Familie, Partnerschaft, Persönliches

Schwamm drüber? Vom Umgang mit seelischer Verletzung

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Wie gehe ich damit um, wenn ich durch die Handlung eines anderen Menschen sehr verletzt wurde, bzw. mich sein gegenwärtiges Verhalten noch immer verletzt? In Trennungssituationen – aber natürlich nicht nur dort – bin ich häufig damit konfrontiert, dass ein mir nahestehender Mensch sich so verhält, wie ich es für mich nicht akzeptieren kann und/oder will. 

Wie reagiere ich auf erlittene Verletzung? 

Natürlich, ich kann versuchen, den anderen zu ändern, was meiner Meinung nach in etwa so vielversprechend ist, wie einer Fliege, die immer wieder gegen dieselbe Stelle einer Glasscheibe fliegt, zu raten, sich diese durchlässig zu denken… Ich bin der festen Überzeugung, dass Situationen – und auch Menschen – sich grundlegend wandeln können, aber sicher nie dann, wenn ich gerade Druck auf sie ausübe. Oder anders gesagt: Wandel geschieht, aber nicht nach meinem Fahrplan! Wie also umgehen damit, dass etwas, zumindest für den Moment, für mich unabänderlich ist? Was tun, wenn genau das so schmerzlich für mich ist, dass ich es kaum ertragen kann? 

Meiner Meinung nach kann ich an dieser Stelle versuchen, den Konflikt selbst zu verneinen, indem ich alles „in einer Harmonie-Soße ertränke“, wie ein kluger Bekannter kürzlich zu mir sagte, mich also verständnisvoll und akzeptierend gebe, wo ich eigentlich keinerlei Verständnis aufzubringen vermag. Damit erreiche ich jedoch lediglich eins: oberflächlich beseitige ich die Spannung, dies aber auf Kosten meiner Bedürfnisse und Gefühle. Und diese werden sich sicher einen Weg bahnen: sei es in latent aggressiven Sticheleien oder einer diffusen Abwehr dem anderen gegenüber. Keine gute Lösung! Gefühle sind die Wachhunde der Seele. Sie werden umso lauter, je mehr du versuchst, sie zu ignorieren. 

Umgang mit Groll und Verbitterung

Was aber, wenn die inneren Abwehrmechanismen meinen negativen Gefühlen gegenüber so stark sind, dass ich mir hartnäckig versage, sie überhaupt wahrzunehmen? Vielleicht, weil ich als Kind der „Sonnenschein“ der Familie, der vernünftige Sohn oder die pflegeleichte Tochter sein musste? Dann mag etwas in mir entstehen, das wirklich zerstörerisch in jede Form sozialen Kontakts hineinspielt: ich werde bitter. 

Verbitterung – oder auch: Groll – ist meiner Meinung nach ein höchst wirkungsvolles und dennoch nur schwer nachweisbares Gift, das jede Lebendigkeit aus meinen Beziehungen – und letztlich aus mir selbst – zieht. Groll „tarnt“ sich als (selbstgerechte) Anklage („Das tut man nicht. Das lasse ich ihm/ihr nicht durchgehen!“), als beleidigtes Jammern („Er/Sie hat mich so verletzt, wie soll ich das verzeihen?“) oder als scheinbar objektives Urteil („Der Richter/das Jugendamt/Gutachter XY hat bewiesen, dass er/sie im Unrecht ist“). Allen drei Schutzstrategien – denn nichts anderes sind Anklage, Jammern und emotionale Distanzierung – dienen letztlich einem Zweck: nicht zu fühlen, was unterhalb des Grolls zu finden ist, nämlich höchst lebendige Trauer, Wut, Verletzung – und, noch eine „Schicht“ tiefer, ein reiner, im wahren Sinne lebensvoller, Wunsch nach liebevoller Verbindung. 

