alleinerziehend, Familie, Persönliches

„Gut gemacht!“ Eigenlob stinkt (nicht)!

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Was bist du groß geworden!“, „Ei, ein Kacka!“, „Du schläfst ja schon durch!“: Unsere Kinder loben wir großzügig und – je jünger sie sind – mit umso größerem Enthusiasmus. Im Baby- und Kleinkindalter oft sogar für Dinge, die weniger persönliche Leistung als vielmehr biologische Notwendigkeit sind.

Eigenlob stinkt?

Bei uns selbst sind wir da schon knausriger: Wann haben wir Erwachsenen – und speziell wir allein- und getrennt erziehenden Mütter – uns das letzte Mal gelobt? Und ich meine nicht ein geseufztes: „Ist ja gerade nochmal gut gegangen!“ oder ein halbherziges „So schlecht war der Tag heute ja gar nicht“… Ich meine die Art Lob, die das Herz weit macht, ein Lächeln ins Gesicht zaubert und bewirkt, dass du dich leicht, dankbar und schlicht glücklich fühlst. So was in der letzten Zeit erhalten? Von dir selbst?

Autonomie und Selbstliebe

Eine kluge Frau brachte mich kürzlich darauf, dass diese Art des Lobens viel mit (innerer) Autonomie zu tun hat: Nur wenn ich „wer bin“, kann ich auch stolz auf mich sein. Kinder loben wir instinktiv für ihre Schritte in Richtung Autonomie: zunehmende Körperbeherrschung, das erste selbst gesprochene – und später selbst geschriebene – Wort, ihr wachsendes Selbst-Bewusstsein und später das aufkommende Bewusstsein für die Gefühle und Bedürfnisse ihrer Umwelt.

Als Erwachsene schreiben wir uns gemeinhin einen nicht geringen Grad an Autonomie zu: uns sagt (meist) keiner mehr, was wir anzuziehen, zu essen, wie wir zu leben oder wen wir als Partner/in zu wählen haben. Begeben wir uns in Abhängigkeit, dann doch scheinbar „aus freien Stücken“. Wir wählen Wohnort, Lebensstil, Partner/in, den Glauben oder die Ideologie, der wir folgen, selbständig und (relativ) frei.

Dennoch verstehe ich echte Autonomie vor allem als innere Unabhängigkeit – und die entsteht meiner Meinung nach dadurch, dass ich (zunehmend) annehme, was eben ist – an und in mir genauso wie an und in den Menschen, mit denen ich lebe. Je mehr ich das tue, umso mehr Raum gewinne ich: für Leichtigkeit, für ein tragendes Gefühl von Selbstliebe und eben diesen tief gehenden, von Dankbarkeit durchzogenen Stolz auf das, was ich kann, wer ich bin und was ich für mich – und andere – tue.

Eben ein von Herzen kommendes: „Gut gemacht!“ Von mir, für mich selbst. Ein solches „Gut gemacht!“ wünsche ich auch dir – von dir und für dich selbst!

Herzlich, Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Persönliches

Sommerzeit – Zeit für mich!

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Mmmm… halb geschlossene Jalousien, die Morgensonne malt Lichtstreifen auf die Dielen. Angelehnte Fenster – die Luft ein Kuss auf der Haut. Heute morgen keine Kita. Keine Fahrt zur Arbeit, kein Gedrängel, Geschiebe, kein Schnell-Schnell. Beim Frühstück Brotschneckentanz und Kakaogeblubber. Übermut im Kindergesicht, unser Lachen mischt sich und die Vögel singen in der Stadt.

Später die Fahrt zum See oder in den Park. Füße baden – „Mama auch!“ – und Tanz unter dem Rasensprenger, die Tropfen wunderbar kühl auf der erhitzten Haut. In die Sonne blinzeln, ein Eis. Einfach so zusammen sein. Abends die Nachbarn treffen im Hof, selbstgemachte Limo, kreischend jagen sich die Kinder, hüpfen auf dem Trampolin – „Schau, Mama, bis in den Himmel!“ Und das Lächeln bleibt noch, als wir schon wieder zurück in unserer Wohnung sind.

