Familie, Partnerschaft, Persönliches

100 Bonbonsorten: Du hast die Wahl!

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In letzter Zeit beschäftigt mich immer wieder die Frage, was es bedeutet, über so viele Wahlmöglichkeiten zu verfügen, wie z.B. ich es tue.

Weiß, Mitteleuropäerin, Akademikerin, Mitte 30. Ich habe die Wahl, immer wieder, jeden Tag sicher hundert Mal – und davon bewusst wohl noch ein Dutzend Mal. Gehen oder bleiben, das Wort ergreifen oder schweigen, Treffen mit Kolleginnen und Kollegen oder der ruhige Abend zuhause? Dieser oder jener Kindergarten? Meine alte Freundin wiedersehen? Den Freund anrufen oder doch lieber warten, bis er sich meldet? Das nur ein paar der mittelgroßen Entscheidungen des Alltags. 

Eine Dimension größer dann Fragen wie: noch ein Kind oder bleibt’s bei dem einen? Mich trennen oder bleiben? Eine neue Beziehung eingehen oder erst einmal zu mir selbst zurückfinden? Der nächste Karriereschritt oder mehr Zeit fürs  Private? 

Tahiti und Lehrerinnenzölibat

Wählen zu können ist eine große Errungenschaft. Vor gut sechzig Jahren hätte ich z.B. meinen Beruf als Lehrerin nur ohne Kind ausüben können. Das Lehrerinnenzölibat wurde erst 1956 (!) in allen Bundesländern abgeschafft. Davor galt: diene dem Staat oder deinem Manne, dem Fräulein am Pult wurde mit dem – qua Ehe offiziell gemachten – Eingeständnis sexueller Aktivität jede pädagogische Kompetenz abgesprochen, bzw. sollte es diese fortan nur noch den eigenen Sprösslingen zukommen lassen… 

Jawohl, ich habe heute, im Jahr 2018, die Wahl, meinen Beruf auszuüben und ein Kind zu haben – oder mich, jedenfalls vor seiner Geburt, für eines von beidem zu entscheiden. Ich habe die Wahl, nach einer Trennung wieder eine Beziehung einzugehen oder auch nicht, ich sitze – bildlich gesprochen – am Steuer meiner Lebenskutsche und ob ich rechts oder links abbiege, stehen bleibe oder gar rückwärts fahre, bleibt mir ganz selbst überlassen. 

Natürlich, getrennt erziehend mit Kind, kann ich nicht plötzlich ein „neues Leben“ auf Tahiti beginnen und ich sollte auch kleinere Entscheidungen in dem Bewusstsein treffen, dass ich Verantwortung für (mindestens) eine weitere Person habe: für mein Kind. Und damit komme ich zur Kehrseite der Medaille: Wählen kann man nicht vermeiden. Das heißt, ich kann nicht nur wählen, ich muss es auch tun. 

Tomatensauce und Partnerschaft 

Ein mir lieber Bekannter hat kürzlich den Begriff der „Multioptionalität“ mir gegenüber erwähnt: hundert Möglichkeiten und eine soll es werden. Aber welche? Was, wenn die gewählte nicht die beste ist?! (Zu) große Wahlmöglichkeit, bzw. der Versuch, sich diese immer weiter zu erhalten, kann verdammt unentschlossen machen. Dann stehe ich vor dem Tomatensaucenregal und kann mich fünf Minuten lang nicht entscheiden. Oder – einiges gravierender – ich beginne Menschen zu „testen“, um z.B. den besten Beziehungspartner oder die ideale Freundin zu finden. Müßig, zu erwähnen, dass letztgenannter Versuch sehr leicht nach hinten losgehen kann: dann stehe ich statt vor der „Qual der Wahl“ auf einmal ganz alleine da – Menschen lassen sich nun einmal nicht gern vergleichen wie Suppenpulver. 

Sich nicht entscheiden zu können – im Großen wie im Kleinen – hat sicher mit äußerem Überangebot zu tun. Mindestens gleich viel jedoch mit der Furcht, sich ein für alle Mal – und dann womöglich falsch – festzulegen. Angst vor Bindung, der Anspruch von Perfektion an sich und an andere, Furcht vor Erwartungen, die mit einer einmal getroffenen Entscheidung an einen herangetragen werden könnten – das sind sicher alles Gründe, warum die Möglichkeit zur Wahl zuweilen als quälend empfunden wird. 

Entschlossen sein erleichtert

Bei meinem Kind habe ich einmal ganz klar „Ja“ gesagt – und merke, wie tragend es ist, dass ich mich in diesem Punkt festgelegt habe. Die Liebe, die ich hier spüre, ist für mich nicht verhandelbar. Von meinem Kind kann und will ich mich nicht trennen. In dieser Weise entschlossen zu sein reduziert die Wahlmöglichkeiten ganz gewaltig – und fühlt sich in tiefer Weise erleichternd an. 

Nur ist das Leben leider – und zum Glück – in vielen Dingen nicht so eindeutig. Partnerschaft, Beruf, Wohnort und Lebensstil: 100 Bonbonsorten und keiner wählt für dich. Frei nach Watzlawick: du kannst nicht nicht wählen. Also hole tief Luft und entscheide dich – oder werde dir zumindest bewusst, warum du es (bisher) nicht tust!…

Herzlich, Sunnybee

PS. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick prägte Mitte des letzten Jahrhunderts den Satz: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Jeder Versuch, Kommunikation zu vermeiden sei wieder eine Form der Kommunikation. Meiner Meinung verhält es sich ähnlich mit dem Versuch, nicht zu wählen. Auch dabei entscheide ich mich – wenn vielleicht auch nur halb bewusst – für etwas: nämlich dafür, andere für mich wählen zu lassen. Falls ich das tue, ist es sicher wertvoll, sich die Frage zu stellen, warum. 😉

alleinerziehend, Beruf, Familie, Gesellschaft

Des Pudels Kern – Goethes „Faust“, unser Kindergarten und ich

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Ich lebe im Luxus. Ich habe ein wunderbares Kind und einen Beruf, der mir gefällt. Ich verdiene mein eigenes Geld, kann mich dennoch häufig um meinen Sohn kümmern und in der letzten Zeit habe ich sogar noch mitten am Tag Zeit für mich!