Wer grollt, kann nicht vergeben

Wem ich grolle, dem kann ich nicht verzeihen. Das ist meiner Meinung nach ein Missverständnis mancher Ratgeber: demjenigen, der oder die mich verletzt hat, zu vergeben, ist sicher sinnvoll und der Weg, wie ich ihn oder sie loslassen oder einen echten Neuanfang versuchen kann. Vor der Vergebung steht jedoch, dass ich verdaut habe, was als Verletzung in mir ist. Ich muss Gefühle der Trauer, Wut oder Enttäuschung wahrnehmen und ihnen wohl auch, z.B. im Gespräch mit einem/r Therapeuten/in, in Form von Tränen oder als Tagebucheintrag, Ausdruck verleihen, um mit dem in Berührung zu kommen, was dahinter steht: eine grundlegende Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe und Verbindung.

Der Weg, mit seelischen Verletzungen umzugehen kann nicht sein, die Verletzung selbst zu verneinen („Schwamm drüber“) oder sich den Zugang zu den verletzten Gefühlen zu verbieten (Groll und Bitterkeit). Es muss der Weg sein, zu leben, was an Trauer, Wut, Schmerz und Enttäuschung da ist, um dann – vielleicht – zu der ursprünglichen Sehnsucht zurückzufinden: zu echter Verbindung, zu Austausch und Liebe, bzw. Loslassen und Verzeihen.

Herzlich alles Gute auf deinem Weg, Sunnybee 

Danke an C.R. und H.S.: Die Gespräche mit euch haben mich zu diesem Text inspiriert!

Familie, Partnerschaft, Persönliches

100 Bonbonsorten: Du hast die Wahl!

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In letzter Zeit beschäftigt mich immer wieder die Frage, was es bedeutet, über so viele Wahlmöglichkeiten zu verfügen, wie z.B. ich es tue.

Weiß, Mitteleuropäerin, Akademikerin, Mitte 30. Ich habe die Wahl, immer wieder, jeden Tag sicher hundert Mal – und davon bewusst wohl noch ein Dutzend Mal. Gehen oder bleiben, das Wort ergreifen oder schweigen, Treffen mit Kolleginnen und Kollegen oder der ruhige Abend zuhause? Dieser oder jener Kindergarten? Meine alte Freundin wiedersehen? Den Freund anrufen oder doch lieber warten, bis er sich meldet? Das nur ein paar der mittelgroßen Entscheidungen des Alltags. 

Eine Dimension größer dann Fragen wie: noch ein Kind oder bleibt’s bei dem einen? Mich trennen oder bleiben? Eine neue Beziehung eingehen oder erst einmal zu mir selbst zurückfinden? Der nächste Karriereschritt oder mehr Zeit fürs  Private? 

Tahiti und Lehrerinnenzölibat

Wählen zu können ist eine große Errungenschaft. Vor gut sechzig Jahren hätte ich z.B. meinen Beruf als Lehrerin nur ohne Kind ausüben können. Das Lehrerinnenzölibat wurde erst 1956 (!) in allen Bundesländern abgeschafft. Davor galt: diene dem Staat oder deinem Manne, dem Fräulein am Pult wurde mit dem – qua Ehe offiziell gemachten – Eingeständnis sexueller Aktivität jede pädagogische Kompetenz abgesprochen, bzw. sollte es diese fortan nur noch den eigenen Sprösslingen zukommen lassen… 

Jawohl, ich habe heute, im Jahr 2018, die Wahl, meinen Beruf auszuüben und ein Kind zu haben – oder mich, jedenfalls vor seiner Geburt, für eines von beidem zu entscheiden. Ich habe die Wahl, nach einer Trennung wieder eine Beziehung einzugehen oder auch nicht, ich sitze – bildlich gesprochen – am Steuer meiner Lebenskutsche und ob ich rechts oder links abbiege, stehen bleibe oder gar rückwärts fahre, bleibt mir ganz selbst überlassen. 

Natürlich, getrennt erziehend mit Kind, kann ich nicht plötzlich ein „neues Leben“ auf Tahiti beginnen und ich sollte auch kleinere Entscheidungen in dem Bewusstsein treffen, dass ich Verantwortung für (mindestens) eine weitere Person habe: für mein Kind. Und damit komme ich zur Kehrseite der Medaille: Wählen kann man nicht vermeiden. Das heißt, ich kann nicht nur wählen, ich muss es auch tun. 