Mmmm… keine Chefs, Kollegen, U-Bahn-Muffelgesichter… Übermut, ein Anklang von Anarchie, während ich barfuß durch die Straßen laufe. Im Herzen entstehen Ideen, wie das immer sein könnte: Zeit haben. Zeit verbringen mit Menschen, die mir wichtig sind. Freude unter der Haut, Lebenslustkribbeln. Wie wenig reicht, dass sich diese Freude wieder entfaltet – ich fühle es mit Dankbarkeit.

Eine Woche war das Kind mit seinem Papa unterwegs und ich durfte ganz bei mir sein, 5 Tage auch ich unterwegs, in einem wunderbaren Tagungshaus – geklärt, gestärkt und angefüllt bin ich zurückgekehrt. Und der große wie der kleine Kerl hatten eine super Zeit zusammen.

Ja, loslassen – und da sein, einfach mit dem, was ist. Begegnung mit Menschen: sich freuen, an dem, was ist. Furcht, Verkrampfung, ein drängendes Wollen – was sich so angesammelt hat in den letzten Wochen zwischen Termindruck, Erwartungen und Verpflichtung – löst sich jetzt. In der Wärme entspannt sich nicht nur mein Körper – auch innerlich spüre ich wieder die Freude und Leichtigkeit des einfach da Seins.

Ein Lächeln liegt mir auf den Lippen, Freude – und Dankbarkeit.

Herzliche Sommergrüße  Sunnybee

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Berlin, Minimalismus und ich

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Kürzlich habe ich zwei Texte gelesen, die mich berührt haben. In dem einen beschreibt die Familienjournalistin Christina Rinkl, wie es ihr damit geht, nach der Trennung von ihrem (Ex-) Mann aus einem Einfamilienhaus in eine Zweizimmerwohnung gezogen zu sein. Dort ist schlicht nicht genügend Platz für ihren angesammelten Besitz. Sie trennt sich schweren Herzens von einem Teil ihrer Bücher und bemerkt dazu:

„Für mich war dieser Wegwerf-Moment ziemlich bewegend. Nicht der alten Bücher wegen, sondern vielmehr, weil mir diese Aktion wieder einmal gezeigt hat, wie anders mein Leben jetzt ist. Ich habe nicht mehr den Platz und die Ressourcen, um alles was mir irgendwie lieb ist, aufzubewahren. Das ist einerseits schade. Andererseits aber auch gut, weil es mich zwingt zum Sortieren und Aussortieren.“

Ich kann ihr nur zustimmen und mich berührt ihre Erkenntnis, dass die Trennung von einem Partner oft zu einer Art (pragmatischem) Minimalismus führt. Raum, Zeit und Ressourcen sind als Getrennt- oder Alleinerziehende/r schlicht knapp; im besten Fall führt das zu einer Konzentration auf das Wesentliche, zu einem Hinterfragen dessen, was – und wer – mir wirklich wichtig ist und damit zu mehr (innerer) Klarheit. Den gesamten Artikel findet ihr hier.

Berlins Ruinen 

Der zweite Text, der mich berührt, ist ein Auszug aus einer Essaysammlung der Berliner Autorin Jenny Erpenbeck (Kein Roman. Texte 1992-2018. Penguin-Verlag, 2018). Sie beschreibt darin das allmähliche Verschwinden der Orte ihrer Kindheit. Aufgewachsen in Ost-Berlin, hat sie nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht nur erlebt, wie sich ein Gesellschaftssystem auflöste, sondern auch ganz konkret, wie nach und nach die Orte ihrer Kindheit und Jugend verschwanden: die Schule, in der sie zum Fahnenappell angetreten ist und Gummitwist mit ihren Freundinnen gespielt hat ebenso wie ganze Straßenzüge, die als „Grenzgebiet“ kleinstädtisch ruhig wirkten und auf einmal wieder im Zentrum Berlins liegen. Und sie beschreibt die Trauer, die in ihr aufsteigt, wenn sie sieht, wie die halb zerfallenen Häuser modernen Neubauten weichen:

„Mit dem Wegwischen der Trümmer beginnt bei mir eine grundsätzliche Trauer, die über meine eigene Biographie hinausreicht: die Trauer über das Verschwinden einer solchen sichtbaren Verwundung eines Ortes, über das Verschwinden kranker oder gestörter Dinge und Räume, die Zeugnis ablegen, dass eine Gegenwart nicht mit allem fertig wird, fertig wird, wie es so passend heißt. In dieser zweiten Phase, der Phase der Säuberung, trauere ich um das Verschwinden des Unfertigen oder Kaputten an sich, dessen, was sich bis dahin der Eingemeindung verweigert hat, um das Verschwinden des Drecks, wenn man so will. Wo Gras einfach so wächst, wo sich Unrat ansammelt, tritt eine Relativierung menschlicher Ordnung ein. Und das ist angesichts der Tatsache, dass wir selbst allesamt sterblich sind, nie schlecht fürs Nachdenken.“

Erpenbeck bezieht sich dabei auf die baulichen Veränderungen in Berlin in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Ich behaupte, ähnliches könnte man über die innerseelischen Veränderungen nach einer Trennung sagen.

Säuberung“ und Neuanfang

Die Phase der Neuorientierung hat für mich immer auch das Element der „Säuberung“ in sich, des Verwerfens alter, nicht mehr als wertvoll angesehener Besitztümer und Strukturen. Im besten Fall geht diese „Säuberung“ mit einer inneren Reinigung und Klärung einher. Aber sie hat immer auch etwas latent Gewalttätiges, nämlich tatsächlich eine Trennung von liebgewonnenen Gewohnheiten, Dingen – und Menschen. Und wirklich „sauber“ bekomme ich meine Leben ja auch nicht – um im Bild zu bleiben -, wenn ich radikal alles „wegwische“, was mich an eine unvollkommene, da schöne und schmerzhafte, Vergangenheit erinnern könnte. Reiße ich alle „Ruinen“ ab und baue darauf „Glaspaläste“, nehme ich mir auch ein Stück meiner ganz persönlichen Geschichte. Der „Dreck“, all das Unvollkommene, Vergängliche, nicht-mehr-wirklich-Strahlende gehört eben auch dazu.

In Kombination scheinen mir die beiden oben zitierten Texte das wiederzugeben, was die Phase der Neuorientierung nach einer Trennung für mich bedeutet: einerseits der radikale – und damit auch in gewisser Weise erleichternde Abschied von „Überflüssigem“, „Nicht-mehr-Gewolltem“. Und zugleich die Trauer darüber, dass eben dieses „Nicht-mehr-Gewollte“, die „Ruinen“ der vergangenen Beziehung, irgendwann tatsächlich komplett verschwunden sein werden. Mit manchen Expartner/innen haben wir nicht einmal mehr Kontakt. Sie existieren tatsächlich nur noch in unserer Erinnerung, jedenfalls für uns selbst. Was einmal unser „Zuhause“ war, ist jetzt nicht mehr als ein Gedanke.

Blick zurück – und nach vorn 

Ich glaube, ein großer Teil der Trauer, die im Prozess der Neuorientierung auch immer wieder aufkommt, ist tatsächlich dem etwas wehmütigen Blick auf diese „Ruinen“ einer Beziehung geschuldet. Es schmerzt, zu sehen, dass immer weiter „verfällt“, was mir einmal stabil und wichtig erschien. Andererseits werde ich wohl auch nicht glücklich, wenn ich sofort neue Gebäude auf den Brachen errichte – übertragen: mich sofort in eine neue Beziehung stürze. Das bewusste Wahrnehmen der „Ruinen“ und auch die Trauer um ihr endgültiges Verschwinden ist meiner Meinung nach nötig um irgendwann tatsächlich leichten Herzens „Neues bauen“ zu können. Dann entreiße ich mir die Vergangenheit nicht selbst, stelle nicht künstlich und forciert eine „neue Ordnung“ her, sondern lasse schließlich gehen, was nicht mehr Gegenwart ist.

