alleinerziehend, Familie, Partnerschaft, Persönliches

Schneckentanz: Trauer und Freude nach einer Trennung

F9DB7B04-B20F-43D8-A0D4-7928C3CBFF79

Trauer endet nicht mit dem Zustand, traurig zu sein. Und Freude beginnt nicht erst dort, wo alle Trauer überwunden ist.

Liest man über die Verarbeitung von Trennungen – oder grundsätzlich über Trauerprozesse – entsteht leicht der Eindruck, diese seien eine Abfolge von Phasen, die linear verlaufen: das Nicht-Wahrhaben-Wollen des Verlusts, anschließend Wut und Trauer darüber, schließlich das Anerkennen der Situation und die vorsichtige Neuöffnung.

Meiner Meinung nach erweckt das falsche Erwartungen. Wie oft, in einer an „Zielen“ orientierten Situation („Ich will wieder glücklich sein“, „Ich will die Trennung überwinden“) entsteht allzu leicht Ungeduld: „Wann endet denn endlich die Wut, die Trauer, wann bin ich soweit, dass ich, auch innerlich, loslassen kann?“ Oder, wenn ich bereits einmal das Gefühl von Leichtigkeit, einem möglichen Neuanfang, gespürt habe: „warum kommt dann wieder die ‚doofe Trauer‘?“ „Bin ich denn immer noch nicht über ihn oder sie hinweg?“ „Habe ich nicht ‚richtig‘ getrauert, dass ich jetzt nicht loslassen kann?“

‚Gute‘ und ‚schlechte‘ Gefühle

Völliger Quatsch, solche Gedanken. Aber nur zu verständlich. Wir wollen die ‚guten Gefühle‘ haben: Freude, Unternehmungslust, Neugier und Offenheit für das Leben. Und nicht Wut, Trauer, Schmerz, Erschöpfung, Abwehr, Verwirrung, Furcht, Angst und was sich sonst noch in den Tiefen unserer Seele tummelt…

Auch unsere Gesellschaft unterstützt nur in einem klar abgesteckten Rahmen den Ausdruck dieser ‚negativen‘ Gefühle. Nach dem Verlust eines Partners – oder gar Kindes – durch den Tod noch am ehesten. Bei der Trauerfeier natürlich und auch in den Wochen danach. Da kommen Nachfragen: „Wie geht es dir?“ „Kann ich dich unterstützen?“ – jedenfalls, wenn man gute Freunde hat. Aber selbst in diesen Fällen reicht die Aufmerksamkeit – und wirkliche Anteilnahme – oft nur in die ersten Wochen und Monate hinein. Irgendwann ändern sich die Fragen: „Geht es dir schon besser?“ „Was sind deine Pläne für die Zukunft?“ Das hat seine Berechtigung und kann hilfreich sein in dem Sinn, als dass es voraussetzt, was ja stimmt: das Leben geht weiter. Kein Schmerz, und sei er noch so brennend, und keine Verzweiflung, selbst tiefe Trauer, wird so bleiben, wie sie zu Beginn war. Selbst das Bild des geliebtesten Menschen verändert sich in uns mit der Zeit, wird keinesfalls ‚blasser‘, aber doch ‚reflektierter‘, in dem Sinn, dass wir beginnen, uns Geschichten zu dem oder der Verlorenen zu erzählen: „Das haben wir immer so gemacht“ oder „Er oder sie war oft so“, „Das mochte er oder sie (nicht)“. Von der Erzählung ist es nicht weit zur Erinnerung – und die ist schon der Schritt, das Erlebte in unser Leben einzubetten. Woran wir uns – irgendwann – mit klarem Gefühl, womöglich sogar mit Freude, erinnern können, das haben wir tatsächlich „verarbeitet“: es in uns aufgenommen, ohne uns darin zu verlieren.

Leben in Spiralen

Bis zu diesem Punkt, der Verarbeitung des Vergangenen und einem wirklichen Neuanfang, braucht es allerdings oft sehr viel Zeit. Viel mehr Zeit, als unsere Umwelt – und vielleicht auch wir selbst – uns möglicherweise zugestehen wollen.

Und die Bewegung ist meiner Erfahrung nach gerade NICHT linear. Das heißt, auf Trauer, Wut und Schmerz folgt grundsätzlich zwar schon Loslassen und Akzeptanz. Aber nicht einmalig und dann nie wieder. Jeder, der schon einmal einen Verlust zu betrauern hatte, kennt diese Situationen: Ein Lied, zufällig im Radio gehört, eine – vielleicht auch schöne – Begegnung mit einem anderen Menschen oder schlicht Momente der Müdigkeit und Erschöpfung – und plötzlich ist die ganze Trauer, Wut, oder auch Verwirrung wieder da – zu einem Zeitpunkt, an dem man glaubte, beziehungsweise sich vielleicht auch wünschte, sie längst „überwunden“ zu haben.

