Familie, Gesellschaft

Weihnachten digital. Ein Blick in die Zukunft unserer Kinder?

Weihnachtsmann, der aus Laptop heraus ein Geschenk überreicht

Vor kurzen führte mein (jüngerer) Sohn seinen ersten Video-Call. Er ist drei Monate alt. Sein Blick auf den Bildschirm interessiert, etwas skeptisch – und ich frage mich, was genau er wahrnimmt: eine sich bewegende bunte Fläche, die Töne macht und seine Mutter dazu bringt, freudig lachend einen schwarzen Kasten anzustarren. Welcome Digital Natives 2.0…

2020 hat dem Begriff der viralen Verbreitung, sonst verwendet für die Vermarktung digitalen Contents, nicht nur eine makabre analoge Komponente hinzugefügt. Im Verlauf des Jahres hat sich in Rekordtempo auch unser soziales Verhalten verändert. Die virale wurde sozusagen von einer digitalen Pandemie begleitet und beeinflusst aktuell massiv, wie wir selbst unseren Nächsten begegnen.  

Online-Chats und Video-Meetings – eine mediale Nutzung, die zumindest Menschen über 20 bisher meist eher aus dem beruflichen Kontext kannten, bzw. maximal zur Ergänzung realen Kontakts, ersetzen diesen nach wenigen Monaten der Pandemie inzwischen in vielen Fällen. Wo wir vor einigen Monaten noch mit der Freundin in Neuseeland geskyped oder gezoomt haben, da ein Besuch aus verständlichen Gründen nicht so einfach möglich war, tun wir dies nun mit den Freunden im Nachbarort. Die Freundin, die ich aktuell nur noch per Video-Call treffe (sie wohnt etwa 20 km entfernt von mir), erzählt mir, ihre zwölfjährige Tochter habe sich schon daran gewöhnt, mit ihrer Freundin die Hausaufgaben „online“ zu machen: beide Mädchen sitzen dabei in ihrem jeweiligen Zuhause am Schreibtisch und tauschen sich per Video-Chat beim Erledigen ihrer Aufgaben aus. Definitiv safe, was die Verbreitung des C.-Virus angeht. Aber was macht diese Art der (vorwiegend) digitalen Kontaktpflege auf lange Sicht sozial mit uns?

Sich treffen vom Sofa aus

Persönlich nehme ich inzwischen eine gewisse Bräsigkeit an mir wahr. Ein Wort aus definitiv analogen Zeiten, das für mich gut auf den Punkt bringt, was ich empfinde, wenn ich vom heimischen Sofa aus das Videochatprogramm aktiviere. Wenige Sekunden nach der Einwahl sitzen meine Freundin und ich uns gegenüber – aber eigentlich habe ich mich keinen Millimeter bewegt. Unterhalb des Bildschirmausschnittes könnte ich auch Unterhosen tragen –  eine Mischung aus Behaglichkeit und Lethargie erfüllt mich. Wir begrüßen uns freudig und bestätigen einander, wie schön es ist, sich zu sehen – dabei sucht mein Blick den meiner Freundin auf dem Bildschirm, aber sie schielt etwas an mir vorbei. Das Bild, auf dem sie mich sieht, liegt offenbar versetzt zur Kamera. 

Ja, wir „treffen“ uns. Und das ganz easy und infektionsschutzkonform vom heimischen Sofa aus. Aber nach inzwischen mehreren Verabredungen in dieser Form stellt sich bei mir ein irgendwie schales Gefühl ein. Was mich als „Analog Native“ anfänglich noch faszinierte (ein „ganz normales Gespräch“ über den Bildschirm, sich sehen via Klick und ohne den Fuß vor die Tür zu setzen), erfüllt mich, wenn ich ehrlich bin, inzwischen mit Wehmut. 

Das letzte Mal „in echt“ in einem Café saßen wir uns im Februar diesen Jahres gegenüber. Ich habe noch die Geräuschkulisse im Ohr: Tellerklappern, Gespräche vom Nebentisch, dazu der Geruch gerösteter Kaffeebohnen, der leichte Mief aus über den Lehnen trocknender Kleidung und erhitzten Körpern. Das Lachen meiner Freundin: wir sitzen direkt nebeneinander, manchmal berühre ich im Gespräch ihren Arm, zur Begrüßung und zum Abschied umarmen wir uns. 