Und schaffe im besten Fall das bewusst, was die Vergangenheit eigentlich immer schon ist – Erinnerung. Teils schmerzhaft, teils erfreulich: ein Teil von mir, „durchlebtes“ Leben!

Herzlich alles Gute
Sunnybee

 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft, Persönliches

Auf der Säule. Was uns ein alter Heiliger über die Liebe sagt

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Zu Beginn des 5. Jahrhunderts nach Christus lebte Symeon Stylites auf einer Säule. Der Legende nach verbrachte er mehrere Jahrzehnte auf deren Kapitell, ernährt über Leitern und seelisch ‚genährt’ durch Gebete und Askese. Entfernt von der Welt, versuchte er zu einer besonders innigen Gemeinschaft mit Gott zu finden.

Die Leute sahen sicher mit Staunen, vielleicht mit Bewunderung oder auch mit ungläubiger Scheu zu ihm hoch: „Dass der das durchhält!“, „Der traut sich was!“, „Der spinnt doch!“, „Das könnte ich nicht!“ Und nach einer Weile vielleicht auch: „Warum tut der das?“, „Was lehrt mich das?“, „Was verstehe ich durch ihn?“

Die Welt von oben

Wie mag wohl die Welt für ihn da oben ausgesehen haben? Stille. Das alltägliche, geschäftige Treiben weit entfernt. Vermutlich auch karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend, bei brennender Hitze, Sturm, Blitz und Donner: exponiert, ungeschützt. Letztlich jedoch aber wohl doch geborgen, in tiefes Gespräch/Gebet versunken mit einem Gegenüber, dem sich Symeon Stylites zumindest zeitweise wohl verbundener fühlte als seinen weltlichen Kontakten.

Ich empfinde uns Allein- und Getrennterziehende manchmal, als säßen wir auf einer solchen (inneren) Säule. Um uns pulsiert das Leben: Kinderbetreuung, Einkauf, Lohnabrechnung, Besprechungen mit Kollegen. Wir gehen auf all das ein, organisieren und gestalten unser Leben – aber ein Teil von uns bleibt „in sicherem Abstand“, oben auf der Säule…

Was ist das für ein Teil? Eigentlich jede/r, der allein- oder getrennterziehend ist hat einen Verlust erlebt. Eine Ehe ist gescheitert, eine Beziehung hat nicht harmoniert oder ist gar nicht erst zustande gekommen. Wir haben das verloren, was eine „harmonische Familie“ hätte sein können. Tut das weh? Natürlich. Spüren wir Trauer, Schmerz, Ungläubigkeit oder Wut darüber? Aber sicher. Mehr oder weniger stark, mehr oder weniger präsent in unserem Alltagsleben – aber ein Verlust ist da. „Kalt“ lässt uns das Ende der Beziehung zum Vater oder der Mutter unseres Kindes/ unserer Kinder sicher nicht.

Raum für den Schmerz?

Leben wir nun diese Trauer, diesen Schmerz, die Sehnsucht, die sich mit diesem Menschen nicht mehr erfüllen kann, aus? Wann denn? Beim Pausenbrotschmieren für unsere Kleinen? Beim Kita-Elternabend? Bei der Präsentation unserer Projektarbeit? Oder beim Cocktail-Abend mit unserer besten Freundin, den wir uns nach zwei Monaten freischaufeln konnten? Allein- und getrennterziehend sein heißt oft auch: wenig Raum haben für das, was in uns schmerzlich ist. Denn wir sind Halt für andere – und haben, gerade im Scheitern unserer Beziehung, vielleicht auch erlebt, dass uns selbst kein Halt gegeben worden ist, wenn wir schwach waren.

Wie naheliegend erscheint es da, sich mit dieser Schwäche, Trauer und Wut „auf die Säule“ zu setzen und mit der Welt da unten in Bezug auf diese Gefühle nichts mehr zu tun haben zu wollen. Dann funktionieren wir, sind vielleicht sogar scheinbar glücklich, wieder „zurück im Leben“ – aber jener Teil unseres Inneren ist nicht dabei.

