alleinerziehend, Beruf, Familie, Persönliches

Mistress Proper?

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Alleinerziehend zu sein bedeutet: stark sein zu müssen.

Es kostet Kraft, Alltagsdinge wie Einkäufe, Behördengänge, Banktermine jeden Tag alleine zu erledigen, bzw. sich für Dinge wie Reifenwechsel, Reparaturen im Haushalt oder die Steuererklärung das nötige Know-how zu verschaffen oder professionelle Unterstützung zu organisieren.

Es kostet auch Kraft, die kleinen und größeren Alltagsgedanken und -sorgen mit sich selbst auszumachen. Freunde sind zuverlässig da, „wenn es brennt“, aber im Alltag oft mit ihrem eigenen Leben, Familie und Beruf beschäftigt. Auch ganz praktisch körperlich muss ich als allein lebende und alleinerziehende Frau „stark“ sein: wie viele Male in der Woche schleppe ich Einkaufstüten, wuchte den Kinderwagen über Treppenstufen und U-Bahn-Schwellen oder trage 18kg Kind in den 3. Stock…

Immer stark sein?

Dies soll kein Lamento werden à la „So schwer haben wir es als Alleinerziehende“, auch wenn sich das Leben, getrennt lebend und mit Kind, manchmal tatsächlich nicht leicht anfühlt. Mich interessiert vielmehr: wie gehe ich mit diesem Gefühl um, eigentlich immer „stark“ sein zu müssen, oft kein wirkliches Ventil für all die anderen Gefühle und Sehnsüchte zu haben: Wut, Trauer, Verzagtheit oder Erschöpfung, aber auch Lebensfreude, Humor, Neugier, Entdeckerlust, die mich als Frau ebenfalls ausmachen.

Ich habe (z.B. hier und hier) im Blog schon darüber geschrieben, was ich persönlich tue, um meine innere Leichtigkeit und Freude, Ruhe und Gelassenheit wieder zu finden. Manchmal gelingt es mir gut, meinen eigenen „Ratschlägen“ zu folgen, manchmal weniger…;-) Was ich hier betrachten möchte, ist: wie gehe ich damit um, wenn mich spürbar die Erschöpfung überwältigt, ich mit körperlicher und/oder seelischer Überforderung konfrontiert bin? Wie reagiere ich, wenn „ansteht“, schwach zu sein?

Schwach sein zu können ist eine Stärke

Krankheit (der berühmte „Rücken“, aber oft schon drei Tage grippeartige Erkältung mit hohem Fieber) zeigen mir sehr deutlich: kann ich nur stark oder auch schwach sein? Wie reagieren „wir“ Alleinerziehenden denn, wenn wir spüren, wir drohen krank zu werden? Oft doch mit dem Anspruch: „wird schon gehen“ – von Globuli bis Antibiotika, jede hat so ihre Mittelchen, um im Alltag nicht „auszufallen“. Und es „muss“ ja auch gehen: wir haben Verantwortung unseren Kindern, unseren Arbeitgebern und anderen Menschen, die von uns abhängen, gegenüber. Und wir sind es zudem oft so gewohnt, Stärke (körperliche und seelische) zu kultivieren, dass wir am Ende fast in Panik verfallen, wenn eben diese Stärke uns zu verlassen droht.

Wie zeigt sich diese Panik? Allzu oft doch im Versuch „noch stärker“ zu sein. Der Mutter der stark verschnupften Kita-Freundin würden wir am liebsten das Sagrotan-Fläschchen in die Hand drücken, damit sich unser Kind nicht ansteckt. Oder ein: „Geht schon, ich komm’ zurecht“, auch wenn eigentlich gar nichts mehr geht. Oder wütende Ausfälle gegen Ex-Partner, Jugendamt und Co, die einem „das Leben zur Hölle“ machen wollen. Schwach zu sein fühlt sich nicht schön an. Angriff und Kontrolle, oder aber Flucht und Rückzug, sind wohl noch immer in uns einprogrammiert, wenn wir uns bedroht fühlen. Und was anderes als eine Bedrohung ist das Gefühl von Schwäche in einem Leben, das so absolut nötig zu machen scheint, stark zu sein?

Leben mit allen Facetten

Ich will hier nicht dafür plädieren, sich haltlos Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit hinzugeben. Auch kein: „Ich bin so schwach, ich kann eh nichts tun!“
Aber wie reagieren wir, wenn tatsächlich mal nichts mehr geht? 40 Grad Fieber und das eine Woche lang? Autounfall und ein gebrochenes Bein? Oder seelische Schwere, die uns so gefangen hält, dass einfach nichts mehr möglich ist? Für unsere Kinder – und letztlich für uns selbst – suchen wir uns in diesen Extremsituationen doch meist Hilfe. Dann reist doch die Mutter aus 300km Entfernung an. Wir holen uns bei einer Beratungsstelle Unterstützung oder gehen zur Mutter-Kind-Kur. Wenn „nichts mehr geht“, bewegt sich oft gerade etwas…

Warum die Stärke, die wir offensichtlich in solchen Momenten existentieller Schwäche mobilisieren können, nicht bereits nutzen, wenn es uns nur mal „nicht so gut“ geht? Indem wir uns bereits da einen Tee kochen und ihn, wenn die Kinder im Bett sind, wirklich genießen; indem wir uns bewusst mit Menschen verabreden und austauschen, durch deren Gegenwart wir uns gestärkt fühlen – und den Kontakt zu denen, die uns schwächen, auf ein Minimum beschränken? Schwäche fordert oft Klarheit heraus: Was ist mir wirklich wichtig? Wofür mag ich mich wirklich einsetzen, wofür mag ich kämpfen – und was lohnt meine Anstrengung, meine Bereitschaft letztlich nicht? Schwach sein, auch wirklich körperlich, macht mich im besten Fall ehrlich: zu mir und zu anderen.

