alleinerziehend, Hochsensibilität, Partnerschaft, Persönliches

Ein Lob der Langsamkeit

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Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.

Der erste Teil dieses japanischen Sprichworts begleitet mich seit Jahren. Ganz zu Beginn meines Berufslebens, als ich als junge Lehrerin (wieder einmal) im Eiltempo die Treppen zu einer meiner Klassen hinaufhetzte, beobachtete ich eine ältere Kollegin, die wie ich auf dem Weg in den 3. Stock war. Allerdings ließ sie sich scheinbar alle Zeit der Welt um die drei Treppenabsätze zu erklimmen. Ihre Bewegungen erinnerten mich in ihrer Zurückgenommenheit und ruhigen Konzentration an die Kaltblüter, die ich des öfteren im Zoo beobachtet hatte: Leguane, Warane oder auch die mächtigen Alligatoren bewegten sich mit ähnlich verhaltener Kraft und klar dosierter Energie. 

Jahre später, als wir uns bereits gut kannten, habe ich meiner Kollegin erzählt, dass sie für mich in diesem Moment ein Vorbild gewesen sei. Sie fand das wohl amüsant und freute sich auch über das Kompliment, aber ihr wurde sicher nicht bewusst, welche Tragweite die Beobachtung für mich in den Jahren danach gehabt hatte – weit über den beruflichen Rahmen hinaus. 

Kennenlernen im ICE-Tempo

Gerade in privaten Beziehungen (in Freundschaften und auch in beginnenden Partnerschaften) hatte ich die Tendenz, mich „Feuer und Flamme“ in das Miteinander mit einem – noch Tage zuvor fremden – Menschen zu stürzen, mit der Folge oft großer, auch körperlicher Intensität (letzteres auf beginnende Partnerschaften beschränkt;-)), der das eigentliche Kennenlernen des anderen erst nach und nach folgte – und leider oft auch nach einigen Monaten die ernüchternde Erkenntnis, als wie wenig „passend“ – über eine erste starke seelische oder auch körperliche Anziehung hinaus – sich diese neuen Bekannten herausstellten. Oder vielleicht eher: wie schwierig es ist, noch einmal (gesunde) Distanz und die Haltung der Betrachtenden einzunehmen, wenn man sozusagen schon Nase an Nase „aufeinanderhängt“. 

Und ich habe den Eindruck, gerade für mich als intensiv wahrnehmende und zu starken Gefühlen fähige Frau ist es sehr wichtig, dass ich immer wieder in mich hineinhorche: stimmt noch, was jetzt in mir – und zwischen uns – ist? Will ich das so? Will ich es jetzt? Was will ich eigentlich?

Eine neue Partnerschaft eingehen

Seit der Trennung vom Vater meines Sohnes vor gut 11/2 Jahren hatte ich das Glück, von mehreren Männern Interesse signalisiert zu bekommen, jeder auf seine Art interessant und auch attraktiv. Für mich waren diese Begegnungen ein Weg zurück zu der Lebensfreude in mir, die davor über Monate durch Streit und Spannungen innerhalb meiner Partnerschaft überlagert gewesen war. Ich genoss also den Kontakt zu diesen so unterschiedlichen Männern, von denen zwei durchaus auch mein Interesse weckten. 

Dabei bewahrheitete sich meine zu Beginn dieses Artikels beschriebene Wahrnehmung: je schneller ich sein wollte – und will, bzw. je weiter ich mich in Richtung einer möglichen neuen Partnerschaft, einer wirklichen Öffnung bewegen will, umso langsamer muss ich das tun. Ich merke es im Raum der körperlichen Berührungen ebenso wie im Bereich der seelischen: alles, was zu schnell, zu fordernd, zu intensiv ist – von meiner Seite wie von der Seite des anderen – bringt den subtilen Fluß der – wechselseitigen – Annäherung ins Stocken, wenn nicht gar zum Versiegen. 

Ambivalenz und Freiheit

Daher möchte ich an dieser Stelle für die Freiheit plädieren, genau so langsam zu gehen, wie es eben nötig ist, womöglich sogar Umwege zu gehen, gerade da, wo ein innerer Teil drängt: „Voraus, voraus! Nur direkt auf’s Ziel (einer neuen Partnerschaft) zu!“ Ich möchte betonen, welche Qualität es hat, sich wirklich Zeit zu lassen in Zeiten, in denen es ohnehin oft schnell gehen soll, in denen Abwarten und In-sich-Horchen leicht als Passivität missdeutet wird.