Mutiger Besucher

Ich habe erlebt, was passiert, wenn einer ‚aus der Welt dort unten’ über die Versorgungsleiter zu uns „hochzuklettern“ versucht. Ein Mensch, der eine neue Partnerschaft mit uns eingehen möchte, der unerschrocken genug ist, uns dort oben in luftiger Höhe wirklich sehen, uns wirklich begegnen zu wollen.

Ist ‚Symeons Säule‘ der Ort, an dem wir die Schwäche in uns verstecken, erschrecken wir ganz fürchterlich – und ein starker Impuls wird uns raten, den „Eindringling“ so schnell wie möglich abzuweisen, bildlich gesprochen die Leiter, auf der er zu uns hochgeklettert ist, zurückzustoßen. Dann ist dieser Teil in uns zwar „geschützt“ – aber er verhungert auch, da oben auf der Säule. Denn – ja – auch Symeon konnte nicht Jahrzehnte ohne Nahrung auf seinem Kapitell zubringen…

Was lehrt uns also der Blick auf den „Säulenheiligen“? Ich würde sagen, es ist das eine, dass wir uns aus Verletztheit – und aus Furcht vor möglicher weiterer Verletzung – auf unsere innere ‚Säule‘ zurückziehen; und das andere, es, wie vermutlich Symeon Stylites, aus freien Stücken zu tun. Vielleicht hat auch er sich zunächst aus Furcht und Abwehr gegenüber der Welt zurückgezogen – aber er scheint dort oben eine innere Ruhe gefunden zu haben.

Raum für den Schmerz

Vermutlich sollten wir „Symeons Säule“ verstehen als den Raum, den wir uns geben, um tatsächlich traurig zu sein und uns unseren inneren Verletzungen zuzuwenden. Im Gespräch mit einem Gegenüber (einem wirklich engen Freund, einer Therapeutin, vielleicht auch im Gebet) können wir dort oben Ruhe finden, ganz auf uns zurückgeworfen, aber letztlich doch geborgen.

Und vielleicht steigen wir aus diesem Gefühl des Gestärktseins auch irgendwann, wie Symeon, wieder von unserer (inneren) Säule, mit dem Bewusstsein: dort oben sind wir uns begegnet. Es war karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend. Aber die Trauer, Wut, Sehnsucht und Angst ist auch nichts, das ich von meinem Leben ‚unten im Trubel‘ fernhalten muss.

Dann kann ich mich auch wieder neu öffnen und lieben. Dem Leben wieder im Ganzen begegnen. Im Trubel des Lebens bei mir sein.

Falls du dich auf diesem Weg befindest wünsche ich dir herzlich alles Gute!

Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Gesellschaft

Biss zum Morgengrauen. Oder: Warum es keine „Arschloch-Kinder“ gibt

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Für die cinephilen Mütter (und vielleicht auch Väter?) unter euch: hier geht es nicht um die gleichnamige Vampir-Romanze, die sich 2008 in den Kinos der Welt zwischen Kristen „Bella“ Stewart und Robert „Edward“ Pattinson entspann…

Biss-Spuren aus der Kita 

Nein, ich schreibe hier von ganz realen, zahnabdruckverursachenden, schmerzhaften – Bissen! Vor zwei Tagen kam unser Sohn mit einer solchen Bissspur aus der Kita. Ich erfuhr davon per Foto, das mir sein Vater geschickt hatte (er war im Rahmen des von uns praktizierten Wechselmodells an diesem Nachmittag für die Kinderbetreuung zuständig). Seinen Kommentar („B. wurde heute von H. gebissen… aber alles gut soweit“) fand ich bewundernswert gelassen, schätzte die Lage aber, nachdem ich das Bild gesehen hatte, doch etwas anders ein. „Alles ok“ war sicher nicht der zutreffende Ausdruck. Ich beschloss, die Erzieherinnen in unserer Kita am nächsten Tag
auf den Vorfall anzusprechen…

Jetzt gehe ich nicht davon aus, dass unser Sohn in der Kita immer ein „Engel“ ist. Genauso wenig, wie ich dem kleinen „Beißer“ auch nur im Ansatz ‚böse Absichten‘ unterstelle. Der Junge ist 1 1/2, ich bin davon überzeugt, er beißt nicht, weil er die anderen ärgern will. Aber warum dann?

