Gesellschaft, Persönliches

Ein Lob der Stadtteil-Bücherei

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Um 1516 schrieb Thomas More, Kanzler des englischen Königs Henry VIII, ein Werk, dessen Einfluss Jahrhunderte überdauern sollte. Frustriert vom Ständesystem Großbritanniens und den damit einhergehenden Ungerechtigkeiten, entwarf er das Modell einer Gesellschaft „Gleicher unter Gleichen“, ohne Privatbesitz und mit gemeinsam erwirtschafteter Lebensgrundlage für alle.

Der Roman „Utopia“, in englischer Aussprache ein Wortspiel der griechischen Begriffe eutopia (guter Ort) und utopia (Ort, den es nicht gibt) beschreibt diesen Ort – und legte den Grundstein, nicht nur für Marxismus und Leninismus knapp 400 Jahre später, sondern auch für einen Begriff, der heute noch verwendet wird: die Utopie.

Eine Welt, besser als die, in der wir leben, gerechter, mit Gütern, die allen zu Verfügung stehen, ohne Ansehen von Herkunft und Besitz – 1516 suchte More diese in der Realität vergebens.

2018 habe ich sie gefunden.

Die Eintrittskarte zu dieser Welt ist scheckkartengroß. Sie kostet mich, auf den Monat umgerechnet, den Preis eines Cappuccinos und eröffnet mir den Zugang zu den Gedanken tausender Dichterinnen und Dichter, Philosophinnen und Do-it-yourself-Berater; zu Themen der Medizin, Politik, Publizistik und des Gartenbaus, von der Bastelanleitung eines Vogelhäuschens bis hin zu Thomas Manns „Tod in Venedig“.

Betrete ich diesen Ort moderner Utopie, fällt mir zuerst die belebte Stille auf: halblaute Gespräche, Papier, das raschelt, ab und zu ein Kinderlachen, denn bereits für die Kleinsten bietet der Ort geistige Nahrung. Mein Blick schweift zu den Besuchern dieses Landes, dessen Atmosphäre sich so spürbar abhebt von der Hektik der Welt darum herum: Hier sitzt ein älterer Herr, vertieft in die neuste Belletristik, dort üben zwei Schülerinnen für den Klassentest. Dort, den Winkel zwischen zwei Regalen, nutzt ein Pärchen für verstohlene Zärtlichkeit. Ein Kind, noch in Windeln, wackelt seiner Mutter entgegen, ein Brötchen in der einen speckigen Faust, ein Buch in der anderen. Zwei Teenager stehen neben den CD-Regalen, eine Dame im Parka sieht sich die neusten Filme an…

Die Wächter dieses Landes sitzen dicht der Eingangspforte. In Geplänkel und Plausch vertieft – wenn sie nicht gerade die Besucher hilfsbereit beraten -, strahlen auch sie eine Muße aus, die außerhalb dieses Ortes schwer zu finden ist. Willkommen ist jeder, ohne Ansehen seines Berufs, seiner Herkunft, seines Alters und Bildungsgrads. Die Güter dieses Ortes sind verfügbar für jeden, der sich ihrer bedienen will, unter der Prämisse, sie dem Gemeinwohl nach Gebrauch wieder zu Verfügung zu stellen. Wer den monatlichen Preis eines Cappuccinos nicht zahlen kann, erhält den Eintritt vergünstigt oder gar umsonst. Ein Ort der Demokratie also, der Muße und der Kontemplation – und das alles mit der Straßenbahn erreichbar.

Ein wahres Utopia! Ich besuche es mit Freude – und will ihm hier ein Denkmal setzen, meiner kleinen, bescheidenen, kostbaren – Stadtteilbücherei!

~

Gibt es für dich auch einen Ort, der dich anrührt, dir Muße, Inspiration und Freude schenkt? Vielleicht magst du ihn hier teilen und davon schreiben? Ich freue mich!:-)

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Über sieben Brücken – Entspannte Kindsübergaben nach der Trennung

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Zugegeben: Der Titel klingt nicht gerade entspannt;-) Aber wenn ich ehrlich bin: was hier beschrieben werden soll, ist (oft) ja auch nicht mit den angenehmsten Gefühlen verbunden…

Das ist die Ausgangssituation:

  • Mama und Papa haben sich getrennt und auf wechselseitigen Umgang (in welcher Form auch immer) mit ihrem/n gemeinsamen Kind/ern geeinigt.
  • Das heißt, das Kind (der Lesbarkeit halber bleibe ich ab hier bei der Singularform) muss irgendwie von Elternteil A zu Elternteil B kommen und den Übergang von einem Elternzuhause ins andere bewältigen.
  • Dieser Vorgang soll für ALLE Beteiligten möglichst berechenbar, friedlich und – im besten Fall – entspannt vor sich gehen.

Sieben „goldene“ Brücken

Daher hier so etwas wie eine Sammlung von Punkten, die vielleicht dabei helfen können, diesen – oft auch noch Jahre nach der Trennung – kritischen Moment zu „entschärfen“. Ganz im Sinne der DDR-Kultband Karat;-):

„Über sieben Brücken musst du gehn, sieben dunkle Jahre überstehn, siebenmal wirst du die Asche sein, aber einmal auch der helle Schein.“

Ich gehe übrigens davon aus, dass das Verhältnis der Eltern nicht komplett zerrüttet und von einem Grundmaß gegenseitigen Respekts geprägt ist, aber eben durchaus noch spannungsreich. Und dass das Kind noch in einem Alter ist, in dem es „übergeben“ werden muss. Andernfalls wird es sowieso (mit-) entscheiden, wie es die Wechsel von einem Elternteil zum anderen gestalten will. Hier also der Versuch der „sieben Brücken“:

Brücke 1: Absprachen treffen und einhalten

Es klingt banal und ist oft doch Anlass zu den schmerzhaftesten Streitigkeiten überhaupt: kurzfristig verschobene, abgesagte oder einfach ignorierte Termine, aber auch Unklarheit bei der Absprache. „Ich bringe dir Pia Samstag Nachmittag“ ist keine ausreichende Absprache. „Samstag 14 Uhr an der Haltestelle vor deiner Wohnung“ schon eher. Möglichst schriftlich festgehalten, z.B. per Mail oder SMS.

Brücke 2: Übergabe über neutrale Dritte, wenn möglich

Meiner bisherigen Erfahrung nach sind die Übergaben „über neutrale Dritte“, die sich ganz natürlich aus dem Tagesablauf ergeben, für alle Beteiligten am entspanntesten. Papa bringt Luis also morgens zur Kita, Mama holt ihn nachmittags dort ab. Mit Luis wechselt ggf. eine Tasche mit notwendiger Kleidung/ Medikamenten etc. und eventuell ein „Übergabe-Tagebuch“ (siehe Brücke 6) von einem Zuhause ins andere. Eine persönliche Begegnung mit allem Konfliktpotenzial wird so schlicht vermieden – was gerade in Phasen, in denen eine/r mit dem/r anderen am liebsten „nichts zu tun hätte“ die beste Lösung sein kann.

Brücke 3: Neutraler Übergabeort

Besonders wenn das Verhältnis zwischen den Eltern noch angespannt ist, ist die Wohnungstür meiner Meinung nach kein guter Übergabeort. Zu greifbar sind die Erinnerung an ein möglicherweise verlorenes Heim oder Streitereien, die an eben dieser Tür schon stattgefunden haben. Statt dessen: einen öffentlichen Ort wählen. Der Eingang der Stadtbücherei oder eines Supermarkts, der Arbeitsplatz eines Elternteils oder eben die Haltestelle vor der Wohnung, falls der Bringende mit der Bahn kommt. Diszipliniert übrigens auch ungemein, falls Gespräche „von Angesicht zu Angesicht“ regelmäßig zu eskalieren drohen. Mit Kollegen oder zahlreichen Passanten als Zuschauern streitet es sich schlicht weniger entspannt…;-)

Brücke 4: „Anschlusshandlung“ planen

Der Wechsel von einer ‚Elternwelt‘ in die andere ist für ein (kleines) Kind ohnehin schon eine Leistung; dabei verdient es Hilfestellung! Und die kann darin bestehen, dass es mit Papa (oder Mama) nach der Übergabe immer erst mal einen gemeinsamen Kakao trinken darf. Oder dass gemeinsam noch zwei, drei Dinge fürs Wochenende eingekauft werden (das Kind darf sich eine Lieblingsspeise aussuchen), oder dass noch 10 Minuten im Park nebenan Blumen gezupft werden. Oder ein Bilderbuch vorgelesen wird. Jedes Mal. Zeit zum Ankommen. Und um Mama (oder Papa) nach der (vorübergehenden) Trennung erst mal ganz für sich zu haben.

Brücke 5: Schmusetier als Begleiter

Ein weiterer „Übergangshelfer“ kann meiner Meinung nach das Kuscheltier sein, das immer von Mama mit zu Papa wechselt (und umgekehrt). Wenn Mama (oder Papa) schon nicht mit ins andere Zuhause darf, dann zumindest Schnuffi/Kuschel/Fanti. Der tröstet auch, wenn der andere Elternteil vermisst wird. Bei unserem Sohn ist es ein (kleines) Kissen, das, vehement „abgeschmust“ und inzwischen x-fach geflickt, auf jeden Fall mit muss.

Brücke 6: Übergabe-Tagebuch

Diesen Tipp habe ich von einer Freundin, deren Ex-Partner nach der Trennung einige Zeit lang gar keinen persönlichen Kontakt zu ihr wollte. Die beiden haben alle wichtigen Informationen über ihren gemeinsamen Sohn (geplante Veranstaltungen in der Kita, von denen nur einer beim Abholen erfahren hatte, zu planende weitere Absprachen etc.) in einem Notizbuch festgehalten, das in einer Tasche, gemeinsam mit ihrem Kind, von einem Elternteil zum anderen gewandert ist. Die Übergabe selbst fand über „neutrale Dritte“ (siehe Brücke 2) statt, so dass sie sich tatsächlich eine Zeit lang gar nicht zu sehen und so gut wie gar nicht miteinander zu sprechen brauchten, was die ganze Situation entspannte.

Brücke 7: Keine Streitereien vor dem Kind

Oder: Wo einer verliert, kann keiner gewinnen. Daher: Übergaben sind nicht der Ort, um dem/r anderen (vor dem Kind) mitzuteilen, was er/sie falsch gemacht hat, falsch macht oder (potenziell) falsch machen wird. Sie sind nicht der Ort, um mal eben zu klären, wie man das mit dem nächsten Urlaub regelt, sie sind auch nicht der Ort, um sich über die neue Freundin auszukotzen, weil man den/die andere/n gerade „greifbar“ hat…. Das alles schadet: dem eigenen Seelenwohl, dem Verhältnis, das man als Eltern zueinander hat (und JAWOHL: Eltern bleibt man nunmal!) – und natürlich und vor allem dem Kind, das man doch am meisten liebt und dessen Wohl sich hoffentlich beide Eltern wünschen!

So, das war‘s! 🙂 Im besten Fall konnte ich euch die ein oder andere Anregung geben (alle Tipps übrigens am eigenen Leib erprobt und (meist) beherzigt!…)

Habe ich was vergessen? Habt ihr Anmerkungen zu dem, was hier steht? Dann schreibt mir. Ich freue mich sehr über Kommentare!