Tomatensauce und Partnerschaft 

Ein mir lieber Bekannter hat kürzlich den Begriff der „Multioptionalität“ mir gegenüber erwähnt: hundert Möglichkeiten und eine soll es werden. Aber welche? Was, wenn die gewählte nicht die beste ist?! (Zu) große Wahlmöglichkeit, bzw. der Versuch, sich diese immer weiter zu erhalten, kann verdammt unentschlossen machen. Dann stehe ich vor dem Tomatensaucenregal und kann mich fünf Minuten lang nicht entscheiden. Oder – einiges gravierender – ich beginne Menschen zu „testen“, um z.B. den besten Beziehungspartner oder die ideale Freundin zu finden. Müßig, zu erwähnen, dass letztgenannter Versuch sehr leicht nach hinten losgehen kann: dann stehe ich statt vor der „Qual der Wahl“ auf einmal ganz alleine da – Menschen lassen sich nun einmal nicht gern vergleichen wie Suppenpulver. 

Sich nicht entscheiden zu können – im Großen wie im Kleinen – hat sicher mit äußerem Überangebot zu tun. Mindestens gleich viel jedoch mit der Furcht, sich ein für alle Mal – und dann womöglich falsch – festzulegen. Angst vor Bindung, der Anspruch von Perfektion an sich und an andere, Furcht vor Erwartungen, die mit einer einmal getroffenen Entscheidung an einen herangetragen werden könnten – das sind sicher alles Gründe, warum die Möglichkeit zur Wahl zuweilen als quälend empfunden wird. 

Entschlossen sein erleichtert

Bei meinem Kind habe ich einmal ganz klar „Ja“ gesagt – und merke, wie tragend es ist, dass ich mich in diesem Punkt festgelegt habe. Die Liebe, die ich hier spüre, ist für mich nicht verhandelbar. Von meinem Kind kann und will ich mich nicht trennen. In dieser Weise entschlossen zu sein reduziert die Wahlmöglichkeiten ganz gewaltig – und fühlt sich in tiefer Weise erleichternd an. 

Nur ist das Leben leider – und zum Glück – in vielen Dingen nicht so eindeutig. Partnerschaft, Beruf, Wohnort und Lebensstil: 100 Bonbonsorten und keiner wählt für dich. Frei nach Watzlawick: du kannst nicht nicht wählen. Also hole tief Luft und entscheide dich – oder werde dir zumindest bewusst, warum du es (bisher) nicht tust!…

Herzlich, Sunnybee

PS. Der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick prägte Mitte des letzten Jahrhunderts den Satz: „Man kann nicht nicht kommunizieren“. Jeder Versuch, Kommunikation zu vermeiden sei wieder eine Form der Kommunikation. Meiner Meinung verhält es sich ähnlich mit dem Versuch, nicht zu wählen. Auch dabei entscheide ich mich – wenn vielleicht auch nur halb bewusst – für etwas: nämlich dafür, andere für mich wählen zu lassen. Falls ich das tue, ist es sicher wertvoll, sich die Frage zu stellen, warum. 😉

alleinerziehend, Hochsensibilität, Partnerschaft, Persönliches

Ein Lob der Langsamkeit

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Wenn du es eilig hast, geh langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mach einen Umweg.

Der erste Teil dieses japanischen Sprichworts begleitet mich seit Jahren. Ganz zu Beginn meines Berufslebens, als ich als junge Lehrerin (wieder einmal) im Eiltempo die Treppen zu einer meiner Klassen hinaufhetzte, beobachtete ich eine ältere Kollegin, die wie ich auf dem Weg in den 3. Stock war. Allerdings ließ sie sich scheinbar alle Zeit der Welt um die drei Treppenabsätze zu erklimmen. Ihre Bewegungen erinnerten mich in ihrer Zurückgenommenheit und ruhigen Konzentration an die Kaltblüter, die ich des öfteren im Zoo beobachtet hatte: Leguane, Warane oder auch die mächtigen Alligatoren bewegten sich mit ähnlich verhaltener Kraft und klar dosierter Energie. 

Jahre später, als wir uns bereits gut kannten, habe ich meiner Kollegin erzählt, dass sie für mich in diesem Moment ein Vorbild gewesen sei. Sie fand das wohl amüsant und freute sich auch über das Kompliment, aber ihr wurde sicher nicht bewusst, welche Tragweite die Beobachtung für mich in den Jahren danach gehabt hatte – weit über den beruflichen Rahmen hinaus. 

Kennenlernen im ICE-Tempo

Gerade in privaten Beziehungen (in Freundschaften und auch in beginnenden Partnerschaften) hatte ich die Tendenz, mich „Feuer und Flamme“ in das Miteinander mit einem – noch Tage zuvor fremden – Menschen zu stürzen, mit der Folge oft großer, auch körperlicher Intensität (letzteres auf beginnende Partnerschaften beschränkt;-)), der das eigentliche Kennenlernen des anderen erst nach und nach folgte – und leider oft auch nach einigen Monaten die ernüchternde Erkenntnis, als wie wenig „passend“ – über eine erste starke seelische oder auch körperliche Anziehung hinaus – sich diese neuen Bekannten herausstellten. Oder vielleicht eher: wie schwierig es ist, noch einmal (gesunde) Distanz und die Haltung der Betrachtenden einzunehmen, wenn man sozusagen schon Nase an Nase „aufeinanderhängt“. 

Und ich habe den Eindruck, gerade für mich als intensiv wahrnehmende und zu starken Gefühlen fähige Frau ist es sehr wichtig, dass ich immer wieder in mich hineinhorche: stimmt noch, was jetzt in mir – und zwischen uns – ist? Will ich das so? Will ich es jetzt? Was will ich eigentlich?

Eine neue Partnerschaft eingehen

Seit der Trennung vom Vater meines Sohnes vor gut 11/2 Jahren hatte ich das Glück, von mehreren Männern Interesse signalisiert zu bekommen, jeder auf seine Art interessant und auch attraktiv. Für mich waren diese Begegnungen ein Weg zurück zu der Lebensfreude in mir, die davor über Monate durch Streit und Spannungen innerhalb meiner Partnerschaft überlagert gewesen war. Ich genoss also den Kontakt zu diesen so unterschiedlichen Männern, von denen zwei durchaus auch mein Interesse weckten. 

Dabei bewahrheitete sich meine zu Beginn dieses Artikels beschriebene Wahrnehmung: je schneller ich sein wollte – und will, bzw. je weiter ich mich in Richtung einer möglichen neuen Partnerschaft, einer wirklichen Öffnung bewegen will, umso langsamer muss ich das tun. Ich merke es im Raum der körperlichen Berührungen ebenso wie im Bereich der seelischen: alles, was zu schnell, zu fordernd, zu intensiv ist – von meiner Seite wie von der Seite des anderen – bringt den subtilen Fluß der – wechselseitigen – Annäherung ins Stocken, wenn nicht gar zum Versiegen. 

Ambivalenz und Freiheit

Daher möchte ich an dieser Stelle für die Freiheit plädieren, genau so langsam zu gehen, wie es eben nötig ist, womöglich sogar Umwege zu gehen, gerade da, wo ein innerer Teil drängt: „Voraus, voraus! Nur direkt auf’s Ziel (einer neuen Partnerschaft) zu!“ Ich möchte betonen, welche Qualität es hat, sich wirklich Zeit zu lassen in Zeiten, in denen es ohnehin oft schnell gehen soll, in denen Abwarten und In-sich-Horchen leicht als Passivität missdeutet wird.

Ambivalenz – ein anderer Aspekt des menschlichen Seins, den ich früher gefürchtet habe und allmählich anzunehmen beginne – ist ja oft zu Beginn eines neuen Kennenlernens spürbar in Form von Unsicherheit und Freude, von Anziehung und Irritation, von Verliebtheit und auch der Furcht vor Zurückweisung. Und gerade diese Ambivalenz mag mich blockieren, wenn ich „schnell“ machen möchte. Denn wohin eilen, wenn es mich in zwei Richtungen zieht!… 

Erlaube ich mir jedoch die Langsamkeit, genau diese gegensätzlichen Gefühle zu spüren und schlicht da sein zu lassen, wird sich Bewegung aller Wahrscheinlichkeit nach ganz von selbst ergeben. In die eine Richtung oder in die andere. Vielleicht nicht in die, die ich – oder der andere – gerne hätte. Aber Anziehung und Zuneigung, aufkommendes Vertrauen und tiefe Bindung ist für mich sowieso nichts, was ich rein willentlich steuern kann. Ich kann mich dafür öffnen. Ich kann selbst anziehend, zuneigungsvoll und bereit zu Bindung sein – aber was sich daraus ergibt, ist dann doch immer durch das Zusammenspiel zwischen zwei Menschen bedingt – und somit zu Beginn nie klar. 

Gehe ich somit gerade dort schnell, wo ich mir am meisten „Fortschritt“ wünsche, „überhöre“ ich vielleicht die kleinen Signale, die mir selbst – und auch dem anderen – bedeuten: nimm wahr, lerne kennen, prüfe, was stimmig ist, bevor du dich (wieder) bindest – denn was im „Schnelldurchlauf“ beginnt, endet nur allzu leicht ähnlich schnell; aber dann schon „mittendrin“, in einer neuen Partnerschaft und dadurch auch leicht mit dem Schmerz, trennen zu müssen, was sich zum Teil schon verbunden hat.

In diesem Sinn: „Wenn du es eilig hast, geh langsam!“

Herzlich,

Sunnybee

alleinerziehend, Familie, Partnerschaft, Persönliches

Auf der Säule. Was uns ein alter Heiliger über die Liebe sagt

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Zu Beginn des 5. Jahrhunderts nach Christus lebte Symeon Stylites auf einer Säule. Der Legende nach verbrachte er mehrere Jahrzehnte auf deren Kapitell, ernährt über Leitern und seelisch ‚genährt’ durch Gebete und Askese. Entfernt von der Welt, versuchte er zu einer besonders innigen Gemeinschaft mit Gott zu finden.

Die Leute sahen sicher mit Staunen, vielleicht mit Bewunderung oder auch mit ungläubiger Scheu zu ihm hoch: „Dass der das durchhält!“, „Der traut sich was!“, „Der spinnt doch!“, „Das könnte ich nicht!“ Und nach einer Weile vielleicht auch: „Warum tut der das?“, „Was lehrt mich das?“, „Was verstehe ich durch ihn?“

Die Welt von oben

Wie mag wohl die Welt für ihn da oben ausgesehen haben? Stille. Das alltägliche, geschäftige Treiben weit entfernt. Vermutlich auch karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend, bei brennender Hitze, Sturm, Blitz und Donner: exponiert, ungeschützt. Letztlich jedoch aber wohl doch geborgen, in tiefes Gespräch/Gebet versunken mit einem Gegenüber, dem sich Symeon Stylites zumindest zeitweise wohl verbundener fühlte als seinen weltlichen Kontakten.

Ich empfinde uns Allein- und Getrennterziehende manchmal, als säßen wir auf einer solchen (inneren) Säule. Um uns pulsiert das Leben: Kinderbetreuung, Einkauf, Lohnabrechnung, Besprechungen mit Kollegen. Wir gehen auf all das ein, organisieren und gestalten unser Leben – aber ein Teil von uns bleibt „in sicherem Abstand“, oben auf der Säule…

Was ist das für ein Teil? Eigentlich jede/r, der allein- oder getrennterziehend ist hat einen Verlust erlebt. Eine Ehe ist gescheitert, eine Beziehung hat nicht harmoniert oder ist gar nicht erst zustande gekommen. Wir haben das verloren, was eine „harmonische Familie“ hätte sein können. Tut das weh? Natürlich. Spüren wir Trauer, Schmerz, Ungläubigkeit oder Wut darüber? Aber sicher. Mehr oder weniger stark, mehr oder weniger präsent in unserem Alltagsleben – aber ein Verlust ist da. „Kalt“ lässt uns das Ende der Beziehung zum Vater oder der Mutter unseres Kindes/ unserer Kinder sicher nicht.