Was hätte Kant gesagt?

Warum fluchen wir Erwachsenen an der Ampel, brüllen mit rotem Kopf „Mir reicht’s!“ und schmeißen je nach Temperament mit Tellern oder zischen Beleidigungen, die klar unter der Gürtellinie liegen? Eben, weil es tatsächlich reicht – und wir für einen Moment unsere – erwachsene – Impulskontrolle verlieren. Dem gegenüber steht das, was man früher „die Contenance wahren“ nannte, ein Verhalten, das uns schlicht gesellschaftlich ‚kompatibel‘ macht: So schmettern wir dem Nachbarn, dessen Hund sein Geschäft auf unserem Grundstück hinterlassen hat, höchst selten entgegen: „Ihr Scheißköter wird bald das letzte Mal gesch… haben!“ und fluchen nur in der Privatheit unseres Autos über die „hirnverbrannten“ anderen Verkehrsteilnehmer…

Im schlechtesten Fall ist diese erworbene „Contenance“ eine dünne Schicht an Zivilisiertheit, die wir womöglich nur aus Angst vor „Vergeltung“ der Gegenseite aufrechterhalten (Der ‚Hundepapa’ ist 1,90 Meter groß, wir nur gut 1,70…); im besten Fall ist sie über die Jahre tatsächlich zu einem Teil unseres Wesens geworden, im Sinne von: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ oder vielleicht sogar: „Handle so, dass dein Handeln zum Maßstab aller werden könnte!“ Damit nähern wir uns schon dem Kategorischem Imperativ (Dank sei Monsieur Kant) – und sind doch meilenweit von dem entfernt, was meiner Meinung nach klein Jonas, Hassan oder Bella umsetzen können.

Erwachsene Moral für kleine Kinder

Letztlich treten wir „Großen“ aber oft mit genau dieser Vorstellung „erwachsener Moral“ den Kleinen gegenüber auf. Kinder, die selbst oder anderen gegenüber handgreiflich werden, bekommen zu hören: „Das tut man nicht!“, „Wenn das jeder täte!“, „Stell dir mal vor, wie es XY jetzt geht. Entschuldige dich sofort!“ Im schlechtesten Fall werden sie selbst ausgeschimpft, ausgegrenzt („du darfst nicht mehr mitspielen“) oder gar geschlagen. Auch die Erzieherinnen unserer Kita betonten auf meine Frage hin, sie ließen ein solches Verhalten natürlich nicht durchgehen, sie würden mit dem kleinen „Beißer“ schimpfen und er müsse dann schon mal alleine spielen. Offensichtlich bedrückt sie die Situation auch (zumal das Beißen wohl keine einmalige Sache ist, sondern seit Monaten an der Tagesordnung).

Und ich stimme ihnen zu: auch eine 1 1/2-Jährige oder ein knapp Zweijähriger sollte merken: Stopp, hier ist eine Grenze – was ich gerade tue, wird von meiner Umwelt nicht geschätzt. Denn Hauen, Kratzen, Beißen sind tatsächlich keine adäquate Form der Kommunikation, weder für Kleine noch für Große…

Warum wird hier gebissen?

Meiner Meinung nach ist aber diese Rückmeldung schon „Strafe genug“: denn warum beißen, hauen oder kratzen Luan oder Beatrice denn? Eben nicht, weil sie „böse“, „schlecht erzogen“ oder gar in irgendeiner Form „gestört“ sind (jedenfalls nicht, wenn sie ein solches Verhalten mit 1 1/2 zeigen). Sondern weil sie schlicht (noch) keine angemessenere Form gefunden haben, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen! Ein Biss unter Kita-Kindern kann ein – höchst ungeschickter – Versuch der Kontaktaufnahme sein, es kann ein Versuch sein, Aufmerksamkeit zu erhalten (was ja meist gelingt, auch wenn diese negativ ist…) oder schlicht das Bemühen, für ungebremste Wut ein Ventil zu finden.