Ambivalenz – ein anderer Aspekt des menschlichen Seins, den ich früher gefürchtet habe und allmählich anzunehmen beginne – ist ja oft zu Beginn eines neuen Kennenlernens spürbar in Form von Unsicherheit und Freude, von Anziehung und Irritation, von Verliebtheit und auch der Furcht vor Zurückweisung. Und gerade diese Ambivalenz mag mich blockieren, wenn ich „schnell“ machen möchte. Denn wohin eilen, wenn es mich in zwei Richtungen zieht!… 

Erlaube ich mir jedoch die Langsamkeit, genau diese gegensätzlichen Gefühle zu spüren und schlicht da sein zu lassen, wird sich Bewegung aller Wahrscheinlichkeit nach ganz von selbst ergeben. In die eine Richtung oder in die andere. Vielleicht nicht in die, die ich – oder der andere – gerne hätte. Aber Anziehung und Zuneigung, aufkommendes Vertrauen und tiefe Bindung ist für mich sowieso nichts, was ich rein willentlich steuern kann. Ich kann mich dafür öffnen. Ich kann selbst anziehend, zuneigungsvoll und bereit zu Bindung sein – aber was sich daraus ergibt, ist dann doch immer durch das Zusammenspiel zwischen zwei Menschen bedingt – und somit zu Beginn nie klar. 

Gehe ich somit gerade dort schnell, wo ich mir am meisten „Fortschritt“ wünsche, „überhöre“ ich vielleicht die kleinen Signale, die mir selbst – und auch dem anderen – bedeuten: nimm wahr, lerne kennen, prüfe, was stimmig ist, bevor du dich (wieder) bindest – denn was im „Schnelldurchlauf“ beginnt, endet nur allzu leicht ähnlich schnell; aber dann schon „mittendrin“, in einer neuen Partnerschaft und dadurch auch leicht mit dem Schmerz, trennen zu müssen, was sich zum Teil schon verbunden hat.

In diesem Sinn: „Wenn du es eilig hast, geh langsam!“

Herzlich,

Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Persönliches

Sommerzeit – Zeit für mich!

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Mmmm… halb geschlossene Jalousien, die Morgensonne malt Lichtstreifen auf die Dielen. Angelehnte Fenster – die Luft ein Kuss auf der Haut. Heute morgen keine Kita. Keine Fahrt zur Arbeit, kein Gedrängel, Geschiebe, kein Schnell-Schnell. Beim Frühstück Brotschneckentanz und Kakaogeblubber. Übermut im Kindergesicht, unser Lachen mischt sich und die Vögel singen in der Stadt.

Später die Fahrt zum See oder in den Park. Füße baden – „Mama auch!“ – und Tanz unter dem Rasensprenger, die Tropfen wunderbar kühl auf der erhitzten Haut. In die Sonne blinzeln, ein Eis. Einfach so zusammen sein. Abends die Nachbarn treffen im Hof, selbstgemachte Limo, kreischend jagen sich die Kinder, hüpfen auf dem Trampolin – „Schau, Mama, bis in den Himmel!“ Und das Lächeln bleibt noch, als wir schon wieder zurück in unserer Wohnung sind.

Mmmm… keine Chefs, Kollegen, U-Bahn-Muffelgesichter… Übermut, ein Anklang von Anarchie, während ich barfuß durch die Straßen laufe. Im Herzen entstehen Ideen, wie das immer sein könnte: Zeit haben. Zeit verbringen mit Menschen, die mir wichtig sind. Freude unter der Haut, Lebenslustkribbeln. Wie wenig reicht, dass sich diese Freude wieder entfaltet – ich fühle es mit Dankbarkeit.

Eine Woche war das Kind mit seinem Papa unterwegs und ich durfte ganz bei mir sein, 5 Tage auch ich unterwegs, in einem wunderbaren Tagungshaus – geklärt, gestärkt und angefüllt bin ich zurückgekehrt. Und der große wie der kleine Kerl hatten eine super Zeit zusammen.

Ja, loslassen – und da sein, einfach mit dem, was ist. Begegnung mit Menschen: sich freuen, an dem, was ist. Furcht, Verkrampfung, ein drängendes Wollen – was sich so angesammelt hat in den letzten Wochen zwischen Termindruck, Erwartungen und Verpflichtung – löst sich jetzt. In der Wärme entspannt sich nicht nur mein Körper – auch innerlich spüre ich wieder die Freude und Leichtigkeit des einfach da Seins.

Ein Lächeln liegt mir auf den Lippen, Freude – und Dankbarkeit.

