alleinerziehend, Familie, Kunst

Willi Wiberg. Oder: Gibt es in Büchern eigentlich auch alleinerziehende Papas?

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Mit allein- oder getrennt erziehenden Eltern oder in Patchwork-Familien zu leben ist inzwischen in der Lebenswirklichkeit vieler Kinder „ganz normal“ – einerseits. Weiterlesen „Willi Wiberg. Oder: Gibt es in Büchern eigentlich auch alleinerziehende Papas?“

Gesellschaft, Kunst, Persönliches

Wovon wir träumten

Wovon wir traeumten von Julie Otsuka

120.000. 

Die Einwohner einer Stadt wie Göttingen oder Wolfsburg: von einem Tag auf den anderen in riesige Gefangenenlager gepfercht, ihrer Wohnungen, ihres Einkommens, ihrer Berufe und Besitztümer beraubt, ohne Anklage und juristische Begründung. Männer, Frauen und Kinder. Dies alles ereignet sich in einer Demokratie, aufgrund eines einzigen Kriteriums: der Herkunft dieser Menschen.

Sie verschwinden wie Geister

Unmöglich? Und doch so geschehen 1942, in den Vereinigten Staaten von Amerika. 120.000 japanische Gastarbeiter und ihre Familien wurden zunächst als „unwanted aliens“, unerwünschte Fremde, diskriminiert und isoliert und schließlich jahrelang in riesigen Gefangenenlagern festgehalten und zur Zwangsarbeit verpflichtet. Das alles ohne nennenswerten Protest ihrer Nachbarn, Arbeitgeber, Freunde und Bekannten. In den Geschichtsbüchern bleibt das Geschehen für Jahre eine Randnotiz, erst Ende der 1980er Jahre wird es thematisiert, werden Gedenkstätten an den Orten der Lager errichtet.

Julie Otsuka schreibt in ihrem Roman „Wovon wir träumten“ über dieses eigentlich unglaubliche Geschehen. Tatsächlich wirkt die Umsiedlung der Japaner in die Gefangenenlager in den letzten zwei Kapiteln ihres Werkes zugleich real und wie ein böser Traum: 

„Einige von uns gingen weinend. Und einige von uns gingen singend. Eine von uns hielt sich hysterisch lachend die Hand vor den Mund. Einige von uns gingen betrunken. Andere von uns gingen schweigend, mit hängenden Köpfen, betreten und verschämt.“

Da mir dieses Kapitel US-amerikanischer Geschichte vor dem Lesen des Buches tatsächlich unbekannt war, musste ich mich erst informieren, ob es wirklich geschehen sein konnte, dass zehntausende Menschen von einem Tag auf den anderen aus amerikanischen Metropolen verschwanden wie Geister: 

„Die Japaner sind aus unserer Stadt verschwunden. Ihre Häuser sind jetzt mit Brettern vernagelt und leer. Ihre Postkästen quellen inzwischen über. Ungelesene Zeitungen liegen verstreut auf ihren absackenden Veranden und in ihren Vorgärten. Verlassene Autos stehen in ihren Auffahrten. Dickes knolliges Unkraut sprießt auf ihrem Rasen. In ihren Gärten welken die Tulpen. Streunende Katzen streifen umher. Letzte Waschladungen hängen noch immer auf der Leine. In einer ihrer Küchen – in der von Emi Saito – klingelt unablässig ein schwarzes Telefon.“

Hoffnung und Erwartung

Der Roman beginnt jedoch ganz anders, nämlich mit den Hoffnungen, Erwartungen und Sorgen tausender junger Japanerinnen, die per Schiff nach Amerika übersetzen, um dort die Bräute japanischer Gastarbeiter zu werden. Was die jungen Frauen nicht ahnen: die schmucken Bilder und blumigen Versprechungen ihrer Ehemänner entpuppen sich als dreiste Lüge. Statt an der Seite stattlicher Gentlemen werden sie die nächsten Jahrzehnte als Frauen bitterarmer Landarbeiter verbringen und auf den Feldern weißer Plantagenbesitzer schuften. Ihre Ankunft in den USA gestaltet sich entsprechend: 

„Wir zogen an ihre Stadtränder, wenn sie uns ließen. Und wenn nicht – Sieh zu, dass der Sonnenuntergang dich in diesem County nicht findet, war auf manchen ihrer Schilder zu lesen -, fuhren wir weiter. Wir wanderten in ihren heißen, trockenen Tälern – dem Sacramento, dem Imperial, dem San Joaquin Valley – von einem Camp zum nächsten, und Seite an Seite mit unseren neuen Ehemännern beackerten wir ihr Land.“

Otsukas Stil ist faszinierend: Der Rhythmus ihrer Sätze, von denen jeder zweite eine Geschichte in der Geschichte zu erzählen scheint, trägt mich als Leserin durch den Roman. Schönes steht neben Schockierendem, Liebreiz neben Brutalität:

„Das erste Wort in ihrer Sprache, das man uns beibrachte, war Wasser. Ruf es ganz laut, sagten unsere Ehemänner, sobald du dich schwach fühlst auf dem Feld. „Lern dieses Wort“, sagten sie, „und rette dein Leben.“ Die meisten von uns lernten es, doch eine von uns – Yoshiko, die hinter hoch ummauerten Innenhöfen in Kobe von Ammen großgezogen worden war und noch nie in ihrem Leben einen Grashalm gesehen hatte – lernte es nicht. Nach ihrem ersten Tag auf der Marble Ranch ging sie zu Bett und wachte nicht mehr auf. „Ich dachte, sie schläft“, sagte ihr Mann. „Hitzschlag“, erklärte der Boss.“

Eine der im Klappentext zitierten Rezensionen nennt den Roman „poetisch und fesselnd“ – ja, das ist er tatsächlich. In Zeiten Donald Trumps und seinen Ausfällen muslimischen und mexikanischen Einwanderern gegenüber empfinde ich das Buch aber auch als sehr politisch. Bei seinem Erscheinen 2011 („The Buddah in the Attic“ im Original) nahm es gewissermaßen voraus, was sieben Jahre später erschreckend real ist. 

Ganz klar: ein tolles Buch – auch in der deutschen Übersetzung sehr lesenswert!

Herzlich, Sunnybee 

Julie Otsuka: Wovon wir träumten. Goldmann, 2014 (1. Auflage Taschenbuch; 2011 im englischen Original erschienen).

PS. Der aus „Star Trek“-Filmen als Lieutnant Sulu bekannte Schauspieler George Takei wurde als Kind übrigens in einem solchen US-Gefangenenlager interniert. Einen interessanten Artikel dazu findet ihr hier: Lieutnant Sulus Mission.

 

Kunst, Persönliches

Krokodrillo. Oder: Was macht ein Zoo-Krokodil außerhalb der Öffnungszeiten?

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(C) Krokodrillo

Kinderbücher zu rezensieren ist für mich ein bisschen wie „Urlaub“. Urlaub vom erwachsenen, tendenziell wertenden und/oder zweckgebundenen Denken, von einem Blick auf die Welt, der an der Ebene des Offensichtlichen hängenbleibt, womit sich ihm meiner Meinung nach das Wunder der Welt verschließt. 

Krokodrillo ist ein Buch, das genau dieses leicht Absurde und damit Faszinierende hinter dem Alltäglichen entdeckt. Ein Buch ganz ohne Worte, auf dessen kunstvoll illustrierten Seiten sich dennoch eine komplexe Geschichte entspinnt. 

Was macht ein Zookrokodil außerhalb der Öffnungszeiten?

Krokodrillo beginnt seinen Tag wie jeder ordentliche Arbeitnehmer: der Wecker reißt ihn aus seinem Traum, er gewandet sich in Hemd, Krawatte und Jacket und pendelt mit der Metro zu seiner Arbeitsstätte. Dabei zwängt er sich zwischen den Mitreisenden hindurch zum Ausgang der Bahn, eilt die Treppen der Metrostation hinauf, ersteht ein gebratenes Hähnchen als Mittagessen sowie einen Strauß Blumen (für wen, sei nicht verraten), entkleidet sich schließlich im Umkleidebereich eines Bades (nicht ohne seine Straßenkleidung ordentlich in einem Spind zu verstauen) und tritt auf den letzten Seiten des Buches, nackt wie Gott ihn schuf, seinen Dienst an – als zähnezeigendes, regungslos hinter Glas verharrendes… Zookrokodil. 

Wer hätte das gedacht? Und gerade deswegen ist das Buch ein wunderbarer „Lesespaß“! Wie im Leben entfaltet sich während des Betrachtens und Beschreibens der detail- und pointenreichen Bilder eine immer wieder neue Geschichte. Die äußere Handlung – Krokodrillos Weg zur Arbeit – bleibt gleich, aber die Wahrnehmung seines Weges verändert sich bei jeder Lektüre.

Mein Sohn (3) liebt das Buch und ich auch – Mmmm! 🙂

Giovanna Zoboli und Mariachiara di Giorgio: Krokodrillo. Bohem-Verlag. (Ab 2)

Kunst, Persönliches

Kater Carter fährt zum Nordpol

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In Träumen steht das Unglaubliche oft wie selbstverständlich neben dem Alltäglichen. In diesem Buch auch.

„Draußen schien die Sonne, und es war heiß. Alle Katzen trugen leichte Sommersachen, jagten Schmetterlinge oder rollten im Gras. Nur Kater Carter blieb im Haus und strickte etwas Warmes, denn er bereitete sich auf ein neues Abenteuer vor.“

Ein Kater, der einen Wollpullover strickt, ein Haus, in dem die Temperaturen von Etage zu Etage, die die Protagonisten erklimmen, frostiger werden – 

„Die Fenster auf dem Treppenabsatz waren vereist, und von der Decke hingen lange Eiszapfen wie Zähne herab. Der Boden der Halle war schneebedeckt. Kater Carter schnallte sich seine Tischtennisschläger-Schneeschuhe an die Hinterpfoten.“

Illustrationen in kohlestiftfarbenem Grau, die keinen Anspruch erheben, gefällig zu sein. Vielmehr wecken sie den Eindruck einer prachtvollen und zugleich seltsam unbelebten Welt, die Kater Carter und seine (Menschen-) Freundin Maria mit Entschlossenheit durchschreiten.

