
Living my life like it’s golden.
Kluge Gedanken. Aus dem echten Leben

Living my life like it’s golden.
Kürzlich habe ich zwei Texte gelesen, die mich berührt haben. In dem einen beschreibt die Familienjournalistin Christina Rinkl, wie es ihr damit geht, nach der Trennung von ihrem (Ex-) Mann aus einem Einfamilienhaus in eine Zweizimmerwohnung gezogen zu sein. Dort ist schlicht nicht genügend Platz für ihren angesammelten Besitz. Sie trennt sich schweren Herzens von einem Teil ihrer Bücher und bemerkt dazu:
„Für mich war dieser Wegwerf-Moment ziemlich bewegend. Nicht der alten Bücher wegen, sondern vielmehr, weil mir diese Aktion wieder einmal gezeigt hat, wie anders mein Leben jetzt ist. Ich habe nicht mehr den Platz und die Ressourcen, um alles was mir irgendwie lieb ist, aufzubewahren. Das ist einerseits schade. Andererseits aber auch gut, weil es mich zwingt zum Sortieren und Aussortieren.“
Ich kann ihr nur zustimmen und mich berührt ihre Erkenntnis, dass die Trennung von einem Partner oft zu einer Art (pragmatischem) Minimalismus führt. Raum, Zeit und Ressourcen sind als Getrennt- oder Alleinerziehende/r schlicht knapp; im besten Fall führt das zu einer Konzentration auf das Wesentliche, zu einem Hinterfragen dessen, was – und wer – mir wirklich wichtig ist und damit zu mehr (innerer) Klarheit. Den gesamten Artikel findet ihr hier.
Berlins Ruinen
Der zweite Text, der mich berührt, ist ein Auszug aus einer Essaysammlung der Berliner Autorin Jenny Erpenbeck (Kein Roman. Texte 1992-2018. Penguin-Verlag, 2018). Sie beschreibt darin das allmähliche Verschwinden der Orte ihrer Kindheit. Aufgewachsen in Ost-Berlin, hat sie nach der Wiedervereinigung Deutschlands nicht nur erlebt, wie sich ein Gesellschaftssystem auflöste, sondern auch ganz konkret, wie nach und nach die Orte ihrer Kindheit und Jugend verschwanden: die Schule, in der sie zum Fahnenappell angetreten ist und Gummitwist mit ihren Freundinnen gespielt hat ebenso wie ganze Straßenzüge, die als „Grenzgebiet“ kleinstädtisch ruhig wirkten und auf einmal wieder im Zentrum Berlins liegen. Und sie beschreibt die Trauer, die in ihr aufsteigt, wenn sie sieht, wie die halb zerfallenen Häuser modernen Neubauten weichen:
„Mit dem Wegwischen der Trümmer beginnt bei mir eine grundsätzliche Trauer, die über meine eigene Biographie hinausreicht: die Trauer über das Verschwinden einer solchen sichtbaren Verwundung eines Ortes, über das Verschwinden kranker oder gestörter Dinge und Räume, die Zeugnis ablegen, dass eine Gegenwart nicht mit allem fertig wird, fertig wird, wie es so passend heißt. In dieser zweiten Phase, der Phase der Säuberung, trauere ich um das Verschwinden des Unfertigen oder Kaputten an sich, dessen, was sich bis dahin der Eingemeindung verweigert hat, um das Verschwinden des Drecks, wenn man so will. Wo Gras einfach so wächst, wo sich Unrat ansammelt, tritt eine Relativierung menschlicher Ordnung ein. Und das ist angesichts der Tatsache, dass wir selbst allesamt sterblich sind, nie schlecht fürs Nachdenken.“
Erpenbeck bezieht sich dabei auf die baulichen Veränderungen in Berlin in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Ich behaupte, ähnliches könnte man über die innerseelischen Veränderungen nach einer Trennung sagen.
„Säuberung“ und Neuanfang
Die Phase der Neuorientierung hat für mich immer auch das Element der „Säuberung“ in sich, des Verwerfens alter, nicht mehr als wertvoll angesehener Besitztümer und Strukturen. Im besten Fall geht diese „Säuberung“ mit einer inneren Reinigung und Klärung einher. Aber sie hat immer auch etwas latent Gewalttätiges, nämlich tatsächlich eine Trennung von liebgewonnenen Gewohnheiten, Dingen – und Menschen. Und wirklich „sauber“ bekomme ich meine Leben ja auch nicht – um im Bild zu bleiben -, wenn ich radikal alles „wegwische“, was mich an eine unvollkommene, da schöne und schmerzhafte, Vergangenheit erinnern könnte. Reiße ich alle „Ruinen“ ab und baue darauf „Glaspaläste“, nehme ich mir auch ein Stück meiner ganz persönlichen Geschichte. Der „Dreck“, all das Unvollkommene, Vergängliche, nicht-mehr-wirklich-Strahlende gehört eben auch dazu.