Unser Sohn geht seit Ende August in den Kindergarten. Dieser bietet eine Betreuung von 7.30-16.30 Uhr. Unser Sohn geht offensichtlich gern dort hin. Soweit ich es bisher überblicke, machen die Erzieherinnen und die Kita-Leitung ihre Arbeit wirklich gut. Allein in die Gruppe unseres Sohnes wurden zu Beginn des Kindergartenjahres acht (!) neue Kinder aufgenommen. Drei Erzieherinnen teilen sich die Betreuung für 20 Kinder zwischen drei und sechs Jahren, spielen, malen und basteln mit den Kindern, lesen vor, gehen mit den Kleinen aufs Klo und trösten Kinder, die hingefallen sind oder gerade Heimweh haben. Sie richten das Mittagessen an, sprechen mit Eltern, führen Telefonate, besprechen und dokumentieren die Ereignisse des Tages und planen die Aktivitäten des nächsten.

Und diese engagierten Frauen (zumindest in unserem Kindergarten sind es immer noch ausschließlich Frauen) ermöglichen Frauen wie mir, einen Beruf auszuüben, den wiederum ich gewählt habe, der mich herausfordert und in guten Momenten auch erfüllt, der mir ermöglicht, mein eigenes Geld zu verdienen und mich z.B. mittags um eins eine Stunde lang in Goethes „Faust“ zu vertiefen:

Dass ich erkenne, was die Welt/ im Innersten zusammenhält“, lese ich. Und: „Wie alles sich zum Ganzen webt,/Eins in dem anderen wirkt und lebt!“ Doktor Faustus’ Suche nach einem tieferen Sinn, nach dem Grundlegenden hinter der Materie, das sich ihm trotz – oder gerade aufgrund? – angehäufter Gelehrsamkeit nicht erschließt, berührt mich.

Bekanntermaßen verleitet ihn sein Wissensdurst zum Pakt mit dem Teufel selbst. Dieser bemerkt zu Beginn des Dramas im „Prolog im Himmel“ halb mitfühlend, halb mit zynischer Freude:

Ich sehe nur, wie sich die Menschen plagen. / Der kleine Gott der Welt bleibt stets von gleichem Schlag, / Und ist so wunderlich als wie am ersten Tag. / Ein wenig besser würd er leben, / Hättst du ihm nicht den Schein des Himmelslichts gegeben; / Er nennt’s Vernunft und braucht’s allein, / Nur tierischer als jedes Tier zu sein.

Da stehe ich nun, nicht als männlicher, von Wissensdurst geplagter Gelehrter, sondern als Frau, Mutter und Akademikerin. Was in Goethes „Faust“ noch unmöglich ist (Gretchen wird bekanntlich unverheiratet schwanger, als sie ihrer Liebe zu Faust folgt und ist dadurch sozial gebrandmarkt), ist für mich in der heutigen Zeit durchaus vereinbar: ich wurde schwanger, lebe inzwischen vom Vater meines Kindes getrennt und übe zugleich einen Beruf aus. Ich bin als Frau und Mutter durch mein Gefühl und meine Körperlichkeit bestimmt und nutze zugleich lust- (und manchmal auch leidvoll) meinen Intellekt. 

Das alles dank eines Netzes von – immer noch zum Großteil weiblichen – UnterstützerInnen in Kindertagesstätten, Kindergärten, Nachmittagsbetreuung und (später) offener Ganztagsschule. 

Wie Dr. Faustus will ich viel – und zahle wie er auch meinen Preis dafür. Das Ziehen im Herzen, wenn mein Sohn bei der Verabschiedung im Kindergarten doch einmal weint, ich aber eine halbe Stunde später bei der Arbeit sein muss und daher nicht für ihn da sein kann. Das Jonglieren mit Themen, die eigentlich unvereinbar sind: Schulcurricula und Windelentwöhnung, Biene Maja und mündliches Abitur. Und nicht zuletzt die Frage: Ergibt das, was ich da lebe, auch einen Sinn?

Es irrt der Mensch, solang er strebt“: den Satz legt Goethe Gott selbst in den Mund im oben bereits erwähnten „Prolog im Himmel“. Und so stehe ich denn da mit Hoffnung und Zweifel, manchmal, wie heute, mit dem Gefühl von Dankbarkeit und Fülle – dann wieder erfüllt von der Furcht, dass etwas fehlt, bzw. dass, zuviel gewollt, nichts richtig gelingen könnte.

Wir modernen akademisch gebildeten Frauen sind Faust und Gretchen, im Spagat zwischen Glauben und Wissen, Vertrauen und Zweifel, immer auf der Suche nach „des Pudels Kern“. Mit der Möglichkeit zu wählen und der Freiheit, die Welt (mit) zu gestalten – und der Herausforderung mit beidem umzugehen. 

Wie lebst du dein Leben zwischen Beruf und Kind, Intellekt und Gefühl? Wenn du magst, schreib mir dazu in einem Kommentar!

Herzlich, Sunnybee