
Liebe
Hereinspaziert! Was mag dich erwarten?
Kluge Gedanken. Aus dem echten Leben

Liebe
Hereinspaziert! Was mag dich erwarten?

In Träumen steht das Unglaubliche oft wie selbstverständlich neben dem Alltäglichen. In diesem Buch auch.
„Draußen schien die Sonne, und es war heiß. Alle Katzen trugen leichte Sommersachen, jagten Schmetterlinge oder rollten im Gras. Nur Kater Carter blieb im Haus und strickte etwas Warmes, denn er bereitete sich auf ein neues Abenteuer vor.“
Ein Kater, der einen Wollpullover strickt, ein Haus, in dem die Temperaturen von Etage zu Etage, die die Protagonisten erklimmen, frostiger werden –
„Die Fenster auf dem Treppenabsatz waren vereist, und von der Decke hingen lange Eiszapfen wie Zähne herab. Der Boden der Halle war schneebedeckt. Kater Carter schnallte sich seine Tischtennisschläger-Schneeschuhe an die Hinterpfoten.“
Illustrationen in kohlestiftfarbenem Grau, die keinen Anspruch erheben, gefällig zu sein. Vielmehr wecken sie den Eindruck einer prachtvollen und zugleich seltsam unbelebten Welt, die Kater Carter und seine (Menschen-) Freundin Maria mit Entschlossenheit durchschreiten.
Schlittschuhlaufen auf dem Arktischen Meer
Dabei muss Kater Carter den Mut finden, das letzte Stück zum Nordpol, seinem Ziel, ganz allein zu gehen. Als er dieses erreicht, dreht er jubelnd auf Schlittschuhkufen Runden auf der vereisten See, entdeckt dann ein verlassenes, zwischen Eisschollen feststeckendes Segelschiff, das „Katzenschiff“, und liest eine Nachricht, die sein Onkel, „Kapitän Roy“, dort für ihn hinterlassen hat. Diesem scheint bereits vor Verlassen des Schiffs klar gewesen zu sein, dass sein Neffe seine Botschaft entdecken würde. Maria stößt wieder zu Carter, verspricht, ihn auf ihrem Schlitten nach Hause zu bringen, Kater Carter schlummert vertrauensvoll ein – und findet sich zu Marias Füßen auf deren Chaisselonge, im nun eisfreien Salon ihres Hauses, wieder…
Die Erzählung endet so unvermittelt, wie sie begann, viele Frage offen, Kater Carter ganz geborgen und zugleich nur eine Schnauzenspitze entfernt von seinem nächsten Abenteuer:
„Er hatte einen schönen Traum gehabt: von einer Reise, die er zusammen mit Maria und Onkel Roy machte, um rechtzeitig zur Eisschmelze das „Katzenschiff“ zu erreichen. Er schloss seine Augen. Er hoffte, es wäre bald soweit.“
Kopfschüttelnd, bezaubert und ein wenig perplex, lege ich dieses „Kinder“-Buch zur Seite. Träume bemühen sich nicht, „kindgerecht“ zu sein, dieses Buch ebenfalls nicht. Das macht es zu einem echten Fundstück.
Tim Wynne-Jones und Eric Beddows: Kater Carter fährt zum Nordpol. Jacoby&Stuart.

Die Hauptcharaktere in Kinderbüchern sind ja oft so, wie wir Erwachsenen unsere Kinder gerne hätten: unternehmungslustig, ein bisschen frech, aber doch auf ihre Mitmenschen bedacht; mutige kleine Helden, die das Leben entdecken wollen und deren Klarsicht und Klugheit die großen Leserinnen und Leser oft mehr beeindruckt als die kleinen.
Otto ist anders.
Er wird von seinen Eltern in eine Ferienfreizeit am Meer geschickt, um seinen hartnäckigen Schnupfen auszukurieren; davon ist er schlicht – im Großen wie im Kleinen – „nicht begeistert“. Otto spielt nicht gern mit anderen Kindern, er schwimmt nicht gern und wenn er im Sand buddeln soll klingt sein Urteil geradezu vernichtend:
„Nach dem Frühstück mussten sie Burgen bauen. Der Sand war hellbraun und klebrig und roch eklig. Otto war nicht begeistert.“
Otto isst nicht, was alle essen, er bewegt sich nicht besonders gern und kuschelt nicht gern – jedenfalls nicht mit (fast) Fremden:
„Die Leiterin des Ferienlagers hieß Frau Felgenkranz. Sie war ziemlich dick, fand Kinder niedlich und spielte mit ihnen Wer-kommt-in-meine-Arme. Den meisten Kindern machte das Spaß. Otto war nicht begeistert.“
Erst als er in eine Scherbe tritt, die ein anderes Kind in den Sand geworfen hat und sich mit verbundenem Fuß „schonen“ darf, findet er das „nicht schlecht“ und als er kurz darauf Torschützenkönig wird und ihn alle bejubeln, ist er gar für einen Moment begeistert.
Aber dann geht es auch schon zurück in die Stadt:
„Plötzlich war der Sommer vorbei. Otto musste nach Hause. Er hatte jede Menge Freunde gefunden. Und der Schnupfen war weg. Mama meinte, er müsste dringend zum Frisör. Otto war nicht begeistert.“
Mies gelaunt und liebenswert
Damit hat der kleine Grantler zu seiner Grundstimmung zurückgefunden – ein Wunder eigentlich, dass er einem als Leserin in seinem Missmut so sympathisch wird. Der lakonische Text, verbunden mit wunderbar überspitzt gezeichneten Illustrationen von Jacky Gleich, hat schon meinen Sohn (knapp 3) zum Lachen gebracht. Und irgendwie ist es sehr erfrischend – und fast ein wenig erleichternd -, in einem Kinderbuch von einem zu lesen, der weder stark ist noch voller Selbstvertrauen – aber in seiner etwas zögerlichen, etwas reservierten und nörgeligen Art rundum liebenswert! 🙂
Jutta Richter und Jacky Gleich: Otto war nicht begeistert. Carl Hanser Verlag. (Ab 3)

Karlheinz isst gern Döner beim Türken, aber Pegida findet er auch ganz gut. Sein Bauch ist von Bier und Pizza schon ganz rund und die letzte Rate ALGII wurde pünktlich überwiesen – das hindert ihn jedoch nicht daran, auf die „Wohlstandsschmarotzer“ zu schimpfen, die sein Land allmählich „überfremden“. Sein kleiner Bruder (Lippenbart und Seitenscheitel) wird noch deutlicher: „DU ARSCHLOCH DRECKSMOSLEM, ich zeig dich an wg. Sozialbetrug!!!“
Letzteres Originalzitat aus einer an ihn gerichteten Mail hat Hasnain Kazim, Journalist und Autor, neben anderen „Schätzen“ rassistischer Polemik in seinem klugen Werk „Post von Karlheinz. Wütende Mails von richtigen Deutschen – und was ich ihnen antworte“ versammelt.
Als Sohn indisch-pakistanischer Einwanderer in Oldenburg geboren, bezog Kazim schon als 17-jähriger Gastautor einer überregionalen Zeitung Position gegen Fremdenfeindlichkeit und politische Stimmungsmache – und kassierte dafür seine ersten hasserfüllten Leserbriefe. Damals schüchterten ihn die Zuschriften nach eigener Aussage ein. Sein Buch mag also auch als eine Art Emanzipation verstanden werden von der Rolle des beschimpften „Anderen“. Kazim ist kein Opfer und er stellt sich auch nicht als (stumme) Projektionsfläche zu Verfügung. Statt dessen seziert und hinterfragt er – im Ton (fast) immer höflich und zugewandt -, was ihm die (oft anonymen) Schreiber „entgegenkotzen“. Sein erklärtes Ziel ist dabei nicht nur, sichtbar zu machen, dass dieser Hass existiert und wie „gesellschaftsfähig“ er teilweise bereits geworden ist. Darüber hinaus scheint ihm ein Anliegen zu sein, all die Derb- und Dummheiten, die hinausgegrölten Vorurteile ebenso wie die nur halblaut geäußerten Resentiments nicht unkommentiert zu lassen. Denn – so ein Zitat des jüdischen Autors und KZ-Überlebenden Elie Wiesel, das Kazim seinem Buch voranstellt: „Man muss immer Partei ergreifen. Neutralität hilft dem Unterdrücker, niemals dem Opfer. Stillschweigen bestärkt den Peiniger, niemals den Gepeinigten.“
Ein sehr lesenswertes Buch, mit großer Klugheit und manch (unfreiwilliger) Komik.
Leseprobe:
Peter S. schreibt am 1. Februar 2016 um 7.09 Uhr:
Leute wie dich sollte man in Deutschland vergasen!!!!!!! Geh zurück zu deinen Kamelfickern! Muselpack hat bei uns nichts verloren, Islam gehört NICHT zu Deutschland! Hierzulande gehört es vernichtet und ausgerottet!
Meine Antwort um 08.30 Uhr:
Hallo Herr S.,
danke für Ihre Zuschrift und für Ihr Interesse an meiner Person. Ist das eigentlich die bei Ihnen übliche Art, Kritik zu äußern?
Mit freundlichen Grüßen, Hasnain Kazim
Er schreibt um 17 Uhr:
Sorry, ich wusste nicht, dass die Mails jemand liest. War nicht so gemeint, hatte keinen klaren Kopf, als ich das geschrieben habe. Wirklich sorry!

Kluge Bank 😉