 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Schnee im Juli. Vom Umgang mit Erwartungen

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„Morgen schneit’s!“

Äußert diesen Satz jemand im Januar, bei angekündigter Schlechtwetterfront, nickst du vermutlich und sagst etwas in der Art: „Ja, das kann gut sein.“ Auch Anfang April macht der Satz unter Umständen noch Sinn. Mitte Juli würdest du jedoch, zumindest in Mitteleuropa, wohl eher den Kopf schütteln und etwas in der Art äußern wie: „Das ist doch eher nicht zu erwarten!“

Unser Leben ist bestimmt von Erwartungen. Wir überlegen oft schon beim Aufstehen, wie der Tag wohl wird, was unser Chef heute für eine Laune haben wird, ob die Kollegin, mit der wir unser Projekt planen, gut vorbereitet sein wird, ob wir nachmittags beim Joggen den netten jungen Mann treffen, der immer zur selben Zeit wie wir seine Runden zu drehen scheint. Das Gefühl, das bei diesen Gedanken in uns aufsteigt, gibt uns einen Hinweis, welche Erwartungen wir in Bezug auf das Kommende haben. Magengrummeln beim Gedanken an den Chef: „Der ist ohnehin immer so cholerisch, hoffentlich macht er mich nicht zur Schnecke, weil ich den Abgabetermin verschieben muss.“ Vorfreude beim Gedanken an den Sport am Nachmittag: „Vielleicht ergibt sich ja ein netter Plausch mit dem Jogger, ein gemeinsames Interesse scheinen wir ja bereits zu haben.“

25 Zahnpasta-Sorten

Erwartungen erleichtern uns das Leben. Das ELM-Modell (Elaboration-Likelyhood-Modell) in der Sozialpsychologie legt nahe, dass wir, besonders unter Zeitdruck, Entscheidungen oft aufgrund von Erwartungen treffen, die uns im Moment der Entscheidung gar nicht bewusst werden. 25 Zahnpastasorten im Regal des Drogeriemarkts: ich nehme die, von der ich erwarte, dass sie mir für den besten Preis die beste Leistung bietet. Letztlich wird es Tube XY. Warum gerade die? Meine Erfahrung/ meine beste Freundin/ die Werbung hat eine Erwartung (sic!) in mich gepflanzt, die ich im Moment der Entscheidung gar nicht hinterfrage. Und das ist auch gut so – bis zu einem gewissen Grad. Denn würde ich jede Entscheidung von A bis Z „elaborieren“, d.h., alle Gründe dafür und dagegen abwägen, stünde ich morgen noch vor dem Drogeriemarktregal.

Andererseits können mich Erwartungen natürlich auch gründlich irreführen. Eher harmlos ist es, wenn ich statt Frühlingswetter winterliche Temperaturen erwartet habe und mich in Daunenjacke und Thermounterwäsche zwischen T-Shirt-Trägern wiederfinde (ist mir dieses Jahr beim Frühlingsanfang mal passiert!…;-)). Schon weniger harmlos ist es, wenn ich mich auf meine Babysitterin verlassen habe und sie nicht wie vereinbart mein Kind aus der Kita abholt (ist mir auch schon einmal passiert und hat mich einige Nerven gekostet…).

Schnee im Juli

Was aber, wenn meine Erwartungen sich gar nicht decken mit dem, was dann passiert? Und hierbei meine ich nicht aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse (wie das eine Mal bei meiner Babysitterin, was ich zu ihrer Ehrenrettung sagen kann!;-)), sondern, weil sich in meinem Kopf, aus welchen Gründen auch immer, Erwartungen festgesetzt haben, die von der Wirklichkeit schlicht „ad absurdum“ geführt werden.

Auch hierzu ein Beispiel aus meiner nahen Vergangenheit: nach mehreren Wochen friedlichen Umgangs mit meinem Expartner und Vater unseres gemeinsamen Sohnes hatte ich mich darauf eingelassen, mich bei einer Übergabe (unser Sohn schlief gerade) noch einen Moment mit meinem Exfreund zusammenzusetzen. Wir waren beide ziemlich erschöpft (er gesundheitlich angeschlagen, ich k.o. vom Tag), und – kurz gesagt: das Gespräch, das friedlich begann, endete aus absurdesten Gründen (die ich hier nicht näher erläutern mag) in einem heftigen Wortgefecht, das unser Sohn zum Glück vollständig verschlief…

Ich aber schlich von der Übergabe komplett geknickt nach Hause, wütend und traurig und einigermaßen fassungslos, wie wenig freundlich oder gar „freundschaftlich“ dieses Gespräch verlaufenen war. Denn: JA, das war meine Erwartung gewesen. Und JA, die hatte sich – tata! – wirklich nicht erfüllt…

Leben ohne Erwartungen?