Herzliche Sommergrüße  Sunnybee

Gesellschaft, Hochsensibilität, Persönliches

Kater Mau Tse-Tung. Oder: „Wenn Sie lachen, haben Sie ein wunderschönes Gesicht!“

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Mittagspause: 50 Minuten Zeit zwischen meiner Arbeit und dem Abholen meines Sohnes aus der Kita. Ich beschließe, mir in einer Bäckerei auf dem Weg ein belegtes Brötchen und eine Tasse Kaffee zu holen.

Haben Sie eine Katze?

An einen der Stehtische gelehnt, trinke ich gerade den ersten Schluck, als zwei Herren das Ladenlokal betreten: der eine schätzungsweise Anfang 60, der andere um die 70, schlohweißer Vollbart, Typ emeritierter Privatdozent. Aus den Augenwinkeln beobachte ich, wie die zwei umständlich parlierend ihre Bestellung aufgeben. Schließlich stehen sie am Stehtisch neben mir.
„Haben Sie eine Katze?“, beginnt der Ältere der beiden unverzüglich das Gespräch. Etwas verblüfft verneine ich. Das bringt den Herrn jedoch nicht aus dem Konzept: „Aber Sie kennen doch sicher jemanden, der eine Katze hat, oder?“, fährt er fort, um unvermittelt das Thema zu wechseln: „Lesen Sie Bücher? Also, auf Papier?“ Diesmal nicke ich. „Wunderbar!“, der Herr strahlt: „Dann hätte ich genau das Richtige für Sie – sehen Sie, eine Leseprobe…“ Er schiebt mir ein Blatt Papier zu. Offensichtlich eine Rezension, zuoberst der Titel: „Kater Mau Tse-Tung. Wie man einen Menschen hat oder: Über die artgerechte Haltung von Zweibeinern“.

Kater Mau und sein Sekretär

Abwartend sehe ich mein Gegenüber an. „Ich bin nur der Sekretär“, fährt dieser fort. „Sie verstehen, mein Kater Mau… großes Werk der Katzenliteratur… bescheidene Mitwirkung meinerseits… Gedanken des Verfassers per Telepathie übertragen und von mir niedergeschrieben…“ Meine Verblüffung ist mir sicher anzusehen. Zugleich beginnt mich das Gespräch zu amüsieren. Die Herren wirken eigentlich ganz „normal“. Feine Ironie blitzt aus den Augen des Weißbärtigen, während er mir die Vorzüge seines Werks (pardon: das des Katers) beschreibt. Er möchte es mir tatsächlich zum Kauf empfehlen.
„Aha, Mau/Mao Tse-Tung, eindeutige kulturelle Referenzen! -“, steige ich, mit Anspielung auf den Titel, in das Gespräch ein. „Aber gewiss!“, der Herr nickt eifrig: „Sehen Sie, hier -“ Er zeigt auf den ersten Absatz der Rezension. Ich überfliege ihn:

„Dieses sensationelle Sachbuch über die kaum bekannten Hintergründe einer nachhaltigen Menschenerziehung durch das Volk der Hauskatzen sollte in keiner Bibliothek fehlen. Lüftet es doch den Schleier über Geheimnisse und Verfahren, mit deren Hilfe es den Samtpfoten seit Jahrtausenden gelingt, den hoffnungslos in seinen defekten „höheren Ideen“ verlorenen Zweifuß vor dem Allerschlimmsten zu bewahren und ihn sanft aber gnadenlos seiner eigentlichen Bestimmung zuzuführen: der Hege und Pflege, der Bewunderung und Verehrung, der Verwöhnung und Verschmusung der Katzentiere – so, wie es sich gehört!“

Ich muss ihm zustimmen, dass die Welt auf ein solches Werk gewartet hat!

Gesang und Komplimente

Nun ja, das Gespräch geht in dieser Form noch eine Weile weiter, der etwa 60-jährige Herr mischt sich zwischenzeitlich als „Sidekick“ ein, bzw. geht mäßigend dazwischen, wenn seinen Begleiter die Begeisterung zu allzu umfangreichen Monologen hinzureißen droht. Auch eine kurze Gesangseinlage der extra von „Kater Mau“ vertonten und im Buch enthaltenen Kompositionen wird mir geboten… Alles in allem eine wunderbar absurde Situation zwischen Quarkstrudeln und Puddingteilchen!