Keine „Mistress Proper“, die alles im Griff hat, eher eine wirklich starke Frau mit allen Facetten!:-)

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Sex… äh, Zoo mit dem Ex

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Über Sex mit dem Ex gibt es (online) gefühlt mehrere Ratgeberregalmeter: „Bringt nix: (selbst-) verletzend.“ – „Warum nicht?“ – „Bloß nicht!“

Über Zoo mit dem Ex konnte ich bisher nichts finden. Dabei kann die Frage durchaus relevant werden, jedenfalls, wenn man als Paar getrennt, jedoch nicht völlig zerstritten und Eltern eines gemeinsamen Kindes ist.

Alternativ zu „Zoo“ könnte ich einsetzen:
– Geburtstagsfrühstück mit Ex und (Geburtstags-) Kind
– Spiel(viertel)stunde des Ex mit Kind in ursprünglich gemeinsamer Wohnung im Kontext der Übergaben
– Abendliche Telefonate von Ex zu Ex.

Kein Sex. Aber – ja, ja, ja – Intimität. Weil sich ein Zoobesuch, ein Jahr nach der Trennung und harmonisch verlaufend, wie „Familie sein“ anfühlt und die Sehnsucht danach auf einmal wieder da ist? Weil das bei einem Geburtstagsfrühstück oder spontaner Spiel(viertel)stunde des Ex in der ehemals gemeinsamen Wohnung nicht anders ist, dazu jedoch noch das Konfliktpotential hinzukommt: „Du hast schon wieder…“ „Das ist wie damals, als…“, „Immer musst du…“. Und zuletzt, weil abendliche Telefonate naturgemäß dann stattfinden, wenn beide Parteien, erschöpft vom Tag, tendenziell offen und anlehnungsbedürftig, aber auch dünnhäutig und gereizt sind und dementsprechend auf mögliche aufkommende (Ex-) Beziehungsthemen reagieren.

Position 1: „Bringt nix: (selbst-) verletzend. Bloß nicht!“

Aus oben genannten Gründen: solange noch Wehmut über das Ende – oder gar Hoffnung auf ein Neuaufleben – der Beziehung besteht, Finger weg von allen Aktivitäten, die sich auch nur entfernt „beziehungsartig“ anfühlen! Ebenso, wenn noch ungeklärte Konflikte bestehen, die in den oben genannten Situationen allzu leicht wieder hochkochen können. Guter Indikator, ob man dem Ex-Partner wirklich neutral gegenüber steht: fühlen sich solche Momente der Nähe – denn das sind sie natürlich – einfach entspannt und freundschaftlich an? Oder ist da noch eine Spannung irgendwelcher Art (egal ob Anziehung oder Gereiztheit) und bleibt nach der Begegnung ein Gefühl von Verwirrung oder gar Sehnsucht – dann bist du noch nicht wirklich über den/die Ex hinweg. Aktivitäten wie die oben beschriebenen reißen dann nur Wunden auf, die sich gerade erst geschlossen haben und hindern dich am „Weitergehen“ zu einer möglichen neuen, hoffentlich freudvolleren, Beziehung. In all diesen Fällen: Sorge gut für dich – und lass es sein!:-)

Position 2: „Warum nicht?“

Ja, warum eigentlich nicht? Selbst wenn noch nicht alles 100% bereinigt, geklärt und neutral zwischen euch ist? Wird es das denn je sein – vor allem mit gemeinsamem Kind, das euch von Anfang an eine vollständige Trennung nicht möglich gemacht hat? Ist es da vielleicht sogar sinnvoll, den Umgang mit aufkommenden ambivalenten Gefühlen sozusagen zu „üben“? Die Konfrontation auch mit eigenen, noch bestehenden Sehnsüchten und Wünschen: bin ich nach einem „familienähnlichen“ Zoobesuch traurig, zeigt mir das eben, dass ich tatsächlich betrauere, dass mein Ex-Partner, unser Kind und ich nie (wieder) eine „heile Familie“ sein werden, als Vater-Mutter-Kind… und will ich mit meinem Ex-Partner tatsächlich eine Freundschaft aufbauen, ist vielleicht genau dieses Gefühl – und das Gespräch darüber – eine Basis dafür.

Ein schmaler Grat

Der berühmte schmale Grat wohl zwischen – tatsächlich – Selbstverletzung und vielleicht auch Selbstbetrug („so tun, als ob alles gut sei“) – und großer Offenheit sich selbst gegenüber und dem, was möglich ist. Dann kann „Zoo mit dem Ex“ freudvoll sein und doch Anlass zu einer Spur Wehmut geben – und beides ist okay. Beides ist auch erhellend in der Phase des Übergangs, in der die Beziehung klar beendet ist, die Gefühle jedoch sich erst endgültig sortieren müssen – auf beiden Seiten.

Hast du eine Meinung dazu? Ich freue mich über deinen Kommentar!