Schlittschuhlaufen auf dem Arktischen Meer

Dabei muss Kater Carter den Mut finden, das letzte Stück zum Nordpol, seinem Ziel, ganz allein zu gehen. Als er dieses erreicht, dreht er jubelnd auf Schlittschuhkufen Runden auf der vereisten See, entdeckt dann ein verlassenes, zwischen Eisschollen feststeckendes Segelschiff, das „Katzenschiff“, und liest eine Nachricht, die sein Onkel, „Kapitän Roy“, dort für ihn hinterlassen hat. Diesem scheint bereits vor Verlassen des Schiffs klar gewesen zu sein, dass sein Neffe seine Botschaft entdecken würde. Maria stößt wieder zu Carter, verspricht, ihn auf ihrem Schlitten nach Hause zu bringen, Kater Carter schlummert vertrauensvoll ein – und findet sich zu Marias Füßen auf deren Chaisselonge, im nun eisfreien Salon ihres Hauses, wieder…

Die Erzählung endet so unvermittelt, wie sie begann, viele Frage offen, Kater Carter ganz geborgen und zugleich nur eine Schnauzenspitze entfernt von seinem nächsten Abenteuer: 

„Er hatte einen schönen Traum gehabt: von einer Reise, die er zusammen mit Maria und Onkel Roy machte, um rechtzeitig zur Eisschmelze das „Katzenschiff“ zu erreichen. Er schloss seine Augen. Er hoffte, es wäre bald soweit.“

Kopfschüttelnd, bezaubert und ein wenig perplex, lege ich dieses „Kinder“-Buch zur Seite. Träume bemühen sich nicht, „kindgerecht“ zu sein, dieses Buch ebenfalls nicht. Das macht es zu einem echten Fundstück. 

Tim Wynne-Jones und Eric Beddows: Kater Carter fährt zum Nordpol. Jacoby&Stuart. 

Gesellschaft, Kunst, Persönliches

Otto war nicht begeistert

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Die Hauptcharaktere in Kinderbüchern sind ja oft so, wie wir Erwachsenen unsere Kinder gerne hätten: unternehmungslustig, ein bisschen frech, aber doch auf ihre Mitmenschen bedacht; mutige kleine Helden, die das Leben entdecken wollen und deren Klarsicht und Klugheit die großen Leserinnen und Leser oft mehr beeindruckt als die kleinen.

Otto ist anders.

Er wird von seinen Eltern in eine Ferienfreizeit am Meer geschickt, um seinen hartnäckigen Schnupfen auszukurieren; davon ist er schlicht – im Großen wie im Kleinen – „nicht begeistert“. Otto spielt nicht gern mit anderen Kindern, er schwimmt nicht gern und wenn er im Sand buddeln soll klingt sein Urteil geradezu vernichtend: 

„Nach dem Frühstück mussten sie Burgen bauen. Der Sand war hellbraun und klebrig und roch eklig. Otto war nicht begeistert.“

Otto isst nicht, was alle essen, er bewegt sich nicht besonders gern und kuschelt nicht gern – jedenfalls nicht mit (fast) Fremden: 

„Die Leiterin des Ferienlagers hieß Frau Felgenkranz. Sie war ziemlich dick, fand Kinder niedlich und spielte mit ihnen Wer-kommt-in-meine-Arme. Den meisten Kindern machte das Spaß. Otto war nicht begeistert.“

Erst als er in eine Scherbe tritt, die ein anderes Kind in den Sand geworfen hat und sich mit verbundenem Fuß „schonen“ darf, findet er das „nicht schlecht“ und als er kurz darauf Torschützenkönig wird und ihn alle bejubeln, ist er gar für einen Moment begeistert. 

Aber dann geht es auch schon zurück in die Stadt: 

„Plötzlich war der Sommer vorbei. Otto musste nach Hause. Er hatte jede Menge Freunde gefunden. Und der Schnupfen war weg. Mama meinte, er müsste dringend zum Frisör. Otto war nicht begeistert.“

Mies gelaunt und liebenswert

Damit hat der kleine Grantler zu seiner Grundstimmung zurückgefunden – ein Wunder eigentlich, dass er einem als Leserin in seinem Missmut so sympathisch wird. Der lakonische Text, verbunden mit wunderbar überspitzt gezeichneten Illustrationen von Jacky Gleich, hat schon meinen Sohn (knapp 3) zum Lachen gebracht. Und irgendwie ist es sehr erfrischend – und fast ein wenig erleichternd -, in einem Kinderbuch von einem zu lesen, der weder stark ist noch voller Selbstvertrauen – aber in seiner etwas zögerlichen, etwas reservierten und nörgeligen Art rundum liebenswert! 🙂

Jutta Richter und Jacky Gleich: Otto war nicht begeistert. Carl Hanser Verlag. (Ab 3)