Kunst, Persönliches

Krokodrillo. Oder: Was macht ein Zoo-Krokodil außerhalb der Öffnungszeiten?

D9BB97CA-A995-4A90-A4C6-51EDCACE57E3
(C) Krokodrillo

Kinderbücher zu rezensieren ist für mich ein bisschen wie „Urlaub“. Urlaub vom erwachsenen, tendenziell wertenden und/oder zweckgebundenen Denken, von einem Blick auf die Welt, der an der Ebene des Offensichtlichen hängenbleibt, womit sich ihm meiner Meinung nach das Wunder der Welt verschließt. 

Krokodrillo ist ein Buch, das genau dieses leicht Absurde und damit Faszinierende hinter dem Alltäglichen entdeckt. Ein Buch ganz ohne Worte, auf dessen kunstvoll illustrierten Seiten sich dennoch eine komplexe Geschichte entspinnt. 

Was macht ein Zookrokodil außerhalb der Öffnungszeiten?

Krokodrillo beginnt seinen Tag wie jeder ordentliche Arbeitnehmer: der Wecker reißt ihn aus seinem Traum, er gewandet sich in Hemd, Krawatte und Jacket und pendelt mit der Metro zu seiner Arbeitsstätte. Dabei zwängt er sich zwischen den Mitreisenden hindurch zum Ausgang der Bahn, eilt die Treppen der Metrostation hinauf, ersteht ein gebratenes Hähnchen als Mittagessen sowie einen Strauß Blumen (für wen, sei nicht verraten), entkleidet sich schließlich im Umkleidebereich eines Bades (nicht ohne seine Straßenkleidung ordentlich in einem Spind zu verstauen) und tritt auf den letzten Seiten des Buches, nackt wie Gott ihn schuf, seinen Dienst an – als zähnezeigendes, regungslos hinter Glas verharrendes… Zookrokodil. 

Wer hätte das gedacht? Und gerade deswegen ist das Buch ein wunderbarer „Lesespaß“! Wie im Leben entfaltet sich während des Betrachtens und Beschreibens der detail- und pointenreichen Bilder eine immer wieder neue Geschichte. Die äußere Handlung – Krokodrillos Weg zur Arbeit – bleibt gleich, aber die Wahrnehmung seines Weges verändert sich bei jeder Lektüre.

Mein Sohn (3) liebt das Buch und ich auch – Mmmm! 🙂

Giovanna Zoboli und Mariachiara di Giorgio: Krokodrillo. Bohem-Verlag. (Ab 2)

Hochsensibilität, Persönliches

Tanz und Stille. Oder: Wie’s die Krokodile tun

35D71846-EB98-475C-977E-C210EDC66E7C

Kennst du das: das Gefühl, dein Leben „rauscht“ irgendwie an dir vorbei? Gerade noch war Montag, jetzt ist schon wieder Wochenende? Bei der Arbeit steht ein Projekt nach dem anderen an? Deine Freundin hat Liebeskummer, du wolltest sie eigentlich schon seit zwei Tagen anrufen, aber immer war irgendwas?

Mir geht das manchmal auch so. Dann fühle ich mich zugleich überlastet und nicht ausreichend „berührt“. So viel schwirrt um mich herum und wirkt auf mich ein, dass das Einzelne keine Tiefe erlangen kann, gar keinen wirklichen Eindruck hinterlässt. Nach einer Weile erzeugt das in mir eine Art Überdruss, eine Erschöpfung, die nicht körperlich ist, sondern seelisch. Das Gefühl: Es reicht. Es ist genug (für den Moment)! Ich will nicht mehr!

Geht es auch anders?

Ich möchte hier von einer ganz anderen Erfahrung berichten. Sie fühlt sich schön und kraftvoll und irgendwie still an. Das Leben bewegt sich dabei ganz deutlich um mich herum: Abschiede vollziehen sich – und neue Menschen treten in mein Leben. Ich erfahre mich selbst mit Kummer, Freude, Neugier, Vorsicht. Spüre: ich bin verletzt und erwarte doch mit kribbelnder Neugier, was das Leben als nächstes bringen mag.

Seit einigen Jahren schon praktiziere ich, mal regelmäßig, dann wieder unterbrochen von großen Pausen, eine Art „freies Tanzen“, 5 Rhythmen (Hier eine kurze Einführung, was die Gründerin Gabrielle Roth darunter verstand). Interessant für mich: ganz zu Beginn ging es mir darum wie zeige ich mich, in diesem Raum, der nur durch den Rhythmus der Musik bestimmt ist und durch das, was aus mir heraus zum Ausdruck kommen will, nicht durch eine vorgegebene Choreografie. Wie bin ich (zwischen anderen)? Und wie lange gelingt es mir, bei mir zu bleiben, mich nicht von den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer um mich herum zu sehr beeinflussen, aus meinem eigenen Takt bringen zu lassen?

Als ich, nach fast zwei Jahren Pause, – inzwischen Mutter meines kleinen Sohnes – wieder einmal tanzen ging, hatte sich etwas gewandelt: jetzt war ich einfach da. Das, was diese Art des Tanzes nach Gabrielle Roth wohl sein soll – eine Art Meditation in Bewegung – wird er zunehmend tatsächlich für mich. 5 Rhythmen baut in einer Welle fünf „Seins-Zustände“ aufeinander auf – und lässt sie wieder abebben. Vom langsam und träge in Gang kommenden Flowing zu zielgerichtetem Staccato, scheinbar willkürlichem, wilden Chaos, zu befreit leichtem Lyrical und schließlich der Stille,  in sich und in der Bewegung: Stillness.

Und je mehr ich wirklich bei mir bin, im Tanz, – und wohl auch im Leben – umso mehr Ebenen eröffnen sich mir in diesem Tanz. Ich erlebe mich: fordernd und schüchtern, raumgreifend, auch mit Spiel und Herausforderung im Austausch mit meinen Mittänzer/innen – und ganz bei mir, in mich horchend, im Austausch mit mir!…:-)

Wie machen’s die Krokodile?

Wie machen’s die Krokodile? Sie sind ganz still. Sie passen den Moment ab. Und dann – BEWEGUNG, mit aller Kraft voran!

In aller Veränderung ist in mir eine große Ruhe. Ich bin kein Krokodil. Ich lauere nicht, ich schieße nicht vor mit Aggressivität. Insofern hinkt der Vergleich, mit den Assoziationen, die er weckt. Aber auch ich bemühe mich, die Stille wahrzunehmen, die immer da ist, der Moment zwischen den Bewegungen, das Innehalten – um im rechten Augenblick alle Kraft einsetzen zu können für die nächste Handlung.

Das sind 10 Minuten Sitzen zwischen zwei Wegen, ohne Ablenkung, ohne irgendwas. Ein „Moment mal!“ im Gespräch und das in sich Horchen: passt noch, was ich hier gerade sage? Auch schlicht: das tief Luft Holen vor der Reaktion. Und manchmal Schweigen und Warten.

In diesem Sinn eine wunderschöne Woche euch, mit Tanz – und Stille! 🙂