Also alle Erwartungen fahren lassen? Buddha-like den Moment annehmen, was immer da kommen mag? Jetzt. Und jetzt. Und jetzt. Ehrlich gesagt: schön wär’s! Wir ticken ja nunmal so, dass wir versuchen, vorauszusehen, was das Leben mit sich bringen wird. Und das ist in vielen Fällen (s.o.) ja durchaus sinnvoll. Erwartungen sind gut: sie lassen uns nicht völlig unvorbereitet durch’s Leben stolpern.

Aber wie so oft liegt meiner Meinung nach die Wahrheit irgendwo dazwischen: Alle Erwartungen sein zu lassen ist einerseits kaum möglich; andererseits beschränken uns zu festgefahrene Erwartungen und kosten uns Lebendigkeit. Aber gerade, wenn wir wissen: hier ist unsicheres, potentiell konfliktbehaftetes Terrain (wie z.B. die Übergaben unseres Sohnes zwischen meinem Expartner und mir, wenn wir beide müde und erschöpft sind), – dann schadet eins sicher nicht: eine gewisse optimistische Vorsicht. Ich erwarte das Beste, aber schütze mich, falls das Beste eben nicht eintritt. Damit ich, um nochmal auf die Wettermetaphorik zurückzukommen, eben nicht Sonnenschein erwarte – und dann schneit’s im Juli!…;-)

PS. Für alle, die es gern konkreter hätten, hier ein paar Tipps, wie Kindsübergaben nach der Trennung friedlich verlaufen können. Weitere Ideen willkommen! Garantie für’s Gelingen wird allerdings nicht übernommen…;-)

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft, Partnerschaft

Bling Bling

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Das ist ein Lernhandy. Mein Sohn lernt damit:

  • Krach machen macht Spaß
  • Mama macht Krach nicht Spaß.

Wenn es nach dem Handy ginge, sollte er auch noch lernen:

  • Hunde machen „Wuff, Wuff“ (leicht elektronisch verzerrt)
  • Katzen machen „miau“ und heißen „Katze“ (das nämlich sagt das Lernhandy, wenn man die entsprechenden Knöpfe drückt).

Jetzt weiß mein Sohn – klug wie er ist – mit 2 1/2 allerdings schon, dass ein Hund „Wuff“ macht und „Hund“ heißt (auch wenn er ihn hartnäckig weiter „Wuff“ nennt)  – irgendwie hat sich das bis zu ihm herumgesprochen, ganz ohne Handy.

Und eben dieses Handy ist mir bei einer der Übergaben vom Kindsvater in die Hände gefallen und regt mich zu Spekulationen an:

  • über die pädagogischen wie ästhetischen Maßstäbe der Kindsoma väterlicherseits – denn von ihr kommt das Lärm- (Pardon: Lern-) Handy
  • über Sinn und Unsinn krachmachenden Elektroschrotts
  • über Erziehungsunterschiede zwischen dem Kindsvater und mir, die mir seit unserer Trennung oft eher zufällig, z.B. durch Fundstücke wie dieses, vor Augen geführt werden.

Au weia!…

Und NEIN: ich kaufe meinem Sohn nicht nur pädagogisch wertvolles Holzspielzeug. In seiner Spielebox im Mama-Zuhause tummeln sich neben Duplosteinen und Tiersteckpuzzle durchaus auch der ein oder andere Plastikschlumpf aus dem Überraschungsei – oder die Jim Knopf-Merchandising-Lok aus dem McD-Kindermenu (war übrigens ein Nachmittag lang der Hit…).