Nach etwa zehn Minuten habe ich mein belegtes Brötchen verzehrt und verabschiede mich, nicht ohne den beiden viel Erfolg bei der Verbreitung ihres Werks zu wünschen. „Sie haben mich zum Lachen gebracht, danke für das Gespräch!“, rufe ich ihnen zu. Als ich bereits dabei bin, mein Fahrrad neben dem Eingang aufzuschließen, kommt mir der etwa 60-jährige Herr noch hinterher: „Ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten, aber wenn Sie lachen, haben Sie ein wunderschönes Gesicht!“

Ich muss noch einmal lachen, bedanke mich herzlich und fahre breit grinsend und kopfschüttelnd davon.

Was will mir das sagen?

Und wäre mir das alles nicht genau so heute, am 13. Juni 2018, passiert, ich würde es wohl nicht glauben. So bin ich froh, dass ich zu Beginn des Gesprächs nicht einfach gebrummt habe: „Kein Interesse“. Denn hätte ich sonst solch eine nette, absurde, herzwärmende Begegnung mit Kater Mau Tse-Tung und seinen Fürsprechern gehabt?

Ein Lob auf das Leben, das sich oft dort am lebendigsten zeigt, wo man es am wenigsten erwartet!

Herzliche Grüße, Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft, Persönliches

Schneckentanz: Trauer und Freude nach einer Trennung

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Trauer endet nicht mit dem Zustand, traurig zu sein. Und Freude beginnt nicht erst dort, wo alle Trauer überwunden ist.

Liest man über die Verarbeitung von Trennungen – oder grundsätzlich über Trauerprozesse – entsteht leicht der Eindruck, diese seien eine Abfolge von Phasen, die linear verlaufen: das Nicht-Wahrhaben-Wollen des Verlusts, anschließend Wut und Trauer darüber, schließlich das Anerkennen der Situation und die vorsichtige Neuöffnung.

Meiner Meinung nach erweckt das falsche Erwartungen. Wie oft, in einer an „Zielen“ orientierten Situation („Ich will wieder glücklich sein“, „Ich will die Trennung überwinden“) entsteht allzu leicht Ungeduld: „Wann endet denn endlich die Wut, die Trauer, wann bin ich soweit, dass ich, auch innerlich, loslassen kann?“ Oder, wenn ich bereits einmal das Gefühl von Leichtigkeit, einem möglichen Neuanfang, gespürt habe: „warum kommt dann wieder die ‚doofe Trauer‘?“ „Bin ich denn immer noch nicht über ihn oder sie hinweg?“ „Habe ich nicht ‚richtig‘ getrauert, dass ich jetzt nicht loslassen kann?“

‚Gute‘ und ‚schlechte‘ Gefühle

Völliger Quatsch, solche Gedanken. Aber nur zu verständlich. Wir wollen die ‚guten Gefühle‘ haben: Freude, Unternehmungslust, Neugier und Offenheit für das Leben. Und nicht Wut, Trauer, Schmerz, Erschöpfung, Abwehr, Verwirrung, Furcht, Angst und was sich sonst noch in den Tiefen unserer Seele tummelt…

Auch unsere Gesellschaft unterstützt nur in einem klar abgesteckten Rahmen den Ausdruck dieser ‚negativen‘ Gefühle. Nach dem Verlust eines Partners – oder gar Kindes – durch den Tod noch am ehesten. Bei der Trauerfeier natürlich und auch in den Wochen danach. Da kommen Nachfragen: „Wie geht es dir?“ „Kann ich dich unterstützen?“ – jedenfalls, wenn man gute Freunde hat. Aber selbst in diesen Fällen reicht die Aufmerksamkeit – und wirkliche Anteilnahme – oft nur in die ersten Wochen und Monate hinein. Irgendwann ändern sich die Fragen: „Geht es dir schon besser?“ „Was sind deine Pläne für die Zukunft?“ Das hat seine Berechtigung und kann hilfreich sein in dem Sinn, als dass es voraussetzt, was ja stimmt: das Leben geht weiter. Kein Schmerz, und sei er noch so brennend, und keine Verzweiflung, selbst tiefe Trauer, wird so bleiben, wie sie zu Beginn war. Selbst das Bild des geliebtesten Menschen verändert sich in uns mit der Zeit, wird keinesfalls ‚blasser‘, aber doch ‚reflektierter‘, in dem Sinn, dass wir beginnen, uns Geschichten zu dem oder der Verlorenen zu erzählen: „Das haben wir immer so gemacht“ oder „Er oder sie war oft so“, „Das mochte er oder sie (nicht)“. Von der Erzählung ist es nicht weit zur Erinnerung – und die ist schon der Schritt, das Erlebte in unser Leben einzubetten. Woran wir uns – irgendwann – mit klarem Gefühl, womöglich sogar mit Freude, erinnern können, das haben wir tatsächlich „verarbeitet“: es in uns aufgenommen, ohne uns darin zu verlieren.

