Ein Windstoß weht den fliegenden Hut vom Kopf eines kleinen Jungen – von wo aus er über die nächsten Seiten von Kopf zu Kopf wandert, durch alle Jahreszeiten hindurch, in Schnee, Sonnenschein und Regen. Da apportiert ihn ein Hund zu seinem Frauchen, dem er von einem Affen im Zoo geklaut wird, dessen Pfleger den Hut dann an sich nimmt. Der wiederum fährt mit Hut per Bahn nach Hause, kommt dort aber ohne Kopfbedeckung an, denn… am Ende findet der fliegende Hut zu seinem Besitzer zurück – aber bis dahin hat er ein lange, bunte Reise hinter sich gebracht!
Klare, farbenfroh gemalte Bilder, keinerlei Text – und dennoch eine wunderbar phantasievolle, erzählbare Geschichte. Mit diesem Buch kommen Mama oder Papa, Oma oder Opa und die kleinen Leser/innen tatsächlich ins Gespräch: fragen nach, schauen hin, wundern sich und erklären. Ein „Bilderbuch“ im eigentlichen Sinn, meiner Meinung nach nicht umsonst mit dem Hans-Christian-Andersen-Kinderbuchpreis ausgezeichnet.
Leseprobe:
gibt’s hier nicht, da ohne Text!;-)
Rotraut Susanne Berner: Der fliegende Hut. Aladin-Verlag. (Ab 2)
(C) Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond
Armstrong ist mutig, blitzgescheit, ein brillanter Erfinder und Revolutionär der Raumfahrt. Er ist der erste, der seinen Fuß auf den Mond, den bis dato uneroberten Trabanten der Erde, setzt. Und: er ist eine – Maus.
Zumindest, wenn man dem wunderbaren Kinderbuch „Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond“ Glauben schenkt. Die sprühend fantasievoll und zugleich fotografisch exakt gezeichnete Geschichte erzählt diese (fast) unglaubliche Geschichte der ersten Maus auf dem Mond. Dabei wird die menschliche Luft- und Raumfahrtgeschichte quasi ‚en passant’ umgeschrieben und aus Mäuseperspektive neu erzählt. Eine wirkliche Entdeckung für große und kleine Leser/innen, Technikbegeisterte und angehende Astronautinnen!
Leseprobe:
„Natürlich gab es ein paar Menschen, die von der kleinen Mondmaus wussten. Sie hieß also genau gleich wie der erste Mensch auf dem Mond. So war sichergestellt, dass niemand aus Versehen das Geheimnis verraten könnte. Wann immer die Rede vom ersten Besucher auf dem Mond war, hieß es einfach nur: Das war Armstrong.“
Torben Kuhlmann: Armstrong. Die abenteuerliche Reise einer Maus zum Mond. Nord/Süd-Verlag. (Ab 3)
Pepe ist schüchtern und wäre am liebsten unsichtbar, damit ihn auf der Straße niemand anspricht. Lolo ist laut, fröhlich, mit leuchtend grünem Kleid und roten Lippen. Pepe wohnt am einen Ende der Stadt, Lolo am anderen; in der Mitte des Buches begegnen sie sich und beginnen ihre gemeinsame Geschichte.
Eine Erwachsenliebesgeschichte in einem Kinderbuch, erzählt in halb gemalten, halb collagenartig zusammengefügten Bildern. Die Farbpalette ist ungewöhnlich dunkel für ein Kinderbuch in bordeauxrot, olivgrün und ocker. Eine leichte Melancholie zieht sich durch das Werk und zugleich laden die wunderschön, ein wenig surreal gestalteten Seiten, ebenso wie der poetische Text, zum Lesen und Verweilen ein.
Leseprobe:
„Pepe mag Schnecken. Wenn er eine entdeckt, hockt er sich hin und erzählt ihr, was er heute kochen will. Oder was er gestern im Radio gehört hat. Oder warum ihm nach weinen zumute ist. Und bei Regen hält er seinen Schirm über die Schnecke, damit sie hören kann, wie die Tropfen darauffallen.“
Elisabeth Steinkellner und Michael Roher: Pepe und Lolo. Picus-Verlag. (Ab 4)
Alleinerziehend zu sein bedeutet: stark sein zu müssen.
Es kostet Kraft, Alltagsdinge wie Einkäufe, Behördengänge, Banktermine jeden Tag alleine zu erledigen, bzw. sich für Dinge wie Reifenwechsel, Reparaturen im Haushalt oder die Steuererklärung das nötige Know-how zu verschaffen oder professionelle Unterstützung zu organisieren.
Es kostet auch Kraft, die kleinen und größeren Alltagsgedanken und -sorgen mit sich selbst auszumachen. Freunde sind zuverlässig da, „wenn es brennt“, aber im Alltag oft mit ihrem eigenen Leben, Familie und Beruf beschäftigt. Auch ganz praktisch körperlich muss ich als allein lebende und alleinerziehende Frau „stark“ sein: wie viele Male in der Woche schleppe ich Einkaufstüten, wuchte den Kinderwagen über Treppenstufen und U-Bahn-Schwellen oder trage 18kg Kind in den 3. Stock…
Immer stark sein?
