Tanz und Stille. Oder: Wie’s die Krokodile tun

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Kennst du das: das Gefühl, dein Leben „rauscht“ irgendwie an dir vorbei? Gerade noch war Montag, jetzt ist schon wieder Wochenende? Bei der Arbeit steht ein Projekt nach dem anderen an? Deine Freundin hat Liebeskummer, du wolltest sie eigentlich schon seit zwei Tagen anrufen, aber immer war irgendwas?

Mir geht das manchmal auch so. Dann fühle ich mich zugleich überlastet und nicht ausreichend „berührt“. So viel schwirrt um mich herum und wirkt auf mich ein, dass das Einzelne keine Tiefe erlangen kann, gar keinen wirklichen Eindruck hinterlässt. Nach einer Weile erzeugt das in mir eine Art Überdruss, eine Erschöpfung, die nicht körperlich ist, sondern seelisch. Das Gefühl: Es reicht. Es ist genug (für den Moment)! Ich will nicht mehr!

Geht es auch anders?

Ich möchte hier von einer ganz anderen Erfahrung berichten. Sie fühlt sich schön und kraftvoll und irgendwie still an. Das Leben bewegt sich dabei ganz deutlich um mich herum: Abschiede vollziehen sich – und neue Menschen treten in mein Leben. Ich erfahre mich selbst mit Kummer, Freude, Neugier, Vorsicht. Spüre: ich bin verletzt und erwarte doch mit kribbelnder Neugier, was das Leben als nächstes bringen mag.

Seit einigen Jahren schon praktiziere ich, mal regelmäßig, dann wieder unterbrochen von großen Pausen, eine Art „freies Tanzen“, 5 Rhythmen (Hier eine kurze Einführung, was die Gründerin Gabrielle Roth darunter verstand). Interessant für mich: ganz zu Beginn ging es mir darum wie zeige ich mich, in diesem Raum, der nur durch den Rhythmus der Musik bestimmt ist und durch das, was aus mir heraus zum Ausdruck kommen will, nicht durch eine vorgegebene Choreografie. Wie bin ich (zwischen anderen)? Und wie lange gelingt es mir, bei mir zu bleiben, mich nicht von den Bewegungen der Tänzerinnen und Tänzer um mich herum zu sehr beeinflussen, aus meinem eigenen Takt bringen zu lassen?

Als ich, nach fast zwei Jahren Pause, – inzwischen Mutter meines kleinen Sohnes – wieder einmal tanzen ging, hatte sich etwas gewandelt: jetzt war ich einfach da. Das, was diese Art des Tanzes nach Gabrielle Roth wohl sein soll – eine Art Meditation in Bewegung – wird er zunehmend tatsächlich für mich. 5 Rhythmen baut in einer Welle fünf „Seins-Zustände“ aufeinander auf – und lässt sie wieder abebben. Vom langsam und träge in Gang kommenden Flowing zu zielgerichtetem Staccato, scheinbar willkürlichem, wilden Chaos, zu befreit leichtem Lyrical und schließlich der Stille,  in sich und in der Bewegung: Stillness.

Und je mehr ich wirklich bei mir bin, im Tanz, – und wohl auch im Leben – umso mehr Ebenen eröffnen sich mir in diesem Tanz. Ich erlebe mich: fordernd und schüchtern, raumgreifend, auch mit Spiel und Herausforderung im Austausch mit meinen Mittänzer/innen – und ganz bei mir, in mich horchend, im Austausch mit mir!…:-)

Wie machen’s die Krokodile?

Wie machen’s die Krokodile? Sie sind ganz still. Sie passen den Moment ab. Und dann – BEWEGUNG, mit aller Kraft voran!

In aller Veränderung ist in mir eine große Ruhe. Ich bin kein Krokodil. Ich lauere nicht, ich schieße nicht vor mit Aggressivität. Insofern hinkt der Vergleich, mit den Assoziationen, die er weckt. Aber auch ich bemühe mich, die Stille wahrzunehmen, die immer da ist, der Moment zwischen den Bewegungen, das Innehalten – um im rechten Augenblick alle Kraft einsetzen zu können für die nächste Handlung.

Das sind 10 Minuten Sitzen zwischen zwei Wegen, ohne Ablenkung, ohne irgendwas. Ein „Moment mal!“ im Gespräch und das in sich Horchen: passt noch, was ich hier gerade sage? Auch schlicht: das tief Luft Holen vor der Reaktion. Und manchmal Schweigen und Warten.

In diesem Sinn eine wunderschöne Woche euch, mit Tanz – und Stille! 🙂

3 Kommentare zu „Tanz und Stille. Oder: Wie’s die Krokodile tun

  1. Liebe Sunnybee,
    und wieder hast Du ein Thema aufgegriffen, das mir sehr wichtig ist 🙂 Die Stille zwischen den Dingen, die Pause. Ich habe vor einiger Zeit mal von einer Übung gelesen, die mich seit dem begleitet und schon häufig „runtergeholt“ und zurück in das hier und jetzt geholt hat. Ich bin sowieso ein Fan der Atemmeditation und nun las ich den Hinweis, bei der Beobachtung des eigenen Atems mal ganz besonders auf die Pause vor der nächsten Einatmung zu achten! Und tatsächlich dort ist eine Pause, in der weder aus- noch eingeatmet wird, da ist einfach nur Stille, wie die Stille, wenn man auf den Meeresboden sinkt. Diese Pause, diese Stille ist immer bei uns, sie ins Bewusstsein zu holen und regelrecht zu genießen, empfinde ich als sehr erhol- und heilsam, und dafür reichen ein paar Atemzüge. (Auch sehr hilfreich, wenn man neben einem aufdrehenden (Klein-) Kind liegt und wartet, dass es endlich einschläft, und selber immer ungeduldiger wird….)
    Atmende Grüße, die Feynsinnige

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