alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Das Wechselmodell – eine Zwischenbilanz

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Wir sind seit 11/2 Jahren getrennt. Seitdem wechselt unser gemeinsamer Sohn (jetzt drei) zwischen zwei „Zuhausen“ hin und her. Inzwischen benennt er diese selbst: „Mama-Haus“ und „Papa-Haus“ sind für ihn eine Realität: zwei Welten, die er für sich vereint – und zwischen denen er sich zurechtfinden muss. 

Wer meine Blog-Beiträge verfolgt, weiß, dass ich mir häufig Gedanken darüber mache, was – auch im Rahmen unserer Trennung – richtig und wichtig für unser Kind sein kann. Denn Eltern bleiben mein Ex-Partner und ich auf jeden Fall, darüber habe ich in einem meiner ersten Artikel zum Wechselmodell bereits geschrieben. 

Je älter unser Sohn jedoch wird und je mehr er offensichtlich nicht nur das Zusammensein mit uns, seinen jeweiligen Elternteilen, wahrnimmt, sondern eben auch das Umfeld, die Abläufe und Gepflogenheiten seiner beiden Zuhause, umso deutlicher stellt sich für mich die Frage: was bedeuten diese Wechsel von einer Welt in die andere für ihn? Auch ganz praktisch: wie ist es für ihn, z.B. montags bei seinem Vater, dienstags, mittwochs bei mir, donnerstags, freitags wieder „bei Papa“ zu schlafen? 

Heute hier, morgen dort 

Wir Erwachsenen können, z.B. im Urlaub, ja oft schon schlecht einschlafen, wenn wir auf der „falschen“ Matratze liegen. Und jeder, der viel gereist ist, kennt das leicht desorientierte Gefühl, morgens an einem Ort aufzuwachen und sekundenlang nicht zu wissen, wo man ist. Eben war ich noch in Sydney/Taipeh/Tokyo – und ein Stück weit bin ich dort immer noch, auch wenn mich das Flugzeug bereits in eine ganz andere Welt transportiert hat.

Die jeweils „andere Welt“ unseres Sohnes ist nur drei Stationen mit der Bahn entfernt. Und als „Reisebegleiter“ sind wir, seine Eltern und engsten Bezugspersonen, dabei. Also überwiegt für ihn das Positive, die Möglichkeit, dadurch zu fast gleichen Teilen Zeit mit Mama und Papa zu verbringen? Oder doch die Unruhe und die Schwierigkeit der Umstellung, die von ihm immer wieder gefordert wird? 

Bei Papa so, bei Mama anders

„Papa-Haus“ und „Mama-Haus“ sind für unser Kind eine Realität – und für uns Erwachsenen inzwischen auch. Unser Sohn reagiert darauf, indem er Vergleiche anstellt („bei Papa mache ich das so, bei Mama so“, „bei Papa gibt es das zu essen, bei Mama jenes“) und inzwischen auch schon versucht, was bei Papa erlaubt ist, auf Mamas Welt „auszudehnen“ und umgekehrt („Papa kommt immer sofort und spielt mit mir, Mama soll das auch!“). 