Trauerprozesse verlaufen meiner Erfahrung nach in der Form einer Spirale: ich kehre in gewisser Weise immer wieder zu meinen „Schmerzpunkten“ zurück, aber zeitlich und durch meine neu hinzugewonnenen Erfahrungen ‚versetzt‘, eben nicht in derselben Intensität. Trauer und Wut, bzw. die Aspekte, die mich beschäftigen, sind dieselben, aber mein Standpunkt verändert sich. Ich „entferne“ mich also durchaus von den unmittelbaren Gefühlen, allerdings nicht, indem ich ihnen für immer und endgültig ‚den Rücken kehre‘, sondern, indem ich mich abwende von Schmerz und Trauer, vielleicht kurze Momente nur – um mich ihnen dann wieder zuzuwenden, allerdings aus einer anderen, im besten Fall weniger schmerzlichen, Perspektive.

Sich mit dem Leben bewegen

Dieser ganze Prozess geschieht meiner Erfahrung nach so oder so. Ich kann versuchen, ihn zu ignorieren, indem ich im unmittelbaren Gefühl stecken bleibe: diese Intensität macht meine Seele aber nur eine Weile mit. Irgendwann verhärtet sie sich, allein aus Selbstschutz, und ich werde bitter oder depressiv. Oder aber – und die Tendenz nehme ich gerade nach einer, vielleicht sogar „gewollten“, Trennung wahr: Ich will so schnell wie möglich ‚weiter‘, will die unmittelbaren Gefühle nicht mehr spüren: „Das Leben soll wieder schön sein! Der (oder die) soll keine Rolle mehr in meinem Leben spielen!“

Beide Arten des Umgangs mit seelischem Schmerz können meiner Meinung nach gar nicht funktionieren – weil das Leben schlicht nicht so ‚gedacht‘ ist. Schaut euch alle Prozesse in der Natur an: Bäume, die im Herbst ihre Blätter verlieren, im Winter kahl dastehen und im Frühjahr neue Blätter treiben – sind das dieselben Blätter wie im Vorjahr? Nein. Aber ist es ein ganz neuer Baum? Das auch nicht. Die Natur kehrt also in gewisser Weise zu ihrem Ausgangspunkt zurück: im Neuen ist das Alte mit enthalten – eine Spiralbewegung eben.

In diesem Sinn: lasst uns auf Trauerwegen, nach Verlust und Trennung, „in Spiralen gehen“ und anerkennen, dass gerade auch im ‚Frühling‘, um beim Bild des oben beschriebenen Baums zu bleiben, also in den Momenten, in denen wir uns nach Wut und Trauer wieder einmal fröhlich und lebendig fühlen, – dass gerade da auch die Trauer noch weiter ihren Platz hat. Sozusagen ‚gestärkt‘ durch Momente der Freude kehren wir noch einmal zu ihr zurück. Lasst uns dann nicht erschrecken: „Ach du meine Güte, ich dachte, ich wäre über ihn oder sie längst ‚hinweg‘“. Vielmehr wünsche ich dir – und mir – die echte Akzeptanz des Lebens:

Trauer endet nicht mit dem Zustand, traurig zu sein. Und Freude beginnt nicht erst dort, wo alle Trauer überwunden ist.

Danke für dein Mitlesen und herzlich alles Gute,
Sunnybee

alleinerziehend, Partnerschaft

Klarheit. Gelassenheit. Freude – vom Umgang mit seelischem Schmerz

EE5B54A1-19B3-4579-9B9C-DE213022E15E

Kürzlich sagte ein Bekannter zu mir:

„Vor dunklem Hintergrund leuchten helle Farben umso stärker.“

Wir hatten uns über Trennungen unterhalten, über die damit einhergehenden Verletzungen und was sich daraus für das weitere Leben ergeben kann.

Allein die Frage „Was kann sich daraus ergeben?“ legt ja bereits zwei Dinge nahe:

  1. Der Schmerz ist nicht der letzte Teil des Weges.
  2. Der Schmerz ist Teil des Weges.

Ich möchte hier eine kleine „Meditation“ versuchen über den seelischen Schmerz sowie den Versuch, einen Weg aus diesem Schmerz zu beschreiben, anhand dreier „Wegweiser“: Klarheit – Gelassenheit – Freude.

