Fahren bei Gegenwind. Über die Schwierigkeit, sich selbst zu sein

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„Sei ganz du selbst!“

Der Satz ist leicht gesagt. Und tatsächlich bin ich inzwischen, angekommen in meinem Beruf, als Mutter und erwachsene Frau Mitte 30, oft „ich selbst“, unverstellt und nah bei dem, was mir entspricht. Ich vertrete meine Haltung und versuche sie durch mein Verhalten für andere deutlich werden zu lassen.

Manchmal jedoch fühle ich mich an die Aussage einer Kollegin erinnert, die beabsichtigt, in Portugal eine Radtour entlang der Atlantikküste zu machen. Sie habe vor dem Planen der Strecke einen befreundeten Meteorologen befragt, woher der Wind zu diesem Zeitpunkt des Jahres wehe, denn sie wolle nicht „zwei Wochen bei Gegenwind“ fahren. Ich verstand sofort, was sie meinte.

Meinen persönlichen ‚Gegenwind’ erlebe ich gerade in einer beruflichen Situation in einer der Klassen, die ich als Lehrerin unterrichte. Es herrschen dort große Spannungen zwischen den Schülerinnen und Schülern und auch gegen mich als Lehrerin richten sich immer wieder kleine Spitzen. Keine lautstarke Aggressivität, eher eine gewisse Acht- und Respektlosigkeit, den Mitschülern und zuweilen auch mir gegenüber. Der Unterricht dort gleicht einer „Radtour bei Gegenwind“: nach 45 Minuten fühle ich mich bereits erschöpft, wie unter der Einwirkung eines schwer greifbaren, aber auf Dauer zermürbenden Widerstands.

Hochsensibel sein

Ich schreibe diesen Artikel auch als sehr fein wahrnehmende, „hochsensible“ Person. Reize an sich, Gerüche, Klänge, auch Temperaturschwankungen, nehme ich intensiv wahr, ebenso wie „Atmosphärisches“, z.B. die Stimmung zwischen Mitgliedern einer Gruppe: Wertschätzung oder Anziehung, aber auch Ablehnung und Konflikte. Andere würden vielleicht sagen: „Da ist doch nichts!“ Ich selbst höre, rieche, spüre schon etwas. Meiner von Natur aus „geschärften“ Wahrnehmung zu trauen, sie als real und nicht als „übertrieben“ anzunehmen, hat mich in der Vergangenheit einige Mühe gekostet. Inzwischen bin ich auch damit oft einfach „da“ und zufrieden mit mir.

Dennoch macht diese Form der Sensibilität auch eine besondere Achtsamkeit mir selbst gegenüber nötig. Ich erlebe mich als ausdauernd und klar darin, Ziele zu verfolgen, auch als belastbar und in Krisensituation fähig, rasch das Essenzielle wahrzunehmen und danach zu handeln. Gleichzeitig ist es für mich dringend nötig, mir Pausen zu gönnen, Momente, in denen ich mich nicht nur ganz aus dem lauten und wechselhaften Alltag mit Kind und Beruf zurückziehe, sondern mich auch ganz mir selbst zuwende, sozusagen den „Tiefenschichten“ in mir. Mir Gedanken über mich selbst, meine Mitmenschen und das Leben an sich zu machen ist für mich Freude und Erholung. Der Austausch über entsprechende Themen mit anderen eine der schönsten Formen der Intimität, die ich kenne.

Was also ist mein Weg, um ganz „ich selbst“ zu sein in einer Situation mit ‚Gegenwind‘ wie der oben beschriebenen?

Ich werde langsam

Moment. Ich komme gleich. Sie möchten mit mir sprechen? Gerne. Zu dem von mir gewählten Zeitpunkt!“ Das Innehalten verschafft mir Zeit und (inneren) Raum für eine Reaktion, die wirklich mir entspricht.

Ich bewege mich

Stress löst sich für mich am besten in Bewegung, schnellem Radfahren, Tanz – nicht nur mein Körper verliert an Spannung, auch Herz und Seele. Ich verschreibe mir Bewegung in spannungsreichen Zeiten wie Medizin!;-)

Ich bin ganz da

In der Situation, indem ich auf die Worte meines Gegenübers mit Bewusstheit „lausche“ (eine Anklage? – Was steckt an Wunsch dahinter? Eine Beschwerde? – Was braucht er oder sie?). Aber auch: was brauche ich gerade?
Und nach der Situation, indem ich mit allen Sinnen dort bin, wo ich tatsächlich bin – bei meinem Sohn, im Schreiben, bei der Süße eines Honigbrots – das beste Mittel gegen kreisende, vernebelnde Gedanken!

Und dann bin ich tatsächlich wieder „ganz ich selbst“: kraftvoll und zart, feinsinnig, direkt und klar. Wie schön!:-)

~

Wie kommst du „zurück zu dir“? Welchen Weg wählst du bei „Gegenwind“? Ich freue mich auf deine Gedanken!

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