Raum für den Schmerz?

Leben wir nun diese Trauer, diesen Schmerz, die Sehnsucht, die sich mit diesem Menschen nicht mehr erfüllen kann, aus? Wann denn? Beim Pausenbrotschmieren für unsere Kleinen? Beim Kita-Elternabend? Bei der Präsentation unserer Projektarbeit? Oder beim Cocktail-Abend mit unserer besten Freundin, den wir uns nach zwei Monaten freischaufeln konnten? Allein- und getrennterziehend sein heißt oft auch: wenig Raum haben für das, was in uns schmerzlich ist. Denn wir sind Halt für andere – und haben, gerade im Scheitern unserer Beziehung, vielleicht auch erlebt, dass uns selbst kein Halt gegeben worden ist, wenn wir schwach waren.

Wie naheliegend erscheint es da, sich mit dieser Schwäche, Trauer und Wut „auf die Säule“ zu setzen und mit der Welt da unten in Bezug auf diese Gefühle nichts mehr zu tun haben zu wollen. Dann funktionieren wir, sind vielleicht sogar scheinbar glücklich, wieder „zurück im Leben“ – aber jener Teil unseres Inneren ist nicht dabei.

Mutiger Besucher

Ich habe erlebt, was passiert, wenn einer ‚aus der Welt dort unten’ über die Versorgungsleiter zu uns „hochzuklettern“ versucht. Ein Mensch, der eine neue Partnerschaft mit uns eingehen möchte, der unerschrocken genug ist, uns dort oben in luftiger Höhe wirklich sehen, uns wirklich begegnen zu wollen.

Ist ‚Symeons Säule‘ der Ort, an dem wir die Schwäche in uns verstecken, erschrecken wir ganz fürchterlich – und ein starker Impuls wird uns raten, den „Eindringling“ so schnell wie möglich abzuweisen, bildlich gesprochen die Leiter, auf der er zu uns hochgeklettert ist, zurückzustoßen. Dann ist dieser Teil in uns zwar „geschützt“ – aber er verhungert auch, da oben auf der Säule. Denn – ja – auch Symeon konnte nicht Jahrzehnte ohne Nahrung auf seinem Kapitell zubringen…

Was lehrt uns also der Blick auf den „Säulenheiligen“? Ich würde sagen, es ist das eine, dass wir uns aus Verletztheit – und aus Furcht vor möglicher weiterer Verletzung – auf unsere innere ‚Säule‘ zurückziehen; und das andere, es, wie vermutlich Symeon Stylites, aus freien Stücken zu tun. Vielleicht hat auch er sich zunächst aus Furcht und Abwehr gegenüber der Welt zurückgezogen – aber er scheint dort oben eine innere Ruhe gefunden zu haben.

Raum für den Schmerz

Vermutlich sollten wir „Symeons Säule“ verstehen als den Raum, den wir uns geben, um tatsächlich traurig zu sein und uns unseren inneren Verletzungen zuzuwenden. Im Gespräch mit einem Gegenüber (einem wirklich engen Freund, einer Therapeutin, vielleicht auch im Gebet) können wir dort oben Ruhe finden, ganz auf uns zurückgeworfen, aber letztlich doch geborgen.

Und vielleicht steigen wir aus diesem Gefühl des Gestärktseins auch irgendwann, wie Symeon, wieder von unserer (inneren) Säule, mit dem Bewusstsein: dort oben sind wir uns begegnet. Es war karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend. Aber die Trauer, Wut, Sehnsucht und Angst ist auch nichts, das ich von meinem Leben ‚unten im Trubel‘ fernhalten muss.

Dann kann ich mich auch wieder neu öffnen und lieben. Dem Leben wieder im Ganzen begegnen. Im Trubel des Lebens bei mir sein.

Falls du dich auf diesem Weg befindest wünsche ich dir herzlich alles Gute!

Sunnybee