In Kombination scheinen mir die beiden oben zitierten Texte das wiederzugeben, was die Phase der Neuorientierung nach einer Trennung für mich bedeutet: einerseits der radikale – und damit auch in gewisser Weise erleichternde Abschied von „Überflüssigem“, „Nicht-mehr-Gewolltem“. Und zugleich die Trauer darüber, dass eben dieses „Nicht-mehr-Gewollte“, die „Ruinen“ der vergangenen Beziehung, irgendwann tatsächlich komplett verschwunden sein werden. Mit manchen Expartner/innen haben wir nicht einmal mehr Kontakt. Sie existieren tatsächlich nur noch in unserer Erinnerung, jedenfalls für uns selbst. Was einmal unser „Zuhause“ war, ist jetzt nicht mehr als ein Gedanke.
Blick zurück – und nach vorn
Ich glaube, ein großer Teil der Trauer, die im Prozess der Neuorientierung auch immer wieder aufkommt, ist tatsächlich dem etwas wehmütigen Blick auf diese „Ruinen“ einer Beziehung geschuldet. Es schmerzt, zu sehen, dass immer weiter „verfällt“, was mir einmal stabil und wichtig erschien. Andererseits werde ich wohl auch nicht glücklich, wenn ich sofort neue Gebäude auf den Brachen errichte – übertragen: mich sofort in eine neue Beziehung stürze. Das bewusste Wahrnehmen der „Ruinen“ und auch die Trauer um ihr endgültiges Verschwinden ist meiner Meinung nach nötig um irgendwann tatsächlich leichten Herzens „Neues bauen“ zu können. Dann entreiße ich mir die Vergangenheit nicht selbst, stelle nicht künstlich und forciert eine „neue Ordnung“ her, sondern lasse schließlich gehen, was nicht mehr Gegenwart ist.
Und schaffe im besten Fall das bewusst, was die Vergangenheit eigentlich immer schon ist – Erinnerung. Teils schmerzhaft, teils erfreulich: ein Teil von mir, „durchlebtes“ Leben!
Herzlich alles Gute
Sunnybee

Willst du zaubern? Dann blättere in diesem (Kinder-) Buch: ein rautenförmiger Drache wird zum ebenso geformten Straßenschild, das Dreieck einer Pyramide zur dreieckigen Krone einer Tanne und der Halbkreis eines Tunnels zum Kopf eines eben aufgetauchten Wals.
Kingt phantastisch? Durchaus. Und folgt doch nur Geometrie und Farbenlehre: durchsichtige Folien zwischen den Seiten, farbig bedruckt mit jeweils einer geometrischen Form (daher der Titel) lassen sich beim Blättern über das Bild links oder rechts legen. In Kombination mit dem jeweiligen Untergrund entsteht das komplette Bild.
Ganz nebenbei erzählt das Buch die Geschichte eines Pakets auf großer Fahrt: vom Fließband durch die Hände des Packers in einen LKW, dann per Flugzeug durch die Lüfte, im Container weiter per Bahn, per Frachter über See, zurück auf den LKW und durch Wüsten und Wälder zu dem Haus, in dem der Empfänger schon wartet, das Päckchen entgegennimmt, es öffnet und sein Geschenk in Händen hält: ein ….
Aber verfolge den Weg selbst und staune, was Kreis und Quadrat, Sichel, Rechteck und Parallelogramm alles sein können außer geometrischen Formen. Momenteweise ist das tatsächlich – selbst für Erwachsene – ein bisschen wie Zauberei.
Leseprobe:
Gibt’s nicht, da ohne Text.
Patrick George: Halbkreis Sichel Herz. Formen. Moritz Verlag. (Ab 2,5)

U-Bahn-Statement
Verschrammelt ja. Aber nicht 08/15.

Zu Beginn des 5. Jahrhunderts nach Christus lebte Symeon Stylites auf einer Säule. Der Legende nach verbrachte er mehrere Jahrzehnte auf deren Kapitell, ernährt über Leitern und seelisch ‚genährt’ durch Gebete und Askese. Entfernt von der Welt, versuchte er zu einer besonders innigen Gemeinschaft mit Gott zu finden.
Die Leute sahen sicher mit Staunen, vielleicht mit Bewunderung oder auch mit ungläubiger Scheu zu ihm hoch: „Dass der das durchhält!“, „Der traut sich was!“, „Der spinnt doch!“, „Das könnte ich nicht!“ Und nach einer Weile vielleicht auch: „Warum tut der das?“, „Was lehrt mich das?“, „Was verstehe ich durch ihn?“
Die Welt von oben
Wie mag wohl die Welt für ihn da oben ausgesehen haben? Stille. Das alltägliche, geschäftige Treiben weit entfernt. Vermutlich auch karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend, bei brennender Hitze, Sturm, Blitz und Donner: exponiert, ungeschützt. Letztlich jedoch aber wohl doch geborgen, in tiefes Gespräch/Gebet versunken mit einem Gegenüber, dem sich Symeon Stylites zumindest zeitweise wohl verbundener fühlte als seinen weltlichen Kontakten.