Aber JA, ich sehe tatsächlich kein Fernsehen mit ihm (Null, Zero): ich habe nämlich gar keinen, seit Jahren nicht. Und JA, wir schauen eine Menge Bilderbücher zusammen an (jeden Tag und nicht nur zum Kuscheln vor dem Schlafen) und JA, alles, was elektronisch blinkt, dudelt, tutet oder blökt wird von mir, schon aus Selbstschutz, nur in „homöopathischen“ Dosen zugelassen, bzw. verschwindet unauffällig…

Papa Bling Bling

… um WO wieder aufzutauchen? Bei – JAWOHL – PAPA!… Bei Papa liegt das elektronische Kinderliederbuch („ABC, die Katze geht im Schnee…“), der pinke Stoffhase mit Dauerdudel- und Hüftwackelfunktion; dort stehen die zwei fernsteuerbaren Rennautos und JA, auch das Kinderklo, das jeden erfolgreich versenkten Stinker mit Begleitmusik belohnt (das habe ich mir jetzt nicht ausgedacht – Oma väterlicherseits hat es als Motivationsschub zum Trockenwerden angeschafft…;-))

Und JA, JA, JA, unser U3-jähriger Herzensjunge nutzt begeistert alles was blinkt, trötet, tutet und blökt!

Das ist ok für mich. Solange wir bei mir mit gar nichts an Requisiten den Stofftieren Essen kochen (ok, ein alter Strohhut ist die Schüssel!…) und mir mein Kleiner als „Doktor“ mit dem Kühlschankthermometer Fieber misst, dann einen „Luft“-Verband um mein Bein wickelt und mit dem Türstopper als Telefon den Krankenwagen ruft… Auch „Bus“ gefahren sind wir schon, auf zwei Stühlen hintereinander sitzend, und kürzlich war er der „Tiger“, den das Kuchengitter aus dem Backofen am Ausbrechen gehindert hat! Übrigens seine Ideen, nicht meine…;-)

Und JA, Fangen, Verstecken, Vorlesen, Rollenspielen macht ihm genauso Spaß wie das Lärmmach-Handy. Und solange das so ist, toleriere ich letzteres.

Und spiele ein bisschen auf meinem Lärmmach-Handy herum („Nur eben noch die Mails checken“…), bis wir beide wieder Zeit haben für die nächste Runde – Fantasie!

 

alleinerziehend, Gesellschaft

Pupsgeräusche. Gedanken zum Wechselmodell

Bild „Wochnziel: Wir machen keine Pupsgeräusche“.


Uups, hier geht’s gar nicht um Pupse, sondern – oha! – um Politik. Um Ego. Und um ein Thema, das mich nachts um elf noch dazu bringt, einen Blogbeitrag zu schreiben.

Heute erreichte mich der Hinweis einer Bekannten auf folgenden MDR-Beitrag:

FAKT IST!: Getrennt leben, gemeinsam erziehen – Das Recht aufs Kind – „https://www.mdr.de/fakt-ist/verteilseite2196.html

Kurz zusammengefasst: die FDP strebt einen Gesetzesentwurf an, das Wechselmodell (Kind 50:50 bei Vater oder Mutter) als familiengesetzliches Standard-Modell zu etablieren. Statt der traditionellen Familiengerichtsentscheidung „Kind bei Mutter, alle 14 Tage ein Wochenende bei Papa“ soll jetzt erst einmal davon ausgegangen werden: „Kind nach der Trennung die Hälfte der Zeit bei Papa, die andere Hälfte bei Mama“ ist, was passt, und diese Regelung darf gesetzlich – was übrigens bereits seit 2017 gilt – auch gegen den Willen eines Elternteils durchgesetzt werden.

Das geht gar nicht!

Mir wird Angst und Bange, wenn ich mir das vorstelle.

Warum?

Mit dem Vater meines Sohnes praktiziere ich doch seit gut einem Jahr das Wechselmodell. Und unser Kleiner ist noch nicht mal drei. Und ich habe den Eindruck, es funktioniert nicht nur – es geht uns allen sogar richtig gut damit. Vor allem auch unserem Sohn. (Hier habe ich meine bisherigen Erfahrungen damit beschrieben).

Warum bin ich dann trotzdem klar und vehement gegen eine gesetzliche Festschreibung des Wechselmodells als Standardmodell in der Familiengerichtssprechung?