Entsprechend sollte so ein kleiner „Aggressor“ zwar gespiegelt bekommen: es ist nicht ok, was du hier machst. Aber dein Verhalten wird sanktioniert, nicht du selbst! Wir „Großen“ zeigen dir Alternativen: brüll vor Wut oder geh weg, aber beiß nicht zu. Halt Mila das Spielzeugauto einladend hin, statt es ihr über den Kopf zu ziehen etc.

Motiv und Handlung

Die pädagogisch sanfte Lenkung fruchtet nicht? Genauso wenig wie dein Schimpfen? Und das über Monate? Dann solltest du dich vielleicht fragen: Warum rede ich hier „gegen die Wand“? Vielleicht, weil mein Gegenüber etwas anderes braucht als „Stopp“ und (Verhaltens-) Alternativen? Vielleicht, weil er oder sie wirkliche Aufmerksamkeit für den Druck, die Wut oder den Schmerz braucht, die in seinem oder ihren Verhalten zum Ausdruck kommen?

Habe ich Stress mit meinem Chef, mit meinem Partner und dazu noch Magenschmerzen und breche darüber auf dem Heimweg von der Arbeit in Schimpftiraden über die anderen Autofahrer aus, hilft es mir keineswegs, wenn mich jemand anfährt, ich solle mich „doch mal zusammenreißen“ und sozialer verhalten. Teil meines Problems ist ja gerade meine Umwelt, wenn auch die anderen Verkehrsteilnehmer nur stellvertretend das verbal „abbekommen“, was eigentlich an Chef oder Partner adressiert sein müsste…

So in etwa läuft das meiner Meinung nach auch in der Kita-Spielecke ab: irgendwo muss der Druck raus – und da klein Kim und klein Luis weder schimpfen noch Autofahren können, kommt er eben auf die brachialere Art zum Ausdruck – und führt dem Kitakumpel gegenüber zu eben diesem Biss im Morgengrauen…

Was schließe ich daraus?

Aus Perspektive meines Kindes, das gebissen wurde, empfinde ich natürlich Besorgnis und Mitgefühl und es ist mir ein Anliegen, dass die Erzieherinnen das andere Kind gut im Blick behalten, Situationen entschärfen und so möglichst weitere Beißattacken verhindern. Andererseits empfinde ich ehrlich gesagt auch Mitgefühl für den kleinen „Beißer“, der sich über Monate nicht anders auszudrücken wusste und noch immer weiß. Vor etwa einem Jahr hat unser Sohn in der Kita übrigens auch ein paar Mal zugebissen. Das war, als er noch so gut wie gar nicht sprechen konnte, wir als seine Eltern mitten in der Trennung steckten und es zuhause nicht gerade friedlich zuging. Mir war damals sehr wichtig, dass unser Kleiner Alternativen zu seinem destruktiven Verhalten finden konnte (Weggehen statt Schubsen etc.). Vor allem aber haben sein Vater und ich uns daran gemacht, zu klären, was zwischen uns im Argen war und unserem Sohn damit das zu geben, was ein Kind unserer Meinung nach (zum Glück waren wir uns darin einig) ebenso braucht wie klare Grenzen: nämlich ein friedliches, stabiles Umfeld. Eltern, die wahrnehmen und nicht nur fordern und begrenzen. Eltern, die Zeit und Ruhe schenken. Eltern, die schätzen, wie ihr Kind ist und nicht wie sie es gern hätten. Eben das Gegenteil von Gewalt.

Frieden lernt wer in Frieden leben darf.

Das glaube ich fest – und wünsche dieses Geschenk von Herzen jedem Kind!

In diesem Sinn friedliche Grüße, 
Sunnybee