[PS. Wem’s aufgefallen ist: „Ex, Ex, Ex“ – Tribut an die Melodie des Textes, nicht mein persönlicher Sprachgebrauch… Zum Thema „Wie spreche ich über meine/n Nicht-Mehr-Partner/in“ habe ich hier mehr geschrieben:-)]

alleinerziehend, Partnerschaft, Persönliches

Lego your Ego – Vom Segen, nicht „Recht“ zu haben

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Kürzlich telefonierte ich mit dem Vater meines Sohnes – und auf einmal unterhielten wir uns über unsere, vor etwa einem Jahr beendete, Beziehung.

„Wir waren wie Feuer und Öl“, meinte mein ehemaliger Freund: „Öl belebt die Flammen, aber passt man nicht auf, verursachen die beiden ruckzuck einen Flächenbrand…“ Unwillkürlich dachte ich an Momente der Nähe und „feurige“ Leidenschaft – aber eben auch an hitzige, Leid schaffende Diskussionen. Und lachend, wenn auch mit einer Spur Wehmut im Herzen, musste ich ihm Recht geben.

Wer hat Recht?

Tatsächlich hatten sich unsere Streitigkeiten oft daran entzündet, wer von uns ‚Recht’ hatte – bei Themen, bei denen es eigentlich kein Falsch und Richtig gab: wie laut und wild sollte der eine abends noch mit unserem Sohn durch die Wohnung toben? Hatte der andere das ‚Recht‘ auf Ruhe oder sollte er sich nicht so „anstellen“? Was, wenn das freudig erwartete Essen zu dritt in die Binsen ging, weil unser Kleiner, aufgedreht, wie er abends war, lieber mit Nudeln um sich schmiss, als sie zu essen? Gab es ein ‚Recht‘ auf Zweisamkeit, auf Erholung, ungeteilte Aufmerksamkeit, Unterhaltung?

Im Rückblick kann ich mir kaum noch erklären, warum wir so erbittert stritten. Am ehesten wohl, weil uns irgendwann das Gefühl abhandenkam: hier achtet der andere, was ich für unsere Partnerschaft und Familie tue, hier werde ich geschätzt wie ich bin und darf sein, wie es mir entspricht. Statt „Wir gegen die Welt“ wurde unsere Beziehung ein „Wir gegeneinander“. Eine bittere Erfahrung und sicher ein Grund unseres Scheiterns.

Lego your Ego

Vor wenigen Tagen bin ich an oben abgebildeter „Straßenkunst“ vorbeigekommen: „Lego your Ego – Mehr Liebe“. Ich musste lächeln, zückte meine Kamera – das Ergebnis seht ihr hier! Und ich blieb stehen mit dem Gedanken: was für eine große Aufgabe, statt Recht haben zu wollen immer wieder wahrzunehmen: darum geht es mir eigentlich! Das Bedürfnis hinter den Fragen, Vorwürfen, Forderungen: „Warum tust du…?“ „Immer machst du…!“ „Nie willst du…!“ Was erhoffe ich mir tief innen dadurch? Anerkennung? Sicherheit? Unabhängigkeit?

Vielleicht hilft ein Augenzwinkern, um das Ego zumindest zeitweilig auf Legomännchengröße zu schrumpfen. Um wieder zu erkennen: Darum geht es eigentlich! Das wünsche ich mir, danach sehne ich mich – und was kann ich, gegebenenfalls auch ohne den anderen, tun, um mir diese Sehnsucht zu erfüllen?

„Mehr Liebe“ – und nicht der Kampf um’s Recht, wo es gar kein Falsch und Richtig gibt.

alleinerziehend, Partnerschaft

Klarheit. Gelassenheit. Freude – vom Umgang mit seelischem Schmerz

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Kürzlich sagte ein Bekannter zu mir:

„Vor dunklem Hintergrund leuchten helle Farben umso stärker.“

Wir hatten uns über Trennungen unterhalten, über die damit einhergehenden Verletzungen und was sich daraus für das weitere Leben ergeben kann.

Allein die Frage „Was kann sich daraus ergeben?“ legt ja bereits zwei Dinge nahe:

  1. Der Schmerz ist nicht der letzte Teil des Weges.
  2. Der Schmerz ist Teil des Weges.

Ich möchte hier eine kleine „Meditation“ versuchen über den seelischen Schmerz sowie den Versuch, einen Weg aus diesem Schmerz zu beschreiben, anhand dreier „Wegweiser“: Klarheit – Gelassenheit – Freude.

Klarheit

Am Anfang ist alles. Und nichts ist klar. Ich spreche von Momenten, in denen du in Aktionismus verfällst, um nicht fühlen zu müssen; – oder ganz erstarrt bist und meinst, nie mehr fühlen zu können. Momente, in denen du Schokolade frisst, weil sonst nichts süß und verfügbar ist. Weil es in dir ächzt nach der Berührung des einen, geliebten Menschen, der dich nicht mehr berührt. Momente, in denen du dich nicht wiederkennst, in denen alles roh ist und geöffnet und du ausbrichst in heiße Wut oder haltloses Schluchzen. In denen alles, was geordnet war, auf einmal nicht mehr wahr ist und du keine Ahnung hast, wie du von hier aus je wieder einen „Weg“ finden sollst. Die Schweizer Psychologin Verena Kast nennt diese Zeiten das „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ und das anschließende „Aufbrechen der Gefühle“.

Was hilft?