Eine Szene wie aus einer anderen Zeit, nicht wahr? Und schmerzlich wird mir bewusst, wie „aseptisch“ unsere Begegnungen innerhalb weniger Monate geworden sind: Treffen, wenn möglich, nur noch im Freien oder mit 1,50m Abstand. Wenn überhaupt eine Berührung, dann der „Ellenbogen-Check“. Wir achten sorgsam darauf, dass uns genug Zugluft umgibt und auch wenn wir uns um Herzlichkeit bemühen, macht nicht nur das die Atmosphäre deutlich kühler. 

Massive Veränderung unseres Verhaltens

Achselzuckend nehmen wir eine Umwälzung unseres Sozialverhaltens hin, die ich persönlich mir noch Anfang diesen Jahres nicht hätte vorstellen können. Und eigentlich auch nie hatte vorstellten wollen…

Bewege ich mich mit dieser Klage im Gefolge der immer gleichen altbackenen Medienkritik a la „was neu auf dem medialen Markt ist, ist gefährlich“? Mit diesem Argument zogen im 18. Jahrhundert bereits Konservative gegen die um sich greifende „Bücherwut“ ins Feld… Oder geschieht aktuell tatsächlich etwas Neues, das unseren Umgang miteinander, die Art, wie wir uns in der Welt bewegen, wie wir kommunizieren, lernen, arbeiten und reisen werden, grundlegend verändert? Die Art, wie wir Medien nutzen und in welcher Weise sie Einfluss auf unser Verhalten nehmen, bestimmt ja immer auch ein Stück weit, wer wir – im sozialen Miteinander – sind.

Was passiert, wenn nun der Video-Chat, das Homeschooling via Online-Tutorial oder die Videokonferenzen mit Kolleg/innen unsere realen Begegnungen nicht nur ergänzen, sondern über Monate hinweg tatsächlich ersetzen? Gewöhnen wir uns allmählich daran, selbst den uns Nächsten nur noch digital zu begegnen? Und falls ja – was macht das mit uns?

Dieses Weihnachten werde ich meine eigene Schwester und ihre Familie vermutlich nur „online“ sehen. Sie wohnen rund vier Stunden mit dem Auto entfernt. In unserem Fall ist dies nicht allein Corona geschuldet (wir haben beide neugeborene Kinder, die Anreise würde uns einiges an Kraft kosten). Aber ist der Schritt, zu sagen, wir verzichten auf den realen Kontakt und sehen uns nur per Zoom, nicht doch bedenklich? Nachvollziehbar, ja. Im pragmatischen Sinne sinnvoll ebenfalls. Aber wenn ich an unsere Treffen mit der ganzen Familie zu Weihnachten in anderen Jahren denke, werde ich traurig. Eine halbe bis dreiviertel Stunde Gespräch am PC ersetzt eben nicht,  nebeneinander zu sitzen, miteinander zu schweigen und zu lachen, sich spontan zu umarmen, im Raum herumzulaufen auf dicken Socken, Plätzchenduft und den Geruch von brennenden Kerzen und Tannennadeln einatmen. Einfach das wirkliche Zusammensein. 

Freunde, Bekannte und „Digital Friends“?

Womöglich schärft diese weitere Stufe der digitalen Revolution unseren Blick darauf, wer uns tatsächlich so sehr am Herzen liegt, dass wir die Mühe – und das Risiko?  – auf uns nehmen, ihn oder sie analog zu treffen. Genauso wie die einseitig hinterlassene WhatsApp-Nachricht in manchen Kontakten das direkte Telefonat bereits ersetzt hat (wir informieren uns gegenseitig über unsere Leben, statt uns auszutauschen), genauso werden wir in Zukunft unseren Freunden und Bekannten vielleicht noch eine dritte Kategorie hinzufügen: Digital Friends – Menschen, die wir (fast) nur noch digital treffen. Wir fühlen uns ihnen zu nah, um lediglich mit ihnen bekannt zu sein, aber sind doch zu bequem, all das Unwägbare und den Aufwand einer persönlichen Begegnung in Kauf zu nehmen. 