Leben in Spiralen

Bis zu diesem Punkt, der Verarbeitung des Vergangenen und einem wirklichen Neuanfang, braucht es allerdings oft sehr viel Zeit. Viel mehr Zeit, als unsere Umwelt – und vielleicht auch wir selbst – uns möglicherweise zugestehen wollen.

Und die Bewegung ist meiner Erfahrung nach gerade NICHT linear. Das heißt, auf Trauer, Wut und Schmerz folgt grundsätzlich zwar schon Loslassen und Akzeptanz. Aber nicht einmalig und dann nie wieder. Jeder, der schon einmal einen Verlust zu betrauern hatte, kennt diese Situationen: Ein Lied, zufällig im Radio gehört, eine – vielleicht auch schöne – Begegnung mit einem anderen Menschen oder schlicht Momente der Müdigkeit und Erschöpfung – und plötzlich ist die ganze Trauer, Wut, oder auch Verwirrung wieder da – zu einem Zeitpunkt, an dem man glaubte, beziehungsweise sich vielleicht auch wünschte, sie längst „überwunden“ zu haben.

Trauerprozesse verlaufen meiner Erfahrung nach in der Form einer Spirale: ich kehre in gewisser Weise immer wieder zu meinen „Schmerzpunkten“ zurück, aber zeitlich und durch meine neu hinzugewonnenen Erfahrungen ‚versetzt‘, eben nicht in derselben Intensität. Trauer und Wut, bzw. die Aspekte, die mich beschäftigen, sind dieselben, aber mein Standpunkt verändert sich. Ich „entferne“ mich also durchaus von den unmittelbaren Gefühlen, allerdings nicht, indem ich ihnen für immer und endgültig ‚den Rücken kehre‘, sondern, indem ich mich abwende von Schmerz und Trauer, vielleicht kurze Momente nur – um mich ihnen dann wieder zuzuwenden, allerdings aus einer anderen, im besten Fall weniger schmerzlichen, Perspektive.

Sich mit dem Leben bewegen

Dieser ganze Prozess geschieht meiner Erfahrung nach so oder so. Ich kann versuchen, ihn zu ignorieren, indem ich im unmittelbaren Gefühl stecken bleibe: diese Intensität macht meine Seele aber nur eine Weile mit. Irgendwann verhärtet sie sich, allein aus Selbstschutz, und ich werde bitter oder depressiv. Oder aber – und die Tendenz nehme ich gerade nach einer, vielleicht sogar „gewollten“, Trennung wahr: Ich will so schnell wie möglich ‚weiter‘, will die unmittelbaren Gefühle nicht mehr spüren: „Das Leben soll wieder schön sein! Der (oder die) soll keine Rolle mehr in meinem Leben spielen!“

Beide Arten des Umgangs mit seelischem Schmerz können meiner Meinung nach gar nicht funktionieren – weil das Leben schlicht nicht so ‚gedacht‘ ist. Schaut euch alle Prozesse in der Natur an: Bäume, die im Herbst ihre Blätter verlieren, im Winter kahl dastehen und im Frühjahr neue Blätter treiben – sind das dieselben Blätter wie im Vorjahr? Nein. Aber ist es ein ganz neuer Baum? Das auch nicht. Die Natur kehrt also in gewisser Weise zu ihrem Ausgangspunkt zurück: im Neuen ist das Alte mit enthalten – eine Spiralbewegung eben.

In diesem Sinn: lasst uns auf Trauerwegen, nach Verlust und Trennung, „in Spiralen gehen“ und anerkennen, dass gerade auch im ‚Frühling‘, um beim Bild des oben beschriebenen Baums zu bleiben, also in den Momenten, in denen wir uns nach Wut und Trauer wieder einmal fröhlich und lebendig fühlen, – dass gerade da auch die Trauer noch weiter ihren Platz hat. Sozusagen ‚gestärkt‘ durch Momente der Freude kehren wir noch einmal zu ihr zurück. Lasst uns dann nicht erschrecken: „Ach du meine Güte, ich dachte, ich wäre über ihn oder sie längst ‚hinweg‘“. Vielmehr wünsche ich dir – und mir – die echte Akzeptanz des Lebens:

Trauer endet nicht mit dem Zustand, traurig zu sein. Und Freude beginnt nicht erst dort, wo alle Trauer überwunden ist.

Danke für dein Mitlesen und herzlich alles Gute,
Sunnybee