Ich würde sagen: Raum. Gib ihn dir selbst, so dass alles sein darf, was ist (Wut, Verhandelnwollen, Sehnsucht oder Schmerz). Und wenn du bei einer oder einem bist, der durch diese Zeit geht, lass alles da sein, was dir entgegenschlägt. Zorn, Trauer, Verletztheit: Bewerte nicht, gib keine Ratschläge, sei ein stiller, liebevoller Begleiter. Ein klarer Himmel entsteht nicht dadurch, dass man die Wolken zurückhält, sondern dadurch, dass sie sich ausregnen können!:-)

Gelassenheit

Wenn du aus dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, dem Zorn und dem Hadern heraus bist, kommt oft eine Phase, die kaum leichter zu ertragen ist: du bist erschöpft. Es reicht. Du meinst, deine Kräfte schwinden: nach zwei, drei, fünfzehn Monaten Kampf mit dir, dem Ex-Partner, dem Leben, geht jetzt nichts mehr. Du drohst in tiefe, lähmende Trübheit zu versinken. Weniger Trauer als bittere Lethargie: „Wozu das alles?“ „Warum weitermachen?“ „Es ist so schwer, ich will keinen Schritt weitergehen“.

Was hilft?

Ich würde sagen: Zeit. Gib sie dir selbst, so dass du merken kannst: auch die lähmendste Erschöpfung ist immer nur ein „Zwischenstand“. Und wenn du eine oder einen begleitest, der durch diese Zeit geht: er oder sie muss nichts „machen“. Der Weg zeigt sich ganz von selbst, er oder sie muss jetzt gerade nicht „tatkräftig“ sein. Manchmal steht einfach geduldiges Warten an. Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.

Freude

Und dann lichten sie sich tatsächlich, ganz allmählich, die dunklen, tief hängenden Wolken und eine Ahnung – endlich wieder – von Leichtigkeit hält Einzug in dein Leben. Plötzlich hast du gelacht, richtig aus dem Herzen heraus, wie seit Monaten nicht mehr. Oder du isst ein Eis in der Sonne an einem Ort, an dem ihr schon einmal gemeinsam wart und da ist auf einmal vor allem das Eis – und nicht mehr der Schmerz darüber, dass ihr nicht mehr gemeinsam dort seid.

Was hilft?

Was hilft dieser ersten, wieder aufkeimenden Leichtigkeit? Freu dich an ihr! Nimm sie an, ohne Hintergedanken. Ohne Furcht: das kann doch gar nicht sein?Auch ohne Schuldgefühle: das darf doch gar nicht sein!… Und wenn du einen oder eine durch diese Zeit begleitest: freu dich mit an jedem zarten Pflänzchen. Es wächst schon allein dadurch, dass du diese Freude teilst!

Und so kehrst du am Ende vielleicht tatsächlich zu der Erkenntnis zurück:

„Vor dunklem Hintergrund leuchten helle Farben umso stärker.“

Und:

Der Schmerz ist Teil des Weges. 

Der Schmerz ist nicht der letzte Teil des Weges.

In diesem Sinn: herzlich alles Gute auf deinem Weg!

 

Weitere Informationen zu den Trauerphasen nach Verena Kast sowie Hinweise für den Umgang mit Trauer bei Kindern findest du hier.

 

alleinerziehend, Beruf, Familie, Gesellschaft

Hanno S.: „Wenn etwas stirbt, macht es auch Platz für Neues“

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Als ich Hanno S. kennenlerne, fallen mir als erstes seine wirklich leuchtenden Augen auf. Spontan frage ich ihn, ob er bei meiner Reihe „Working Moms & Dads“ mitmachen möchte. Als Seelsorger einer christlichen Gemeinde organisiert er seit etwa einem Jahr einen monatlichen Frühstückstreff für Alleinerziehende, bei dem wir uns auch begegnet sind. Er hat zwei Kinder, von deren Mutter er seit 2014 getrennt lebt. 

Lieber Hanno,

du bist berufstätig und hast Kinder. Wie würdest du deinen Kindern deinen Beruf erklären?

Ich glaube, den muss ich ihnen gar nicht erklären, sie sind damit mehr oder weniger aufgewachsen. Mein Arbeitgeber ist so familienfreundlich, dass ich bei den allermeisten Veranstaltungen die Kinder mitnehmen kann – und so erübrigt sich dann häufig der Babysitter… Von daher wissen sie, was ich mache. Inzwischen sagen sie nur manchmal: „Oh, nicht schon wieder, ich will nicht mit“ – in diesem Fall in die Kirche!… [lacht] Dadurch, dass ich auch abends und am Wochenende beschäftigt bin, weil ich eben viel mit Menschen arbeite, die tagsüber berufstätig sind, habe ich häufig auch Termine, wenn die Kinder da sind. Es nervt sie dann, dass ich die Zeit nicht mit ihnen verbringen kann. Da ich mit meiner ehemaligen Frau das Wechselmodell praktiziere (die Kinder sind eine Woche bei ihr, eine Woche bei mir), versuche ich allerdings, möglichst sämtliche Abendtermine auf die Zeit zu legen, in der die Kinder nicht bei mir sind, so dass ich in der anderen Woche mehr Zeit für sie habe.

Du sagst, der kirchliche Bezug spielt bei deiner Arbeit eine wichtige Rolle. Nehmen deine Kinder das wahr und stellen z.B. Fragen dazu? Deinen vorherigen Beruf als Journalist haben sie wohl (noch) nicht so intensiv kennengelernt?