Was lernt er dabei? Es gibt für ihn mehrere Lebensbereiche, in denen zum Teil unterschiedliche Maßstäbe gelten – das ist im Kindergarten und bei Oma und Opa ja auch der Fall. Menschen sind verschieden, entscheiden unterschiedlich – und das ist ok. Für mich ist das gut annehmbar, solange ich das Gefühl habe, grundsätzlich ziehen mein Ex-Partner und ich als Eltern „an einem Strang“, ein respektvoller Umgang miteinander und einige klare Grenzen (z.B. jetzt mit drei, nicht mit Dingen durch die Gegend werfen, wenn man wütend ist) gelten in beiden Haushalten. Für mich schwer erträglich sind ehrlich gesagt Situationen, in denen ich das Gefühl habe, worauf ich mit Konsequenz und natürlich auch zuweilen gegen den Willen unseres Sohnes bestehe (z.B. Süßes nicht als Belohnung für erwünschtes Verhalten, Schnuller nur noch zum Einschlafen am Abend) – dafür gibt es bei Papa „Verhandlungsspielraum“. Hier sind Absprachen zwischen uns Eltern nötig und die Bereitschaft, diese von beiden Seiten aus einzuhalten. Das führt auch bei uns immer wieder einmal zu Konflikten: im Rahmen des Wechselmodells, bei dem eben nicht der „Alltag“ bei einem Elternteil der „Ausnahme-, bzw. Wochenendzeit“ beim anderen gegenüber steht, bleibt der Kontakt und die Kommunikation zwischen den Eltern extrem wichtig – das ist Herausforderung und Chance zugleich.

Papa ist nie da, wo Mama ist

Das ist die Realität aller Kinder mit getrennt lebenden Eltern, zumindest für den Großteil der Zeit. Unser Sohn bringt die Trauer darüber zum Ausdruck, indem er morgens beim Aufwachen manchmal nach Papa fragt und dann auch deutlich macht, dass er lieber mit Papa kuscheln würde als mit mir – oder auch, indem er eine Zeitlang einen Stuhl an den Esstisch stellte: das sei „Papas Stuhl“. Solche Situationen rühren in mir eigene Trauer um unsere Trennung an, aber ich versuche, unseren Sohn in seinen Gefühlen zu unterstützen und bestätige, was für ihn eben gerade gilt: Er hat „Papa-Sehnsucht“, ist traurig wegen dessen Abwesenheit und darf das auch sein. Im nächsten Moment freut er sich schon wieder über etwas anderes und ich kann mich mit ihm freuen. Was lernt unser Kind dabei? Das Leben fühlt sich manchmal fröhlich und manchmal traurig an – und beides darf sein. 

Das Wechselmodell, so wie wir es momentan praktizieren, bietet dabei einerseits Entlastung – die Trennung vom jeweils anderen Elternteil ist nie besonders lang; andererseits ist der Abschied vom anderen, bzw. die Erinnerung an die Nähe mit dem anderen dadurch oft sehr präsent, was eben auch die Sehnsucht danach weckt. Und nicht zuletzt muss sich unser Sohn – zumindest im Moment – unserem Rhythmus anpassen, das heißt, er sieht Papa oder Mama zu den Zeiten, die wir vorgeben – natürlich wäre er selbst mal lieber bei Papa in der „Mama-Zeit“ und umgekehrt. 

Von allem das Doppelte

Zwei Zuhause bedeutet Alltag an zwei Orten, mit allem, was dazu gehört: Zahnbürste und Töpfchen bei Papa und bei Mama, Lieblingsspielzeug hier und dort, Kleidung und Kuscheltier, das von A nach B wechselt usw. Das ist erst einmal eine logistische – und zum Teil auch finanzielle – Herausforderung für uns Eltern. Was bedeutet das Wechselmodell diesbezüglich für unseren Sohn? Jetzt, mit drei Jahren, aus seiner Sicht vor allem ein Extra an Spielsachen, Abwechslung, Anregung – und, was wohl am bedeutendsten für seine Entwicklung ist, zweimal die exklusive Aufmerksamkeit von Mama und Papa. Gerade fällt es ihm schwer in unserer Gegenwart auch einmal „Dritter im Bunde“ zu sein, sich einen Moment lang allein zu beschäftigen, wenn wir z.B. mit einem anderen Erwachsenen ein Gespräch führen wollen. Aber das ist vermutlich nicht in erster Linie eine Auswirkung des Wechselmodells, sondern eine Frage seines Entwicklungsstands und Temperaments und vielleicht auch dem Umstand zuzuschreiben, dass er uns, als unser einziges Kind, nach der Trennung im Alltag die meiste Zeit für sich hat. Im Kindergarten sowie beim regelmäßigen Treffen mit Freunden oder Freundinnen und deren Kindern lernt er durchaus, auch mal nicht der „Nabel der Welt“ zu sein. 

Ein (Zwischen-) Fazit

Das Wechselmodell hat offensichtlich auch für unseren Sohn Vorzüge (viel Zeit mit beiden Eltern, zwei Zuhause, die ihm viel Anregung bieten, in denen er geliebt – und zum Teil auch verwöhnt – wird…). Daneben hat es auch für ihn Folgen, die ich durchaus kritisch sehe (relativ große Unruhe im Wochenablauf, die häufige Umstellung auf andere (Wert-) Maßstäbe, rasch aufeinanderfolgend die Trennung von Mama oder Papa). Ich kann mir gut vorstellen, dass wir in der Zukunft die Wechsel zwischen seinen „Zuhausen“ in größeren Abständen gestalten oder vielleicht auch dahin zurückkehren, dass er ein „Haupt-Zuhause“ haben wird, an dem er die meiste Zeit übernachtet und dass er mit dem anderen Elternteil z.B. nachmittags oder am Wochenende Zeit verbringen wird. 

Ein Umgangsmodell muss meiner Meinung nach bis zu einem gewissen Grad flexibel bleiben können, um den Bedürfnissen der Kinder – aber auch der getrennt lebenden Eltern – gerecht zu werden. Daher sehe ich eine gerichtlich ein für alle Mal festgelegte Umgangsregelung (ob im Sinne des Wechselmodells oder eines anderen Umgangsmodells) äußerst kritisch: wenn uns die letzten 11/2 Jahre seit unserer Trennung etwas gezeigt haben, dann, dass das Leben sich nicht in starre Formen pressen lässt. Wo ich das versuche, bremse ich das Leben selbst. Struktur an sich ist sinnvoll und gibt allen Beteiligten Halt – aber sie darf nicht zum Selbstzweck werden. Insofern ist das Wechselmodell – mit all seinen Vorzügen und Nachteilen – immer nur so „gut“ wie die Menschen, die es praktizieren. Passt es für euch, dann lebt es! Falls nicht, hinterfragt es, ändert vielleicht Aspekte daran, so dass es euren Bedürfnissen und denen eures Kindes mehr entspricht – aber seht es immer als das, was es ist: ein Hilfsmittel, ein Konstrukt, das das Leben innerhalb einer getrennt lebenden Familie stützen soll – nicht Zweck des Lebens selbst! Kämpft nicht um die Art der Wechsel, der Übergaben, die Zeit, die euer Kind mit euch verbringt – kämpft dafür, dass es diese Zeit mit euch genießen kann!

Herzlich alles Gute, Sunnybee 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Glücklich sein – darf ich das?

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6 Monate, 2 Jahre oder 5 Jahre sind vergangen seit der Trennung – plötzlich merke ich: WOW, da ist ja noch verdammt viel Leben in mir! Lebenslust, ein Wollen, das sich nicht mehr (allein) auf Vergangenes richtet, sondern darauf, was die Gegenwart bringt, was in der nahen Zukunft geschehen mag! 

In meinem Bekanntenkreis allein- und getrennt erziehender Mütter sind gerade drei, die eine neue, ernsthafte Beziehung mit einem Mann eingehen, bzw. seit einigen Monaten eingegangen sind. Was oft mit einem „Mal sehen, was daraus wird!“ begonnen hatte, entwickelt sich zu einer Begegnung, bzw. einer Partnerschaft, mit der wieder echte Hoffnung verbunden ist. Bei einer Freundin weckt das sogar – für sie selbst überraschend – den Wunsch, mit diesem neuen Mann noch einmal ein Kind zu bekommen, eine (weitere) Familie zu gründen. 

