gefragt wie es heißt, es mit ihrem Namen angesprochen und ihm dann gesagt, es soll „den schwarzen Bub“ fragen wie er heißt und ihn bitte mit seinem Namen nennen. Nachher sollen sie versuchen das Problem selber zu lösen.“

Das geschah dann genau so. Am Ende des Nachmittags verabschiedete sich das Mädchen freundlich vom Sohn der Autorin, denn inzwischen kannte sie ja seinen Namen und sie hatten friedlich miteinander gespielt…

Haltung und Vertrauen

Ich bewundere die Reaktion meiner Mit-Bloggerin aus zwei Gründen. In ihr kommt eine Haltung zum Ausdruck, die ich großartig finde:

1. Belehre deine Kinder nicht, sondern lebe ihnen vor, was dir wichtig ist.
2. Vertraue deinen Kindern und traue ihnen etwas zu.

Noch einmal zurück zum ‚Toaster‘ zu Beginn des Textes: er steht stellvertretend für all die Dinge, die wir Erwachsenen heute noch gar nicht absehen können. Es muss aber gar kein fehlgeleitetes Computerprogramm sein, das unsere Kinder herausfordert. Die Kumpels, die ein bestimmtes Hobby, Markenklamotten oder – später – den mitgerauchten Joint fordern, sind Herausforderung genug. Da hilft unsere Art, an Schwierigkeiten heranzugehen, oft nur wenig – und erst recht nicht, wenn wir versuchen, Dinge für unsere Kinder zu lösen.

Die Autorin des zitierten Blogs vertraut ihrem Sohn, dass er – mit dem fremden Mädchen zusammen – eine Lösung finden wird. Und sie lebt eben diesem Mädchen vor, was ihr wichtig ist: Freundlichkeit, Gelassenheit und Respekt. Und dass der „schwarze Bub“ einen Namen hat und es, wie das „weiße Mädchen“, verdient bei diesem genannt zu werden.

Ich glaube, wenn unsere Kinder merken, dass wir leben, wovon wir reden und wir ihnen zutrauen, ganz unabhängig von uns ihren eigenen Weg zu finden, dann werden sie in fünf, zehn, fünfzehn Jahren für so manches gewappnet sein – und sei es für Computer, die behaupten, Omi sei ein Toaster!… 🙂

 

Zitierte Quellen:
Manfred Dworschak: „Zu dumm“ In: Der Spiegel, Ausgabe 6/2018, 3.2.2018.

Easter: „Der schwarze Bub ärgert uns!“. In: Blog GLEICHAnders, 3.5.2018