Auch meinen Beruf als Journalist haben sie kennengelernt, aber nicht so intensiv. Das war eben ein reiner Bürojob: ich war tagsüber weg und am späten Nachmittag wieder da. Von daher haben sie inhaltlich nicht so viel mitgekriegt, vielleicht das ein oder andere Ergebnis gesehen, in einer Zeitung oder auf einer Internetseite. Bei meinem jetzigen Beruf im kirchlichen Bereich, wo es ja auch viel um Glaubensfragen und um ethische Fragen geht, die ja durchaus in die Erziehung hineinspielen, führen wir immer wieder mal Gespräche, auch über inhaltliche Fragen, die eben auch Glaubensthemen berühren.

Also beeinflusst deine berufliche Rolle auch dein Familienleben?

Das lässt sich gar nicht vermeiden, denn im Grunde genommen gibt es keine klare Trennung zwischen Beruf und Privatleben. Als Seelsorger bin ich für Menschen da und wenn ich in meinem Privatleben im Supermarkt einkaufe und jemanden aus der Gemeinde an der Kasse treffe, der mich etwas fragt, kann ich mir ja nicht die Frage stellen: ist das jetzt eine seelsorgerische Fragestellung, die zu meinem Beruf gehört, oder ist das was Privates – das lässt sich oft nicht klar trennen. Oder wenn ich mir Gedanken zu etwas mache, das mit der Kirche zu tun hat, kann ich das natürlich am Schreibtisch sitzend machen, oder ich kann dabei joggen gehen. Was ist das dann: Freizeit oder Beruf? Letzte Woche hatten wir zum Beispiel von der Kirche aus eine Kinoveranstaltung, da sind meine Kinder mitgekommen, sowohl zum Auf- und Abbauen, als auch zum Filmgucken und fanden den Abend total super. So gesehen ist mein Beruf eigentlich ein Traumberuf für Alleinerziehende, weil sich einfach vieles mit Familie sehr gut vereinbaren lässt.

Du lebst getrennt von der Mutter deiner Kinder. Welche Auswirkungen hat das für dich im Alltag?

Ja, seit fast genau vier Jahren sind wir getrennt. Im Alltag hat sich natürlich vieles vereinfacht, dadurch dass ich in der Woche, in der die Kinder nicht da sind, mehr Zeit zu verplanen habe, auch für Dinge, die mir selbst wichtig sind. Auf der anderen Seite ist natürlich die Woche, in der die Kinder bei mir sind, extrem anstrengend, weil ich dann alles alleine mit den Kindern organisiere. Sich wie früher kurzfristig abzusprechen in der Form „Kannst du gleich mal die Kinder übernehmen, wenn ich dies oder jenes mache?“ ist eben nicht mehr möglich. Die Absprachen sind einfach vorher nötig und das funktioniert glücklicherweise bei uns sehr gut, weil wir beide aufeinander Rücksicht nehmen. Wenn der eine einen Sonderwunsch hat, geht der andere nach Möglichkeit darauf ein und wir versuchen das eben optimal zu planen.

Das heißt, eure Kinder wechseln wochenweise von einem Zuhause ins andere?

Sie haben bei beiden Eltern ihr eigenes Kinderzimmer, der „Wechselkoffer“ reist dann immer mit. Mittlerweile ist es nicht nur ein Koffer, sondern auch Tüten und Taschen mit Schul- und Sportsachen. Es ist immer ein kleiner Umzug…

Also schon einiges an Logistik, auch für die Kinder?

Ja, aber das ist super abgesprochen, wir haben z.B. einen gemeinsamen Kalender im Internet, wo wir die Familientermine und die Betreuungszeiten eingeben. Dann weiß jeder, wann was ansteht und bekommt sofort mit, wenn sich irgendwelche neuen Termine ergeben. Jeder plant normalerweise, wenn es um Verabredungen geht, nur für seine Zeit, aber es kann natürlich auch mal eine Geburtstagseinladung kommen, die in die Zeit des anderen fällt. Die wird dann direkt eingetragen und diesbezüglich haben wir ganz klare Absprachen: Geburtstagsgeschenke werden von dem besorgt, in dessen Betreuungszeit die Feier fällt und beim Wechsel ist es meist so, dass der, der die Kinder übernimmt, sie abholt – das ist eigentlich alles sehr klar geregelt und läuft deshalb auch sehr gut.

Das hört sich ja relativ sortiert und auch entspannt an. Ich nehme mal an, das war nicht immer so… Wie würdest du den Weg der letzten vier Jahre beschreiben? Welche Schwierigkeiten gab es während eurer Trennung? Was ist euch im Rückblick gut gelungen?

Die größte Herausforderung war eigentlich die Annullierung der kirchlichen Ehe, die Scheidung und das Auseinanderdividieren der Finanzen. Das auseinander zu friemeln hat über drei Jahre gedauert. Erst als es diese Reizthemen nicht mehr gab, endeten auch die Konflikte. Von dem her waren die drei Jahre nach der Trennung schon sehr schmerzhaft und bitter. Zum Glück waren die Kinder selbst kein Streitthema – als Organisator für Angebote Alleinerziehender bekomme ich ja mit, wie kräftezehrend und belastend es ist, wenn das der Fall ist. Aber auch bei uns bestanden am Anfang Unsicherheiten bezüglich Betreuungsregelungen: wie kann ich den anderen einschätzen? Ist das, was er macht, ehrlich gemeint? Da wieder auf ein normales Level zu kommen, eben nicht dem anderen etwas Negatives zu unterstellen, sondern dieses Misstrauen abzubauen, war wahrscheinlich die größte Herausforderung. Eine ganz wichtige Grundlage für die letztlich positive Entwicklung zwischen uns war sicherlich, dass meine ehemalige Frau und ich, was die Kindererziehung angeht, eigentlich kaum Meinungsverschiedenheiten haben. Das vereinfacht sicher vieles. Inzwischen haben wir eine super Grundlage, können auch miteinander flachsen, Spaß haben – ich habe ihr sogar gesagt, im Sommer, wenn der Wechsel im Urlaub ansteht, könne sie noch ein paar Tage in unser Ferienhaus mitkommen, auch mit ihrem neuen Freund… aber das klappt bei ihr wahrscheinlich nicht. Dass überhaupt solche Überlegungen möglich sind, finde ich sehr wertvoll.

