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Biss zum Morgengrauen. Oder: Warum es keine „Arschloch-Kinder“ gibt

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Für die cinephilen Mütter (und vielleicht auch Väter?) unter euch: hier geht es nicht um die gleichnamige Vampir-Romanze, die sich 2008 in den Kinos der Welt zwischen Kristen „Bella“ Stewart und Robert „Edward“ Pattinson entspann…

Biss-Spuren aus der Kita 

Nein, ich schreibe hier von ganz realen, zahnabdruckverursachenden, schmerzhaften – Bissen! Vor zwei Tagen kam unser Sohn mit einer solchen Bissspur aus der Kita. Ich erfuhr davon per Foto, das mir sein Vater geschickt hatte (er war im Rahmen des von uns praktizierten Wechselmodells an diesem Nachmittag für die Kinderbetreuung zuständig). Seinen Kommentar („B. wurde heute von H. gebissen… aber alles gut soweit“) fand ich bewundernswert gelassen, schätzte die Lage aber, nachdem ich das Bild gesehen hatte, doch etwas anders ein. „Alles ok“ war sicher nicht der zutreffende Ausdruck. Ich beschloss, die Erzieherinnen in unserer Kita am nächsten Tag
auf den Vorfall anzusprechen…

Jetzt gehe ich nicht davon aus, dass unser Sohn in der Kita immer ein „Engel“ ist. Genauso wenig, wie ich dem kleinen „Beißer“ auch nur im Ansatz ‚böse Absichten‘ unterstelle. Der Junge ist 1 1/2, ich bin davon überzeugt, er beißt nicht, weil er die anderen ärgern will. Aber warum dann?

Was hätte Kant gesagt?

Warum fluchen wir Erwachsenen an der Ampel, brüllen mit rotem Kopf „Mir reicht’s!“ und schmeißen je nach Temperament mit Tellern oder zischen Beleidigungen, die klar unter der Gürtellinie liegen? Eben, weil es tatsächlich reicht – und wir für einen Moment unsere – erwachsene – Impulskontrolle verlieren. Dem gegenüber steht das, was man früher „die Contenance wahren“ nannte, ein Verhalten, das uns schlicht gesellschaftlich ‚kompatibel‘ macht: So schmettern wir dem Nachbarn, dessen Hund sein Geschäft auf unserem Grundstück hinterlassen hat, höchst selten entgegen: „Ihr Scheißköter wird bald das letzte Mal gesch… haben!“ und fluchen nur in der Privatheit unseres Autos über die „hirnverbrannten“ anderen Verkehrsteilnehmer…

Im schlechtesten Fall ist diese erworbene „Contenance“ eine dünne Schicht an Zivilisiertheit, die wir womöglich nur aus Angst vor „Vergeltung“ der Gegenseite aufrechterhalten (Der ‚Hundepapa’ ist 1,90 Meter groß, wir nur gut 1,70…); im besten Fall ist sie über die Jahre tatsächlich zu einem Teil unseres Wesens geworden, im Sinne von: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem andern zu“ oder vielleicht sogar: „Handle so, dass dein Handeln zum Maßstab aller werden könnte!“ Damit nähern wir uns schon dem Kategorischem Imperativ (Dank sei Monsieur Kant) – und sind doch meilenweit von dem entfernt, was meiner Meinung nach klein Jonas, Hassan oder Bella umsetzen können.

Erwachsene Moral für kleine Kinder

Letztlich treten wir „Großen“ aber oft mit genau dieser Vorstellung „erwachsener Moral“ den Kleinen gegenüber auf. Kinder, die selbst oder anderen gegenüber handgreiflich werden, bekommen zu hören: „Das tut man nicht!“, „Wenn das jeder täte!“, „Stell dir mal vor, wie es XY jetzt geht. Entschuldige dich sofort!“ Im schlechtesten Fall werden sie selbst ausgeschimpft, ausgegrenzt („du darfst nicht mehr mitspielen“) oder gar geschlagen. Auch die Erzieherinnen unserer Kita betonten auf meine Frage hin, sie ließen ein solches Verhalten natürlich nicht durchgehen, sie würden mit dem kleinen „Beißer“ schimpfen und er müsse dann schon mal alleine spielen. Offensichtlich bedrückt sie die Situation auch (zumal das Beißen wohl keine einmalige Sache ist, sondern seit Monaten an der Tagesordnung).