Ich empfinde uns Allein- und Getrennterziehende manchmal, als säßen wir auf einer solchen (inneren) Säule. Um uns pulsiert das Leben: Kinderbetreuung, Einkauf, Lohnabrechnung, Besprechungen mit Kollegen. Wir gehen auf all das ein, organisieren und gestalten unser Leben – aber ein Teil von uns bleibt „in sicherem Abstand“, oben auf der Säule…
Was ist das für ein Teil? Eigentlich jede/r, der allein- oder getrennterziehend ist hat einen Verlust erlebt. Eine Ehe ist gescheitert, eine Beziehung hat nicht harmoniert oder ist gar nicht erst zustande gekommen. Wir haben das verloren, was eine „harmonische Familie“ hätte sein können. Tut das weh? Natürlich. Spüren wir Trauer, Schmerz, Ungläubigkeit oder Wut darüber? Aber sicher. Mehr oder weniger stark, mehr oder weniger präsent in unserem Alltagsleben – aber ein Verlust ist da. „Kalt“ lässt uns das Ende der Beziehung zum Vater oder der Mutter unseres Kindes/ unserer Kinder sicher nicht.
Raum für den Schmerz?
Leben wir nun diese Trauer, diesen Schmerz, die Sehnsucht, die sich mit diesem Menschen nicht mehr erfüllen kann, aus? Wann denn? Beim Pausenbrotschmieren für unsere Kleinen? Beim Kita-Elternabend? Bei der Präsentation unserer Projektarbeit? Oder beim Cocktail-Abend mit unserer besten Freundin, den wir uns nach zwei Monaten freischaufeln konnten? Allein- und getrennterziehend sein heißt oft auch: wenig Raum haben für das, was in uns schmerzlich ist. Denn wir sind Halt für andere – und haben, gerade im Scheitern unserer Beziehung, vielleicht auch erlebt, dass uns selbst kein Halt gegeben worden ist, wenn wir schwach waren.
Wie naheliegend erscheint es da, sich mit dieser Schwäche, Trauer und Wut „auf die Säule“ zu setzen und mit der Welt da unten in Bezug auf diese Gefühle nichts mehr zu tun haben zu wollen. Dann funktionieren wir, sind vielleicht sogar scheinbar glücklich, wieder „zurück im Leben“ – aber jener Teil unseres Inneren ist nicht dabei.
Mutiger Besucher
Ich habe erlebt, was passiert, wenn einer ‚aus der Welt dort unten’ über die Versorgungsleiter zu uns „hochzuklettern“ versucht. Ein Mensch, der eine neue Partnerschaft mit uns eingehen möchte, der unerschrocken genug ist, uns dort oben in luftiger Höhe wirklich sehen, uns wirklich begegnen zu wollen.
Ist ‚Symeons Säule‘ der Ort, an dem wir die Schwäche in uns verstecken, erschrecken wir ganz fürchterlich – und ein starker Impuls wird uns raten, den „Eindringling“ so schnell wie möglich abzuweisen, bildlich gesprochen die Leiter, auf der er zu uns hochgeklettert ist, zurückzustoßen. Dann ist dieser Teil in uns zwar „geschützt“ – aber er verhungert auch, da oben auf der Säule. Denn – ja – auch Symeon konnte nicht Jahrzehnte ohne Nahrung auf seinem Kapitell zubringen…
Was lehrt uns also der Blick auf den „Säulenheiligen“? Ich würde sagen, es ist das eine, dass wir uns aus Verletztheit – und aus Furcht vor möglicher weiterer Verletzung – auf unsere innere ‚Säule‘ zurückziehen; und das andere, es, wie vermutlich Symeon Stylites, aus freien Stücken zu tun. Vielleicht hat auch er sich zunächst aus Furcht und Abwehr gegenüber der Welt zurückgezogen – aber er scheint dort oben eine innere Ruhe gefunden zu haben.
Raum für den Schmerz
Vermutlich sollten wir „Symeons Säule“ verstehen als den Raum, den wir uns geben, um tatsächlich traurig zu sein und uns unseren inneren Verletzungen zuzuwenden. Im Gespräch mit einem Gegenüber (einem wirklich engen Freund, einer Therapeutin, vielleicht auch im Gebet) können wir dort oben Ruhe finden, ganz auf uns zurückgeworfen, aber letztlich doch geborgen.
Und vielleicht steigen wir aus diesem Gefühl des Gestärktseins auch irgendwann, wie Symeon, wieder von unserer (inneren) Säule, mit dem Bewusstsein: dort oben sind wir uns begegnet. Es war karg, beschwerlich, wenn nicht gar furchterregend. Aber die Trauer, Wut, Sehnsucht und Angst ist auch nichts, das ich von meinem Leben ‚unten im Trubel‘ fernhalten muss.
Dann kann ich mich auch wieder neu öffnen und lieben. Dem Leben wieder im Ganzen begegnen. Im Trubel des Lebens bei mir sein.
Falls du dich auf diesem Weg befindest wünsche ich dir herzlich alles Gute!
Sunnybee