Würdest du dich überhaupt als „alleinerziehend“ bezeichnen?

Nein, ich würde mich tatsächlich eher als getrennt- und nicht als alleinerziehend bezeichnen, weil die Betreuungszeit wirklich fast hälftig aufgeteilt ist und meine ehemalige Frau und ich auch die gleiche Bedeutung für die Kinder haben. Insofern richtet sich das Angebot in meiner Gemeinde ja auch an „Allein- und Getrennterziehende“.

Für eure Kinder sind die Zeiten, die sie jeweils bei euch verbringen, klar festgelegt, aber sie haben die Möglichkeit, den Elternteil, bei dem sie gerade nicht sind, jederzeit anzurufen?

Ja, wir hatten ganz am Anfang, was aber auch auf das erwähnte Misstrauen zurückzuführen war, ausprobiert, zu sagen: kein Kontakt zu dem jeweils anderen, wenn die Kinder bei ihm oder ihr sind. Aber es hat sich schnell gezeigt, dass das eine wahnsinnige Belastung für die Kinder ist, denn da schwingt immer mit, dass es nicht gut ist, wenn die Kinder beim anderen sind. Und mir ist klar geworden, dass es ganz wichtig für die Kinder ist, zu wissen, man findet es gut, wenn sie mit dem anderen Elternteil klar kommen und wir als Eltern unterstützen sie auch dabei. Das war am Anfang bei uns auch nicht der Fall und hat schließlich zu einer ziemlich heftigen Eskalation geführt, bei der wir auch eine Familienberatungsstelle einschalten mussten. Mittlerweile haben wir tatsächlich die Situation, dass mein Sohn, wenn er zum Beispiel anruft und sich darüber beschwert, wie „Sch…e“ Mama oder Papa gerade ist und sagt: „Ich möchte zu dir kommen!“, wir ihm beide sagen: „Du musst das erst klären. Wenn ihr in Harmonie auseinander geht, kannst du gerne kommen.“ Das führt meist dazu, dass er nach ein oder zwei Stunden anruft und sagt: „Ich habe alles geklärt und bleibe doch hier.“ [lacht]

Also seid ihr, auch wenn ihr kein Paar mehr seid, als Eltern euren Kindern gegenüber noch immer eine Einheit?

Ja, ich glaube, anders funktioniert es auch nicht. Denn wenn wir das nicht machen würden, würde genau das passieren, was mein Sohn schon häufiger versucht hat, nämlich, uns gegeneinander auszuspielen, indem er sagt: „Bei Mama darf ich das aber“, oder „Da bekomme ich so viel Taschengeld und hier nicht“. Dann sage ich immer: „Kannst du bei Mama gerne so machen, bei mir gilt eine andere Regelung. Und ich kläre das mit Mama“. Dann weiß er sofort: Aha, da bestehen Absprachen! Das hat auch schon mal dazu geführt, dass wir bei der Übergabe noch zusammen saßen und uns unterhalten haben, er eine Beschwerde äußerte und wir beide gleicher Meinung gegen ihn waren – da hat er gesagt, dass er es nicht ertragen würde, wenn wir zusammen wären, das wäre ihm zuviel… [lacht]

Also ist euer Familienleben in gewisser Weise entspannter also vor der Trennung?

In Bezug auf die Kindererziehung war es eigentlich immer schon entspannt. Die hatten wir schon immer Halb und Halb aufgeteilt. Ich habe als Selbständiger meinen freien Tage in der Woche für die Kinder genutzt und meine ehemalige Frau in ihrer eigenen Selbständigkeit unterstützt. Ich bin, als die Kinder klein waren, häufig mitgefahren, während sie am Wochenende Seminare hielt, und habe die Kinder versorgt. Eine lustige Anekdote ist: Sie hat fast zeitgleich mit ihrer Kollegin, mit der zusammen sie selbstständig ist, das erste Kind bekommen, und die beiden Jungen sind ein bisschen wie Brüder aufgewachsen. Ich habe in der Zeit sehr viel Betreuungszeit übernommen: Wenn wir dann zu irgendwelchen Seminaren in Deutschland oder auch Österreich gefahren sind, habe ich im Nebenzimmer die Kinder bespaßt, in den Kaffeepausen kamen die Mütter zum Stillen rein und gingen danach wieder zu ihrem Seminar… [lacht] Insofern hatte ich immer sehr viel Kontakt zu den Kindern.

Ich nehme an, auch deswegen war für dich klar, dass nur das Wechselmodell für dich in Frage kommt, also nicht die „klassische“ Form des Umgangs, nach der du nur jedes zweite Wochenende mit deinen Kindern zusammen wärst?

Nein, das hätte für mich und auch für die Kinder nicht funktioniert, weil sie das einfach nicht gewohnt sind. Bei meiner Tochter habe ich zwölf Monate Elternzeit genommen, meine Frau zwei Monate… das war mit meiner Selbstständigkeit sehr gut zu vereinbaren.

Insofern spielt dein Beruf also eine wichtige Rolle dafür, wie du dein Privatleben gestalten kannst?

Ja, ich glaube, ein Beruf, in dem man feste Arbeitszeiten hat und in dem die Arbeitszeiten vorgegeben sind, ist als Allein- oder Getrennterziehender schwierig. Ich sehe das bei den Müttern [bei den Alleinerziehenden-Veranstaltungen der Kirche], die sich, wenn das Kind krank wird, fragen: Kann ich mich jetzt krank schreiben lassen, ohne Gefahr zu laufen, meinen Job zu verlieren? Bei einer Mutter, die ich kenne, war das tatsächlich so: sie hat die Arbeitsstelle, bei der sie frisch begonnen hatte, verloren, weil sie sich wegen ihres Kindes hat krankschreiben lassen. Diesbezüglich hat sich in den letzten Jahrzehnten schon viel verändert, aber es ist immer noch zu wenig. Auch für Väter gilt: es gibt immer noch zu viele Firmen oder Berufe, in denen der Vater maximal die zwei Monate Elternzeit nehmen kann und wenn er mehr nimmt, wird ihm suggeriert, dass es schwierig wird mit der Weiterbeschäftigung, wenn er zurückkommt.

Habt ihr, als eure Kinder kleiner waren, auch Betreuung außerhalb der Familie (Kindergarten etc.) in Anspruch genommen?

Ja, beide Kinder waren im Kindergarten. Wir hatten sogar vor dem Kindergarten eine Tagesmutter, die beide betreut hat und die beide auch geliebt haben, sie war wirklich ein Glücksgriff – und es wäre tatsächlich auch bei zwei selbständigen Elternteilen schwierig gewesen, die Betreuung ganz alleine zu stemmen.

Empfindest du deinen Beruf eher als etwas, was dir Kraft gibt, oder als zusätzliche Belastung?

Ich kann sagen, dass der Beruf, den ich jetzt ausübe, mein absoluter Traumberuf ist: es gibt keinen Beruf, den ich lieber machen würde. Nach meinen Kindern hat der auch erste Priorität. Ich habe sehr, sehr lange gesucht, bis ich einen Beruf gefunden habe, der mich wirklich glücklich und zufrieden macht und dabei auch sehr schwierige Zeiten hinter mich gebracht; deswegen hat das, was ich jetzt erreicht habe und die Zufriedenheit, die damit einhergeht, einen sehr, sehr hohen Stellenwert für mich.

Also ist dein Beruf definitiv etwas, was dir auch Kraft gibt?

Auf jeden Fall.

Was erfüllt dich mit Freude und Stolz, wenn du auf die letzten Jahre zurückblickst?

Mit Stolz erfüllt mich sicherlich, dass meine ehemalige Frau und ich es tatsächlich geschafft haben, nach diesen 3 ½ Jahren wieder friedlich miteinander umzugehen. Das war ein echter Kampf, aber ich glaube tatsächlich, und das ist eine wesentliche Erkenntnis, die ich in der Zeit hatte, dass Leid in jedem Fall zu etwas Gutem führen kann; dass etwas, das stirbt, den Platz frei macht für etwas, das neu entstehen kann. Und mit jeder Trennung und auch jedem Abschied geht eine unglaubliche Chance einher. Diese Chance dann zu nutzen bedarf natürlich auch Kraft, aber man ist ja nicht alleine, man kann sich auch Kraft holen, und das haben meine Kinder, meine frühere Frau und ich in der Zeit auch getan. Der Weg, den wir gegangen sind, war sehr, sehr schwer, aber es ist sehr viel Gutes daraus entstanden. Was mich wirklich stolz macht, ist, dass ich inzwischen eine gute Beziehung zu meiner ehemaligen Frau habe, die langsam wieder in eine freundschaftliche Richtung geht. Gleichzeitig kann ich mir nicht vorstellen, nochmals mit ihr zusammen zu sein, weil wir tatsächlich einfach zu verschieden sind. Aber diese ganzen Streitthemen in den Griff zu bekommen und eine freundschaftliche Basis zu schaffen, das konnte ich mir lange Zeit nicht vorstellen und ich kannte tatsächlich auch nur ein einziges Paar, das es geschafft hat, so was hinzukriegen, scheint wahrhaftig selten zu sein, ist aber erstrebenswert.

Also heißt das auch, bloß, weil eine Situation im Augenblick verfahren erscheint, heißt das nicht, dass das so bleiben muss?

Ich selbst dachte immer: Das muss doch jetzt irgendwann ein Ende finden. Ich hätte nie gedacht, dass das 3 ½ Jahre dauern kann. Es gibt ja Bücher, in denen ein Jahr nach der Trennung gefragt wird, wie es denjenigen, die sich getrennt haben, geht. In denen steht auch, dass die meisten Paare ein Jahr danach noch genau das Datum wissen, an dem die Trennung stattgefunden hat. Auch ich weiß heute noch, dass es der 19. April war. Eine Trennung ist einfach eine Sache, die prägend fürs Leben ist, möglicherweise sogar eines der prägendsten Ereignisse überhaupt. Sie kann auch unwahrscheinlich viel Wertvolles mit sich bringen, aber es kann eben auch lange dauern, bis das ersichtlich wird. Und ich hatte gedacht, ein, zwei Jahre vielleicht, dann ist alles geklärt.

Diese lange Zeit ist ja auch eine Art der Wertschätzung: Hier gibt es etwas, das überhaupt getrennt – und betrauert – werden muss: Ihr z.B. habt ja über zwei Jahrzehnte miteinander verbracht…

Ja, mehr als die Hälfte meines Lebens.

Was hat dir und auch deinen Kindern in der Zeit der Trennung geholfen?

Sowohl meine ehemalige Frau als auch ich haben eine Therapie begonnen, wir haben auch eine Paartherapie gemacht und eine Familienbegleitung, in die die Kinder mit einbezogen waren. Diese Familienbegleitung fand ich allerdings nur bedingt hilfreich. Letztlich haben die Dinge, die dort besprochen wurden, uns zwar bestätigt, dass unser Weg der richtige war, uns aber nicht unbedingt neue Impulse gegeben. Was den Kindern vor allem geholfen hat, war die Erkenntnis, die leider doch relativ spät kam, dass wir als Eltern versuchen sollten, Konflikte einerseits nicht vor den Kindern zu verbergen und andererseits nicht lautstark eskalieren zu lassen. Zu erkennen, dass diese lautstarken Eskalationen vor den Kindern nicht sein dürfen, ist das eine. Danach zu zu handeln, das andere. Die eigene Betroffenheit hinten anzustellen, scheint oft fast unmöglich zu sein. Aber daran zu arbeiten ist, glaube ich, ist ganz wichtig, weil das meiner Meinung nach bei den Kindern viel Schmerz verursacht. Ich glaube, Kinder nehmen so ziemlich alles wahr und von daher ist es tatsächlich das Allerwichtigste, dass die Eltern miteinander klarkommen. Die Probleme, die da sind, sind einfach da, aber solange die Eltern vernünftig miteinander umgehen, ist das für die Kinder okay. Ein Familientherapeut sagte einmal, dass Kinder Atmosphäre „inhalieren“: es lässt sich nichts vor ihnen verbergen. Sie leiden am meisten darunter. Das hat sich bei meiner Tochter darin gezeigt, dass sie wirklich bis fast genau zu dem Zeitpunkt, an dem sich die Situation zwischen meiner ehemaligen Frau und mir entspannt hat, jedes Mal, wenn sie bei mir war und wir gemeinsam am Tisch saßen, aus heiterem Himmel anfing zu weinen und gesagt hat: Ich möchte, dass ihr wieder zusammen seid. Das hat schlagartig aufgehört, als wir wieder miteinander klar kamen. Seitdem versucht sie auch nicht mehr, uns als Eltern zusammenzubringen, in der Art, dass sie, wenn wir uns treffen, Vater an der linken, Mama an der rechten Hand, versucht, unsere Hände zusammenzuführen. Das kommt nicht mehr vor.

Wenn ich dich richtig verstehe, ist es für eure Kinder also gar nicht so wichtig, dass ihr als Liebespaar zusammen seid, sondern, dass ihr miteinander reden könnt und euch nicht anfeindet?

Ja, dass einfach Harmonie besteht. Dass sie merken, klar, die Familie wird nie wieder zusammen sein, aber es ist zumindest so lebbar. Und ganz wesentlich bei den beiden – das ist natürlich ein Glücksfall, bei Einzelkindern ist das ja leider nicht der Fall – sie hatten sich gegenseitig, konnten sich gegenseitig stützen, und heute merkt man auch, wie stark die Geschwisterbeziehung dadurch geworden ist.

Gibt es etwas, was du anderen (berufstätigen) Alleinerziehenden mitgeben möchtest?

Dadurch, dass ich es, sowohl als Selbständiger, als auch jetzt, in einer abhängigen Beschäftigung, unglaublich leicht hatte, Familie und Beruf zu vereinbaren, kann ich jemandem, der nicht in dieser Situation ist, eigentlich schlecht etwas raten. Ich kann ja schlecht sagen, sucht euch einen familienfreundlichen Beruf… [lacht] Das ist natürlich die einfachste Lösung. Aber tatsächlich ist es meiner Meinung nach wesentlich, die Kinder im Blick zu behalten, alle Regelungen nach den Kindern auszurichten und sich auch nicht davor zu scheuen, Entscheidungen zu treffen, die sich vielleicht gegen den Beruf richten und dafür dem Wohl der Kinder dienen. Gegebenenfalls sogar zu sagen: Ich schränke Aufstiegschancen oder Karrieremöglichkeiten ein, um Zeit für die Familie zu haben. Denn man muss natürlich sehen, dass die Zeit, vor allem die mit Kleinkindern, nie wieder kommt.

Das ist natürlich für Alleinerziehende, bei denen es um die Existenzsicherung und nicht in erster Linie um Karrierechancen geht, schwierig…

Es gibt ja solche und solche Alleinerziehende. Ich habe auch schon Alleinerziehende kennen gelernt, die tatsächlich überhaupt keine finanziellen Sorgen haben und natürlich auch keine Probleme, die Kinder fremd betreuen zu lassen, egal, was es kostet. Aber das hilft den Kindern ja nicht. Meiner Meinung nach brauchen die Kinder tatsächlich den Elternkontakt. Und sich dann für einen beruflichen Werdegang zu entscheiden, der dem Beruf und nicht dem Kind den Schwerpunkt gibt, finde ich schwierig. Auf der anderen Seite hilft berufliche Erfüllung auch, das Allgemeinbefinden zu heben und schlägt sich somit auch wieder in der Familie nieder. Man muss da einfach eine gute Balance finden. Für jemanden, der sich um die pure Existenz sorgt, für den stellt sich die Frage natürlich nicht.

Herzlichen Dank für das Gespräch.