Und ich stimme ihnen zu: auch eine 1 1/2-Jährige oder ein knapp Zweijähriger sollte merken: Stopp, hier ist eine Grenze – was ich gerade tue, wird von meiner Umwelt nicht geschätzt. Denn Hauen, Kratzen, Beißen sind tatsächlich keine adäquate Form der Kommunikation, weder für Kleine noch für Große…

Warum wird hier gebissen?

Meiner Meinung nach ist aber diese Rückmeldung schon „Strafe genug“: denn warum beißen, hauen oder kratzen Luan oder Beatrice denn? Eben nicht, weil sie „böse“, „schlecht erzogen“ oder gar in irgendeiner Form „gestört“ sind (jedenfalls nicht, wenn sie ein solches Verhalten mit 1 1/2 zeigen). Sondern weil sie schlicht (noch) keine angemessenere Form gefunden haben, ihre Gefühle zum Ausdruck zu bringen! Ein Biss unter Kita-Kindern kann ein – höchst ungeschickter – Versuch der Kontaktaufnahme sein, es kann ein Versuch sein, Aufmerksamkeit zu erhalten (was ja meist gelingt, auch wenn diese negativ ist…) oder schlicht das Bemühen, für ungebremste Wut ein Ventil zu finden.

Entsprechend sollte so ein kleiner „Aggressor“ zwar gespiegelt bekommen: es ist nicht ok, was du hier machst. Aber dein Verhalten wird sanktioniert, nicht du selbst! Wir „Großen“ zeigen dir Alternativen: brüll vor Wut oder geh weg, aber beiß nicht zu. Halt Mila das Spielzeugauto einladend hin, statt es ihr über den Kopf zu ziehen etc.

Motiv und Handlung

Die pädagogisch sanfte Lenkung fruchtet nicht? Genauso wenig wie dein Schimpfen? Und das über Monate? Dann solltest du dich vielleicht fragen: Warum rede ich hier „gegen die Wand“? Vielleicht, weil mein Gegenüber etwas anderes braucht als „Stopp“ und (Verhaltens-) Alternativen? Vielleicht, weil er oder sie wirkliche Aufmerksamkeit für den Druck, die Wut oder den Schmerz braucht, die in seinem oder ihren Verhalten zum Ausdruck kommen?

Habe ich Stress mit meinem Chef, mit meinem Partner und dazu noch Magenschmerzen und breche darüber auf dem Heimweg von der Arbeit in Schimpftiraden über die anderen Autofahrer aus, hilft es mir keineswegs, wenn mich jemand anfährt, ich solle mich „doch mal zusammenreißen“ und sozialer verhalten. Teil meines Problems ist ja gerade meine Umwelt, wenn auch die anderen Verkehrsteilnehmer nur stellvertretend das verbal „abbekommen“, was eigentlich an Chef oder Partner adressiert sein müsste…

So in etwa läuft das meiner Meinung nach auch in der Kita-Spielecke ab: irgendwo muss der Druck raus – und da klein Kim und klein Luis weder schimpfen noch Autofahren können, kommt er eben auf die brachialere Art zum Ausdruck – und führt dem Kitakumpel gegenüber zu eben diesem Biss im Morgengrauen…

Was schließe ich daraus?