Was das alles für meinen fünfjährigen, ebenso wie für meinen neugeborenen, Sohn bedeutet? Sie wachsen vielleicht in eine Welt hinein, in der es persönliche Begegnung, Berührung, reales Reisen und analogen Kontakt zwar noch gibt – aber zunehmend als die etwas frivole – oder exklusive? – Variante des sozialen Lebens. Eine Reise auf die Malediven? Möglich, aber aufgrund von Klimasteuern, gestiegener Kerosinpreise und schwindender Passagierzahlen doppelt so teuer wie aktuell. Ein Luxus, den sich nur noch wenige leisten können. Die breite Masse verreist virtuell im Travelling Simulator, inklusive lebensnaher  Smell&Touch-Simulation. Dass alles nur noch im virtuellen Raum stattfindet – normal für eine Generation, die Oma bei jedem zweiten Treffen via Skype oder Zoom zugeschaltet bekommt, die Mindestabstand und Alltagsmasken als Begleiter der infektreichen Wintermonate  verinnerlicht hat (irgendein Virus gibt es immer) und die die Freunde statt mit High Five und Umarmung mit Virtual Touch berührt. Ganz verloren gehen werden uns die realen Berührungen sicher nicht, dafür ist das Bedürfnis danach wohl zu groß – aber vielleicht wird es schon für unsere Kinder normal sein, dass zum Kreis derjenigen, die wir im echten Leben treffen  und in den Arm nehmen nur noch wenige gehören. 

Wenn es mich bei dieser Vorstellung graust – bin ich hoffnungslos altmodisch, wie der von freier Liebe und Komunenleben träumende Hippie der 1960er Jahre? Oder zeichne ich ein gänzlich absurdes Szenario? Nun, Schulkinder mit Masken vor dem Gesicht, virtuelles Kaffeetrinken mit der Freundin aus dem Nachbarstadtteil  und ausschließlich virtuelle Weihnachtsgrüße für die Liebsten hätte ich mir noch letztes Jahr auch nicht vorstellen können. Und ich hoffe noch immer, es bleibt die Ausnahme und wird nicht tatsächlich zu unserer „neuen Normalität“. 

Für meinen drei Monate alten Sohn ist all das, soweit er es denn schon begreift, ohnehin bereits normal. Es ist seine Welt, anders kennt er sie nicht. Und wenn Mama, wenn er erwachsen ist, von Cafébesuchen im Winter und Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt erzählen wird, schüttelt er vielleicht milde lächelnd den Kopf, so wie wir, wenn unsere Eltern uns von der Radfahrt ohne Kinderhelm und der Autofahrt ohne Sicherheitsgurt berichten. Offensichtlich haben die das damals überlebt, arg unvernünftig war es aber schon und heute wissen wir es besser. Willkommen, schöne neue Welt…

Herzliche, nachdenkliche Grüße, Sarah (mutter-und-sohn.blog)

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[Foto: Pixabay]

2 Gedanken zu „Weihnachten digital. Ein Blick in die Zukunft unserer Kinder?“

  1. Sehr spannende und gute Gedanken! Ja, Kinder wachsen gerade in eine ganz seltsame und viel stärker veränderte Welt hinein, als wir uns vermutlich bewusst sind. Der Umgang mit Nähe und Berührung, Begegnung und Intimität wird für die Jugendlichen und Erwachsenen, die aus diesen Kindern werden, sicher ganz anders sein als für uns, die wir ohne die Notwendigkeit all der Distanzierungs- und Vorsichtsgebote sozialisiert wurden. Das merke ich nicht zuletzt daran, dass der Umgang mit der aktuellen Situation Menschen umso schwerer fällt, je mehr Wert sie generell auf Nähe und Begegnungen legen. Ich war schon immer ein Distanzmensch, mir fällt es daher recht leicht, weil sich für mich gar nicht so wahnsinnig viel geändert hat. Digitale Kommunikation, ohne Bild und Ton, nur rein schriftlich, hat meine gesamte Jugendzeit geprägt, wenn wohl die meisten Menschen eher die Zwischenmenschlichkeit im direkten Kontakt üben. So deprimierend ich es bisher fand, dass mir all das entgangen ist und so viele Erfahrungen fehlen, so sehr schätze ich es jetzt, weil mir einfach nicht so viel fehlt und ich nicht so viel vermisse. Vielleicht werden die heutigen Kinder auch ein Stück weit entspannter damit umgehen können, wenn solche Durststrecken sich dann irgendwann wiederholen, weil sie es schon kennen.

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Lea, wie immer interessant, deine Perspektive, die mir impulsivem „Nähetyp“ definitiv eine neue Sichtweise nahe bringt!:-) Zum Thema „Was macht die aktuelle Distanzierung und Digitalisierung mit den Kindern, die diese als ihren Alltag erleben“ habe ich übrigens vor kurzem den Artikel eines Neurobiologen gelesen, der mich begeistert hat (bitte nicht vom arg negativen Titel abschrecken lassen!): https://www.nzz.ch/meinung/anweisung-zum-ungluecklichsein-corona-und-unsere-kinder-ld.1589490
      Herzlichen Gruß, Sarah

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