Familie, Partnerschaft

„Nicht um To-dos streiten wir, sondern ums Alleingelassenwerden“. Patricia Cammarata über die Mental Load Falle in Familien. (Buchrezension)

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Kennt ihr das? Bücher, bei denen ihr sofort denkt: Das muss ich haben? Ihr bestellt ein Exemplar bei der Buchhändlerin eures Vertrauens und schon auf dem Weg nach Hause überfliegt ihr die ersten Seiten. Dabei überkommt euch zunehmend das Gefühl: Ja, ja, ja, genau so ist es. Dass ich darauf nicht eher gekommen bin! Das gerade erschienene Buch „Raus aus der Mental Load Falle“ von Psychologin und Familienbloggerin Patricia Cammarata („das nuf“) hatte auf mich diesen Effekt.

Ausgangspunkt ihres Buches sind Patricia Cammaratas Erfahrungen als getrennt erziehende, wieder in einer Partnerschaft lebende, berufstätige Mutter von insgesamt drei Kindern. Trotz Kindergartenplatz von 8-17 Uhr, einem verständnisvollen Arbeitgeber und flexiblen Arbeitszeiten sowie einem Mann, der im Haushalt mithalf, fühlte sie sich zunehmend erschöpft. Irgendwie war alles zuviel: Beruf, Kinder und Partnerschaft. Aber warum? War sie einfach nicht gut genug organisiert? Oder war es ganz normal, als Mutter während der Jahre, in denen die Kinder Kindergarten und (Grund-) Schule besuchten, dauermüde zu sein?

Mental Load – die unsichtbare Belastung

Cammarata fand für sich eine andere Antwort: Es war die „Mental Load“, das tägliche Planen, Mitdenken und Organisieren, das nie explizit als Extraaufgabe genannt und gewürdigt wird, das im Alltag aber dennoch Energie und geistige Kapazitäten kostet.

Als Beispiele nennt sie Dinge wie:

  • Beim Abholen der Kinder aus dem Kindergarten den Wäschebeutel kontrollieren, ob saisonal passende Wechselwäsche vorhanden ist
  • Bastelmaterialien für den Bastelnachmittag besorgen
  • Kuchen für das Sommerfest in der Schule des anderen Kindes backen
  • In zwei Tagen geht es auf Geschäftsreise. Ist alles vorbereitet, sodass mein Ausfall kompensiert werden kann?
  • Die Schwiegermutter hat Geburtstag. Wollen wir da am Wochenende hinfahren, Blumen schicken? Welche Pläne gibt es?
  • Ihhh. Wie sandig ist das Kind eigentlich? Es muss unbedingt gebadet werden! [zitiert aus: Raus aus der Mental Load Falle]

An alles denken ist deine Aufgabe?

Kommt dir das bekannt vor? An all diese Dinge zu denken ist vor allem deine Aufgabe? Dann willkommen in der „Mental Load Falle“: du bist gerade in Personalunion Servicekraft, Finanzwirtin und Chef-Koordinatorin eures Familienunternehmens, aber unentgeltlich und ohne, dass jemand etwas davon mitbekommt – außer natürlich, einer der genannten Punkte geht dir durch die Lappen und entlarvt dich als „schlecht organisiert“.

Geteilte Arbeit statt Selbstoptimierung

Statt (weiterer) Selbstoptimierung und immer ausgefeilterer Organisation empfiehlt Cammarata das genaue Gegenteil: Aufgaben abgeben, innerhalb der Familie mit dem Partner oder der Partnerin sowie gegebenenfalls den Kindern ins Gespräch kommen und Verantwortung loslassen. „Eine/r bringt sich mehr ein, der andere lässt los“, bringt die Autorin es im letzten Kapitel ihres Buches auf den Punkt.

Was mir an diesem Buch gefällt?

Es enthält praktische Tipps, kombiniert mit psychologischer Tiefe

Cammarata greift Stereotypen „typisch männlichen“, bzw. „typisch weiblichen“ Verhaltens auf („Er putzt nie das Klo“ vs. „Sie ist viel zu pingelig“) und zeigt, dass es z.B. nicht darum geht, unterschiedliches Sauberkeitsempfinden gegeneinander aufzuwiegen oder lediglich einzelne Aufgaben zu delegieren. Vielmehr müsse das Bedürfnis hinter der Forderung geklärt werden, also z.B. der Wunsch, dass der eigene Einsatz anerkannt werde und eben nicht eine/r die Hauptlast der Familienarbeit trage. Bleibe diese gegenseitige Unterstützung und Wertschätzung dauerhaft aus, komme es zu Überforderung, emotionalem Rückzug und schließlich dem Kleinkrieg um nicht abgewaschenes Geschirr und herumliegende Socken. Daher nennt Cammarata ganz konkrete Schritte, um die mentale Last gerecht zu verteilen: eine Bestandsaufnahme, was an Aufgaben überhaupt anfällt und wer was davon erledigt, konkrete Absprachen, wer welche Aufgaben in Zukunft übernimmt und schließlich der Rückblick, wie die Vereinbarungen gelungen sind.