Aus Perspektive meines Kindes, das gebissen wurde, empfinde ich natürlich Besorgnis und Mitgefühl und es ist mir ein Anliegen, dass die Erzieherinnen das andere Kind gut im Blick behalten, Situationen entschärfen und so möglichst weitere Beißattacken verhindern. Andererseits empfinde ich ehrlich gesagt auch Mitgefühl für den kleinen „Beißer“, der sich über Monate nicht anders auszudrücken wusste und noch immer weiß. Vor etwa einem Jahr hat unser Sohn in der Kita übrigens auch ein paar Mal zugebissen. Das war, als er noch so gut wie gar nicht sprechen konnte, wir als seine Eltern mitten in der Trennung steckten und es zuhause nicht gerade friedlich zuging. Mir war damals sehr wichtig, dass unser Kleiner Alternativen zu seinem destruktiven Verhalten finden konnte (Weggehen statt Schubsen etc.). Vor allem aber haben sein Vater und ich uns daran gemacht, zu klären, was zwischen uns im Argen war und unserem Sohn damit das zu geben, was ein Kind unserer Meinung nach (zum Glück waren wir uns darin einig) ebenso braucht wie klare Grenzen: nämlich ein friedliches, stabiles Umfeld. Eltern, die wahrnehmen und nicht nur fordern und begrenzen. Eltern, die Zeit und Ruhe schenken. Eltern, die schätzen, wie ihr Kind ist und nicht wie sie es gern hätten. Eben das Gegenteil von Gewalt.

Frieden lernt wer in Frieden leben darf.

Das glaube ich fest – und wünsche dieses Geschenk von Herzen jedem Kind!

In diesem Sinn friedliche Grüße, 
Sunnybee

 

 

 

 

 

 

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft

Familienchemie (II): Was nach der Trennung beginnt

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„Familie“ endet nicht mit der Trennung. Das ist in gewisser Weise ein Glück, bzw. birgt kostbare Möglichkeiten, wie ich im ersten Teil dieses Artikels beschrieben habe. Ein gemeinsames Kind, bzw. gemeinsame Kinder zu haben, kann einen dazu bewegen, gerade der Kinder zuliebe Verletzungen zu überwinden und den Streit ums „Recht haben“ nicht immer wieder neu aufzunehmen.

Andererseits bleibt der Ex-Partner – gerade durch die Kinder – immer ein wichtiger Teil des Lebens – und solange die Kinder auf die elterliche Fürsorge angewiesen sind, wird er auch nicht so leicht zu einem Teil der Vergangenheit. Im Gegenteil: Nötige Absprachen, die Begegnungen bei den Übergaben, Feiertage und Ferien, bei deren Planung die Bedürfnisse des ehemaligen Partners mit berücksichtigt werden, bewirken, dass dieser – auch nach der Trennung – noch ganz schön präsent ist.

Und selbst, wenn er oder sie sich ganz aus der Betreuung der Kinder zurückzieht oder derjenige, bei dem die Kinder die meiste Zeit leben, versucht, den Kontakt so gering wie möglich zu halten – so bleibt der ehemalige Partner oder die ehemalige Partnerin doch ebenfalls präsent – wenn auch vielleicht nur als „Leerstelle“, die Zutat, die fehlt im ‚Familiencocktail‘.

Trauer und Leichtigkeit

Ich merke, gut ein Jahr nach der Trennung von meinem ehemaligen Freund und Vater meines Sohnes, dass ich noch Spuren von „Trauer“ um unsere in dieser Konstellation nie wieder bestehende Familie in mir trage. Besonders bewusst wird mir das in Momenten, in denen ich beginne, mich als Frau wieder dem Leben zu öffnen, mich also z.B. mit einem anderen Mann zu verabreden.

Ist einfach noch nicht genügend Zeit vergangen, wenn mich das in dieser Weise (auch) traurig macht? Oder ist es schlicht der Tribut an die Tatsache, dass ich mein Leben zu einem früheren Zeitpunkt anders „gedacht“ habe und ich mich mit einem neuen Kennenlernen noch einmal deutlicher von diesem Entwurf verabschieden muss?