Klarheit

Am Anfang ist alles. Und nichts ist klar. Ich spreche von Momenten, in denen du in Aktionismus verfällst, um nicht fühlen zu müssen; – oder ganz erstarrt bist und meinst, nie mehr fühlen zu können. Momente, in denen du Schokolade frisst, weil sonst nichts süß und verfügbar ist. Weil es in dir ächzt nach der Berührung des einen, geliebten Menschen, der dich nicht mehr berührt. Momente, in denen du dich nicht wiederkennst, in denen alles roh ist und geöffnet und du ausbrichst in heiße Wut oder haltloses Schluchzen. In denen alles, was geordnet war, auf einmal nicht mehr wahr ist und du keine Ahnung hast, wie du von hier aus je wieder einen „Weg“ finden sollst. Die Schweizer Psychologin Verena Kast nennt diese Zeiten das „Nicht-Wahrhaben-Wollen“ und das anschließende „Aufbrechen der Gefühle“.

Was hilft?

Ich würde sagen: Raum. Gib ihn dir selbst, so dass alles sein darf, was ist (Wut, Verhandelnwollen, Sehnsucht oder Schmerz). Und wenn du bei einer oder einem bist, der durch diese Zeit geht, lass alles da sein, was dir entgegenschlägt. Zorn, Trauer, Verletztheit: Bewerte nicht, gib keine Ratschläge, sei ein stiller, liebevoller Begleiter. Ein klarer Himmel entsteht nicht dadurch, dass man die Wolken zurückhält, sondern dadurch, dass sie sich ausregnen können!:-)

Gelassenheit

Wenn du aus dem Nicht-Wahrhaben-Wollen, dem Zorn und dem Hadern heraus bist, kommt oft eine Phase, die kaum leichter zu ertragen ist: du bist erschöpft. Es reicht. Du meinst, deine Kräfte schwinden: nach zwei, drei, fünfzehn Monaten Kampf mit dir, dem Ex-Partner, dem Leben, geht jetzt nichts mehr. Du drohst in tiefe, lähmende Trübheit zu versinken. Weniger Trauer als bittere Lethargie: „Wozu das alles?“ „Warum weitermachen?“ „Es ist so schwer, ich will keinen Schritt weitergehen“.

Was hilft?

Ich würde sagen: Zeit. Gib sie dir selbst, so dass du merken kannst: auch die lähmendste Erschöpfung ist immer nur ein „Zwischenstand“. Und wenn du eine oder einen begleitest, der durch diese Zeit geht: er oder sie muss nichts „machen“. Der Weg zeigt sich ganz von selbst, er oder sie muss jetzt gerade nicht „tatkräftig“ sein. Manchmal steht einfach geduldiges Warten an. Gras wächst nicht schneller, wenn man an ihm zieht.

Freude

Und dann lichten sie sich tatsächlich, ganz allmählich, die dunklen, tief hängenden Wolken und eine Ahnung – endlich wieder – von Leichtigkeit hält Einzug in dein Leben. Plötzlich hast du gelacht, richtig aus dem Herzen heraus, wie seit Monaten nicht mehr. Oder du isst ein Eis in der Sonne an einem Ort, an dem ihr schon einmal gemeinsam wart und da ist auf einmal vor allem das Eis – und nicht mehr der Schmerz darüber, dass ihr nicht mehr gemeinsam dort seid.

Was hilft?

Was hilft dieser ersten, wieder aufkeimenden Leichtigkeit? Freu dich an ihr! Nimm sie an, ohne Hintergedanken. Ohne Furcht: das kann doch gar nicht sein?Auch ohne Schuldgefühle: das darf doch gar nicht sein!… Und wenn du einen oder eine durch diese Zeit begleitest: freu dich mit an jedem zarten Pflänzchen. Es wächst schon allein dadurch, dass du diese Freude teilst!

Und so kehrst du am Ende vielleicht tatsächlich zu der Erkenntnis zurück:

„Vor dunklem Hintergrund leuchten helle Farben umso stärker.“

Und:

Der Schmerz ist Teil des Weges. 

Der Schmerz ist nicht der letzte Teil des Weges.

In diesem Sinn: herzlich alles Gute auf deinem Weg!

 

Weitere Informationen zu den Trauerphasen nach Verena Kast sowie Hinweise für den Umgang mit Trauer bei Kindern findest du hier.