Mental Load als gemeinsames Projekt beider Partner

Der Ratgeber zeigt anschaulich, dass sich Mental Load nicht reduzieren lässt, indem einer alles noch perfekter macht und der andere bei seinem Verhalten bleibt. Statt dessen geht es darum, Partnerschaft und Familienleben neu zu denken und als gemeinsames Projekt zu erleben. Es bringt nichts, wenn der eine die Aufgaben im Kopf behält und sie an den anderen delegiert. Statt dessen denken beide selbst an die Dinge, die zu erledigen sind, erledigen die Familienarbeit gemeinsam und erleben sich dabei als ebenbürtige Partner. Das stärkt auch die Beziehung.

Der Teufel liegt im Detail. Oder: Loslassen hilft allen

Ebenfalls gut gefällt mir an diesem Ratgeber der präzise Blick auf Details. In einem Kapitel gibt Cammarata Beispiele für Aufgaben im Haushalt. So stehen Tätigkeiten wie den Rasen zu mähen, die Steuererklärung zu machen oder im Frühjahr alle Räder auf ihre Funktionsfähigkeit zu prüfen selten an und werden eher mit Dank honoriert, wohingegen Aufgaben wie Wäsche waschen, Einkaufslisten erstellen oder Kochen fast täglich anfallen und oft kaum als Arbeit registriert werden. Hier stellt sich die Frage, wer innerhalb der Familie welche Tätigkeiten übernimmt und ob hier nicht eine neue Gewichtung möglich ist. Außerdem hilft es wenig, wenn z.B. er den Großeinkauf einmal pro Woche übernimmt, sie aber alleine im Kopf behält, welche Vorräte zur Neige gehen, die Einkaufsliste schreibt, ihn nochmals an den Einkauf erinnert und womöglich „nachkauft“, was er trotz Liste vergessen hat. Wer sich bereit erklärt hat, eine Aufgabe zu übernehmen, übernimmt auch die Planung dafür sowie die Verantwortung, falls etwas schief geht. Nur so gelingt Arbeitsteilung auf Augenhöhe.

So weit, so erstrebenswert!

Aber was, wenn sich innerhalb von Partnerschaften seit Jahren ganz andere Strukturen eingeschliffen haben, wenn der/die eine alles plant und organisiert und der/die andere bestenfalls „mithilft“? Oder wenn – wie bei Alleinerziehenden – gar kein Partner oder keine Partnerin da ist, der oder die aktiv mithelfen kann?

Was ich mir von diesem Ratgeber noch gewünscht hätte:

Was machen Alleinerziehende mit der täglichen Mental Load?

Cammarata erwähnt Alleinerziehende zwar zu Beginn ihres Buches, aber der Schwerpunkt ihres Ratgebers liegt doch auf Paarfamilien. Einige Ratschläge sind für Eltern, die ihre Kinder ganz ohne den anderen Elternteil erziehen, tatsächlich schwer umsetzbar. Es gibt schlicht niemanden, der sich für das Mitdenken und -organisieren verantwortlich fühlt. Andererseits ist es sicher hilfreich, sich überhaupt klar zu werden, wie viele Aufgaben man als Mutter oder Vater täglich im Kopf behält und gegebenenfalls auch, was davon besonders lästig und energieraubend ist. Genau diese Aufgaben lassen sich delegieren, oder zumindest ritualisieren, so dass sie nicht mehr so viel mentale Energie beanspruchen. Als Beispiel fällt mir ein fester Essensplan ein: zehn Standardgerichte, deren Zutaten einmal notiert und je nach Bedarf in einem wöchentlicher Einkauf nachgekauft werden können. Oder eben ein Netzwerk von Menschen, die tatsächlich mitdenken und Verantwortung übernehmen. Dazu können ab einem gewissen Alter definitiv die eigenen Kinder gehören. Auf diesen Punkt geht Cammarata im zweiten Teil ihres Buches ein: warum sollen nicht bereits Fünfjährige daran denken können, ihren benutzten Becher in die Spülmaschine zu stellen und Zehn- oder Elfjährige, am Tag des Sportunterrichts ihren Turnbeutel mitzunehmen? Der Hinweis, Prozesse zu Ende zu führen, lässt sich ebenfalls gut in Familien mit nur einem Elternteil umsetzen. Dann gehört zum Baden für die Kinder eben auch, das Wasser abzulassen und das Spielzeug aus der Wanne zu klauben oder die Jacke im Flur nicht nur auszuziehen, sondern auch an den Haken zu hängen. Vermeintliche Kleinigkeiten, aber für Alleinerziehende auf Dauer eine Entlastung, da solcherlei „Extraarbeit“ nicht an ihnen als Hauptverantwortlichen hängen bleibt.