Auch getrennt ist mein Leben nicht „vorbei“

Und jetzt? Wie gehe ich damit um, dass mein Leben – auch nach einer Trennung, die mich vielleicht tief erschüttert hat – natürlich nicht „vorbei“ ist? Wie gehe ich damit um, dass ich auskosten möchte, was es zu „bieten“ hat, nämlich eben Leichtigkeit, vielleicht Unvernunft, Übermut – oder eben die Möglichkeit einer neuen Liebe. 

Lebe ich mit dem Vater meines Kindes eine Form des Umgangs, die für mich längere Zeiten ohne mein Kind mit sich bringt (regelmäßig auch Nächte oder sogar jeweils eine ganze Woche, in der es nicht bei mir ist), bin ich noch stärker konfrontiert mit der Frage: wie lebe ich die Zeit, die ich ganz für mich habe? 

Sehne ich mich nach dem, was nicht (mehr) ist? Oder genieße ich die Freiräume, die meine kinderfreien Zeiten mir ermöglichen? Beschäftige ich mich in dieser Zeit gedanklich weiter mit meiner (vergangenen) Partnerschaft und dem Familienleben, das in der alten Form nicht mehr möglich ist – oder lebe ich ganz bewusst ein Leben, in dem ich erst einmal nur mich selbst zum Maßstab nehme: Passt das für mich? Dann lebe ich es!

Angst, das „Falsche“ zu tun

Getrennt, besonders mit noch kleinem Kind, verspüre ich all zu schnell die Verantwortung, nur keinen falschen Schritt in meinem „neuen“ Leben zu machen. Ich habe einen Mann kennen gelernt, für den ich ernsthafte Zuneigung spüre. Ich bin verliebt und will ihn ständig sehen – aber was „macht“ das mit meinem Kind, das häufig dabei ist? Was, wenn ich mich in zwei Jahren doch von diesem Mann trennen sollte? Verletze ich damit nicht auch mein Kind, nehme ihm eine Bezugsperson, zu der es gerade eine eigene Bindung aufgebaut hat? Oder: darf ich „feiern“ gehen, mich amüsieren, abends ausgehen, während mein Kind bei seinem Vater schläft? Darf ich mich so „unelterlich“ verhalten, zu einem Zeitpunkt, an dem manch nicht getrenntes Elternpaar weniger Freiräume ohne Kind zu Verfügung hat als ich durch dieses Modell? 

Mit anderen Worten: darf ich nicht nur das Beste aus meiner Situation als getrennt lebende Mutter oder getrennt lebender Vater machen, in dem Sinn, dass ich „den Mangel verwalte“, sondern, indem ich das mache, was tatsächlich das Beste für mich in diesem Moment ist? Darf ich so „egoistisch“ sein? Oder sorge ich damit einfach gut für mich – und letztlich auch für mein Kind?

Begegnung mit dem Leben

Ich habe selbst so eine Situation vor kurzem erlebt. Am frühen Abend – mein Sohn war bei seinem Vater – habe ich eine Veranstaltung (tatsächlich einen Info-Abend für Alleinerziehende) besucht. Beim Verlassen des Gebäudes danach war es schon dunkel. Da das Ganze in einem sehr quirligen, belebten Stadtteil stattfand, fand ich mich auf dem Heimweg zwischen partyfreudigen Studenten und entspannt vor Kiosks sitzenden Mit-Dreißigern wieder. Auf einmal war alles möglich: einen Freund anrufen und mit ihm auf ein Bier in die Kneipe nebenan? Tanzen gehen, vielleicht sogar allein, mich einfach treiben lassen und sehen, was der Abend noch bringen würde? Die Luft war lau, ich spürte Erwartung und Fröhlichkeit – und fuhr letztlich einfach nach Hause, beschwingt, obwohl ich meine Freiheit gar nicht großartig „genutzt“ hatte. Vielleicht einfach, weil ich sie erkannt hatte: ein Abschied von etwas eröffnet wirklich auch neue Möglichkeiten. Das ist manchmal überwältigend, fühlt sich zuweilen gar bedrohlich an – aber manchmal auch einfach nur wirklich GUT. 

Getrennt und damit glücklich sein? Geht – und immer wieder auch richtig gut!

Herzlichen Gruß, Sunnybee 

Familie, Partnerschaft, Persönliches

Schwamm drüber? Vom Umgang mit seelischer Verletzung

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Wie gehe ich damit um, wenn ich durch die Handlung eines anderen Menschen sehr verletzt wurde, bzw. mich sein gegenwärtiges Verhalten noch immer verletzt? In Trennungssituationen – aber natürlich nicht nur dort – bin ich häufig damit konfrontiert, dass ein mir nahestehender Mensch sich so verhält, wie ich es für mich nicht akzeptieren kann und/oder will. 

Wie reagiere ich auf erlittene Verletzung? 

Natürlich, ich kann versuchen, den anderen zu ändern, was meiner Meinung nach in etwa so vielversprechend ist, wie einer Fliege, die immer wieder gegen dieselbe Stelle einer Glasscheibe fliegt, zu raten, sich diese durchlässig zu denken… Ich bin der festen Überzeugung, dass Situationen – und auch Menschen – sich grundlegend wandeln können, aber sicher nie dann, wenn ich gerade Druck auf sie ausübe. Oder anders gesagt: Wandel geschieht, aber nicht nach meinem Fahrplan! Wie also umgehen damit, dass etwas, zumindest für den Moment, für mich unabänderlich ist? Was tun, wenn genau das so schmerzlich für mich ist, dass ich es kaum ertragen kann? 

Meiner Meinung nach kann ich an dieser Stelle versuchen, den Konflikt selbst zu verneinen, indem ich alles „in einer Harmonie-Soße ertränke“, wie ein kluger Bekannter kürzlich zu mir sagte, mich also verständnisvoll und akzeptierend gebe, wo ich eigentlich keinerlei Verständnis aufzubringen vermag. Damit erreiche ich jedoch lediglich eins: oberflächlich beseitige ich die Spannung, dies aber auf Kosten meiner Bedürfnisse und Gefühle. Und diese werden sich sicher einen Weg bahnen: sei es in latent aggressiven Sticheleien oder einer diffusen Abwehr dem anderen gegenüber. Keine gute Lösung! Gefühle sind die Wachhunde der Seele. Sie werden umso lauter, je mehr du versuchst, sie zu ignorieren. 

Umgang mit Groll und Verbitterung

Was aber, wenn die inneren Abwehrmechanismen meinen negativen Gefühlen gegenüber so stark sind, dass ich mir hartnäckig versage, sie überhaupt wahrzunehmen? Vielleicht, weil ich als Kind der „Sonnenschein“ der Familie, der vernünftige Sohn oder die pflegeleichte Tochter sein musste? Dann mag etwas in mir entstehen, das wirklich zerstörerisch in jede Form sozialen Kontakts hineinspielt: ich werde bitter. 

Verbitterung – oder auch: Groll – ist meiner Meinung nach ein höchst wirkungsvolles und dennoch nur schwer nachweisbares Gift, das jede Lebendigkeit aus meinen Beziehungen – und letztlich aus mir selbst – zieht. Groll „tarnt“ sich als (selbstgerechte) Anklage („Das tut man nicht. Das lasse ich ihm/ihr nicht durchgehen!“), als beleidigtes Jammern („Er/Sie hat mich so verletzt, wie soll ich das verzeihen?“) oder als scheinbar objektives Urteil („Der Richter/das Jugendamt/Gutachter XY hat bewiesen, dass er/sie im Unrecht ist“). Allen drei Schutzstrategien – denn nichts anderes sind Anklage, Jammern und emotionale Distanzierung – dienen letztlich einem Zweck: nicht zu fühlen, was unterhalb des Grolls zu finden ist, nämlich höchst lebendige Trauer, Wut, Verletzung – und, noch eine „Schicht“ tiefer, ein reiner, im wahren Sinne lebensvoller, Wunsch nach liebevoller Verbindung. 