Und was wird sein, wenn ich irgendwann tatsächlich eine neue Beziehung eingehe, womöglich mit einem Partner, der bereits Kinder hat? Die klassische ‚Patchwork-Konstellation‘ – zwei Erwachsene, die es miteinander versuchen, mehr oder weniger leichtfüßig, mehr oder weniger befangen, dazu  mehrere Kinder und die jeweiligen vorherigen Partner/innen, ggf. auch mit neuen Partnern…

Gerade schwirrt mir etwas der Kopf, wenn ich mir das vorzustellen versuche… Ist da Raum für Leichtigkeit? Einfach auch mal nur ‚zu zweit sein‘, sich kennenlernen, als Mann und Frau und auch, mit den Kindern, als Vater oder Mutter – ohne gleich den Gedanken: was wird daraus? Ist da Raum für Freude, Unbeschwertheit – und auch für Trauer? „Entmischen“ kann ich den ‚Familiencocktail‘ zwischen meinem ehemaligen Freund, meinen Sohn und mir jedenfalls nicht. Also was damit tun, dass wir immer ein Stück weit verbunden sein werden? Und dass ich vielleicht irgendwann eine neue Bindung eingehen werde?

Mixen mit Vertrauen

Vielleicht ist das Leben auch hier eine Folge kleiner Schritte. Und andererseits so schnell und umbruchartig, dass ich es gar nicht „planen“ kann!… Vermutlich muss ich meinen neuen ‚Cocktail‘ ein Stück weit einfach mischen lassen – vom Schicksal, oder, vertraue ich darauf, einer höheren Instanz. Um im Bild zu bleiben: welcher wirklich gute Barkeeper mixt allein mit dem Verstand? Die Beigabe der Zutaten nach Augenmaß, das Quentchen Zufall bei der Bemessung der Mengen – und dabei das Vertrauen, dass schon alles gut gehen wird, bzw. ich auch mit einem Scheitern umgehen könnte – hierin liegt vermutlich das Rezept jeder guten Mischung – am Tresen wie im Leben.

 

 

Familie, Gesellschaft

„Er spielt den Hund“: Entwicklungs-Gespräche in der Kita

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Auch in unserer Kita (Kinder von 0-3) besteht Dokumentationspflicht. Seitenweise Bögen mit Skalen, in denen die Erzieherinnen anzukreuzen haben: verwendet Julius, Clarise, Cem eine Schere? Isst Pia mit dem Löffel, spricht S-Laute? Läuft Hannes rückwärts, malt Kreise, pupst im Takt.. hoppla, letzteres Kriterium wurde, soweit ich weiß, noch nicht erhoben.

In sogenannten „Entwicklungsgesprächen“ bekommen wir Eltern einmal pro Jahr die ausführliche Rückmeldung: In der Ampelmetaphorik gesprochen – alles im grünen, gelben oder roten Bereich? Evaluation beginnt heutzutage, bevor die Kleinen ihren Namen sagen können.

Er ist sozial und spielt den Hund

Wollt ihr wissen, wie unser Sohn abgeschnitten hat? Sehr sozial (yippieh, wusste ich schon!…), langsam im Sprechenlernen, kann Schere, Kreise, Rückwärtslaufen, zieht sich, wenn Stress in der Kitagruppe herrscht, eher zurück anstatt sich ins Gemenge zu werfen. Ein sensibles Kind – und „er spielt öfter den Hund“, den die älteren Mädchen der Gruppe dann Gassi führen… Gut, das wusste ich noch nicht.

„Seine“ Erzieherin, die, zu großen Teilen in ihrer Freizeit, die Dokumentation für ihn erledigt hat, ist herzlich, klug und unaufgeregt: „Wir stärken ihn, damit er nicht untergeht, wenn die Kleinen kloppen und die Großen kommandieren.“ „Das wird schon im Kindergarten. Er zeigt, was er möchte und sucht sich seine Bereiche, in denen er dann sein Ding macht.“

Also alles gut soweit. Warum fühle ich mich nach dem Gespräch trotzdem erschöpft?

In der Wettbewerbsarena

Vielleicht, weil es eigentlich absurd ist, das eigene Kind schon vor dem Kindergarten an „Normkurven“ messen zu lassen. Und weil es bei aller – angestrebten – Gelassenheit die Vergleicheritis ausbrechen lässt: ist der Junior nicht zu forsch, zu devot, zu langsam, zu schnell, zu sozial, zu eigenbrötlerisch? Eigentlich müssten da schon alle Alarmglocken schrillen – und zwar nicht wegen des Kindes, sondern wegen einem selbst: was tue ich hier gerade? Bin ich wirklich bereit, meinen Sohn in diese Wettbewerbsarena zu stoßen? Wer bastelt den schönsten Fisch, wer spricht mit 21/2 am gewähltesten, wer hat die besten Spielideen? Was schleichen sich da für Gedanken in meinen Kopf? Schafft er das im Kindergarten? Kommt er mit bei dem, was gefordert wird? Behauptet er sich unter den anderen Kindern?

Kinder können grausam sein, schlicht (noch) gefühllos für die Gefühle anderer. Kinder können aber auch sehr liebevoll sein, oft gerade, wenn man gar nicht erwartet hat, dass sie schon so viel von dem, was zwischen Menschen passiert, verstehen. Was Kinder höchst selten tun: gefühllos oder liebevoll sein „auf Kommando“. Wachsen auf Kommando. Sich für Dinge begeistern, aufhören mit Dingen zu schmeißen, zuhören und „brav sein“ auf Kommando.

Bepunktet statt gesehen 

Vor allem Kinder im Kleinkindalter sind meiner Meinung nach oft noch sehr nah an dem, was wirklich ihnen entspricht. Sie sind draufgängerisch, wild, zögernd, suchen Aufmerksamkeit, wollen gesehen werden und ihre Entdeckungen der Welt mit den ‚Großen‘ teilen. Wenn wir dann sagen: „Jetzt ist aber Kreise malen dran, nicht Schnecken streicheln“ oder vermerken: „Ungelenk mit Schere und Papier“, dabei war der wackelige Stuhl und das Balancieren darauf im Moment einfach spannender – dann landet das Kreuz in der Skala am Ende bei gelb oder rot.

Wir haben das Kind gut eingeordnet. Gesehen haben wir es nicht. Und wenn klein Luise, klein Tim oder Lukas dann in der Kita beißen, weil zuhause alle immer nur meckern oder Carla „Hund und Frauchen“ spielen will, um wenigstens einmal das Kommando zu haben – dann können wir Erwachsenen uns fragen: was genau haben wir da eigentlich beigebracht?

Vielleicht würde uns so ein Evaluationsgespräch manchmal auch ganz gut tun. Gelb-rot-grüne Skala inklusive.

Herzlichen Gruß
Sunnybee

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Sex… äh, Zoo mit dem Ex

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Über Sex mit dem Ex gibt es (online) gefühlt mehrere Ratgeberregalmeter: „Bringt nix: (selbst-) verletzend.“ – „Warum nicht?“ – „Bloß nicht!“

Über Zoo mit dem Ex konnte ich bisher nichts finden. Dabei kann die Frage durchaus relevant werden, jedenfalls, wenn man als Paar getrennt, jedoch nicht völlig zerstritten und Eltern eines gemeinsamen Kindes ist.

Alternativ zu „Zoo“ könnte ich einsetzen:
– Geburtstagsfrühstück mit Ex und (Geburtstags-) Kind
– Spiel(viertel)stunde des Ex mit Kind in ursprünglich gemeinsamer Wohnung im Kontext der Übergaben
– Abendliche Telefonate von Ex zu Ex.