  • Weil die absolut unverzichtbare Grundlage dieses Modells meiner Meinung nach eine funktionierende Kommunikation zwischen den Eltern ist.
  • Weil ich „funktionierende Kommunikation“ – aus eigener Erfahrung – so verstehe, dass man es schafft, gerade nicht nur sein eigenes Wohl im Auge zu haben, sondern wirklich das des Kindes und in dem Sinn als Eltern auch nach der Trennung als Paar noch verdammt viel „Gemeinsames“ hat.
  • Weil sich diese „Gemeinsamkeit“ meiner Meinung nach nicht gerichtlich verordnen lässt. Im Gegenteil: wenn man vor Gericht landet, weil man sich davor nicht auf eine Art des Umgangs einigen konnte, stimmt höchstwahrscheinlich nicht nur mit der wechselseitigen Kommunikation, sondern auch mit der Haltung, die dieser Kommunikation zugrunde liegt, etwas ganz und gar nicht – keine gute Basis für ein Modell, das genau auf dieser Haltung basiert!…

Das Recht auf’s Kind?

Und damit komme ich zum Aspekt des Egos: der MDR-Beitrag ist mit dem Satz „Das Recht auf’s Kind“ betitelt. Und hier sträuben sich mir wirklich die Haare: Mein Auto, meine Couchgarnitur, von mir aus auch die über die Jahre archivierten Fotoalben – bis zu einer Trennung hat sich einiges angesammelt, was dann mühsam und oft schmerzlich wieder auseinanderdividiert werden muss. Und – nein, nein, nein! – das Kind/die Kinder gehören nicht dazu!

Mein Kind gehört nicht mir!

Ich finde, das müsste sich jeder frisch getrennte Elternteil auf den Badezimmerspiegel schreiben und noch vor dem Zähneputzen lesen: Mein Kind gehört nicht mir! Wenn überhaupt  gehöre ich als Mutter meinem Kind. Und der Vater auch, auch wenn ich ihn – oder sie – nicht mehr mag, noch nie mochte oder am liebsten gar nicht mehr in meinem Leben hätte. Und unter „gehören“ verstehe ich: mein Kind braucht mich, liebt mich und ist rein physisch – und gefühlsmäßig sowieso – auf mich angewiesen. Ich könnte auch sagen: von mir abhängig. Ich präge durch mein Verhalten als Mutter und als Vater sein Bild von mir, von sich, ein Stück weit sicher auch sein Bild davon, wie Menschen überhaupt miteinander umgehen.

Dass ich das tue passiert einfach – schlicht dadurch, dass ich sein Vater oder seine Mutter bin, dadurch, dass wir – in welcher Form auch immer – eine „Beziehung“ haben. Ich würde sagen, sogar, wenn wir uns kaum kennen. Ich bin, allein dadurch, dass ich sein einer Elternteil bin, ein „Bezugspunkt“ im Leben meines Kindes (selbst wenn ich abwesend sein sollte) – und das ist meiner Meinung nach kein Recht, sondern nur eins: eine Verantwortung. Und im besten Fall ein Geschenk für mich und mein Kind, das ich hoffentlich zu würdigen weiß.

Ob das jetzt heißt, dass ich mein Kind nach der Trennung 50:50 oder 80:20 sehe, sollte meiner Meinung nach kein Gericht entscheiden müssen. Sondern ich sollte mich fragen: was kann ich tun, damit es meinem Kind, mir selbst und, – ja! – auch dem anderen Elternteil, nicht komplett elend geht. Denn verbunden sind wir durch unser Kind, auch wenn wir kein Paar mehr sind (vielleicht nie eins waren). Und die Verantwortung, die diese Verbindung mit sich bringt, sollte ich tragen – und nicht das Gericht.

In diesem Sinn schließe ich mich Stefan Rücker, der im MDR-Beitrag als Psychologe zitiert wird, an: „Nicht allein Umgangsmodelle fördern das Kindeswohl, sondern verantwortungsvolle Trennungseltern.“

Und das ist – apropos „Pupsgeräusche“ – sicher keine heiße Luft!:-)