Das Wichtigste auf einen Blick?

Cammaratas Ratgeber ist (auch) ein Lesebuch, unterhaltsam geschrieben und gespickt mit Beispielen. Die wirklich guten Denkanstöße finden sich dabei immer wieder unspektakulär mitten im Text. Aus ganz praktischen Gründen hätte ich mir hier eine Art Zusammenfassung gewünscht, z.B. als Box am Ende der Kapitel, um das Wichtigste noch einmal kompakt nachlesen und verinnerlichen zu können. Aber vielleicht spielt hier auch zu sehr der Anspruch herein, Informationen hübsch vorsortiert und häppchenweise „zugeführt“ zu bekommen.

Fazit: Tolles Buch – die Umsetzung liegt in eurer Hand!

Letztlich ist das Buch weit mehr als ein Ratgeber zur persönlichen Entlastung und effizienteren Familienorganisation. Es ist vielmehr ein Lern- und Wachstumsbuch. Denn nur wenn sich alle Familienmitglieder auf den Prozess einlassen, ihre Bedürfnisse zu erkennen, miteinander zu kommunizieren und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen, gelingt das, was der Ratgeber verspricht: der oder die Hauptverantwortliche kommt raus aus der Mental Load Falle und alle Familienmitglieder profitieren von einem gleichwertigeren und gerechteren Familienleben.

Herzlich alles Gute und viel Spaß beim Ausprobieren, Sarah

[Foto: privat; dieser Beitrag ist eine persönliche Empfehlung und damit Werbung, für die ich nicht bezahlt werde.]

2 Gedanken zu „„Nicht um To-dos streiten wir, sondern ums Alleingelassenwerden“. Patricia Cammarata über die Mental Load Falle in Familien. (Buchrezension)“

  1. Oh, wie gut ich das kenne, auch ohne Kinder… Mit zwei Hunden und einem Partner, der aufgrund seiner eigenen mentalen Verfassung das mit dem Mitdenken nicht so richtig geregelt kriegt, war die Mental Load Falle für mich vorprogrammiert und ich habe sie schon lange überdeutlich gespürt, bevor ich wegen akuter Aussichtslosigkeit in Bezug auf echte Verbesserungen das Handuch geworfen und die Beziehung beendet habe. Jetzt stehe ich nur dummerweise mit meiner Überforderung noch alleingelassener da als zuvor, oder fühle mich zumindest so, weil Entlastung nur noch von außen kommen kann… Und diese Form der Entlastung ist leider oft keine, weil sie sich in den immer gleichen, gut gemeinten aber an der Realität vorbeigehenden Ratschlägen erschöpft. Und von Hunden kann mensch jetzt auch keine Entlastung durch eigenes Mitdenken erwarten.

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    1. Liebe Lea, ich fühle mit dir. Nein, von Hunden – und auch von kleinen Kindern – ist nur in sehr eingeschränktem Maße Mitdenken erwartbar!;-)
      Und ich gebe dir recht, Hilfe, die von einem selbst im Detail (mit-) organisiert werden muss, damit sie „passt“, kostet auch Energie. Das wissen ja gerade Alleinerziehende, die oft Hilfe „von außen“ brauchen und diese organisieren müssen.
      Die Idee des Loslassens und der Partnerschaftlichkeit, die Autorin Cammarata vertritt, finde ich trotzdem grundsätzlich sehr gut. Aber klar, dazu gehören zwei, die in der Lage und willens sind, Aufgaben gerecht aufzuteilen und sich gegenseitig bei der Organisation zu unterstützen, ohne einander zu bevormunden. Gar nicht so leicht! Lieben Gruß und alles Gute dir, Sarah

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