Kein Sex. Aber – ja, ja, ja – Intimität. Weil sich ein Zoobesuch, ein Jahr nach der Trennung und harmonisch verlaufend, wie „Familie sein“ anfühlt und die Sehnsucht danach auf einmal wieder da ist? Weil das bei einem Geburtstagsfrühstück oder spontaner Spiel(viertel)stunde des Ex in der ehemals gemeinsamen Wohnung nicht anders ist, dazu jedoch noch das Konfliktpotential hinzukommt: „Du hast schon wieder…“ „Das ist wie damals, als…“, „Immer musst du…“. Und zuletzt, weil abendliche Telefonate naturgemäß dann stattfinden, wenn beide Parteien, erschöpft vom Tag, tendenziell offen und anlehnungsbedürftig, aber auch dünnhäutig und gereizt sind und dementsprechend auf mögliche aufkommende (Ex-) Beziehungsthemen reagieren.

Position 1: „Bringt nix: (selbst-) verletzend. Bloß nicht!“

Aus oben genannten Gründen: solange noch Wehmut über das Ende – oder gar Hoffnung auf ein Neuaufleben – der Beziehung besteht, Finger weg von allen Aktivitäten, die sich auch nur entfernt „beziehungsartig“ anfühlen! Ebenso, wenn noch ungeklärte Konflikte bestehen, die in den oben genannten Situationen allzu leicht wieder hochkochen können. Guter Indikator, ob man dem Ex-Partner wirklich neutral gegenüber steht: fühlen sich solche Momente der Nähe – denn das sind sie natürlich – einfach entspannt und freundschaftlich an? Oder ist da noch eine Spannung irgendwelcher Art (egal ob Anziehung oder Gereiztheit) und bleibt nach der Begegnung ein Gefühl von Verwirrung oder gar Sehnsucht – dann bist du noch nicht wirklich über den/die Ex hinweg. Aktivitäten wie die oben beschriebenen reißen dann nur Wunden auf, die sich gerade erst geschlossen haben und hindern dich am „Weitergehen“ zu einer möglichen neuen, hoffentlich freudvolleren, Beziehung. In all diesen Fällen: Sorge gut für dich – und lass es sein!:-)

Position 2: „Warum nicht?“

Ja, warum eigentlich nicht? Selbst wenn noch nicht alles 100% bereinigt, geklärt und neutral zwischen euch ist? Wird es das denn je sein – vor allem mit gemeinsamem Kind, das euch von Anfang an eine vollständige Trennung nicht möglich gemacht hat? Ist es da vielleicht sogar sinnvoll, den Umgang mit aufkommenden ambivalenten Gefühlen sozusagen zu „üben“? Die Konfrontation auch mit eigenen, noch bestehenden Sehnsüchten und Wünschen: bin ich nach einem „familienähnlichen“ Zoobesuch traurig, zeigt mir das eben, dass ich tatsächlich betrauere, dass mein Ex-Partner, unser Kind und ich nie (wieder) eine „heile Familie“ sein werden, als Vater-Mutter-Kind… und will ich mit meinem Ex-Partner tatsächlich eine Freundschaft aufbauen, ist vielleicht genau dieses Gefühl – und das Gespräch darüber – eine Basis dafür.

Ein schmaler Grat

Der berühmte schmale Grat wohl zwischen – tatsächlich – Selbstverletzung und vielleicht auch Selbstbetrug („so tun, als ob alles gut sei“) – und großer Offenheit sich selbst gegenüber und dem, was möglich ist. Dann kann „Zoo mit dem Ex“ freudvoll sein und doch Anlass zu einer Spur Wehmut geben – und beides ist okay. Beides ist auch erhellend in der Phase des Übergangs, in der die Beziehung klar beendet ist, die Gefühle jedoch sich erst endgültig sortieren müssen – auf beiden Seiten.

Hast du eine Meinung dazu? Ich freue mich über deinen Kommentar!

[PS. Wem’s aufgefallen ist: „Ex, Ex, Ex“ – Tribut an die Melodie des Textes, nicht mein persönlicher Sprachgebrauch… Zum Thema „Wie spreche ich über meine/n Nicht-Mehr-Partner/in“ habe ich hier mehr geschrieben:-)]

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Männer sind Schweine. Oder: warum der KV den Umgang vergisst

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Männer beziehen ihr Bett durchschnittlich nur 4x im Jahr neu.

Die Aussage, gut lesbar auf einem der Info-Screens, die in U-Bahn-Stationen inzwischen üblich sind, verblüfft mich. Sie ist als „Unnützes Wissen“ betitelt, die Sorte Information, die man garantiert nicht mehr vergisst, obwohl man sie sich nie merken wollte…

Unwillkürlich schweifen meine Gedanken zu meinem ehemaligen Freund und Vater meines Kindes. Kann es sein, dass auch er nur vier Mal im Jahr?!… Interessiert betrachte ich die Menschen um mich herum. Einige starren ebenfalls den Bildschirm an. Faszinierend: offensichtlich findet jemand zu Recht die Behauptung, Männer hielten die Reinigung ihrer Bettwäsche maximal einmal im Quartal für notwendig, für ausreichend unterhaltsam, um sie in einer U-Bahnstation Hunderten von Leserinnen und Lesern zugänglich zu machen.

Der Subtext der Aussage („Männer sind Schweine“), von den Ärzten vor Jahren treffend besungen, erinnert mich an zahlreiche aufgeschnappte Bemerkungen befreundeter oder auch mir unbekannter Frauen, vorgetragen oft mit einer Art gereizter Nachsicht: „Ich habe ihm eine zweiseitige Einkaufsliste geschrieben und dann hat er die Hälfte vergessen.“ Oder: „Er hat Marie doch glatt Orangensaft zu trinken gegeben, während ich weg war und dann wundert er sich, dass sie am nächsten Morgen wund ist.“ Oder auch: „Wenn ich ihm abends nicht einen Zettel hinlegen würde, würde er den Geburtstag seiner eigenen Mutter vergessen. Ich warte nur auf den Tag, an dem er seinen eigenen vergisst!“

Die Frauen, die diese Äußerungen machen, sind selten bösartige Menschen – zumindest erscheinen sie mir nicht so -, und auch mit ihrer Partnerschaft und dem Mann in ihrem Leben, den sie in dieser Weise beschreiben, scheinen sie nicht grundsätzlich unzufrieden zu sein. Warum dann diese Mischung aus Nachsicht und Abschätzigkeit? Der Mann, ein zwar williges, doch tendenziell trotteliges und zuweilen etwas rüpelhaftes Wesen, das mit sanftem Druck (wieder) an die Zivilisation herangeführt werden muss? Eine Zivilisation, die, aus dieser Perspektive, wohl klar durch die Frau verkörpert wird, der es gelungen ist, ihn zu zähmen…

„Männer sind Schweine
Traue ihnen nicht, mein Kind
Sie wollen alle nur das Eine
Weil Männer nun mal so sind.“
(Ärzte)

Ein Ort, an dem man, wenn auch nur virtuell, vor allem Frauen begegnet, sind sogenannte „Mami-Foren“ werdender und frischgebackener Mütter. Der Ton ist hier oft ähnlich wie eben beschrieben: Da hat der KV (= Kindsvater) ständig Lust auf Sex, obwohl der ET (= errechnete Geburtstermin) naht und die Frau alles im Sinn hat, nur nicht den ehelichen Beischlaf („Aber so sind sie halt!…:-) :-)“). Da kümmert sich der EZ (= Erzeuger) schon jetzt nicht um seinen Nachwuchs oder vergisst auch nur, die Wäsche aufzuhängen, was, hormonell bedingt, einen mittleren Wutanfall rechtfertigt… Und so weiter und so fort. Die in den Beiträgen verwendeten Abkürzung mögen der Zeitnot mit Säugling nach der Geburt oder der Bequemlichkeit geschuldet sein – bei mir wecken sie Assoziationen einer Art „geschlossenen Gesellschaft“: Wir Schwangeren/ Mütter/ Frauen wissen, wie der Hase läuft. Wir brauchen die zwar, und lieben sie vielleicht sogar, aber letztlich brauchen die uns nichts zu erzählen, diese – Kerle!…

„Männer sind Säue
Glaube ihnen nicht ein Wort
Sie schwör’n dir ewige Treue
Und dann am nächsten Morgen sind sie fort.“
(Ärzte)

Interessanterweise bewege ich mich in letzter Zeit wieder in Kreisen, in denen fast nur Frauen versammelt sind: Alleinerziehenden-Veranstaltungen scheinen den unsichtbaren Stempel „Women only“ zu besitzen, jedenfalls verirren sich auf zehn bis zwanzig Frauen meist nur ein oder zwei Vertreter des männlichen Geschlechts dorthin… Entsprechend hat der Ton, der herrscht, zuweilen auch etwas Verschwörerisches: je nach Konstellation hatten zwei von drei Anwesenden schon mal mit ausbleibendem Unterhalt des KV (= Kindsvater, ihr erinnert euch?) zu tun, sicher stöhnt immer eine, dass „der Umgang“ schwierig sei und der GT (= Gerichtstermin), der ebendiesen Umgang regeln soll, wird mit Sorge erwartet.

Ich will mich an dieser Stelle in keiner Weise über die Sorgen und Belange schwangerer, bzw. getrennt lebender Mütter lustig machen. Zur ersten Gruppe gehörte ich selbst vor gut drei Jahren, als Mitglied der zweiten schreibe ich ja diesen Blog. Was mir jedoch auffällt, und auch aufstößt -, ist die Sprache, in der, manchmal sogar in Anwesenheit der Kinder, über eben jenen „Kindsvater“ oder „Erzeuger“ gesprochen wird. Eben im besten Fall mit nachsichtigem Spott, im schlechtesten Fall mit Verachtung.

Eine „Gebrauchsanweisung“ für Männer scheint es für uns Frauen nicht zu geben. Wir lieben sie, begehren sie – und dann wechseln sie nur einmal im Quartal die Wäsche ihrer Betten?! Uups… Wir verstehen sie offensichtlich nicht, „diese anderen“ – und zumindest in Momenten, in denen wir uns deutlich „bezogener“ auf unsere Männer fühlen, auch bedürftiger, was ihr Wohlwollen angeht (in Schwangerschaft und Babyzeit – ebenso wie kurz nach der Trennung), scheint das wilde Blüten zu treiben. Vielleicht hat die enttäuschte Frau, die akzeptieren muss, dass ihr Kind nach der Trennung einen Teil seiner Zeit bei seinem Vater verbringt, das Gefühl, zumindest ein Stück weit die Kontrolle zu behalten, wenn sie diesen als „Umgang“ bezeichnet. Ein KV ist weniger nah als „mein ehemaliger Partner“ und wen ich zum „Erzeuger“ degradiere wird hoffentlich keine Ansprüche auf sein „Erzeugnis“ erheben…

Schlimm nur, dass Worte oft große Macht entfalten. Wen ich ernsthaft als „Schwein“ betrachte, der kann mir nur schwer das Gegenteil beweisen. Wo ich Abschätzigkeit säe, wächst selten Achtung. Und auch wer sich wirklich „schweinisch“ verhalten hat, verdient meiner Meinung nach mehr als eine 2-Buchstaben-Kombination. Schon allein, weil der Wert der Zivilisiertheit, die jemand fordert, immer auch am Verhalten des Fordernden zu messen ist!

~

Was meint ihr dazu? Wie immer freue ich mich über Kommentare, mit und ohne Abkürzungen…;-)