Gesellschaft, Persönliches

Sieh. Mich. An.

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123. 123 Augen sehen mich an.

123 Menschen haben heute meinem Blog besucht.

Nach acht Tagen online kein schlechter Schnitt… Ich ertappe mich dabei, wie es mich im Verlauf des Tages immer wieder auf die Startseite zieht, wie ich von dort auf die Seite umschwenke, auf der ein Diagramm die Zahl der Besucher meiner Website darstellt: der Balken des Tages ist im Vergleich zum Vortag in gigantische Höhen geschossen. Und halb fasziniert, halb besorgt, denke ich: sie hat mich gepackt – die Gier nach dem, womit alle sozialen Medien handeln: nach Aufmerksamkeit!…

Feuer und Säbelzahntiger 

123 Besucher. 123 Mal „Ich“ im Blick. Tut das gut? Ist das aufregend? Beruhigend? 123 Mal: Ich werde gesehen, ich bin da. Verlasst mich jetzt nicht, liebe Follower, Interessierte, auch ihr Flaneure, die ihr mir vielleicht nur im Vorbeigehen einen Blick zugeworfen habt!…

Sagt es etwas aus, dass ich dieser Art der Aufmerksamkeit sofort und quasi „instinktiv“ meine eigene Aufmerksamkeit schenke? Springt sie mich hier an, die Erkenntnis: auch ich bin ein „Herdentier?“ Auch ich möchte Teil einer Gruppe sein – sonst fühle ich mich „bedroht“? Die Social Media als das „Lagerfeuer“, dessen Geprassel mir versichert: Du bist nicht allein. Keiner lässt dich zurück. Der „Säbelzahntiger“ moderner Zeiten frisst dich nicht. Der Säbelzahntiger der Einsamkeit.

Mama, Eis!

Sieh. Mich. An! Interessier dich für mich. Dreh dich nach mir um. Hier bin ich! Kaum etwas ist gerade schlimmer für meinen knapp dreijährigen Sohn, als wenn er quengelnd vor mir steht und ich ihm meine Aufmerksamkeit nicht schenke. Kaum etwas bringt ihn mehr in Rage, als wenn ich seine knapp formulierten Forderungen („Mama, Eis!“ „Mama, hoch, Arm!“) für den Moment ignoriere. Er kann sich innerhalb von Sekunden in äußerste Wut hineinsteigern – und diese Wut ist echt: es macht ihn fassungslos, dass ich nicht will, was er will, dass ich gerade nicht für wichtig erachte, was für ihn die Welt ist.

Kindliche Egozentrik, noch nicht entwickelte Fähigkeit zum Perspektivwechsel. Zum Glück wächst sich das aus. Warte, bis du groß bist, mein Kind – wir Erwachsenen können das! – Wirklich?

Das Eis der großen Leute

Schön wär‘s, wenn die sozialen Medien eins tatsächlich wären: ein Ort der Begegnung. Meiner Meinung nach sind sie das durchaus. Aber eben auch: ein Ort des Sieh. Mich. An! Gib mir deine Aufmerksamkeit. Ich like dich, damit du auf mich schaust. Du bist toll, darum schau, was ich mache!

Ein bisschen unglaubwürdig, einen Blog zu schreiben und dabei das Aufmerksamkeitsgerangel in sozialen Medien zu kritisieren? Wenn ich ehrlich bin, gerade eher der Versuch, mich zu erinnern: ein Klick – ein Blick – ist noch keine Begegnung.

123 Leute sehen mich an. Schön und gut, und weiter? Was möchte ich wirklich? Natürlich, das „Eis der großen Leute“, die Aufmerksamkeit. Nicht schlecht. Schmeckt süß. „Mehr, Mama!“, wie mein kleiner Sohn sagen würde.

Und ich möchte tatsächlich mehr. Aber in anderer Weise. Das Nachfragen in der Form: „Wie meinst du das?“ „Ich bin nicht deiner Meinung, aber wie kommst du zu deinem Standpunkt?“ Oder auch: „Danke, dass du aussprichst, was ich fühle, aber noch nicht in Worte fassen konnte!“ „Es freut mich/ärgert mich/berührt mich, was du sagst!“

Mal sehen, ob ein Blog auch ein Ort der Begegnung sein kann. Sieh. Mich. An! –

Ja. Ich sehe dich!

 

 

 

 

alleinerziehend, Hochsensibilität, Persönliches

Echt sein. Liebevoll sein. Wachsen.

Krokus im Schner

Gestern Nachmittag traf ich mich mit einem Freund. Er war mit dem Zug mehrere Stunden gereist, um mich und zwei weitere Freunde zu besuchen. Ich hatte mich auf ihn gefreut.

Nach unserem Treffen ging es mir nicht gut

Trotzdem war ich nach den drei, vier Stunden, die wir miteinander verbrachten, niedergeschlagen. Warum? Was war passiert?

Wir gingen am Rhein spazieren, das Wetter war wunderbar. An dieser Stelle ist der Fluss breit und mächtig, gerahmt von weiten Auen, im Sonnenschein schimmert das Wasser blau vom Himmel, der sich in ihm spiegelt und große Frachtschiffe schieben sich gemächlich auf ihm entlang. Das Wasser, die Wärme der ersten Frühlingssonne, der leuchtende Himmel – einfach nur schön. Oder nicht?

Zwei Seiten

Auf der anderen Seite des Spazierweges erstreckt sich über weite Teile der Strecke ein Industriegelände. Abgelegte Kabelrollen, Kieshaufen, schmucklose Lagerhallen, LKWs und rostige Container. Industriecharme? Nüchtern gesagt einfach nicht sehr schön…

Und wir auf dem Weg dazwischen. Und – JA, ich hatte meinem Freund das für mich schöne Rheinufer zeigen wollen, an dem ich oft Ruhe und innere Heiterkeit (wieder-) finde. Und – JA, er schien vor allem das Industriegelände wahrzunehmen. Was mich ärgerte…

Was will ich damit sagen?

Vielleicht, weil mir mein Leben gerade oft wie dieser Weg zwischen frühlingshaften Auen und Industriegerümpel erscheint: schaue ich zur einen Seite, ist da Schönheit und Leichtigkeit, auch Kraftvolles und Ermutigendes. Schaue ich zur anderen Seite,  sieht es manchmal ganz schön hässlich aus, auch mühevoll und ohne Charme…

An diesem Nachmittag hat mich mein Freund unvermittelt (wieder) auf beide Seiten aufmerksam gemacht – und mein Ärger hat mir wohl gezeigt, dass ich selbst nicht gern auf die „schrammelige“ Seite sehe. Aber auch, dass der Blick aufs Schöne mir KRAFT gibt in meinem Leben mit Kind und Beruf, alleinerziehend – und dass ich im Moment auch gerne Zeit mit Menschen verbringe, deren Blick dieses Schöne wahrzunehmen weiß.

Unbeschwertheit verloren?

An diesem Nachmittag versuchte ich, diese Gedanken meinem Freund zu erklären. Ich zeigte ihm auch meinen Blog, aber ich glaube, er konnte mich nicht verstehen. Und so gingen wir nach diesen drei, vier Stunden auseinander, ich ein wenig traurig. Er dachte wohl, ich habe meine Unbeschwertheit verloren (so sagte er es zumindest).

Aber ich gehe wohl nur gerade in der Mitte: Ich nehme das Traurige in mir wahr UND versuche, mir den Blick aufs Schöne zu erhalten – um wieder einen Schritt weiter zu gehen, und noch einen Schritt und noch einen – auf diesem Weg dazwischen.