Wer grollt, kann nicht vergeben

Wem ich grolle, dem kann ich nicht verzeihen. Das ist meiner Meinung nach ein Missverständnis mancher Ratgeber: demjenigen, der oder die mich verletzt hat, zu vergeben, ist sicher sinnvoll und der Weg, wie ich ihn oder sie loslassen oder einen echten Neuanfang versuchen kann. Vor der Vergebung steht jedoch, dass ich verdaut habe, was als Verletzung in mir ist. Ich muss Gefühle der Trauer, Wut oder Enttäuschung wahrnehmen und ihnen wohl auch, z.B. im Gespräch mit einem/r Therapeuten/in, in Form von Tränen oder als Tagebucheintrag, Ausdruck verleihen, um mit dem in Berührung zu kommen, was dahinter steht: eine grundlegende Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe und Verbindung.

Der Weg, mit seelischen Verletzungen umzugehen kann nicht sein, die Verletzung selbst zu verneinen („Schwamm drüber“) oder sich den Zugang zu den verletzten Gefühlen zu verbieten (Groll und Bitterkeit). Es muss der Weg sein, zu leben, was an Trauer, Wut, Schmerz und Enttäuschung da ist, um dann – vielleicht – zu der ursprünglichen Sehnsucht zurückzufinden: zu echter Verbindung, zu Austausch und Liebe, bzw. Loslassen und Verzeihen.

Herzlich alles Gute auf deinem Weg, Sunnybee 

Danke an C.R. und H.S.: Die Gespräche mit euch haben mich zu diesem Text inspiriert!

Familie, Gesellschaft, Partnerschaft, Persönliches

Die Kunst, (sich selbst) zu loben

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Ein ehrlich gemeintes Kompliment  ist etwas Wunderbares. Weil es sichtbar macht, was an Gutem da ist. Weil es die Seele stärkt und zwischen dem, der lobt und dem, der das Kompliment erhält, Herzensnähe schaffen kann: „Ich sehe dich und was ich sehe, gefällt mir!“

Dennoch fällt es vielen Erwachsenen erstaunlich schwer, andere – geschweige denn sich selbst – zu loben. Hier habe ich darüber schon einmal geschrieben. „Das steigt ihr zu Kopf!“, „Am Ende denkt er, ich wolle mich bei ihm anbiedern!“. „Eigenlob stinkt!“ So in etwa die vorgebrachten „Gründe“, ein von Herzen kommendes Kompliment gar nicht erst auszusprechen. Die Kultur des Nicht-Lobens hat in Deutschland Tradition. Liegt es am reservierten Naturell der Teutonen oder zeigt sich hier eine späte Folge der „braunen“ Ideologie der 1930er und 40er-Jahre, nach der dem „Volkskörper“ jede Verzärtelung ausgetrieben werden sollte? 

Konkret, überraschend und ehrlich gemeint

Das Loben selbst ist nämlich gar nicht so schwer. Für ein Kompliment, dass das Potential hat, von Herzen zu erfreuen, gelten eigentlich nur drei Regeln: 

  1. Es ist konkret
  2. Es überrascht
  3. Es ist ehrlich gemeint. 

Ein tolles Lob ist konkret

Also: „Der Leberfleck an deiner Schulter sieht aus wie ein Klecks Schoko-Eis. Mmmm..“ Oder: „Die Einleitung deines Vortrags hat mich begeistert. Der Vergleich Spinozas mit einem Nilpferd war wirklich originell.“ Oder: Für deinen selbstgebackenen Pflaumenkuchen würde ich bis nach XY (weit entfernter Ort) laufen: sooo lecker!“

Wem das übertrieben erscheinen mag, der sei auf Regel zwei und drei verwiesen: Ein gutes Kompliment überrascht – und es ist ehrlich gemeint. 

Ein tolles Lob überrascht

Also nicht das Kompliment für die strahlend blauen Augen, sondern vielleicht für die charmante kleine Lücke zwischen den Schneidezähnen. Oder für die Elfenohren. Oder den Leberfleck am Kinn. Und für den klugen Kopf nicht das hundertste Lob seiner einfallsreichen Gedanken, sondern ein Dankeschön, dass er Dinge so anschaulich erklärt. Oder gut zuhören kann. Oder so nett lächelt, während er doziert – was eben zutrifft. Es gilt: das Gewohnte erfreut; ein Blick für das Neue begeistert!

Ein tolles Lob ist ehrlich gemeint

Das bringt mich zum letzten Punkt meiner kleinen „Lobes-Hymne“: ein Lob, das das Potential hat, von Herzen zu erfreuen, kommt meist selbst von Herzen. Da sind die gewählten Worte zweitrangig. „Du bist einfach super!“ „Das hast du wunderbar gemacht!“ – Weder originell noch überraschend, aber mit leuchtenden Augen vorgetragen vielleicht das, was dem anderen als Glücksmoment des Tages im Gedächtnis bleibt. Letztlich gilt eben: „Ich sehe dich und was ich sehe, gefällt mir!“ Und um das deutlich zu machen reicht manchmal ein liebevoller Blick. 

Ich wünsche dir, dass du Komplimente dieser Art dir und anderen noch häufig schenkst. Danke für dein aufmerksames Mitlesen!

Herzliche Grüße, Sunnybee

PS. Magst du hier von dem schönsten Kompliment schreiben, das du in der letzten Zeit bekommen hast? Ich freue mich, von dir zu lesen! 

Familie, Partnerschaft, Persönliches

100 Bonbonsorten: Du hast die Wahl!

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In letzter Zeit beschäftigt mich immer wieder die Frage, was es bedeutet, über so viele Wahlmöglichkeiten zu verfügen, wie z.B. ich es tue.

Weiß, Mitteleuropäerin, Akademikerin, Mitte 30. Ich habe die Wahl, immer wieder, jeden Tag sicher hundert Mal – und davon bewusst wohl noch ein Dutzend Mal. Gehen oder bleiben, das Wort ergreifen oder schweigen, Treffen mit Kolleginnen und Kollegen oder der ruhige Abend zuhause? Dieser oder jener Kindergarten? Meine alte Freundin wiedersehen? Den Freund anrufen oder doch lieber warten, bis er sich meldet? Das nur ein paar der mittelgroßen Entscheidungen des Alltags. 

Eine Dimension größer dann Fragen wie: noch ein Kind oder bleibt’s bei dem einen? Mich trennen oder bleiben? Eine neue Beziehung eingehen oder erst einmal zu mir selbst zurückfinden? Der nächste Karriereschritt oder mehr Zeit fürs  Private? 

Tahiti und Lehrerinnenzölibat

Wählen zu können ist eine große Errungenschaft. Vor gut sechzig Jahren hätte ich z.B. meinen Beruf als Lehrerin nur ohne Kind ausüben können. Das Lehrerinnenzölibat wurde erst 1956 (!) in allen Bundesländern abgeschafft. Davor galt: diene dem Staat oder deinem Manne, dem Fräulein am Pult wurde mit dem – qua Ehe offiziell gemachten – Eingeständnis sexueller Aktivität jede pädagogische Kompetenz abgesprochen, bzw. sollte es diese fortan nur noch den eigenen Sprösslingen zukommen lassen… 

Jawohl, ich habe heute, im Jahr 2018, die Wahl, meinen Beruf auszuüben und ein Kind zu haben – oder mich, jedenfalls vor seiner Geburt, für eines von beidem zu entscheiden. Ich habe die Wahl, nach einer Trennung wieder eine Beziehung einzugehen oder auch nicht, ich sitze – bildlich gesprochen – am Steuer meiner Lebenskutsche und ob ich rechts oder links abbiege, stehen bleibe oder gar rückwärts fahre, bleibt mir ganz selbst überlassen. 

Natürlich, getrennt erziehend mit Kind, kann ich nicht plötzlich ein „neues Leben“ auf Tahiti beginnen und ich sollte auch kleinere Entscheidungen in dem Bewusstsein treffen, dass ich Verantwortung für (mindestens) eine weitere Person habe: für mein Kind. Und damit komme ich zur Kehrseite der Medaille: Wählen kann man nicht vermeiden. Das heißt, ich kann nicht nur wählen, ich muss es auch tun. 

Tomatensauce und Partnerschaft 

Ein mir lieber Bekannter hat kürzlich den Begriff der „Multioptionalität“ mir gegenüber erwähnt: hundert Möglichkeiten und eine soll es werden. Aber welche? Was, wenn die gewählte nicht die beste ist?! (Zu) große Wahlmöglichkeit, bzw. der Versuch, sich diese immer weiter zu erhalten, kann verdammt unentschlossen machen. Dann stehe ich vor dem Tomatensaucenregal und kann mich fünf Minuten lang nicht entscheiden. Oder – einiges gravierender – ich beginne Menschen zu „testen“, um z.B. den besten Beziehungspartner oder die ideale Freundin zu finden. Müßig, zu erwähnen, dass letztgenannter Versuch sehr leicht nach hinten losgehen kann: dann stehe ich statt vor der „Qual der Wahl“ auf einmal ganz alleine da – Menschen lassen sich nun einmal nicht gern vergleichen wie Suppenpulver. 

Sich nicht entscheiden zu können – im Großen wie im Kleinen – hat sicher mit äußerem Überangebot zu tun. Mindestens gleich viel jedoch mit der Furcht, sich ein für alle Mal – und dann womöglich falsch – festzulegen. Angst vor Bindung, der Anspruch von Perfektion an sich und an andere, Furcht vor Erwartungen, die mit einer einmal getroffenen Entscheidung an einen herangetragen werden könnten – das sind sicher alles Gründe, warum die Möglichkeit zur Wahl zuweilen als quälend empfunden wird. 

Entschlossen sein erleichtert

Bei meinem Kind habe ich einmal ganz klar „Ja“ gesagt – und merke, wie tragend es ist, dass ich mich in diesem Punkt festgelegt habe. Die Liebe, die ich hier spüre, ist für mich nicht verhandelbar. Von meinem Kind kann und will ich mich nicht trennen. In dieser Weise entschlossen zu sein reduziert die Wahlmöglichkeiten ganz gewaltig – und fühlt sich in tiefer Weise erleichternd an. 

Nur ist das Leben leider – und zum Glück – in vielen Dingen nicht so eindeutig. Partnerschaft, Beruf, Wohnort und Lebensstil: 100 Bonbonsorten und keiner wählt für dich. Frei nach Watzlawick: du kannst nicht nicht wählen. Also hole tief Luft und entscheide dich – oder werde dir zumindest bewusst, warum du es (bisher) nicht tust!…

Herzlich, Sunnybee

PS. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick prägte Mitte des letzten Jahrhunderts den Satz: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Jeder Versuch, Kommunikation zu vermeiden sei wieder eine Form der Kommunikation. Meiner Meinung verhält es sich ähnlich mit dem Versuch, nicht zu wählen. Auch dabei entscheide ich mich – wenn vielleicht auch nur halb bewusst – für etwas: nämlich dafür, andere für mich wählen zu lassen. Falls ich das tue, ist es sicher wertvoll, sich die Frage zu stellen, warum. 😉