Dies soll kein Lamento werden à la „So schwer haben wir es als Alleinerziehende“, auch wenn sich das Leben, getrennt lebend und mit Kind, manchmal tatsächlich nicht leicht anfühlt. Mich interessiert vielmehr: wie gehe ich mit diesem Gefühl um, eigentlich immer „stark“ sein zu müssen, oft kein wirkliches Ventil für all die anderen Gefühle und Sehnsüchte zu haben: Wut, Trauer, Verzagtheit oder Erschöpfung, aber auch Lebensfreude, Humor, Neugier, Entdeckerlust, die mich als Frau ebenfalls ausmachen.
Ich habe (z.B. hier und hier) im Blog schon darüber geschrieben, was ich persönlich tue, um meine innere Leichtigkeit und Freude, Ruhe und Gelassenheit wieder zu finden. Manchmal gelingt es mir gut, meinen eigenen „Ratschlägen“ zu folgen, manchmal weniger…;-) Was ich hier betrachten möchte, ist: wie gehe ich damit um, wenn mich spürbar die Erschöpfung überwältigt, ich mit körperlicher und/oder seelischer Überforderung konfrontiert bin? Wie reagiere ich, wenn „ansteht“, schwach zu sein?
Schwach sein zu können ist eine Stärke
Krankheit (der berühmte „Rücken“, aber oft schon drei Tage grippeartige Erkältung mit hohem Fieber) zeigen mir sehr deutlich: kann ich nur stark oder auch schwach sein? Wie reagieren „wir“ Alleinerziehenden denn, wenn wir spüren, wir drohen krank zu werden? Oft doch mit dem Anspruch: „wird schon gehen“ – von Globuli bis Antibiotika, jede hat so ihre Mittelchen, um im Alltag nicht „auszufallen“. Und es „muss“ ja auch gehen: wir haben Verantwortung unseren Kindern, unseren Arbeitgebern und anderen Menschen, die von uns abhängen, gegenüber. Und wir sind es zudem oft so gewohnt, Stärke (körperliche und seelische) zu kultivieren, dass wir am Ende fast in Panik verfallen, wenn eben diese Stärke uns zu verlassen droht.
Wie zeigt sich diese Panik? Allzu oft doch im Versuch „noch stärker“ zu sein. Der Mutter der stark verschnupften Kita-Freundin würden wir am liebsten das Sagrotan-Fläschchen in die Hand drücken, damit sich unser Kind nicht ansteckt. Oder ein: „Geht schon, ich komm’ zurecht“, auch wenn eigentlich gar nichts mehr geht. Oder wütende Ausfälle gegen Ex-Partner, Jugendamt und Co, die einem „das Leben zur Hölle“ machen wollen. Schwach zu sein fühlt sich nicht schön an. Angriff und Kontrolle, oder aber Flucht und Rückzug, sind wohl noch immer in uns einprogrammiert, wenn wir uns bedroht fühlen. Und was anderes als eine Bedrohung ist das Gefühl von Schwäche in einem Leben, das so absolut nötig zu machen scheint, stark zu sein?
Leben mit allen Facetten
Ich will hier nicht dafür plädieren, sich haltlos Gefühlen von Ohnmacht und Hilflosigkeit hinzugeben. Auch kein: „Ich bin so schwach, ich kann eh nichts tun!“
Aber wie reagieren wir, wenn tatsächlich mal nichts mehr geht? 40 Grad Fieber und das eine Woche lang? Autounfall und ein gebrochenes Bein? Oder seelische Schwere, die uns so gefangen hält, dass einfach nichts mehr möglich ist? Für unsere Kinder – und letztlich für uns selbst – suchen wir uns in diesen Extremsituationen doch meist Hilfe. Dann reist doch die Mutter aus 300km Entfernung an. Wir holen uns bei einer Beratungsstelle Unterstützung oder gehen zur Mutter-Kind-Kur. Wenn „nichts mehr geht“, bewegt sich oft gerade etwas…
Warum die Stärke, die wir offensichtlich in solchen Momenten existentieller Schwäche mobilisieren können, nicht bereits nutzen, wenn es uns nur mal „nicht so gut“ geht? Indem wir uns bereits da einen Tee kochen und ihn, wenn die Kinder im Bett sind, wirklich genießen; indem wir uns bewusst mit Menschen verabreden und austauschen, durch deren Gegenwart wir uns gestärkt fühlen – und den Kontakt zu denen, die uns schwächen, auf ein Minimum beschränken? Schwäche fordert oft Klarheit heraus: Was ist mir wirklich wichtig? Wofür mag ich mich wirklich einsetzen, wofür mag ich kämpfen – und was lohnt meine Anstrengung, meine Bereitschaft letztlich nicht? Schwach sein, auch wirklich körperlich, macht mich im besten Fall ehrlich: zu mir und zu anderen.
Keine „Mistress Proper“, die alles im Griff hat, eher eine wirklich starke Frau mit allen Facetten!:-)
Ende April 2018 erscheint in der Wochenzeitschrift „Der Spiegel“ ein Interview mit dem Philosophen Richard David Precht über Digitalisierung, Visionen der „Big Players“ des Silicon Valley und die sich potentiell daraus ergebenden gesellschaftlichen Folgen. Zwei Sätze bleiben mir in Erinnerung: